Die Forderung nach einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich ist populär, richtig und leider auch in 2021 immer noch nötig. Sie stellt eine technische Grundlage dar, um dem kulturellen Wandel begegnen zu können. Das Lernen in der Postdigitalität muss aber bereits ausgehandelt werden, bevor jederzeit, überall und zuverlässig alle einen Zugang zum Netz erhalten haben, weil es die Perspektive auf das Wesentliche richtet und damit gesellschaftlich notwendige Veränderungen aufzeigt. Es folgt einer anderen Logik, fordert ein neues Verständnis und allein aus demokratischen Gründen eine kulturelle Weiterentwicklung.

Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was bedeutet Postdigitalität? Der Ausdruck beschreibt einen Zustand, in der alle Formen der Digitalität als Kulturtechniken gesamtgesellschaftlich anerkannt sind. Das bedeutet erstens, dass Digitalität nicht auf Technik reduziert, sondern in ihrer Auswirkung auf den Alltag verstanden wird. Zweitens gibt es diese Kulturtechniken, unabhängig von den Beurteilungen von Menschen. Es ist irrelevant, ob jemand eine Form der Digitalität gutheißt oder ablehnt. Kulturtechniken der Digitalität sind vergleichbar mit dem Lesen von Büchern oder dem Schreiben mit Stift und Papier: Sie werden, ohne längere Gedanken daran zu verlieren, automatisch in die Hand genommen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit kommen in der Postdigitalität “digitale“ Kulturtechniken wie alle anderen zum Einsatz. Analog oder digital spielt keine Rolle mehr.

Eine andere Logik

Das aktuelle Bildungssystem wurde in einer Kultur entwickelt, in der Bücher das Leitmedium darstellten. Sie prägen seit über 100 Jahren seine DNA. Deshalb richtet sich die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen immer noch nach der Logik der Gutenberg-Galaxis: Schulbücher liefern das (einst kulturell ausgehandelte) notwendige Wissen und Lehrpersonen den Zugang dazu. Lernen kann dann stattfinden, wenn beides vorliegt, ist an Ort und Zeit gebunden und schafft Abhängigkeiten. (Was u.a. das Beharren auf klassischem Präsenzunterricht während Covid-19 oder das Fehlen asynchroner Prozesse erklärt.) Das Lernen läuft chronologisch ab, vom ersten bis zum letzten Kapitel eines Buches, auf das ein nächstes folgt. Das Internet ist in dieser Gleichung ein Störfaktor und bestenfalls eine Zusatzaufgabe.

Was mit den Schulschließungen im März 2020 nicht selten zu beobachten war: Lehrpersonen haben auf Papier gedruckte Arbeitsblätter mit einem Smartphone oder Tablet fotografiert und auf die digitale Plattform der Schule hochgeladen oder sie gemailt. Eltern haben diese heruntergeladen, ausgedruckt, das Papier von ihren Kindern mit einem Stift bearbeiten lassen und das Ergebnis wieder fotografiert und hochgeladen oder via Mail zurückgeschickt. Dieses Resultat wirkt nur auf die befremdlich, die bewusst die Kultur der Digitalität wahrnehmen und sich darin bewegen. Für Menschen, die sich an der Logik der Gutenberg-Galaxis orientieren, scheint alles schlüssig.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass selbst mit vorhandener digitaler Technik nicht automatisch ein (notwendiger) kultureller Wandel einhergeht. Deshalb sind auch nicht alle digitalen Angebote innovativ und Produkte einer Kultur der Digitalität, sondern können Ergebnisse der Buchdruck-Kultur sein. Das bedeutet, dass von der Konzeption von digitalen Arbeitsblättern bis zum Design von Lernplattformen teilweise die Logik der Buchkultur maßgebend ist. Das Leitmedium Buch führt dazu,  dass bisherige Strukturen und Prozesse oft nur digitalisiert und nicht notwendigerweise neu gedacht werden. (Was dazu beiträgt, dass der kulturelle Wandel verzögert oder verhindert wird.) Deshalb ist es wichtig, digitale Phänomene von Beginn an unter der Perspektive der Kultur der Digitalität zu betrachten, um sie besser zu verstehen und ihrer Logik folgen zu können. 

Kultur der Digitalität

Um das Lernen in der Postdigitalität zu diskutieren, sind ein Grundverständnis einer Kultur der Digitalität und ein verändertes Bildungsverständnis erforderlich, das aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen berücksichtigt. Wie sich durch Transformationsprozesse eine Kultur der Digitalität entwickelt hat, was sie auszeichnet und welche demokratischen Herausforderungen sich stellen, schildert Felix Stalder in seinem gleichnamigen Buch. Wer sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen möchte, sollte es lesen.

Grob zusammengefasst nennt Stalder drei charakteristische Formen, die eine Kultur der Digitalität eine wesentliche Rolle spielen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wie und was als kulturell bedeutend ausgehandelt wird, bildet den Rahmen. Mit Referentialität beschreibt er, wie Bezüge hergestellt und Ansätze weiterentwickelt werden, mit Gemeinschaftlichkeit die Notwendigkeit und Organisation dieser Austauschprozesse mit anderen und mit Algorithmizität bezieht er sich auf die Funktion, Wirkung und Anwendung von Algorithmen (großer Informations- und Kommunikationskanäle), die diese kulturellen Prozesse und Ordnungen prägen.

Blogbeiträge, wie dieser, stellen in der Regel Bezüge zu Text-, Video- und Audiodateien im Netz anderer Personen her (wie z.B. Tweets, YouTube-Videos oder Podcasts) und entwickeln Ideen weiter. Sie sind gemeinschaftliche Produkte in ihrer Entstehung, können als solche nachvollzogen und weiter gestaltet werden. Ihre Relevanz wird durch andere ausgehandelt. Beispielsweise wie oft sie gelikt oder geteilt werden. Algorithmen spielen hier mit eine Rolle, ob und wie sie andere erreichen, z.B. über eine Google-Suche oder eine Empfehlung auf einer digitalen Plattform.

Beim Projekt Routenplaner #digitaleBildung druckten wir thematisch essentielle Blogbeiträge als Buch, um Menschen zu erreichen, die am Aushandlungsprozess im Netz bisher nicht teilnahmen. Dass auch viele andere Personen, die die Kultur der Digitalität im Netz aushandeln, Bücher zu ähnlichen Themen drucken, verdeutlicht, dass die Kultur der Digitalität gesamtgesellschaftlich noch nicht angekommen ist und ihrer Logik nicht gefolgt wird. Es erklärt zudem den aktuellen Stand in Deutschland und weshalb viele Bereiche mit den Herausforderungen der Digitalen Transformation überfordert sind. (Dass und wie sehr Blogbeiträge einer anderen Logik folgen als Bücher, haben wir bei der Produktion auch zeitintensiv erfahren.)

Lernen in der Postdigitalität

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass zu viel Ungewissheit und Freiheit bei Menschen auch zu Überforderungen führen können und Bilder ihnen bei der Orientierung helfen. Deshalb möchte ich ein paar zeichnen, die ein (zukünftiges) Lernen in der Postdigitalität beschreiben und Philippes Beitrag aus dem Juni 2020 ergänzen. In diesem Szenario haben sich reformpädagogische Strömungen durchgesetzt, Lernende stehen im Mittelpunkt, so wie auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung und die Befähigung zu kultureller Teilhabe (in einer Kultur der Digitalität) stellen als wesentliche Elemente der Lernprozesse einen breiten Konsens dar. Der Zugang zum Netz ist wie Wasser selbstverständlich und überall und zuverlässig für alle vorhanden. (Ich hoffe, dass ich das erleben werde.)

Es mag manche überraschen, aber was Lernen in der Postdigitalität bedeutet, das nicht auf vorher festgelegte und bestimmte Bücher, Lehrpersonen, Zeiten und Orte beschränkt ist, lässt sich auch heute schon beobachten. Es findet dann statt, wenn nicht gelernt werden “muss“. Und weshalb dabei nicht einen Blick auf die richten, die allein beruflich bedingt wissen sollten, wie man lernt: Lehrende. Wie haben so viele von ihnen das Wissen und die Kompetenzen einer Kultur der Digitalität erworben, die (besonders in den letzten Monaten) in Zeitungen gelobt, im Fernsehen hervorgehoben und im Radio gewürdigt wurden? Im und mit dem Netz. Meine kurze These dazu lautet: So, wie Erwachsene in ihrer “Freizeit“ lernen, sollten Schüler:innen lernen (dürfen). Wie sie vorgegangen sind, möchte ich kurz erläutern.

Wissen und Kompetenzen über eine Digitale Identität

Lehrende haben sich zu Beginn so gut es geht einen Überblick über soziale Netzwerke verschafft: welche Personen und Informationen wo zugänglich sind, wo und wie diskutiert und genetzwerkt wird oder wie die Plattformen an sich funktionieren, wirken und angewandt werden. Am Ende haben sie sich entschieden, in welchem Netzwerk sie (weiterhin) aktiv sein möchten. Sie haben beobachtet, wie andere es machen, haben Fragen an die Community gestellt und sich gegenseitig unterstützt. So haben sie über die Jahre eine digitale Identität entwickelt, mit der sie sich wohlfühlen, Netzwerke geschaffen, mit denen sie sich austauschen und sich befähigt an aktuellen Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.

In diesen Handlungen haben sie in kritischen Debatten hinsichtlich der Algorithmizität erfahren, dass Algorithmen z.B. Rassismus reproduzieren, strukturell benachteiligen oder Sachverhalte verzerren können. Sie haben gelernt, wie sie für ein Anliegen Aufmerksamkeit erreichen, Information auf ihre Richtigkeit prüfen oder Expert:innen zu einem Thema finden können. Sie haben vor allem ihre Rolle gewechselt. Weil sie als Lernende ins Netz sind, um sich mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnten sie wirksam und nachhaltig ein breites Wissen und Kompetenzen erwerben, die sich so in keinem Fach oder Stundenplan abbilden lassen. 

Rollenwechsel

Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden ist fließend im Netz. Anfangs ist man zwar noch mit dem Aufbau eines Grundverständnisses beschäftigt. Je souveräner aber die digitale Identität, umso eher wird erfahrungsgemäß die Rolle der Lehrenden eingenommen und die Expertise, Perspektive und Erfahrungen mit anderen geteilt. So arbeiten viele Lehrer:innen heute nicht mehr nur im Klassen- oder Schulraum, sondern transformieren und verschmelzen ihn mit dem Netz. (Was ich beschreibe, sind Erfahrungen, die übrigens Schüler:innen auch schon sammeln, nur außerhalb der Schulzeit und -aufgaben.) Dabei werden auch adressatengerechte und adäquate Kommunikation und der Umgang mit kontroversen Debatten und Kritik gefordert und gelernt.

Open Educational Resources

Der nächste logische Schritt zur Kultur der Digitalität müsste sein, dass Lehrende alle ihr Texte und sonstigen Materialien nicht mehr für ihren Unterricht, Schulbücher oder -hefte produzieren, sondern sie allen im Netz unter freier Lizenz zur Verfügung stellen. (Das könnte beispielsweise zu einem Netflix für Bildung führen.) Damit sie von anderen benutzt, verbessert oder auf eine andere Weise weiterentwickelt werden können. Sie arbeiten dabei mit Hochschulen und Expert:innen aus anderen Bereichen interdisziplinär zusammen, aber auch mit Schüler:innen. Es gibt jede Menge gute Gründe und Ziele, die für OER an dieser Stelle sprechen.

(Vor über fünf Jahren stellte ich in einer Barcamp-Session auf dem Digital Education Day in Köln die Frage, ob es für den Unterricht digitalisierte oder überhaupt noch Bücher braucht und nahm mir später vor, mit einem Kollegen Verfassertexter im Netz zu veröffentlichen. Die Idee wurde leider nie umgesetzt, weil uns beiden die Zeit dafür fehlte. Ich frage mich aber bis heute, weshalb Lehrer:innen überhaupt noch für Schulbücher publizieren, statt sie im Netz zu veröffentlichen. Reich werden sie damit sicher nicht und finanziell hätten sie es auch nicht nötig. Wenn es um Anerkennung gehen sollte, kann ich ihnen versprechen, dass sie im Netz weitaus mehr gelesen werden würden.)

Dass Ideen, Ansätze und Produkte ins Netz gestellt werden, um sie gemeinsam mit anderen zu optimieren, zeichnet die OER-Community aus. Unfertiges ist dabei ein gleichwertiger Bestandteil der Prozesse wie das fertige Produkt. Die Remix-Kultur und Beteiligung bzw. Referentialität und Gemeinschaftlichkeit sind tragende Säulen dieser Community. (Junge Menschen praktizieren das z.B. bei TikTok.) Dazu gehört nicht nur Content, sondern auch Digitale Tools, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen oder Anleitungen und Unterstützung bei der Produktion. (Hier möchte auf die ZUM, die seit über 20 Jahren diese Community prägt, und auf das OER-Buch von Jöran verweisen.)

Wenn Personen als “bildungsfern” bezeichnet werden, sind meist Menschen damit gemeint, die “bildungszugangsfern” sind. OER können Zugänge zu Informationen und Möglichkeiten des Wissenserwerbs erhöhen und damit strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken und Bildungsgerechtigkeit fördern. Zusätzlich bieten OER das Potenzial, einseitig besetzte Gatekeeper, die über Relevanz von Content bestimmen, abzulösen und mehr Diversität und Barrierefreiheit zu erreichen. Auch das sind Aspekte einer Kultur der Digitalität, dass kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht wird und sich entfalten kann.

Was zu tun bleibt

Und jetzt gehen wir davon aus, dass alles, was ich gedanklich gezeichnet habe, Schüler:innen oder Studierende lernen und auch machen dürfen. Dass sie ihre Lernprodukte in der Schulzeit oder im Studium auf ihrem Blog oder anderen Kanälen veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung und Debatte stellen. Beiträge, die nicht in der Regel nur eine Lehrperson zu sehen bekommt und nur dafür erstellt werden, um eine Note zu erhalten, sondern um sie mit der Welt zu teilen, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung, kulturelles Gut oder auch um zu lernen, wie sie mit der Welt in Wechselwirkung treten und sie mitgestalten können.

Lernen in der Postdigitalität orientiert sich daran, was reformpädagogisch gewünscht und global erforderlich ist und erreicht das über Zusammenarbeit und Solidarität. Gelernt wird nicht nur über das Verständnis von Strukturen und Prozessen einer Kultur der Digitalität, sondern auch über das Produzieren und Interagieren im Netz. Durch die Arbeit an der digitalen Identität steht neben dem Erwerb von Wissen und Kompetenzen auch das Schaffen von Netzwerken im Vordergrund, die als Basis und Startpunkt vom lebenslangen Lernen verstanden werden können.  

Dieser Beitrag ist und kann nicht vollständig sein. Es ist ein erster Aufschlag und folgt der Logik einer Kultur der Digitalität. Er ist eine Einladung zu einem vertieften Austausch, zur Weiterentwicklung von Ideen und Ansätzen, aber auch konkreten Beispielen, wie Lernen in der Postdigitalität aussehen kann und muss.

Catch 22 beschreibt ein Dilemma, aus dem Personen aufgrund widersprüchlicher Regeln nicht entkommen können. In einem ähnlichen Dilemma befinde ich mich schon länger (bei Twitter) und habe letzte Nacht (um mich zu schützen) hier notiert, weshalb das so ist:

Die Story

Gestern Morgen sprach ich in einer Threema-Gruppe über die Wirkung von vermeintlichen Expert:innen und Journalismus rund um das Thema Digitales, als Reaktion auf einen journalistischen Beitrag, der in dieser Gruppe geteilt wurde. (Und das nicht zum ersten Mal, wie man hier nachlesen kann.)

Daraufhin kopierte ich meine Aussage aus dem Chat und ergänzte sie zu einem Tweet.

Keine fünf Minuten später griff der Journalist Christian Füller meinen Tweet auf, stellte einen Zusammenhang zu einem ähnlichen Tweet von Philippe Wampfler her, den der zwei Tage zuvor veröffentlicht hatte und verkündete eine konzertierte Aktion.

Im nächsten Tweet erklärte er dann, gegen wen sich diese Aktion richte. Dass ich mich auf Bob Blume beziehen würde, er mein Lieblingsfeind und ich sauer und neidisch auf ihn sei, weil er mehr Follower habe. (Ich erinnere an der Stelle, dass zehn Personen aus der Threema-Gruppe bestätigen können, dass ich mich definitiv nicht auf Bob Blume beziehe.)

Bob Blume griff am Abend dann diese Darstellung auf und präsentierte sie sarkastisch seinen Followern. (Weil er zwei Screenshots verwendete, ist mein Tweet rechts nur vollständig zu lesen, wenn man ihn in seinem Tweet anklickt.)

Wie kam es dazu und weshalb schreibe ich darüber?

Zuerst möchte ich die zweite Frage beantworten, weil sich wahrscheinlich die, die bis hierhin gelesen haben und meine üblichen Blogbeiträge kennen, sich fragen werden, was das alles soll. Bisher habe ich alle Konflikte immer persönlich und direkt geklärt, entweder bei einem Treffen oder Telefonat. Wenn mich Leute im Netz wiederholt und gezielt persönlich angreifen, was in sozialen Netzwerken (mit meiner Reichweite, aber auch offenen, direkten, nicht unproblematischen Art der Kommunikation) nicht unüblich ist, ignoriere ich das in der Regel, weil mir Marina (als Psychologin) mal erklärte, dass solche Personen genau das erreichen möchten: eine Reaktion. Und jegliche Reaktionen nur ihr Handeln bestärken würden und es dann noch schlimmer werden könnte. Marina, meine inoffizielle psychologische Beratungsstelle, hat mir in einem der Gespräche über Netz-Mechanismen aber auch geraten, stets ein klärendes Gespräch zu suchen, wo es möglich ist.

Und genau das habe ich getan. Womit ich auch schon zur Frage, wie es dazu kommen konnte, überleiten möchte. Natürlich hat das alles eine Vorgeschichte. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Leute im Netz überhaupt wissen, dass ich Bob eine Zeit lang sogar als Freund bezeichnete. Wir waren vor einigen Jahren gemeinsam in Berlin, haben manches miteinander unternommen und uns zum Thema Bildung und Digitales oft ausgetauscht, auch kontrovers. Er meldete mir zu dieser Zeit schon in Gesprächen auch immer wieder zurück, dass meine Kritik hart auf ihn wirke. Er wusste aber (und glaubte mir damals noch), dass meine Kritik keine persönliche war, sondern stets an der Sache. Irgendwann nahm der Austausch ab und wir gingen sowohl inhaltlich (zum Thema Bildung) als auch in der Art und Weise, wie wir arbeiten und kommunizieren, getrennte Wege. 

Es ist nicht so, dass wir in den letzten Jahren gar keinen Kontakt mehr gehabt hätten. Dabei habe ich auch (vor ihm) kein Geheimnis daraus gemacht, mich von einigen Dingen, die er sagt oder macht, zu distanzieren. Mitte August kam es dann zu einer Auseinandersetzung, die ich in ihrer Ausführlichkeit nicht wiedergeben möchte, um den Rahmen hier nicht zu sprengen. Kurz: Bob sah bei einer Kritik eine Kampagne gegen sich und verstand u.a. Tweets von mir als persönlichen Angriff, bei dem ich mich auch über ihn lustig gemacht hätte. Das hat er dann auch so in einem Blogbeitrag als Geschichte aufgeschrieben und bei Twitter seinen über 12 000 Followern präsentiert. Bis zu dem Zeitpunkt hatte Bob mich immer angerufen, wenn er sich nicht sicher war, wie ich etwas meinte. Hier zum ersten Mal nicht. 

Als ich von dem Beitrag erfuhr, rief ich ihn direkt an und stellte klar, dass die von ihm geschilderte Geschichte so nicht der Wahrheit entspräche, erklärte ihm meine Kritik an der Sache und wie die Stelle, die ihn verletzte, zu verstehen war. Als er begriff, dass er in meinen Aussagen weder namentlich vorkam noch gemeint war, aber er im Gegenzug mich genannt und fälschlicherweise vor einem großen Publikum beschuldigt hatte, entschuldigte er sich bei mir und fragte mich, was er jetzt machen solle. Weil ich nicht noch mehr Wirbel in der Sache verursachen wollte, als es ohnehin schon gab, sagte ich ihm, dass er nichts machen müsse. Wir hätten das für uns beide geklärt. Das wäre mir wichtig gewesen und wäre somit für mich erledigt.

Jedoch stellte ich die kommenden Stunden nach dem Telefonat fest, dass mich immer mehr Menschen als Mobber beschuldigten, seine Geschichte teilten und mich persönlich angriffen. Das schrieb ich ihm, dass sein Mobbing-Frame ausarte und sich unfair und richtig häßlich entwickle, als Wink mit dem Zaunpfahl, dass er vielleicht doch eine Richtigstellung nachreichen könne, um den Druck von mir zu nehmen. Er meinte daraufhin, dass wir ja besprochen hätten, er müsse nichts mehr nachschieben. Erneut machte ich auf die extreme Dynamik aufmerksam und verwies als Beispiel auf einen Tweet von Christian Füller, der jetzt auch noch das Projekt aula, also meine Arbeit, mit ins Visier nahm.

Weshalb Bob meine Darstellung in seinem Text bis heute nicht richtiggestellt hat, weiß ich nicht. Wir waren aber so verblieben, dass er bitte wieder zuerst mit mir sprechen solle, bevor er erneut eine Aussage von mir aufgreift, falsch versteht und kommuniziert. Weshalb er das gestern ein weiteres Mal nicht gemacht hat, kann ich nicht nachvollziehen. Da das letzte Gespräch scheinbar nichts bewirkt hat und er weiter an seiner Story festhält (und meine Hinweise, dass das so nicht stimmt, ignoriert), sah ich mich gezwungen, diesen Weg zu gehen und zum Konflikt zusätzliche Einblicke zu geben, um eine Art Richtigstellung zu meinen Handlungen aufzuschreiben. 

Ich hoffe, dass es nun verständlicher ist, weshalb ich das nicht mehr ignorieren konnte. Es handelt sich auch nicht um eine sachliche oder inhaltliche Kritik, die es auszudiskutieren gilt. Es ist ein Online-Pranger, dem ich zum zweiten Mal ausgesetzt werde, für etwas, das ich nicht getan habe. Da ich zusätzlich vom Journalisten Christian Füller, der mit seinen Beiträgen in der Süddeutschen Zeitung, im Spiegel oder anderen Zeitschriften, unzählige Menschen erreicht, gezielt und kontinuierlich diffamiert werde und das mittlerweile mein Privat- und Berufsleben zunehmend belastet, möchte ich mit diesem Beitrag eine Stellungnahme formulieren, auf die ich immer wieder verweisen werde, in der Hoffnung, mich dadurch zumindest etwas vor konstruierten Vorwürfen, Falschmeldungen und Diffamierungen schützen zu können.

Non-Mentions

Wer meine Tweets liest, weiß, dass mich Strukturen und Prozesse interessieren und beschäftigen. Deshalb suche ich nach ähnlichen Mustern, Ursachen und Ansätzen, um Probleme zu lösen und Herausforderungen aufzuzeigen, denke diese laut und stelle sie zur Debatte. Oft erscheinen und wirken solche Gedanken dann wie Non-Mentions (Non-Mentions sind Tweets, die sich auf konkrete Personen beziehen, ohne sie zu nennen). Deshalb werde ich auch immer wieder gefragt, wenn ich denn damit meine. Und das ist ein Problem, das ich schaffe und Risiko, das ich eingehe, dass Menschen (die mir nicht wohlgesonnen sind) solche Tweets und Aussagen missverstehen (können), auf sich beziehen (können) und Konflikte konstruiert werden, die eigentlich nicht existieren.

Natürlich ist das alles sehr subjektiv, was ich geschrieben habe und auch nicht annähernd vollständig. Die Geschichte ist weitaus länger und das Gesamtbild viel komplexer. Nur habe ich mich vor Jahren bewusst aus dem sogenannten  #Twitterlehrerzimmer oder #twlz (unter diesen Hashtags tauschen sich Lehrkräfte bei Twitter aus) zurückgezogen, um Konflikte zu meiden und meine Energie ausschließlich in meine Arbeit, Projekte, Vereine oder Initiativen zu investieren, die Menschen im digitalen Wandel helfen. (Ich habe diese Hashtags zum Beispiel noch nie benutzt.) Trotzdem werde ich immer wieder in Konflikte gezogen, ohne dass ich es möchte. Nur, dass die Folgen für mich (und meine Familie) immer gravierender und belastender werden.

Stellt euch also vor, ihr schreibt einen Tweet, weil ihr einen Gedanken hattet, den ihr mit anderen teilen und diskutieren möchtet. Eine Person greift das auf, konstruiert einen Zusammenhang, bei dem ihr als Täter erscheint. Das vermeintliche Opfer greift das auf und stellt dieses Bild des Täters seinem Publikum vor. Was macht ihr? Wenn ihr es ignoriert, wird dem Bild nicht widersprochen und der konstruierte Konflikt und Täter scheinen bzw. bleiben real. Wenn ihr darauf eingeht, beteiligt ihr euch am Konflikt, bestätigt ihn (Catch 22) und werdet ein Teil davon. Egal, wie ihr euch entscheidet, tragt ihr für viele zumindest immer eine Mitschuld, weil zu einem Konflikt stets zwei Seiten gehören.

Ich habe nicht vor, weitere Texte dieser Art hier zu veröffentlichen. Auch diese Sache endet hier für mich, die ich weder begonnen habe noch jemals wollte. Ich bin müde. Dass ich diesen Beitrag letzte Nacht überhaupt schreiben und mich rechtfertigen musste, hat mich schon genug wertvolle Kraft und Zeit gekostet, die ich für meine Familie, Freunde und Arbeit benötige. Ich habe in den letzten Monaten (und Jahren) gelernt, dass es keinen Ausweg gibt, wenn dich jemand in einen Konflikt hineinziehen möchte. Und auch hier wird ein bitterer Nachgeschmack haften bleiben, den ich nie wollte.

Bei Tests, Klassenarbeiten oder Prüfungen wird der Zugang zu Informationen unterbunden, Hilfsmittel verboten und Zusammenarbeit als Betrug bestraft. Was im späteren Leben normal und sogar zunehmend notwendig ist, wird in Schulen verhindert. Begründet wird das meist mit Argumenten, die weder die Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte noch eine Kultur der Digitalität berücksichtigen. Bei genauerer Betrachtung wird zudem klar, dass Noten und die Idee der Vergleichbarkeit von Leistungen die tatsächlichen Hürden darstellen. Diese Barrieren und weshalb und wie Leistungserfassungen geändert werden müssen, möchte ich im Folgenden diskutieren.

Wenn in irgendeiner Form im Unterricht oder am Ende der Schulzeit Leistungen erfasst bzw. geprüft werden, wird oft ein Szenario konstruiert, das außerhalb der Schule nicht (mehr) existiert, aber trotzdem weiterhin als wesentliche Legitimation dafür herhalten muss. Taschenrechner sollten schon zu meiner Schulzeit so wenig wie möglich benutzt werden, weil man schließlich nicht immer einen dabei habe und deshalb alles im Kopf ausrechnen können müsse. Bei den übrigen Kompetenzen und Inhalten der anderen Fächer verhält es sich ähnlich. Es werden Tische auseinander geschoben, Trennwände mit Schultaschen errichtet, Smartphones eingesammelt und Gespräche untersagt. 

Es muss immer noch viel auswendig gelernt, ohne Hilfsmittel und allein gearbeitet werden. Weshalb? Taschenrechner, Übersetzungssoftware oder Informationen stehen mit Smartphones fast allen Schüler:innen, wie auch dem Rest der Welt, ständig zur Verfügung. Austausch und Zusammenarbeit bilden das Fundament für Lösungen in einer immer komplexeren Welt, wie aktuell bei der Pandemie. Das ist kein Plädoyer für eine Abkehr von Grundwissen und -kompetenzen – im Gegenteil. Es gilt jedoch zu prüfen, was davon noch zeitgemäß ist und wie das gelingen kann.

Den Zugang zu Informationen, Hilfsmitteln und die Möglichkeit der Zusammenarbeit zu verhindern, funktioniert am besten durch die Kontrolle in Präsenz. Als im März 2020 die Schulen aufgrund von Covid-19 geschlossen wurden, Fernunterricht stattfinden musste und irgendwann auch die Frage nach Leistungserfassungen im Raum stand, wurde deutlich, sehr Prüfungen von präsentischer Kontrolle abhängig sind. Genau hier besteht die Chance, drängende Fragen, die sich in Distanz stellten, auf die Präsenz zu übertragen.

Was wäre, wenn bei jedem Test, jeder Arbeit oder Prüfung, Bücher und das Netz genutzt werden könnten, alle Hilfsmittel erlaubt und der Austausch mit anderen gewünscht wäre? Wie müssten solche Leistungserfassungen konzipiert sein? Tatsächlich muss hier auch immer eine zweite Frage zuerst neu gedacht werden: Wofür sollen Leistungen erfasst werden? Bezieht man diese Frage auf den gesellschaftlichen Wandel und die aktuellen und zukünftigen globalen Herausforderungen, muss hier die bisherige Vergleichbarkeit der Befähigung weichen.

Kurz und grob ist damit die Befähigung gemeint, selbständig lernen und Probleme lösen zu können, indem Kompetenzen und Wissen erfasst und offene Baustellen aufgezeigt werden. Im Grunde genommen war das ohnehin schon immer der Anspruch der meisten Lehrkräfte, die unterschiedliche Formen von Rückmeldungen nach Leistungserfassungen praktizieren. Noten stehen aber in einem deutlichen Gegensatz dazu, wirken dem entgegen und verankern die Vergleichbarkeit im Bildungssystem und den Köpfen. 

Deshalb richtet sich das Interesse von Schüler:innen bei der Rückgabe von Tests in der Regel nur auf die Noten. Was und wie gelernt wurde, spielt kaum noch eine Rolle, wenn die Zahl auf dem Papier feststeht. Diesen Fokus lernen sie von Erwachsenen von Klein auf. Spätestens ab Klasse 3, wenn die weiterführenden Schulen näher rücken, wird prophezeit, dass Noten im Studium, der Berufswelt und dem Leben Türen öffnen oder verschlossen lassen. Deshalb gibt es auch Notenbüchlein und Zeugnisse, die den Kurs angeben und keine ausführliche Dokumentation und Kommunikation von Wissen und Kompetenzen.

Bisherige Leistungserfassungen sind eher Leistungsmessungen. Deshalb werden zum Zeitpunkt der Messungen z.B. keine Fragen mehr erlaubt, weil sie sonst die Ergebnisse verfälschen würden, die eine Vergleichbarkeit gewährleisten sollen. Auch das Lernen ist währenddessen nicht erlaubt, weil beispielsweise Fehler bestraft und nicht als Möglichkeit, etwas zu lernen, verstanden werden. Wären das aber nicht auch wichtige Kompetenzen, Fragen zu stellen, Fehler zu erkennen, zu korrigieren und daraus lernen zu können? Müssten faire Leistungserfassungen nicht auch die Rahmenbedingungen der Lernenden berücksichtigen, unter denen sie Wissen und Kompetenzen erworben haben und deshalb individuell unterschiedlich sein?

Deshalb orientieren sich Konzepte für zeitgemäße Leistungserfassung (wenn u.a. die Befähigung zum selbständigen Lernen erreicht werden sollte) daran, Lernprozesse sichtbar zu machen und Lernende dabei zu unterstützen, diese zu erkennen, zu verstehen, zu dokumentieren und reflektieren zu können. Natürlich kann das teilweise auch mit bisherigen Tests, Klassenarbeiten und Prüfungen gelingen. Es erfordert aber an vielen Stellen eine Entwicklung offenerer Aufgabenformate, löst sich von der Idee der Wissensvermittlung, strebt Wissenserwerb an und bindet das Netz mit seinen Möglichkeiten ein.

Was das konkret fürs jeweilige Fach übersetzt bedeutet, muss jede Lehrkraft für sich und mit dem Kollegium aushandeln. Eine These aufzustellen, sie zu be- oder widerlegen, geht in vielen Fächern. Argumente zu Fragestellungen zu sammeln, zu sortieren und zu diskutieren auch. Oder Lernprodukte aus der Projektarbeit bieten eine hervorragende Grundlage, um Kompetenzen und Wissen zu erfassen. Müsste denn nicht nach den gesellschaftlichen Erfahrungen mit Covid-19 jeder Test in jedem Fach genutzt werden, um zu zeigen, wie man geeignete Quellen (im Netz) findet, sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt und sie kommuniziert? 

Ehrlicherweise wird aber am Ende immer die Bewertung und Benotung ein Knackpunkt darstellen. Deshalb bedeutet zeitgemäße Leistungserfassung in letzter Konsequenz die Abschaffung von Noten. Ebenfalls ehrlich wäre aber auch das Eingeständnis, dass die bisherigen Bewertungen und Benotungen immer schon weit davon entfernt waren, das zu leisten, was sie sollten. Somit wäre eine Veränderung im Bereich der Leistungserfassung eine günstige Möglichkeit, sich dem zu nähern, was Lernen an sich bedeuten und erreichen soll.