Foto 09.04.17, 08 51 07Am Freitag hielt ich beim educational Barcamp der Universität Freiburg (Mehr dazu hier und bei Twitter unter dem Hashtag #fredu17.) eine Session zum Thema Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert, die etwa nach der Hälfte der Zeit von zwei, drei Leuten „gesprengt“ wurde, weil sie die Debatte in eine Richtung lenkten, die ich bei einem Barcamp weder erwartete noch für zielführend halte. Nachdem große Bedenken bezüglich der Gewährleistung von Datenschutz geäußert wurden, stellte man den Mehrwert Digitaler Bildung grundsätzlich in Frage, indem man Studien forderte, die diesen belegen sollen. Die restliche Zeit des 45 minütigen Zeitfensters gelang es mir leider nicht mir in die anfängliche Spur der Debatte zurückzukehren. Meine persönliche Unzufriedenheit und die Gespräche hinterher, in denen zahlreiche Session-Teilnehmer*innen mir ebenfalls ihr Bedauern über die Entwicklung mitteilten, warfen in mir die Frage auf, ob und wie man zukünftig verhindern kann, dass Diskussionen über Digitale Bildung in ideologischen Grabenkämpfen enden. Dabei scheinen zwei Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Strategiesuche zu spielen: Die am Gespräch beteiligte/n Person/en und die Gründe, weshalb Bedenken geäußert werden. In meinem letzen Fall waren das ca. 30 Menschen aus dem Hochschulbereich und der Wirtschaft, die mit sehr differenziertem Vorwissen und Interesse vor Ort waren. Bei Gruppen sympathisiere ich aktuell mit der Strategie, die Menschen, die den Weg der Digitalen Bildung frisch beschreiten (möchten) oder für einen Austausch offen sind, nicht abzuschrecken und (weiter) zu motivieren, indem man eine solche Debatte durch ein kurze und für einen Großteil sofort einleuchtende Begründung der Notwendigkeit von Digitaler Bildung abschließt; und zwar so, dass im Anschluss ein kontroverser Diskurs mit den Bedenkenträger*innen für alle Beteiligten weiterhin möglich erscheint. Hierfür startete ich in sozialen Netzwerken gestern einen Aufruf, die besten Gründen für Digitale Bildung in diesem Etherpad festzuhalten. Ich freue mich über jede weitere Beteiligung. Um das Ergebnis zu sichern und einen weiteren Austausch zu begünstigen, werde ich alle dort genannten Argumente mit den freiwilligen Personenangaben unter diesem Beitrag verlinkt veröffentlichen.
Die Argumente Datenschutz und (fehlender) Mehrwert habe ich in den Debatten der letzten Jahre häufig als Verhinderungsdiskurs erlebt, der immer in einer Sackgasse endete, weil die Parteien lediglich ihre Positionen bestätigen und nicht miteinander, sondern gegeneinander sprachen. Weil Ängste oder (negative) persönliche Erfahrungen nicht selten geäußerte Bedenken begründen, sind solche Gespräche emotional aufgeladen und drohen auf der sachlichen Ebene weder zu beginnen noch zu enden. In 1:1-Situationen tendiere ich momentan dazu, mehr zuzuhören und nachzufragen, um die Beweggründe zu erfahren. Wenn ich Argumente formuliere, versuche ich nur solche zu verwenden, die nicht deren Vorstellung angreifen, sondern meine bewerben. Das kostet viel Zeit und Kraft. Meine begrenzten Ressourcen investiere ich deshalb mittlerweile mehr in Leute, die Unterstützung wünschen oder offene, kontroverse und zielführende Debatten suchen. Und welche Strategie/n verfolgst du?

(Ich bin mir dessen bewusst und bitte das zu entschuldigen, dass Bedenkträger*innen begrifflich stark verkürzt eine Gruppe von Menschen beschreibt, die ich als solche subjektiv wahrnehme. Die Verkürzung soll aber keine (Ab)Wertung darstellen, sondern lediglich eine Vereinfachung, weil ich den Fokus auf die Sache und nicht die Personengruppe richten möchte.)

Die besten Gründe für Digitale Bildung

(Immer wieder werden wir (als nach vorne blickende Menschen) in Diskussionen verwickelt, in denen die Notwendigkeit Digitaler Bildung grundsätzlich in Frage gestellt wird. Deshalb bitte ich euch, hier nur euren besten Grund oder größten Antrieb zu notieren, um so vielleicht eine Sammlung guter Argumente zu erhalten, die uns nicht nur für die nächste Debatte rüstet, sondern vielleicht auch dazu bewegt, die eigene Motivation oder aktuelle Haltung neu zu durchdenken. Würde mich freuen, wenn ihr zu eurer Begründung auch den Namen dazuschreiben würdet, um eventuell darauf eingehen bzw. nachfragen zu können. Muss aber auch nicht sein.)

Mein Beitrag hierzu: Der digitale Wandel ist unumkehrbar und stellt uns vor komplexe Herausforderungen, die mit dem bisherigen Verständnis von Lehren und Lernen nicht lösbar sein werden. Ein Ziel muss es sein, die zukünftigen Generationen zu befähigen, unbekannte Hürden in einem sich ständig wandelndem Feld zu meistern.

  1. Bob Blume: Digitale Bildung impliziert das Verständnis einer komplexer werdenden Welt, deren Reflexion und diskursive Zusammenhänge zunehmend online verhandelt, bestätigt und kritisiert werden. Digitale Bildung ist heutzutage vor allem auf sprachlichen Zusammenhängen basierende Gesellschaftspolitik. Ohne sie ist ein Verständnis der Welt nicht möglich.
  2. Richard Heinen: Schule hat immer schon die Aufgabe auf das Leben in der Welt vorzubereiten und zwar auf die Welt wie sie heute ist und morgen sein wird. Nicht wie sie gestern war.
  3. Digitale Medien sind ein normaler Evolutionsschritt. Da brauchts keiner Argumente.
  4. Mrs. Meyr: Ziel von Schule ist es, Lernende auf die heutige und die zukünftige Lebenswelt vorzubereiten – das geht nur mit „Digitaler Bildung“. Außerdem kann man Lernprozesse mit Hilfe digitaler Medien effizienter und vielschichtiger gestalten.
  5. Andreas Ott: Digitalisierung ändert unsere Gesellschaft und Arbeitswelt von Grund auf. Um unsere Schüler auf diese Zukunft vorzubereiten, haben wir (vor allem als berufliche Schule) die Aufgabe, sie mit dem Wissen und den Fertigkeiten auszustatten, die sie benötigen, um fit für den Beruf und die Zukunft zu werden. Diese Aufgabe hatte Schule übrigens schon immer.
  6. Christiane Schicke: Wir brauchen digitale Bildung, weil ohne sie eine vollständige Teilhabe an unserer Gesellschaft nicht mehr möglich ist.
  7. Digitale Bildung muss in der Schule vermittelt werden, weil sie die einzige Institution ist, die (zumindest theoretisch) alle Menschen unter 16 erreicht.
  8. Christian Wettke: In einer zunehmend digitalisierten Welt haben digitale Medien das gedruckte Wort als Leitmedium abgelöst. Wir als Schule haben seit jeher die Aufgabe, unsere Schülerinnen und Schüler zu mündigen und teilnahmefähigen Mitgliedern der Gesellschaft mitzuerziehen. In einer digitalisierten Gesellschaft braucht es für diesen Erziehungs- und Bildungsauftrag „Digitale Bildung“. Noch dazu ist die Lebenswelt der meisten Kinder und Jugendlichen stark digital geprägt. Die Schule hat als Institution hier die Chance, durch digitale Bildung die Schülerinnen und Schüler „dort abzuholen, wo sie sind“ und die Zukunft der Bildung aktiv mitzugestalten.
  9. Ines Bieler: Bildung ist weder digital noch analog. Wenn ich als Lehrkraft für gute Bildung verantwortlich bin, wähle ich meine Methoden, Tools entsprechend den Erfordernissen und zwar wähle ich die aus dem Repertoire, das mir zur Verfügung steht. Im 21. Jahrhundert sind das auch digitale Werkzeuge. Warum also nicht? Es sollte so selbstverständlich sein wie Füller, Bleistift und Papier.
  10. Elke Noah: Die Schule muss die SuS bei der Digitalisierung der Gesellschaft begleiten. Schule soll SuS befähigen, selbständig denkend und handelnd an der Gesellschaft teilzunehmen. Das wird nur gelingen, wenn die Schule auch in digitalen Belangen mitzieht.
  11. Philippe Wampfler: Schule basiert auf Kommunikation. Kommunikation läuft heute in einem professionellen Setting primär und zu großen Teilen digital.
  12. Christoph Schmitt: Digitalisierung ist kein technologisches Ereignis, sondern eine kulturelle Entwicklung. Und zwar eine enorm vielschichtige, rasante und unumkehrbare. Um sich da zurechtzufinden, braucht’s Digital Literacies. Neue Lesarten von Welt, Mensch, Leben. Ganz anders als bisher. 
  13. Die Digitalisierung findet statt. 
  14. Mike Müller: Bedenkt man, wie stark die Digitalisierung schon jetzt unser Leben beeinflusst, z.B. durch Social Bots oder Fake News, ist Digitale Bildung unabdingbar, um unsere Schüler auch weiterhin zu mündigen Bürger zu erziehen, die sich in der digitalen Welt auskennen.
  15. Thomas Spahn: The revolution will not be televised – and it won’t stop in front of our school gates.
  16. edulabs: Digitale Bildung eröffnet didaktisch neue Möglichkeiten: Mit digital gestützten Methoden lässt sich vieles (leichter/anders/neu) umsetzen, was schon länger gefordert wird: Kollaboratives, projektorientiertes Arbeiten, Binnendifferenzierung, Inklusion.
  17. Damian Duchamps: Über viele Jahrhunderte sammelte man das Wissen der Welt auf Papier zwischen den Deckeln von Büchern. Wissen entstand in kleinen Stuben, Instituten und im papierschriftlichen und mündlichen Austausch. Diese Prozesse wandern wie die Sammlung von Wissen zunehmend in den digitalen Raum. Neue Formen von Wissen entstehen, etwa durch die Kombination unvorstellbarer Mengen an Daten. Bildung muss diesem Wandel folgen, um Menschen den Zugang zu ermöglichen. Ein System, das das Digitale aus Bildung ausklammern möchte, wird Benachteiligte hervorbringen. Für mich ist das vergleichbar der Rolle von Latein. Über eine lange Zeit wurde auf Latein gepredigt, war die Bibel für einfache Menschen unverständlich. Die normalen Menschen verstanden kein Latein, da es ihnen niemand beibrachte. Eine Welt blieb ihnen in großen Teilen verschlossen. Manche brachten es sich selbst bei, wenn sie die Möglichkeit hatten. Ohne digitale Bildung wird es wieder diese Spaltung der Gesellschaft geben.
  18. Nina Oberländer: Digitalisierung ist ein Mindset (mir fehlt eine gute Übersetzung für den Begriff). Es bedeutet vernetzt denken zu können, durch Wissen und Information navigieren zu können, als menschlicher Filter und Verteiler für Information agieren zu können, mit Komplexität umgehen zu können, Muster zu erkennen und mit Multi-Logik statt linearem Denken zu arbeiten. Das derzeitig vorherrschende Schul-System dient eher dem Ziel gleichzumachen – durch einheitliche Beschulung und Notensysteme, Beurteilungen von einer Instanz – dem Lehrer, der Lehrerin. Für die Zukunft brauchen wir viel kreative und ungewöhnliche Lösungen, Vertrauen in uns selbst, Wissen um unsere Kompetenzen und die Fähigkeit in der Vernetzung mehr zu können als allein. Im Sinne der Zukunft der Einzelnen aber auch im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Zukunft brauchen wir Digitale Bildung oder wie ich eher sagen würde Vernetzte Bildung.
  19. Beat Rueedi: Endlich barrierefreies Lernen unterwegs.
  20. Peter Ringeisen: Auch wenn es nur die Verbreitung von Text- und Bildgrundlagen für Unterrichtszwecke beträfe, wäre es sinnvoll, digitale Medien der Hektographie, dem Episkop und dem auf Filmspulen festgehaltenen Bewegtbild vorzuziehen, weil die damit erstellten Texte, Hörtexte, Bilder, Filme und multimediale Präsentationen flexibler zu handhaben und ästhetischer zu gestalten sind. Hinzu kommt zum einen, dass mit digitalen Medien eine neue Qualität weltweiter Kommunikation möglich wird, die den Schülerinnen und Schülern nicht vorenthalten werden sollte, und zum anderen, dass die von Schülerinnen und Schülern mithilfe digitaler Medien erstellten Produkte eine Mehrdimensionalität erreichen können, die vernetztes Lernen gestatten und abbilden.  – [Nach nochmaligem Lesen der Aufgabenstellung:] Vernetzte Bildung (wie Nina Oberländer).
  21. Torsten Becker: Variatio delectat.
  22. Jürgen Drewes und Lisa Rosa: Kollaboration – Kommunikation – Kreativität – kritisches Denken.
  23. Hannelore Reitmeyer: Mit digitalen Werkzeugen wird es möglich, Bildung und Wissen im Massenformat (automatisches Feedback, Online-Vorlesungen ect.) zu vermitteln. Dabei ist es notwendig,  nicht nur das „traditionelle “ Wissen zu vermitteln, sondern auch das Wissen über die Prozesse, die im Hintergrund der digitalen Lebenswert ablaufen (Überwachung, technische Abläufe, mathematische Grundlagen). Wird dieses Wissen nicht (zumindest rudimentär) in der breiten Masse der Bevölkerung verankert, besteht die Gefahr, dass bald nicht mehr wir die Algorithmen , sondern die Algorithmen uns beherrschen. Orwell und Co lassen grüßen.
  24. Rüdiger Fries: Bildung erschließt den Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe und zu einer selbstbestimmten Lebensführung. Um dieses Versprechen auch in Zukunft einlösen zu können, brauchen wir ein Grundverständnis von den epochalen gesellschaftlichen Veränderungen durch die zunehmende Mediatisierung und Digitalisierung. Wir müssen uns vergegenwärtigen, wie unter ihren Bedingungen gelernt, gearbeitet und gelebt werden kann.
    Insgesamt stehen Jugendliche vor der Herausforderung, sich auf eine immer komplexere Welt mit immer weniger vorhersehbaren Entwicklungen und individuellen Lebensplanungen einstellen zu müssen. Bildung muss Schülerinnen und Schülern deshalb auch Orientierung sowie eine kritische und aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Entwicklungen ermöglichen.Dafür ist Medienbildung notwendig. Verstanden als Fähigkeit zur Reflexion in mehrfacher Hinsicht; nämlich mit Blick auf medienethische Prinzipien, gesellschaftliche und kulturelle Konsequenzen einer digital und medial geprägten Welt sowie die eigene Medienpraxis. Außerdem umfasst Medienbildung eigene Informations- und Gestaltungskompetenz sowie den eigenständigen und kreativen Umgang mit Medien. Jugendliche sollten einen Weg finden, von bloßen Konsumentinnen und Konsumenten des Digitalen zu Macherinnen und Machern zu werden und lernen, wie sie ihre Zukunft aktiv und individuell mitgestalten. Darüber hinaus erleichtern digitale Medien die Umsetzung von Lehr- und Lernformen, die Lehrkräfte darin unterstützen, den Unterricht so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler die Kompetenzen weitgehend selbstbestimmt und eigenverantwortlich erwerben sowie die Fähigkeit zu Kreativität, kritischem Lernen, Kooperation und Kommunikation entwickeln können. – [So steht es auch im Landeskonzept Medienbildung des Saarlandes]
  25. Christian Dorn: Die Digitalisierung ist ein komplexer gesellschaftlicher Prozess und will gestaltet werden. Wer aber an der Gestaltung konstruktiv mitwirken will, muss die zugrunde liegenden Mechanismen nicht nur im Alltag anwenden können, sondern auch durchdringen. Die Lernenenden müssen dafür auf eine Digitale Bildung zurückgreifen können.
  26. Marc Langebeck: Der Lebensweltbezug beim Lernen ist Grundvoraussetzung für den Aufbau von Wissen. Da die SuS sich permanent in ihrer kleinen begrenzten digitalen Welt bewegen, hat Schule die Verpflichtung diese Welt zu erweitern, zu sichern und zu erklären. Sich gemeinsam dieser Herausforderung zu stellen, ist alternativlos.
  27. Walter Staufer: Der digitale Wandel findet statt. Wir nehmen über Medien an der Gesellschaft teil. Aber wir müssen über digitale Bildung die Prinzipien verstehen, um den digitalen Wandel zu gestalten.
  28. Thorsten Puderbach: Die Digitalisierung ist da und als Lehrer ist es unsere Pflicht, die Schülerinnen und Schüler auf die aktuelle aber vor allem neue Welt vorzubereiten. Als Schule haben wir die Wahl diese Vorbereitung (im Sinne einer Digitalen Bildung) aktiv mitzugestalten oder später (evtl. korrigierend) hinterherzulaufen.
  29. Maxim Loick: Die digitale Sphäre lernt grundlegend anders als wir das aus der Schule unserer Tage kennen: Abgucken ist im digitalen Grundvoraussetzung, während es in der Schule als Betrug gebrandmarkt wird.
  30. Endlich Ruhe! Geistige Arbeit darf in Ruhe und hoch individualisiert vollzogen werden. Wir brauchen aber dafür auch andere Lernräume, eine andere päd. Architektur.
  31. Jochen Gollhammer: Gesellschaften ändern sich, Technik ändert sich, das Bildungssystem ändert sich. Es erscheint völlig unlogisch und unrealistisch, dass die Digitalisierung vor Bildungseinrichtungen halt macht. Gleichwohl sehe ich im digitalen Lernen bzw. der digitalen Bildung keine Bildungsrevolution. Für mich ergeben sich damit nur mehr Möglichkeiten im Unterricht mein Repertoire zu erweitern. Eine Symbiose aus analogem und digitalem Unterricht erscheint mir erstrebenswert. Im Mittelpunkt muss weiterhin die Schülerin und der Schüler stehen.
  32. Enno Schröder: Lasst uns endlich die Vorteile der digitalen Revolution uch in der Schule sinnvoll nutzen, als immer nur die Gefahren in den Vordergrund zu stellen. Datenschutz muss auch sein, sollte aber nicht alles ausbremsen. Außerdem muss Lehren und Lernen vollkommen neu überdacht werden, das fängt schon bei den Räumlichkeiten in der Schule an. Und noch eins, Lernen nimmt einem keiner ab, es braucht Anreize und lebenslange Neugierde bei Schülern und bei Lehrern.
  33. Saskia Müller: Dabei sind diese kritischen Töne, so selbstverständlich uns das Kritisierte heute erscheinen mag, durchaus ernst zu nehmen. Dass ausgerechnet der Stammvater der westlichen Denkkultur, Sokrates, im Dialog mit Phaidros auf jene Kulturtechnik der Schrift einteufelt, die ihn dank seines Schülers Platon heute noch rezipierbar sein lässt, erscheint nur auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten ist gerade das, was Sokrates in seiner Schilderung eines Gesprächs den altägyptischen König Thamus sagen lässt, unvermindert bedeutsam: „Nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielhörer sind sie dir nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.
  34. Mathias Aebischer: Angesichts der allgemein anerkannten Notwendigkeit lebenslangen Lernens ist klar, dass Vor- und Nachwissen der Lernenden sich zunehmend unterscheiden werden. Wir brauchen deshalb eine individuellere Lernbegleitung als mit traditionellem Unterricht alleine realisierbar wäre. Die Digitalisierung ist folglich Voraussetzung zur Skalierung individueller Bildung. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht zielführend alle Kinder auf denselben Bildungsstand zu bringen, ungeachtet ihrer Begabungen – obwohl natürlich ein breites Fundament gelegt werden muss. Doch wenn alle dasselbe können sollen, dann produziert unser Bildungwesen nur Mittelmass.
  35. Sara-Sophie Scharnhorst: Es ist Unsinn einen Bereich des Lebens in der Schule auszuschließen, zumal der Bereich des Digitalen  sehr zur Kreativität und kritischem Denken anregt. Letztlich ist es eine Frage, welchen Menschen wir haben wollen: Den Abnicker bzw. einen an das System angepassten Menschen, oder einen, der das System (oder die Systeme, in denen der sich bewegt) kritisch hinterfragt und zu einer gewissen Mündigkeit sowie Kreativität und Mitgestaltung fähig ist?  Letzteres ist nicht zu erreichen, wenn man den (Lebens-) Bereich des Digitalen aus der Schule verbannt. Dieses Video verbildlicht es schön: https://www.youtube.com/watch?v=kQjtK32mGJQ
  36. Vom Verbot und der Verteufelung digitaler Medien lernen Kinder nicht den verantwortungsvollen Umgang mit diesen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, in der Schule eine mediale Ethik zu entwickeln und die großartigen Möglichkeiten individualisierten Lernens unseren Kindern als Chance für ihr Leben nahe zu bringen. (neumann279@googlemail.com)
  37. Wir sollten endlich die Kompetenzen, die sich Kinder und Jugendliche weitestgehend ohne Eltern und Schulen angeeignet haben, für Lernprozesse nutzen. Ein belehrender Unterricht wird dabei kontraproduktiv sein. Pädagogische Kreativität ist die Herausforderung der Gegenwart und Zukunft. (thtthi@aol.de)
  38. Christine Kolbe: Jugendkultur im 21. Jh. ist Digitalkultur – Lernumgebungen tun gut daran, sich mit den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen zumindest überschneidend zu verbinden.
  39. Tom Mittelbach: Die Entwicklung des Digitalen ist exponentiell. Es ist eine Revolution im Gange. Es existiert nun ein weiteres Leitmedium. Wer sich digitaler Bildung/Weiterbildung verschließt, der verschließt sich der Zukunft. In naher Zukunft wird die künstliche Intelligenz normal sein und das wird geschehen . Unabhängig davon, ob Einzelne dies gut heißen oder nicht. Ob die politischen Verantwortlichen sich endlich politisch einmischen in die Gestaltung der digitalen Zukunft. Wir dürfen dieser Zukunft nicht einzig den global Playern überlassen. Bildung hat mit der Lebenswelt der Adressaten zu tun und mit der eigenen. Somit muss sie digital sein, nicht ausschließlich, das ist die Welt auch nicht, aber eben doch.

Seit fast drei Jahren bereise ich bundesweit Veranstaltung zum Thema Digitale Bildung. Anfangs rein als Teilnehmer und mittlerweile zunehmend als Teilgeber oder sogar Veranstalter. Dabei habe ich viele Menschen aus unterschiedlichen Wirkungskreisen der (Digitalen) Bildung online und offline kennengelernt und mich mit ihnen ausgetauscht. In dieser Zeit gab es zwei Konstanten, denen ich diesen Gesprächen begegnete:
a.) Filterblase
Der vertiefte und kontinuierliche Austausch findet immer noch größtenteils in einer Filterblase statt. Diese mag zwar wachsen, bindet aber stets die gleiche Interessengruppe. Die meisten Menschen beschäftigen sich eben berufsbedingt mit Digitaler Bildung und stellen auch da eine Minderheit dar. Das wird auch keine Finanzspritze in neue Technik, wie sie Wanka ankündigte, lösen (Wen das Thema näher interessiert, findet hier von Tobias Hübner eine sehr gute Zusammenfassung der Geschehnisse rund um den Digitalpakt #D.). Man kann nicht leugnen, dass bestehende Veranstaltungsformate größer werden und neue hinzukommen. Nur ändert das am eigentlichen Problem, die kritische Masse zu erreichen, (zu) wenig. Es geht auch nicht um Technik, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die als solche aber noch nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
b.) Durchbruch
Wenn man mit den schon lange Aktiven in diesem Bereich spricht, bekommt man regelmäßig zu hören, dass in den letzten Jahren immer wieder der Durchbruch prophezeit oder ausgerufen wurde, aber sich wenig bis gar nichts änderte. Meist waren es Papiere oder Konzepte, die (noch) auf ihre (breite) Umsetzung warten. Wobei man nicht vergessen darf, dass diese Einschätzung häufig von Menschen stammt, die Dinge bewegen wollen und denen es nicht schnell genug gehen kann. Ein nüchterner(er) Blick zeigt, dass die Bemühungen je nach Bundesland, Stadt/Gemeinde oder Schule unterschiedlich fortgeschritten sind und stark voneinander abweichen können. In NRW gibt es mit Bildung 4.0 einen politischen Motor, im Saarland werden mit der Einführung von Calliope, das von der Bundesregierung finanziert wird, an allen Grundschulen schlagartig Fakten geschaffen und in Hessen sieht die Zukunft der Digitalen Bildung zurzeit nicht rosig aus.

Mich beschäftigt deshalb seit langem die Frage, wie man denn nun die kritische Masse erreichen kann. Wobei die kritische Masse an dieser Stelle eine doppelte Bedeutung hat und auch auf zwei Zielgruppe hinausläuft:
1.) Lehrende spielen eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung jeglicher Form von Bildung. Deshalb kommen wir nicht daran vorbei, Konzepte oder Strategien zu entwickeln, um die zu erreichen, die Neues (Technik, Methoden, Ziele) auf den ersten Blick grundsätzlich verneinen. Diese Gruppe scheint (in Bezug auf Technik) jährlich kleiner zu werden; dabei weicht reine Ablehnung einer kritischen Haltung. Bei einigen vermute ich eine Ursache in der Sorge vor Mehrarbeit, die jede Veränderung zu Beginn erst einmal mit sich bringt. Auf dem Digital Education Day 2016 in Köln tauschte ich mich bei einer Session mit Gleichgesinnten dazu aus. Dort war man sich zumindest darüber einig:

  • Dass sich „jemanden überzeugen zu wollen“ kontraproduktiv auswirkt und man mehr auf lösungsorientierte und einfache Ansätze, die beiläufig im Schulalltag einfließen, bauen sollte.
  • Dass es verpflichtende Elemente Top-down braucht.
  • Dass der Erfolg aller Bemühungen von funktionierender Technik abhängt.
  • Dass man reizvolle Veranstaltungsangebote in der näheren Umgebung braucht. (Vergessen wir nicht die große Gruppe an Interessierten, die nicht nach Berlin, Köln oder Oldenburg fahren können.)

2.) Unter der zweiten Bedeutung der kritischen Masse verstehe ich den Netzwerkeffekt, der auf die gesamte Gesellschaft zielt. Der Moment, wenn eine Sache sich verselbständigt und in der Breite durchsetzt. Das würde den Stellenwert von Digitaler Bildung komplett verändern. Ich bin auch überzeugt, dass sich jetzt schon viele Menschen darüber einig sind, dass das Was und Wie „Bildung“ stattfinden soll, sich ändern muss. Die Debatte darüber findet aber in einem exklusiven Rahmen statt. Wir müssen es schaffen, die (kritische) Masse zu erreichen, indem wir allen einen Zugang zu dieser Debatte ermöglichen, um sich daran zu beteiligen.

Dafür sehe ich zwei notwendige Dinge, die auf der jeweiligen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene für Bewegung in die richtige Richtung sorgen würden:

  • Offene Veranstaltungsformate, die Weiterbildung, Austausch und Vernetzung ermöglichen
  • (echter) politischen Willen, keinen Papiertiger

Meiner Erfahrung nach fühlt sich an den entscheidenden Stellen von einer überschaubaren Anzahl von Menschen bis niemand für Digitale Bildung ernsthaft verantwortlich. Im schlimmsten Fall wird einem auf unterschiedlicheren Ebenen erklärt, dass man nichts unternehmen kann, weil x (x ist eine beliebige Variable und kann für Personen, Strukturen, Gesetze, Ressourcen jeglicher Art oder Sonstiges stehen) es verhindert. Deshalb schlage ich vor, dass sich nun alle fragen, welchen Beitrag sie denn selbst dazu leisten können, um den notwenigen Prozess in Gang zu setzen bzw. zu beschleunigen. Um sich diese Frage zu beantworten, empfehle ich, einige Dinge vorher zu durchdenken:

A.) Zuerst sollte man sich einen Überblick über die Lage bezüglich der Veranstaltungsformate und dem politischen Willen auf der zugehörigen kommunalen, Landes- und Bundesebene machen. Die folgende Grafik soll dazu einen groben Überblick der Angebote und Entwicklungen auf den drei Ebenen veranschaulichen und stellt dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll lediglich bei der gedanklichen Orientierung unterstützen. (Auf das Web, das hier an jeder Stelle zusätzlich greift, habe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet. Blogs, Podcasts, Tweets, Posts und sonstige Netzarbeit sehe ich als verbindendes Element und noch nicht annähernd ausgeschöpftes Potential auf allen Ebenen.)ubersicht_kritischemasse_blog

Ich bin der Auffassung, dass jede Region mindestens ein Format, in der Größe eines Edu Camps oder DEDs pro Jahr anbieten sollte. Dazu bedarf es aber Einrichtungen, die das leisten können. Hier sehe ich primär die Lehrenden als Zielgruppe im Visier. (Natürlich haben sich Barcamps auch als hervorragende Räume der Vernetzung nonformaler und formaler Bildung herauskristallisiert, das zukünftig noch intensiver ausgebaut werden müsste. Auch auf den politischen Willen gehe ich hier nicht weiter ein, weil der Umfang den Rahmen sprengen würde.)

B.) „Verbündete suchen“ kann man als grundsätzliche Devise aussprechen. Kooperationspartnern mit Ressourcenstärke sind dabei von Vorteil. Das können Hochschulen, Landes-/Kreis-/Stadtmedienzentren, Landesakademien, (Jugend-)Bildungswerke, Kulturämter, Bildungsmanagements, Theater oder Museen sein.

C.) Wie erreiche ich aber die Menschen außerhalb der Filterblase bzw. den Netzwerkeffekt? Hier sehe ich die Chance in vielen, bundesweit verstreuten, lokal verankerten Veranstaltungen überschaubarer Größe, deren Charme und Reiz darin liegt, dass man nicht weit reisen muss oder/und die Ausrichter*innen kennt. Das Ziel muss es sein, die dauerhafte und gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erhalten und die Notwendigkeit der Antwort auf die Frage, was sollen unsere Kinder in Schulen und Hochschulen in und für ihre Zukunft lernen, zu vermitteln. Weil ich so ein Format seit letztem Jahr in Freiburg durchführe, stelle ich euch hier eine To-do-Liste zu Verfügung, die ihr nutzen, ergänzen, korrigieren bzw. einfach passgenau auf euch zuschneiden könnt, um selbst solche Veranstaltungen anzubieten.

Thema
Bei der Themenwahl darauf achten, dass es…
nicht zu speziell ist, um ausreichend Interessierte zu generieren.
„gute“ Referent*innen dazu gibt.

Referent*in
Fachlich kompetent, aber auch ansprechend für Laien (Digitales muss raus aus der gesellschaftlichen Nerd-Ecke).
Bestenfalls sollte man Reden/Vorträge vorher schon mal von ihr/ihm gesehen haben.
Ein bezahlbares Hotelzimmer reservieren und die An- und Abreise mit der Person klären. (Dafür braucht man finanzielle Unterstützung von Kooperationspartnern. Hier gibt es sie in NRW.)

Termin
Wie viele? Hängt von eurer Lust und Zeit ab. Zwei Termine pro Jahr sind für eine Person machbar und verleihen dem Thema eine notwendige Kontinuität. Bei mir hat es sich auf je eine Veranstaltung im Frühjahr und Herbst eingependelt.
Wann? Dienstag scheint ein guter Wochentag zu sein, weil die Woche noch frisch und die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass Leute noch die Lust und Kraft für ein Zusatzprogramm aufbringen.
Nach anderen Veranstaltungen Ausschau halten (thematisch oder Zielgruppe betreffend relevant, z.B. Elternabend), damit es nicht zu einer Konkurrenzveranstaltung wird. Die Gruppe von Menschen, die man zu solchen Veranstaltung bewegen kann ist überschaubar.

Raum
möglichst zentral, gut erreichbar und für die breite Masse einladen
möglichst günstig bzw. unterstützend bezüglich offener Angeboten
für 10-50 Leute
stabiles WLAN (für ein Live-Streaming)

Werbung
Die persönliche und direkte Ansprache ist die effektivste Werbung. Außerdem müssen wir auch bzw. gerade die Offliner*innen erreichen.
Aufwand von Plakaten oder Pressemitteilungen stand bei meinem erste Event in keiner Relation zur erreichten Zuschauergröße. Kann man also machen, muss man aber nicht. Wenn man einen Artikel über die Veranstaltung in der Presse platzieren kann, ist das aber sicher nicht verkehrt. Bei meiner zweiten Veranstaltung bekam ich von einem lokalen Online-Magazin angeboten, etwas zum Thema zu schreiben und für den Termin zu werben.
Über FB-Veranstaltungen und Werbung via Twitter erreicht man (meiner Erfahrung nach ausreichend) die netzaffinen Menschen.

Web-Community
Live-Streaming kann mit Periscope einfach angeboten werden und ermöglicht auch den Netzaktiven den Zugang zur Veranstaltung. Bei meinem letzten Event hatte ich so konstant zehn bis zwölf zusätzliche Zuschauer*innen. (Die Bundeszentrale für politische Bildung bewarb freundlicherweise mein angekündigtes Streaming, ohne sie gefragt zu haben.)

Energie
Die Planung und Durchführung ist überschaubar, kostet aber trotzdem Kraft. Besonders kräftezehrend ist das Bewerben der Veranstaltung. Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Mal über die Anzahl der Leute, die letztendlich erschienen waren, sehr enttäuscht war. Mein Erwartungshorizont ist mittlerweile realistischer und der Spaß überwiegt.

Jetzt seid ihr dran. Auf welcher der drei Ebenen und in welchem Bereich, könnt ihr etwas dazu beitragen? Mein Call for Participation beginnt mit diesem Beitrag. Belasst es bitte nicht beim klassischen „Man sollte…“. Machen.

Zwei abschließende Ergänzungen
An dieser Stelle bedanke ich mich bei den zahlreichen Menschen aus der On- und Offline-Bildungsgemeinde, die ich bisher kennenlernen durfte und die schon lange viel leisteten und bewegen.
Immer wenn ich Digitale Bildung schreibe, meine ich nicht die Technik, sondern das noch neu auszuhandelnde und durch den digitalen Wandel mögliche und notwendige Lehren und Lernen, das Lisa Rosa hier beschreibt.

Auflistung bestehender Veranstaltungsformate

Deutschland

Schweiz

Österreich