„Blocken ist Freiheit: Nervige, pöbelnde, hasserfüllte Stimmen aus der eigenen Wahrnehmung zu entfernen, gehört zu den wichtigsten Kulturtechniken in sozialen Netzwerken. Nur Ahnungslose halten Blocken für Zensur.“

Bildschirmfoto 2019-01-03 um 17.51.02Mit diesen Worten hat Sascha Lobo seinen aktuellen Kolumnenbeitrag Lob des Blockens eingeleitet, in dem er das Blocken in sozialen Netzwerken feiert, empfiehlt und sogar von einem digitalen Menschenrecht spricht. Eine Kolumne verstehe ich allgemein eher als einen Impuls, der auch gerne polarisieren darf und keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt. Weil ich davon ausgehe, dass dieses Verständnis nicht alle teilen, möchte ich hier meine Auffassung kurz begründen und seinen Beitrag um zwei weitere Perspektiven ergänzen.

Die Aussage, dass die Welt immer komplexer wird, ist eine Standard-Folie bei allen Vortragenden, die über die Digitale Transformation referieren. Die Einigkeit in diesem Punkt liegt u.a. daran, dass jeder die zunehmende Komplexität der Welt zumindest gefühlt bestätigen kann. Das Blocken stellt keine Ausnahme dar, unterliegt ebenfalls dieser Komplexität und kann nur im jeweiligen Kontext beurteilt werden. Zwei Betrachtungen zu Wer und Weshalb sollen das exemplarisch verdeutlichen.

Wer blockt?

Wenn Sascha Lobo über das Blocken in sozialen Netzwerken schreibt, dann als jemand, der heute über 731 000 Follower bei Twitter und über 43 000 Abonnenten bei Facebook hat (Ja, ich weiß, dass eine hohe Follower-/Abonnentenzahl nicht automatisch eine hohe Reichweite bedeutet. Das ist aber ein anderes Thema und würde hier den Rahmen sprengen.) oder jemand, der seit vielen Jahren zu den prominentesten Köpfen zählt, die beim Thema „Digitalisierung“ vor die Kamera oder auf die Bühne gebeten werden. Das heißt, dass er durch seine Bekanntheit a.) weitaus mehr Benachrichtigen erhält als Horst aus Buxtehude oder ein Lehrer wie ich und b.) für Trolle, bzw. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Kommunikation erschweren oder sogar zerstören (möchten), attraktiver ist. Wenn er von Schutz oder Bewahrung der konstruktiven Kommunikation spricht, ist das einen andere Hausnummer und lässt sich nicht kontextfrei auf jeden Account, bzw. jede Person 1:1 übertragen.

Weshalb wird geblockt?

Natürlich hat Sascha Lobo recht, dass Blocken keine Zensur ist und Meinungsfreiheit nicht bedeutet, jede Meinung anhören zu müssen. Was er mit dem Blocken aber u.a. erreichen möchte, beschreibt er so:

„Wenn man die Knalltüten blockt, fällt es leichter, klüger und weniger aggressiv vorgetragene Gegenmeinungen überhaupt wahrzunehmen. Vorher gehen sie oft im Getöse unter.“

In seinem Beitrag fehlt der Aspekt, dass zumindest bei Twitter die gleiche Wirkung mit dem Muten, bzw. Stummschalten erreicht werden kann. (Eigentlich ist das „gemeiner“ als Blocken, weil die stummgeschaltete Person nicht erfährt, dass sie ignoriert wird. Man nimmt so mancher Person auch die Genugtuung, geblockt worden zu sein. Von Person x geblockt zu werden wird bei Twitter nicht selten wie eine Auszeichnung gefeiert.)

Ich kommuniziere seit fünf Jahren über Twitter und genieße ebenfalls die von Sascha Lobo erwähnte Freiheit, das eigene soziale Netzwerk aufzubauen und zu verändern. Dabei habe ich jede Menge Zeit in Debatten rund um das Thema Bildung im digitalen Wandel investiert, sehr viele Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt und leider feststellen dürfen, dass manche von ihnen das Blocken bewusst einsetzen, um einer kontroversen Diskussion bequem auszuweichen. Besonders dann, wenn es um ihre eigenen Beiträge geht, die sie gerne im Netz beherzt, aber nicht hinterfragt wissen möchten. Was unterschiedliche (aus meiner Sicht nicht positive) Auswirkungen zur Folge hat. Auch das, woran Lobo zweifelt: Im eigenen Saft zu kochen. Dass meine Berufsgruppe nicht zwingend zur kritikfähigsten zählt, hat verschiedene Gründe. Trotzdem würde ich diese Auswirkungen des konsequenten Blockens nicht allgemein für alle anderen Themen und Gruppierungen wie er ausschließen wollen. Für mich bleibt das Blocken weiterhin nur eine Möglichkeit des Schutzes vor Trollen und die Bestätigung einer gescheiterten Kommunikation. Nichts, das ich feiern würde.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Bildschirmfoto 2018-10-23 um 17.29.53Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wenn wir über Smartphones in Schulen diskutieren, geht es häufig nur ums Dafür oder Dagegen. Doch wenn wir die bunten Smartphones verstehen möchten, müssen wir das Schwarz-Weiß-Denken ablegen. Hier gibt es zwar einige Hürden zu überwinden, aber auch einen einfachen Lösungsansatz.

Smartphones sind digitale Schweizer Taschenmesser

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 15.10.38Was bei keiner Diskussion fehlen darf, ist der Vorwurf, Menschen würden nur noch auf Smartphones schauen und dadurch andere, bessere Dinge nicht mehr machen. Ein häufiger Denkfehler, indem man nur beschreibt, was man sieht, aber nicht, was wirklich geschieht. Dabei wird unterschlagen, dass ein Smartphone Telefon, Zeitung, Fernseher, Kamera, Buch, Radio, Uhr, Kalender, Wecker, Taschenrechner, Navi, Spielekonsole oder EC-Karte sein kann. Und das ist nur ein Bruchteil an Geräten und Funktionen, die es vereint.

Haltungen sind keine Fakten

Die Angabe „Menschen schauen auf Smartphones“ ist ähnlich aussagekräftig wie „Quelle: Internet“. Das ist nun geklärt, kommen wir zur nächsten potenziellen Stolperfalle: Haltungen und Meinungen mit Fakten gleichzusetzen. Nur wer ergebnisoffen in die Analyse eines Sachverhalts startet, kann am Ende das nötige Verständnis aufbauen, um eine sachliche Einschätzung abzugeben. Ansonsten sucht man nur nach Argumenten, die das bestätigen sollen, was man ohnehin zuvor gedacht hat.

Künstliche Gegensätze und Fronten

Der Klassiker aller Debatten rund um das Thema ist der künstlich geschaffene Gegensatz zwischen analog und digital oder Buch und Smartphone. Wer diese zwei Fronten zeichnet, erzeugt einen nicht vorhandenen Konflikt, gibt eine einfache Lösung für eine komplexe Herausforderung vor und lenkt den Blick von der eigentlichen Fragestellung in Schulen ab: Was kann und möchte ich womit erreichen? Der Fokus sollte auf die Lernenden und Lernprozesse gerichtet sein, wenn man zeitgemäße Bildung wünscht.

Verstehen statt verbieten

Jeder kennt das: Dinge, die einem vertraut sind, findet man gut. Und Sachen, die in kein bekanntes Muster passen, begegnet man erst einmal skeptisch. Offenheit gegenüber Neuem zu bewahren, fällt gerade mit zunehmendem Alter immer schwerer. Wer aber die vielen Veränderungen im digitalen Wandel verstehen möchte, sollte sie aus drei Perspektiven betrachten und folgende Fragen ergebnisoffen und auf sich und die Gesellschaft bezogen untersuchen: Wie funktioniert das? Wie wirkt das? Wie wird das genutzt?

Bildschirmfoto 2018-08-25 um 19.25.32Wenn man sich anschaut, wie viele Funktionen ein Smartphone hat, wird klar, wie umfassend man sich mit dem Gerät befassen müsste, um alle Fragen ausreichend beantworten zu können. Deshalb ist es wichtig, bei Lehrern und Schülern Schritt für Schritt ein Verständnis aufzubauen. Ob man mit WhatsApp oder Instagram beginnt, ist dabei nicht entscheidend, sondern gemeinsam mit Klassen die Funktion, Wirkung und Anwendung zu diskutieren.

Smartphones sind Kulturzugangsgeräte

Smartphones in Schulen zu verbieten, löst keine Probleme. Es verdrängt oder ignoriert sie und lässt Schülerinnen und Schüler allein damit. Smartphones ermöglichen den Zugang zu Informationen, Wissen und persönlichen Lernnetzwerken. Manche nennen sie deshalb auch Kulturzugangsgeräte. Wenn man junge Menschen in Schulen dazu befähigt, diese mündig und souverän zu nutzen, macht man sie nicht nur fit für die Zukunft – man hätte auch die Chance, dadurch etwas mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.