Was würde eigentlich geschehen, wenn ein Schriftsteller beim Deutschabitur über sein eigenes Werk mitschreiben würde? Vor kurzem hat Saša Stanišić genau damit für Aufsehen gesorgt, als er via Twitter in einem Thread offenlegte, nach 1997 erneut beim Abitur mitgeschrieben und mit 13 Punkte einen neuen persönlichen Highscore erreicht zu haben. Nur war es dieses Mal nicht Goethe, über den er schreiben musste, sondern sein eigener Roman Vor dem Fest.

Fernab der vielen Fragen, die seine besondere Aktion und das Resultat aufwerfen, fiel mir ein Tweet besonders auf. Er beklagte darin, nachdem er fünf Stunden von Hand schreiben musste, Schmerzen im Arm gehabt zu haben und fragte, weshalb man nicht mit dem Computer schreiben dürfe. Er äußerte auch den Wunsch, dass Schulbehörden mehr Gegenwart zulassen sollten. Wohin so eine Reise führen könnte, möchte ich mit einem kleinen Gedankenexperiment Abitour mit Internet skizzieren und anregen, das weiterzudenken.

Mehr Gegenwart zulassen

Gehen wir davon aus, es wäre beim Deutschabitur die Aufgabe, den Roman Vor dem Fest zu besprechen und wie 2019 in Hamburg, dazu auch ein neues Kapitel zu verfassen. Nur dieses Mal dürften Laptops mit Internetanschluss genutzt werden. Wahrscheinlich würden die Schüler_innen nach bereits verfassten und veröffentlichten Texten über das Buch im Netz suchen. Dabei müssten sie wissen, wo sie wie recherchieren sollten, um möglichst schnell gute Beiträge zu finden. Das Gefundene müssten sie einordnen können, beispielsweise in Bezug auf Seriosität und Qualität. Dann würden sie sich wahrscheinlich untereinander Links über bewährte Quellen schicken oder nur Passagen mit Kommentaren.

Vielleicht würde jemand den Autor Saša Stanišić googeln, den Wikipedia-Beitrag lesen, auf seine Website klicken und feststellen, dass er twittert und bei Instagram ist. Sie würden seine Tweets lesen, Eiblicke in seine Art, seinen Humor erhalten und erfahren, dass er aber auch mit Leuten kommuniziert, die er nicht kennt. Vielleicht würde ihn dann jemand etwas zu seinem Buch fragen und eine Antwort erhalten. Das könnten dann andere Schüler_innen mitlesen und ebenfalls in ihre Gedanken für das neu zu schreibende Kapitel einfließen lassen. Ihre Texte könnten sie veröffentlichen, miteinander teilen, sich Feedback geben, daran weiterarbeiten und sich vernetzen. Vielleicht hätte sogar Saša Stanišić manchen dieser Beiträge gelesen und ebenfalls kommentiert.

Einige Schüler_innen wären wahrscheinlich auf seinen Insta-Account, hätten seine Beiträge durchgescrollt und würden ihn als Person aus einer zusätzlichen Perspektive näher kennenlernen, vielleicht auch Lust bekommen, weitere Texte von ihm zu lesen oder zu einer der nächsten Lesung in ihrer Nähe zu gehen. Sie würden eventuell beobachten, mit welchen anderen Personen er sich im sozialen Netzwerken austauscht und hätten so vielleicht den Weg zu weiteren Künstler_innen oder Themen gefunden.

Nach dem Fest

Was hätte somit mehr Gegenwart geändert? Schüler_innen hätten zusammengearbeitet, ihr Wissen geteilt und gelernt und geübt, sich souverän im Netz zu bewegen. Sie hätten ihr persönliches Lernnetzwerk erweitert und Neues entdeckt, über sich und andere. Natürlich müssten Klassenstufen auf so ein Abitur anders vorbereitet werden, mit einem einem veränderten Unterrichts-, Lehr- und Lernverständnis. Sie müssten zumindest im Vorfeld bereits so gearbeitet haben, bzw. dazu befähigt worden sein: So zu arbeiten, wie es in der Gegenwart üblich ist.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Vor Kurzem wurde in sozialen Netzwerken die „#10YearChallenge“ ausgerufen, bei der Personen in der Regel Bilder von sich aus den Jahren 2009 und 2019 posteten, um bestenfalls zu belegen, dass sie sich in diesem Zeitraum kaum verändert haben.

photo-1515378960530-7c0da6231fb1So ähnlich verhält es sich mit den Argumenten, die sich gegen das digitale Schreiben und Lesen wenden: Sie haben sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert.

Kathrin Passigs 2009 veröffentlichter Text „Standardsituationen der Technologiekritik“ hat  bis heute  kaum an Aktualität eingebüßt und gibt ein Bild wieder, wie technischen Neuerungen begegnet wird – und wahrscheinlich wird dieses Bild auch noch bei der „#20YearChallenge“ und darüber hinaus mithalten können.

„Wozu soll das gut sein?“, „Wer braucht das schon?“, „Das nützt nur einer Minderheit und ist lediglich eine Mode, die vergeht.“, „Es wird sich dadurch nichts ändern.“, „Zu welchem Preis?“, „Es überfordert die Schwächeren.“, „Das gehört sich nicht und verändert unsere Denk-, Lese- und Schreibtechnik zum Schlechteren.“

Es sind diese sich stets wiederholenden Kritikmuster und Phrasen oder (hier stark verkürzten) Argumente, die Kathrin Passig in ihrem Beitrag mit vielen Beispielen ausführlicher erläutert. Wer sie einmal verinnerlicht hat, kann zukünftig nicht anders, als technikkritische Texte über die Wichtigkeit der Handschrift oder die Sorge um die Zukunft des Lesens daran zu messen.

Der K(r)ampf mit Argumenten

Es wird gern gewarnt, gewertet und gemahnt, wenn es um das digitale Schreiben oder Lesen geht: Die Feinmotorik gehe verloren, die Anstrengungsbereitschaft lasse nach oder Hirnareale würden weniger aktiviert. Die Argumente werden mit „Früher“-Beispielen durch das Kopfkino emotional aufgeladen. Und Studien, Titel oder – aktuell beliebt – auch eine große Anzahl an Forschern sollen dann diesen Argumenten ein besonderes Gewicht geben, gewissermaßen als Gütesiegel. Alles im Namen der Wissenschaft. Kathrin Passig begründet diese Haltung und Handlung damit, dass in der Regel die eigenen Pfründen gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen.

Dabei wäre gerade in Zeiten von Fake News und gefühlter Wahrheit eine in die breite Gesellschaft verständlich kommunizierende und wirkende Wissenschaft notwendig, die nicht als Gütesiegel für Grabenkämpfe überstrapaziert wird.

Wer also wieder mal die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse bemüht, um (s)eine bestimmte Pädagogik zu legitimieren, sollte vorher das Interview mit Ad Aertsen und Stefan Rotter lesen: Die Hirnforscher erklären darin, wie weit man eigentlich davon entfernt ist, belastbare Schlüsse aus dem bisherigen Wissen über die Grundlagen neuralen Lernens zu ziehen. In jedem Fall sollte man genauer betrachten, was und wie in zitierten Studien untersucht wurde.

Mehr Neugier, mehr Fragen, mehr Verständnis

Es braucht keine weiteren Artikel, gefällige Bücher und Studien, die vorher feststehende Meinungen belegen, sondern ergebnisoffene Fragen, die zu einem besseren Verständnis der Digitalen Transformationsprozesse führen.

Tablets mit Büchern zu vergleichen, indem man sie wie Bücher benutzt, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug mit einem Tretroller zu vergleichen, indem man beide schiebt und jeweils die Geschwindigkeit misst. Das Lesen und das Schreiben verändern sich, keine Frage. Aber auch deren Maßstäbe und Kontexte erfordern, im Rahmen des digitalen Wandels neu gedacht oder zumindest berücksichtigt zu werden.

Menschen schreiben und lesen zunehmend digital. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach anders. Das ist auch keine Nebenerscheinung der Digitalen Transformation, die es zu bändigen gilt, sondern das zentrale Element einer Welt, die von vernetzten Computern als Leitmedium geprägt ist.

Während noch darum gekämpft wird, zu beweisen, dass Schreiben von Hand besser sei als digitales Schreiben, werden bereits Sprachnachrichten verschickt und Siri, Alexa und Co. befragt. Der kulturelle Wandel schreitet zügig voran, ist aber gestaltbar. Dafür muss er verstanden werden. Wagen wir deshalb etwas mehr Neugier und offene Fragen.

Beiträge, die ich für D64 verfasse, veröffentliche ich später auch auf diesem Blog, um möglichst viele meiner Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

jon-tyson-520850-unsplash-e1551090613720Nach einer Einigung im Vermittlungsausschuss ist der DigitalPakt Schule am 21. Februar im Bundestag beschlossen worden. Damit werden in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro aus dem Bund in den Bildungsbereich fließen, die hoffentlich nachhaltig investiert den Einstieg in eine vernünftige digitalen Infrastruktur in Schulen ermöglichen sollen. Aus Sicht von D64 ist das zwar wegweisend und zu begrüßen, kann aber nur ein Anfang sein. 

Vielmehr setzt sich D64 dafür ein, dass zeitgemäße Bildung nicht einfach als das zur Verfügung Stellen von Infrastruktur begriffen, sondern als grundlegender Wandel in der Herangehensweise an Bildungsfragen begriffen wird. 

So hatte die  Kulturministerkonferenz der Länder in ihrem im Dezember 2016 veröffentlichten Strategiepapier der Kultusministerkonferenz Bildung in der digitalen Welt sich auf einen verbindlichen Rahmen geeinigt, und richtig erkannt, dass es dafür vor allem neue erforderliche Kompetenzen und Voraussetzungen und ihre Förderung braucht. Gut zwei Jahre später stellt sich die Fragen, wie viel davon bisher jeweils umgesetzt wurde und ob  ein Investitionspaket genügt, um den kulturellen Wandel, der durch die Digitale Transformation nötig ist, auch im notwendigen Ausmaß im Bildungsbereich zu erreichen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren meistens die Technik und ihr “Mehrwert” in den Debatten über Digitales im Bildungsbereich im Mittelpunkt stand und dabei gerne der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Kultur der Digitalität, verloren ging. Es wird nicht umsonst bevorzugt über Tablet-Klassen, Apps und Lernplattformen diskutiert. Welches Bildungsverständnis braucht es aber in einer Kultur der Digitalität? Was sich zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt, ist, dass das Digitalisieren von Prozessen und Strukturen aus dem Buchdruckzeitalter nicht genügen wird.

Damit die über 730 000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland neue technische Möglichkeiten im Kontext des kulturellem Wandels wirksam und nachhaltig aufgreifen können, benötigt es neben der Technik auch physische, zeitliche und kognitive adäquate Räume. Dafür sind flache Hierarchien, Interdisziplinarität, grenzüberschreitende Vernetzung und Austausch notwendig, die leider auch die am schwierigsten zu erreichenden Veränderungen darstellen, weil es dabei um geistige Hürden, bzw. eine tief verankerte Haltung geht. D64 fordert deshalb, dass nach Verabschiedung des DigitalPaktes, dass

  • administrative Tätigkeiten an Schulen von dafür eingestelltem Personal übernommen werden, damit Lehrkärfte sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren können und eine stets funktionerende digitale Infrastruktur aufgebaut und konstant gewähleistet werden kann.
  • auch Ressourcen bereitgestellt werden, die wirksame und nachhaltige Schulentwicklung im Laufe des Schulalltags ermöglichen. Hier schlagen wir die “20-Prozent-Zeit” vor. Jeden fünften Tag, bzw. einen Schultag sollen Lehrerinnen und Lehrer frei vom Arbeitsalltag sich um eigene Projekte, im Rahmen von Schulentwicklung, kümmern können. Innovation braucht Freiräume.
  • Strukturen, Projekte und Veranstaltungen, die regional, grenzübergreifend und auch interdisziplinär Vernetzung und Austausch ermöglichen, unterstützt und gefördert werden.

Der Erfolg vom Auftakt mit den finanziellen Mitteln des DigitalPakts Schule wird von der Bereitschaft der jeweiligen Entscheidungsträger innerhalb der Länder und Kommunen abhängen, sich zu öffnen, transparenter zu agieren, regionale Potenziale in die Prozesse zu involvieren und attraktive Freiräume für die Entwicklung von wirksamen Konzepten und Innovation zu ermöglichen. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Dialog und einer veränderten Haltung gelingen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Fridays for Future Freiburg

img_0253Wer ein Gymnasium, die vermeintlich letzte Bastion der Dichter und Denker, besucht, darf davon ausgehen, dass er Immanuel Kants Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, die so in der Berlinischen Monatsschrift 1784 veröffentlicht wurde, im Unterricht behandeln wird. Als Lernstoff, den es zu verstehen und behalten gilt. Wie eine mögliche Umsetzung aussehen kann, zeichnet sich aktuell in Freiburg bei der von Schülerinnen und Schülern geplanten Fridays for Future-Aktion ab, bei der sie gemeinsam mit fast 60 weiteren deutschen Städten junge Menschen dazu aufgerufen haben, sich EINEN Tag mit Greta Thunbergs wöchentlichem Streik zu solidarisieren, um sich für Klimaschutz und ihre Zukunft einzusetzen.

Nachdem der vor Weihnachten über Social Media-Kanäle gestartet Aufruf der Freiburger Jugendlichen in der letzten Woche eine zunehmende mediale Aufmerksamkeit erhielt und der 18. Januar immer näher rückte, stieg auch in den Schulen der Druck bezüglich der Frage, wie man mit dem geplanten Streikaufruf umgehen soll. Gestern berichtete die Badischen Zeitung von einer Absprache der Freiburger Gymnasien mit den Regierungspräsidium, dass die Schulen den Streikaufruf nicht unterstützen und auch keine Unterrichtsbefreiung erteilen würden. Im heutigen Bericht über den Konflikt ist in der Badischen Zeitung mittlerweile von allen Schularten, bzw. Schulen, in Abstimmung mit dem Kultusministerium, die Rede.

Rechtliche Perspektive

Schulen sind natürlich an einen rechtlichen Rahmen gebunden. Dazu gehört auch die Schulpflicht. Daher kann eine Schulleitung keinen Freischein für einen juristischen Verstoß ausstellen oder diesen unterstützen. Es besteht aber beispielsweise die Option, einen außerunterrichtlichen Lerngang mit einer Klasse zu organisieren, der das an mehreren Stellen im Bildungsplan verankerte und im Unterricht vor- und nachbereitete Thema Klimaschutz vertieft. Auch das Strafmaß bei streikenden Schüler_innen bietet übrigens Spielräume für kreative Lösungen. Die rechtliche Perspektive zu kommunizieren, ist eine Möglichkeit. Es gibt auch andere.

Gesellschaftliche Perspektive

Wer Kants Gedanken zur Mündigkeit nicht nur auswendig lernen lässt, sondern ernst nimmt, müsste sich eigentlich darüber freuen, dass bundesweit junge Menschen als aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft agieren und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Erst recht in einer Zeit, in der Nationalismus weltweit erstarkt, die Demokratie ins wanken gerät und der Planet sich in Plastik hüllt. Was würde ein im Heute lebender Immanuel Kant über die Jugendlichen sagen, die ihrer Stimme ein Gewicht geben und zwar für Klimaschutz und die eigene Zukunft? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mit Schulausschluss oder harten Konsequenzen drohen würde. Wahrscheinlich würde er mit ihnen einen Dialog suchen, d.h. mit ihnen und nicht über sie sprechen und sie einbinden, in die Entscheidungen, die getroffen werden müssen. So würden junge Menschen erfahren, dass sie als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden und lernen, was Demokratie leben bedeutet. Es stellt sich somit die Frage: Wie viel Aufklärung verträgt die Schule?

Das Referendariat prüft nicht die Potenziale angehender Lehrer_innen, sondern ihre Fähigkeit, herauszufinden, was die Prüfenden wünschen und die Bereitschaft, das bestmöglich umzusetzen. Diese Prüfungen prägen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur. Nicht positiv.

Diesen Gedanken stellte ich nach einem Gespräch mit einem Freund, der aktuell sein Referendariat absolviert, gestern Abend in verschiedenen sozialen Netzwerken zur Diskussion. Das löste einige Reaktionen (besonders bei Twitter) aus, die ich nicht alle auffangen kann. Deshalb möchte ich den Kontext meiner Aussagen etwas erläutern, in der Hoffnung, einige Missverständnisse ausräumen, bzw. zu einem besseren Verständnis beitragen zu können.

Bei dem veröffentlichten Gedanken ging es mir nicht um das Referendariat an sich (das würde sogar den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen), sondern in erster Linie um das Wesen einer 45-minütigen Lehrprobe, die (verkürzt und überspitzt) daraus besteht, jede Sekunde geplant und kontrolliert zu wissen. Was häufig dazu führt, dass Aufgaben formuliert werden, bei denen jede mögliche Antwort vorher schon feststeht. Es wird also geprüft, ob etwas wie vorhergesehen funktioniert. Und ich zweifle daran, dass das Funktionieren in vorhersehbaren Abläufen eine noch adäquate Antwort im digitalen Wandel darstellt und stelle gleichzeitig die Frage zur Debatte, wie und welche Potenziale angehender Lehrerinnen und Lehrer geprüft werden sollten.

ball-407081_1920„Das möchte Prüfer x sehen.“ oder „Darauf legt Prüferin y einen besonderen Wert.“ sind gängige Aussagen, wenn Referendar_innen über die Vorbereitung ihrer Lehrprobe berichten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. (Es ging und geht mir hier auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern ein zu lösendes Problem anzusprechen. Zumindest sehe ich es als eines.) Dass Prüfungen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur prägen, bezog sich auf die Beobachtung, dass Schüler_innen in der Regel versuchen, im Unterricht eine Antwort zu formulieren, die sie vom Lehrenden gewünscht vermuten. Das zu antworten, was Lehrende hören möchten, deckt sich nicht mit meiner Vorstellung von zeitgemäßer Bildung, bzw. den Herausforderungen der Digitalen Transformation.

Natürlich hängt eine Prüfung nicht allein vom Format ab, sondern auch von den Personen, die es umsetzen. Wenn ich eine Prüfung nennen müsste, die ich aus meiner Biografie als am gelungensten beschreiben würde, wäre es meine fachdidaktische mündliche Prüfung im Fach Geschichte. Hier erzeugte mein damaliger Prüfer eine angenehme Gesprächsatmosphäre, die von gegenseitigem Respekt zeugte und mehr Diskussion als Prüfung war. Und das beim klassischen Format, bei dem zehn Minuten lang nur Fragen gestellt werden. Das lag meiner Meinung nach u.a. daran, dass er herausfinden wollte, was ich weiß, bzw. denke und nicht nachweisen, was ich nicht kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass ihm die Tragweite seiner lebenswegweisenden Entscheidungen, seine Macht und Verantwortung stets bewusst war. Diese Erfahrung, sein Verständnis einer Prüfung und seine Haltung gegenüber den Prüflingen haben meine Vorstellungen und Handlungen in der Schule mit geprägt.

Prüfungen und Lehrproben sind zwar nur ein Bestandteil des Bildungssystems. Sie machen aber deutlich, wohin die Reise führen soll, bilden eine klare Rollenverteilung, bzw. ein Machtgefüge ab und bestimmen damit wesentlich die Bildungskultur, bzw. das Bildungsverständnis. Das gilt für die Schulzeit, das Studium und das Referendariat. Wer sich zeitgemäße Lernprozesse wünscht, muss deshalb neben Unterrichts- und Schulstrukturen auch Tests, Klassenarbeiten und Prüfungen diskutieren. 

Persönliche Anmerkung

Weil ich sich doch einige Personen persönlich angegriffen gefühlt haben, weil sie selbst Referendarinnen und Referendare prüfen und sich oder ihre Arbeit in einem schlechten Licht oder nicht richtig dargestellt sehen: Es geht mir nie um Personen, sondern stets um die Sache. Die gilt es meiner Meinung nach immer kritisch denkend zu reflektieren. Das ist zumindest mein Verständnis, bzw. meine Haltung im Rahmen von zeitgemäßer Bildung. Es freut mich, wenn meine oben geschilderten Erfahrungen, Beobachtungen und Einschätzungen nicht auf eure Arbeit zutreffen. Dass der Tweet so viel Zuspruch erfahren hat, zeigt aber leider auch, dass es auch andere Beispiele gibt und darüber gesprochen werden muss.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

„Blocken ist Freiheit: Nervige, pöbelnde, hasserfüllte Stimmen aus der eigenen Wahrnehmung zu entfernen, gehört zu den wichtigsten Kulturtechniken in sozialen Netzwerken. Nur Ahnungslose halten Blocken für Zensur.“

Bildschirmfoto 2019-01-03 um 17.51.02Mit diesen Worten hat Sascha Lobo seinen aktuellen Kolumnenbeitrag Lob des Blockens eingeleitet, in dem er das Blocken in sozialen Netzwerken feiert, empfiehlt und sogar von einem digitalen Menschenrecht spricht. Eine Kolumne verstehe ich allgemein eher als einen Impuls, der auch gerne polarisieren darf und keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt. Weil ich davon ausgehe, dass dieses Verständnis nicht alle teilen, möchte ich hier meine Auffassung kurz begründen und seinen Beitrag um zwei weitere Perspektiven ergänzen.

Die Aussage, dass die Welt immer komplexer wird, ist eine Standard-Folie bei allen Vortragenden, die über die Digitale Transformation referieren. Die Einigkeit in diesem Punkt liegt u.a. daran, dass jeder die zunehmende Komplexität der Welt zumindest gefühlt bestätigen kann. Das Blocken stellt keine Ausnahme dar, unterliegt ebenfalls dieser Komplexität und kann nur im jeweiligen Kontext beurteilt werden. Zwei Betrachtungen zu Wer und Weshalb sollen das exemplarisch verdeutlichen.

Wer blockt?

Wenn Sascha Lobo über das Blocken in sozialen Netzwerken schreibt, dann als jemand, der heute über 731 000 Follower bei Twitter und über 43 000 Abonnenten bei Facebook hat (Ja, ich weiß, dass eine hohe Follower-/Abonnentenzahl nicht automatisch eine hohe Reichweite bedeutet. Das ist aber ein anderes Thema und würde hier den Rahmen sprengen.) oder jemand, der seit vielen Jahren zu den prominentesten Köpfen zählt, die beim Thema „Digitalisierung“ vor die Kamera oder auf die Bühne gebeten werden. Das heißt, dass er durch seine Bekanntheit a.) weitaus mehr Benachrichtigen erhält als Horst aus Buxtehude oder ein Lehrer wie ich und b.) für Trolle, bzw. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Kommunikation erschweren oder sogar zerstören (möchten), attraktiver ist. Wenn er von Schutz oder Bewahrung der konstruktiven Kommunikation spricht, ist das einen andere Hausnummer und lässt sich nicht kontextfrei auf jeden Account, bzw. jede Person 1:1 übertragen.

Weshalb wird geblockt?

Natürlich hat Sascha Lobo recht, dass Blocken keine Zensur ist und Meinungsfreiheit nicht bedeutet, jede Meinung anhören zu müssen. Was er mit dem Blocken aber u.a. erreichen möchte, beschreibt er so:

„Wenn man die Knalltüten blockt, fällt es leichter, klüger und weniger aggressiv vorgetragene Gegenmeinungen überhaupt wahrzunehmen. Vorher gehen sie oft im Getöse unter.“

In seinem Beitrag fehlt der Aspekt, dass zumindest bei Twitter die gleiche Wirkung mit dem Muten, bzw. Stummschalten erreicht werden kann. (Eigentlich ist das „gemeiner“ als Blocken, weil die stummgeschaltete Person nicht erfährt, dass sie ignoriert wird. Man nimmt so mancher Person auch die Genugtuung, geblockt worden zu sein. Von Person x geblockt zu werden wird bei Twitter nicht selten wie eine Auszeichnung gefeiert.)

Ich kommuniziere seit fünf Jahren über Twitter und genieße ebenfalls die von Sascha Lobo erwähnte Freiheit, das eigene soziale Netzwerk aufzubauen und zu verändern. Dabei habe ich jede Menge Zeit in Debatten rund um das Thema Bildung im digitalen Wandel investiert, sehr viele Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt und leider feststellen dürfen, dass manche von ihnen das Blocken bewusst einsetzen, um einer kontroversen Diskussion bequem auszuweichen. Besonders dann, wenn es um ihre eigenen Beiträge geht, die sie gerne im Netz beherzt, aber nicht hinterfragt wissen möchten. Was unterschiedliche (aus meiner Sicht nicht positive) Auswirkungen zur Folge hat. Auch das, woran Lobo zweifelt: Im eigenen Saft zu kochen. Dass meine Berufsgruppe nicht zwingend zur kritikfähigsten zählt, hat verschiedene Gründe. Trotzdem würde ich diese Auswirkungen des konsequenten Blockens nicht allgemein für alle anderen Themen und Gruppierungen wie er ausschließen wollen. Für mich bleibt das Blocken weiterhin nur eine Möglichkeit des Schutzes vor Trollen und die Bestätigung einer gescheiterten Kommunikation. Nichts, das ich feiern würde.