Jöran Muuß-Merholz zeichnet in seinem re:publica2015-Beitrag einen Weg zu einem totalüberwachten Bildungssystem, der durch die Verlockung der Möglichkeiten der Digitalisierung beschritten wird. Das Gerüst der Geschichte stützt er auf bereits bestehende und reale Ansätze. Beginnend beim Wunsch des Philologenverbandes Peilsender auf Schultoiletten zu installieren, bis hin zur E-Learning-Software xAPI, die nicht nur den Lernerfolg durch Fragen erfassen, sondern auch durch Tracking optimieren kann.

Dabei werden die Gründe, die zu dieser Totalüberwachung führen, unterschiedlich sein. Lehrerinnen und Lehrer, die über Apps wie Teacher Tool das Praktische zu schätzen lernen und ausweiten möchten. Oder auch allgemein das Bestreben, z.B. durch Adaptive Learning, Lernprozesse effizienter zu gestalten. Wobei alles stets in guter Absicht erfolgt.

Nach Jörans Vortrag hat mich hauptsächlich die Frage „Wie kann der Einzug der Digitalisierung im Bildungsbereich gelingen?“ beschäftigt. Zu einer sinnvollen Umsetzung gehört für mich nicht nur ein Konzept, das einen Mehrwert garantiert, sondern auch ein gesellschaftlicher Konsens, der vorher geklärt sein muss. Ein Beispiel: Je effizienter Adaptive Learning erfolgen soll, umso mehr Daten müssen gesammelt und ausgewertet werden. Mit steigender Anzahl und Genauigkeit an Daten steigt aber auch die Gefahr des Missbrauchs. Wo befindet sich die Grenze, an der die Gefahr den Nutzen übersteigt? Welches Maß an Freiräumen soll gewahrt werden, indem man den Reizen von Big Data und Trackingsystemen widersteht? Übrigens sammeln die Arbeitsagenturen von Realschülerinnen und -schülern in Baden-Württemberg seit Jahren digital Daten, im Rahmen von BORS (BerufsOrientierung an RealSchulen). Die Menge und Qualität der Daten wird sicher steigen. Anzeichen dafür sind im neuen baden-württembergischen Bildungsplan 2016 schon erkennbar. Bisher läuft das alles unter Slogans wie „Den Übergang ins Berufsleben erleichtern.“.

Der Einzug der Digitalisierung in Schulen war bisher ein schleichender Prozess, weil er kaum gelenkt wurde. Ein Beleg dafür, ist die Flut an interaktiven Whiteboards, die in den letzten Jahren konzeptlos angeschafft wurden. Mittlerweile ist das Problem in den Kultusministerien angekommen und man ist nun bemüht Pläne und Strukturen zu entwickeln. Es bleibt aber zu befürchten, dass sich der Fokus dabei ausschließlich auf die technischen, organisatorischen und bestenfalls didaktischen Herausforderungen richten wird. Wer bringt aber die Risiken von Big Data ins Spiel? Ich setzte hier auf das Netz, das die Entwicklungen kritisch begleitet und korrigiert. Jörans 2025 trägt dazu bei.

Falls es tatsächlich zu Jörans Szenario kommen sollte, dass die Bildungshoheit der Länder aus einer Notwendigkeit, die aus der Digitalisierung resultiert, an den Bund übergeben wird, würde das die Big Data-Problematik verschärfen. Eine dezentrale Verwaltung von Daten müsste angestrebt werden, um das Risiko von Missbrauch zu verkleinern.

Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Veränderungen des Schullebens durch die Digitalisierung aufgrund von Überforderung der Akteure und durch Mangel an Ressourcen zufällig erfolgten. Ich wünsche uns, dass wir mit ausreichend Kompetenz und finanziellen Mitteln in den kommenden Jahren einen Weg einschlagen, der nicht bei Jörans 2025 endet.

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen, dann geht das nur, wenn sie auch über ihre Daten frei entscheiden können.

Das Schwelgen in der Vergangenheit ist kein neues Phänomen. Beim Älterwerden blickt man gerne zurück und neigt dazu das bekannte Alte dem unbekannten Neuen vorzuziehen. Neu ist das Tempo, mit dem neue Dinge durch die Digitalisierung generiert werden und die damit immer größer werdende Masse an Veränderungen, die unseren Alltag flutet. Eine Distanzierung von digitalen Angeboten und das Festhalten an alten, bewährten Strukturen, sehe ich als Schutzmechanismus vor einer Überforderung. Weil ich darin aktuell eine große Gefahr sehe, dass Chancen verpasst werden, möchte ich hier meinen Beitrag zu #DigitalLeben liefern, indem ich mich den zehn vorformulierten Fragen stelle.

1. In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich…

…ein verbessertes Zeitmanagement im Privat- und Berufsleben durch Smartphone, Tablet und „Cloud“-Systeme wie Dropbox.

…private und berufliche Kontaktpflege, Informationsbeschaffung und Unterhaltung über soziale Netzwerke.

…Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit zu beziehen.

…immer mehr Dinge online zu erledigen – vom Einkauf bis hin zu Behördegängen.

2. Mein Computer ist für mich…

…ein nostalgischer Gedanke, weil ich die Begriffe Computer oder PC seit Jahren nicht mehr nutze. Heute spreche ich vom Smartphone, Tablet, Laptop oder nenne die Modellnamen der Endgeräte, wie iPhone oder iPad. Die „neuen“ Computer sind für mich (m)ein riesiges Archiv: Mein Fotoalbum, meine Kassetten- und CD-Sammlung, meine Videothek und Materialsammlung für den Unterricht. Mein Luxus, all diese Sachen ständig griffbereit zu wissen.

3. Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist…

…dass alte und überholte Strukturen aufgelöst werden und Platz für neue Ideen entsteht. Das kann man wunderbar an Modellen wie Netflix oder Krautreporter sehen. Immer mehr Menschen möchten nicht mehr auf ihre Rolle als Konsument reduziert werden. Sie möchten mitbestimmen und mitmachen. Es ist kein Zufall, dass die TV-Kanäle durch YouTube-Kanäle ergänzt werden und lineares Fernsehen an Bedeutung verliert.

4. Bedrohlich! Wir müssen aufpassen, dass…

…die Verunsicherung der Masse, durch die rasende Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, nicht zum Stillstand oder sogar Rückschritt führt. Wenn ich die Tage lese, dass WLAN an Schulen wieder abgeschafft wird und Forderungen Google zu zerschlagen zunehmen, stimmt mich das bedenklich. Daten scheinen das Gold des 21. Jahrhunderts zu sein. Sie benötigen Schutz und vernünftige Regeln im Umgang mit ihnen. Das zu Gewährleisten, sehe ich als Aufgabe des Staates bzw. der Staatsbündnisse.

…die Kinder und Jugendlichen mit den neuen Herausforderungen nicht allein gelassen werden. Die Liste der Verbote bezüglich des Umgangs mit Social Media in Schulen ist lang. Die Liste der Angebote ist „überschaubar“.

5. Die Digitalisierung verändert mein Leben durch…

…neue Fragen in der Erziehung meiner Kinder. Z.B. mit wie viel Jahren ist ein Smartphone sinnvoll? Wie und wann darf es genutzt werden?

…neue Aufgaben in der Schule. Z.B. wie und wann schult man Kinder und Jugendliche im Bereich der Social Media? Welche Kompetenzen, die noch nicht in den Bildungsplänen verankert sind, erwarten zukünftige Arbeitgeber? Wie könnte man diese bereits jetzt entwickeln und fördern?

…direkte Kommunikation mit Experten, mit denen man in sozialen Netzwerken verbunden ist.

6. Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?

Durch die Digitalisierung bin ich mit meiner gesamten Familie weltweit vernetzt und über ihr Leben informierter als je zuvor. Früher musste ich minutenlang die Wahlscheibe drehen, um eventuell einen Gesprächsaufbau nach Jugoslawien zu erreichen. Die Gespräche waren kurz, weil die Verbindung sehr teuer war. Heute ist fast überall WLAN verfügbar, und ich kann jederzeit über FaceTime oder Skype stundenlang mit Verwandten via Videotelefonie günstig kommunizieren.

7. Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung der Zukunft aussehen?

Durch die Digitalisierung ergeben sich für mich im Bildungsbereich mehrere große Baustellen. Zwei davon möchte ich nennen:

A.) Kinder und Jugendlichen müssen eine Medienkompetenz erwerben, um in sozialen Netzwerken und der Flut an Internetangeboten nicht unterzugehen.

B.) Lernen und Lehren muss neu konzipiert werden, um die technischen Möglichkeiten sinnvoll zu integrieren und nutzen; d.h. die bisherigen Arbeitsweisen zu optimieren und neue Arbeitsmethoden zu entwickeln. Hierfür sehe ich eine enge Zusammenarbeit von Schulen, Hochschulen und Universitäten als notwendig.

8. An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für Arbeit im Digitalen Zeitalter?

Eine Erleichterung der Arbeit durch höhere Flexibilität. Aber auch eine allgemeine Beschleunigung und eine Auflösung der Privatsphäre. Durch die effizienteren Methoden wird in kürzerer Zeit mehr Arbeit verrichtet. Wozu das führt, sieht man an der steigenden Zahl der Burnout-Fälle. Deshalb verbringe ich in den Sommerferien mehrere Wochen komplett offline und führe eine „digitale Entschlackung“ durch. Auch um mir ein Stück Privatsphäre zurückzuerobern.

9. Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?

Diese Antwort überlasse ich lieber den Wirtschaftsexperten, da ich als Lehrer in einer Parallelwelt zur freien Marktwirtschaft lebe und mein Erfahrungsschatz keinen notwendigen Beitrag darstellt.

10. Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich, dass…

…sie mutig ist und neue Wege wagt. Ich wünsche mir einen starken Arbeitskreis Bildung, der zeitnah Modelle für Schulen, Hochschulen und Universitäten entwickelt, damit die Digitalisierung endlich den Stellenwert erhält, den sie gestern schon haben sollte. Wir verschlafen gerade die Zukunft durch Schwelgen in der Vergangenheit. Wenn früher alles besser war, lasst uns das Morgen noch besser machen. Für unsere Kinder.