Wenn Wissen erworben wird, hebt sich die Erfahrung von anderen Lernprozessen dadurch ab, dass das Lernen unmittelbar und persönlich erlebt wird. Die Erfahrung liefert dabei nicht nur eine weitere Perspektive, die nötig ist, um ein vertieftes Verständnis mancher Sache zu erreichen, sondern auch ein bessere Grundlage, sich und das eigene Handeln reflektieren zu können. Eine kulturpragmatische Antwort auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Transformation, die einem in der Netzkultur häufiger begegnet, lautet, selbst Erfahrungen zu sammeln und diese mit anderen auszutauschen. Und soziale Netzwerke spielen dabei eine zentrale Rolle.

Was hat Lernen durch Erfahrung mit der Digitalen Transformation zu tun?

photo-1535223289827-42f1e9919769Wer sich mit den Transformationsprozessen beschäftigt, stellt immer wieder fest, dass eine fehlende Erfahrung in der Kultur der Digitalität zu Missverständnissen und Denkfehlern führen kann. Wenn Leute sich beispielsweise über soziale Netzwerke äußern, ohne ernsthaft Teil dieser Netzkultur zu sein, wird in deren Schilderungen, Bewertungen und gerne dann auch Abwertungen die fehlende Perspektive deutlich. Es bleibt dann stets eine Außenansicht, die in der Regel ungeeignete Maßstäbe ansetzt. (Ähnliches beobachte ich in Bildungsdebatten um 4K-Skills.)

Ich habe zahlreiche Texte zur Agilität, den 21st Century Skills oder sonstigen Fähigkeiten und Kompetenzen, die Menschen aufgrund des kulturellen Wandels heute und morgen benötigen, gelesen. Richtig verstanden habe ich aber alles immer erst dann, wenn Wissen durch persönliche und unmittelbare Erfahrungen gebildet und verknüpft wurde. Wer agil und kollaborativ arbeitet erlebt sich und die Lernprozesse anders. Meinen Erfahrungen nach lässt sich das „andere, neue Mindset“, das seit Jahren bei jeder Rede rund um den digitalen Wandel eingefordert wird, nur dadurch erreichen.

Welchen Unterschied das Lernen durch Erfahrung bedeuten kann, wird klarer, wenn es um die Körperlichkeit, Sinne und Räume geht. Wer z.B. über virtuelle Realitäten in fremde Länder oder in andere Zeiten reist und erkundet, erfährt andere Lernprozesse, die auch an Körper und Raum, wie man sich und die Umgebung wahrnimmt, gebunden sind. 

Was bedeutet das für Lehrende?

Selbst viele Erfahrungen zu sammeln und für ihre Schüler_innen möglichst viel Räume dafür zu schaffen. Mit den aktuellen Strukturen des Bildungssystems ist das sicher keine einfache Aufgabe, aber genau so lautet die Beschreibung einer jeden Herausforderung der Digitalen Transformation. Für mich persönlich löse ich das seit Jahren über die Arbeit in Vereinen, Projekten und mit Personen, die agil sind und wirken. Von und mit ihnen erfahre und lerne ich, komplexe Aufgaben zu lösen, meine Rolle in einem Team immer wieder neu zu definieren, meine Stärken herauszufinden und auf ihre zu vertrauen.

Linda Breitlauch, die in der Fachrichtung „Intermedia Design“ an der Hochschule Trier lehrt und forscht, wurde gestern beim netzkultur_festival von einer Grundschullehrerin gefragt, was sie empfehlen würde, wenn Kinder, die deutlich jünger als zwölf sind, Fortnite spielen würden. Sie riet (wie auch bei Brettspielen) dazu, zusammen mit den Kindern zu spielen und darüber mit ihnen in den Dialog zu treten und bezog sich nicht nur auf Eltern, sondern auch auf Lehrende. Die Spielerfahrung eröffnet nicht nur ein besseres Verständnis der Sache, bezüglich Funktion, Wirkung und Anwendung, auch die Rolle, in der man sich befindet und in der man wahrgenommen wird, ändert sich dadurch. So kann eine Diskussion geführt werden, die auf einer aktiven Auseinandersetzung mit der Thematik beruht.

Das alles klingt nicht nur nach zusätzlicher Arbeit, das ist es auch. (Nur dass hier Ziele, Settings und der Personenkreis frei gewählt werden können, was einen gewaltigen Unterschied ausmacht und bei mir Spaß bedeutet.) Wer auf einfache und bequeme Lösungen hofft, hat die Komplexität und Tragweite der globalen, gesellschaftlichen Umbrüche noch nicht durchdrungen und wird sich immer mehr wundern und weniger verstehen. Das Lernen durch Erfahrung ist ein wesentliches Element eines notwendigen Kulturpragmatismus, dem Vertrauen und Zutrauen, gemeinsam eine Lösung zu finden, und sich miteinander auf den Weg zu machen.

Beiträge, die ich für Online Magazine verfasse, veröffentliche ich zwei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Dieser erschien bei was wäre wenn.

Es herrscht Einigkeit, dass Bildung zum einen Spiegel der Gesellschaft ist, aber auch der Schlüssel zu zukünftigen Entwicklungen und deshalb immer dort angesetzt werden muss, wenn Veränderungen notwendig sind, sie verankert werden und nachhaltig wirken sollen. Wer also die Dynamik der Digitalen Transformation, globaler Umbrüche und einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Ordnung betrachtet, landet zwangsläufig bei der Frage und Debatte, wie Bildung in einer Kultur der Digitalität aussehen sollte. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass das deutsche Bildungssystem ein riesiger und komplexer Tanker ist, in dem Kursänderungen (zu) viel Zeit beanspruchen. So kann auf Transformationsprozesse, wenn überhaupt, nur stark verzögert reagiert werden. Kann aber trotz dieses Widerspruchs eine heute und morgen notwendige Bildung gelingen? Ja, sie kann – wenn sie nicht auf Bildungseinrichtungen reduziert oder abgeschoben wird.

Bildung ist das Ergebnis von Gesellschaft 

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Foto: Fionn Große

Wer über Bildung spricht, denkt meist automatisch in Institutionen, trennt nach Alter, Schulart oder Zielgruppen, trennt nach Fächern oder Zeiten, wann Angebote stattfinden. Es wird zugeordnet und sortiert. Einrichtungen und Rahmen werden gedanklich in den Vordergrund gerückt und nicht der Vorgang, sich zu bilden, Wissen zu erwerben, zu lernen. Dabei könnten sich dort vielleicht einige Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden lassen, teilweise auch bei uns selbst: Wie bilden wir uns heute? Welche neuen Möglichkeiten gibt es und nutzen wir auf welche Art und Weise? Wie lernen wir von- und miteinander? Schließlich befinden wir uns alle in dieser global vernetzen Welt voller Veränderungen, in der wir uns neu zu sortieren und zurechtzufinden versuchen. Wir probieren und scheitern, reflektieren und versuchen es erneut und entwickeln uns permanent weiter. Manche erlangen so Expertise für noch unerschlossene Bereiche, fernab der klassischen Bildungswege. Es ändert sich nicht nur was, sondern auch wie, wann, wo oder mit wem wir lernen und uns bilden. 

Ja, es kostet anfangs etwas Anstrengung, sich davon zu lösen, den Begriff Lernen nicht als schulisches Lernen (in dem Bezug oft auch als Auswendiglernen oder das auf einen Test Lernen) zu verstehen, sondern als einen Prozess, der uns täglich mal mehr oder weniger bewusst begleitet. Ein Lernen, das ohne Note oder Zertifizierung auskommt und trotzdem tiefgründig und nachhaltig sein kann. Wir lernen ständig hinzu, sei es aus einem Gespräch, das wir geführt, einer Handlung, die wir beobachtet oder einem Text, den wir gelesen haben. Dabei brechen wir nicht nach 45 Minuten ab und wechseln das Thema, die Zusammensetzung der Gruppe oder sogar den Ort. Wir lernen und bilden uns bei der Arbeit, in der Straßenbahn, beim Musik hören oder beim Feiern mit Freunden weiter. Es geschieht ganz beiläufig, selbstverständlich und wandelt sich.  

Und während die Welt sich grundlegend ändert, scheint sich die Diskrepanz zwischen dem Lernen wie es innerhalb und außerhalb von Bildungseinrichtungen stattfindet zu vergrößern. Was jedoch beide Bereiche eint, sind die zunehmend komplexeren Herausforderungen der Digitalen Transformation, die nur zusammen mit unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven gemeistert werden können. Deshalb brauchen Bildungseinrichtung und Lehrende auch keine noch längeren To-do-Listen, sondern neben politischer auch eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung. Es braucht weniger Orte, an denen man schon alles weiß, kann und das zu vermitteln versucht, sondern mehr Lernräume, an denen einiges noch und nur miteinander herausgefunden werden kann und erarbeitet werden muss. Und miteinander bedeutet über die Grenzen von Bildungsinstitutionen hinaus, also auch interdisziplinär und multiperspektivisch. Im Kontext von think global, act local wird kommunaler (städtischer) Raum als (urbaner) Lernraum aufgefasst und gestaltet.

Google Maps fürs Lernen im Niemandsland 

Im Prinzip müssen gemeinsam lerntopografische und allgemeinzugängliche Karten für den kommunalen Raum entwickelt werden. So, dass jede Person weiß, wo sie vor Ort bestimmte Informationen findet, auf Fachkundige treffen oder ihr Wissen einbringen kann. Als würde man beispielsweise die unzähligen YouTube-Videos, die einem die Welt erklären, die erstellenden Personen und die Produktion auch physisch und kommunal abbilden und greifbar machen. So etwas verlangt ein verändertes Selbstverständnis von allen an Bildungsprozessen beteiligten Personen und deren Einrichtung: sich weniger als abgeschossene Einheit, sondern als ein (kommunal-)zivilgesellschaftlicher Bestandteil zu verstehen, als eine Haltestelle auf einer Karte lebenslangen Lernens. Dieses Umdenken führt einerseits zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung, vergrößert aber zugleich die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, indem sich der Kreis an Personen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen erweitert. Im Prinzip müssten einige Elemente vom Lernen im Netz in den physischen und kommunalen Raum übertragen und geformt werden: Ein offener Zugang zu Informationen und Expert_innen, attraktive Gelegenheiten, davon zu erfahren oder auch diverse Möglichkeiten für Vernetzung, Austausch und Kollaboration.  

Weil Transformationsprozesse Grenzen auflösen, befinden sich viele Problemstellungen im gesellschaftlichen Niemandsland, außerhalb und zwischen den Systemen und Strukturen, ohne klare Zuständigkeiten. Deshalb werden entweder oft eigene Lösungen entwickelt, die nicht funktionieren, weil sie nur aus der eigenen Perspektive gedacht wurden oder es wird erst gar nicht investiert, weil es von bisherigen Systemen aus blickend, keinen Sinn ergibt. Was bringt also z.B. ein Smartphone-Verbot in der Schule, wenn es außerhalb der Schulzeit ständig im Einsatz ist? Aus schulischer Sicht und dem Verständnis, diese Geräte als reine Störfaktor zu betrachten, scheint das Problem dadurch zwar gelöst zu sein, aber alle anderen persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben weiterhin unangetastet und lediglich aus dem Sichtfeld der Schule gedrängt. Die Kultur der Digitalität hat wie wir kommunizieren, uns informieren, arbeiten oder von- und miteinander lernen grundlegend verändert. Deshalb braucht es auch grundlegend andere Vorgehensweisen und Lösungen. Wer befähigt denn die Gesellschaft an kultureller Teilhabe oder zu einem souveränen und mündigen Auftreten im Netz? Freunde und Bekannte, die Elternhäuser, die Schulen, die Hochschulen, der auszubildenden Betrieb oder die Vereine? Eins ist sicher: Alleine klappt das nicht. Nur wo können viele von ihnen aufeinandertreffen? Wo können sie über Fragen diskutieren, Wissen und Erfahrungen austauschen und gemeinsame Konzepte entwickeln?

Was wäre, wenn das gesamte (kommunale) Wissen und Können, zu den vielen unerforschten Bereichen des kulturellen Wandels für alle offen, zugänglich und transparent wäre? Wenn sämtliche Expert_innen bekannt wären und gemeinsam an Konzepten arbeiten würden? Wenn keine Hierarchien, fachliche Grenzen und sonstigen Tellerränder den Dialog erschweren würden? Wenn der Antrieb ein humanistischer wäre, der sich am großen Ganzen, der Vernunft und gesellschaftlicher Verantwortung orientiert? Diese Ansätze gibt es vielleicht bereits mancherorts. Im kommunalen Raum kommen sie noch (zu) selten bis gar nicht vor. Aber hier findet ein Großteil von Bildung statt.

Not the system, change the people  

Wahrscheinlich besteht ein Denkfehler vieler gescheiterten Bemühungen, eine zeitgemäße Bildung anzustreben, unter anderem darin, Systeme verändern zu wollen, die sich selbst erhalten und größtenteils auf Verwaltung des Bisherigen ausgelegt sind. Es wird aber niemals gelingen, mit einem riesigen Bildungstanker flexibel Wellen zu surfen. Muss es auch nicht. Wer Innovation wünscht, muss neue Wege gehen. Und da diese Systeme nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht sind, muss eben dort auch wieder angesetzt werden, um das notwendige Mindset für das digitale Zeitalter zu erreichen. Wo könnte das besser gelingen als im bereits erwähnten Niemandsland, zwischen den Systemen und Strukturen? Wo Zuständigkeiten unklar sind, ist Spielraum für Neues. Und neues Denken braucht Freiräume 

Es braucht kritisch denkende Menschen, die Komplexität bewältigen oder ertragen können und sich nicht durch einfache, vermeintliche Antworten ködern lassen. Menschen, die nicht vor der Vielzahl an Dystopien erstarren, sondern souverän und mündig die Zukunft gestalten können und möchten. Wahrscheinlich würde John F. Kennedy an dieser Stelle aufrufen, nicht zu fragen, was Bildung für euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr für Bildung tun könnt. Wer Bildung als lebenslange und gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht, muss nicht auf Erlaubnis oder eine Anordnung warten, um sich Verbündete zu suchen, um attraktive Räume für Austausch, Vernetzung und Kollaboration zu eröffnen. Das Netz bietet heute zudem einfache Möglichkeiten, sich zu organisieren, sichtbar zu machen und andere zur Beteiligung zu animieren. Weshalb nicht Treffen durchführen, Projekte umsetzen oder Kooperationen initiieren?

Veranstaltungen können ein guter Auftakt für einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch zu zeitgemäßer Bildung sein. Oft beanspruchen sie das auch für sich und schmücken sich als neue und innovative Konzepte, sind es aber selten. Events zu “digitaler Bildung“ erfreuen sich nämlich großer Beliebtheit und schießen in den letzten Jahren bundesweit wie Pilze aus dem Boden. Dabei werden gerne vermeintliche “All inclusive und sorglos“-Pakete geschnürt, die besten Hard- und Software-Lösungen versprochen und die innovativsten Speaker_innen aus der Ferne der Republik eingeflogen. Nicht selten reist die geballte Expertise dann nach beeindruckenden Vorträgen wieder ab und hinterlässt die Wirkung eines Strohfeuers. Diese Konzepte gehören zum großen Bildungstanker. Es fehlen Freiräume für agiles Denken und Handeln abseits der klassischen Pfade. 

Am Beispiel von Veranstaltungen, Treffen oder sonstigen Räumen für einen Austausch lässt sich exemplarisch an sechs Punkten veranschaulichen, welche Aspekte bedacht werden sollten, um Bildung in der Kultur der Digitalität als gemeinsame Aufgabe ankommen zu lassen und lerntopografische Karten online und offline zu zeichnen:

1.) Jedes Angebot sollte Teil eines größeren Konzepts, einer langfristigen Strategie, eines nie endenden Prozesses sein, der unter Berücksichtigung der restlichen, folgenden Punkte erarbeitet werden sollte. Sonst bleibt es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, verpufft in der Wirkung und erzeugt im schlimmsten Fall sogar Frust.

2.) Die Angebote müssen offen und transparent sein. Die Wahl der Orte, der Zeit oder über welche Kanäle kommuniziert wird, entscheiden dabei mit über die allgemeine Zugänglichkeit. 

3.) Es braucht eine möglichst interdisziplinäre und diverse Zusammensetzung an Personen und Themen, weil nur mit einer Vielfalt an Expertisen und Perspektiven die komplexen Herausforderungen unserer Zeit gelöst werden können.

4.) Die Angebote müssen unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung und Selbstbestimmung enthalten. Es braucht kein weiteres Abfahren kommunikativer Einbahnstraße, sondern einen Rahmen, in dem Inhalte und Abläufe mitgestaltet werden können.

5.) Weil nicht immer alle Personen die Angebote wahrnehmen können, erst später davon erfahren oder am Tag selbst keine Gelegenheit hatten, sich mit allen auszutauschen und zu vernetzen, ist Anschlussfähigkeit bezüglich Personen und Themen ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Prozesse. Deshalb sind Anknüpfungsmöglichkeiten, über das Angebot hinaus, besonders wichtig.

6.) Wertschätzt die „Propheten“ im eigenen Land! Nicht selten ist die lokale, regionale Vielfalt an Expertise gar nicht bekannt, weil sie scheinbar oft viel Kosten und weit weg sein muss, um etwas wert zu sein. Dabei haben gerade diese Personen ein eigenes Interesse daran, nachhaltige und wirksame Prozesse vor Ort anzustoßen oder haben Einblicke in die lokalen Begebenheiten.  

Spannend wird es, wenn auch das Lernen und Lernsetting in Schulen und Hochschulen mit diesen Aspekten durchdacht werden. Dann wird deutlich, welches Potenzial hier noch brach liegt und Veränderungen noch ausstehen; sei es beim Mindset, bei den Ressourcen oder Räumen. Es geht hier aber nicht um Visionen, die in einer fernen Zukunft liegen könnten. Einiges findet bereits statt. Ein Blick in soziale Netzwerke legt offen, dass sich immer mehr Menschen über Grenzen hinweg zusammenschließen, sich in flexiblen Strukturen organisieren und die neugewonnen Möglichkeiten nutzen, die eine Kultur der Digitalität bietet, um ihre Angebote und Anliegen sichtbar zu machen und einzuladen, Bildung neu zu denken, zu gestalten, gemeinsam, global denkend und lokal handelnd. Ihre Antwort auf Bildung im 21. Jahrhundert lautet: Your society needs you!

 

nffg_sharepic_01Netzkultur entsteht aus der Kommunikation über digitale Netzwerke. Weil es aber kein rein technischer, sondern ein kultureller Wandel ist, kann er nicht in online und offline getrennt werden und betrifft somit die gesamte Gesellschaft. Weder diese Erkenntnis noch die vielen Fragen, die Netzkultur aufwirft, haben es bisher in die breite Öffentlichkeit geschafft. Der Austausch dazu findet meist im Netz oder in Metropolen statt. Wie könnte es gelingen, Netzkultur allgemein zugänglicher zu machen und den Diskurs in die Breite zu öffnen? Genau diese Frage wurde im Oktober letzten Jahres bei einer Barcamp-Session von freiburg_gestalten diskutiert und die Idee des netzkultur_festivals in Freiburg geboren. 

Die vernetzte Welt erfordert, dass global, aber auch lokal gedacht und gehandelt wird. Wir packen diese Herausforderungen mit dem netzkultur_festival freiburg_gestalten an, bei dem Name und Farbgebung Programm sind und zusammenfassen, worum es am 19. Oktober gehen soll: Netzkultur im lockeren Rahmen eines Festivals zu diskutieren, zu erfahren, zu verstehen und uns zu befähigen, nicht nur zuzusehen, sondern den digitalen Wandel nach unseren Werten zu gestalten. Weil die kulturellen Veränderungen und Problemstellungen jeden betreffen und auch nur gemeinsam gelöst werden können, richtet sich unser Angebot immer an alle, mit und ohne Vorwissen. Wir wollen nicht nur thematisch vielfältig sein, sondern auch in der Zusammensetzung. Daher ist jede Person herzlich eingeladen, dabei zu sein.

Netzkultur ist durch den digitalen Raum entstanden, wirkt aber nicht nur dort. Deshalb sollte sich die Debatte nicht auf die Kreise der Netzaffinen beschränken. Allein wie kommuniziert wird oder werden kann wandelt sich grundlegend und beeinflusst auch alle Lebensbereiche derer, die nicht im Netz stattfinden. Mit dem netzkultur_festival möchten wir interessierte Personen aus der regionalen Raum mit unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven zusammenzubringen, um Impulse zu setzen, sich auszutauschen und vernetzen zu können.

Das netzkultur_festival möchte primär die Potenziale vor Ort nutzen und sichtbar machen. Wir streben an, die Digitale Transformation möglichst wirksam und nachhaltig zu gestalten und für alle zugänglich zu sein. Eine Option sehen wir darin, entgegen der üblichen Praxis, die „Propheten“ im eigenen Land wertzuschätzen. Deshalb haben wir uns grundsätzlich vorgenommen, ca. 70% lokale und 30% überregionale Speaker_innen zu gewinnen. Weil Netzkultur in der Regel auf Bundesebene oder in Metropolen wie Berlin und Hamburg diskutiert wird, wollen wir sie endlich kommunal aufgreifen und Raum für einen breiten, öffentlichen Diskurs schaffen.

Beim netzkultur_festival erwartet euch eine bunte Mischung aus Impulsvorträgen, Diskussionsrunden und Workshops in den Räumen des Kreativparks Lokhalle. Die genaue Gestaltung der Angebote überlassen wir den Expert_innen, die sie auf der Website vorstellen. Das Ganze wird musikalisch umrahmt und endend in einer Feier am Ende des Tages. Wir haben bereits einige Zusagen von spannenden Speaker_innen, andere Gespräche befinden sich noch im laufenden Prozess. Die Planung des Tages ist, wie die Website, noch nicht abgeschlossen. Aktuelles zum Tag wird neben der Website über Facebook und Twitter kommuniziert.

Das netzkultur_festival greift nicht nur technische Fragen auf, sondern auch kulturelle, ethische, politische, philosophische oder psychologische. Seid dabei und meldet euch mit dem Kauf eines kostenlosen Tickets an. (Es besteht keine Anmeldefrist. Bei 120 Personen wird der Ticketverkauf eingestellt. Wer auf die Warteliste möchte, mailt uns an die unten aufgeführte Adresse. Wenn Tickets storniert werden, informieren wir die Personen dieser Liste, dass sie nachrücken. Deshalb bitten wir auch alle, sich nur dann ein Ticket zu sichern, wenn eine Teilnahme verbindlich geplant wird und es möglichst früh wieder zu stornieren, falls sich herausstellen sollte, dass die Teilnahme doch nicht möglich ist.)

Damit das netzkultur_festival kostenfrei und für alle offen sein kann, finanzieren wir den Tag über Sponsoren. Falls ihr die Idee ebenfalls unterstützen möchtet oder ein Thema habt und eine Person kennt, das, bzw. die auch Raum erhalten sollte, schreibt uns einfach an: orga@netzkulturfestival.de

Ein Missverständnis der Digitalen Transformation ist es, dass soziale Netzwerke als neue, fünfte Gewalt verstanden werden. Sie gehören aber zur vierten Gewalt und werden dort nicht nur addiert, sondern wandeln sie, in Bezug auf die Strukturen, Machtverteilung, Funktion, Wirkung und Anwendung. Soziale Netzwerke werden auch gerne auf die technische Perspektive reduziert und als reine Plattformen oder (a)soziale Medien (mit der überholten Vorstellung, Medien wären nur Transportmittel) verstanden, besonders wenn es darum geht, die Verantwortung oder Schuld negativ empfundener Veränderungen der Kommunikation zu adressieren. Das greift meiner Meinung nach zu kurz und wird der Komplexität des kulturellen Wandels nicht gerecht.

Die vierte Gewalt ist und bleibt die öffentliche Diskussion, die das politische Geschehen beeinflussen kann. Nur verändert die Digitale Transformation die Elemente dieses Diskurses grundlegend. Allein was Öffentlichkeit bedeutet, wie und wer erreicht werden oder sich daran beteiligen kann, wird zunehmend komplexer. Zielgruppen und ihre Kanäle werden heterogener und Content kann nicht 1:1 übertragen werden. Zudem bieten soziale Netzwerke nicht nur neue Möglichkeiten, in die bisherigen Prozesse einzugreifen, sondern machen sie auch transparent(er).

Soziale Netzwerke sind mehr als Plattformen

photo-1511171735792-048024585d63Vielleicht liegt auch ein Teil der Missverständnisse am Begriff soziale Netzwerke, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Somit bringt es soziale Netzwerke eigentlich auf den Punkt: Es geht um (unterschiedlich große) Gruppen von Menschen, die weltweit miteinander vernetzt sind. Hier spielen natürlich die technischen Rahmenbedingungen, wie gepostet werden kann oder ein Algorithmus, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Jede Person entscheidet mit, durch das Was und Wie gepostet, geliket, kommentiert, abonniert, geteilt oder ignoriert wird und trägt dadurch zum öffentlichen Diskurs bei. Aus der Perspektive der Verantwortung wird damit z.B. deutlich, dass sie für die verschiedenen Wirkungen sozialer Netzwerke nie allein bei Plattformbetreibern liegen kann, sondern immer auch eine gesellschaftliche und individuelle ist. Es ist ohnehin erforderlich, die Transformationsprozesse multiperspektivisch, systemisch zu betrachten, um sie annähernd erfassen zu können.

Wirkungen sozialer Netzwerke

Soziale Netzwerke wirken selbst als solche, aber auch in bisherige Systeme hinein. Sie beeinflussen, was in Zeitungen geschrieben oder im Fernsehen ausgestrahlt wird. Eine Greta Thunberg und ihr Anliegen oder viele andere weltweite Bewegungen wären heute nicht da, wo sie sind, ohne soziale Netzwerke. Das Was bezieht sich aber nicht nur auf Inhalte und Personen, sondern auch darauf, wie etwas gesagt oder gedruckt wird. Längst wägen Akteure im Hinterkopf ab, ob eine Aussage twittertauglich ist, als Meme verpackt werden kann oder an sich das Zeug hat, in sozialen Netzwerken viral zu gehen. 

Dadurch, dass Teile der Exekutive, Legislative und Judikative ebenfalls über soziale Netzwerke kommunizieren, stellt sich die Frage, wie soziale Netzwerke in diese drei Gewalten hineinwirken oder auch umgekehrt. Das Besondere an diesen Prozessen ist, dass durch soziale Netzwerke, die erhöhte Transparenz und gewandelte Öffentlichkeit Menschen eine Beteiligung ermöglicht wird, die zuvor ausgeschlossen waren. Es bleibt die Erkenntnis, dass diese Entwicklungen nicht vorherbestimmt, sondern gestaltbar sind. Noch nicht von allen, aber von zunehmend größeren und diversen Gruppen.

doors-3798125_1920Die Digitale Transformation, bzw. die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung ist ein hochkomplexes und global zusammenhängendes kulturelles Geflecht. Die Auseinandersetzung damit muss auf allen Ebenen stattfinden, besonders auf der regionalen. Interdisziplinäres Denken und Handeln bilden dabei essentielle Kompetenzen, auf der Suche nach Lösungen oder bei der Entstehung von Innovation und gesamtgesellschaftlicher kultureller Teilhabe.

Wer Veranstaltungen zur Digitalisierung, Digitalen Bildung, Arbeit oder einem anderen Platzhalter, sichtet, stellt fest, dass in der Regel der Fokus auf eine Zielgruppe, bzw. ein Thema gelegt wird. Hier fehlt es oft an Systemdenken, der Transformationsprozess wird nicht als kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel verstanden oder die Verantwortung kann oder wird nur für den eigenen Bereich gesehen und übernommen. So werden bei diesen Events meist Bedarfe und Bedürfnisse erhoben und formuliert, denen von Beginn an eine Vielfalt von Perspektiven und Expertisen fehlt. Deutlich wird das spätestens im nächsten Schritt, wenn konkrete Handlungen verfasst werden, diese interdisziplinär sind und verantwortliche Personen, Institutionen oder Unternehmen sich nicht zuordnen und finden lassen. 

Wie können aber fachliche Verantwortlichkeiten überwunden werden, wenn dafür weder die Strukturen noch notwendigen Haltungen vorhanden sind? Es braucht offene, flexible, barrierefreie, physische und gedankliche Räume, in denen Menschen sich als Gestalterinnen und Gestalter neu entdecken und erfinden (können). Hier sind auch regionale Institutionen und Unternehmen gefordert und in der Verantwortung, diesen Rahmen, in dem interdisziplinäres Denken und Handeln stattfinden können, zu schaffen, innerhalb dieser Begegnungsstätten unterstützend zu wirken, zu begleiten und zu fördern. Das große Potenzial eines kulturellen Wandels liegt aber weiterhin in der Zivilgesellschaft und deren Beteiligung. Die regionale Aufgabe lautet somit: Interdisziplinäre Begegnungen und kulturelle Teilhabe ermöglichen.

Angebote allein generieren nicht automatisch Partizipation. Das lässt sich an den kommunalen, digitalen Beteiligungsplattformen beobachten, die zunehmend an Beliebtheit erfahren und meist den Beleg des guten Willens, der Bevölkerung eine Beteiligung zu ermöglichen, nicht überschreiten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Ein meist unterschätzter dabei ist, dass Beteiligung gelernt werden muss. Und weil niemand etwas müssen möchte, kann nur über gesamtgesellschaftlich zugängliche und attraktive Angebote ein Wollen erreicht werden. Die Attraktivität besteht nicht allein aus der Möglichkeit der Beteiligung, sondern auch aus Elementen wie allgemeine Zugänglichkeit, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit.

Bestrebungen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, sind zäh, kräfteraubend und spätestens seit der Erkenntnis, dass Systeme sich selbst erhalten, teilweise vorab zum Scheitern verurteilt. Hier liegt das stärkste Argument für interdisziplinäre Räume. Die gesellschaftlich notwendigen, aber auch möglichen Lösungen und Innovationen im Transformationsprozess befinden sich in den noch unbeschriebenen und unbesetzten Zwischenräumen und müssen gar keine Konkurrenz zum Bestehenden bilden – im Gegenteil. Auch sie profitieren von den Experimentierräumen, die Freiheiten bieten, bzw. strukturelle Hürden überwinden oder Potenziale offenlegen und fördern. Was die schlechte und gute Nachricht zugleich darstellt. Die Verantwortung muss zwar übernommen werden, aber die Freiheit der Gestaltung ist dabei offen. Alle sind hier gefordert. (In Freiburg gibt es seit einige Monaten ein zivilgesellschaftliches Angebot, das alle Bürgerinnen und Bürger einlädt, diese Zwischenräume gemeinsam und regional zu gestalten.) Die langfristige, regionalgesellschaftliche Aufgabe lautet somit, sich neu zu entdecken und zu erfinden, interdisziplinär gestaltendend, im kulturellen Wandel.

Bildschirmfoto 2018-11-03 um 14.31.05„Soziale Netzwerke eignen sich nicht für Diskussionen.“ Diese Meinung ist weit verbreitet und resultiert aus den Erfahrungen, die jeder selbst schon mal bei Debatten in Social Media gesammelt hat. Begründet wird das oft mit dem Fehlen von Mimik, Gestik oder dem Ton des Gegenübers und der Reduzierung der Kommunikation auf die Schrift. Oder einer enthemmenden Anonymität und veränderten Öffentlichkeit. Die Bewertung, soziale Netzwerke würden sich für Diskussionen nicht eignen, lädt aber auch ein, sich dem Diskurs zu entziehen oder sich von der Verantwortung (bezüglich einer Beteiligung oder dem Verlauf einer Debatte) freizusprechen und unterliegt meiner Meinung nach einem Denkfehler: Es wird zwar wahrgenommen, dass die Möglichkeiten der Kommunikation sich wandeln, es wird aber (gedanklich) daran festgehalten, dass die Kommunikation selbst dabei unverändert bleiben soll.

Es wird mehr und anders kommuniziert, weshalb der Kommunikation im kulturellen Wandel eine entscheidende Rolle spielt. Wie eine adäquate Anrede oder Grußformel am Ende eines Briefes auszusehen hat, habe ich vor ca. 30 Jahren in der Schule gelernt. Weder eine solche klare und einheitliche Etikette noch das gemeinsame Erlernen existieren heute für die Kommunikation in Social Media, weil es u.a. in Schulen nicht stattfindet oder jedes soziale Netzwerk eigenen Regeln unterliegt. Beispielsweise duzen sich bei Twitter die meisten Nutzerinnen und Nutzern untereinander, unabhängig von Bekanntheit, Amt oder Titel. (Was mir das Netzwerk besonders sympathisch macht.) Das Sie wird (zumindest in meinem Umfeld) eher bei einem Streit mit Unbekannten ausgepackt. Eine sich immer schneller ändernde Technik, Wirkung und Anwendung erschwert, dass ein allgemeiner Konsens gefunden und etabliert wird. Auch der Einfluss der Plattformbetreiber selbst, ist in diesem Kontext nicht zu unterschätzen. Es sind in den letzten Jahren schließlich ausreichend Fälle öffentlich und kontrovers diskutiert worden, die belegt haben, dass nicht alle die Auffassung von Facebook teilen, was als gesellschaftlich akzeptabel oder nicht bewertet werden soll.

Wenn Diskussionen über soziale Netzwerke nicht funktionieren, kann das auch bedeuten, dass bereits vorher bestehende kommunikative Defizite vorhanden waren und nun nur sichtbar werden oder dass schlicht die Vorstellungen, wie eine erfolgreiche Kommunikation zu verlaufen hat, voneinander abweichen. Vielleicht trägt auch die überholte Auffassung, Medien seien nur ein Transportmittel, zum Missverständnis sozialer Netzwerke bei. Wer über Social Media diskutieren möchte, wird mit der reinen Übertragung bisheriger Verhaltensmuster scheitern. Neues Wissen und weitere Kompetenzen sind gefragt. Es handelt sich hierbei auch um keine (rein) schulische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Ein gemeinsamer Prozess mit und über Social Media. Immer wieder die eigene Kommunikation selbst und mit Freunden oder Bekannten zu reflektieren, hilft (allen) dabei. (Mich persönlich interessieren zunehmend psychologische Aspekte wie FramingProjektion oder Reaktanz.) Das wird unbequem und langer dauern, aber ist Teil des der Digitalen Transformation. 

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Bildschirmfoto 2018-10-23 um 17.29.53Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.