Am 06.02.2025 durfte ich beim Abendprogramm der Gesichter gegen Rechts-Ausstellung einen kurzen Redebeitrag beisteuern. Weil Personen ihn nachlesen wollten, wird er hier veröffentlicht.
Bildung im Kampf gegen den Faschismus und für eine starke Demokratie
Zuerst möchte ich erklären, was mit Bildung, Faschismus und starker Demokratie gemeint ist, weil sich Menschen hier aus Erfahrung unterschiedliche Dinge vorstellen und eine gemeinsame Idee und Grundlage uns hilft, uns besser zu verstehen. Und weil ich Lehrer bin und es gelernt habe, auf Fragen zu antworten, werde ich auch heute Fragen beantworten. Und zwar die, die Lehrer am liebsten mögen: die eigenen.
Was ist mit Bildung gemeint?
Bei „Bildung“ denken die meisten Menschen an Schule, Unterricht und lernen. Wenn es aber darum geht, als Gesellschaft gegenüber autokratischen Kräften und Faschismus wehrhaft sein zu können, kann und muss Bildung als lebenslanges Lernen verstanden werden. D.h., es betrifft uns alle, unabhängig vom Alter, Beruf oder anderen Kriterien und Rollen, die wir in einer Gesellschaft erfüllen. Und weil auch der Faschismus dazugelernt und sich weiterentwickelt hat, müssen auch wir immer wieder Neues lernen. Auch bei der Frage, was eine starke Demokratie in der heutigen Zeit auszeichnet und benötigt.
Was ist mit Faschismus gemeint?
Bei „Faschismus“ denken viele in der Regel an Hitler und die NS-Zeit, an SA-, SS-Uniformen und alle anderen Bilder, die sich über die Schulzeit, Dokumentationen oder Filme in den Köpfen eingebrannt haben. Faschismus ist etwas Altes, das es zwischen 1919 und 1945 gab. Diese Ideologie, Vorstellung der Welt, die von Nationalismus und Rassismus geprägt ist, war aber nie weg. Sie war nur leiser, verdeckter und wurde ignoriert oder sollte sogar ignoriert werden. Als sei Faschismus ein Problem, das man nur an die Vergangenheit kleben müsse, um damit sei alles erledigt.
Und so erleben wir heute auf unterschiedlichen Kontinenten und in verschiedenen Ländern Autokratien, die eine faschistische Idee wiederbeleben, ihr folgen und die Gewaltenteilung stark eingeschränkt oder sogar abgeschafft haben. Demokratien sind weltweit in Gefahr. Ob in den USA, Österreich oder Deutschland. Die Meinung, es bräuchte eine starke Führung, die in einer komplexen Welt mit komplexen Problemen einfache (vermeintliche) Antworten liefert, hat eben eine lange Geschichte. Eine, die an zu vielen Stellen nie ehrlich und vertieft aufgearbeitet wurde und sich deshalb zu wiederholen droht.
Was bedeutet starke Demokratie?
„Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt“ hat mal Gustav Heinemann gesagt, der dritte Bundespräsident der BRD. In einer starke Demokratie würde man somit nicht erkennen können, wer die schwächsten Glieder der Gesellschaft wären. Denn sie wäre sozial gerecht und die Würde jedes Menschen wäre tatsächlich unantastbar. Eine starke Demokratie baut nicht auf Konkurrenz und Ausgrenzung, sondern ist daran interessiert, dass wir es alle schaffen. Sie wird von vielen und vielfältig definiert und nicht von wenigen und einfältig. Eine starke Demokratie ist, was auch ihr sagt (und nicht nur der Lehrer).
Was begünstigt oder hilft dem Faschismus?
Stellt euch vor, man würde euch weder fragen noch dürftet ihr mitbestimmen, wann, was und wie viel ihr essen oder trinken sollt, ob und wann ihr aufs Klo gehen dürft, wie eure Stadt gebaut werden soll, wer regiert, ob und von wem ihr angefasst und geküsst werden dürft oder wo ihr wohnen sollt. Das beschreibt die Lebensrealität junger Menschen, in der Schule und Zuhause und nennt sich Adultismus. Junge Menschen werden als „unfertige Erwachsene“ gesehen und behandelt.
Sie erfahren keine Gleichwertigkeit und lernen von klein auf, dass ein starkes Machtungleichgewicht und Machtmissbrauch „normal“ sind, weil sie es täglich mehrfach erleben. Junge Menschen werden zum Funktionieren erzogen. Keine Zeit für Fragen, ihre Frage, ihre Wünsche, ihre Ideen einer starken Demokratie. Wer gut funktioniert, wird belohnt und alles andere wird als Störung definiert, ob Handlung oder Mensch. Was in der Schule gelernt wurde, dient auch als Logik in der Arbeitswelt. Funktionieren. Keine Zeit, für eigene Fragen, eigene Wünsche und Ideen einer starken Demokratie.
Und dann gibt es noch das populäre Missverständnis der „Neutralität“, die ironischerweise im Medienbetrieb auch vermehrt als Begründung verwendet wird, um Menschenfeindlichkeit mehr Raum und Sendezeit zu geben, weil Klicks zählen und diktieren. Gar nicht so neutral, lässt der Höchststand der Straftaten aus rassistischen Gründen vermuten. Aber auch Schulen, Verwaltungen, Unternehmen usw. strapazieren gerne den Hinweis, immer „neutral“ sein müssen. Dabei wird oft der Denkfehler begangen oder bewusst gestärkt und verbreitet, Politik mit Parteien gleichzusetzen. Auch das, stärkt autokratische Kräfte: Die weit verbreitete und tief verankerte Vorstellung, Politik und Demokratie sei nur etwas, das andere für einen erledigen und man selbst sei lediglich Zuschauer*in.
Politik und vor allem Demokratie sind aber weitaus mehr als Parteien und Wahlen. Und natürlich ist ALLES politisch. In welche Schule und Schulart unsere Kinder gehen oder nicht, was wir sagen und kaufen oder nicht, essen und trinken oder nicht, wo und wie wir wohnen und arbeiten oder nicht, auch wen wir lieben oder nicht. Sogar, wer hier ist, ob und wer darüber berichtet, was hier diese Woche stattfindet oder nicht. (Zwinkersmiley in Richtung Dita Whip.)
(Es ist auch politisch, dass ich erst heute um 14 Uhr zum ersten Mal Zeit hatte, mich hinzusetzen, um diesen Vortrag zu schreiben. Und, dass ich ihn selbst geschrieben und nicht ChatGPT gebeten habe; weshalb mir auch die Zeit fehlte, mich zu rasieren.)
Eigene Regieanweisung: Pause für Applaus, Würdigung und das Verzeihen meines unrasierten Kopfes. Dankbar verneigen.
Wir denken, handeln, sind stets politisch. Wir entscheiden mit, in welcher Gesellschaft wir leben und leben wollen. Und um alle Missverständnisse auszuschließen: Es gibt keine Neutralität gegenüber Faschismus oder Menschenfeindlichkeit. Hier gilt die einfache und für alle verständliche Regel: Wer schweigt, stimmt zu.
Was begünstigt oder hilft einer starken Demokratie?
Spätestens seit der CORRECTIV-Recherche und den darauf folgenden historischen Demonstrationen, die über viele Monate Millionen von Demokrat*innen bundesweit auf die Straßen gebracht hatte, war die Erkenntnis der Notwendigkeit und eine Bereitschaft, gegen die Deportationspläne und den drohenden Faschismus kämpfen zu wollen, deutlich sichtbar. Auch nach den aktuell und zunehmend offenen, rassistischen Aussagen eines Kanzlerkandidaten und dem Schulterschluss mit Faschist*innen im Bundestag, hat sich nicht nur in Freiburg wieder gezeigt, dass die Demokratie bundesweit verteidigt wird.
Eine starke Demokratie kann aber nicht allein aus dem Widerstand gegenüber dem Faschismus entstehen. Es braucht ein gemeinsames, neues und verbindendes gesellschaftliches Bild, wie alle in Würde zusammen leben können. Manchmal hilft es, das Gegenteil als Ausgangspunkt zu wählen, um zu erkennen, wohin man steuern möchte und muss. Und wenn Hass Faschist*innen eint, sollte klar sein, wohin eine starke Demokratie lenken sollte. Vor wenigen Tagen hatte ich von der Süddeutschen Zeitung eine Kachel bei Instagram in meiner Timeline, bei der die Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi gefragt wurde, ob sie nicht manchmal Hass verspüre. Ihr Antwort lautete: „Nein. Hassen kann ich nicht, weil ich so viel Liebe von meinen Eltern bekommen habe.“ Liebe ist eine starke, wirksame Antwort auf den Faschismus.
Liebe erfordert in der Absicht und Handlung Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe, Vertrauen und eine ehrliche und offene Kommunikation. Eine Gesellschaft, die sich daran orientiert, ist solidarisch, gerecht und frei.
Es braucht aber auch eine andere Erzählung und Rolle von Menschen in einer Demokratie. Eine, in der sich Bürger*innen, unabhängig vom Alter, Einkommen oder sonstigen Merkmalen, an möglichst vielen Stellen als selbstwirksam erleben können. Eine, die Vielfalt als Lösung versteht und nicht als Problem definiert, weil Vielfalt durch ihre verschiedenen Blickwinkel und ihr unterschiedliches Wissen erst ermöglicht, komplexe Probleme zu lösen, vor denen wir stehen und die nicht verschwinden werden, auch wenn wir die Augen verschließen oder auf vermeintliche Schuldige zeigen.
Eine starke Demokratie braucht Raum, in dem sie gemeinsam gedacht und ausgehandelt werden kann. Dieser Raum ist ein solcher. Danke dafür, dass er geschaffen wurde und ich einen kleinen Teil dazu beitragen durfte. Eine starke Demokratie bedeutet auch, es nicht bei diesem Raum zu belassen und dass alle, die hier sind oder nicht, ebenfalls einen Raum der Begegnung schaffen können und müssen, wenn wir es alle irgendwie schaffen wollen. Lasst euch dabei von Liebe leiten. Sie ist immer Teil einer, wenn nicht die Lösung.
Vor wenigen Tagen wurde von der Social Media-Abteilung der Polizei Freiburg bei Facebook ein Beitrag gepostet, der die Betrugsmasche thematisierte, bei der das Profil eines Prinzen aus Nigeria oder das einer attraktiven Slawin zu Personen via Mail Kontakt aufnehmen, um sie dazu zu bewegen, ihnen Geld zu überweisen. Weil der Beitrag auf einer rassistischen Idee basierte, diese reproduzierte und stärkte, wies ich mit einem Kommentar darauf hin. Was danach geschah, eignet sich gut, um aufzuzeigen, was Rassismus ist, wie er funktioniert, wirkt und genutzt wird. Dieser Text soll und kann helfen sichtbar zu machen, was für viele Menschen noch unsichtbar ist, um sich einem gleichberechtigten Miteinander und würdevollem Leben für alle zu nähern.
Was passiert ist
Auf der Facebook Seite der Polizei Freiburg wurde am 30. Oktober morgens folgender Text gepostet:
Zu diesem Text haben sie folgendes Bild mit einer KI erstellt, bearbeitet und gepostet:
(Ich stelle das Bild hier bewusst in zwei Teilen dar, um seine Verbreitung als Sharepic nicht zu begünstigen, aber dennoch die Kritik daran zugänglich und verständlich machen zu können. Außerdem wird dadurch deutlicher, dass und wie der hinzugefügte Text eine zusätzliche Bedeutung entfaltet.)
Folgenden Hinweis habe ich daraufhin als Kommentar gepostet:
Weshalb basiert der Beitrag auf einer rassistischen Idee und reproduziert sie?
Hier gibt es verschiedene Ebenen. Den Beitrag selbst, den Beitrag im Kontext der anderen Beiträge des Facebook-Accounts der Polizei Freiburg und die Reaktionen auf meinen Hinweis.
Weshalb ist der Beitrag an sich problematisch?
1. Verwendung stereotypischer Bilder: Es wurden vereinfachte, verallgemeinernde und klischeehafte Darstellungen gewählt. So entstehen häufig Vorurteile und unreflektierte Wiederholungen in den Medien und der Gesellschaft.
2. Verstärkung von Vorurteilen: Indem die Polizei diese Stereotype nutzt, werden bereits bestehende Vorurteile gegen schwarze Menschen gestärkt. Es entsteht die Botschaft, dass Menschen mit bestimmtem Aussehen oder aus bestimmten Regionen eher zu betrügerischen Absichten neigen, was die Diskriminierung gegenüber diesen Gruppen verstärken kann.
3. Fehlende Sensibilität im Umgang mit Betrugsaufklärung: Die Polizei versucht zwar, über eine Form von Betrug aufzuklären, aber die gewählte Darstellung verfehlt eine sachliche Aufklärung und konzentriert sich stattdessen auf überzeichnete Stereotype. Es wäre möglich gewesen, allgemeine Hinweise zu geben, ohne bestimmte Ethnien oder visuelle Klischees einzubeziehen. Eine neutrale Darstellung ohne Bezug zu Hautfarbe oder Herkunft wäre zielführender und sensibler gewesen.
Das sind wesentliche Punkte, die ich später noch ergänzen werde. Zunächst möchte ich aber ein paar Gedanken zum Bild teilen.
Wer ein Sharepic erstellt und im Netz veröffentlicht, muss damit rechnen, dass es sich (wie jeder Content) unkontrolliert verbreiten und aus dem Kontext gerissen werden kann. Deshalb ein kleines Gedankenexperiment: Was wäre, wenn ein A*D-Account dieses Sharepic (ohne eigenen, zusätzlichen Text) posten würde? Wie würde das verstanden werden und wirken? Die Antwort darauf, weshalb das Sharepic dort gut funktionieren würde, hat ChatGPT oben bereits geliefert: Die rassistischen Stereotype decken sich mit der rassistischen Erzählung der A*D. Hier wird auch deutlich, dass und wie der Text der Polizei Freiburg im Sharepic s|eine eigene Wirkung entfaltet und einen problematischen Kontext erstellt. (Das gleiche Sharepic, ohne den Text der Polizei Freiburg darauf, würde als A*D-Beitrag allein nicht so gut funktionieren.)
Nun aber ein paar Aspekte zur zweiten Ebene, dem Posting im Kontext anderer, vorheriger Beiträge und das fortsetzend mit einer Auseinandersetzung mit dem KI-generierten Bild. Seit Jahren folge ich dem Account Polizei Freiburg und nehme die Beiträge in meiner Timeline regelmäßig wahr. (Über meine ehrenamtliche Arbeit bei D64 setze ich mich mit einer zivilgesellschaftlichen Perspektive u.a. mit der Social Media-Arbeit von Politik, Verwaltung, Medien und Wirtschaft kritisch auseinander.) Deshalb fiel mir auch sofort eine Besonderheit zu allen bisherigen Visualisierung auf.
Auf diesen Screenshots der letzten Beiträge des Facebook-Accounts Polizei Freiburg wird offensichtlich, was üblicherweise nie zu erkennen ist, wenn es sich um Beiträge handelt, mit denen auf etwas Problematisches oder Kriminelles aufmerksam gemacht werden soll: Gesichter.
Alle Personen, sowohl Polizist*innen als auch Täter*innen und auch Opfer, werden immer aus einer Perspektive dargestellt, die keinen Blick auf ihr Gesicht zulässt oder sie tragen Kapuzen, Masken oder verdecken ihr Gesicht auf eine andere Weise. Oft wird auf eine Darstellung der Täter*innen ganz verzichtet. Das ist kein Zufall, sondern folgt einer bestimmten Logik, die sehr wahrscheinlich Schutz und einen sensiblen Umgang beabsichtigt.
Weshalb fiel der hier kritisch diskutiere Beitrag der Polizei Freiburg nicht in ihr bisher klares Raster? Weshalb entschied man sich in diesem einen Fall für ein Bild mit Gesichtern? Zumindest ist eine Sache unbestritten: Es wurde hier etwas anders gehandhabt als alle andere zuvor.
Eine mögliche und wahrscheinliche Antwort auf das Weshalb findet sich in der „Meistererzählung“, die Gilda Sahebi in ihrem Buch Wie wir uns Rassismus beibringen erläutert. Es geht bei dem Begriff bzw. der Idee dabei um dominante, gesellschaftlich verbreitete Geschichten oder Erklärungen, die eine bestimmte Sichtweise auf die Welt vermitteln und oft als objektive Wahrheit oder Norm betrachtet werden. Diese Erzählungen prägen die kollektive Wahrnehmung und beeinflussen unser Verständnis von Geschichte, Kultur, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen.
Gilda Sahebi nutzt den Begriff „Meistererzählung“, um auf Muster in Erzählungen hinzuweisen, die bestimmte Vorurteile und Machtstrukturen zementieren und marginalisierte Gruppen systematisch benachteiligen. Solche Meistererzählungen können etwa sein, dass bestimmte ethnische Gruppen eher zu Kriminalität neigen, dass Migration immer eine Bedrohung darstellt, oder dass westliche Kultur anderen Kulturen überlegen ist. Genau das leistet das Posting der Polizei Freiburg. Sie erzählt in ihrem Beitrag eine Geschichte und lässt sie durch Gesichter und Namen zusätzlich realer wirken. Auch das ist eine Besonderheit und wird sich bei anderen Beiträgen nicht finden.
Deshalb ist es wichtig, solche Erzählungen zu dekonstruieren und eine differenzierte Sichtweise einzunehmen, um alternative Erzählungen zu schaffen, die inklusiver sind und die Realität besser widerspiegeln, ohne Vorurteile und Stereotype zu verstärken. (Es gibt keine Geschichte mit einem Bild von einem fiktiven Jürgen, der seine Frau verprügelt und das vor Gewalt warnt, die von Männern ausgeht und wo das Deutschsein oder in Deutschland zu wohnen, eine Relevanz erhält bzw. seine Gewalt erklärt. Da wird in der Meistererzählung in der Regel von einem Familiendrama gesprochen oder psychischen Problemen, bedingt durch viel Stress oder traumatische Erfahrungen.)
Reaktionen auf meinen Hinweis
Hier möchte ich unterscheiden zwischen den Reaktionen des Facebook-Accounts der Polizei Freiburg und mir bekannten und unbekannten Personen.
Social Media-Team der Polizei Freiburg
Ein Grund, weshalb ich dieses Mal meinen Hinweis als Kommentar hinterlassen habe, ist die Tatsache, dass es sich um eine staatliche Institution handelt und als solche in der zu Beginn aufgeführten Machtstruktur eine wesentliche Rolle spielt. Außerdem geht es um eine Facebook-Seite mit über 52 000 Abonnent*innen, die viele Menschen im Raum Freiburg erreicht und lesen. Auch hier möchte ich darauf hinweisen, dass natürlich auch bei Facebook ein Machtgefüge besteht. Ich trete allein als einzelner Bürger auf, mit ca. 2300 „Freunden“ (wobei ein ordentlicher Teil davon im ehemaligen Jugoslawien oder Finnland lebt und kein Deutsch spricht). Der Account der Polizei vertritt eine Behörde und genießt damit auch ein gewisses Ansehen und wird als seriös, sachlich wahrgenommen.
Mit folgendem Kommentar reagierte das Social Media-Team (wie viele und welche Personen das betrifft, bleibt unklar):
Es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben, auf meinen Hinweis zu reagieren: den Beitrag löschen, intern diskutieren und klären, wie man damit umgehen möchte; ob der Beitrag erneut gepostet werden soll und falls ja, wie oder aufgreifen, etwas nicht gesehen und bedacht zu haben. Man hätte auch ein wenig Zeit investieren können, wer das sagt, um daraus eine Expertise und Absicht ableiten zu können. Es braucht nur einen Klick auf meine verlinkte Website, um sich dazu zu informieren. (Ein wichtiger Unterschied besteht auch darin, dass das Social Media-Team hier beruflich agiert und ich privat.) Es wurde entschieden, zu antworten, dem Beitrag an sich und meinem Kommentar mehr Aufmerksamkeit zu geben und meinen Hinweis zu ignorieren.
„Wir stellen hier also nichts als die Realität dar, damit sollte man im Jahr 2024 klarkommen können. Und ja, die Kriminellen haben es explizit auf „reiche“ Deutsche abgesehen. Dass sie damit auch mal eine arme Rentnerin treffen, die sie um ihre gesamtes Erspartes bringen, ist ihnen völlig egal.“
Dieser Teil der Reaktion macht besonders deutlich, wie Rassismus, Machtstrukturen und die Meistererzählung funktionieren. Was hier die Realität sein soll und welche Geschichte wie erzählt wird, entscheidet das Social Media-Team der Polizei Freiburg. Wenn sie schreibt, dass es Kriminelle auf Deutsche abgesehen haben und man sich dazu ihr KI-generiertes Bild ansieht, kommt die Botschaft an, wer die Kriminellen sind bzw. wie sie aussehen. Mit der Namensauswahl von Akeem und Svetlana wird auch sprachlich definiert, wer fremd ist und wer (reiche) Deutsche sein können. Es gibt sicher auch Kriminelle, denen es egal ist, dass auch mal eine arme (deutsche) Rentnerin, um ihr Erspartes gebracht wird. Das ist weder ein sachlicher noch relevanter Beitrag an dieser Stelle. Alles, was er leistet, ist hier bewusst eine Realität zu zeichnen, die bestimmte Emotionen (bei Mitlesenden) erzeugt.
(Weil immer wieder erklärt wurde, dass die Kriminellen sich selbst als „afrikanischer Prinz” oder “russisches Model” ausgeben und beschreiben würden, habe ich meinen Spam-Ordner nach solchen Scams abgesucht und im Oktober eine Mail von Mara Schulte gefunden, bei der ich noch eine offene Zahlung habe, eine von J. Walter Booth, der mir finanzielle Hilfe anbietet, eine von Beate Haupert, bei der ein Entschädigungsfond in Höhe von 950.000 Euro auf mich wartet oder eine von Maxim Lang, der mich bittet, meine 20.000 Euro abzuholen. Mit Akeem und Svetlana wurde eine Auswahl getroffen, die in der Sache nicht relevant ist, aber rassistische Narrative stärkt.)
Das meint „Die Unsichtbarkeit verhindert eine gemeinsame Grundlage für Debatten und notwendige Veränderungen“. Ich glaube ihnen, dass sie die kritischen Aspekte, die ich aufgeführt habe, nicht nachvollziehen können. Weshalb das so ist, sollte mittlerweile verständlich sein. Hinzu kommt aber ein weiterer problematischer Aspekt, der durch ihren Kommentar hier transparent wird: Ihre Aufgaben und Ziele, die sie mit ihrem Account bei Facebook verfolgen. Was sich beobachten lässt, ist, dass behördliche (und auch Accounts in anderen Kontexten) durch den Fokus auf Reichweite die eigentliche Sache aus dem Blick verlieren.
Zum Beispiel bringen Beiträge mit Bildern scheinbar mehr Reichweite, weil erfahrungsgemäß mehr Menschen damit interagieren. Weshalb wahrscheinlich das Social Media-Team der Polizei Freiburg jeden Beitrag bebildert. Was Reichweite in sozialen Netzwerken bringt, sind Verkürzungen komplexer Sachverhalte und Polarisierungen. (Was das KI-generierte Bild geleistet hat.) Was ist, wenn die Logik sozialer Netzwerke den Aufgaben und Zielen der Polizei widerspricht? Erfordert eine gute Kommunikation einer staatlichen Institutionen nicht, zu differenzieren und den Umgang mit Komplexität zugänglich zu machen? (Was soziale Netzwerke nicht begünstigen.)
Nachdem sich ein paar Menschen meiner Kritik am Beitrag angeschlossen und sich bei der Polizei gemeldet hatten, wurde das ursprüngliche Bild entfernt, gegen ein anderes ausgetauscht und der Text zum Beitrag u.a. mit einem Disclaimer verändert:
Wozu hat das geführt? Während der Beitrag durch die vielen Interaktionen vom Algorithmus mit Reichweite belohnt wurde, wurde meine Kritik weiterhin vielen angezeigt, konnte aber ab dem Zeitpunkt, wo das Bild ausgetauscht wurde, nicht mehr richtig nachvollzogen werden. Deshalb ist es in solchen Fällen in sozialen Netzwerken ein übliches und seriöses Vorgehen, einen Beitrag zu löschen und einen neuen zu teilen oder zumindest die Veränderung prominent zu begründen. Hier entschied man sich für zweiteres. Nur, dass keine Notwendigkeit einer Veränderung eingestanden wurde, sondern der Druck von „einigen Personen“ als Begründung aufgeführt wurde. Kurz: Wir sehen da kein Problem, aber ein paar andere.
Die Betrachtung der Machtstrukturen, wie sie genutzt werden und wirken, ist im Umgang mit Kritik beim Thema Rassismus nicht unerheblich: Es wurde also eine Lage erzeugt, bei der Kritik nicht mehr nachvollzogen werden kann, aber Kritiker prominent im Disclaimer markiert werden. Aus der täglichen Arbeit bei Facebook ist der Person oder den Personen (noch einmal: die das beruflich machen) das alles bewusst. Dass und welche Gedanken sie sich zur Sichtbarkeit und Reichweite machen, zeigt allein ihr Kommentar davor. Viele Menschen haben gelesen und verfolgt, wer was geschrieben und wie reagiert hat. Die Botschaft, wie man mit Kritik umgeht und wer das Problem ist, kam unbewusst und bewusst an. Wie viele von Rassismus Betroffene, werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie in Zukunft etwas sagen?
Weitere Einblicke, wen der Beitrag anspricht und was er für Ideen und Aussagen begünstigt oder fördert, liefert ein Blick in die Kommentarspalten und die (fehlende) Moderation bzw. Duldung:
Rassismus spricht Menschen Individualität ab und stellt sie als Teil einer homogenen Masse dar. Das macht es (psychologisch) leichter, negative Eigenschaften auf sie zu projizieren und sie als etwas Bedrohliches (unbekannte Masse, die gefährlich wirken und Angst auslösen kann) zu kommunizieren, abzuwerten oder zu hassen.
Von wo hier Applaus geerntet wird und dass die Messerstechereien und Gruppenvergewaltigungen genannt werden, ist kein Zufall. Dass solche Kommentare ohne jegliche Einordnung stehengelassen werden, ist Teil des Problems (von Rassismus) und verdeutlicht das Verständnis der zuständigen Personen. Es kann nicht oft genug gesagt und betont werden: alles ist politisch. Auch diese Kommentare und die fehlende Moderation sind und wirken politisch.
Das gilt auch für die Kommentare, die sich an mich richten:
Das ist zwar alles nicht strafrechtlich relevant. Menschlich und politisch aber schon. Zumindest ein Verweis auf eine Netiquette wäre hier angebracht. Es wird aber eine bestimmte Kultur toleriert und, wenn man ehrlich ist, sogar gefördert.
Diese Kommentare führen zum letzten Aspekt, auf den ich hier noch eingehen möchte. Auf meine Nachfrage, mit wem ich kommunizieren würde, wurde mir geantwortet, aus gutem Grund ohne Namenskürzel zu schreiben: um sich vor Hass und Hetze gegen ihre Person und Familien im Netz zu schützen. Was ist dann mit meinem Schutz und meiner Familie? Hinzu kommt, dass ich vor Jahren diesen Account der Polizei Freiburg um Unterstützung bat und auf Schutz hoffte, als ich eine anonyme Mail erhielt, bei der mir im rassistischen Kontext gedroht wurde, mich zu zertreten und unseren Wohnblock nachts anzuzünden. Eine Antwort erhielt ich nie.
Eine Behörde, die Beiträge im Netz teilt und auch weiterhin nicht kritisch sieht, die rassistische Erzählungen stärken, trägt nicht zum Schutz aller Bürger*innen bei.
Was „wir“ sehen, entscheidet wer „wir“ ist und werden
Die unsichtbare Seite des Rassismus ist eine der größten gesellschaftlichen Hürden, die es zu überwinden gilt. Das Unsichtbare erschwert den von Rassismus Betroffenen das Leben doppelt, indem sie ihm ausgesetzt sind und Erfahrungen abgesprochen oder Hinweise relativiert oder ignoriert werden. Die Unsichtbarkeit verhindert eine gemeinsame Grundlage für Debatten und notwendige Veränderungen. Rassismus sichtbar zu machen, ist das Ziel meiner Hinweise und dieses Beitrags. (Dass Hinweise, wie Vorwürfe verstanden werden, ist ein Teil von Rassismus. Weshalb das so ist und wie sich das ändern lässt, ist am Ende hoffentlich klarer.) Er richtet sich somit an die, die lernen, erkennen und verstehen möchten, für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft.
Unsichtbar ist Rassismus dann, wenn die Betroffenen-Perspektive oder das notwendige Wissen fehlen. Was auf die meisten Menschen (noch) zutrifft. Um das notwendige Wissen zu erlangen, benötigt es eine dauerhafte und vertiefte Auseinandersetzung. Wobei dem Wissen ohne die Betroffenen-Perspektive immer etwas fehlen wird (das mit Empathie und ähnlichen Perspektiven nicht vollständig, aber gut kompensiert werden kann) und die Betroffenen-Perspektive ohne das Wissen nicht ausreicht. Das erklärt übrigens, weshalb auch Betroffene rassistische Aussagen und Handlungen als solche nicht erkennen und werten können. (Das doppelt Perfide daran ist, dass dieses Defizit ein Resultat rassistischer Strukturen und Prozesse ist und dass diese Tatsache wiederum als Beleg missverstanden und genutzt wird, um zu behaupten, dass etwas nicht rassistisch gewesen sein kann, weil das sogar Betroffene sagen würden.)
Rassismus ist eine Machtstruktur, die unser Denken und Handeln bestimmt und sich durch ihre Unsichtbarkeit erhält und verbreitet. Ausnahmslos jede Person lernt und verinnerlicht von klein auf Rassismus. (Solange er für die meisten Menschen unsichtbar bleibt, kann er nicht dekonstruiert und angegangen werden.) Das geschieht alltäglich bewusst und unbewusst über Beobachtungen, Erfahrungen und Wertungen. Deshalb denkt und handelt jede Person immer wieder rassistisch, was im Gegensatz zum sehr populären und stark wirkenden Missverständnis steht, es gäbe im privaten oder beruflichen Umfeld bzw. in irgendeiner Institution, Organisation oder sonstigen Gruppierung keinen Rassismus. Wenn z.B. jemand in die Straßenbahn steigt, dessen Erscheinungsbild dem ähnelt, was medial-politisch seit vielen Jahren als „krimineller Flüchtling“ beschrieben wird und ich reflexhaft an meine Gesäßtasche und den Geldbeutel greife, ist das eine Folge von Rassismus.
Ja, ich mache diese Bewegung tatsächlich, habe sie lange Zeit unbewusst gemacht und arbeite daran, sie mir abzugewöhnen. Wer sensibilisiert ist und darauf achtet, wird im Alltag unzählige Male rassistische Aussagen oder Handlungen (bei sich und anderen) erkennen. Das anzusprechen, zu diskutieren und gemeinsam an Veränderungen zu arbeiten, ist notwendig. Wann es thematisiert und darauf hingewiesen wird oder nicht, hängt oft davon ab, wer, wann und was sagt oder macht und ob man die Kraft und Lust hat, einen Austausch zu suchen oder ob und wie erfolgreich man den Verlauf einschätzt. Der Facebook-Account der Polizei Freiburg und mein hinterlassener Kommentar gehören in diesen Zusammenhang.
Dominanzkultur
Es ist kein Zufall, dass sich Männer (und Frauen) der Mehrheitsgesellschaft (Gruppe in der Gesellschaft, die kulturell, sozial oder ethnisch die Mehrheit bildet und die Normen, Werte und Machtstrukturen prägt; kurz: nicht Akeem und Svetlana), die mir geschrieben oder geliket haben, um mir zu erklären, dass ich mich verrannt hätte, falsch liegen oder sogar false racism betreiben würde. Hier möchte ich ihre Reaktionen in den Mittelpunkt rücken, bezüglich der Machtstrukturen von Rassismus beleuchten und erklären, weshalb es eine Rolle spielt, wer und wie bei diesem Thema antwortet (und wer nicht) und weshalb Dominanzkultur das erklärt.
Bell Hooks verwendet den Begriff „Dominanzkultur“, um eine Gesellschaft zu beschreiben, die auf Hierarchien und Machtstrukturen basiert und in der bestimmte Gruppen andere dominieren. Diese Dominanzkultur ist durch Systeme wie Rassismus, Sexismus, Klassismus und andere Formen von Diskriminierung geprägt, die bestimmte Gruppen privilegieren und andere benachteiligen. Die Dominanzkultur ist tief in den gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verankert und beeinflusst unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln.
Was erklärt, dass in der Regel Privilegierte bei Hinweisen auf Diskriminierungen widersprechen oder den Drang verspüren und die Notwendigkeit sehen, widersprechen zu müssen. Zum einen ordnen sie ihre Stimme als bedeutend ein, die Aufmerksamkeit verdient. Hier gilt: Je höher in der Hierarchie, desto dominanter der Auftritt. Zum anderen sollen damit die Machtstrukturen erhalten werden. Soziale Netzwerke machen diese Dynamik besonders transparent, wenn eine auf Rassismus bezogene Privilegierte Person schreibt, dass es sich nicht um Rassismus handle und andere ebenfalls Privilegierte liken und die Machtstrukturen bestätigen.
Dass Hinweise auf rassistische Handlungen und Aussagen oft als belehrend und missionarisch wahrgenommen werden, liegt u.a. daran, dass allgemein oft angenommen wird, bereits genug über Rassismus zu wissen und es sich um ein Problem handelt, das Privilegierte als ein (verständlicherweise) unangenehmes Thema sehen, das sie ausblenden können und möchten. Von Rassismus Betroffene haben leider nicht dieses Privileg. Für sie hat Rassismus keine Pause-Taste zu bieten.
Zur Dominanzkultur zählt auch das Selbstverständnis von Privilegierten, sich nicht selbst mit Rassismus auseinandersetzen und Bücher lesen zu müssen, sondern sich alles über Rassismus erklären zu lassen. Nicht selten von Betroffenen. Dass sie die Bildungsarbeit von Privilegierten für Privilegierte leisten müssen, deckt sich mit der Logik der Machtstrukturen. Auch das von Privilegierten oft geäußerte „Mich überzeugt das nicht.“, bei Debatten über Rassismus, stellt die Machtverhältnisse klar. Diese Dynamik ist für Betroffene unglaublich belastend, weil sie sich ständig erklären müssen und es (aufgrund der Machtstrukturen) doch nie ausreichend können werden. Es wird ihre Zeit und Kraft gebunden und ist eine weitere Funktion von Rassismus, wie schon Toni Morrison treffend beschrieb:
“The function, the very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being. Somebody says you have no language and you spend twenty years proving that you do. Somebody says your head isn’t shaped properly so you have scientists working on the fact that it is. Somebody says you have no art, so you dredge that up. Somebody says you have no kingdoms, so you dredge that up. None of this is necessary. There will always be one more thing.”
„Die Funktion, die sehr ernste Funktion von Rassismus ist Ablenkung. Er hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Er zwingt dich immer wieder dazu, deinen Daseinsgrund zu erklären. Jemand sagt, du hättest keine Sprache, und du verbringst zwanzig Jahre damit, zu beweisen, dass du eine hast. Jemand sagt, dein Kopf sei nicht richtig geformt, also arbeiten Wissenschaftler daran, das Gegenteil zu beweisen. Jemand sagt, du hättest keine Kunst, also gräbst du danach. Jemand sagt, du hättest keine Königreiche, also gräbst du danach. All das ist nicht notwendig. Es wird immer noch etwas geben.“
Ein kurzer persönlicher Einblick zu diesem Punkt: Ich habe die letzten Tage wenig und schlecht geschlafen. Das hat sich auch auf mein privates und berufliches Leben ausgewirkt. Ich war für Menschen nicht da und konnte Arbeiten nicht erledigen. Mich haben seither Menschen beleidigt und verbal angegriffen, ich musste Accounts blocken und mich bei vielen Personen rechtfertigen bzw. ertragen, dass sie meine Expertise und Wissen relativiert oder ignoriert haben. Auch das ist bzw. war für viele unsichtbar. Woran ich erkennen konnte, ob sich eine Person vertieft mit Rassismus auseinandergesetzt hat? Sie haben mich gefragt, wie es mir geht.
Bell Hooks fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den Strukturen der Dominanzkultur und plädiert für eine Kultur der Gerechtigkeit und Gleichheit, in der Macht nicht missbraucht wird, sondern Beziehungen auf Respekt und Mitgefühl basieren. Das kann nur gelingen, wenn Menschen die Mechanismen der Dominanzkultur erkennen und hinterfragen können, um Veränderungen herbeizuführen und eine inklusive, gerechte Gesellschaft zu fördern.
Wie geht es besser?
Einige Personen haben in der Debatte zu diesem Beitrag gefragt, wie es besser gemacht werden könnte. Worüber die Polizei Freiburg aufklären wollte, nennt sich Vorschussbetrug und kann hier bei Wikipedia in seinen vielfältigen Varianten nachgelesen werden. Der Nigeria-Scam und Internet Love Scam, vor denen von der Polizei Freiburg gewarnt werden sollte, sind nur zwei Formen dieses Betrugs. Auf dieser Webseite der Deutschen Vertretung in Nigeria wird gezeigt, wie Aufklärungsarbeit aussehen kann, die keine rassistischen Ideen reproduziert.
Was jede Person tun kann
1.) Betroffenen und Expert*innen zuhören, ihr Wissen und ihre Erfahrungen nicht ignorieren oder relativieren. Nur Rassismus zu verurteilen oder Hashtags zu posten, genügt nicht. (Hierzu empfehle ich auch einen Blick in den Beitrag, was Aktivist*innen von Influencer*innen unterscheidet.)
2.) Fortbildung: Sich selbst einzulesen, schlau zu machen und mit anderen in den Austausch zu gehen, ist sicher ein guter und notwendiger erster Schritt. Im eigenen privaten und beruflichen Umfeld eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus anzugehen, ein möglicher nächster. Jeder Schritt, sei er noch so klein, ist hilfreich.
3.) Verbündete sein und von Rassismus Betroffenen zur Seite stehen. Antirassistische Arbeit ist nicht glorreich, sondern oft einsam, weil man sich vielen Menschen und tief verwurzelten Überzeugungen gegenübergestellt erlebt, die von Unwissenheit und Ignoranz getragen werden. (Bei diesem Fall nicht allein gewesen zu sein, und Menschen um mich gehabt zu haben, die für die Sache und mich da waren, danke ich herzlich an dieser Stelle.
Was die Polizei Freiburg tun kann
4.) Gemeinsame Kommunikationsstrategie: Ob Facebook oder X. Nach außen stehen und wirken die Social Media-Accounts für die gesamte Polizei Freiburg. Hier braucht es aus meiner Sicht einen internen Prozess und eine gemeinsam entwickelte und besprochene Strategie. Facebook & Co sind eben nicht nur eine App, Software und etwas Technisches, das man an eine Gruppe auslagern kann. (So handhaben das übrigens viele Institutionen, Unternehmen, Vereine, Parteien und sonstige Gruppierungen.) Die Tatsache, dass die Polizei Freiburg bei X überhaupt weiterhin aktiv ist und damit einer Plattform Relevanz gibt, die offen faschistische Pläne unterstützt und menschenfeindliche Beiträge fördert, kann an dieser Stelle vielleicht auch diskutiert werden.
5.) Selbstkritischer Prozess: Es braucht eine Organisationsentwicklung (mit externer professioneller Beratung und Begleitung), die gegenüber Diskriminierungen aller Art sensibilisiert und alle Personen handlungsfähig macht und unterstützt. Dabei geht es sowohl darum, Diskriminierungen erkennen zu können als auch diskriminierende Strukturen, Prozesse und Produkte anzugehen. Das bedeutet u.a., dass eine vielfältige Gesellschaft auch eine vielfältige Zusammensetzung in allen Ebenen benötigt. Wäre jemand im Social Media-Team oder eine Führungskraft, der*die Akeem oder Svetlana heißt oder in Nigeria familiäre Wurzeln hat, wäre der Beitrag so sicher nicht gepostet worden.
6.) Vertrauens- und Verständnisarbeit: Ein offener und regelmäßiger Austausch mit dem Zivilbevölkerung bezüglich Diskriminierungen, wäre sicher hilfreich. Wie viel hier schon geleistet wird, weiß ich nicht. „Wenn sie sich beschweren wollen, steht ihnen das jederzeit über den Beschwerdeweg offen, Informationen erhalten Sie hier“ habe ich bei der Kommunikation mit dem Social Media-Team als Hinweis erhalten. Eine Möglichkeit, auch anonym eine Beschwerde einreichen und Unterstützung erhalten zu können, finde ich hilfreich. Wer z.B. eine rassistische Erfahrung mit der Polizei macht, wird hier kaum das nötige Vertrauen mitbringen, sich erkennen zu geben und einen Vorfall zu schildern. Weshalb das bestenfalls ein externes Angebot sein sollte.
Gegen Rassismus zu sein ist nicht genug
Es gibt nicht umsonst unzählige Bücher, Podcasts, Radiobeiträge, Filme, Dokumentationen, Social Media-Kanäle, Serien oder Personen und Personengruppen vor Ort, die einen Zugang zum Thema bieten. Es sind nicht nur Bemühungen, Rassismus sichtbar zu machen und gemeinsam angehen zu können. Es ist auch ein Anliegen, seine Komplexität, diversen Geschichten, tiefen Verwurzelungen und Vielschichtigkeit aufzuzeigen. Es ist ein Kampf, um auch als Individuum wahrgenommen und gehört zu werden. Ein Kampf, um auch als gleichberechtigter und gleichwertiger Teil der Gesellschaft leben zu können. Es ist ein Kampf für eine demokratischere Gesellschaft.
Rassismus wurde eingeführt, um die Sklaverei, Ausbeutung, Völkermord, Gewalt und diskriminierende Strukturen vor sich und anderen zu rechtfertigen. Es ist eine Frage von Macht und Machtmissbrauch in einer Dominanzkultur, die auf Kosten anderer gegründet wurde und sich davon nährt. Weshalb vieles, was ich in diesem Beitrag geschildert habe, auch die Probleme beschreibt, denen arme Menschen, Frauen, Behinderte oder andere Gruppierungen ausgesetzt sind, die ebenfalls Benachteiligungen erfahren. Weshalb antirassistische Arbeit und der Einsatz für eine gerechte und demokratische Gesellschaft auch immer antisexistische, antiklassistische, antiableistische usw. Arbeit (in der Fachsprache wird das intersektionale Arbeit genannt) sein muss.
An alle, die bis hierhin gelesen haben: Danke für eure Zeit und die Bereitschaft, euch darauf einzulassen. Ich hoffe, verständlich gemacht haben zu können, dass alle mit Rassismus sozialisiert wurden und sich deshalb dem rassistischen Denken und Handeln nicht entziehen können. Das zu leugnen und sich davon zu distanzieren, verhindert nur eine notwendige gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung. Ich weiß, dass Hinweise auf rassistische Ideen und Handlungen unangenehm sind, weil sie Menschen verunsichern und irritieren. Deshalb erfordert es ein gegenseitiges Vertrauen und beidseitige Anerkennung der Verletzlichkeit.
Hierfür braucht es möglichst viele Räume, in denen ein Hinweis auf eine rassistische Idee oder Handlung nicht gleichgesetzt wird mit der Vorwurf, ein*e Rassist*in zu sein und ein gemeinsames Verständnis und Konsens herrscht, sich gegenseitig zu helfen, Rassismus zu dekonstruieren und anzugehen. Eine Gesellschaft muss ein gesundes, gutes Miteinander finden, weil die gewaltigen Probleme unserer Zeit nur gemeinsam erfolgreich angegangen und gelöst werden können. Je vielfältiger das Wissen und diverser die Perspektiven am Verhandlungstisch, desto demokratischer und erfolgreicher die Lösungsansätze und wirksamer und nachhaltiger die Entscheidungen.
Durch soziale Netzwerke und große Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok entstand nicht nur für jede Person die Möglichkeit, Inhalte zu erstellen und weltweit zu verbreiten. Damit wurden auch die Grundlage für die Existenz von Influencer*innen gelegt und Aktivist*innen neue Formen der Arbeit und Wirkung ermöglicht. Eine Differenzierung zwischen Aktivist*innen und Influencer*innen ist demokratisch betrachtet notwendig. Leider findet sie an vielen Stellen aus verschiedenen Gründen nicht statt oder wird nicht gemacht. Deshalb setzt sich der folgende Beitrag mit dieser zentralen Unterscheidung auseinander und zeigt, wie sie sich auf demokratische Strukturen und Prozesse jeweils auswirkt.
Influencer*in oder Aktivst*in?
Was unter Influencer*in oder Aktivist*in zu verstehen ist, wird klarer und greifbarer, wenn man betrachtet, weshalb, was und wie etwas getan wird. Diese vergleichenden Aspekte können eine Begriffsbestimmung ersetzen, dennoch nehme ich vorab eine kurze und grobe Beschreibung vor, als Grundlage und zum besseren Verständnis: Influencer*innen sind Personen, die durch ihre Präsenz und Aktivität in sozialen Netzwerken zuerst eine große Anhängerschaft aufbauen und erreichen und dann durch Empfehlungen oder Inhalte das Verhalten und die Entscheidungen ihrer Follower*innen beeinflussen können.
Hier wird bereits deutlich, weshalb auf den ersten Blick der Eindruck entstehen kann, Aktivist*innen würden gleich handeln bzw. wäre vielleicht sogar das gleiche wie Influencer*innen. Schließlich wollen sie ebenfalls viele Menschen erreichen und auf deren Verhalten und Entscheidungen Einfluss nehmen. Wenn beide beispielsweise posten würden, dass es „Mehr Demokratie in der Schule!“ bräuchte, würde das von vielen als ein gemeinsames Anliegen und Handeln wahrgenommen und eingeordnet werden – was es jedoch nicht ist.
Die erste und notwendige Unterscheidung liefert die zweite Beschreibung: Aktivist*innen sind Personen, die sich aktiv und öffentlichkeitswirksam für gesellschaftliche, politische Veränderungen einsetzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Verbesserungen zu bewirken. Persönlich würde ich sie (als) zivilgesellschaftliche Politiker*innen nennen (beschreiben), die (als Bürger*innen) nicht innerhalb von Parteien und staatlichen Institutionen handeln und demokratische Arbeit leisten. Sie gab es schon lange vor dem Internet.
Die hier mit einem Schieberegler aufgeführten Gegenüberstellungen sollen nicht nur die Unterschiede verdeutlichen, sondern auch aufzeigen, dass keine klare Grenze zwischen Aktivismus und Influencer*innentum gezogen werden kann. Bei jeder Person würde sich anhand der verschiedenen Möglichkeiten und Positionen der Schieberegler zu den einzelnen Aspekten ein eigenes, anderes Bild ergeben. Auch Selbst- und Fremdeinschätzungen können voneinander abweichen. Sich aber über die Gegensätze im Klaren zu sein, kann (und soll) helfen, besser das eigene Handeln zu reflektieren und fremdes einzuordnen. Dieser Beitrag lädt dazu ein:
Ich beobachte vermehrt, dass Personen als Aktivist*innen soziale Netzwerke für ihre Arbeit entdecken und dort ins Influencer*innentum abdriften. Das gilt übrigens auch für Politiker*innen der kommunalen, Landes-, Bundes- und europäischen Ebene. Als Demokrat beschäftigt mich das zunehmend. Die folgenden Unterscheidungen und Gegensätze zeigen, weshalb das für eine Demokratie als eine kritisch zu betrachtende Entwicklung verstanden werden kann:
Sache oder Person im Mittelpunkt?
Wie schon anfangs aufgegriffen, geht es Aktivist*innen um die Sache bzw. ein Problem, das es zu lösen gilt. Für sie steht ein gesellschaftliches, politisches Thema im Mittelpunkt. Davon geht die Motivation für ihr Handeln aus. Aktivist*innen richten den Fokus auf Missstände und verantwortliche Personen, die sie herbeigeführt haben oder verändern können. Sie kritisieren Maßnahmen und Strategien. Ihre Kritik zielt auf die Veränderung bzw. Verbesserung einer Sache ab. Bei Konflikten geht es deshalb in erster Linie um gegensätzliche politische Positionen und bestenfalls um ein Streiten für eine bessere Lösung.
Influencer*innen geht es in erster Linie um sich selbst bzw. ihre Person (was durch den nächsten Aspekt nochmal deutlicher wird). Sie stehen im Mittelpunkt bzw. stellen sich durch die notwendige Selbstvermarktung in den Mittelpunkt. Gesellschaftliche, politische Themen können eine Rolle spielen, sind dann jedoch primär Mittel zum Zweck. Dass sie den Fokus auf sich und ihre Person richten, begünstigt zusätzlich, dass Kritik im Normalfall schnell als persönlicher Angriff verstanden werden kann bzw. wird.
Sich überflüssig machen oder relevant bleiben?
Aktivist*innen und Influencer*innen verfolgen grundsätzlich zwei völlig gegensätzliche Ziele: Aktivist*innen verfolgen mit ihrer Arbeit und ihrem Wirken das Ziel, überflüssig zu sein, weil das bedeuten würde, dass die von ihnen angeklagten Missstände beseitigt wären. Bei Influencer*innen verhält es sich umgekehrt. Ihre Relevanz ist die Grundlage und Legitimation ihres Wirkens. Hier wird deutlich, dass es bei gesellschaftlichen, politischen Beiträgen von Influencer*innen gar nicht um die Beseitigung von Missständen gehen kann, weil diese Basis der Aufmerksamkeitsökonomie sind, in der ihre Arbeit stattfindet.
Das erklärt u.a. auch, weshalb Influencer*innen, die gesellschaftliche, politische Themen aufgreifen, oft viele und verschiedene Themen bespielen. Dabei ist es nicht unüblich, Botschaften von Aktivist*innen zu wiederholen, mit denen diese Reichweite erzeugen. So erzeugen Influencer*innen mit wenig Aufwand den Eindruck , zu diesen Themen über Expertise zu verfügen und sogar Verbündete in der Sache zu sein. Gleichzeitig können so auch neue Communities erschlossen und die Follower*innen-Zahlen erhöht werden.
Werte oder Marke als Kompass?
Dass sich Aktivist*innen für eine Sache engagieren, basiert auf Werten wie z.B. Solidarität, Toleranz oder Freiheit, die sie prägen und antreiben. Wie sehr eine Person für bestimmte Werte einsteht und sich von ihnen leiten lässt, kann daran gemessen werden, ob und wie ihre Aussagen und Handlungen übereinstimmen. Wer tatsächlich mehr Gerechtigkeit erreichen möchte, wird sich gegen ungerechte Strukturen und Prozesse einsetzen und sie nicht stützen oder sogar fördern.
Influencer*innen treibt ihr Wert in der Aufmerksamkeitsökonomie an. Ihr Kompass ist die Entwicklung der eigenen Marke, ihrem Branding. Soziale Netzwerke haben nicht nur die Möglichkeit und die Rolle von Influencer*innen geschaffen, sondern bestimmen auch die vorherrschende Logik und die leitenden Werte, welche ihr Handeln bestimmen. Im Prinzip agieren auch Influencer*innen werteorientiert. Nur sind es neoliberale Werte der Plattformen, denen sie folgen müssen, um ihren Wert innerhalb dieses Ökosystem zu steigern.
Ein verbreitetes Missverständnis besagt, dass nicht alle Influencer*innen politisch agieren und wirken würden. Nur: Alles ist politisch. Influencer*innen tragen und stärken mit ihrer Arbeit eine neoliberale Politik und Logik. Sie werden nur nicht mit dieser Funktion, Nutzung und Wirkung in der Breite der Gesellschaft diskutiert und wahrgenommen bzw. sind sich viele dessen nicht bewusst. Der Unterschied besteht somit nur darin, dass beim Aktivismus das Politische angesprochen und für alle erkennbar ist, weil die Sache im Mittelpunkt steht.
Bei Influencer*innen werden die politischen Zusammenhänge der Vermarktung über Plattformen dagegen meist versteckt oder geleugnet. Aktivist*innen sprechen beim Fundraising darüber, wie viel ihre Aktionen kosten und wie sie finanziert werden. Influencer*innen halten ihre Einnahmen geheim und müssen gezwungen werden, Werbung zu deklarieren.
Investition in Basis- oder PR-Arbeit?
Missstände können nur beseitigt werden, wenn auch ihre Ursachen ausfindig gemacht und Lösungen erarbeitet und präsentiert werden. Deshalb leisten Aktivist*innen viel Basisarbeit bezüglich ihrer Sache. Sie sind auf der Suche nach hilfreichen Ansätzen. Deswegen führen sie Experimente durch, bauen Strukturen auf, initiieren Prozesse und begleiten sie. Sie recherchieren nach bestehendem Wissen, verbreitern und erweitern es durch ihre Arbeit an neuen Erkenntnissen.
Im Gegensatz dazu investieren Influencer:innen viel Zeit und Kraft in das für sie zentrale Problem: relevant zu werden und zu bleiben. Die Selbstvermarktung ist ein Beruf, der eine nach Social-Media-Logik erfolgreiche Selbstinszenierung erfordert. Influencer*innen lernen daher, Bühnen zu bauen oder zu betreten und ein wachsendes Publikum zu erzeugen. Hier erscheint wieder oberflächlich betrachtet eine Parallele zum Aktivismus, der ebenfalls eine erfolgreiche PR-Arbeit anstrebt und benötigt.
Wer aber an der Lösung von Problemen interessiert ist und das ins Zentrum rücken möchte, muss oft eigene, andere Bühnen bauen, die nicht auf Held*innen und ihre Geschichten setzen, sondern auf kollektives Wissen und echte Zusammenarbeit. Aktivist*innen achten auf möglichst diverse Zusammensetzungen und inklusive Settings und bemühen sich, keine Diskriminierungen oder diskriminierende Strukturen zu reproduzieren. Sie verweisen auf vielfältige Expertisen und schaffen Bündnisse und Netzwerke in der Sache.
Influencer*innen bauen Bühnen, die sie persönlich glänzen lassen. Wer, wo und mit wem etwas sagt, wird wichtiger als das, was gesagt wird. Starker Content besteht hier hauptsächlich aus wirkmächtigen Bildern. Wenn Influencer*innen Bündnisse eingehen und Netzwerke schaffen, dann meist mit anderen Influencer*innen und dem Ziel, sich gegenseitig in Reichweite zu verstärken.
Hier besteht die Gefahr, dass auch Aktivist*innen sich vom Glanz der Bühnen blenden und dem Missverständnis, mit der eigenen Sache mehr Menschen zu erreichen, instrumentalisieren lassen. Die Vorstellung, allein die Bühne und die Reichweite seien eine Art Lösung, ist verlockend – aber falsch: Aktivist*innen müssen ihre Botschaften nachhaltig verbreiten. Das bedeutet, dass Bühnen keinen Wert an sich haben, sondern nur dann sinnvoll sind, wenn sie Menschen in Kontexten ins Handeln bringen, in denen echte Probleme adressiert und tragfähige Lösungen gefunden werden können.
Expertise oder ChatGPT?
Durch dauerhafte Arbeit und eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihren Themen erwerben Aktivist*innen ein breites fachliches Wissen, Kenntnisse über Strukturen und Prozesse und knüpfen Lernnetzwerke. Ihre Expertise setzen sie dort gezielt ein, wo sie sprechfähig sind. Sonst verweisen sie auf andere Personen, die mehr über Probleme und Lösungen wissen. Aktivist*innen teilen nicht nur ihr Wissen mit allen, sondern engagieren sich auch für eine barrierefreie und gerechte Bildung– was Influencer*innen sich oft zu Nutze machen.
Influencer*innen verfügen dagegen über eine ausgeprägte PR-Expertise, was den Eindruck entstehen lassen kann, sie seien zu allen Themen sprechfähig. Dieser Eindruck beschränkt sich nicht nur auf Aussenstehende: Influencer*innen sind oft selbst davon überzeugt, weil sie in öffentlichen Auftritten Themen bewirtschaften und erfolgreichen „Content” produzieren. Sie reden sich ein, Expertise wäre dafür eine Voraussetzung und vergessen, dass sie oft wie ChatGPT agieren: Auf der Basis der geteilten Beiträge und Expertise von Aktivist*innen erzeugen sie Remixes, die sie mit ihrer Brand versehen und ins Netz tragen.
Nutzt ChatGPT ein neuronales Netzwerk, das mit großen Mengen an Textdaten trainiert wird, arbeiten Influencer*innen mit Texten von Aktivist*innen. Sie nutzen dabei besonders die Elemente, die Resonanz in Form von Shares oder Beifall in Form von Likes erzeugen können. Das ist deshalb problematisch, weil die differenzierten Botschaften von Aktivist*innen so verkürzt werden und nicht mehr die Stimmen von den Menschen gehört werden, die über Expertise verfügen, sondern diejenigen, welche sich den Vorgaben der Plattformen beugen.
Posting nach Bedarf oder Social Media-Logik?
Wer als Influencer*in erfolgreich funktionieren möchte, muss regelmäßig und möglichst viel Content in sozialen Netzwerken verbreiten. Das Posten folgt den Gesetzen der Social-Media-Logik und ihrer Aufmerksamkeitsökonomie. Masse, Kürze und Populismus schlagen dabei Qualität, Vertiefung und Differenzierung. Aktivist*innen posten, wenn sie inhaltlich etwas Neues, Wichtiges oder Hilfreiches beizutragen haben. Sie stellen echte Fragen, weil sie Antworten nicht kennen und an den Antworten und einem Austausch interessiert sind. Sie markieren (taggen) Personen, wenn sie denken, dass sie helfen könnten oder ihnen geholfen wird.
Influencer*innen stellen algorithmische Fragen, um Interaktionen und Traffic zu generieren, was Axel Krommer in diesem sehr lesenswerten Beitrag ausgeführt hat. Es sind rhetorische Fragen einer Kultur der Digitalität. Influencer*innen interessieren sich dabei gar nicht für die Antworten, wenn sie Content mit „Was meint ihr zu diesem Thema?“ oder „Wie geht es euch damit? Schreibt es in die Kommentare“ abschließen, sondern für die Anzahl der Interaktionen, die vom Algorithmus mit Relevanz und Sichtbarkeit belohnt werden. Ebenso verhält es sich beim Markieren von Personen und der Nutzung von Hashtags.
Mit Blick auf die Demokratie
Die aufgezeigten Gegensätze zwischen Aktivismus und Influencer*innentum erlauben ein besseres Verständnis vorliegender Handlungsmöglichkeiten und zeigen, welche Funktion und Wirkung die beiden Rollen innerhalb demokratischer Strukturen und Prozesse erfüllen. Influencer*innen können Produkte und Dienstleistungen auf eine sympathische Art und Weise vermarkten. Wer aber Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus usw. ernsthaft bekämpfen möchte, kann das nicht mit Hilfe von Influencer*innen tun.
Nur Aktivist*innen sind erstens bereit, alle Facetten der bestehenden strukturellen Probleme zu berücksichtigen, und leisten zweitens die nötige Arbeit, um nachhaltige Verbesserungen in die Wege zu leiten. Kurzfristig kann die Zusammenarbeit mit Influencer*innen den Fokus auf ein scheinbar wichtiges Thema legen, langfristig helfen ihre Beiträge aber nicht, weil sie immer dort agieren, wo sie Trends wahrnehmen. Der Einsatz gegen Diskriminierung und für Gerechtigkeit kann und soll sich aber nicht von Trends abhängig machen.
Werden z.B. ein Projekt, Produkt oder Event beworben, ist es mittlerweile üblich, Influencer*innen auszuwählen, die mit ihrer Reichweite möglichst viele Menschen erreichen sollen. Sie können für viele Sachen (ein-)stehen und gekauft werden. Dabei widersprechen sie sich aber regelmäßig. Das bemerkt nur, wer diese Arbeit länger und genauer betrachtet und sich in zumindest einem der Themenfelder auskennt.
Man kann sich Reichweite kaufen, aber nicht Demokratie. Influencer*innen und ihre Arbeit folgen einer neoliberalen Logik, die demokratischen Werten entgegenwirkt. Ihre Arbeit kann auch nicht für die „gute Sache“ genutzt, eingesetzt werden. Das Influencer*innentum ist ein Produkt der neoliberalen Logik. Sie tragen auf den großen Plattformen dazu bei, dass Menschen möglichst viel Zeit dort verbringen. Jede politische Botschaft oder gesellschaftlicher Kritik, die sie äußern, steht unter diesem Vorzeichen: Sie wird nur deshalb formuliert, damit Menschen Aufmerksamkeit und Geld in bestimmte soziale Netzwerke investieren, Influencer*innen und ihrer Arbeit folgen, ihre Beiträge liken und teilen.
Das ist eine Seite des hier angesprochenen Problems. Die zweite kann als Kritik an Influencer*innen formuliert werden: Je größer ihre Reichweite und Einfluss, umso größer auch die (gesellschaftliche) Verantwortung. Wer Meinungen und Informationen ungeprüft oder stark vereinfacht weitergibt, fördert oft Desinformation und Polarisierung. Da Influencer*innen in der Regel keinen journalistischen Standards unterliegen und ihre Aussagen selten überprüft werden, besteht die Gefahr, dass sie manipulative oder populistische Inhalte verbreiten, die demokratische Werte und informierte Entscheidungsfindung schwächen.
Manchmal geben Influencer*innen vor, aktivistisch zu handeln. Dann generieren sie Sharepics mit unterkomplexen Botschaften und Pseudo-Lösungen, die den Eindruck vermitteln sollen, ein Problem werde angegangen. In Wirklichkeit erzeugen sie keine Wirkung und Veränderung. Die Handlungsbereitschaft wird höchstens vorgetäuscht. Influencer*innen werden nicht aktiv, wenn ihnen das nicht nützt, indem neuer Content für ihre Profile entsteht. .
Ein Klassiker im Bildungsbereich wäre beispielsweise die Forderung nach „Mehr Bildung!“. Jede Person versteht, was gemeint ist. Es klingt auf den ersten Blick logisch, weil mehr Bildung zu Menschen führen müsse, die klügere Entscheidungen treffen. Dass „Mehr Bildung!“ gefühlt alles sagt und faktisch nichts erklärt, wird deutlich, wenn es umgesetzt werden soll.
Dass solche Forderungen in unzähligen Varianten soziale Netzwerke pflastern und sowohl bei Influencer*innen als auch ihren Follower*innen populär sind, liegt daran, dass sie durch ihre Unkonkretheit als Projektionsfläche für so fast alles dienen können. Die weit verbreitete und selbstgefällige Annahme, andere seien dumm, man selbst klug und deshalb sollten die anderen „Mehr Bildung!“ erfahren, bestärkt das zusätzlich.
Was ist das Kernproblem?
Noch einmal: Influencer*innen sind nicht harmlose Verstärker*innen der Botschaften von Aktivist*innen. Sie sind ein Problem, das Demokratien schwächt bzw. eine Stärkung verhindert. Zuerst laden sie Aktivist*innen ein, danach wiederholen sie das, was sie gehört haben und machen die tatsächliche Arbeit unsichtbar und erschweren den Zugang zur echten Expertise. Tatsächliche Expertise wird (bewusst) verwässert bis boykottiert, um sich als Expert*in zu inszenieren.
Luciano Floridi, der sich mit Fragen der Ethik in digitalen Kontexten intensiv auseinandergesetzt hat, bezeichnet eine Handlung dann als verwerflich, „wenn sie die Entropie der Infosphäre erhöht.“ Damit meint er eine Verunreinigung oder Zerstörung von Informationen. Influencer*innen tun das, indem sie Botschaften von Aktivist*innen wiederholen, vereinfachen oder populistisch zuspitzen.