Immer mehr Lehrkräfte entdecken durch Digitalität, ihre Strukturen, aber auch als Thema den florierenden Bildungsmarkt für sich und verkaufen ihr Material im Netz, arbeiten vermarktbare Angebote aus oder sogar ganze Geschäftsmodelle. Das ist eine Entwicklung, die einige Fragen aufwirft und die es kritisch zu betrachten gilt.

Dass Lehrer:innen mit ihrer Arbeit (meist zu digitalen Themen) im Netz zusätzlich Geld verdienen (möchten), wird schon länger kontrovers diskutiert und ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht selten geht es bei diesen Debatten eher um rechtliche und moralische (teilweise unklare) Grenzen und Perspektiven: Ob z.B. Leistungen im Rahmen ihrer Arbeit oder für ihren Unterricht erbracht und somit bereits vergütet wurden, was eine doppelte Abrechnung zumindest moralisch fragwürdig erscheinen lassen würde. Weshalb entscheiden sich aber Lehrer:innen überhaupt für den Schritt auf den Bildungsmarkt? Und welche Folgen hat dieses zunehmend populäre Vorgehen?

Motivationen, Werte und Wirkungen

Fragt man Lehrer:innen, weshalb sie für Material oder andere Angebote Geld verlangen, erhält man häufig die Antwort, dass sie Zeit und Expertise investiert haben und deshalb eine Gegenleistung erwarten (können). Klingt zunächst logisch und fair. Dass Menschen bereit sind, für ihr Produkt eine bestimmte Summe zu zahlen, ist außerdem eine (zugegeben besondere Form der) Wertschätzung und Rückmeldung zur Arbeit der Lehrkräfte, die in Schulen oft fehlt und hier sicher auch eine Wirkung entfalten kann. Hinzu kommt, dass Plattformen wie Lehrermarktplatz  (mittlerweile: eduki) diese Wege ebnen. Weshalb also nicht ein paar Euro zusätzlich verdienen? Außerdem sei so etwas eine persönliche Entscheidung und gehe niemanden etwas an.

Und doch ist es nicht so einfach, weil Motivation mit Werten zusammenhängt und diese wiederum mit Wirkungen. Eine Orientierung am Marktwert folgt einer anderen Logik als eine an Werten, die Lehrerinnen beruflich pflegen (oder zumindest sollten). Wahrscheinlich würde niemand widersprechen, seine Arbeit in der Schule an Werten wie (Bildungs-)Gerechtigkeit und Solidarität auszurichten. Wenn ich aber Geld verdienen möchte, generiere ich gezielt Produkte und Angebote, um daraus Kapital  schlagen zu können – was sich nicht mit den genannten Werten in der Schule deckt. 

Womit wir auch bei der Wirkung wären. Wenn ich z.B. mehr Bildungsgerechtigkeit wünsche, muss ich möglichst offene, diverse, kosten- und barrierefreie Angebote und Zugänge schaffen. Das widerspricht aber der Logik von Geschäftsmodellen wie Lehrermarktplatz bzw. eduki und vielen anderen. “Auf eduki teilen Lehrer*innen mehr als 150.000 selbst erstellte und erprobte Unterrichtsmaterialien” steht prominent auf der Seite, zusammen mit der Aufforderung “Material teilen”. Das ist kein Zufall. Damit wird ein Businessplan mit Werten einer Kultur des Teilens verkleidet, der dem völlig entgegenwirkt. Das ist keine Kultur des Teilens, sondern eine des Verkaufens. 

Gut, solche Angebote kosten etwas, dafür erhalten aber Lehrkräfte und Schüler:innen eine Hilfe, die ihnen scheinbar fehlt. Somit eine Win-win-Situation oder sogar noch mehr. Wird damit nicht die Bildung gerettet und geholfen, diese viel thematisierten “Lernlücken“ zu schließen? Das ist eine Geschichte und ein Bild, das von denen gezeichnet wird, die damit Geld verdienen. Die andere Perspektive ist, dass nicht die Bildung gerettet wird, sondern von Defiziten eines Bildungssystems profitiert wird – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Was viele unter “Lernlücken“ verstehen, liegt bildlich sehr nahe beim Nürnberger Trichter. Dass die Köpfe junger Menschen mit Wissen befüllt werden und dass aufgrund des entfallenen Präsenzunterrichts nicht mehr bestimmte Wissensportionen von Lehrkräften eingetrichtert werden konnten. Es werden somit keine Lernlücken geschlossen, weil echtes (wirksames und nachhaltiges) Lernen nicht so funktioniert. Es wird damit höchstens eine fast 500 Jahre alte Vorstellung vom Lehren und Lernen digital konserviert. 

Die Logik des Bildungsmarkts hat aber auch weitere didaktische Konsequenzen: Auf Marktplätzen verkaufen sich diejenigen Materialien, die an bequemer Stoffvermittlung orientiert sind, besonders gut. Sie ersparen Lehrkräften Arbeitsaufwand und sind an die Lehrpläne vieler Bundesländer anknüpfbar. Dadurch entsteht aber Unterricht, der schematisch ist und Bedürfnisse der Schüler:innen ausblendet. Die Marktplätze sind dann nicht mehr eine Zweitverwertung ohnehin erstellter Unterrichtsmaterialien, sondern ein Anreiz, Unterrichtsmaterialien gezielt so zu erstellen, dass stofforientierter Vermittlungsunterricht mit wenig Aufwand möglich ist. Hier nutzen die entsprechenden Plattformen aus, dass viele Lehrkräfte zu wenig Zeit haben (oder sich zu wenig Zeit nehmen), um sinnvollen Unterricht vorbereiten zu können.  

Kultur des Teilens und (Unter)Nehmens

Bildungsgerechtigkeit ist aber nicht das einzige Argument, das für eine Kultur des Teilens spricht. Es ist kein Geheimnis, dass die zunehmende Komplexität unserer Welt das Teilen von Wissen und Können erfordert. Open Access, Open Data, Open Source, Open Government oder OER sind keine altruistischen Bemühungen, sondern eine Antwort auf die Komplexität unserer Zeit und Zukunft. Diese Kultur beinhaltet Offenheit, Transparenz, Partizipation und viele anderen Werte, die wenig bis gar nicht in der heutigen Arbeits-, Lehr- und Lernkultur zu finden sind. Diesen kulturellen Wandel einzuleiten und in der Breite zu erreichen, ist eine der größten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen. 

Deshalb muss so eine Kultur des Teilens bereits in jungen Jahren gelernt und gelebt werden. Diese Aufgabe fällt damit auch auf Schulen und Lehrkräfte. Dass eine Schule keinen Automaten mit Chips und Cola aufstellen und gleichzeitig authentisch das Programm Gesunde Schule durchführen und kommunizieren kann, müsste für alle nachvollziehbar sein. So ähnlich verhält es sich mit der Vermarktung von Bildungsmaterial und -Angeboten von Lehrkräften.

Die Stärke der Kultur des Teilens ist gleichzeitig auch ihre Achillesferse. Alle können sich an Informationen, Expertise und Erfahrungen von anderen frei bedienen und die offenen Angebote für Informationen, Austausch und Vernetzung nutzen. Auf diese Weise, in Kombination mit Personal Branding, lässt sich Scheinexpertise aufbauen oder noch “besser“: in einer Kultur des Teilens erworbenem Know-how ein Preisschild anhängen.

Fazit 

Auch wenn die Idee sympathisch wirkt, dass es hier einen Kompromiss geben könnte, frei nach dem Motto: Das eine tun und das andere nicht lassen, bleibt das nur eine Wunschvorstellung. Die Logik des freien Marktes steht im völligen Gegensatz zu den Werten einer Kultur des Teilens und denen von Schulen. Sie schafft Grenzen und Exklusivität. Sie ist profitorientiert und nicht orientiert an Bildungszielen, dem Interesse von Lernenden oder sogar einer progressiven Bildung – im Gegenteil. So verkommen Begriffe, die für bestimmte Werte und Progressivität stehen, Teil einer Marketing-Strategie und zu Buzzwords. 

Und trotzdem muss man sich am Ende nicht für eine Seite, ein Vorgehen entscheiden. Es muss nur klar sein, dass hier entgegengesetzte Kräfte wirken. Wer tatsächlich etwas bewegen und Entwicklungen im Bildungsbereich unterstützen möchte, stößt nicht Veränderungen zuerst in eine Richtung an, um dann wieder in die entgegengesetzte Richtung zurückzusteuern. Wer authentisch eine Schule im digitalen bzw. kulturellen Wandel unterstützen möchte, schafft offene, transparente, partizipative und interdisziplinäre Netzwerke (vor Ort) und keine Geschäftsmodelle. So viel Ehrlichkeit darf sein. (Allerdings braucht es dafür auch Freiräume, Stellen, Geld und Kompetenzen: Das Bildungssystem darf nicht so aufgestellt sein, dass an entscheidenden Schnittstellen private Anbieter ohne sinnvolle didaktische oder pädagogische Konzepte Angebote platzieren müssen oder können. Ein progressives Bildungssystem macht diese überflüssig.) 

Da ich der Kultur des Teilens viel zu verdanken habe, sie mein Leben in den letzten Jahren geprägt und wie ich arbeite, lerne oder Menschen begegne, grundlegend gewandelt hat, steht für mich dauerhaft fest, in welche Richtung ich Veränderungen anstoßen möchte. (Nicht nur als Lehrer.) Ich lade deshalb alle neuen Kolleg:innen, die den Weg ins Netz gesucht und gefunden haben, herzlich ein, sich der Kultur des Teilens und ihrer Community anzuschließen. Wer Wissen nach ihren Werten teilt, vermehrt es, für alle.

Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen möchte, setzt sich mit exit RACISM von Tupoka Ogette auseinander. Und wer denkt, nichts damit zu tun zu haben, ist Teil des Problems. Rassismus ist zwar nur ein Konstrukt, das aber in den letzten Jahrhunderten Gesellschaften massiv geprägt hat, somit tief in Systemen und ihren Strukturen verankert ist und bis heute wirkt. Deshalb bietet die Auseinandersetzung mit exit RACISM, was gesellschaftlich dringend notwendig ist: Perspektiven, die ein erweitertes Verständnis der Problematik ermöglichen, Fragen, die in der Regel nicht gestellt werden, und Antworten, die den meisten unbekannt sind. Exit RACISM ist kein gewöhnliches Buch, das nur gelesen wird, sondern eine ehrliche Einladung, die Welt und sich besser zu verstehen und dann bewusst entscheiden zu können, welchen Beitrag man im Kampf gegen Rassismus zukünftig leisten kann und möchte.

Dass dieses Buch eine Einladung sei, ist keine Floskel. Es ist als ein Prozess konzipiert, an dem sich Lesende bzw. Lernende aktiv beteiligen können und sollen. Im Prinzip ist es ein (kostenfreier) audio-MOOC (Massive Open Online Course), der jedoch nicht über die Plattform einer Hochschule, sondern über diese Website zugänglich ist. Dort finden sich zahlreiche Links zu diversen digitalen Plattformen, die alle Kapitel (auch) als (kostenfreies) Hörbuch zur Verfügung stellen. Die Kapitel, die in diesem Werk vorgestellt werden, mit Fragen enden und Hinweise zu Videos und Texten im Netz enthalten, wurden zuvor mit einer Gruppe von Stundent:innen in einem Seminar von Tupoka Ogette bearbeitet. Eine Auswahl an Reflexionen dieser Gruppe zu den einzelnen Kapiteln wird ebenfalls abgebildet und dient als fortlaufende Folie für die eigenen Reflexionen und gedanklichen Entwicklungen.

exit RACISM richtet sich eher an Menschen, die nicht als BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) gelesen werden. Also an Personen, die nicht aufgrund körperlicher oder kultureller Fremdbeschreibung diversen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und als ”anders“ oder ”unzugehörig“ bestimmt werden. Sie erhalten die Gelegenheit, ein Verständnis zu entwickeln, dass Rassismus nicht nur ein Problem und “ein Thema” ist, wenn wieder einmal ein rassistischer Vorfall an die Öffentlichkeit gerät, sondern für viele Mitmenschen ein tägliche Auseinandersetzung und Belastung bedeutet, die nicht aus- oder weggeschaltet werden kann. Es sind aber auch alle anderen eingeladen, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Für Betroffene gibt es allerdings eine Triggerwarnung. 

(Das Buch hat mir persönlich  geholfen, meine Gefühle und mein Verhalten, aber auch das meiner Mitmenschen besser zu verstehen. Weshalb sie z.B. abwehrend oder sogar aggressiv reagieren, wenn Rassismus thematisiert wird. Auch die Bedeutung und Wirkung von Mikroaggressionen hatte ich bisher in dem Kontext nicht bedacht. Viele Informationen und Perspektiven waren neu für mich. Am stärksten mitgenommen hat mich das Doll Test-Video mit den Kindern, die schwarzen Puppen böse und hässlich zugeordnet haben.) 

Inhaltlich werden die Entstehung, Strukturen und Wirkungsweisen von Rassismus im historischen, soziologischen und psychologischen Kontext besprochen. Es wird sehr klar und verständlich aufgezeigt und begründet, weshalb Rassismuskritik zum Alltag aller gehören muss und dass dafür zuerst die populäre, entlastende Vorstellung überwunden werden muss, Rassismus habe nur etwas mit Nazis, Rechtsradikalen oder der AfD zu tun.

Einsatz in der Schule

exit RACISM liefert grundlegendes Wissen zu Rassismus und bietet gleichzeitig aufgrund seiner Konzeption, Struktur (mit der Gliederung in neun Kapitel, die wiederum aus verschiedenen Teilen mit Fragen und Aufgaben bestehen und Einzel- und Gruppenarbeit ermöglichen) und dem zusätzlichen Material auf der Website ideale Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich. Im Buch selbst werden auch einige Problemfelder in der frühkindlichen und schulischen Bildung angesprochen. Besonders hilfreich und wertvoll ist, dass auch konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden, wie Lern- und Begegnungsräume gestaltet werden müssen und institutioneller Rassismus bekämpft werden kann. Dadurch können u.a. auch junge Menschen eine Befähigung erfahren, nicht nur als Betroffene verstanden zu werden und ihre Rolle, Selbst- und Fremdwahrnehmung aktiv mitzugestalten. Weil die gesellschaftlichen Grundlagen, Werte und Vorstellungen in jungen Jahren gebildet und geprägt werden, sollte jede Person in ihrer Schulzeit dieses Buch bearbeitet haben. Das gilt auch für Erzieher:innen und Lehrende an Schulen und Hochschulen. exit RACISM ist aufklärendes Erlebnis, das auch Teil der Lehrer:innenausbildung sein sollte. Wer sich noch stärker mit Rassismus im Lehrer:innenzimmer und Unterricht beschäftigen möchte, empfehle ich diesen Vortrag von Karim Fereidooni. Besonders den zweiten Teil, in dem viele konkrete Beispiele vorgestellt werden. Eine gut investierte Stunde. (Hier findet ihr seine Studie Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar:innen und Lehrer:innen ‚mit Migrationshintergrund‘ im deutschen Schulwesen.)

Da Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, sollten möglichst viele dieses Buch lesen oder hören, Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten schenken und sich mit ihnen davor, währenddessen und danach dazu austauschen. Das Konzept, das Tupoka Ogette hier entwickelt hat, kann ein wirksamer Ansatz und notwendiger Schritt sein, um Alltagsrassismus, institutionellen und strukturellen Rassismus ernsthaft zu bekämpfen, weil es die individuelle Ebene und gesamtgesellschaftliche anspricht. Der Titel ist Programm. Bei denen, die sich darauf einlassen, wird sich das Verständnis von Rassismus grundlegend wandeln und die Sichtweise nachhaltig ändern.

False Balance ist ein Phänomen, das in der Pandemie gesellschaftliche Debatten erschwert, politische Entscheidungen geprägt und Beziehungen stark belastet hat. Die Behauptung, die Pandemie sei wie eine Grippewelle einzuordnen, hält sich in manchen Kreisen heute noch hartnäckig und ist nur eines der vielen Beispiele. False Balance ist ein Resultat einer medialen Verzerrung im Rahmen von Wissenschaftsjournalismus. Indem eine klare Minderheitenmeinung unverhältnismäßig viel bzw. den gleichen medialen Raum erhält wie der breite wissenschaftliche Konsens, entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, es handle sich um zwei gleichwertige Meinungen. Vor kurzem hat das dieser User bei Twitter mit dieser Grafik sehr gut visualisiert.

Damit fasste er die Aussagen von Christian Drosten aus diesem Interview im Online-Magazin Republik und dem etwas älteren Ausschnitt zur Klimadebatte aus der satirischen News-Show Last Week Tonight with John Oliver zusammen.

Am Last Week Tonight-Beispiel wird deutlich, dass False Balancing keine Erfindung der Pandemie ist und dass dieses Phänomen bei der Berichterstattung in TV und Presse über die Klimakrise und damit in ihrer öffentlichen Wahrnehmung schon lange eine wesentliche Rolle spielt. Was aber in der Pandemie nochmal deutlich wurde, ist, welche Bedeutung Social Media dabei haben (können) und zunehmend übernehmen. Dass False Balancing in verschiedenen Formaten im Fernsehen oder Print immer wieder auftritt, liegt u.a. an redaktionellen Entscheidungen, die aus aufmerksamkeits-/ökonomischen Gründen dem Konzept der Polarisierung folgen und gerne als neutrale oder ausgewogene Pro- und Kontra-Berichterstattung begründet werden. Ausgewogenheit ist grundsätzlich ein Qualitätsmerkmal von Berichterstattung – sie wird jedoch zu einem Problem, wenn eindeutige Sachverhalte so dargestellt werden, als gäbe es zwei gleichwertige Ansichten dazu. 

Seit der (digitalen) Transformation des medialen und öffentlichen Raums durch das Netz, nutzen und prägen auch immer mehr Redaktionen aktiv und passiv diese gewandelten Strukturen und Mechanismen des öffentlichen Diskurses. Die Beweggründe sind dabei unverändert geblieben, die Dynamiken nicht. Hinzu kommt nun, dass durch Social Media jede Person eine Möglichkeit erhalten hat, False Balancing zu betreiben. Mit dem Unterschied, dass zu den bereits genannten Absichten auch ideologische und politische Strategien hinzukommen können. Das können Verschwörungsideologien oder politische Motive einer Gruppierung sein. Die Tragweite der gesellschaftlichen Auswirkungen lässt sich am Beispiel der Querdenker:innen während der Pandemie verdeutlichen.

False Balancing ist auf digitalen Plattformen zu einer Waffe geworden: Wo auch immer klare Zusammenhänge aufgeweicht werden sollen, wo wissenschaftlichen Einsichten die Legitimation entzogen werden soll, dort bietet es sich an, so zu tun, als gäbe es tatsächlich zwei (gleichwertige) Seiten. Abwegige und verwerfliche Positionen können als wichtige Kritik an einem »Mainstream« präsentiert werden, ihre Verbreitung als Bemühung, Ausgewogenheit in den Diskurs einzuführen. 

Fatal ist nun, dass Ausgewogenheit als Aspekt eines fairen Journalismus, False Balancing als falsch verstandene Ausgewogenheit in problematischen redaktionellen Formaten und Weaponized False Balancing als Desinformationsstrategie einander gegenseitig beeinflussen. Wenn Bewegungen auf digitalen Plattformen Pseudo-Expert*innen aufbauen, wissenschaftliche Einsichten kritisieren oder Meinungen viel Gewicht geben, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Medien diese Äußerungen aufgreifen, um ausgewogen zu berichten – und dass dann so ein wissenschaftlicher Konsens so dargestellt wird, als handelte es sich um umstrittene Fragen. 
Diese bewusste Strategie, False Balancing als Verfahren der Desinformation einzusetzen, ist mit einer ganzen Reihe anderer Methoden verbunden: Dazu gehören die Darstellung von Expertise als Meinung (der dann leicht eine andere Meinung gegenübergestellt werden kann), das Starkmachen von Pseudo-Expert:innen und die Vereinfachung oder unerfüllbar hohe Erwartungen an wissenschaftliche Expertise (wenn z.B. erwartet wird, dass Fachpersonen genaue Voraussagen machen können).

Das vorliegende und fehlende (Fach-)Wissen zu einem Thema verstärkt False Balancing. Wenn 99% der Wissenschaftler:innen einen Sachverhalt beschreiben, dem 1% widerspricht und beide Seiten mit jeweils einer Person einen medialen Raum erhalten, ist das ein Problem. Kann die eine widersprechende Person aber deutlich weniger Wissen zum Thema vorweisen, wird die Verzerrung zusätzlich verstärkt. In Anlehnung an die erste Grafik habe ich hier versucht, das ähnlich für den Social Media-Raum zu visualisieren.

Das Ganze mündet absurderweise mittlerweile darin, dass auch Fakten in TV- und Zeitungsformaten zur Debatte gestellt und Meinungen von Menschen eingeholt und prominent wiedergegeben, die über wenig bis keine Fachexpertise verfügen. Die Leugnung der Klimakrise ist eines der Ergebnisse davon. So wird das Abbilden von Meinungen zur medialen (und journalistischen) Maxime, was auch die Social Media-Nutzung mit beeinflusst. Dass vermehrt in Social Media, in denen eine redaktionelle Prüfung entfällt, auch physikalische Gesetze in Frage gestellt werden und Jürgen aus Bottrop glaubt, der nächste Kopernikus zu sein, dessen Genie verkannt wird, ist vielleicht kein Zufall. Und dass die Einordnung, wer im Netz Beiträge veröffentlicht, wie seriös das ist und welche Expertise vorliegt, etwas ist, das zu viele Menschen immer noch nicht beherrschen, erschwert die Lage.

Abschließend bleiben die Wünsche, dass möglichst viele Menschen für das Phänomen False Balance sensibilisiert werden, es nicht auf ihren Social Media-Accounts praktizieren bzw. darüber teilen, es im Unterricht thematisiert wird und dass Fakten als solche behandelt werden und nicht für aufmerksamkeits-/ökonomische Zwecke medial missbraucht werden.