„Ein Barcamp ist mal eine nette Abwechslung zu anderen Formaten. Aufgrund der 45-minütigen Sessions bietet es aber weder Vertiefung noch echte Qualität, letztlich bleibt es bei einer gut gemeinten „Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben“-Veranstaltung.“ Diese Vorstellung und auch entsprechende Erfahrungen und Missverständnisse häufen sich. Sie hängen damit zusammen, dass in den letzten Jahren zunehmend Veranstaltungen als Barcamp bezeichnet wurden, die keine sind. Der Begriff dient einerseits als Etikett, mit dem Veranstaltungen verkauft werden, andererseits verstehen Veranstalter:innen zuweilen nicht, was ein Barcamp wirklich ist.

Barcamps werden ähnlich missverstanden wie digitale Endgeräte: Sie werden als Add-on gesehen, als ein neues Werkzeug bzw. eine weitere Methode. Das Transformative bleibt verborgen,es wird nicht erkannt, dass es eine andere, gewandelte Kultur entsteht. Barcamps sind eine Antwort auf eine immer komplexere Welt. Wer ein Tablet oder Smartphone nur dafür nutzt, um alte Arbeitsblätter zu digitalisieren, und sie nicht als Kulturzugangsgeräte versteht (wie sie Lisa Rosa vor Jahren treffend bezeichnet hat), wird auch ein altes Veranstaltungskonzept, das aus Workshops besteht, als Barcamp verkleiden und bewerben, ohne jemals die Idee verstanden und das Potenzial ausgeschöpft zu haben.

Wann ist also ein Barcamp ein echtes, ein gutes Barcamp, an welcher Stelle ergibt es einen Sinn und was kann es tatsächlich leisten?

Wann ist ein Barcamp ein Barcamp?

Wer Barcamp googelt, wird neben dem Wikipedia-Eintrag unzählige Beiträge finden, die meist nur beschreiben, was ein Barcamp ist, indem sie den Rahmen und die Regeln vorstellen. Hinter ihnen steckt aber eine Idee. Sie erfüllen einen Zweck und können mit dem richtigen Verständnis eine Flamme entzünden. Den Rahmen und die Regeln nur zu reproduzieren, reicht dafür allein nicht aus. Aus einem anfänglichen Format, das den Gegensatz zu klassischen Konferenzen abbilden sollte, haben sich über die Jahre ganze Communities und eine Kultur, wie miteinander gearbeitet und gelernt wird, entwickelt. Diese Barcamps verfolgen und bewirken eine Kultur (der Digitalität), die maximal selbstbestimmt, partizipativ, agil, gleichberechtigt, offen, transparent, kollaborativ und inklusiv ist. 

Barcamps sind divers, hinsichtlich der Teilnehmenden, der Themen und der Veranstaltungsorte. Dennoch hat sich ein organisatorischer Rahmen etabliert und es gibt verbindliche Regeln. Sie bilden einen Konsens und eine Orientierung, die ich wie folgt zusammenfassen würde:

Der Rahmen

Barcamp Lernräume 2019 – Foto Fionn Große

Ein Barcamp besteht aus mehreren Zeitschienen (sog. Slots), die jeweils 45 Minuten dauern, in denen verschiedene Sessions zeitgleich in unterschiedlichen Räumen stattfinden und auf die jeweils 15 Minuten Pause folgen. Die Sessions können als Impulsvortrag mit Diskussion, Workshop oder Diskussionsrunde zu einer Frage stattfinden. Das Programm, also welche Sessions von wem, wann und wo angeboten werden, wird erst vor Ort, am Tag des Barcamps, mit allen Anwesenden gemeinsam ausgehandelt. Es gibt dafür eine Moderation, die zu Beginn alle Barcamp-Regeln erklärt und danach Personen ihre Session-Vorschläge kurz vorstellen lässt. Wenn Anwesende Interesse an der Session haben, heben sie ihre Hand. Dann erhält eine Session einen festen Zeitpunkt und Ort im Programm. Davor gibt es meist eine schnelle Vorstellungsrunde.. Bei ganztägigen Barcamps gibt es eine Mittagspause. In der Regel wird den Tag über ein Buffet bzw. werden Essen und Trinken (kostenfrei) angeboten. Am Ende des Barcamps gibt es einen gemeinsamen Abschluss,oft in Form von einzelnen Rückmeldungen zum Tag. 

Die Regeln

  • Auf einem Barcamp wird geduzt.
  • Es gibt einen Hashtag, mit dem im Netz über das Barcamp gesprochen werden soll. 
  • Pro Slot werden in der Regel maximal so viele Sessions geplant, wie Räume vorhanden sind.
  • Eine Session findet dann statt, wenn sich außer der anbietenden Person mindestens eine weitere dafür interessiert.
  • Bei den Sessions steht der Austausch im Mittelpunkt, alle Teilnehmer:innen gestalten sie mit. Deshalb spricht man von Teilgerber:innen. 
  • Das Wesentliche einer Session wird protokolliert und das Protokoll veröffentlicht. 
  • Sessiongeber:innen suchen zu Beginn ihrer Session nach einer oder mehreren Personen, die protokollieren. 
  • Das Gesetz der zwei Beine besagt, dass Teilgeber:innen jederzeit eine Session verlassen, zu einer anderen wechseln oder die Zeit anders nutzen können.

Kultur der Digitalität und Kontrollverlust

Barcamp Lernräume 2019 – Foto Fionn Große

Da die Idee der Barcamps aus der Tech-Szene stammt, wurden sie von Beginn an in einer Kultur der Digitalität gedacht. Deshalb werden Protokolle häufig mit Etherpads von mehreren Personen kollaborativ, gemeinsam erstellt und Ideen, Fragen und Antworten aus den Sessions oder sogar gesamte Protokolle (über Etherpad-Links) mit dem Hashtag des Barcamps im Netz veröffentlicht. Sie bilden damit alle Merkmale einer Kultur der Digitalität ab: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Dadurch, dass Informationen, Wissen und Anregungen während der Barcamps (meist über Twitter) im Netz geteilt, zugänglich gemacht und teilweise sogar Beteiligungen an Sessions ermöglicht werden, sind sie übrigens schon von Beginn an hybride Veranstaltungen gewesen und haben den transformierten Raum verstanden und berücksichtigt. 

Um ein „echtes“, gutes Barcamp zu erhalten, braucht es deshalb ein Commitment möglichst vieler und bestenfalls aller Beteiligten zur beschriebenen Kultur. Wo diese vorher schon vertreten und gelebt wird, können Barcamps ihr volles Potential entfalten. In Bereichen, in denen eher hierarchische Strukturen und intransparente Prozesse herrschen und normalerweise wenig bis keine Partizipation stattfindet, werden es (echte) Barcamps sehr schwer haben, weil sie einen Kontrollverlust bedeuten und entgegengesetzt zur vorherrschenden Lern- und Arbeitskultur stehen. So werden dort Veranstaltungen durchgeführt und auch als Barcamp bezeichnet, bei denen beispielsweise auf das Duzen verzichtet wird, das Programm schon Wochen im Voraus steht und Sessions aus 45-minütigen Vorträgen bestehen. Somit handelt es sich dabei um Schein-Barcamps.

Was kann ein Barcamp leisten?

„Ein Barcamp ist das, was ihr daraus macht“ ist häufig der letzte Hinweis, mit dem alle in die erste Session verabschiedet werden. Dadurch werden  der individuelle Gestaltungsraum, aber auch die Eigenverantwortung und die diversen Perspektiven deutlich. Wer ein Barcamp wie erlebt, hängt vom eigenen Handeln ab. Deshalb kann eine schlechte Erfahrung bei einem Barcamp entweder ein Indikator dafür sein, dass der Rahmen und die Regeln nicht eingehalten wurden, oder dass die notwendige Kultur nicht ausreichend gelebt wurde. Wer aus falsch verstandener Höflichkeit in Sessions sitzen bleibt, die ihn nicht interessieren, die Möglichkeit nicht nutzt, sich mit einer eigenen Session einzubringen oder sich in Sessions nicht beteiligt, kann eine negative Erfahrung machen, die teilweise selbstverschuldet* ist und nicht allein dem Barcamp zugeschrieben werden kann. Auch wenn das trotzdem häufig getan wird. 

(*Weil es nicht ausreicht, nur einen Raum für Beteiligung bereitzustellen, sondern Beteiligung ebenfalls gelernt werden muss, kann so eine Erfahrung auch nur teilweise selbstverschuldet sein.)

Barcamp Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg 2020

Wer verstanden hat, dass und welche Kultur hinter Barcamps steckt, wird sie nicht als einzelnes Ereignis planen und einsetzen, sondern mit ihnen die bereits beschriebene Lern- und Arbeitskultur einführen, etablieren oder fortführen. Operativ bieten sie sich an, um Prozesse (in einem System) zu beginnen oder laufende zu reflektieren und daran weiterzuarbeiten. Sie bieten einen Raum für Dinge, die sonst keinen erhalten. Mit ihnen können Bedürfnisse und Bedarfe ermittelt werden. Barcamps können erfahrungsgemäß Kräfte freisetzen, Personen, die sich lange Zeit nicht beteiligt haben, reaktivieren und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Sie können für Gruppierungen und Themen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, einen Begegnungsraum bieten. In einer Welt, in der die Komplexität der Herausforderungen stetig zunimmt, können Barcamps das leisten, was gesellschaftlich notwendig ist: Probleme interdisziplinär und multiperspektivisch zu erfassen und zu lösen.

Schulen und Barcamps 

Mit regelmäßigen Barcamps kann eine zeitgemäße Lern- und Arbeitskultur in Schulen erreicht werden. Sie eignen sich als pädagogische Tage des Kollegiums, als Elemente einer wirksamen und nachhaltigen Schulentwicklung, als Schultage mit allen an Schule Beteiligten, die auch für Externe geöffnet werden können oder als Lern- und Arbeitsform im Unterricht einer Klasse oder Stufe sein. Mein konkreter Vorschlag wäre, ein Schuljahr mit einem monatlichen Schultag als Barcamp zu beginnen und perspektivisch auf einen wöchentlichen hinzuarbeiten. Einen Teil der Konferenzen würde ich durch Barcamps ersetzen, wie auch pädagogische Tage und würde sie auch vermehrt nutzen, um sich mit externen Expert:innen und anderen Schulen aus der Umgebung (und darüber hinaus) stärker auszutauschen und zu vernetzen.

(Mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung werden in Baden-Württemberg ab nächstem Schuljahr auch im Fortbildungsbereich Barcamps eine deutlich stärkere Rolle spielen.)

Bitte und Einladung

Nach diesem Beitrag müsste nun klar sein, dass es wesentlich vom Verständnis und Handeln der Organisationsteams, aber auch der restlichen Anwesenden abhängt, wie viel Barcamp in einem Barcamp steckt und was es tatsächlich leisten kann. Als jemand, der seit vielen Jahren nicht wenig Zeit und Kraft investiert, im Bildungssystem oder im kommunalen Raum eine gewandelte Lern- und Arbeitskultur einzuführen, zu etablieren und fortzuführen, bitte ich darum, Veranstaltungen nicht Barcamp zu nennen, wenn nur einzelne Elemente davon darin vorkommen und es sich aus PR-Gründen anbietet. Dieses Vorgehen reduziert Barcamps nicht nur zu einem Buzzword, sondern verbaut auch zukünftige Chancen und hemmt notwendige Veränderungen. Durch die Erfahrung mit Schein-Barcamps schwinden bei Menschen das Interesse, die Bereitschaft und die Gelegenheiten, echte Barcamps zu besuchen, durchzuführen und eine zeitgemäßen Lern- und Arbeitskultur kennenzulernen.

Wer sich fragen sollte, wo man denn nun so ein echtes Barcamp erleben kann, lade ich herzlich zum Barcamp Lernräume in Freiburg ein. Ansonsten lege ich für die EduCamps oder die Edunautika in Hamburg meine Hand ins Feuer. Es gibt aber unzählige Barcamps, die sehr gut sind und auch nicht mit Bildung zu tun haben. Meldet euch einfach an und sammelt am besten eigene Eindrücke und Erfahrungen. Mit diesem Beitrag habt ihr eine Möglichkeit, euch zu orientieren, falls ihr ein Barcamp besucht oder selbst eines durchführen möchtet. Wer sich vertieft mit der Thematik auseinandersetzen möchte, findet hier im OER-Buch Barcamps & Co. von Jöran Muuß-Merholz zahlreiche Tipps, Hinweise und Checklisten. Möge die Barcamp-Flamme in euch entzündet werden.

(Wer eine konkrete Unterstützung oder Beratung wünscht, kann sich an ein erfahrenes Team von freiburg_gestalten wenden. Wir haben dort schon in vielen Kooperationen mit Städten, Hochschulen oder Vereinen diverse Barcamps durchgeführt.)

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Seit vielen Jahren gibt es eine kontroverse Debatte darüber, wie sich Unterricht und Lernen verändern müssen, wenn man kulturellen Wandel und digitale Transformationsprozesse berücksichtigen möchte. Der Blick auf die Aus-, Weiter- und Fortbildung kommt dabei oft zu kurz. Aber gerade hier stehen Veränderungen an. Deshalb plädiere ich dafür, sich vom Muster klassischer Fortbildungsveranstaltungen zu lösen und für die Lehrerfortbildung Social Media stärker zu berücksichtigen.

Fortbildungen laufen häufig immer noch nach einem klassischen Muster ab: Eine Person mit Expertise zeigt einigen Lehrkräften, wie etwas funktioniert. Diese kehren an ihre Schule zurück, stellen das Gezeigte dem Kollegium vor und sorgen so dafür, dass Wissen gesichert und multipliziert wird. Dieses Muster widerspricht der gut belegten Einsicht, dass diese Art des Transfers nicht funktioniert, weil sie oft gar nicht stattfindet oder die bestehenden Strukturen und Prozesse an Schulen nicht berücksichtigt werden. Deshalb sind systematische Ansätze notwendig. Auch digitale Fortbildungsformate folgen dem klassischen Muster. Das ist besonders tragisch, weil gerade das Netz ein enormes Potenzial für Lehrkräfte bietet, sich wirksamer und nachhaltiger fort-, weiter und auszubilden.

Wie kann die Lehrerfortbildung über Social Media funktionieren?

Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in den Bereichen rund um Digitalität und Bildung, lässt sich beobachten, dass sich Lehrende zunehmend in Social Media über Aktuelles aus Theorie und Praxis informieren. Sie publizieren hier auch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, tauschen sich aus und vernetzen sich. Auf diese Weise haben zahlreiche Lehrkräfte ein breites und vertieftes Wissen erworben, das keine Fortbildung leisten kann. Ein wesentlicher Unterschied liegt dabei nicht nur im veränderten Ablauf und in den neuen Möglichkeiten, sondern im Rollenwandel: Lehrkräfte verstehen sich in diesem Setting als proaktiv Lernende.

Attraktive Angebote unterstützen Lehrkräfte dabei, den Weg ins Netz zu gehen, es für sich zu entdecken, eine Kultur des Teilens zu erleben und sich in einer neuen Rolle wiederzufinden. So können sie einen Wandel der Haltung und des Berufsverständnisses begünstigen. Es müssen auf diesem Weg auch Ängste abgelegt und Selbstwirksamkeitserfahrungen gesammelt werden können. Und das braucht viel Zeit. Deshalb sollte dieser Prozess auch über einen ersten Termin hinaus begleitet werden. Twitter scheint sich hier in den vergangenen Jahren besonders bewährt zu haben. In diesem Netzwerk lassen sich viele Personen aus Wissenschaft und Praxis finden, die öffentlich kommunizieren und erreichbar sind.

Weil Fortbildungen immer auch Teil einer Schulentwicklung sein sollten, muss man sie von Beginn an systemisch denken. Sie benötigen in den Strukturen verankerte (Frei-)Räume, die Lehrkräften gestatten, die notwendige Zeit immer wieder investieren zu können. Sowohl für eigene als auch gemeinsame Reflexionen von Entwicklungen. Es geht beim Potenzial des Digitalen eben nicht nur darum, den Wissenserwerb und Austausch über die bisherigen Grenzen des eigenen Arbeitsumfeldes hinweg zu ermöglichen und zu suchen, sondern auch schulintern voranzutreiben und zu erhalten.

Im Netz gibt es viel Unterstützung beim Wissenserwerb

Um günstige Voraussetzungen für den beschriebenen notwendigen Rollenwandel bei Fortbildungen zu erreichen, müssen beide Seiten sich gleichermaßen verändern. Die, die sich normalerweise fortbilden lassen, müssen die Rolle der sich Fortbildenden einnehmen. Und die, die in der Regel andere fortbilden, müssen ihre Rolle so verstehen, dass sie nicht mehr Wissen vermitteln, sondern andere befähigen und unterstützen, wirksam, nachhaltig und selbstständig Wissen zu erwerben. Das zu erreichen, ist schwieriger, als es scheint. Die gute Nachricht ist, dass im Netz jede Menge Menschen zu finden sind, die einem bei beiden Herausforderungen helfen können. Nur zu.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, neue soziale Netzwerke auf dem Markt zu etablieren. Meist waren es doch nur leicht gewandelte Kopien von bestehenden Social Media-Plattformen, die kurz in aller Munde waren, um danach wieder in der Versenkung zu verschwinden. Gestern habe ich zum ersten Mal von Clubhouse gelesen, es direkt getestet und denke, dass es ein enormes Potenzial hat, vielen im Netz ein neues Zuhause zu bieten. Die wichtigsten Fakten hat das t3n Magazin hier gut zusammengefasst. Was die App leisten kann (und wird), habe ich gestern mit über 80 Personen in einem Clubhouse-Raum diskutiert und möchte die Ideen, Perspektiven und Fragen in diesem Beitrag teilen.

(Normalerweise würde ich zu den Ideen und Anregungen die Personen nennen, von denen sie stammen. Da Referentialität (und Gemeinschaftlichkeit) ein wesentliches Merkmal der Kultur der Digitalität darstellt. Weil aber eine der Nutzungsbedingungen lautet, dass Informationen, die im Clubhouse erhalten werden, nicht ohne vorherige Genehmigung aufgeschrieben, aufgezeichnet oder anderweitig vervielfältigt und/oder weitergegeben werden dürfen, verzichte ich auf die namentliche Nennungen, beschränke mich auf allgemeine Gedanken und verweise darauf, dass der Beitrag ein Produkt der gestrigen Gruppe und Unterhaltung ist und hoffe, dass das nicht als Verstoß gegen ihre Regeln gewertet wird, was zum Ausschluss führen kann.)

Was zeichnet Clubhouse aus?

Eigentlich wollte ich gestern Abend nur kurz einen Raum öffnen, um mit zwei Freunden die Frage Was kann (und wird) Clubhaus leisten? zu diskutieren. Keine Stunde später tauschte sich aber dort ein bunter Haufen aus knapp 90 Leuten darüber aus, welche Funktionen, Wirkungen und Anwendungen jetzt schon zu beobachten sind. Netzpioniere und bekannte Größen der digitalen Szene und netzaffine Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern trafen aufeinander, um ihre Erfahrungen und Sichtweisen zu teilen. Wie spannend und mitreißend das war, belegt der Punkt, dass ich mich um kurz nach 2 Uhr nachts noch von knapp 70 Personen verabschiedete. 

Der Moment

Dass gestern Nacht noch so viele, so lange dabeigeblieben sind, lag u.a. am besonderen Moment, der sich ergab und die Anwesenden spüren konnten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, fand aus verschiedenen Gründen (überschaubare Anzahl an deutschsprachigen Räumen und User:innen, Uhrzeit, Bekanntschaften usw.) eine diverse Gruppe an Menschen zueinander, die neugierig, offen und netzerprobt war, dass eine spannende und mitreißende Diskussion, wie ich sie bisher sonst nur in Präsenz erlebt habe, stattfinden konnte. Ohne Moderation! Es wurde sich gegenseitig sehr aufmerksam, empathisch zugehört (wer nicht sprach, hat sich gleich gemutet) und aufeinander eingegangen.

Was man von anderen sozialen Netzwerken kennt, die Timeline zu aktualisieren, sich die nächste Story oder nur noch ein TikTok-Video anzusehen, in der Erwartung, als nächstes etwas Neues, Wichtiges, Unterhaltsames oder Spannendes zu erfahren und das nicht verpassen zu wollen, kann bei Clubhouse durch den Moment ausgelöst werden. Der Moment, bekannte Personen zu treffen und reden zu hören, selbst gehört und wahrgenommen zu werden oder einfach eine ungeplante und besondere Gruppen-Konstellation zu erleben, die bereichernd ist. Allen im Raum war gestern klar, dass diese Truppe, in der Zusammensetzung, aber auch die entstandene Atmosphäre, sich nicht wieder rekonstruieren lassen.

Die Stimme

Twitter zeichnete die Reduktion von Texten auf anfangs 140 Zeichen aus, sprach dadurch bestimmte Menschen an und entwickelte sich zu einem speziellen Personenkreis mit einer „eigener“ Kultur. Mit Clubhouse wird erstmalig in einem sozialen Netzwerk die Stimme in den Mittelpunkt gestellt und werden Bilder, die in den letzten Jahren auf allen Social Media-Plattformen und Messenger-Diensten zunehmend in den Vordergrund gerückt sind, bis auf das Profilbild vernachlässigt. So wird eine andere Wahrnehmung der charakteristischen Eigenschaften von Personen ermöglicht. Durch den Einsatz der Stimme lassen sich Nuancen heraushören und Absichten oder Stimmungslagen (teilweise genauer) abbilden. Sie kann einen anderen, persönlicheren Zugang ermöglichen, Nähe und Vertrauen aufbauen und eine besonderes Ambiente schaffen.

Die Nähe 

Neben der persönlichen Nähe wird sicher auch ein Reiz von Clubhouse darin liegen, „Stars“ oder bekannten Personen näher zu kommen, zu wissen, dass man sich mit ihnen zur gleichen Zeit im gleichen Raum befindet. Vielleicht sogar die Gelegenheit erhält, sich am Gespräch zu beteiigen. In den nächsten Tagen und Wochen wird die Anzahl prominenter Personen enorm steigen und sich für viele sicher die eine oder andere Gelegenheit ergeben, jemanden live zu erleben. Das Setting mit den verschieden Rollen, in der man eine Bühne hat und bestimmen kann, wer mitsprechen und wer (nur) zuhören darf, wird aber sicher dieses Angebot der Nähe verankern und einen exklusiven Rahmen bestehen lassen.

Die Exklusivität 

Da einige Expert:innen aus der digitalen Szene den Weg zu Clubhouse beschritten haben und erst mal testen, was möglich ist und sich mitteilen, entstehen exklusive Angebote, die so in anderen sozialen Netzwerken oder auch in Präsenz entweder nicht zu finden sind oder viel Geld kosten würden. Die Experimentierphase, in der sich viele gerade befinden, wird sich sicher wieder legen und die Anzahl der aktuell zufälligen Angebote abnehmen. Die Exklusivität wird aber als Rahmen bleiben. (Diese aktuelle Begrenzung der Mitglieder, die durch die Hürde der Einladung durch andere oder iOS geschaffen wird, erzeugt nicht nur Exklusivität, sondern ist wahrscheinlich die wirksamste und kostenfreie Werbung, die man überhaupt erreichen kann. Was dieser Beitrag selbst auch belegt.) 

„Was im Clubhouse ge- und besprochen wird, bleibt im Clubhouse.“ So in etwa lautet eine stark vereinfachte Regel der Nutzungsbedingungen, auf die ich mich auch zu Beginn bezog. Es nicht gewünscht, dass etwas aufgezeichnet oder bestehend bleibender Content irgendwo angeheftet wird. So lebt der Austausch vom exklusiven Moment. Wobei es scheinbar Räume geben soll, in denen vorab allen kommuniziert wird, dass aufgezeichnet wird. Die Transparenz, ob und wann etwas aufgezeichnet wird, spielt aber auch für Teilnehme eine wesentliche Rolle, wenn es um Vertrauen geht und die Bereitschaft, sich zu öffnen oder die Entscheidung, welche Einblicke man anderen gewähren möchte.

Die Dynamik

Was beispielsweise bei Tweets durch einen Retweet  oder in anderen sozialen Netzwerken durch das Teilen eines Beitrags von einem Account mit großer Reichweite an Aufmerksamkeit erreicht werden kann, kann bei Clubhouse durch das Betreten von Räumen (großer Accounts) erfolgen. So können sich Räume und ihre Nutzung schlagartig in eine völlig andere Richtung entwickeln. (Ich schätze, dass hier die (Möglichkeit der) Benachrichtigungen der Followerschaft, wo sich Person x befindet und was sie gerade macht, noch stärker ausgebaut werden wird.) Dass andere Mitglieder nicht angeschrieben werden können, zwingt zu einem Gespräch in einem Raum. Bin gespannt, wie lange es braucht und ob es gelingt, dass sich viele dieser neuen Logik beugen und statt auf Messenger-Dienste auszuweichen, schnell einen privaten Raum für eine Klärung öffnen.

Welches Potenzial steckt dahinter?

Aus Fehlern lernen

Dieses Gefühl, dass gerade etwas Neues und Wertvolles entstehen könnte, führte auch zu (aus meiner Sicht) einer zentralen Frage der gestrigen Diskussion: Wie könnte man das Wissen und die Erfahrungen von anderen sozialen Netzwerken nutzen, um es dieses Mal von Anfang an richtig oder zumindest besser zu machen? Welche Erkenntnisse hier berücksichtigt werden müssen und wie diese übersetzt und angewandt werden können, scheint aus meiner Sicht eine der spannendsten Aufgaben, aber auch größten Herausforderungen der nächsten Monate zu sein. (Heute lade ich übrigens im 20 Uhr in einem Raum zu einem Austausch zu dieser Frage ein, falls ihr das gerade lest und auch bei Clubhouse seid.)

Neuer Raum für Kulturschaffende 

Eine Idee und Vorstellung, die immer wieder fiel, wie Clubhouse genutzt werden könnte, war als Live-Podcast. Das können dann gesetzte Themen und Termine sein (man kann Räume mit Titel und Beschreibung in einem Kalender ankündigen) oder spontane und offene Sessions, die ein Publikum vor Ort bestimmt und mitgestaltet. Es könnte auch gut sein, dass hier Möglichkeiten der Aufzeichnung geschaffen werden, um die Podcast-Szene zu binden und die Attraktivität von Clubhouse zu sichern. Eine Person berichtete von einer Musical-Performance, die sie bereits erleben durfte, bei der die Profilbilder die Köpfen der Figuren abbildeten und die Accounts je nach Szene ihren Part sangen. (Ein paar Blicke in die amerikanischen Räume, die es schon länger gibt, lassen erahnen, welche kreativen Nutzungsmöglichkeiten sich hier eröffnen.)

Ich erhielt gestern das Angebot, Musik abspielen zu können und habe erfahren, dass damit bei ausgewählten Accounts in der aktuellen Betaphase die Übertragung der Tonqualität verbessert wird. So können diese das dafür nutzen, um beispielsweise eigene Songs einem Publikum vorzustellen. Bin gespannt, wie und wie viele Künstler:innen diese Live-Bühne in Anspruch nehmen werden.  

Politik und Journalismus

Von der kommunalen bis zur europäischen oder sogar globalen Ebene, können Politiker:innen, Aktivist:innen, aber auch Journalist:innen mit einem Klick eine völlig neue Bühne, Aufmerksamkeit und Partizipation erzielen. Clubhouse kann wie ein interaktives Radio genutzt werden und erfordert keine Organisation von Räumen, Technik, Catering, Pressemitteilungen, Einladungen oder sonstiger Arbeit. Dass im Vergleich zu den bisherigen klassischen Formaten, wie bei Facebook-, Insta-Live und anderen Plattformen alles ohne Bildübertragung auskommt, sehr gezielt Einzelne hinzugenommen oder Gruppen gebildet werden können, erscheint sehr attraktiv.  

Gestern war ich z.B. in einem Raum mit einem der ersten deutschen Bundestagsabgeordneten bei Clubhouse (vielleicht sogar der erste). Diese Gelegenheit des direkten Gesprächs haben sich einige nicht entgehen lassen und kam sehr gut an. Mit dem Superwahljahr 2021 hat diese App in Deutschland zumindest einen sehr günstigen Zeitpunkt erwischt. Aber auch unabhängig davon bietet Clubhouse neue Formen des Bürger:innendialogs, die an vielen Stellen gefordert bzw. vermisst werden. Gerade im kommunalen Kontext, wenn Ehrenamtlichen oft Ressourcen fehlen, Menschen zu erreichen und einzubinden, könnte das sehr wertvoll sein.

Das größte Barcamp der Welt

Jede Person kann einen eigenen Raum öffnen und mit einem Thema belegen. Andere können beitreten, sich zu Wort melden, sich einbringen oder einfach wieder den Raum verlassen. Alle bestimmen jederzeit, wo sie sich mit wem und worüber unterhalten. Clubhouse ist (aktuell) ein globales und nie endendes Barcamp. Zumindest kann es das sein, wenn die Person, die einen Raum erstellt, es wie eine Barcamp-Session moderiert, alle sich gleichermaßen beteiligen lässt und die Teilgebenden diese Idee kennen und teilen. (Das hat unsere Runde letzte Nacht wahrscheinlich auch ausgezeichnet. Ich hoffe, dass möglichst viel von diesem Spirit erhalten bleibt und nicht irgendwann exklusive Räume und Podien dominieren.)

Fazit

Clubhouse bietet etwas Neues. Natürlich wurden in der Gruppe auch manche Aspekte kritisch betrachtet und bewertet. Angefangen beim Thema Umgang mit Daten bis hin zum Missbrauch von Vertrauen, wenn konkrete Informationen, die nur für einen Raum gedacht waren, nach außen (verzerrend oder falsch) kommuniziert werden. Da Dystopien sicher nicht lange auf sich warten lassen werden und ich mich in Zeiten von Covid-19 stärker bemühe, das zu teilen, das eventuell anderen helfen könnte, habe ich mich in diesem Beitrag auf die Potenziale konzentriert. Es waren aber auch einfach gefühlt zu viele und ähnliche digitalen Events und Formate in 2020, die zu einer Sättigung geführt haben. Mit Clubhouse ist die Neugier für einen digitalen Raum zurückgekehrt. Es wird wieder gemeinsam experimentiert und entdeckt. Ich habe gestern einige Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte und so viele gute Gedanken mitgenommen, dass ich lange nicht einschlafen konnte. Diese Bereicherung wünsche ich allen und freue mich auf das Gespräch mit euch bei Clubhouse.