Weil ich heute eine Debatte verfolgt habe, in der Lehrkräfte erneut diskutierten, ob und wie Themen zur Pandemie, Politik und Gesellschaft in der Schule aufgegriffen werden sollen, möchte ich ein, zwei Gedanken und Perspektiven dazu teilen und eine Einladung aussprechen. Auch weil erfahrungsgemäß nicht wenige diese heiklen Themen lieber umschiffen (möchten), weil es zu emotional aufgeladen und komplex sei oder man sich lieber neutral verhalten wolle und müsse.

Pandemie, Demokratie und Schule

Den meisten Menschen ist klar, dass sich die Demokratie in einer ernsthaften Krise befindet, etwas dagegen unternommen werden muss und Schulen dabei eine wichtige Rolle spielen sollten. Gleichzeitig erhalten diese großen Probleme in der Schule kaum Raum, Ressourcen und Bedeutung. Auch wenn die politische Ebene hier die größte Verantwortung trägt und Möglichkeiten hat, daran etwas zu ändern, verfügen auch Lehrer:innen über einen gewissen Spielraum, den sie gestalten und verändern können. 

Die anstrengenden, komplizierten und teilweise zermürbenden Debatten über politische Entscheidungen rund um die Pandemie, belasten und zerreißen seit gut zwei Jahren Familien, Freundschaften und Bekanntschaften. Dabei geht es nicht nur um die getroffenen Entscheidungen an sich, sondern auch darum, wie sie zustandekommen, kommuniziert werden und viele weitere Aspekte. Diese Debatten werden sehr kontrovers und emotional geführt, bewegen Menschen auf die Straße und münden zunehmend in Aggressionen und Gewalt. 

Daher ist es verständlich, dass Lehrkräfte sich fragen, ob sie diese riesige Baustelle tatsächlich auch noch in der Schule angehen sollen. Daran hängt übrigens auch neben der Frage, wie und wann auch eine Abwägung, ob überhaupt noch ausreichend Kraft vorliegt, das zu tun. Schließlich haben auch Lehrer:innen viel Energie rund um die Herausforderungen der Pandemie verloren. Trotzdem möchte ich alle Kolleg:innen ermuntern und einladen, diese Debatten auch in der Schule zu führen – aus mehreren Gründen.

Streiten lernen

Wer in junge Menschen investiert, investiert in die Zukunft. Diese Erkenntnis ist nicht neu und gilt natürlich auch für die Art und Weise, wie wir miteinander als Gesellschaft streiten und umgehen. Wer sich in Zukunft einen konstruktiveren gesellschaftlichen Diskurs wünscht, der sich nicht in Gewalt entlädt und Verschwörungserzählungen mündet, muss damit schon in der Schule beginnen. Es ist nicht so, dass die öffentlichen und privaten Debatten über politische Entscheidungen in der Vergangenheit jemals besonders gut gewesen wären. Die Entwicklung der Diskussionen in den letzten beiden Jahren, sprich wie und wo sie geführt werden, hat aber gesellschaftliche Defizite sichtbar und deutlich gemacht, die viele nicht in dieser Größe, Tragweite und Komplexität erwartet hätten. 

Der Schul- und Klassenraum bietet eine Chance und Potenzial, zu lernen, konstruktiv miteinander zu streiten, sich zuzuhören, unterschiedlicher Meinung zu sein und sich trotzdem mit gegenseitigem Respekt zu begegnen und besser zu verstehen, wie die komplexen politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse zustandekommen und verlaufen. Gerade jetzt, wo Schüler:innen so sehr spüren und erfahren, wie Politik ihr Leben bestimmt, sollten sie in der Schule lernen und erleben, wie eine kontroverse Debatte geführt werden kann und verschiedene Sichtweisen gemeinsam zu einem vertieften Verständnis führen und nicht zu einer Abspaltung und Radikalisierung. 

Das zu lernen ist nicht nur jetzt und in Bezug auch die Pandemie wichtig. Die Klimakrise und die vielen bestehenden und kommenden globalen Herausforderungen werden wir nicht erfolgreich lösen können, wenn wir nicht lernen, konstruktiv miteinander zu streiten und einen möglichst breiten Konsens auszuhandeln. Dafür müssen die Erkenntnisse der Wissenschaft als Grundlage und Orientierung für politische und gesellschaftliche Debatten verwendet werden können, aber auch verwendet werden wollen. Natürlich kann Schule hier nur einen Beitrag leisten. Diese Aufgaben und Verantwortungen sind und bleiben gesamtgesellschaftliche.

Halt und Orientierung bieten

Wenn nicht jetzt, wann dann, können und müssen die Geschehnisse um junge Menschen herum auch in der Schule aufgegriffen werden? Auch allein deshalb, um ihnen Orientierung, Halt und Lösungsansätze zu bieten, in dieser schwierigen Zeiten, in denen viel von ihnen verlangt wurde und ihre Stimmen kaum bis gar nicht gehört und berücksichtigt wurden. Sie brauchen einen Raum, in dem sie einander vertrauen und sich öffnen können. So sehr uns diese Pandemie an vielen Stellen überfordert, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Überforderung auch auf sie zutrifft. Nicht alle haben einen Raum, indem sie das formulieren können und eine Unterstützung erhalten. 

(Und wer die psychischen Belastungen von Schüler:innen gerne und oft thematisiert, um damit bestimmte politische Entscheidungen zu begründen, sollte dann fairerweise auch alles dafür tun, dass eine Entlastung auch tatsächlich in den Vordergrund gerückt wird. Dazu gehören zum Beispiel konkrete Maßnahmen, wie mehr Beratungs- und Hilfestellen zu schaffen oder weniger Arbeiten und Tests zu schreiben und sie anders zu gestalten, um den Druck für junge Menschen zu senken.) 

Demokratie als Aufgabe von Schule

Falls sich die eine oder andere Lehrkraft, die sich in diesem Punkt bisher unsicher war, nun doch dafür entscheiden sollte, die Themen zur Pandemie, Politik und Gesellschaft in der Schule bzw. im Unterricht aufzugreifen, möchte ich darauf hinweisen, dass es dafür eine Vorlage und Hilfestellung gibt, an der man sich stets orientieren sollte. Und zwar den Beutelsbacher Konsens. Danach sollen Schüler.innen nicht mit einer erwünschten Meinung der Lehrkraft überwältigt werden, unterschiedliche Standpunkt kennenlernen und in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und die eigenen Interessen zu analysieren.

(Immer wieder stelle ich fest, dass der Beutelsbacher Konsens vielen Lehrer:innen nicht bekannt ist oder sie ihn missverstehen. Dabei hat sich die Vorstellung bzw. der Denkfehler etabliert, politische Themen lieber nicht im Unterricht aufzugreifen, um eine gewisse „Neutralität“ zu wahren.)

Demokratien befinden sich weltweit in einer gewaltigen Krise. Sie müssen gestärkt und verteidigt werden. Am besten gelingt das, indem junge Menschen sie (er)leben und gestalten lernen. Und das muss Teil ihres Schulalltags sein, Teil der Kultur im Klassen- und Schulraum. Jedes Fach und jede:r Lehrer:in können und müssen hier etwas dazu beitragen. Wie wissenschaftliches Arbeiten und Politik funktionieren, wodurch welche psychologischen Effekte wirken (können), wie Informationen geprüft werden können und kommuniziert werden sollten, welche Rolle soziale Netzwerke spielen und unzählige andere Aspekte umfassen alle eine solide, wirksame und nachhaltige Demokratiebildung. Gebt all dem bitte viel und häufig Raum, auch wenn es schwierig und anstrengend ist und die Kraft knapp. Danke dafür.

Beiträge, die ich für Online-Portale verfasse, veröffentliche ich später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Dieser erschien im Online-Dossier des Deutschen Kinderhilfswerks.

Voraussetzungen 

Um ein Verständnis dafür entwickeln zu können, was Teilhabe an Schulen in einer Kultur der Digitalität bedeuten und wie sie gelingen kann, empfiehlt es sich, die Voraussetzungen der Partizipation im Bildungssystem vorab, grundsätzlich und ehrlich zu betrachten, damit Ressourcen gezielt investiert und adäquate Erwartungen erzeugt werden. Auch wenn Schulen als Orte verstanden werden müssen und möchten, an denen demokratische Prozesse gelernt und erfahren werden sollen, liegen an sich hierarchische Strukturen vor, in denen Schüler:innen die geringste Macht besitzen und Erwachsene die Lern- und Schulkultur bestimmen.

Deshalb hängt es vom Willen und der Bereitschaft von Personen in den Bildungsministerien bis hin zur Lehrkraft im Klassenzimmer ab, ob und wie viel Partizipation an Schulen stattfinden und erreicht werden kann. Sie bestimmen, inwieweit für Beteiligung ein Nährboden geschaffen und Räume geöffnet werden. Wer eine wirksame und nachhaltige Teilhabe junger Menschen erreichen möchte, benötigt einen möglichst breiten Konsens aller am Schulleben beteiligten Erwachsenen darüber, günstige Voraussetzungen für Partizipation erzeugen zu wollen. Das bedeutet primär, dafür auch Macht und Verantwortung an Schüler:innen zu übergeben.

Partizipation sollte nicht als ergänzendes, mögliches Element von Unterricht (miss)verstanden werden, sondern als Fundament des Lernens. Wer wirksame und nachhaltige Lernprozesse erreichen möchte, orientiert sich an dem Ziel, junge Menschen zu eigenständigem und selbstverwaltendem Lernen zu befähigen. Diese Beteiligung und Gestaltung ihrer Lernprozesse erlaubt ihnen persönlich die kulturelle Teilhabe, ermöglicht es ihnen aber auch zukünftig, ihr Potenzial bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme einzubringen. Es zeigt sich zunehmend, dass die immer höhere Komplexität der gesellschaftlichen Herausforderungen eine Zusammenarbeit aller erfordert. Die Pandemie oder die Klimakrise belegen, dass es nur gemeinsam funktioniert.

Kultur der Digitalität 

Der Rahmen und Raum, in dem Teilhabe gelingen muss und kann, hat sich in den letzten Jahrzehnten durch eine Kultur der Digitalität gewandelt. Damit ist die Kultur einer global vernetzten, von Digitalität geprägten Welt gemeint, in der zeit- und ortsunabhängig unzählige Zugänge zu Informationen, Austausch und Zusammenarbeit möglich sind. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen und Optionen, wofür und wie junge Menschen befähigt werden müssen und beteiligt werden können. Das hat Auswirkungen auf alle Handlungsfelder von Schule und Bildung.

Weil gelingende Teilhabe möglichst barrierefreie und niedrigschwellige Zugänge braucht, sollten bei der Wahl digitaler Anwendungen die Kenntnisse und technischen Voraussetzungen der Schüler:innen berücksichtigt werden. Dazu gehören auch die Rahmenbedingungen, die zu Hause vorliegen. Welche Geräte, Systeme werden genutzt und sind bekannt? Besteht überall und jederzeit ein Zugang zum Internet? Allein diese beiden Fragen zeigen auf, dass viele unterschiedliche Rahmenbedingungen beim Einsatz von digitalen Programmen zur Beteiligung beachtet werden müssen.

Hinzu kommt, dass junge Menschen ein anderes Kommunikationsverhalten pflegen. Sie informieren und tauschen sich viel über soziale Netzwerke aus, nutzen dabei eigene Sprachcodes und Bewertungen von Interaktionen. Sie arbeiten auch weniger mit Browsern und mehr mit fest installierten Apps auf Smartphones. Deshalb bietet es sich an, Lösungen einzusetzen, die auch auf mobilen Endgeräten für Schüler:innen attraktiv funktionieren. Weil sich Hard- und Software ständig weiterentwickeln, richten sich der Fokus und die Empfehlungen im Folgenden eher auf digitale Settings im Allgemeinen, welchen Angebotscharakter sie haben und welche Möglichkeiten sie auf welche Weise schaffen sollten, als auf konkrete Produkte.

Schulische Handlungsfelder für Teilhabe 

Mit dem Leitfaden Demokratiebildung wurde in Baden-Württemberg im Juni 2019 eine ganzheitliche Betrachtung veröffentlicht und an alle Schulen als verbindliche Zielformulierung kommuniziert, wie Demokratiebildung stattfinden und erreicht werden soll. Hierbei wurden die Handlungsfelder (1) Fachunterricht, fächerverbindender/-übergreifender Ansatz, (2) Schulkultur und (3) außerschulische Kooperationen benannt. Nicht selten wird Demokratiebildung als „ein Thema“ verstanden und darauf reduziert, es im Politik- oder Gemeinschaftskundeunterricht zu vermitteln. Natürlich stellt Fachwissen eine wichtige Grundlage dar. Teilhabe ist aber ein wesentliches Element der Demokratiebildung oder demokratischen Bildung. Sie muss erfahren und gelebt werden. Deshalb bietet sich eine Orientierung an diesen Handlungsfeldern an.

1. Unterricht 

Mit der Jugendstudie Baden-Württemberg erfassen seit 2011 die Jugendstiftung und der Landesschülerbeirat alle zwei bis drei Jahre u.a., wo Schüler:innen Beteiligung in der Schule erfahren. Der Unterricht, der zeitlich den Großteil von Schule umfasst, stellt dabei einen Raum dar, in dem in der Regel am wenigsten Teilhabe ermöglicht wird. Damit wird noch einmal deutlich, dass hier die anfangs benannte Bereitschaft und der Wille von Lehrkräften entscheidend sind, ob und wie Partizipation gelingt.

Dabei bietet der Unterricht fachunabhängig einige Beteiligungsmöglichkeiten. Angefangen bei weniger gewichtigen Themen wie der Sitzordnung, bis hin zur Partizipation bei der Unterrichtsgestaltung oder sogar gemeinsamen Aushandlung, wann und wie Leistungen erfasst werden sollen. Auch die Evaluation von Unterricht eröffnet nicht nur eine grundsätzliche Möglichkeit, Schüler:innen mitbestimmen zu lassen, sondern auch die Wirksamkeit und Qualität von Lernprozessen zu steigern.

Beteiligung ist kein Selbstzweck, sondern Bestandteil demokratischer Prozesse und befähigt zu selbstorganisiertem, eigenverantwortlichem und nachhaltigem Lernen. Die richtigen digitalen Tools schaffen hierfür Voraussetzungen, asynchron, sprich zeit- und ortsunabhängig, offen und transparent, solche Prozesse zu kommunizieren, zu organisieren und kollaborativ zu gestalten. Sie können auch eine Anonymität liefern, die an manchen Stellen gefragt bzw. notwendig ist und den Schutz der Privatsphäre, wie in Artikel 16 der Kinderrechte aufgeführt, sichert. Etherpads, webbasierte Editoren, wie das ZUMPadCryptPad oder Yopad sind hierfür bestens geeignet.

Ein besonders wirksames und nachhaltiges Lernen findet dann statt, wenn junge Menschen beim Wissenserwerb weniger als Nutzende und mehr als Produzierende agieren (können), konkret über die Erstellung eigener Lernprodukte. In einer Kultur der Digitalität können das Videos, Podcasts, Blogbeiträge oder die Produktion von OER (Open Educational Resources) sein. Ein Potenzial des kulturellen Wandels durch Digitalität liegt im Kollektivwissen, das sich durch den globalen Zugang und Austausch entwickelt hat. Um daran partizipieren zu können, müssen im Unterricht die Grundlagen dafür gelegt werden.

Zu den Grundlagen gehört es, ein Verständnis für die Kultur der Digitalität zu erwerben. Mithilfe des Frankfurt-Dreiecks, das Vertreter:innen aus der Medienpädagogik, Informatik und Kulturwissenschaft entwickelt haben, kann das besonders gut gelingen. Dabei wird sich einem Gegenstand aus drei Perspektiven über Analyse, Reflexion und Gestaltung genähert: technologisch und medial, mit Blick auf die Strukturen und Funktionen, gesellschaftlich und kulturell, um die Wechselwirkungen aufzugreifen und durch die Betrachtung der Interaktionen. Auf diese Weise werden junge Menschen befähigt, sich souverän und mündig im Netz zu bewegen, weil sie z.B. besser verstehen können, wie ein soziales Netzwerk wie TikTok funktioniert, wirkt und genutzt wird, ihr eigenes Verhalten bewusster wahrnehmen, reflektieren lernen und erfolgreicher gestalten können. Ein Beispiel hierfür ist Feroza Aziz, die mit einem Video auf der chinesischen Plattform TikTok auf das Vorgehen gegen Muslime in China aufmerksam machen konnte und viral ging, indem sie ihre politische Botschaft mit einem Schminkvideo ummantelte und damit auch auf Diskussionen um Zensur auf der Plattform einging (Zhong 2019).

Durch Lernprodukte im Netz kann auch die internationale Zusammenarbeit im Bildungswesen, wie sie in Artikel 28 der Kinderrechte vereinbart steht, gefördert werden. Das können beispielsweise Projekte sein, bei denen Klassen ihr Leben oder regionale Besonderheiten aus ihrer Perspektive beschreiben und sich so mit Kindern auf anderen Kontinenten austauschen und von- und miteinander lernen. Gleichzeitig können sie auf diese Weise Selbstwirksamkeit und persönlich sinnstiftendes Lernen erfahren. Teilhabe ist auch ein wesentliches Element der Persönlichkeitsbildung.

2. Schulkultur 

a) Schülervertretungen 

Mit den verschiedenen Formen der Schülervertretung wurden in Deutschland nach dem Krieg Organe der Mitbestimmung und zur Demokratisierung von Gesellschaft in den Schulen eingeführt und gesetzlich verankert. Auch in diesem Bereich bietet die Kultur der Digitalität neue Möglichkeiten, die angestrebten Ziele und Werte mit der Einführung der Schülervertretungen zu verwirklichen. Das beginnt mit den Zugängen zu Informationen und geht bis zur Teilhabe an bestehenden Lösungsfindungen und Entscheidungsprozessen. Das gilt für die Arbeit der Organe der Schülervertretung und aller sonstigen schulischen Gremien.

Wenn Sitzungen, Protokolle, Ergebnisse und Projekte, d.h. ihre Planungen und Umsetzungen, digital dokumentiert, aufbereitet und allen auf den schulischen Kanälen zur Verfügung gestellt werden, wird erst Teilhabe und im nächsten Schritt Beteiligung ermöglicht. Je höher die Transparenz von Informationen, Strukturen und Prozessen aller schulischen Belange, die Schüler:innen betreffen, umso mehr Teilhabe ist möglich. Durch digitale Texte, Audio- und Videodateien können hierbei viel stärker diverse und barrierefreie Zugänge erreicht werden.

b) aula – Schule gemeinsam gestalten 

Wer die Herausforderungen der Demokratiebildung und der digitalen Transformation im Rahmen der Schulkultur zeitgleich angehen möchte, hat mit aula (ausdiskutieren und live abstimmen) ein besonders geeignetes Konzept, das unter der Leitung von Marina Weisband von politik-digital e.V. entwickelt und 2016 zum ersten Mal an vier Pilotschulen in Deutschland eingeführt wurde. Es besteht aus einem von allen am Schulleben Beteiligten gemeinsam entwickelten Vertrag, der Rahmenbedingungen der Mitbestimmung regelt, aus im Schulalltag integrierten und regelmäßigen aula-Stunden und aus einer (freien) Software. 

Mit aula können alle Schüler:innen über eine digitale Plattform und App ihre Ideen einbringen, wie sie ihre Schule verändern und verbessern möchten. Um diese Vorschläge auch umsetzen zu dürfen, müssen sie Mehrheiten überzeugen und die Ideen so entwickelt und ausformuliert haben, dass sie im Rahmen des vereinbarten Vertrages umsetzbar wären. Sie lernen auf diese Weise diverse Perspektiven zu berücksichtigen und wie komplex es sein kann, gemeinsam Kompromisse auszuhandeln. Vor allem erfahren sie aber, dass ihre Stimme ein Gewicht haben und einen Beitrag leisten kann. 

3. Außerschulisches Wirken 

Ein enormes Potenzial der Kultur der Digitalität stellt der Zugang zu Expertise dar. Noch nie war es dank des Internets und sozialer Netzwerke so einfach Expert:innen aus der ganzen Welt mit einzubeziehen, durch sie globale Bezüge herzustellen, um damit u.a. eine Sensibilisierung für und Achtung vor der natürlichen Umwelt zu erlangen, womit gleichzeitig eines der in der UN-Kinderrechtskonvention vereinbarten Ziele erreicht werden kann. Aber auch die lokalen Zugänge müssen hier mitgedacht werden, weil sich Kinder im kommunalen Radius physisch bewegen.

Dabei geht es nicht nur darum, durch eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartner:innen aus der Region zusätzliche Expertisen während der Unterrichtszeit in die Schulen zu holen, sondern Kindern auch einen Überblick zu verschaffen, welche Akteure und Unterstützungsmöglichkeiten kommunal vorliegen und wie sie auf diese zugreifen können, um beispielsweise Bildungsungerechtigkeit besser entgegenwirken zu können. Digitalität kann hier den Informationsfluss und eine wirksame und nachhaltige Vernetzung erleichtern.

Das wahrscheinlich bekannteste und bedeutendste außerschulische Beispiel für eine solche globale Zusammenarbeit ist die Fridays-for-Future-Bewegung, die 2018 durch die damals 15-jährige Greta Thunberg ausgelöst wurde. Weltweit sind junge Menschen ihrem Vorbild gefolgt und haben über das Internet und soziale Netzwerke sich und andere informiert und mobilisiert, ihnen Mut gemacht, sich ihnen ebenfalls anzuschließen. Sie haben dazugelernt und sich mithilfe digitaler Möglichkeiten lokal und global organisiert, sich untereinander, aber auch mit diversen Expert:innen ausgetauscht und vernetzt, sich Gehör verschafft, die Klimakrise in ihrer Tragweite verdeutlicht und bekämpft.

Fazit 

Digitale Teilhabe an Schulen ist nicht primär eine Frage der Soft- und Hardware, sondern eine pädagogische, didaktische und vor allem eine Frage der Haltung der für Bildung verantwortlichen Akteure, die sich an den globalen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen orientieren und daraus legitimieren muss. Beispiele wie die Digitale Transformation oder die Corona-Pandemie belegen, dass aufgrund einer zunehmenden Komplexität die Beteiligung vieler notwendig ist, um überhaupt Lösungen zu finden, die in demokratischen Gesellschaften akzeptiert werden. Digitale Strukturen und Beteiligungsformate können das unterstützen.

Deshalb muss Partizipation das Fundament des Lernens (wie und wofür Wissen erworben wird) und schulischen Lebens sein, das junge Menschen fachlich und demokratisch befähigt, Lösungen gemeinsam zu entwickeln und Kompromisse zu tragen. Es ist die Aufgabe der Politik, der Schulleitungen und Lehrer:innen, im Unterricht, auf schulkultureller Ebene und im außerschulischen Wirken dafür einen Rahmen zu schaffen und für günstige Voraussetzungen für solche Beteiligungsprozesse zu sorgen.

Ein hilfreicher Indikator bei der Auswahl von digitalen Plattformen oder sonstiger Software ist der Blick auf die Rolle der Schüler:innen, die ihnen dabei zukommt. Werden hierarchische Machtstrukturen reproduziert oder werden junge Menschen durch das digitale Setting befähigt und unterstützt, selbstständig, eigenverantwortlich und souverän handeln zu können? Digitale Teilhabe kann aber vor allem nur dann gelingen, wenn sie von Beginn an gemeinsam mit jungen Menschen ausgehandelt wird.

Beiträge, die ich im Auftrag für andere verfasse, veröffentliche ich später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen Leitartikel habe ich im Rahmen des Projekts #RespektBW der Landesregierung für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (unter CC BY-NC-SA 4.0-Lizenz) geschrieben. Es lohnt sich, mehr als nur einen Blick auf das gesamte Lehrmaterial und die Downloads des „Bitte Was?!“-Projekts zu werfen.

Welche Rolle spielt Demokratiebildung in der Schule?

Das Demokratieverständnis eines Menschen ist das Ergebnis seiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Es kann nicht vermittelt werden wie eine auswendig zu lernende Information, sondern bildet sich über gelebte demokratische Grundwerte und einen Rahmen, in dem unterschiedliche Möglichkeiten echter Beteiligung mit klaren Verbindlichkeiten eine tragende Rolle spielen.

Schulen bieten dafür mit der gesetzlich verankerten Schülermitverantwortung nicht nur eine Struktur und einen Raum, sie sind auch der Ort, an dem die ersten, prägenden Erfahrungen gesammelt werden. Deshalb ist es notwendig, Demokratiebildung als gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung zu verstehen, die im Lebensraum Schule nicht auf ein Fach oder auf die Bemühungen weniger Personen reduziert werden darf.

Sketchnote DejanDemokratiebildung findet nur dann statt, wenn Partizipation gelingt. Für eine erfolgreiche Beteiligung genügt es nicht, Angebote zu schaffen. Partizipation ist ein Prozess, in dem Unterstützung benötigt wird und Beteiligung gelernt werden muss, dauerhaft und auf verschiedenen Ebenen. Demokratiebildung gelingt, wenn Schülerinnen und Schüler informiert und gefragt werden, mitsprechen und entscheiden dürfen und zur Mündigkeit befähigt werden – zuerst im relativ überschaubaren Rahmen der Schule, wobei die so erworbenen Kompetenzen dann auf die Gesellschaft übertragen werden können. Hier spielen Schulleitungen und Lehrende eine zentrale Rolle. Sie entscheiden in der Praxis, wie viele Ressourcen bereitgestellt und welche Prioritäten eingeräumt werden. Dabei geht es um das Verständnis von Schule und Bildung. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit, in der Rechtspopulismus demokratische Strukturen weltweit zunehmend gefährdet, zeigt, dass die Errungenschaften von Demokratien gesellschaftlich immer wieder aufs Neue verteidigt werden müssen. Wenn die dafür notwendige Haltung und das Handwerkszeug, um sich an demokratischen Prozessen beteiligen zu können, nicht in der Schule gebildet und gelernt werden, wo dann?

Demokratiebildung im digitalen Wandel

Durch die digitale Transformation finden seit Jahrzehnten grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung statt. Grenzen werden aufgelöst und bisherige Strukturen greifen nicht mehr. Dieser kulturelle Wandel durch eine vernetzte Welt erzeugt nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Notwendigkeiten der Demokratiebildung. Allein durch Smartphones und soziale Netzwerke wandeln sich Kommunikation und Hierarchien wesentlich. Es gilt, jungen Menschen zu ermöglichen, die Funktionen, Wirkungen und Anwendungen dieses Wandels zu verstehen. Eine zentrale Aufgabe und Verantwortung von Demokratiebildung im digitalen Wandel besteht darin, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese neuen Gestaltungsräume zur Demokratisierung zu nutzen und die neue gesellschaftliche Ordnung aktiv mitzugestalten.

Grundsätzliches zum kulturellen Wandel

Der kulturelle Wandel stellt mit der Entwicklung vom Buch zum Netz einen Paradigmenwechsel und eine gesellschaftliche Herausforderung dar, die im öffentlichen Diskurs sehr kontrovers betrachtet und bewertet werden. Eine differenzierte und wertfreie Herangehensweise wäre notwendig, gelingt aber nicht immer. Es scheitert nicht selten daran, dass jeder Mensch durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Eine Debatte, die sich am Muster Pro und Kontra orientiert, wird zu einer Haltungsfrage und kann die Komplexität der digitalen Transformation nicht erfassen und nicht verständlich machen. Genau das ist aber gesellschaftlich dringend notwendig, um Mündigkeit zu erreichen und handlungsfähig zu werden.

Soziale Netzwerke und Demokratiebildung

Wenn soziale Netzwerke im Kontext von Demokratie diskutiert werden, lassen Fake News, Hatespeech oder Social Bots, die demokratische Prozesse negativ beeinflussen bzw. Meinungsbildung erschweren oder manipulieren, nicht lange auf sich warten. Diese Phänomene existieren, erfordern einen Raum im öffentlichen Diskurs und sind auch ernst zu nehmen. Soziale Netzwerke darauf zu reduzieren, entspricht aber nicht der differenzierten Betrachtung, die nötig ist, um ein ausreichendes Verständnis für den sich vollziehenden und komplexen kulturellen Wandel zu bilden.

Hierfür empfiehlt es sich, folgende drei Fragen des Dagstuhl-Dreiecks, das im März 2016 während einer Tagung auf Schloss Dagstuhl von Expertinnen und Experten aus Informatik, Wirtschaft, Medienpädagogik und Schulpraxis entwickelt wurde, in Bezug auf soziale Netzwerke zu untersuchen: Wie funktionieren sie? Wie wirken sie (auf mich und die Gesellschaft)? Wie werden sie genutzt (von mir und der Gesellschaft)?

Ein Missverständnis bei sozialen Netzwerken hat terminologische Gründe, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Bei sozialen Netzwerken geht es somit um unterschiedlich große Gruppen von Menschen, die über eine digitale Plattform weltweit miteinander vernetzt sein und kommunizieren können. Wie gepostet werden kann oder der Algorithmus funktioniert, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, spielt zwar eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Soziale Netzwerke sind Teil der vierten Gewalt und wandeln durch ihre Möglichkeiten das gesellschaftliche Machtgefüge. Als vierte Gewalt wird der öffentliche Diskurs, der das politische Geschehen beeinflussen kann, verstanden. Durch den digitalen Wandel ist er nicht mehr auf Presse und Rundfunk beschränkt, sondern wird über soziale Netzwerke grundlegend verändert. Soziale Netzwerke wirken als solche, aber auch in andere, bisher bestehende Systeme hinein und umgekehrt, da auch Vertreterinnen und Vertreter der Exekutive, Legislative, Judikative, von Zeitungen oder vom Radio und Fernsehen darüber kommunizieren.

Welches partizipative und demokratische Potenzial soziale Netzwerke bergen, zeigte nicht nur die Bewegung March for Our Lives, die nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida im Februar 2018 von Schülerinnen und Schülern ins Leben gerufen wurde. Die Jugendlichen, unter anderem die charismatische Emma González, benutzten YouTube, Twitter und Instagram, um nachhaltig für ihre Anliegen – schärfere Waffengesetze oder Waffenverbote – zu werben. Sie erreichten in kurzer Zeit eine weltweite Aufmerksamkeit und eine Gesetzesänderung in ihrem Bundesstaat und mobilisierten über eine Million junger Menschen aus allen Bundesstaaten zu einer Demonstration in Washington D.C. Ähnlich verhält es sich mit Greta Thunberg, die es auch dank Twitter und Facebook geschafft hat, ihr Anliegen aus Stockholm in die ganze Welt zu tragen und andere junge Menschen zu motivieren, sich ihr bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen anzuschließen.

Wer sich mit Jugendbeteiligung auseinandersetzt, weiß, dass Meinungen junger Menschen normalerweise im öffentlichen Diskurs kaum bis gar keinen Raum erhalten. In beiden Fällen haben es Jugendliche geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Dies zeigt: Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden.

Soziale Netzwerke können zur Demokratisierung beitragen. Dafür müssen aber jungen Menschen Zugänge zur Teilhabe aufgezeigt werden, manchen mehr und manchen weniger. Zur Demokratiebildung gehört auch Meinungsbildung. Hier müssen der Umgang mit Fake News oder Hatespeech gelernt werden und Informationskompetenz trainiert werden. Sich mithilfe des Netzes eine fundierte Meinung zu bilden und sie adäquat und souverän im Netz vertreten zu können, muss Teil des Bildungsprozesses sein. Die Kommunikationskultur bildet die Gesellschaft ab. Wer eine demokratische Gesellschaft anstrebt, sollte Demokratiebildung unterstützen, online und offline.