Gut fünf der 200 Seiten Text über Innovation widmet Wolf Lotter in seinem neuen Buch, das sich mit der Digitalen Transformation und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit einer Innovationskultur auseinandersetzt, der Bildung in der Innovationsgesellschaft. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er Lehrer als Ordnungshüter und Systemerhalter, die weder (echte) Innovation wünschen noch die dafür notwendigen Rahmenbedingungen im Bildungssystem bieten (können), sieht. Dieser Ausschluss der Möglichkeit, Schule könnte ein Biotop für Innovation sein und werden, ist es, der genau das Verfolgen dieses Gedankens umso wichtiger macht. Deshalb möchte ich eine zarte Brücke zwischen seinen Ideen und der Bildung schlagen, die zum weiteren, vertieften Transfer einladen soll. Was bedeutet das für mich als Lehrer, meine Schülerinnen und Schüler, meine Schule oder Bildung allgemein? habe ich mir beim Lesen jedes Absatzes gefragt. Hier ein paar Notizen, die dabei entstanden sind.

Dass Systeme sich selbst erhalten und Wohlstandsgesellschaften ungern Risiken eingehen, gilt natürlich auch für das Leben innerhalb von Bildungsinstitutionen. Auch hier haben sich Strukturen und Hierarchien entwickelt, in denen Personen aufgestiegen sind und etwas zu verlieren haben. Die natürlichen Bestrebungen, diese Machtverteilung aufrechtzuerhalten, bremsen Neues aus. Lotter verweist auf die allgemeinen Regeln von Gemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben, in denen Hörigkeit und Abhängigkeit über genau definierte Arbeitsbeschreibungen geschaffen werden. Auch auf der Basis von Misstrauen, das sich im Bildungskontext aus Regelwerken und dem Einfordern von Dokumentationen oder Leistungsnachweisen nährt. Untere Hierarchieebenen werden durch Arbeitsweisungen beschäftigt und kontrolliert. Geduldete und “zertifizierte“ Querdenker sind systemrelevant kalkuliert und nur Fassade, die den Anstrich von Innovation verleihen. So entstehen Strukturen, die nicht nur Prozesse für Verwaltung von Gleichmacherei und Anpassung fördern, sondern auch jeglichen Ansatz von Kreativität im Keim ersticken. Es werden Konzepte als Innovation verkauft und gefordert, die keine sind. Sie sind meist nur die Fortführung des Bestehenden mit neuem Feature. Ein Indikator dafür sehe ich im verbreiteten Wunsch nach fertigen Unterrichtskonzepten, der Copy-Paste-Innovation auf Bildungsveranstaltung zum digitalen Wandel.

InnovationWie müsste eine Innovationskultur in der Bildung aussehen und was wäre dafür notwendig? Wolf Lotter beschreibt und begründet sehr ausführlich das Wesen von Innovation und welche Faktoren ihre Entfaltung begünstigen. (Wenn er über das Arbeiten schrieb, übersetzte ich es gedanklich mit Lernen und Lehren. Bei Leadership dachte ich an die zuständige Position vom Klassenraum bis zum Ministerium.) Es braucht Experimentierräume, in denen Neugier und Erfahrung zusammentreffen. Einen Wettbewerb, der keinen Kampf, sondern eine Entwicklung, eine Verbesserung für alle darstellt. In dem Fehler kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses sind und Menschen mutig sein dürfen, Risiken einzugehen und eine eigene Haltung entwickeln zu können. Freiräume, in denen Widersprüche und Differenzen gewollt sind, weil nur sie zu echter Innovation führen. Zeit und Geduld, um in Ruhe kritisch denken und nüchtern differenzieren zu können. Innovation ist dynamisch und unvorhersehbar. Sie braucht Leidenschaft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen. Innovationskultur ist inklusiv und barrierefrei. Es werden dabei alle zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt, um alle Lernenden individuell dazu zu befähigen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden, selbstverantwortlich zu handeln und selbstbestimmt zu leben. In der Digitalen Transformation steht das Individuum, der Lernende (wobei diese Rolle alle betrifft und nicht nur auf Schülerinnen und Schüler reduziert werden darf) im Mittelpunkt und Mündigkeit, im Sinne Kants, bildet das Gerüst. 

Die treibende Kraft von Innovation, sagt Lotter, liegt in der Neugier des Individuums. Damit sich diese auch entfalten kann, dürfen Talente nicht in Ordnungssystemen gefesselt werden, sondern benötigen flexible und anpassungsfähige Strukturen. Das Geheimnis einer Organisation liegt ihm zufolge darin, sie in viele kleine Einheiten aufzubrechen, damit sie als Ganzes anpassungsfähig bleibt und jeder seine individuelle Stärken ausspielen kann. Wie so ein Transfer auf die Schulentwicklung auf allen Ebenen aussehen könnte, gilt es auszudiskutieren. Was es aber dafür brauchen wird, nennt er bereits in seinem Buch: Ambiguitätstoleranz. 

Hätte Wolf Lotter ein Bildungsbuch geschrieben, hätte er wahrscheinlich gefordert, dass Lehrende zu Ermöglichern der Selbstermächtigung werden müssen. Dass sie die führende Rolle einem selbstständig handelnden Lernenden überlassen und sich um optimale Bedingungen für seine Entfaltung kümmern sollen. (Vielleicht wäre das auch ein günstiger Zeitpunkt, die gerne belächelte Lernbegleitung, die manche auch als Entwertung ihrer Autorität und Fähigkeiten empfinden, durch Lernermöglichung auszutauschen.) Lernende müssen herausfinden, wer sie sind und was sie können oder möchten. Nur so kann echte Kollaboration entstehen, wenn sich jeder seiner Stärken und Ziele bewusst ist und sie vernünftig einsetzen kann. Den Rahmen dafür bildet eine Vertrauenskultur, in der jeder Person die freie Wahl zugestanden und zugetraut wird, wann und wie sie Neuem begegnet. Innovationen eröffnen nach Lotter Zugänge, vor allem für Benachteiligte, und sollte Probleme verringern oder lösen. Ein spannender Gedanke, im Hinblick auf Bildungszugänge und -gerechtigkeit, die besonders im laufenden Prozess des Kulturwandels eine zentrale Rolle spielen müssen.

Eine Buchstelle, die sich mit Führung und Innovation beschäftigt, möchte ich für mitlesende Menschen aus dem Bildungsbereich, die mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind, hervorheben. Gary Hamel, ein amerikanischer Ökonom und Unternehmensberater, wird darin zitiert, dass moderne Organisationen nicht hierarchisch aufgebaut sind, sondern eine horizontale Transparenz herrscht, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennen, dass sie am selben Strang ziehen und deshalb gerne zusammenarbeiten. Lotter spricht davon, wie Teamarbeit missverstanden und dabei auf Leute, die sich leicht anpassen, gesetzt wird. Wer aber Innovation wünscht, braucht konstruktive Störer, die in laufenden Prozessen immer wieder Dinge in Frage stellen, anregen in andere Richtungen zu denken und Lösungsvielfalt fördern. 

Die bereicherndsten Impulse für mein Wirken an Schulen und im Unterricht erhalte ich meist bei Veranstaltungen, Personen oder Themen, die auf den ersten Blick so gar nichts mit Bildung zu tun haben und kann deshalb nur alle Lehrenden ermuntern, sich immer wieder selbst zu überraschen. Wolf Lotter hat beim Schreiben seines Buches Innovation – Streitschrift für barrierefreies Denken die Bildungslandschaft sicher zuletzt als potenzielle Leserschaft im Hinterkopf gehabt. Umso mehr kann ich es ihr ans Herz legen, es zu lesen. Mich wird es auf jeden Fall noch einige Zeit beschäftigen.

Im März diesen Jahres gelang es mit dem Barcamp Lernräume, dass sich in Freiburg 24 unterschiedliche Institutionen und Gruppierungen als gleichwertige Partner auf das Experiment einließen, gemeinsam einen Tag vorzubereiten, ohne vorher ein Programm festzulegen. Alle konnten über die Art und Menge an beigesteuerten Ressourcen jederzeit selbst entscheiden. Geplant wurde online und offline. Transparent und offen über ein für alle einsehbares und bearbeitbares Dokument, das im Netz abgelegt war und auf mehreren Treffen diskutiert wurde. Mit dem Ergebnis, dass ein vielfältiger Kreis aus ca. 200 Menschen zum Barcamp kam und 40 verschiedene Angebote gestaltete. Neben den vielen Impulsen, dem Austausch und der Vernetzung entstand eine Art Aufbruchsstimmung, die auch noch Wochen danach zu spüren war. So kam es bei der darauf folgenden Nachbesprechung der Planungsgruppe zur Idee, dieses Potenzial aufzugreifen und größer zu denken. Man war sich einig, dass dieser Tag sich jährlich wiederholen muss und einen guten Beginn darstellt, aber kommunal betrachtet das nicht genügen kann. 

Deshalb wurde dieser Schwung aus dem gemeinsamen Auftakt genutzt, eine Freiburger Bürgerbewegung zu gründen, um die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung (Digitale Transformation) nach dem Prinzip „Think globally, act locally“ regional zu denken und mitzugestalten. Das Spektrum kommunaler Herausforderungen ist grenzenlos. Von der Frage, welche Räume unsere sich wandelnde und vielfältige Gesellschaft braucht, um alle Bürger_innen mitzunehmen und zur Mitgestaltung zu befähigen, bis hin zu netzpolitischen Themen, wie freies WLAN oder die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit öffentlicher Daten. Bei den ersten Treffen wurden der Name, das Konzept und das weitere Vorgehen entwickelt, das ich mit diesem Blogbeitrag kurz vorstellen möchte. 

freiburg_gestalten_header#freiburg_gestalten ist eine offene, flexible, überparteiliche und kommunale Graswurzelbewegung, die gemeinsam denkt und handelt. Offen für alle Personen und Themen, weil der Kulturwandel alle betrifft. Man beteiligt sich als Privatperson und nicht in Vertretung einer Institution, eines Unternehmens oder sonstiger Gruppierungen. Der Austausch erfolgt auf Augenhöhe. Ob man sich projektbasiert, langfristig, aktiv, passiv, online oder offline einbringt, kann jede Person jederzeit flexibel entscheiden. Die bereits vielfältige Zusammensetzung bietet den Zugang zu unterschiedlichen Expertisen, Perspektiven, Netzwerken, Ressourcen und Ideen, die in einer zunehmend komplexeren Welt notwendig sind, um erfolgreiche Lösungsansätze zu entwickeln. #freiburg_gestalten eröffnet engagierten Personen eine Möglichkeit und einen Anreiz, gesellschaftlich und politisch etwas beizutragen, ohne einer Partei oder einem Verein mit ähnlichen Strukturen, beitreten zu müssen. 

Bildschirmfoto 2018-09-28 um 19.13.37#freiburg_gestalten ist ein Think Tank und kommunaler Begegnungsraum, um Projekt- oder Veranstaltungsideen vorzustellen und dafür Verbündete zu suchen, sich Impulse zu holen, sich beraten zu lassen oder über aktuelle Themen in einem vielfältigen Kreis zu diskutieren. Den Rahmen hierfür bildet ein Mini-Barcamp, das jeden letzten Montag eines Monats in der lpb*-Lounge in der Bertoldstraße 55 von 20Uhr bis 22Uhr stattfindet. Die Planung von Projekten und Veranstaltungen oder die Entwicklung konkreter regionaler Handlungsempfehlungen findet in Kleingruppen statt, die ihre Arbeitsweise und -zeiten separat aushandeln.

Eine Website, auf der der bisherige Personenkreis und die bereits geplanten Projekte, Veranstaltungen oder Ideen vorgestellt werden, ist in Bearbeitung und wird in den nächsten Wochen hier verlinkt. Ein Facebook– und Twitter-Account sind aber schon eingerichtet und werden auf aktuelle Informationen hinweisen.

#freiburg_gestalten sieht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten, sondern als für alle zugänglicher Freiraum, in dem nichts muss, aber alles kann.

*Landeszentrale für politische Bildung

In den letzten Jahren habe ich mich unterschiedlichen Wirkungskreisen angeschlossen und zunehmend Ressourcen dahingehend investiert, den Kulturwandel (Digitale Transformation) zu diskutieren, um ihn zu verstehen und Ansätze zu entwickeln, wie gesellschaftliche Lösungen aussehen könnten. Dabei begegne(te)n mir immer wieder Aussagen wie, dass der Zug schon lange abgefahren oder Deutschland abgehängt sei. Auch wenn es viele gute Gründe geben mag, mit den bisherigen Entwicklungen rund um den digitalen Wandel unzufrieden zu sein, halte ich solche Aussagen strategisch (aus der Sichtweise der Personen, die etwas daran ändern möchten) und inhaltlich für verkehrt. Der Kulturwandel erfordert eine Haltung, die von einer gestaltenden und nicht einem vermeintlichen Schicksal sich ergebenden Gesellschaft ausgeht.

Aus der Perspektive derer, die sich engagieren, dass Fragen des Kulturwandels endlich gesamtgesellschaftlich ankommen, sind Aussagen, wie der Zug sei schon abgefahren, eine Dampfwalze, die über jede Bemühung rollt. Es wird dabei auch ein Bild vermittelt, dass Fortschritt ein Zug sei, der sich (linear) in einer Richtung bewegt, auf den man aufspringen kann oder nicht. Und wer das versäumt, scheint DIE Chance verpasst zu haben. Auf den ersten Blick tragisch und den zweiten fast schon erleichternd, weil man dann ohnehin nichts mehr machen kann. Weg ist weg. Eine Ausladung zur Handlung. Wenn die Digitale Transformation aber etwas ist, dann kein einzelner, linearer Erzählstrang. Sie ist eine komplizierte, unvorhersehbare, nie endende Geschichte, voller Verzweigungen und Verästelungen. Jeder beginnt und entdeckt sie für sich anders, weil sie nicht den einen, richtigen Anfang hat. Sie kann gelesen, erzählt und (mit)geschrieben werden. 

Bildschirmfoto 2018-09-22 um 19.34.32Der Kulturpessimismus ist nur eine Antwort auf den Kulturwandel und vermutlich deshalb auch so alt wie die Menschheitsgeschichte. Durch soziale Netzwerke wird er transparenter. Tempo und Dynamik eines gesellschaftlichen Wandels scheinen ihn zu verstärken. Wer Kulturpessimismus ablehnt ist aber nicht automatisch ein (Digital-)Euphoriker. Dirk von Gehlen schlägt in seinem Buch Das Pragmatismus-Prinzip den Kulturpragmatismus als einen Ansatz zwischen alles wird gut und früher war alles besser vor. Dabei geht es um die Haltung, Entwicklungen zuerst ergebnisoffen verstehen zu wollen, um daraus mögliche Lösungen oder auch keine zu entwerfen. Man geht davon aus, dass das Morgen gestaltet werden kann und kein Schicksalsprodukt ist. (In seinem lesenswerten Buch zählt auch zehn Gründe auf, weshalb wir gelassen der Zukunft entgegenblicken können.) Wenn also mal wieder jemand behaupten sollte, dass ein Zug bereits abgefahren sei, empfiehlt es sich mit Shruggie ¯\_(ツ)_/¯ zu antworten. Dem Symbol des Kulturpragmatismus, den ich im Sinne Gehlens mit „Ich weiß es nicht, möchte es aber herausfinden und dann schauen wir mal weiter“ zusammenfassen würde.

Der Beutelsbacher Konsens legt die Grundsätze für die politische Bildung mit drei Prinzipien fest: Dem Überwältigungsverbot, der Kontroversität und der Schülerorientierung. Ziel ist es, dass junge Menschen dazu befähigt werden, sich mithilfe einer kontroversen und schülergerechten Auseinandersetzung mit politischen Inhalten eine eigene Meinung bilden zu können und nicht von der Haltung oder Meinung der Lehrenden überwältigt zu werden. Dass der Beutelsbacher Konsens im digitalen Transformationsprozess ebenfalls weiter entwickelt und gedacht werden muss, habe ich hier bereits zum Thema Soziale Netzwerke vor einem Jahr aufgeschrieben. Nach zahlreichen Gesprächen auf Veranstaltungen und im Netz über Bildung im Zeitalter der Digitalität erscheint es mir notwendig, auf weitere Bereiche hinzuweisen. Wenn es um Marken oder Unternehmen von Hardware, Software oder Betriebssystemen geht, entsteht auf den ersten Blick der Eindruck, dass eine technische Thematik vorliegt. Dabei ist es in der heutigen Welt, die von vernetzten Computer als Leitmedium geprägt ist, schon lange eine politische und erfordert die Berücksichtigung der drei oben aufgeführten Prinzipien. 

track-2906667_1920.jpgBei Debatten über Apple, Google, Windows, iOS, Android oder Open Source wird es nicht selten emotional und die einzige Wahl, die es zu treffen gilt, heißt gut oder böse, bzw. richtig oder falsch. (Damit meine ich übrigens alle Lager.) Für welche Smartphones, Suchmaschinen oder Apps sich Schülerinnen und Schüler entscheiden, muss aber Ihnen überlassen werden. Auch hier ist es die Aufgabe der Lehrenden, alle bekannten Optionen und Zusammenhänge wertfrei aufzuzeigen und eine unbelastete Meinungsbildung zu ermöglichen. (Politische Bildung muss um netzpolitische Bildung erweitert werden. Besonders bezüglich der Befähigung junger Menschen, das Netz mitzugestalten.)

Schwierig wird es bei der Anschaffung von Schulgeräten und -software. Hier entscheiden meistens Lehrende oder der Schulträger, häufig auch ohne die Schülerschaft und Eltern einzubeziehen und wägen zwischen Praktibilität und politischer Überzeugung ab. Es stellt sich die Frage, wie viel Kontroversität und Bevormundung in diesen Entscheidungen steckt. Welche Hardware, Software oder welches Betriebssystem aktuell zu meinen Lebensumständen passt und ich gesellschaftlich vertreten kann, möchte ich selbst entscheiden können (und verzichte auch gerne auf die vermeintliche moralische Überlegenheit Andersdenkender). Und genau das steht auch allen Schülerinnen und Schülern zu.

Damit sich Menschen in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen können, braucht es ein komplett neues Mindset. Wie erreicht man aber, dass eine allgemeine Bereitschaft entsteht und wächst, sich geistige Freiräume zu bilden, die in der Digitalen Transformation so unabdingbar sind? Es kann sich nur etwas entfalten, wenn der dafür nötige Raum vorhanden ist. Das gilt auch für begehbare Räume. Das Potenzial des Webraums muss deshalb in seinen Formaten, aber auch baulich lokal gedacht werden.

Räume

image4Ich denke, dass es eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe im Transformationsprozess ist, Menschen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben, über für alle attraktive Angebote in Form von Austausch, in dem jede Person einen Beitrag leisten und eine Wertschätzung erfahren kann, zusammenzuführen. Nach der Maxime „Think globally, act locally.“ würde das offene, unkommerzialisierte, kommunale Räume bedeuten. Deren Notwendigkeit erklärt sich auf mehreren Ebenen.

  • Dass sich Teile der Gesellschaft (politisch) radikalisieren, ist auch eine Folge der zunehmenden Komplexität durch die Digitale Transformation. Mit abnehmendem Verständnis der Veränderungen, steigt die Attraktivität der einfachen Antworten und Filterblasen, die es zu überwinden gilt.
  • Um komplexe Herausforderung zu lösen, braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Kommunal (auch auf Landes- und Bundesebene) ist dieses Potenzial in den meisten Fällen noch unangetastet. 
  • Die zufälligen Begegnungen mit Themen und Personen im Web, fernab der Algorithmen von Facebook & Co. Diese kulturelle Bereicherung braucht es auch offline, vor Ort.

Formate

Neben der baulichen Gestaltung sind auch Formate und Strukturen, in denen Gesellschaft aufeinandertrifft entscheidend. Der Großteil an Veranstaltungen zeichnet sich auch 2018 noch primär durch eine Aneinanderreihung von Vorträgen aus. Nur die Bezeichnung hat sich gewandelt. Man spricht heute von Keynote, was an der Frontalbeschallung nichts ändert. Die steigende Zahl an Barcamps oder Open Space-Konferenzen und deren Beliebtheit zeigen, dass mehr Beteiligung gewünscht ist und lässt hoffen. Aufbau und Struktur von Parteien und klassischen Vereinen scheinen immer weniger Menschen anzusprechen. Es braucht Möglichkeiten, sich zeitgemäß zu engagieren. Offene lokale Netzwerke, denen man je nach Wunsch und Lage unverbindlich, passiv, projektbasiert oder aktiv und längerfristig gestaltend beiwohnen kann.

Die gesellschaftliche Weiterentwicklung ist ein Dauerzustand und geht nicht weg. Wer Smart Cities anstrebt, braucht Smart Citizens. Dazu werden sie aber nicht automatisch, in denen man ihnen die neuste Technik in die Hand drückt, sondern indem attraktive kommunale Räume geschaffen werden, in denen auch Offline-Netzwerken funktionieren kann. 

Wenn von zunehmender Dynamik und Tempo der Digitalen Transformation gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der technischen Entwicklung. Immer schneller, kleiner, leistungsfähiger und vernetzter. In der Regel werden dazu Arbeitsprozesse (auch Lehr- und Lernprozesse) übersetzt mit praktischer, effektiver und effizienter. Damit wird in veralteten wirtschaftlichen Denkmustern gehandelt und die Tragweite der grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung verkannt. Es geht um weitaus mehr als Optimierung des Bisherigen. Die Gründe für Missverständnisse oder sogar Widerstände sehe ich bei den Erfordernissen der Digitalen Transformation, die im Konflikt zu den überholten Strukturen und Systemen stehen. Einige davon und mögliche Lösungen oder Strategien greife ich hier auf. (Alle Beiträge zur Digitalen Transformation resultieren aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen der ca. letzten zehn Jahre aus dem Bildungsbereich oder meiner Aktivitäten rund ums Netz. Da die Herausforderungen der Digitalen Transformation sich in allen Gebieten ähneln und in einigen sogar identisch sind, versuche ich die Texte in einem möglichst allgemeinen Kontext zu verfassen. Den Transfer, zu welcher Bedeutung oder Handlungsempfehlung das führt, liefere ich deshalb nur punktuell für den Bildungsbereich. Jede andere Übersetzung kann und muss stets eigenständig im jeweiligen Kontext erfolgen.)

Erfordernisse der Digitalen Transformation  

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.25.03Allein die steigende Komplexität gesellschaftlichen Zusammenlebens bedingt, sich in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen zu können (Können steht für die dafür voraussetzende Bereitschaft, das zu erlangende Vermögen und die notwendigen Möglichkeiten.). In anderen Worten: Netzwerken können. (Was leider häufig mit Vernetzung gleichgesetzt wird.) Neben Freiräumen in allen Bereichen erfordert das Kreativität und Zusammenführen vielfältiger Expertisen und Perspektiven. Das bedeutet auch traditionelle Handlungsmuster zu überwinden und neue Wege zu beschreiten, die nach den Kriterien bisheriger Systeme keinen Anreiz bieten. Dafür muss losgelöst von einfachen Kausalbeziehungen und nicht in hierarchischen Baumstrukturen oder isoliert nebeneinander existierenden Objekten gedacht werden. Die Digitale Transformation setzt Systemdenken mit der Maxime „Think globally, act locally.“ voraus. Ein etwas besser, etwas anders reicht nicht mehr. Es braucht ein komplett neues Mindset. 

Das Gewicht der Zeit

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.24.42Zeit scheint dabei die kostbarste Ressource zu sein. Zeit, um die Voraussetzungen für diese Prozesse zu entwicklen und umzusetzen. Wenn investiert wird, dann meist in Technik. Mit neu gekaufter Technik scheint der „digitalen Wandel“ sichtbar, greifbar, verständlich, pressewirksam und funktioniert auch ohne Änderung von Strukturen und Systemen. Dadurch wird nicht selten ohne systemische Betrachtung nur ein Faktor verändert, es werden negative oder gar keine Auswirkungen festgestellt und dann schlussgefolgert, dass Veränderungen nichts bringen oder sogar schlecht sind. Den bisher vielversprechendsten Ansatz liefert immer noch Google mit der Regel, dass ihre Mitarbeiter_innen 20% ihrer Arbeitszeit dafür verwenden dürfen, um eigenen Ideen und Interessen nachzugehen, kreativ zu sein und zu experimentieren. (Einige der daraus resultierenden Produkte zählen heute zu ihren größten Erfolgen.) Bei einer 5-Tage-Woche bedeutet das genau einen Tag, der einem zur Verfügung steht. Man stelle sich vor, welche Schulentwicklungsprozesse mit dieser Ressource möglich wären. Beachtenswert ist auch die Weiterentwicklung des ursprünglichen Ansatzes mit Area 120. Damit erhalten Projekte aus und in der 20%-Zeit die 100%-ige Unterstützung eines dafür freigestellten Teams, um die Entwicklung optimal zu fördern. Auch hier wäre die Übersetzung zur Schulentwicklung spannend. Die erste und wichtigste Investition in der Digitalen Transformation ist und bleibt die Zeit. Was sich nicht geändert hat, ist das Erfordernis, selbst aktiv zu werden. Beim Thema Zeit bedeutet das, nach bestehendem Handlungsspielraum zu suchen oder gegebenenfalls die bisherigen Prioritäten zu überdenken, um neuen zu schaffen. Zeit bereitzustellen genügt aber nicht allein. Besonders nicht in Strukturen und Systemen, in denen Freiräume nie Teil des Konzepts waren. Es braucht auch hier eine Anleitung und Begleitung der Prozesse, was der Idee von Area 120 entsprechen würde. (Im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung wäre das im Rahmen von eduScrum umsetzbar oder auch mithilfe der strukturierten Lösungsanalyse von Olalla möglich.)

Auch in der Digitalen Transformation lohnt es sich weiterhin, die bereits vorhandenen Ressourcen zu bündeln, den Blick auf das Machbare zu richten und voranzuschreiten. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Arbeitszeit ist in den alten Strukturen und Systemen bereits verplant. Da Systeme sich selbst erhalten, ist hier auch mit keinem Wandel zu rechnen. Somit bleibt ehrlicherweise nur noch die „Freizeit“ übrig, wenn man auf keine strukturellen Änderungen hoffen und sich auf den Weg machen möchte. Eine sicher ernüchternde Erkenntnis, die langfristig weder wünschenswert noch tragfähig ist. Deshalb ist und bleibt die Digitale Transformation eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung. Es würde mich folglich auch nicht wundern, wenn am Ende weder Wirtschaft noch Politik, sondern Graswurzelbewegungen der Hebel wären.

Bildschirmfoto 2018-08-24 um 20.27.34Alles, was das Zusammenleben ausmacht, entspringt dem, was (junge) Menschen erfahren und (gelernt haben) lernen. Daraus lässt sich ableiten, dass Bildungsinstitutionen nicht die einzige, aber eine wesentliche Rolle spielen und Bildung immer (wieder neu) im gesellschaftlichen Kontext gedacht und diskutiert werden muss. Da sich unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten in der Digitalen Transformation befindet, müssen sich Debatten über zeitgemäße Bildung an diesem Prozess orientieren. In sozialen Netzwerken nutze ich bevorzugt die Formulierung Digitaler Wandel, weil sie kürzer ist, ich möglichst viele Mitmenschen erreichen möchte und mir einbilde, dass sie allgemein zugänglicher bzw. weniger abschreckend klingt. Der Begriff Wandel beschreibt aus meiner Sicht aber nur die vielen, „kleineren“ Änderungen, die zum gesamtgesellschaftlichen, komplexen, großen Ganzen führen, zur Transformation. Die Digitale Transformation steht für einen Prozess der grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung. Was bedeutet das aber konkret? Weil die Antwort darauf zu lang und nie abschließend wäre, bildet dieser Beitrag den Anfang einer Reihe, in der ich mich dieser Thematik nähern möchte, um hoffentlich mancher noch schwammigen Vorstellung (auch meiner) zur etwas mehr Schärfe zu verhelfen und Handlungsansätze auszuarbeiten.

Das Digitale steht für die Ursache dieser Transformation und stellvertretend für die Turing-Galaxis, in der die Welt von vernetzten Computer als Leitmedium geprägt ist. Welche gesellschaftlichen Folgen ein Leitmedienwechsel mit sich bringt und welche Phasen dabei durchlaufen werden müssen, kann am Beispiel des Buches vor über 500 Jahren beginnend nachvollzogen werden. Unter Transformation verstehe ich die Entwicklung und den Übergang in neue gesellschaftliche Systeme. Die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung umfasst alle Lebensbereiche. Oft rücken Wirtschaft und Politik in den Mittelpunkt des häufig fachspezifisch geführten Diskurses, weil hier die Umbrüche besonders deutlich anhand der Automatisierung der Arbeitsprozesse oder bei den strukturellen Problemen von Parteien sichtbar werden. Dabei bräuchte es auch dort eine multiperspektivische Expertise und Betrachtung, weil es sich bei der Digitalen Transformation um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt, deren Komplexität u.a. Kollaboration erfordert. Die Veränderungen der Kommunikation wirken spürbar über alle Bereiche hinweg und veranschaulichen zunehmend die Notwendigkeit überfachlicher Überlegungen. Ich glaube, dass jeder Versuch, die Digitale Transformation in ihrer Gesamtheit vereinfacht darzustellen oder zu beschreiben, an der Komplexität, Größe und Dynamik des Prozesses nur scheitern kann. Deshalb führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei, sich schrittweise ein Verständnis aufzubauen, das mit viel Arbeit und Zeit verbunden ist; auch wenn bei den zahlreichen Veranstaltungen zu dieser Thematik der Wandel gerne als „Spaß mit neuer Technik“ verpackt wird. Unzählige kleine Puzzleteile sind notwenig, um sich einem Gesamtbild zu nähern. Wo man beginnt, ist dabei nicht entscheidend, sondern das man damit anfängt.

Kein anderes technisches Gerät wird in der öffentlichen Debatte seit Jahren so kontrovers diskutiert wie das Smartphone. Seine Wirkungen machen die komplexen Prozesse der Digitalen Transformation spürbar. Sich jederzeit und an jedem Ort einen Zugang zu Informationen zu verschaffen und sich weltweit zu vernetzen und austauschen zu können, hat zu Verschiebungen der Machtverhältnisse geführt und Grenzen aufgelöst. Leider sind die Erklärungen der spürbaren Veränderungen nicht selten undifferenziert, werden auf Chancen und Risiken (Hierzu empfehle ich Philippe Wampflers Beitrag Die Dialektik der Digitalisierung zu lesen.) oder ein Dafür oder Dagegen vereinfacht. Das beginnt meist damit, dass die Smartphone-Nutzung als EINE Handlung zusammengefasst wird, die auch gerne mit auf das Smartphone starren beschrieben wird. Dabei wird unterschlagen, dass dieses Gerät als Telefon, TV-Gerät, Zeitung, (Foto-/Video-)Kamera, Buch, Radio, Uhr, Kalender, Postfach, Wecker, Taschenrechner, Wörterbuch, Navigationsgerät, Spielekonsole, Stoppuhr, Notizbuch, Ticket und EC-Karte (die Liste ist natürlich noch viel länger) genutzt wird und damit für unterschiedliche Handlungen steht. (Lisa Rosa spricht deshalb schon länger von einem Kulturzugangsgerät.) Wahrscheinlich sind diese Vereinfachungen, Positionierungen und undifferenzierten Betrachtungen nur ein Versuch, wieder etwas Klarheit herzustellen, in einer Welt, die grundlegenden Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung unterliegt. Bildschirmfoto 2018-08-25 um 19.25.32Einen aus meiner Sicht sehr gelungen Ansatz, wie man sich den komplexen Prozessen nähern kann, stellt das Dagstuhl-Dreieck dar, das ein ausgewählter Personenkreis aus dem Bereich der Informatik und Medienpädagogik im März 2016 auf einer Tagung entwickelt hat. (Hinweis: Ich habe die Original-Abbildung aus unterschiedlichen Gründen leicht verändert.) Nicht nur, weil es offene und zentrale Fragen stellt, sondern auch verschiedene Perspektiven berücksichtigt und ihre gegenseitige Wechselwirkung wiedergibt: Wie funktioniert das? Wie wirkt das? Wie wird das genutzt? Bei der Wirkung und Anwendung möchte ich hervorheben, auch jeweils die Perspektive des Individuums und der Gesellschaft mitzudenken. Der Einstieg kann über jede der drei Fragen erfolgen. Wählt man das anfangs erwähnte Smartphone als zu untersuchenden Gegenstand aus, stellt man fest, dass allein aufgrund der unzähligen Funktionen, die dieses Gerät leisten kann, eine lange Liste an zu klärenden Fragen entsteht, um ein notwendiges Verständnis zu erreichen und eine seriöse Handlungsempfehlung zu erarbeiten. Wenn also mal wieder eine Person einfache Antworten auf komplexe Probleme liefert, hat sie die Prozesse der Digitalen Transformation nicht wahrgenommen, nicht verstanden oder schlicht ignoriert. Damit wird oft nur der Schein der alten Macht, Kontrolle oder Grenzen aufrechterhalten. Dass an vielen Stellen ein ausreichendes Verständnis für Transformationsprozesse zu fehlen scheint, führt auf verschiedenen Ebenen dazu, auf Entwicklungen mehr oder weniger erfolgreich nur reagieren und nicht selbst welche gestalten zu können. Deshalb befürchte ich, dass die Digitale Transformation in der Breite ankommen muss, um eine mündigere Gesellschaft zu erreichen. Ironischerweise liefern die Dinge, die uns vor Herausforderungen stellen, dafür häufig auch gleichzeitig die Lösungen. Aus diesem Grund setze ich auf das Potenzial des Webs, mobile Endgeräte und den Humanismus, um in diesem komplizierten gesellschaftlichen Prozess gemeinsam eine für alle erstrebenswerte Zukunft zu gestalten. Diesen Beitrag biete ich als einen Anfang dafür an.