Wenn im Bildungsbereich über digitale Medien diskutiert wird, ist der Begriff Mehrwert nicht weit. Ich möchte kurz ausführen, weshalb ich die Verwendung des Begriffs sehr kritisch sehe.

factory-35104_1280Der Begriff Mehrwert kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Bei Karl Marx wird er als der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehenden Teil der Wertschöpfung definiert. In meiner Vorstellung von Bildung und Lernprozessen findet ein derartiges Bild bzw. Ziel keinen Platz. Ähnlich verhält es sich deshalb auch mit den Begriffen Lernfabrik oder Lehrkraft. Mich beschäftigt dabei stets die Frage, welches Framing dadurch begünstigt wird und welche Folgen daraus entstehen können.

In der Regel wird Mehrwert in den Bildungsdebatten genutzt, um digitale mit analogen Medien zu vergleichen oder bei der Frage, wie man durch den Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert erzeugen kann. In beiden Fällen geht es darum, den Einsatz digitaler Medien durch einen nachweislichen Mehrwert zu rechtfertigen; nicht selten mit der Idee, sie Lehrenden schmackhaft zu machen, die noch keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen können. Studien sind dabei häufig die Währung. Weil diese Debatten im Kontext der digitalen Transformation geführt werden, wird damit der Fokus auf den Einsatz digitaler Medien und Technik gerichtet, anstatt auf die wesentlichen Fragen des digitalen Wandels und die daraus resultierenden Herausforderungen bzw. Ziele; einen Mehrwert zu schaffen, zähle ich nicht dazu.

Häufig wird auch mit dem Fehlen eines Mehrwerts beim Einsatz digitaler Medien argumentiert. Dieses Fehlen entsteht meist aus einem Denkfehler. Hierzu hat Axel Krommer einen lesenswerten Beitrag verfasst.

Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Frage, wie man eine breite Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels in Schulen initiieren, unterstützen oder beschleunigen könnte. 2016 habe ich zum ersten Mal dazu ein paar Gedanken verschriftlicht. Mittlerweile hat sich meine Vorstellung insofern weiterentwickelt, dass sich mein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und das Lernen richtet, losgelöst von Schule, die nur einen Bestandteil des bisherigen Systems darstellt, das gerade im komplexen und dynamischen Transformationsprozess an seine Grenzen stößt. Lernen darf nicht nur im schulischen Kontext verstanden werden. Wir lernen ständig und überall. Im Gespräch mit Freunden oder bei der Arbeit. Wir lernen in allen Lebensbereichen, wenn wir Problem lösen bzw. um Probleme zu lösen. Der digitale Wandel hat aber nicht nur die Möglichkeiten hierfür grundlegend verändert, sondern auch die Notwendigkeit.

stuttgart-980526_1920Wenn ich heute nach Antworten auf meine Fragen suche, stürze ich mich in der Regel ins Web. Dabei suche ich nach geeigneten Quellen und bei wesentlicheren Fragen auch immer mehr nach Menschen mit der dazugehörigen Expertise. In den Debatten mit ihnen erreiche ich erst häufig die nötige Schärfe einer Fragestellung, um den dazugehörigen Sachverhalt vertieft zu durchdringen. Besonders gefällt mir dabei die (in zumindest meinem Umfeld) fehlende Hierarchie. Man duzt sich und nicht der Titel vor dem Namen oder sonstige Kriterien, sondern allein der Austausch zählt. So habe ich über die letzten Jahre mein persönliches Lernnetzwerk, das ständig weiter wächst und sich entwickelt, mit Hilfe von Social Media aufgebaut. Orts- und zeitunabhängig, stets griffbereit, über das Smartphone in der Hosentasche.
Ich glaube, dass nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Erfordernis nach öffentlichen, nicht kommerzialisierten Räumen in der Stadt besteht, in den genau diese Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe stattfinden können. In denen Menschen, die normaler nicht aufeinandertreffen, zusammenfinden. Sozusagen ein persönliches kommunales Lernnetzwerk, bei dem ich nicht nur auf das Potenzial vor Ort zugreifen, sondern auch meine Expertise in die Waagschale werfen kann. Was wiederum eine Vernetzung und Zusammenarbeit über das Web nicht ausschließen soll. Das Barcamp Lernräume stellt einen solchen Versuch dar. Mit dem offenen Bildungsnetzwerk Freiburg wurde neben dieser großen Veranstaltung letztes Jahr ein kleinerer Ableger geschaffen, der hier eine Kontinuität gewährleisten soll. Das reicht natürlich nicht aus. Ein nächster notwendiger kommunaler Schritt könnte ein überarbeitetes Konzept der Stadtbibliothek sein, die neben der zentralen Lage und der allgemeinen Zugänglichkeit, eigentlich alle notwendigen Kriterien für eine öffentlichen Begegnungsraum, wie er oben beschrieben wird, erfüllt. In diesem Beitrag aus dem Tagesspiegel wird die Idee eines Bibliotheken-Updates noch näher und konkreter ausgeführt. Ulm zeigt mit Freiraum, einen weiteren möglichen Ansatz. In diesem Zusammenhang wird mit technischerem Fokus auch häufig von FabLabs gesprochen.

Das Ziel, ein uomo universale zu werden, war wahrscheinlich im Bezug auf die Kenntnis aller Fachgebiete nur in der Renaissance möglich. Durch das exponentielle Wachstum des Wissens hat seit damals die Diskrepanz zwischen dem, das gewusst wird und dem, das man wissen könnte, immer mehr und schneller zugenommen. Wenn man in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Fragen betrachtet, die sich auf kommunaler Ebene stellen, wird klar, welche Form der Zusammenarbeit benötigt wird. Die erhöhte Komplexität der Fragestellungen unserer Zeit erfordern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Expertisen. Hierarchische Systeme machen deshalb keinen Sinn. Wenn man das beispielsweise auf die Idee der Bildungsregion Freiburg bezieht, bedeutet das, dass das regionale Potenzial in einem offenen und transparenten Prozess genutzt werden müsste, um ein gemeinsames und nachhaltiges Konzept zu entwickeln. Im digitalen Wandel sollte deshalb aus dem Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ein zeitgemäßes Der Prophet vernetzt sich im eigenen Land werden. Im letzten Jahr lernte ich bei unzähligen Gesprächen im Rahmen der Planung des Barcamps Lernräume viele Menschen in Freiburg kennen, die auf verschiedenen Gebieten über Know-how, Ressourcen oder Ideen verfügen, sich aber gegenseitig noch unbekannt waren. Dass aber der Wunsch nach Zusammenarbeit und Schaffung neuer Lernräume vorhanden ist, zeigt die Organisation des Barcamps, die über Etherpads, Messenger-Dienste und E-Mails von über 20 Partnern geleistet wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Nebeneinander enden wird, freue mich auf das zukünftige kommunale Miteinander und bin gespannt, welche Konzepte sich daraus ergeben werden.

MOOC steht für Massive Open Online Course und stellt bisher überwiegend Onlinekurse im Hochschulbereich dar. Das Massive soll dabei die hohe Anzahl der Teilnehmenden wiedergeben. Ich nahm vor ca. drei Jahren zum ersten Mal an einem MOOC (dem ichMOOC) teil, um zu sehen, ob diese Form des Lernens mir zusagt und welche Potenziale sie birgt. Schließlich herrschte zu dieser Zeit in meiner Wahrnehmung eine kleine Aufbruchstimmung, die Veränderungen beim Lehren und Lernen in Hochschulen versprach. Die Rolle der Lehrenden, die Präsenzzeit, der Bildungszugang bzw. die Bildungsgerechtigkeit und eine offene Netzkultur waren damals u.a. die Themen, die in diesem Zusammenhang in meinen Timelines kontrovers diskutiert wurden. Einige Jahre später ist aus unterschiedlichen Gründe der große Durchbruch der MOOCs in (deutschen) Hochschulen (noch) ausgeblieben. Mehr Erfolg könnte vielleicht dieses Format im Bereich der Weiterbildung bzw. Qualifizierungsmaßnahmen haben. (Durch das Auslagern von Fortbildungen in den Online-Bereich könnte man langfristig Ressourcen einsparen. Und mögliche Sparmaßnahmen sind nicht selten ein politisch starkes Argument.) Hier erscheinen zumindest immer wieder Angebote, wie das in Baden-Württemberg oder das auf der mooc.house-Plattform. Um den aktuellen Stand auf diesem Gebiet besser beurteilen zu können, habe ich mich beim pressewirksamen MOOC des Hasso-Plattner-Instituts Lernen 4.0 eingeschrieben und das erste Modul genauer absolviert. (Der folgende Text konzentriert sich mehr auf die Umsetzung und verzichtet hier größtenteils auf eine kritische Analyse der vorgetragenen Inhalte, um den Rahmen des Blogbeitrags nicht zu überstrapazieren.)

Lernen 4.0

Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.23.21Ich muss zugeben, dass der Blick auf die Vorabankündigung und die Titel der Module bereits vor Beginn des MOOCs meine Vorfreude schmälerten. Begriffe wie Digital Natives oder die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht haben sich in den letzten Jahren häufig als Indikatoren für eine fehlende vertiefte Auseinandersetzung mit der Materie bzw. für einen Mangel an Verständnis für die komplexen Herausforderungen des digitalen Wandels erwiesen. Dass der stets oben eingeblendete MOOC-Titel mit Prof. Dr. Christoph Meinel & Prof. Dr. Klaus Zierer endet, bildet aus meiner Sicht die unveränderte und überholte Hierarchie ab. Wertschätzung der restlichen Mitwirkenden und Teamwork gehen anders.
Unabhängig vom Inhalt erhält man (im ersten Modul) ein gelungenes Beispiel, was zeitgemäße Bildung nicht darstellt: Die Digitalisierung des Bisherigen. Einen Vortrag aufzuzeichnen und mit den dazugehörigen Folien ins Netz zu stellen ändert nichts am bisherigen Lehren und Lernen. Dass man sich bei der unglaubliche Fülle an medialen Möglichkeiten dafür entschied, zum Thema Medienbildung zwei Personen aufzuzeichnen, die hauptsächlich die eingeblendeten Folien vorlesen, steht stellvertretend für das gesamte Modul und eine mir häufig begegnende Fehleinschätzung, man sei offen, vernetzt oder sogar innovativ, sobald man Content im Web hochlädt. Ein schlechte Präsentation wird dadurch, das man sie ins Netz stellt, nur zu einer digitalisierten schlechten und online verfügbaren Präsentation.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.17.32
Weil die Videobeiträge auf dem Lernverständnis der Wissensvermittlung basieren, entstehen weder Impulse zum Weiterdenken noch spannende Fragen. Das schlägt sich in den auf mich wenig ansprechend wirkenden Diskussionsforen nieder. Auf die Erklärvideos folgt jeweils ein Quiz bzw. Multiple Choice-Test, mit dem man überprüfen kann, ob die vorgetragenen Inhalte wiedergegeben werden können. Dieses Lernen 4.0 verdeutlicht, was Verquizzung bedeutet und wie Lernprozesse verschlechtert werden können, wenn sie auf die reine Wiedergabe von noch immer enger festgelegten Inhalten reduziert werden und der Anteil der eigenen Erarbeitung wegfällt.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.14.27Dass man dabei Punkte sammeln kann, soll wohl zum Mitmachen animieren. Fazit: Diesem Modul fehlt es an fast allem, das zeitgemäßes Lernen ausmacht. Begriffe wie Forschung oder Studie mögen dem Inhalt einen wissenschaftlichen Charakter und Gamification einen hippen Anstrich verleihen, können aber den Widerspruch zwischen der Umsetzung und den formulierten Ansprüchen aus den Beiträgen nicht überdecken. Am Ende bleibt nur noch der Nachgeschmack von Werbung für die Schulcloud und das eigene Buch Lernen 4.0 durch Prof. Dr. Klaus Zierer übrig. Und beide Produkte verdienen eine kritische und kontroverse Betrachtung. Hier wurde eine Massive Open Online Chance verpasst.

MOOC als Massive Open Online Chance

Um diesen Blogbeitrag zielführend und konstruktiv abzuschließen, möchte ich kurz noch aufzeigen, welche zwei MOOCs meiner Meinung nach weiterhin eine Chance darstellen: Neben dem bereits erwähnten ichMOOC habe ich das Leuchtfeuer 4.0 als gelungen erlebt. Es beginnt allein damit, dass die MOOC-Gestaltenden, Nina Oberländer, Joachim Sucker und Anja Wagner im Web bekannte und geschätzte Akteure sind und ihr Wirken offen, transparent und kollaborativ stattfindet. Sie reden in ihren MOOCs nicht nur über die Potenziale des Webs, sondern nutzen sie auch, indem sie z.B. Expert_innen zu Wort kommen lassen oder soziale Netzwerke einbinden. Ihre Beiträge lieferten Impulse und warfen Fragen auf, die unter vorher vereinbarten Hashtags bei Twitter oder in Gruppen bei Facebook rege diskutiert wurden. So hatte man auch die Option, sich das Profil von Leuten anzusehen, deren Aussagen man bereichernd oder interessant fand. Bei beiden MOOCs habe ich dadurch mein persönliches Lernnetzwerk erweitert. Außerdem wurden regionale Treffpunkte organisiert und der Austausch außerhalb des Internets unterstützt. Die Grundlage meiner digitalen Identität habe ich beim ichMOOC entwickelt. Vieles, das ich dort gelernt habe, prägt noch heute mein Verhalten im Netz. Solchen MOOCs traue ich es nicht nur zu, sondern wünsche es, dass sie irgendwann eine größere gesellschaftliche Rolle spielen, weil sie das Lernen in einer offenen Webkultur eröffnen.

Ergänzung

Wer mehr Interesse an dieser Art der Weiterbildung haben sollte, findet hier eine Auflistung von 560 kostenfreien MOOCs. Mir wurde auch diese Plattform empfohlen; wobei ich nicht weiß, ob sich die Angebote z.T. im vorherigen Link wiederfinden. Andreas Wittke hat mich darauf hingewiesen, dass beide MOOCs, sowohl der IchMOOC als auch Leuchtfeuer 4.0 von Oncampus gefördert wurden und auf mooin liefen. Diese MOOC-Plattform wurde inzwischen in www.oncampus.de überführt. Dabei wurden alle vorherigen Angebote beibehalten. Jeder kann dort auch selbst kostenlos MOOCs anbieten, was einmalig in Deutschland zu sein scheint. Wer zum Thema digitale Jugendbeteiligung einen MOOC sucht, wird hier fündig.