Entwurf_UmschlagBeiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen habe ich gemeinsam mit Philippe verfasst.

Es gibt drei Positionen in der Diskussion um Bildung in der digitalen Kultur: Die euphorische geht davon aus, dass Digitales den Unterricht in praktisch jeder Hinsicht verbessert – allein dadurch, dass es eingesetzt wird. Die pessimistische sieht im Digitalen eine umfassende Bedrohung für die Bildung: Sie schade Kindern, verleite zu Oberflächlichkeit und ersetze pädagogisch bewährte Überlegungen durch technologische Spielereien. Die dritte Position ist eine kulturpragmatische: Sie nimmt das große Ganze in den Blick, beschreibt konkrete Phänomene, prüft Argumente kritisch – und ist doch aufgeschlossen und fordernd.

Diese letztere Haltung erhält in Diskussionen über die Bedeutung einer Kultur der Digitalität für Schulen und Unterricht zu wenig Gewicht. Sie wird außerhalb von Nischen im Netz wenig wahr- und eingenommen, unter anderem auch, weil differenzierte Betrachtungen in der Regel nicht belohnt werden.

Skeptiker sehen durch die Digitalisierung die Lesefähigkeit bedroht

Die folgenden zwei Beispiele sollen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Herangehensweisen verdeutlichen: Das erste Beispiel betrifft die Veränderung von Leseprozessen durch digitale Medien. Während die eine Seite euphorisch auf die vielen Texte im Netz und die erweiterten Möglichkeiten, sie auf Smartphones, Tablets, E-Readern und Rechnern lesen zu können, hinweist, wendet die skeptische Gegenseite ein, dass „Deep Reading“ bedroht sei – die Fähigkeit, Texte so zu lesen, dass ein nachhaltiger, durchdringender kognitiver Vorgang in Gang gesetzt werde. Flüchtige Aufmerksamkeit zersetze „Deep Reading“.
Der pragmatische Blick auf die digitale Transformation des Lesens beschreibt Lektürepraktiken von Netz-Texten. Dabei zeigt sich, dass viele für das Netz konzipierte Texte nicht-linear strukturiert sind und deshalb andere Kompetenzen erfordern, als das bei der Lektüre von Zeitungen oder Romanen der Fall ist

Das zweite Beispiel betrifft die Forderung nach einem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht. Dass er fehlt, wird oft durch Vergleiche von Ergebnissen begründet, die zwei Denkfehlern unterliegen: Lernsetting und Lernprozesse werden unverändert belassen und digitale Medien als Ersatz von analogen eingesetzt. Sichtbar wird das in Prüfungen, bei denen digitale Medien nur so eingesetzt werden dürfen, dass weder Kommunikation noch Kollaboration möglich ist. Eine Aufgabe, die aus der Buchdruckkultur stammt und dafür konzipiert wurde, mit einem Tablet lösen zu lassen, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug und einen Roller um die Wette schieben zu lassen. Die digitale Kultur erfordert neu gestaltete Lernprozesse und beschäftigt sich mit anderen Problemen.

Oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus

Euphorisch betrachtet lassen sich sofort viele Anwendungen für Apps und Geräte finden, die das Lehren und Lernen effektiver oder effizienter gestalten. Aber das kann dazu (ver)führen, die bisherigen Strukturen und Abläufe nicht zu hinterfragen. Der Einsatz von Digitalem führt nicht automatisch zur kritisch denkenden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels, sondern kann auch in pressewirksamer Kosmetik münden. Der kulturpragmatische Blick untersucht, was notwendig ist, um junge Menschen zur mündigen und souveränen Teilhabe in der digitalen Welt zu befähigen.

Diskussionen rund um solche Beispiele finden in und außerhalb von Schulen täglich statt. Viele Lehrkräfte bekommen den Diskurs der vergangenen Jahre aus dem Netz nicht mit, der einige Überlegungen und Behauptungen erübrigen würde. Sie oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus, zwischen der Bereitschaft, Kinder auf eine digitale Zukunft vorzubereiten, und der Angst, dass sie mit zu viel Arbeit an digitalen Endgeräten verdummen. Hier ist Orientierungshilfe nötig. Kulturpragmatisch.

 

Beiträge, die ich für Online Magazine verfasse, veröffentliche ich zwei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Dieser erschien bei was wäre wenn.

Es herrscht Einigkeit, dass Bildung zum einen Spiegel der Gesellschaft ist, aber auch der Schlüssel zu zukünftigen Entwicklungen und deshalb immer dort angesetzt werden muss, wenn Veränderungen notwendig sind, sie verankert werden und nachhaltig wirken sollen. Wer also die Dynamik der Digitalen Transformation, globaler Umbrüche und einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Ordnung betrachtet, landet zwangsläufig bei der Frage und Debatte, wie Bildung in einer Kultur der Digitalität aussehen sollte. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass das deutsche Bildungssystem ein riesiger und komplexer Tanker ist, in dem Kursänderungen (zu) viel Zeit beanspruchen. So kann auf Transformationsprozesse, wenn überhaupt, nur stark verzögert reagiert werden. Kann aber trotz dieses Widerspruchs eine heute und morgen notwendige Bildung gelingen? Ja, sie kann – wenn sie nicht auf Bildungseinrichtungen reduziert oder abgeschoben wird.

Bildung ist das Ergebnis von Gesellschaft 

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Foto: Fionn Große

Wer über Bildung spricht, denkt meist automatisch in Institutionen, trennt nach Alter, Schulart oder Zielgruppen, trennt nach Fächern oder Zeiten, wann Angebote stattfinden. Es wird zugeordnet und sortiert. Einrichtungen und Rahmen werden gedanklich in den Vordergrund gerückt und nicht der Vorgang, sich zu bilden, Wissen zu erwerben, zu lernen. Dabei könnten sich dort vielleicht einige Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden lassen, teilweise auch bei uns selbst: Wie bilden wir uns heute? Welche neuen Möglichkeiten gibt es und nutzen wir auf welche Art und Weise? Wie lernen wir von- und miteinander? Schließlich befinden wir uns alle in dieser global vernetzen Welt voller Veränderungen, in der wir uns neu zu sortieren und zurechtzufinden versuchen. Wir probieren und scheitern, reflektieren und versuchen es erneut und entwickeln uns permanent weiter. Manche erlangen so Expertise für noch unerschlossene Bereiche, fernab der klassischen Bildungswege. Es ändert sich nicht nur was, sondern auch wie, wann, wo oder mit wem wir lernen und uns bilden. 

Ja, es kostet anfangs etwas Anstrengung, sich davon zu lösen, den Begriff Lernen nicht als schulisches Lernen (in dem Bezug oft auch als Auswendiglernen oder das auf einen Test Lernen) zu verstehen, sondern als einen Prozess, der uns täglich mal mehr oder weniger bewusst begleitet. Ein Lernen, das ohne Note oder Zertifizierung auskommt und trotzdem tiefgründig und nachhaltig sein kann. Wir lernen ständig hinzu, sei es aus einem Gespräch, das wir geführt, einer Handlung, die wir beobachtet oder einem Text, den wir gelesen haben. Dabei brechen wir nicht nach 45 Minuten ab und wechseln das Thema, die Zusammensetzung der Gruppe oder sogar den Ort. Wir lernen und bilden uns bei der Arbeit, in der Straßenbahn, beim Musik hören oder beim Feiern mit Freunden weiter. Es geschieht ganz beiläufig, selbstverständlich und wandelt sich.  

Und während die Welt sich grundlegend ändert, scheint sich die Diskrepanz zwischen dem Lernen wie es innerhalb und außerhalb von Bildungseinrichtungen stattfindet zu vergrößern. Was jedoch beide Bereiche eint, sind die zunehmend komplexeren Herausforderungen der Digitalen Transformation, die nur zusammen mit unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven gemeistert werden können. Deshalb brauchen Bildungseinrichtung und Lehrende auch keine noch längeren To-do-Listen, sondern neben politischer auch eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung. Es braucht weniger Orte, an denen man schon alles weiß, kann und das zu vermitteln versucht, sondern mehr Lernräume, an denen einiges noch und nur miteinander herausgefunden werden kann und erarbeitet werden muss. Und miteinander bedeutet über die Grenzen von Bildungsinstitutionen hinaus, also auch interdisziplinär und multiperspektivisch. Im Kontext von think global, act local wird kommunaler (städtischer) Raum als (urbaner) Lernraum aufgefasst und gestaltet.

Google Maps fürs Lernen im Niemandsland 

Im Prinzip müssen gemeinsam lerntopografische und allgemeinzugängliche Karten für den kommunalen Raum entwickelt werden. So, dass jede Person weiß, wo sie vor Ort bestimmte Informationen findet, auf Fachkundige treffen oder ihr Wissen einbringen kann. Als würde man beispielsweise die unzähligen YouTube-Videos, die einem die Welt erklären, die erstellenden Personen und die Produktion auch physisch und kommunal abbilden und greifbar machen. So etwas verlangt ein verändertes Selbstverständnis von allen an Bildungsprozessen beteiligten Personen und deren Einrichtung: sich weniger als abgeschossene Einheit, sondern als ein (kommunal-)zivilgesellschaftlicher Bestandteil zu verstehen, als eine Haltestelle auf einer Karte lebenslangen Lernens. Dieses Umdenken führt einerseits zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung, vergrößert aber zugleich die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, indem sich der Kreis an Personen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen erweitert. Im Prinzip müssten einige Elemente vom Lernen im Netz in den physischen und kommunalen Raum übertragen und geformt werden: Ein offener Zugang zu Informationen und Expert_innen, attraktive Gelegenheiten, davon zu erfahren oder auch diverse Möglichkeiten für Vernetzung, Austausch und Kollaboration.  

Weil Transformationsprozesse Grenzen auflösen, befinden sich viele Problemstellungen im gesellschaftlichen Niemandsland, außerhalb und zwischen den Systemen und Strukturen, ohne klare Zuständigkeiten. Deshalb werden entweder oft eigene Lösungen entwickelt, die nicht funktionieren, weil sie nur aus der eigenen Perspektive gedacht wurden oder es wird erst gar nicht investiert, weil es von bisherigen Systemen aus blickend, keinen Sinn ergibt. Was bringt also z.B. ein Smartphone-Verbot in der Schule, wenn es außerhalb der Schulzeit ständig im Einsatz ist? Aus schulischer Sicht und dem Verständnis, diese Geräte als reine Störfaktor zu betrachten, scheint das Problem dadurch zwar gelöst zu sein, aber alle anderen persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben weiterhin unangetastet und lediglich aus dem Sichtfeld der Schule gedrängt. Die Kultur der Digitalität hat wie wir kommunizieren, uns informieren, arbeiten oder von- und miteinander lernen grundlegend verändert. Deshalb braucht es auch grundlegend andere Vorgehensweisen und Lösungen. Wer befähigt denn die Gesellschaft an kultureller Teilhabe oder zu einem souveränen und mündigen Auftreten im Netz? Freunde und Bekannte, die Elternhäuser, die Schulen, die Hochschulen, der auszubildenden Betrieb oder die Vereine? Eins ist sicher: Alleine klappt das nicht. Nur wo können viele von ihnen aufeinandertreffen? Wo können sie über Fragen diskutieren, Wissen und Erfahrungen austauschen und gemeinsame Konzepte entwickeln?

Was wäre, wenn das gesamte (kommunale) Wissen und Können, zu den vielen unerforschten Bereichen des kulturellen Wandels für alle offen, zugänglich und transparent wäre? Wenn sämtliche Expert_innen bekannt wären und gemeinsam an Konzepten arbeiten würden? Wenn keine Hierarchien, fachliche Grenzen und sonstigen Tellerränder den Dialog erschweren würden? Wenn der Antrieb ein humanistischer wäre, der sich am großen Ganzen, der Vernunft und gesellschaftlicher Verantwortung orientiert? Diese Ansätze gibt es vielleicht bereits mancherorts. Im kommunalen Raum kommen sie noch (zu) selten bis gar nicht vor. Aber hier findet ein Großteil von Bildung statt.

Not the system, change the people  

Wahrscheinlich besteht ein Denkfehler vieler gescheiterten Bemühungen, eine zeitgemäße Bildung anzustreben, unter anderem darin, Systeme verändern zu wollen, die sich selbst erhalten und größtenteils auf Verwaltung des Bisherigen ausgelegt sind. Es wird aber niemals gelingen, mit einem riesigen Bildungstanker flexibel Wellen zu surfen. Muss es auch nicht. Wer Innovation wünscht, muss neue Wege gehen. Und da diese Systeme nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht sind, muss eben dort auch wieder angesetzt werden, um das notwendige Mindset für das digitale Zeitalter zu erreichen. Wo könnte das besser gelingen als im bereits erwähnten Niemandsland, zwischen den Systemen und Strukturen? Wo Zuständigkeiten unklar sind, ist Spielraum für Neues. Und neues Denken braucht Freiräume 

Es braucht kritisch denkende Menschen, die Komplexität bewältigen oder ertragen können und sich nicht durch einfache, vermeintliche Antworten ködern lassen. Menschen, die nicht vor der Vielzahl an Dystopien erstarren, sondern souverän und mündig die Zukunft gestalten können und möchten. Wahrscheinlich würde John F. Kennedy an dieser Stelle aufrufen, nicht zu fragen, was Bildung für euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr für Bildung tun könnt. Wer Bildung als lebenslange und gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht, muss nicht auf Erlaubnis oder eine Anordnung warten, um sich Verbündete zu suchen, um attraktive Räume für Austausch, Vernetzung und Kollaboration zu eröffnen. Das Netz bietet heute zudem einfache Möglichkeiten, sich zu organisieren, sichtbar zu machen und andere zur Beteiligung zu animieren. Weshalb nicht Treffen durchführen, Projekte umsetzen oder Kooperationen initiieren?

Veranstaltungen können ein guter Auftakt für einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch zu zeitgemäßer Bildung sein. Oft beanspruchen sie das auch für sich und schmücken sich als neue und innovative Konzepte, sind es aber selten. Events zu “digitaler Bildung“ erfreuen sich nämlich großer Beliebtheit und schießen in den letzten Jahren bundesweit wie Pilze aus dem Boden. Dabei werden gerne vermeintliche “All inclusive und sorglos“-Pakete geschnürt, die besten Hard- und Software-Lösungen versprochen und die innovativsten Speaker_innen aus der Ferne der Republik eingeflogen. Nicht selten reist die geballte Expertise dann nach beeindruckenden Vorträgen wieder ab und hinterlässt die Wirkung eines Strohfeuers. Diese Konzepte gehören zum großen Bildungstanker. Es fehlen Freiräume für agiles Denken und Handeln abseits der klassischen Pfade. 

Am Beispiel von Veranstaltungen, Treffen oder sonstigen Räumen für einen Austausch lässt sich exemplarisch an sechs Punkten veranschaulichen, welche Aspekte bedacht werden sollten, um Bildung in der Kultur der Digitalität als gemeinsame Aufgabe ankommen zu lassen und lerntopografische Karten online und offline zu zeichnen:

1.) Jedes Angebot sollte Teil eines größeren Konzepts, einer langfristigen Strategie, eines nie endenden Prozesses sein, der unter Berücksichtigung der restlichen, folgenden Punkte erarbeitet werden sollte. Sonst bleibt es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, verpufft in der Wirkung und erzeugt im schlimmsten Fall sogar Frust.

2.) Die Angebote müssen offen und transparent sein. Die Wahl der Orte, der Zeit oder über welche Kanäle kommuniziert wird, entscheiden dabei mit über die allgemeine Zugänglichkeit. 

3.) Es braucht eine möglichst interdisziplinäre und diverse Zusammensetzung an Personen und Themen, weil nur mit einer Vielfalt an Expertisen und Perspektiven die komplexen Herausforderungen unserer Zeit gelöst werden können.

4.) Die Angebote müssen unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung und Selbstbestimmung enthalten. Es braucht kein weiteres Abfahren kommunikativer Einbahnstraße, sondern einen Rahmen, in dem Inhalte und Abläufe mitgestaltet werden können.

5.) Weil nicht immer alle Personen die Angebote wahrnehmen können, erst später davon erfahren oder am Tag selbst keine Gelegenheit hatten, sich mit allen auszutauschen und zu vernetzen, ist Anschlussfähigkeit bezüglich Personen und Themen ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Prozesse. Deshalb sind Anknüpfungsmöglichkeiten, über das Angebot hinaus, besonders wichtig.

6.) Wertschätzt die „Propheten“ im eigenen Land! Nicht selten ist die lokale, regionale Vielfalt an Expertise gar nicht bekannt, weil sie scheinbar oft viel Kosten und weit weg sein muss, um etwas wert zu sein. Dabei haben gerade diese Personen ein eigenes Interesse daran, nachhaltige und wirksame Prozesse vor Ort anzustoßen oder haben Einblicke in die lokalen Begebenheiten.  

Spannend wird es, wenn auch das Lernen und Lernsetting in Schulen und Hochschulen mit diesen Aspekten durchdacht werden. Dann wird deutlich, welches Potenzial hier noch brach liegt und Veränderungen noch ausstehen; sei es beim Mindset, bei den Ressourcen oder Räumen. Es geht hier aber nicht um Visionen, die in einer fernen Zukunft liegen könnten. Einiges findet bereits statt. Ein Blick in soziale Netzwerke legt offen, dass sich immer mehr Menschen über Grenzen hinweg zusammenschließen, sich in flexiblen Strukturen organisieren und die neugewonnen Möglichkeiten nutzen, die eine Kultur der Digitalität bietet, um ihre Angebote und Anliegen sichtbar zu machen und einzuladen, Bildung neu zu denken, zu gestalten, gemeinsam, global denkend und lokal handelnd. Ihre Antwort auf Bildung im 21. Jahrhundert lautet: Your society needs you!

 

Wenn fünf Menschen, deren Gedanken über Bildung ihren Erstwohnsitz im Internet haben, beschließen, ein Buch zu schreiben, muss das einen guten Grund haben. Die Idee und der Antrieb, Sätze auf Papier drucken zu lassen, entstand aus der Tatsache und den Leiden darunter, dass (im Bildungsbereich) kulturpessimistische Bücher, die vor allem Digitalen warnen, sich scheinbar nicht nur gut verkaufen lassen, sondern auch die notwendige und unausweichliche gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Digitalen Transformation erschweren, teilweise sogar verhindern. Axel, Martin, Jöran, Philippe und ich beschlossen deshalb im Sommer 2018 in der Gutenberg-Galaxis dem ein Gegengewicht zu setzen. Dieses Gegengewicht ist grell, gebunden, mehr oder weniger quadratisch, heißt Routenplaner #digitale Bildung: Auf dem Weg zu zeitgemäßer Bildung. Eine Orientierungshilfe im digitalen Wandel und kann nun im Buchhandel käuflich erworben werden.

Wer das lesen soll, habe ich gefragt?!

FABB83AA-93B5-4958-A973-2B7EED0FB432Es richtet sich an alle Bildungsinteressierte, die zwischen den lauten Stimmen der Euphorie und grundsätzlicher Ablehnung in der Digitalen Transformation nach Orientierung suchen. Es ist ein Buch für Einsteiger_innen, aber auch für Fortgeschrittene, die damit ihr aktuelles Handeln und Verständnis immer wieder neu reflektieren können. Es liefert Einblicke in die kontroversen Debatten, die seit Jahren im Netz stattfinden und bietet Möglichkeiten, sich damit ein Grundverständnis von Bildung in einer Kultur der Digitalität aufzubauen. Wer noch mehr Information zum Buch oder einen längeren Blick hinter die Kulissen werfen möchte, findet alles auf der Website, die wir dazu gebastelt haben. Dort finden sich, dem Aufbau des Buches folgend, für die Beiträge alle wichtigen Links, um sie nicht abtippen zu müssen. Sie sollen das Lesen aber nicht nur erleichtern und ergänzen, sondern auch zu einem Ausflug ins Netz einladen. Außerdem haben wir auf der Website auch das komplette Vorwort und den abschließenden Text Hinter dem Vorhang veröffentlicht, um die meisten Fragen vorab schon zu beantworten.

Das gibt’s doch schon alles im Internet!

Jein. Wir haben zwar unsere wichtigsten Blogbeiträge gebündelt, um sie auch für Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Diskurs im Netz teilnehmen oder davon wissen. Nur kann ein Blogbeitrag nicht einfach so in ein Buchformat übertragen werden, weil er in einer komplett anderen Struktur erstellt wurde und steht. Deshalb mussten wir einige Passagen umschreiben, Stellen streichen oder komplett neu verfassen. Wer immer noch nicht glaubt, sich oder anderen das Buch unter den Weihnachtsbaum stellen zu müssen: Wir konnten Kathrin und Lisa von unserem Anliegen überzeugen und durften zwei besondere Beiträge von ihnen drucken. Ihre Texte bilden meiner Meinung nach eine Basislektüre, die zumindest im Bildungswesen jeder mal gelesen haben sollte. Falls ihr noch Fragen habt, die weder hier noch auf der Website zum Buch beantwortet wurden, schreibt uns einfach. Dafür wurden soziale Netzwerke schließlich erfunden. Und jetzt viel Vergnügen beim Lesen.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

sharon-mccutcheon-eMP4sYPJ9x0-unsplashDie grundlegenden Veränderungen unserer Lebenswelt durch den digitalen Wandel führen im Bildungsbereich seit Längerem zu Diskussionen über neue, zeit­gemäße Prüfungs­formate und wie sie den gewandelten Heraus­forderungen gerecht werden könnten. Weshalb eigentlich nicht einen Schritt weiter­gehen und komplett auf Prüfungen verzichten? Jährlich bereiten sich unzählige junge Menschen auf Prüfungen in Schulen und Hochschulen vor. Neben der in die Vorbereitung investierten Zeit und Kraft werden auch enorme Ressourcen für die Durch­führung von Prüfungs­formaten bereit­gestellt. Gute Gründe, die Notwendigkeit dieser Praxis genauer zu beleuchten.

Wozu braucht es Prüfungen?

Diese Frage habe ich vor einiger Zeit online und offline diskutiert, um die vielen starken Argumente zu sammeln, die es eigentlich geben müsste, um die investierten Ressourcen zu rechtfertigen:

  • Der weitaus größere inhaltliche Umfang führe zu vertiefterem Wissen, weil alles noch mal wieder­holt werden muss.
  • Prüfungen dienten auch als extrinsische Motivation, die auf das spätere Leben – besonders in der Berufs­welt – vorbereite, in dem man unter Druck agieren können müsse; sie seien somit eher ein Stresstest als eine Wissens­prüfung.

Das waren die häufigsten und stärksten Argumente.

Pro-Argumente im Check

Findet das Vernetzen und Vertiefen von Wissen erst durch die Prüfung statt, stellt sich die Frage, weshalb das nicht bereits davor im Schul­all­tag geschehen ist, beziehungs­weise welches Lern­verständnis eigentlich vorliegt. Geht es um banales Auswendig­lernen – im schlimmsten Fall heraus­gelöst aus einem Kontext – oder um persönlich sinn­stiftendes Lernen? Wer von Beginn an wirksame und nach­haltige Lern­prozesse ermöglicht, benötigt keine Prüfung, um das nach­zuholen.

Wird die Vorbereitung auf die harte Berufs­welt als Argument bemüht, scheint noch nicht bekannt zu sein, dass gerade diese zunehmend beklagt, junge Menschen seien nicht ausreichend gut auf sie vorbereitet. Wenn Prüfungen also nicht mal diese Versprechen halten, bleiben große Zweifel, ob sie in ihrer Art und Weise auch noch auf die digitale Transformation in der Arbeits­welt und deren veränderte Anforderungen vorbereiten.

Was spricht gegen Prüfungen?

Prüfungen sind mit die stärksten „Influencer“ im Bereich Unterricht, Ausbildung oder Studium. Wenn Lehrende gefragt werden, weshalb sich der digitale Wandel nicht in ihren Lernsettings abbilde, sie ihren Unterricht nicht öffnen, agile Didaktik verwenden oder Projekt­arbeit anbieten, werden als Grund häufig „Prüfungen“ genannt. Schließlich mündet alles bei ihnen. Sie bestimmen die Abschluss­noten – und über Erfolg oder Miss­erfolg im weiteren Leben. Prüfungsformate beeinflussen somit massiv, wie und worauf­hin gelernt wird.

Stünde am Ende keine Prüfung, könnten Lernende und ihre individuellen Lernprozesse in den Mittel­punkt rücken – und nicht die jeweiligen Prüfungs­formate. Wie individuelles Lernen mit standardisierten Prüfungs­formate zusammen­passen soll, bleibt ohnehin ein Rätsel. Und wie sieht es mit der notwendigen Fehler­kultur aus, die im Rahmen der digitalen Transformation genannt wird? Zum Lernen gehören auch Fehler dazu sowie die Fähigkeit, sie zu erkennen, zu verstehen und zu verbessern. Bei Prüfungen hingegen werden Fehler bestraft und sind „schlecht“.

Ein Abschluss ist auch ohne Prüfungen möglich

Weshalb also nicht auf Prüfungen komplett verzichten und im letzten Schuljahr alle Leistungen wie in den Jahren zuvor erfassen? Abgesehen von den frei werdenden Ressourcen, die an anderer Stelle eingesetzt werden könnten, würde dadurch auch manches Leid erspart bleiben – bei den Geprüften, bei Eltern oder Prüfenden. Geht es denn in der Schule nicht darum, junge Menschen zu befähigen, ein mündiges und erfülltes Leben führen zu können? Was tragen Prüfungen dazu bei, oder was verhindern sie vielleicht? Diese Fragen verdienen eine Prüfung.

Was würde eigentlich geschehen, wenn ein Schriftsteller beim Deutschabitur über sein eigenes Werk mitschreiben würde? Vor kurzem hat Saša Stanišić genau damit für Aufsehen gesorgt, als er via Twitter in einem Thread offenlegte, nach 1997 erneut beim Abitur mitgeschrieben und mit 13 Punkte einen neuen persönlichen Highscore erreicht zu haben. Nur war es dieses Mal nicht Goethe, über den er schreiben musste, sondern sein eigener Roman Vor dem Fest.

Fernab der vielen Fragen, die seine besondere Aktion und das Resultat aufwerfen, fiel mir ein Tweet besonders auf. Er beklagte darin, nachdem er fünf Stunden von Hand schreiben musste, Schmerzen im Arm gehabt zu haben und fragte, weshalb man nicht mit dem Computer schreiben dürfe. Er äußerte auch den Wunsch, dass Schulbehörden mehr Gegenwart zulassen sollten. Wohin so eine Reise führen könnte, möchte ich mit einem kleinen Gedankenexperiment Abitour mit Internet skizzieren und anregen, das weiterzudenken.

Mehr Gegenwart zulassen

Gehen wir davon aus, es wäre beim Deutschabitur die Aufgabe, den Roman Vor dem Fest zu besprechen und wie 2019 in Hamburg, dazu auch ein neues Kapitel zu verfassen. Nur dieses Mal dürften Laptops mit Internetanschluss genutzt werden. Wahrscheinlich würden die Schüler_innen nach bereits verfassten und veröffentlichten Texten über das Buch im Netz suchen. Dabei müssten sie wissen, wo sie wie recherchieren sollten, um möglichst schnell gute Beiträge zu finden. Das Gefundene müssten sie einordnen können, beispielsweise in Bezug auf Seriosität und Qualität. Dann würden sie sich wahrscheinlich untereinander Links über bewährte Quellen schicken oder nur Passagen mit Kommentaren.

Vielleicht würde jemand den Autor Saša Stanišić googeln, den Wikipedia-Beitrag lesen, auf seine Website klicken und feststellen, dass er twittert und bei Instagram ist. Sie würden seine Tweets lesen, Eiblicke in seine Art, seinen Humor erhalten und erfahren, dass er aber auch mit Leuten kommuniziert, die er nicht kennt. Vielleicht würde ihn dann jemand etwas zu seinem Buch fragen und eine Antwort erhalten. Das könnten dann andere Schüler_innen mitlesen und ebenfalls in ihre Gedanken für das neu zu schreibende Kapitel einfließen lassen. Ihre Texte könnten sie veröffentlichen, miteinander teilen, sich Feedback geben, daran weiterarbeiten und sich vernetzen. Vielleicht hätte sogar Saša Stanišić manchen dieser Beiträge gelesen und ebenfalls kommentiert.

Einige Schüler_innen wären wahrscheinlich auf seinen Insta-Account, hätten seine Beiträge durchgescrollt und würden ihn als Person aus einer zusätzlichen Perspektive näher kennenlernen, vielleicht auch Lust bekommen, weitere Texte von ihm zu lesen oder zu einer der nächsten Lesung in ihrer Nähe zu gehen. Sie würden eventuell beobachten, mit welchen anderen Personen er sich im sozialen Netzwerken austauscht und hätten so vielleicht den Weg zu weiteren Künstler_innen oder Themen gefunden.

Nach dem Fest

Was hätte somit mehr Gegenwart geändert? Schüler_innen hätten zusammengearbeitet, ihr Wissen geteilt und gelernt und geübt, sich souverän im Netz zu bewegen. Sie hätten ihr persönliches Lernnetzwerk erweitert und Neues entdeckt, über sich und andere. Natürlich müssten Klassenstufen auf so ein Abitur anders vorbereitet werden, mit einem einem veränderten Unterrichts-, Lehr- und Lernverständnis. Sie müssten zumindest im Vorfeld bereits so gearbeitet haben, bzw. dazu befähigt worden sein: So zu arbeiten, wie es in der Gegenwart üblich ist.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Vor Kurzem wurde in sozialen Netzwerken die „#10YearChallenge“ ausgerufen, bei der Personen in der Regel Bilder von sich aus den Jahren 2009 und 2019 posteten, um bestenfalls zu belegen, dass sie sich in diesem Zeitraum kaum verändert haben.

photo-1515378960530-7c0da6231fb1So ähnlich verhält es sich mit den Argumenten, die sich gegen das digitale Schreiben und Lesen wenden: Sie haben sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert.

Kathrin Passigs 2009 veröffentlichter Text „Standardsituationen der Technologiekritik“ hat  bis heute  kaum an Aktualität eingebüßt und gibt ein Bild wieder, wie technischen Neuerungen begegnet wird – und wahrscheinlich wird dieses Bild auch noch bei der „#20YearChallenge“ und darüber hinaus mithalten können.

„Wozu soll das gut sein?“, „Wer braucht das schon?“, „Das nützt nur einer Minderheit und ist lediglich eine Mode, die vergeht.“, „Es wird sich dadurch nichts ändern.“, „Zu welchem Preis?“, „Es überfordert die Schwächeren.“, „Das gehört sich nicht und verändert unsere Denk-, Lese- und Schreibtechnik zum Schlechteren.“

Es sind diese sich stets wiederholenden Kritikmuster und Phrasen oder (hier stark verkürzten) Argumente, die Kathrin Passig in ihrem Beitrag mit vielen Beispielen ausführlicher erläutert. Wer sie einmal verinnerlicht hat, kann zukünftig nicht anders, als technikkritische Texte über die Wichtigkeit der Handschrift oder die Sorge um die Zukunft des Lesens daran zu messen.

Der K(r)ampf mit Argumenten

Es wird gern gewarnt, gewertet und gemahnt, wenn es um das digitale Schreiben oder Lesen geht: Die Feinmotorik gehe verloren, die Anstrengungsbereitschaft lasse nach oder Hirnareale würden weniger aktiviert. Die Argumente werden mit „Früher“-Beispielen durch das Kopfkino emotional aufgeladen. Und Studien, Titel oder – aktuell beliebt – auch eine große Anzahl an Forschern sollen dann diesen Argumenten ein besonderes Gewicht geben, gewissermaßen als Gütesiegel. Alles im Namen der Wissenschaft. Kathrin Passig begründet diese Haltung und Handlung damit, dass in der Regel die eigenen Pfründen gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen.

Dabei wäre gerade in Zeiten von Fake News und gefühlter Wahrheit eine in die breite Gesellschaft verständlich kommunizierende und wirkende Wissenschaft notwendig, die nicht als Gütesiegel für Grabenkämpfe überstrapaziert wird.

Wer also wieder mal die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse bemüht, um (s)eine bestimmte Pädagogik zu legitimieren, sollte vorher das Interview mit Ad Aertsen und Stefan Rotter lesen: Die Hirnforscher erklären darin, wie weit man eigentlich davon entfernt ist, belastbare Schlüsse aus dem bisherigen Wissen über die Grundlagen neuralen Lernens zu ziehen. In jedem Fall sollte man genauer betrachten, was und wie in zitierten Studien untersucht wurde.

Mehr Neugier, mehr Fragen, mehr Verständnis

Es braucht keine weiteren Artikel, gefällige Bücher und Studien, die vorher feststehende Meinungen belegen, sondern ergebnisoffene Fragen, die zu einem besseren Verständnis der Digitalen Transformationsprozesse führen.

Tablets mit Büchern zu vergleichen, indem man sie wie Bücher benutzt, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug mit einem Tretroller zu vergleichen, indem man beide schiebt und jeweils die Geschwindigkeit misst. Das Lesen und das Schreiben verändern sich, keine Frage. Aber auch deren Maßstäbe und Kontexte erfordern, im Rahmen des digitalen Wandels neu gedacht oder zumindest berücksichtigt zu werden.

Menschen schreiben und lesen zunehmend digital. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach anders. Das ist auch keine Nebenerscheinung der Digitalen Transformation, die es zu bändigen gilt, sondern das zentrale Element einer Welt, die von vernetzten Computern als Leitmedium geprägt ist.

Während noch darum gekämpft wird, zu beweisen, dass Schreiben von Hand besser sei als digitales Schreiben, werden bereits Sprachnachrichten verschickt und Siri, Alexa und Co. befragt. Der kulturelle Wandel schreitet zügig voran, ist aber gestaltbar. Dafür muss er verstanden werden. Wagen wir deshalb etwas mehr Neugier und offene Fragen.

Beiträge, die ich für D64 verfasse, veröffentliche ich später auch auf diesem Blog, um möglichst viele meiner Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

jon-tyson-520850-unsplash-e1551090613720Nach einer Einigung im Vermittlungsausschuss ist der DigitalPakt Schule am 21. Februar im Bundestag beschlossen worden. Damit werden in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro aus dem Bund in den Bildungsbereich fließen, die hoffentlich nachhaltig investiert den Einstieg in eine vernünftige digitalen Infrastruktur in Schulen ermöglichen sollen. Aus Sicht von D64 ist das zwar wegweisend und zu begrüßen, kann aber nur ein Anfang sein. 

Vielmehr setzt sich D64 dafür ein, dass zeitgemäße Bildung nicht einfach als das zur Verfügung Stellen von Infrastruktur begriffen, sondern als grundlegender Wandel in der Herangehensweise an Bildungsfragen begriffen wird. 

So hatte die  Kulturministerkonferenz der Länder in ihrem im Dezember 2016 veröffentlichten Strategiepapier der Kultusministerkonferenz Bildung in der digitalen Welt sich auf einen verbindlichen Rahmen geeinigt, und richtig erkannt, dass es dafür vor allem neue erforderliche Kompetenzen und Voraussetzungen und ihre Förderung braucht. Gut zwei Jahre später stellt sich die Fragen, wie viel davon bisher jeweils umgesetzt wurde und ob  ein Investitionspaket genügt, um den kulturellen Wandel, der durch die Digitale Transformation nötig ist, auch im notwendigen Ausmaß im Bildungsbereich zu erreichen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren meistens die Technik und ihr “Mehrwert” in den Debatten über Digitales im Bildungsbereich im Mittelpunkt stand und dabei gerne der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Kultur der Digitalität, verloren ging. Es wird nicht umsonst bevorzugt über Tablet-Klassen, Apps und Lernplattformen diskutiert. Welches Bildungsverständnis braucht es aber in einer Kultur der Digitalität? Was sich zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt, ist, dass das Digitalisieren von Prozessen und Strukturen aus dem Buchdruckzeitalter nicht genügen wird.

Damit die über 730 000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland neue technische Möglichkeiten im Kontext des kulturellem Wandels wirksam und nachhaltig aufgreifen können, benötigt es neben der Technik auch physische, zeitliche und kognitive adäquate Räume. Dafür sind flache Hierarchien, Interdisziplinarität, grenzüberschreitende Vernetzung und Austausch notwendig, die leider auch die am schwierigsten zu erreichenden Veränderungen darstellen, weil es dabei um geistige Hürden, bzw. eine tief verankerte Haltung geht. D64 fordert deshalb, dass nach Verabschiedung des DigitalPaktes, dass

  • administrative Tätigkeiten an Schulen von dafür eingestelltem Personal übernommen werden, damit Lehrkärfte sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren können und eine stets funktionerende digitale Infrastruktur aufgebaut und konstant gewähleistet werden kann.
  • auch Ressourcen bereitgestellt werden, die wirksame und nachhaltige Schulentwicklung im Laufe des Schulalltags ermöglichen. Hier schlagen wir die “20-Prozent-Zeit” vor. Jeden fünften Tag, bzw. einen Schultag sollen Lehrerinnen und Lehrer frei vom Arbeitsalltag sich um eigene Projekte, im Rahmen von Schulentwicklung, kümmern können. Innovation braucht Freiräume.
  • Strukturen, Projekte und Veranstaltungen, die regional, grenzübergreifend und auch interdisziplinär Vernetzung und Austausch ermöglichen, unterstützt und gefördert werden.

Der Erfolg vom Auftakt mit den finanziellen Mitteln des DigitalPakts Schule wird von der Bereitschaft der jeweiligen Entscheidungsträger innerhalb der Länder und Kommunen abhängen, sich zu öffnen, transparenter zu agieren, regionale Potenziale in die Prozesse zu involvieren und attraktive Freiräume für die Entwicklung von wirksamen Konzepten und Innovation zu ermöglichen. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Dialog und einer veränderten Haltung gelingen.