Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Lehrende und Lernende kommunizieren und arbeiten über eine digitale Plattform miteinander – diese Idee erscheint aus verschiedenen Perspektiven attraktiv. Und diese Vision hat bereits einige bundeslandspezifische, aber auch bundesweite Projekte hervorgebracht. Sie heißen „Schul-Cloud“, „Ella“, „Logineo“ oder ganz aktuell „Milla“.

Jedes dieser Vorhaben hat eine eigene und lange Geschichte. Und doch eint sie die Vorstellung – so zumindest deren Vermarktung –, eine neue Lösung dafür zu sein, wie junge Menschen auf das Zeitalter der digitalen Transformation ausreichend vorbereitet werden können. Wie viel „neu“ und wie viel „Lösung“ stecken aber tatsächlich in den digitalen Bildungsplattformen?

Digitale Transformation statt Digitalisierung

canned-food-570114_1920Vielleicht liegt es an dem lange und viel zu häufig verwendeten schwammigen Begriff „Digitalisierung“und dem gedanklichen Rahmen, den er schafft, dass die digitale Transformation – beziehungsweise der kulturelle Wandel, der für die grundlegenden Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung steht – missverstanden wurde und wird. Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Wer sich digitale Bildungsplattformen ansieht, stellt fest, dass das Lernsetting in der Regel weiterhin unverändert bleibt. Zwar können Zugriff und Hochladen von Aufgaben zeit- und ortsunabhängig praktisch sein, wenn sich alle Beteiligten von einem neuen Kommunikationskanal überzeugen lassen. Am Ablauf und den Rollen aber hat sich nichts geändert. Die Lehrkräfte heißen nun „Admins“, behalten weiter die Kontrolle, und Klassen pflegen ihre Lösungen ein – alles digital. Das Lernen wird durch Datenerhebung optimiert und effizienter gestaltet. Welche Lernprozesse braucht es aber tatsächlich in einer sich ständig schneller wandelnden Welt?

Schutz durch Selbstschutz

Weil der geschützte Rahmen von digitalen Bildungsplattformen oft hervorgehoben wird, möchte ich einen Vergleich skizzieren. Nehmen wir an, das Internet sei das Verkehrsnetz. Dann wäre die digitale Bildungsplattform so etwas wie das Fahrrad-Testgelände in der Grundschule. Die Schülerinnen und Schüler könnten hier im geschützten und den Lehrkräften bekannten Umfeld die Verkehrsregeln erlernen und sich sicher fortbewegen. Fehler werden gleich erkannt und korrigiert, ohne große Gefahren. Nach dem Fahrradführerschein werden die Radwege im regulären Verkehrsnetz erkundet – in der Regel nur im Beisein der Eltern oder älteren Geschwister.

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen. Dabei wird gern unterschlagen, dass das Internet neben den medial wirksamen Gefahren auch jede Menge Potenziale birgt. Offenheit, Freiheit und Selbstbestimmung sind wesentliche Elemente des kulturellen Wandels. Erst sie haben das Netzwerken über alle Grenzen hinweg ermöglicht. Ein mündiger, souveräner Auftritt im Netz und eine digitale Identität können nicht in abgeschlossenen Systemen erlernt und entwickelt werden. Schulen müssen sich öffnen, ihre Strukturen und Prozesse an der digitalen Transformation orientierend reflektieren und begleitete Experimentierfelder bieten – auch im Netz.

Auf der Website des Kultusministeriums Baden-Württemberg wird in der Einleitung zur digitalen Bildungsplattform, die im Schuljahr 2019/20 kommen soll, erklärt, wofür sie gedacht ist:

„Mit dem Aufbau einer digitalen Bildungsplattform möchte das Kultusministerium die Schulen im Land dabei unterstützen, digitale Medien im Lehr- und Lernprozess rechtssicher und komfortabel zu nutzen.“

Bildschirmfoto 2017-11-11 um 20.02.55Für mich wirft diese Erklärung einige Fragen auf, die gerne ergänzt oder beantwortet werden dürfen: Ist das die beste Lösung einer rechtssicheren und komfortablen Nutzung? Wäre es nicht besser, wenn alle am Schulleben Beteiligten den rechtssicheren und souveränen Auftritt im Netz lernen würden und ihr Lehr- und Lernumfeld nicht auf eine Plattform beschränken müssten? Entscheiden nicht die Nutzer über Komfort? Ist das nicht der Grund, weshalb sich nutzerfreundliche Systeme gegen die Konkurrenz im freien Netz durchsetzen? Für wen ist eine digitale Bildungsplattform die beste Lösung einer rechtssicheren und komfortablen Nutzung? Ist diese Lösung primär für Lehrpersonen konzipiert oder ist sie auch für Schüler_innen komfortabel? Sind bzw. waren Rechtssicherheit und Komfort die einzigen Orientierungspunkte bei der Entwicklung? Was ist mit allen anderen Aspekten eines zeitgemäßen Lehr- und Lernprozesses, wie zum Beispiel dem persönlichen Lernnetzwerk? Wo und wie können sie in diesem Konzept stattfinden? Wem gehören die Produkte eines Lernprozesses, die auf der Plattform abgelegt und ausgetauscht werden? Kann man diese Produkte als Schüler_in nach der Schulzeit oder bei einem Umzug in ein anderes Bundesland mitnehmen? Welche Rolle spielt das Web? Was geschieht eigentlich, wenn die 100 ausgewählte Schulen nach der einjährigen Testphase rückmelden, dass eine Nachbesserung nicht ausreicht und das Konzept einer digitalen Bildungsplattform nicht funktioniert? Dürften die das rückmelden?