„Ein Barcamp ist mal eine nette Abwechslung zu anderen Formaten. Aufgrund der 45-minütigen Sessions bietet es aber weder Vertiefung noch echte Qualität, letztlich bleibt es bei einer gut gemeinten „Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben“-Veranstaltung.“ Diese Vorstellung und auch entsprechende Erfahrungen und Missverständnisse häufen sich. Sie hängen damit zusammen, dass in den letzten Jahren zunehmend Veranstaltungen als Barcamp bezeichnet wurden, die keine sind. Der Begriff dient einerseits als Etikett, mit dem Veranstaltungen verkauft werden, andererseits verstehen Veranstalter:innen zuweilen nicht, was ein Barcamp wirklich ist.

Barcamps werden ähnlich missverstanden wie digitale Endgeräte: Sie werden als Add-on gesehen, als ein neues Werkzeug bzw. eine weitere Methode. Das Transformative bleibt verborgen,es wird nicht erkannt, dass es eine andere, gewandelte Kultur entsteht. Barcamps sind eine Antwort auf eine immer komplexere Welt. Wer ein Tablet oder Smartphone nur dafür nutzt, um alte Arbeitsblätter zu digitalisieren, und sie nicht als Kulturzugangsgeräte versteht (wie sie Lisa Rosa vor Jahren treffend bezeichnet hat), wird auch ein altes Veranstaltungskonzept, das aus Workshops besteht, als Barcamp verkleiden und bewerben, ohne jemals die Idee verstanden und das Potenzial ausgeschöpft zu haben.

Wann ist also ein Barcamp ein echtes, ein gutes Barcamp, an welcher Stelle ergibt es einen Sinn und was kann es tatsächlich leisten?

Wann ist ein Barcamp ein Barcamp?

Wer Barcamp googelt, wird neben dem Wikipedia-Eintrag unzählige Beiträge finden, die meist nur beschreiben, was ein Barcamp ist, indem sie den Rahmen und die Regeln vorstellen. Hinter ihnen steckt aber eine Idee. Sie erfüllen einen Zweck und können mit dem richtigen Verständnis eine Flamme entzünden. Den Rahmen und die Regeln nur zu reproduzieren, reicht dafür allein nicht aus. Aus einem anfänglichen Format, das den Gegensatz zu klassischen Konferenzen abbilden sollte, haben sich über die Jahre ganze Communities und eine Kultur, wie miteinander gearbeitet und gelernt wird, entwickelt. Diese Barcamps verfolgen und bewirken eine Kultur (der Digitalität), die maximal selbstbestimmt, partizipativ, agil, gleichberechtigt, offen, transparent, kollaborativ und inklusiv ist. 

Barcamps sind divers, hinsichtlich der Teilnehmenden, der Themen und der Veranstaltungsorte. Dennoch hat sich ein organisatorischer Rahmen etabliert und es gibt verbindliche Regeln. Sie bilden einen Konsens und eine Orientierung, die ich wie folgt zusammenfassen würde:

Der Rahmen

Barcamp Lernräume 2019 – Foto Fionn Große

Ein Barcamp besteht aus mehreren Zeitschienen (sog. Slots), die jeweils 45 Minuten dauern, in denen verschiedene Sessions zeitgleich in unterschiedlichen Räumen stattfinden und auf die jeweils 15 Minuten Pause folgen. Die Sessions können als Impulsvortrag mit Diskussion, Workshop oder Diskussionsrunde zu einer Frage stattfinden. Das Programm, also welche Sessions von wem, wann und wo angeboten werden, wird erst vor Ort, am Tag des Barcamps, mit allen Anwesenden gemeinsam ausgehandelt. Es gibt dafür eine Moderation, die zu Beginn alle Barcamp-Regeln erklärt und danach Personen ihre Session-Vorschläge kurz vorstellen lässt. Wenn Anwesende Interesse an der Session haben, heben sie ihre Hand. Dann erhält eine Session einen festen Zeitpunkt und Ort im Programm. Davor gibt es meist eine schnelle Vorstellungsrunde.. Bei ganztägigen Barcamps gibt es eine Mittagspause. In der Regel wird den Tag über ein Buffet bzw. werden Essen und Trinken (kostenfrei) angeboten. Am Ende des Barcamps gibt es einen gemeinsamen Abschluss,oft in Form von einzelnen Rückmeldungen zum Tag. 

Die Regeln

  • Auf einem Barcamp wird geduzt.
  • Es gibt einen Hashtag, mit dem im Netz über das Barcamp gesprochen werden soll. 
  • Pro Slot werden in der Regel maximal so viele Sessions geplant, wie Räume vorhanden sind.
  • Eine Session findet dann statt, wenn sich außer der anbietenden Person mindestens eine weitere dafür interessiert.
  • Bei den Sessions steht der Austausch im Mittelpunkt, alle Teilnehmer:innen gestalten sie mit. Deshalb spricht man von Teilgerber:innen. 
  • Das Wesentliche einer Session wird protokolliert und das Protokoll veröffentlicht. 
  • Sessiongeber:innen suchen zu Beginn ihrer Session nach einer oder mehreren Personen, die protokollieren. 
  • Das Gesetz der zwei Beine besagt, dass Teilgeber:innen jederzeit eine Session verlassen, zu einer anderen wechseln oder die Zeit anders nutzen können.

Kultur der Digitalität und Kontrollverlust

Barcamp Lernräume 2019 – Foto Fionn Große

Da die Idee der Barcamps aus der Tech-Szene stammt, wurden sie von Beginn an in einer Kultur der Digitalität gedacht. Deshalb werden Protokolle häufig mit Etherpads von mehreren Personen kollaborativ, gemeinsam erstellt und Ideen, Fragen und Antworten aus den Sessions oder sogar gesamte Protokolle (über Etherpad-Links) mit dem Hashtag des Barcamps im Netz veröffentlicht. Sie bilden damit alle Merkmale einer Kultur der Digitalität ab: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Dadurch, dass Informationen, Wissen und Anregungen während der Barcamps (meist über Twitter) im Netz geteilt, zugänglich gemacht und teilweise sogar Beteiligungen an Sessions ermöglicht werden, sind sie übrigens schon von Beginn an hybride Veranstaltungen gewesen und haben den transformierten Raum verstanden und berücksichtigt. 

Um ein „echtes“, gutes Barcamp zu erhalten, braucht es deshalb ein Commitment möglichst vieler und bestenfalls aller Beteiligten zur beschriebenen Kultur. Wo diese vorher schon vertreten und gelebt wird, können Barcamps ihr volles Potential entfalten. In Bereichen, in denen eher hierarchische Strukturen und intransparente Prozesse herrschen und normalerweise wenig bis keine Partizipation stattfindet, werden es (echte) Barcamps sehr schwer haben, weil sie einen Kontrollverlust bedeuten und entgegengesetzt zur vorherrschenden Lern- und Arbeitskultur stehen. So werden dort Veranstaltungen durchgeführt und auch als Barcamp bezeichnet, bei denen beispielsweise auf das Duzen verzichtet wird, das Programm schon Wochen im Voraus steht und Sessions aus 45-minütigen Vorträgen bestehen. Somit handelt es sich dabei um Schein-Barcamps.

Was kann ein Barcamp leisten?

„Ein Barcamp ist das, was ihr daraus macht“ ist häufig der letzte Hinweis, mit dem alle in die erste Session verabschiedet werden. Dadurch werden  der individuelle Gestaltungsraum, aber auch die Eigenverantwortung und die diversen Perspektiven deutlich. Wer ein Barcamp wie erlebt, hängt vom eigenen Handeln ab. Deshalb kann eine schlechte Erfahrung bei einem Barcamp entweder ein Indikator dafür sein, dass der Rahmen und die Regeln nicht eingehalten wurden, oder dass die notwendige Kultur nicht ausreichend gelebt wurde. Wer aus falsch verstandener Höflichkeit in Sessions sitzen bleibt, die ihn nicht interessieren, die Möglichkeit nicht nutzt, sich mit einer eigenen Session einzubringen oder sich in Sessions nicht beteiligt, kann eine negative Erfahrung machen, die teilweise selbstverschuldet* ist und nicht allein dem Barcamp zugeschrieben werden kann. Auch wenn das trotzdem häufig getan wird. 

(*Weil es nicht ausreicht, nur einen Raum für Beteiligung bereitzustellen, sondern Beteiligung ebenfalls gelernt werden muss, kann so eine Erfahrung auch nur teilweise selbstverschuldet sein.)

Barcamp Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg 2020

Wer verstanden hat, dass und welche Kultur hinter Barcamps steckt, wird sie nicht als einzelnes Ereignis planen und einsetzen, sondern mit ihnen die bereits beschriebene Lern- und Arbeitskultur einführen, etablieren oder fortführen. Operativ bieten sie sich an, um Prozesse (in einem System) zu beginnen oder laufende zu reflektieren und daran weiterzuarbeiten. Sie bieten einen Raum für Dinge, die sonst keinen erhalten. Mit ihnen können Bedürfnisse und Bedarfe ermittelt werden. Barcamps können erfahrungsgemäß Kräfte freisetzen, Personen, die sich lange Zeit nicht beteiligt haben, reaktivieren und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Sie können für Gruppierungen und Themen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, einen Begegnungsraum bieten. In einer Welt, in der die Komplexität der Herausforderungen stetig zunimmt, können Barcamps das leisten, was gesellschaftlich notwendig ist: Probleme interdisziplinär und multiperspektivisch zu erfassen und zu lösen.

Schulen und Barcamps 

Mit regelmäßigen Barcamps kann eine zeitgemäße Lern- und Arbeitskultur in Schulen erreicht werden. Sie eignen sich als pädagogische Tage des Kollegiums, als Elemente einer wirksamen und nachhaltigen Schulentwicklung, als Schultage mit allen an Schule Beteiligten, die auch für Externe geöffnet werden können oder als Lern- und Arbeitsform im Unterricht einer Klasse oder Stufe sein. Mein konkreter Vorschlag wäre, ein Schuljahr mit einem monatlichen Schultag als Barcamp zu beginnen und perspektivisch auf einen wöchentlichen hinzuarbeiten. Einen Teil der Konferenzen würde ich durch Barcamps ersetzen, wie auch pädagogische Tage und würde sie auch vermehrt nutzen, um sich mit externen Expert:innen und anderen Schulen aus der Umgebung (und darüber hinaus) stärker auszutauschen und zu vernetzen.

(Mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung werden in Baden-Württemberg ab nächstem Schuljahr auch im Fortbildungsbereich Barcamps eine deutlich stärkere Rolle spielen.)

Bitte und Einladung

Nach diesem Beitrag müsste nun klar sein, dass es wesentlich vom Verständnis und Handeln der Organisationsteams, aber auch der restlichen Anwesenden abhängt, wie viel Barcamp in einem Barcamp steckt und was es tatsächlich leisten kann. Als jemand, der seit vielen Jahren nicht wenig Zeit und Kraft investiert, im Bildungssystem oder im kommunalen Raum eine gewandelte Lern- und Arbeitskultur einzuführen, zu etablieren und fortzuführen, bitte ich darum, Veranstaltungen nicht Barcamp zu nennen, wenn nur einzelne Elemente davon darin vorkommen und es sich aus PR-Gründen anbietet. Dieses Vorgehen reduziert Barcamps nicht nur zu einem Buzzword, sondern verbaut auch zukünftige Chancen und hemmt notwendige Veränderungen. Durch die Erfahrung mit Schein-Barcamps schwinden bei Menschen das Interesse, die Bereitschaft und die Gelegenheiten, echte Barcamps zu besuchen, durchzuführen und eine zeitgemäßen Lern- und Arbeitskultur kennenzulernen.

Wer sich fragen sollte, wo man denn nun so ein echtes Barcamp erleben kann, lade ich herzlich zum Barcamp Lernräume in Freiburg ein. Ansonsten lege ich für die EduCamps oder die Edunautika in Hamburg meine Hand ins Feuer. Es gibt aber unzählige Barcamps, die sehr gut sind und auch nicht mit Bildung zu tun haben. Meldet euch einfach an und sammelt am besten eigene Eindrücke und Erfahrungen. Mit diesem Beitrag habt ihr eine Möglichkeit, euch zu orientieren, falls ihr ein Barcamp besucht oder selbst eines durchführen möchtet. Wer sich vertieft mit der Thematik auseinandersetzen möchte, findet hier im OER-Buch Barcamps & Co. von Jöran Muuß-Merholz zahlreiche Tipps, Hinweise und Checklisten. Möge die Barcamp-Flamme in euch entzündet werden.

(Wer eine konkrete Unterstützung oder Beratung wünscht, kann sich an ein erfahrenes Team von freiburg_gestalten wenden. Wir haben dort schon in vielen Kooperationen mit Städten, Hochschulen oder Vereinen diverse Barcamps durchgeführt.)

Letzte Woche fand in Hamburg die Edunautika statt. Ein Barcamp zu zeitgemäßer Pädagogik im digitalen Wandel. Lisa Rosa erklärte dort in ihrer Session Reformpädagogik und Digitalität sind Geschwister, weshalb das Netz und die Reformpädagogik zusammenpassen und nannte u.a. Gemeinsamkeiten wie Offenheit, Selbstbestimmung, reflektierendes Learning by Doing, Kommunikation und Zusammenarbeit. Vieles davon trifft aus meiner Sicht auch auf ein Barcamp zu; was es für mich attraktiv macht, auch weitere Reisen auf mich zu nehmen. Seitdem sich die Angebote dazu mehren, werden auch kritische Stimmen immer lauter und fragen nach dem Vorteil eines Barcamps im Vergleich zu anderen Formaten. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich die Frage aus Sicht eines Teilnehmers (oder wie man in Barcamp-Kreisen sagt Teilgebers) und Veranstalters ausführlicher beantworten und mögliche Missverständnisse bzw. falsche Erwartungen klären.

Was spricht für ein Barcamp?

2018 03 17 - Barcamp Freiburg - Fotos von Fionn Grosse- 90543603Ein Barcamp ist mehr als „nur“ ein anderes Format. Wenn man Veranstaltungsformate systemisch betrachtet, kann man beobachten, welche Relevanz sie beispielsweise auf die Kommunikation, Zusammenarbeit und besonders auf das Selbst- und Gruppenverständnis der Anwesenden haben. Wenn man seine Fragen nicht stellen kann und woran man arbeitet nicht mitgestalten und -bestimmen kann, wirkt sich das auf die einzelne Person und Gemeinschaft aus. Die digitale Transformation, in der sich die gesellschaftliche (und wirtschaftliche) Ordnung grundlegend verändert, bedingt bzw. erfordert auch einen kulturellen Wandel. In einer immer komplexer werdenden Welt, müssen Räume geschaffen werden, in denen Menschen mit unterschiedlichem Wissen und Perspektiven auf Augenhöhe zusammenfinden können, um gemeinsam Ideen zu entwickeln und sich auszutauschen. (Das ist eine dieser Aussagen, bei denen meist Leute zwar beim Lesen nicken, aber die Tragweite der Forderung nicht die nötige Zeit erhält, um sich angemessen gedanklich zu setzen. Ich kenne nämlich kaum Räume, in denen das ermöglicht wird.) Ein Barcamp scheint mir darauf eine mögliche Antwort zu sein. (Dass beim Barcamp Lernräume in Freiburg 24 Partner aus verschiedenen Bereichen mit an Bord waren, war kein Zufall.) Zu jedem Zeitpunkt entscheidet eine Person selbst, ob und wie sie sich bei der Programmerstellung oder in einer Session einbringen möchte und ob sie beispielsweise eine Session verlässt bzw. wechselt. Dieses hohe Maß an Freiheit und Flexibilität, führt auch zu einer ständig wechselnden Rolle zwischen Lehren und Lernen. (Bei einem Barcamp als schulinterne Fortbildung können so, im Vergleich zu klassischen Fortbildungen, vorhandene Potenziale genutzt und wertgeschätzt werden.) Günstige Bedingungen für kollektive Intelligenz. Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Meine Sympathie für Barcamps resultiert nicht aus Vorteilen gegenüber anderen Formaten, sondern aus der Suche nach Konzepten und Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel.

Es gibt kein Barcamp-Gütesiegel

Weil bei Barcamps das Programm von den Anwesenden vor Ort erstellt und die Sessions geführt werden, muss man sie bei einer Analyse und Bewertung differenziert betrachten. Gibt es einen thematischen Rahmen und wie weit bzw. eng ist er gefasst? Wie bunt oder fachspezifisch ist die Zusammensetzung der Menschen? Wie viele Leute verfügen über Barcamp-Erfahrung und wie viele nicht? Wer sind die Veranstalter und mit welchem Ziel? Auch die Räumlichkeiten, Moderation, Verpflegung oder die benutzen Informationskanäle spielen eine Rolle, wie ein Barcamp verläuft. Durch das Duzen oder dass jede Person sich jederzeit gleichermaßen einbringen kann, versucht man bei Barcamps Voraussetzungen für Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen. Letztendlich hängt das aber von der Einstellung bzw. Bereitschaft der Menschen vor Ort ab. Das Gleiche gilt für die Vielfalt und Qualität der Sessions. Wenn sich ein Barcamp von einem klassischen Veranstaltungsformat nicht unterscheidet, liegt das in der Regel daran, dass die beurteilende Person selbst nicht vor Ort war oder dass es als Barcamp geplant, aber nicht gelebt wurde. Ein gelungenes Barcamp erkennt man meiner Erfahrung nach am Kommentar von Erstteilnehmenden, dass man es nicht beschreiben kann, sondern erleben muss. In diesem Sinne möchte ich mit einem Gedanken von Toni Morrison abschließen: „If there’s a book that you want to read, but it hasn’t been written yet, then you must write it.“ Übersetzt für Barcamps oder deren Sessions bedeutet das: „Wenn es ein/e Barcamp/Session gibt, an dem du teilnehmen möchtest, es/sie aber noch nicht angeboten wurde, musst du es/sie selbst anbieten.“

Ergänzung

Im Bildungstalk Perlen von den Säuen haben hier Andreas Hofmann, Solveig Schwarz, Philippe Wampfler und ich über einige der Fragen zum Thema Barcamp, die im Netz und den Kommentaren zu diesem Blogbeitrag formuliert wurden, kontrovers diskutiert.

Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Frage, wie man eine breite Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels in Schulen initiieren, unterstützen oder beschleunigen könnte. 2016 habe ich zum ersten Mal dazu ein paar Gedanken verschriftlicht. Mittlerweile hat sich meine Vorstellung insofern weiterentwickelt, dass sich mein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und das Lernen richtet, losgelöst von Schule, die nur einen Bestandteil des bisherigen Systems darstellt, das gerade im komplexen und dynamischen Transformationsprozess an seine Grenzen stößt. Lernen darf nicht nur im schulischen Kontext verstanden werden. Wir lernen ständig und überall. Im Gespräch mit Freunden oder bei der Arbeit. Wir lernen in allen Lebensbereichen, wenn wir Problem lösen bzw. um Probleme zu lösen. Der digitale Wandel hat aber nicht nur die Möglichkeiten hierfür grundlegend verändert, sondern auch die Notwendigkeit.

stuttgart-980526_1920Wenn ich heute nach Antworten auf meine Fragen suche, stürze ich mich in der Regel ins Web. Dabei suche ich nach geeigneten Quellen und bei wesentlicheren Fragen auch immer mehr nach Menschen mit der dazugehörigen Expertise. In den Debatten mit ihnen erreiche ich erst häufig die nötige Schärfe einer Fragestellung, um den dazugehörigen Sachverhalt vertieft zu durchdringen. Besonders gefällt mir dabei die (in zumindest meinem Umfeld) fehlende Hierarchie. Man duzt sich und nicht der Titel vor dem Namen oder sonstige Kriterien, sondern allein der Austausch zählt. So habe ich über die letzten Jahre mein persönliches Lernnetzwerk, das ständig weiter wächst und sich entwickelt, mit Hilfe von Social Media aufgebaut. Orts- und zeitunabhängig, stets griffbereit, über das Smartphone in der Hosentasche.
Ich glaube, dass nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Erfordernis nach öffentlichen, nicht kommerzialisierten Räumen in der Stadt besteht, in den genau diese Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe stattfinden können. In denen Menschen, die normaler nicht aufeinandertreffen, zusammenfinden. Sozusagen ein persönliches kommunales Lernnetzwerk, bei dem ich nicht nur auf das Potenzial vor Ort zugreifen, sondern auch meine Expertise in die Waagschale werfen kann. Was wiederum eine Vernetzung und Zusammenarbeit über das Web nicht ausschließen soll. Das Barcamp Lernräume stellt einen solchen Versuch dar. Mit dem offenen Bildungsnetzwerk Freiburg wurde neben dieser großen Veranstaltung letztes Jahr ein kleinerer Ableger geschaffen, der hier eine Kontinuität gewährleisten soll. Das reicht natürlich nicht aus. Ein nächster notwendiger kommunaler Schritt könnte ein überarbeitetes Konzept der Stadtbibliothek sein, die neben der zentralen Lage und der allgemeinen Zugänglichkeit, eigentlich alle notwendigen Kriterien für eine öffentlichen Begegnungsraum, wie er oben beschrieben wird, erfüllt. In diesem Beitrag aus dem Tagesspiegel wird die Idee eines Bibliotheken-Updates noch näher und konkreter ausgeführt. Ulm zeigt mit Freiraum, einen weiteren möglichen Ansatz. In diesem Zusammenhang wird mit technischerem Fokus auch häufig von FabLabs gesprochen.

Das Ziel, ein uomo universale zu werden, war wahrscheinlich im Bezug auf die Kenntnis aller Fachgebiete nur in der Renaissance möglich. Durch das exponentielle Wachstum des Wissens hat seit damals die Diskrepanz zwischen dem, das gewusst wird und dem, das man wissen könnte, immer mehr und schneller zugenommen. Wenn man in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Fragen betrachtet, die sich auf kommunaler Ebene stellen, wird klar, welche Form der Zusammenarbeit benötigt wird. Die erhöhte Komplexität der Fragestellungen unserer Zeit erfordern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Expertisen. Hierarchische Systeme machen deshalb keinen Sinn. Wenn man das beispielsweise auf die Idee der Bildungsregion Freiburg bezieht, bedeutet das, dass das regionale Potenzial in einem offenen und transparenten Prozess genutzt werden müsste, um ein gemeinsames und nachhaltiges Konzept zu entwickeln. Im digitalen Wandel sollte deshalb aus dem Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ein zeitgemäßes Der Prophet vernetzt sich im eigenen Land werden. Im letzten Jahr lernte ich bei unzähligen Gesprächen im Rahmen der Planung des Barcamps Lernräume viele Menschen in Freiburg kennen, die auf verschiedenen Gebieten über Know-how, Ressourcen oder Ideen verfügen, sich aber gegenseitig noch unbekannt waren. Dass aber der Wunsch nach Zusammenarbeit und Schaffung neuer Lernräume vorhanden ist, zeigt die Organisation des Barcamps, die über Etherpads, Messenger-Dienste und E-Mails von über 20 Partnern geleistet wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Nebeneinander enden wird, freue mich auf das zukünftige kommunale Miteinander und bin gespannt, welche Konzepte sich daraus ergeben werden.