Das Flipped Classroom-Konzept und Erklärvideos bei YouTube haben in den letzten Monaten eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit erhalten. Diese Beiträge möchte ich mit einigen Gedanken und Fragen, die ich mich das vergangene Schuljahr beschäftigten, ergänzen. Das Unterrichtskonzept und die YouTube-Videos bzw. Erklärvideos werden hier differenziert betrachtet.

A.) Das Unterrichtskonzept Flipped Classroom

Weil ich Sebastian Schmidt nicht nur aus dem Web kenne, habe ich seine Erklärung ausgewählt, um eine inhaltliches Verständnis zu schaffen, auf das ich mich im Anschluss beziehen möchte. Dieses Konzept besagt, dass der klassische Unterricht umgedreht bzw. geflipped wird, indem der Lehrende ein Lernvideo mit dem minimalen Lernziel der Unterrichtsstunde erstellt, das von den Schüler_innen Zuhause als Vor- oder Nachbereitung angesehen wird. Beim Anschauen kann eine Aktivierung durch ein zusätzliches Quiz erfolgen. Folgende Vorteile werden dabei in seinem Erklärvideo benannt:

Lernende

  • können selbst entscheiden, wann sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, wo sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, wie häufig sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, in welchem Tempo (Pause-Taste oder Zurückspulen) sie es anschauen möchten
  • lernen Selbstverantwortung für ihr Lernen zu übernehmen

Lehrende können dadurch

  • den Unterricht schülerzentriert öffnen
  • mehr Zeit in Einzelgespräche investieren
  • Entlastung erfahren (auch beim Lehrer-Schüler- und Lehrer-Eltern-Verhältnis)

Zu unterscheiden sind hierbei der InClass-Flip, der Half-Flip und der gängige bereits beschriebene Flipped Classroom. Beim InClass-Flip sieht man sich, wenn Unterstützung nötig sein sollte, ein Video im Unterricht an. Beim Half-Flip wird über das Video die schriftliche Ergebnissicherung nach Hause verlegt. Wenn der Unterricht komplett mit diesem Konzept durchgeführt wird, entsteht ein transparentes digitales Klassenzimmer mit allen jederzeit verfügbaren Inhalten. Der Lehrer und das Lehrer-Schüler- bzw. Lehrer-Eltern-Verhältnis sollen dadurch entlastet werden. Sebastian Schmidt spricht von einem innovativen Konzept, das den Unterricht effizienter und kommunikativer macht und schließt mit dem Tipp ab, einfach auszuprobieren und den Unterricht damit zu gestalten. Es gibt eine wachsende deutschsprachige und hier aufgelistete Flipped Classroom-Community, die sich nicht nur auf sozialen Netzwerken, sondern auch auf Veranstaltungen über den Einsatz in allen Fächern austauscht.

Grundsätzlich tendiere ich nicht zur Bezeichnung Lernvideo, weil es nicht meinem heutigen Verständnis von Lernen entspricht. Nach Lisa Rosas Blogbeitrag würde man diese Auffassung von Lernen, Stoff aufzunehmen, zu behalten und anzuwenden, dem 19. Jahrhundert zuordnen. Den Begriff Input, der mir ebenfalls im Flipped Classroom-Kontext häufiger begegnet ist, schätze ich ebenfalls als keine zeitgemäße Vorstellung von Lernen ein, weil er sich mit dem Bild des Nürnberger Trichters deckt. Erklärvideo trifft es meiner Meinung nach am ehesten. Ich habe letztes Schuljahr Sebastians Rat befolgt, Erklärvideos erstellt und im Unterricht eingesetzt. Deshalb kann ich die von ihm benannten Vorteile bestätigen, bis auf die Entlastung durch den Fundus an Erklärvideos oder beim Verhältnis zu den Schüler_innen oder Eltern. Sicher nimmt der Aufwand mit einkehrender Routine enorm ab, was ich leider mit dem Abbruch meines Flipped Classroom-Projekts nach bereits zwei Videos nicht beurteilen kann. Der Abbruch erfolgte, weil ich mir drei Fragen in folgender Reihenfolge stellte:

  1. Lohnt sich der Aufwand?
  2. Was erreiche ich mit Flipped Classroom im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise?
  3. Welches Lernen möchte ich mit meinem Unterricht erreichen?
Lohnt sich der Aufwand?

Mit vollem Deputat, in einigen Projekten in und außerhalb von Schule involviert, ehrenamtlich an vielen Stellen aktiv und mit vier Kindern war der Aufwand, kontinuierlich Erklärvideos zu erstellen, für mich nicht leistbar. Trotzdem spielte ich das ganze Schuljahr über gedanklich in allen Fächern durch, was ich am besten wie verfilmt hätte und verglich es mit dem stattgefunden Unterricht. Den Fokus richtetet ich auf didaktische Fragen. Das Ergebnis war, dass mir das Flipped Classroom-Konzept nur in einem Fall (fach-)didaktisch und pädagogisch sinnvoll begründet schien: Bei der Auslagerung von Informationen, die zwangsläufig vorgegeben werden müssen. Dieser Fall trifft umso seltener ein, je mehr man sich vom rezeptiven Lernen verabschiedet. Deshalb verstehe ich das Konzept weder als innovativ noch als jeden Tag anwendbar. Ich musste mir in einer Zeit vor dem Internet, wie wir es kennen, als Schüler Zuhause Texte durchlesen und Aufgaben bewältigen, die anschließend im Unterricht gemeinsam weiter bearbeitet, vertieft oder kontrovers diskutiert wurden. Auch hier konnte ich im gleichen schulischen Rahmen entscheiden, wann, wo, wie häufig und in welchem Tempo ich das erledigen möchte. Das Erklärvideo unterscheidet sich dadurch, dass es sich in einem den Lernenden vertrauten sozialen Netzwerk befindet und Kommunikation und Kollaboration zeitgemäßer ablaufen könnten. Dieses Potenzial liegt meiner Einschätzung nach noch brach. Ich befürworte aber grundsätzlich die schon ältere Idee, Räume in der Schule zu schaffen, in denen mehr Fragen, Probleme oder persönliche (Einzel-)Gespräche stattfinden können. Das kann auch Flipped Classroom leisten, aber auf welche Kosten?

Was erreiche ich mit Flipped Classroom im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise?

Ich möchte das an einem konkreten Beispiel deutlich machen. Beim Thema Kreisumfang kann man alles, wie in diesem Video, in knapp vier Minuten packen und schafft so Zeit für Übungs- und Vertiefungsaufgaben in der Präsenzphase (So wird bei diesem Konzept die Zeit in der Schule genannt). Im Gegensatz dazu dürfen meine Schüler_innen selbst unterschiedlich große Kreise zeichnen, mit dem Kopfhörer-Kabel (oder Wollfäden, die ich mitbringe) jeweils den Umfang und Durchmesser messen und nach der Think-Pair-Share-Methode zuerst alleine, dann in ihrer Gruppe und später an der Tafel mit der Klasse ihre gemachten Beobachtungen, erkannten Zusammenhänge und berechneten Ergebnisse diskutieren. Dabei erfahren sie selbst das Verhältnis zwischen Durchmesser und Umfang von Kreisen und stellen die allgemeine Formel für die Berechnung des Umfangs auf. Dieses Vorgehen kostet eine gute halbe Stunde. Die von Schüler_innen gewonnene Erkenntnisse sind aber aus Erfahrung nachhaltiger. Unabhängig davon finde ich immer wieder die Diskussionen bzw. die Fehleranalysen, weshalb manche Ergebnisse stärker von der 3,14 abweichen, für kritisches und naturwissenschaftliches Denken und Arbeiten unabdingbar. Mit dem im Erklärvideo gewählten Zahlen findet das nicht statt.
training-1848689_1920.jpgWenn Schüler_innen krank waren oder Lerngegenstände wiederholen möchten, leisten ihnen Erklärvideos gute Dienste, im bestehenden Schulsystem. Das geschieht aber in der Regel aus Zeitgründen ohne Einbettung in den Unterricht. Für diesen Fall würde eine Sammlung mit Videos bei YouTube ausreichen. Deshalb kommen an dieser Stelle in der Praxis auch Angebote wie TheSimpleClub oder MrWissen2go ins Spiel. Dazu aber später mehr. Wenn ich Klassen auf die bestehenden schriftlichen Prüfungsformate in Mathematik, die ich auch nicht in absehbarer Zeit verändert sehe, gut vorbereiten möchte, kann ich es nachvollziehen, dass sich Kolleg_innen gerade in den höheren Klassen für dieses Konzept durchgehend entscheiden, um ihren Unterricht effizienter darauf ausrichten zu können. In Fächern wie Geschichte oder Chemie, die ich auch unterrichte, fehlt mir dieses Verständnis. Mehr Zeit für den Unterricht zur Verfügung zu haben bedeutet übrigens auch nicht, dass diese automatisch anders oder (wie als Vorteil oben benannt) schülerzentrierter als zuvor genutzt wird. Ich erhielt beim EduCamp in Bad Wildbad von einem viel gebuchten und wohl bekannten Flipped Classroom-Duo Einsichten in deren Unterricht, die mich (diplomatisch formuliert) didaktisch nicht sehr überzeugten. Generell erlebe ich das Thema Flipped Classroom sowohl im Netz als auch bei Veranstaltungen mit starkem Fokus auf die Technik. Vielleicht liegt das daran, dass es Spaß macht, ein eigenes Video zu erstellen, das sichtbar ist bzw. greifbar scheint. Ich habe mir mal sagen lassen, dass viele Lehrer_innen aus psychologischen Gründen neben der Schule häufig einer praktischen Arbeit bzw. Hobby nachgehen, weil ihnen in ihrem Beruf das sichtbare Produkt am Ende fehlt. Das könnte zumindest eine Theorie sein, weshalb ich von der Präsenzphase, die für mich in diesem Konzept das wichtigste Element darstellt, im Vergleich zu den Videos bisher wenig bis gar nichts erfahre. Hier hoffe ich zukünftig auf mehr Anregungen zu stoßen. Ich kann mir weiterhin gut vorstellen, Flipped Classroom im Rahmen von zeitgemäßer Bildung punktuell und gezielt einzusetzen. Als durchgängiges Unterrichtskonzept kommt es für mich aus den oben aufgeführten Gründen aber nicht in Frage.

Welches Lernen möchte ich mit meinem Unterricht erreichen?

4K_ModellSeitdem ich auf das 4K-Modell des Lernens gestoßen bin, versuche ich fachunabhängig mit allen mir zur Verfügung gestellten und selbst einbringenden Ressourcen Lernprozesse mit zeitgemäßer Kommunikation, Kollaboration, kritischem Denken und Kreativität zu ermöglichen und zu verankern. Mich beschäftigt dabei auch die Frage, wie man mehr Partizipation im bestehenden Unterricht und System erreichen kann. Das gelingt mir manchmal über eine freie Wahl von Themen, Arbeits- und Präsentationsformen oder dem Einbeziehen der Lebenswelt junger Menschen. Das Flipped Classroom-Konzept sehe ich in diesem Zusammenhang noch in keiner bedeutenden Rolle. Vielleicht wird sich das irgendwann durch eine Entwicklung der bereits erwähnten Potenziale ändern.

B.) YouTube macht Schule

film-589491_1920Wenn man auf den YouTube-Kanal von MrWissen2go geht, erscheint direkt schon das erste Erklärvideo, indem Mirko Drotschmann damit wirbt, alles verständlicher als mancher Lehrer zu erklären. Mit über 500 000 Abonnenten hat er, neben Daniel Jung mit ca. 290 000 Abonnenten und TheSimpleClub mit ca. 85 000 Abonnenten, die Nase vorn. Ich nenne diese drei Erklärvideo-Kanäle, weil sie zumindest in meiner Schule zu den bekanntesten im Kontext mit Schulwissen gehören. Sie vereint auch, dass sie sich bewusst als Gegenspieler zur Schule positionieren, um so einfach Sympathiepunkte zu ernten. Schließlich finden alle Schule doof. Dass man mit Klicks bei YouTube auch Geld verdienen kann, ist schon lange kein Geheimnis mehr; wobei die größeren Beträgen wohl bei den daraus resultierenden zusätzlichen Plattformen, anderen Angeboten jeglicher Art oder Auftritten als Referent bzw. Experte zum Thema Bildung erzielt werden. So wundert es nicht, dass hier eine Marktlücke im deutschsprachigen Raum entdeckt und besetzt wurde. Die Süddeutsche Zeitung fragte hier vor kurzem, ob diese Angebote aber auch gut für die Schüler seien. Christian Spannagel und Karsten Wolf haben das in diesem Artikel, meiner Meinung nach mit überzeugenden Argumenten, bejaht. Ich bin mir nicht sicher, wie viel verletzter Ego dazu beiträgt, dass Erklärvideos noch (gefühlt) überwiegend negativ von Lehrenden bewertet werden. Mich persönlich irritiert es nur, wenn die Macher als Bildungsexperten oder Bildungsrevolutionäre bezeichnet werden oder sich sogar selbst als solche bezeichnen. Dafür sind sie mir in der Regel zu monothematisch aufgestellt. Und als Vordenker kann ich sie nicht sehen, weil sie Salman Khans Idee kopiert haben.

Manche Clips lassen sich aus Lehrerperspektive gut in den Unterricht integrieren, manche weniger. YouTube ist ein soziales Netzwerk, in dem sich junge Menschen täglich bewegen, was umso mehr dafür spricht, es in den Unterricht miteinzubeziehen. Fehler und falsche Inhalte sehe ich als Herausforderung und kein Problem. Angebote zu filtern und auf Qualität zu prüfen gehört zu den Kompetenzen, die heute schon dringend notwendig sind. Auch die Transparenz der technischen und wirtschaftlichen Mechanismen dahinter finde ich nicht weniger wichtig. Mittendrin in diesem YouTube-Szenario stößt man auf Lehrer_innen, die nun in Konkurrenz zu MrWissen2go & Co auftreten und die Welt auch außerhalb der Schulzeit erklären möchten. Ob das sein muss, bleibt jedem selbst überlassen. Hoffentlich ist allen dabei bewusst, dass sie auch im Netz ihrer Vorbildfunktion nachkommen sollten. Das kann spätestens dann schwierig werden, wenn sie der Verlockung von Fame und Reichweite als Maxime verfallen.

Letzten Freitag fand an meiner Schule der pädagogische Tag statt: Eine schulinterne Fortbildung, an der alle Lehrenden verpflichtend teilnehmen müssen. Nur diese Mal lief alles etwas anders ab, weil wir uns entschieden hatten, den Tag als Barcamp durchzuführen. Mit diesem Beitrag möchte ich die Entstehungsgeschichte, Planung, Umsetzung und Reflexion der Veranstaltung transparent machen und so vielleicht auch andere Schulen dazu ermuntern, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. (Wer das Format noch nicht kennen sollte, findet hier die wichtigsten Infos.)
Als vor einigen Monaten an den Termin für den pädagogischen Tag erinnert wurde und die Frage nach dem Wie und Was im Raum stand, schlug ich ein Barcamp zum Thema Schulentwicklung vor. (Über die Idee, ein Barcamp zum Thema Schulentwicklung an der eigenen Schule zu veranstalten, stolperte ich bereits 2015 bei Felix Schaumburg und wurde letzten Monat von Marc Albrecht daran erinnert.) Im Vorfeld fiel der Begriff hin und wieder im Lehrerzimmer, weil ich mit einigen Kolleg*innen über das SMV Barcamp oder das EduCamp in Bad Wildbad gesprochen hatte. Erfahrung hatte aber nur eine Kollegin vorzuweisen. Mit ihr und einem weiteren Mitstreiter, der an der Idee sehr interessiert war, erläuterte ich im Plenum zuerst das Konzept des Formats. Das funktionierte natürlich nur bedingt, weil es trotz Beispiele und Vergleiche stets nur eine Beschreibung blieb. Ähnlich wie bei einem Stadion- oder Konzert-Besuch: Nur das Erlebnis selbst kann eine einzigartige Stimmung vermitteln. Die Euphorie, die Barcamps bei zweien von uns freigesetzt hatte, konnte zumindest ausreichend Interesse bei den anderen wecken. Bei der Besprechung des Ablaufs mit dem Kollegium bewährte es sich, den Rahmen und die Regeln des Formats lediglich vorzustellen und nicht als festgelegt zu setzen. Nachdem wir alle Vorteile hervorgehoben hatten, wurden Änderungsvorschläge kontrovers diskutiert. Erste Wünsche, die Themen im Vorfeld schon zu formulieren und abstimmen zu lassen, wurden von der Mehrheit mit den Argumenten „den Kontrollverlust zu wagen“ und „sich auf das Original-Format einzulassen“ überstimmt. Am Ende einigte man sich auf ein klassisches Barcamp mit dem Oberthema Schulentwicklung, das inhaltlich einen großen Spielraum bietet.

Bedenken

Bei allen drei Barcamps, die ich dieses Jahr mitorganisiert und -umgesetzt hatte, quälten die Verantwortlichen in etwa dieser Reihenfolge immer die gleichen Fragen: Kommen genügend Leute? Werden genug, vielfältige und qualitativ ausreichend gute Sessions angeboten? Werden die Anwesenden ihre (von Fortbildung gewohnte bzw. antrainierte) Konsumentenhaltung verlassen (können)? Mit der verpflichtenden Teilnahme am pädagogischen Tag konnte die Antwort auf die erste Frage den Druck ein wenig mildern. Die anderen beiden Fragen beantwortete ich bei der Konzept-Präsentation im Plenum mit Ja und begründete das mit meiner Erfahrung unserer bisherigen schulinternen Fortbildungen: Immer wieder fand ich die Beiträge meiner Kolleg*innen und den Austausch mit ihnen interessanter als die, der eigentlichen Referent*innen und hatte das Gefühl, dass dafür nicht ausreichend Raum zur Verfügung stand. Unser Kollegium und die Schulleitung habe ich in meinen ersten beiden Jahren als besonders engagiert, inhaltlich breit aufgestellt und offen erlebt. Mehr als günstige Voraussetzungen für ein erfolgreiches Barcamp.
Die Freiheit, das zu tun, worauf man Lust hat und die Möglichkeiten und Wünsche sich einzubringen sind Elemente, die bei diesem Format in der Regel ein besonderes Gefühl bei den Einzelnen und in der Gruppe auslösen. Ob und wie stark dieses Barcamp-Feeling in so einem schulischen Rahmen entstehen kann, war die Frage, die mich beschäftigte.

Planung

  • Die zeitliche Planung erfolgte in Abstimmung mit der Schulleitung und dem Buffet-Team.
  • Da unser Kollegium aus ca. 30 Lehrer*innen besteht, kalkulierte ich mit drei Räumen bzw. parallelen Sessions pro Slot. (Ein vierter Raum diente als Plan B, falls sich doch mehr Themen und kleinere Gruppen finden sollten.)
  • Den Sessionplan habe ich aus drei Gründen auf einer Pinnwand mit Kartonpapier und nicht digital für alle verfügbar vorbereitet:

a.) Wir haben (noch) kein WLAN in allen Zimmern bzw. können mit einem Nano-Router zehn bis zwölf mobile Endgeräte mehr schlecht als recht versorgen. Nur ein paar Kolleg*innen hatten zuvor schon einmal mit GoogleDocs oder Etherpads gearbeitet. Auf diese potentielle Stress- und Frust-Quelle habe ich deshalb bewusst verzichtet.

b.) Man hätte (z.B. mit GoogleDoc) in einen rechtlichen Grenzbereich bezüglich der Datenschutz-Vorgaben in Baden-Württemberg kommen können.

c.) Den digitalen Wandel berücksichtigende und nutzende zeitgemäße Lehr-und Lernformen stehen bei uns noch am Anfang. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass durch zu schnellen und zu viel Technikeinsatz eher Gräben als Brücken entstehen. (Die häufigste Rückmeldung nach dem Barcamp bezog sich auf meine überraschenderweise noch vorhandene und wohl ansehnliche Handschrift. Man muss dazu wissen, dass mich mein Kollegium in gefühlt 120% aller Fälle auf einem Smartphone, Tablet oder Laptop schreiben sieht, wenn ich nicht gerade Sprachnachrichten verschicke.)

  • IMG_8585Das überragende Buffet, das mit der aula-Eule auch unser großes Schulprojekt würdigte, wurde von mehreren Kolleg*innen organisiert, die dadurch ihren Geburtstag mit uns nachfeierten.
  • Für die Dokumentation stellte die Schulleitung jeweils einen Laptop in die drei Räume. Für die Protokolle wurde folgende Struktur vorgestellt: Name der Session, Session-Anbieter*in, Protokollant*in, Dokumentation (Mitschriften, Zitate, Materialverweise, Ergebnisse…) und ein Fazit der Session in maximal zwei Sätzen. Ich entschied mich gegen einen Unterpunkt, in dem der nächste Schritt für die Umsetzung der Idee und die dafür Zuständigen festgehalten werden sollten, um den Grad an Freiheit möglichst groß zu halten.
  • Einige Leute hatten ihren Laptop oder ihr Tablet dabei, weil ich sie für meine Session darum gebeten hatte. Sie wurden aber auch für persönliche Notizen genutzt. Der Sessionplan wurde von den meisten mit einem Smartphone abfotografiert und danach zur Orientierung in den Gang gestellt. Zwei (der drei) Räume waren für Vorträge mit Beamer und Laptop ausgestattet.
  • Durch den Entfall der gegenseitigen Vorstellung hatten wir mehr Zeit für die Barcamp-Regeln und Speaker*innen-Runde. Vielleicht wäre es trotzdem interessant gewesen, eine thematische Belegung mit drei Hashtags zu machen, um die verschiedenen Vorbereitungen bzw. Erwartungen zu erfahren. Weil ich aber nicht wusste, wie kurz tatsächlich die „kurz gewünschten die Session-Vorstellungen“ ausfallen würden, verzichtetet ich darauf. Mir war es wichtig, nicht zur ersten Session zu hetzen oder mit einem zeitlichen Verzug beginnen zu müssen.
  • Besonders betont hatte ich, darauf zu achten, dass zu Beginn jeder Session zuerst geklärt wird, wer das Protokoll schreibt, Vorträge nach maximal 20 Minuten enden sollen, der Austausch im Mittelpunkt steht und man jederzeit den Raum verlassen kann, wenn der Verlauf nicht den Erwartungen entsprechen sollte. Eine Mindestgruppengröße wurde nicht kommuniziert, obwohl ich gute Erfahrungen mit der Gruppendynamik ab fünf Personen gesammelt hatte. Hier setzte ich auf das Interesse an der eigenen Sache, auch selbst bei einer Partnerarbeit etwas für die Schulentwicklung leisten zu wollen.
  • Am Ende des pädagogischen Tages sollte der tatsächliche Ablauf gemeinsam reflektiert und über ein weiteres Vorgehen diskutiert werden.

Umsetzung und Reflexion

FullSizeRenderEs war großartig. Etwa ein Drittel des Kollegiums bot thematisch sehr unterschiedliche Session-Vorschläge, die man dem Bild entnehmen kann, an und füllte die drei (geplanten) Räume alle vier Slots. Es gab auch Angebote, die in der Speaker*innen-Runde aufgrund von mangelndem Interesse nicht stattfanden. In meiner ersten, etwas chaotischen Session verließen sogar nach wenigen Minuten ein, zwei Kolleg*innen den Raum, was mich alles persönlich sehr freute, weil dadurch das Format angenommen und unser offener und ehrlicher Umgang miteinander bestätigt wurde. Meinen Informationen nach variierte die Gruppengröße zwischen 5 und 15. In manchen Sessions wurde sehr konkret erarbeitet und festgehalten, wer, was bis wann erledigen muss, um die Idee umzusetzen und in manchen wurde “nur“ diskutiert; wobei ich ergänzen möchte, dass Impulse bzw. Denkprozesse, die „nur beim Diskutieren“ entstehen, weitreichende Folgen haben können und häufig unterschätzt werden. Spätestens in der großen Pause, als man sich in geselliger Runde beim Essen und Trinken über die ersten beiden Sessions austauschte, setze bei allen das von mir erhoffte Barcamp-Feeling ein und man war sich schnell einig, dass es nicht das letzte Barcamp sein würde. FullSizeRenderDas Feedback und die Reflexion fanden im Stuhlkreis statt. Neben der allgemeinen Begeisterung über die neue gewonnen Freiheit und Form der Zusammenarbeit und des Austausches wurde rückgemeldet, dass alles sehr konstruktiv und bereichernd ablief. Dass zwei Tage zuvor eine klassische schulinterne Fortbildung stattfand, erleichtere allen den Vergleich und unterstrich nochmal deutlich die Vorteile eines Barcamps. Die 45-minütige Begrenzung der Zeit wurde als wertvoll empfunden, weil man so leichter Abschweifungen, die bei Lehrer*innen wohl ab und zu vorkommen können, kontrollieren konnte. Auch das Öffnen des Barcamps für Externe (Lehrende anderer Schulen oder Interessierte aus völlig anderen Bereichen), um die Perspektiven zu erweitern, wurde vorgeschlagen. Einige formulierten den Wunsch, für gewisse Themen eigene Barcamps durchzuführen bzw. noch mehr Raum für die Fortsetzung der bereits geleisteten Ansätze zu erhalten. Es gründeten sich auch bei manchen Themen gleich Arbeitsgruppen, die unabhängig vom weiteren Vorgehen am Ball bleiben wollten. Die Bereitschaft und Motivation weiterzuarbeiten war berauschend. Dass die Schulleitung eröffnete, zukünftige Fach- und andere Konferenzen durch Barcamps bzw. offene Formate zu ersetzen war der krönende Abschluss des Tages. Am Ende blicke ich auf ein mehr als erfolgreiches Barcamp zurück, das als Format unsere Schule bzw. Schulentwicklung nachhaltig verändern hat. Das Wuseln durch die Gänge, auf der Suche nach dem richtigen Raum, Aussagen wie „Unsere Schulwelt muss sich noch mehr für den Lebenswelt unserer Schüler*innen öffnen.“ oder die Forderung nach mehr Projektarbeit, um den Herausforderungen des digitalen Wandels gerecht zu werden, kannte ich bisher nur von Barcamps, Blogbeiträgen oder Tweets der überschaubaren deutschsprachigen Bildungs-Community aus dem Web. Das an der eigenen Schule zu erleben hat mich sehr glücklich gemacht. Immer wieder fordere ich auf sozialen Netzwerken, dass es durch die Digitalisierung und deren gesellschaftlichen Umbrüche eine veränderte Form des Lehrens und Lernens benötigt und der Fokus dabei aber nicht auf der Technik, sondern der Denk-und Arbeitsweise von Menschen liegen sollte. Meine Schule mag technisch (noch) nicht die beste Ausstattung haben, aber Lehrende, die bereit sind neue Wege zu denken und zu gehen. Es hat sich gelohnt, den Kontrollverlust zu wagen. Vielleicht auch für eure Schule?

Ergänzung

Mittlerweile biete ich als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Staatlichen Schulamt Freiburg Barcamps als schulinterne Fortbildungen an. Wer aus dem für mich zuständigen Raum kommen sollte, kann das Abrufangebot unter der Fortbildungsnummer 36087285 bei LFB-Online buchen.

Das enorme Tempo und die scheinbare Grenzenlosigkeit der Automatisierung oder politische Umbrüche, wie der Brexit und die Wahl von Donald Trump, werfen dringende Fragen auf. Was bedeutet das für uns als Individuum und unsere Gesellschaft, wenn Roboter bzw. Programme immer mehr Arbeitsfelder der Menschen übernehmen? Wie kann man zunehmendem Nationalismus begegnen und demokratische Strukturen oder Gemeinschaften wie die EU stärken und schützen? In diesem Beitrag sollen die daraus resultierenden Herausforderungen für den Bildungsbereich betrachtet und zur Diskussion gestellt werden.
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt, dass nicht nur manuelle Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, sondern auch die, die auf reinem Abfragewissen basieren. Reproduktion von Fachwissen verliert rasant an Wert, weil es besonders gut digitalisiert werden kann. Früher genügte das in der Schule erworbene Allgemeinwissen für die Teilhabe am Großteil des gesellschaftlichen Lebens aus. Mit der Digitalisierung drängen Technik und neues Wissen in alle Lebensbereiche und erfordern ein Lernen als lebensbegleitenden Prozess. Das friedliche Zusammenleben in einer demokratischen, offenen, freien und pluralistischen Gesellschaft muss unter möglichst großer Beteiligung immer wieder neu ausgefochten werden. Die zu lösenden Probleme werden dabei immer komplexer. Deshalb stellt sich nun die Frage, welche Kompetenzen notwendig sind, um junge Menschen darauf ausreichend vorzubereiten. Hier werden in den USA schon länger und in Deutschland immer mehr von den 21st Century Skills gesprochen. Dabei stellen Communication, Collaboration, Creativity und Critical thinking die vier wichtigsten Cs dar. Die These hierzu lautet: Wer unter gleichzeitiger Anwendung von zeitgemäßer Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken lernt, erwirbt das notwendige Rüstzeug für die Zukunft. Das ins Deutsche übersetzte 4K-Modell des Lernens hat Andreas Schleicher auf der re:publica 2013 hierzulande bekannter gemacht. Seitdem wächst die Zahl der bunten Sharepics und Tweets zu den 4Ks auch in der deutschsprachigen Bildungscommunity. Weil fast alle Nennungen die 140-Zeichen bei Twitter nicht überschreiten und ein Ende als Buzzwords droht, möchte ich ein paar Gedanken zu den vier Ks in Theorie und Praxis in die Waagschale werfen, um eine tiefere und konkretere Debatte zu eröffnen.

Kommunikation

Wenn ich in einem Gespräch mit Lehrenden die 4Ks erwähne, höre ich am häufigsten, dass das alles nichts Neues sei. Schließlich habe man schon immer darauf geachtet, dass Lernende viel kommunizieren, zusammenarbeiten, kritisch hinterfragen oder kreativ sind. Dabei begehen sie meist einen entscheidenden Denkfehler, indem sie diese Kompetenzen nicht im Kontext des digitalen Wandels betrachten. 4K_ModellKommunikation scheint mir in diesem Zusammenhang das meist unterschätze K zu sein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir tagtäglich kommunizieren und uns durch fehlende oder zumindest nicht wahrgenommene Rückmeldungen von Defiziten automatisch eine ausreichende Qualifikation zusprechen. Man übersieht, dass sich Kommunikation in den letzten Jahren gravierend verändert hat und damit auch die Anforderungen. Wenn man bedenkt, welchen Umbruch allein die Einführung der SMS erreichte, kann man die Wirkung von sozialen Netzwerken und den zusätzlichen Hyperlinks, Emojis, Hashtags, Sharepics, GIFs, Sprachnachrichten oder Stories, die aktuell Einzug halten, erahnen. Auch ohne diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten sind Veränderungen feststellbar. Das im Netz häufig geteilte Video zum SAMR Modell von Puentedura, bei dem das digitale Schreiben als Substitution des analogen dargestellt wird, lässt einen wichtigen Aspekt aus, weil es das Schreiben isoliert, als Mittel zum Zweck, betrachtet. Axel Krommer berichtete mir bei einem Besuch in Freiburg, dass seine Student*innen im Laufe ihres Studiums alles digital schreiben würden und bei der Abschlussarbeit, die immer noch handschriftlich abgeben werden müsse, größte Probleme hätten, weil das Löschen, Kopieren und Einsetzen wegfiele. Digitales Schreiben ist eben nicht nur digitalisiertes analoges Schreiben. Es verändert die Art zu denken bzw. Texte gedanklich zu konstruieren. Deshalb stellen auch Postings und Tweets neue Denkverläufe dar. Hinzu kommt, dass jedes soziale Netzwerk einer eigenen Dynamik und z.T. unausgesprochenen Regeln unterliegt, die nicht alle gleich zu nutzen und lesen verstehen. Das kann von äußeren Faktoren abhängen, wie einer 140-Zeichenbegrenzung bei Twitter und dem Einfluss von Algorithmen bei Facebook, oder der eigenen Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, das (mehr) gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Webstrukturen lösen bestehende Hierarchien auf, überwinden Grenzen und schaffen ein neues Kommunikationsgefüge. Der ehemals meist auf den Freundes- und Bekanntenkreis beschränkte Kommunikationsradius hat sich dadurch in den letzten Jahren in einem schleichenden Prozess nicht nur vervielfacht, sondern wurde um Mitmenschen erweitert, mit denen man vorher nicht in Kontakt stand. Die Diskrepanz der Wissensstände, Kommunikationsstrategien und -fähigkeiten fordert und überfordert dabei nicht selten. (Wer mehr darüber erfahren möchte, weshalb Social Media in die (Hoch-)Schulen gehört und wie man das anhand konkreter Beispiele umsetzen kann, wird hier fündig.) Der überschaubaren Anzahl an Briefen und Postkarten von früher stehen Massen an Benachrichtigungen diverser Messenger-Dienste, E-Mail-Konten und Social Media-Accounts gegenüber. Nicht selten werden dabei mehrere Kanäle parallel bedient. Müsste man in Anbetracht dieser Entwicklung den notwendigen Faktoren erfolgreicher Kommunikation in Schulen und Hochschulen nicht mehr Beachtung schenken? Wie viel psychologisches Wissen sollte eigentlich in schulisches Lernen einfließen, während Framing, alternative Fakten und Filterblasen die Öffentlichkeit verzweifeln lassen? Es gibt aber auch systemische Probleme des Unterrichts, die nun durch technische Mittel gelöst werden können. Wie häufig kommen z.B. Lernende in der Schule oder im Studium zu Wort? Man benötigt keine Statistik, um festzustellen, dass es (noch) erschreckend wenig ist. Weshalb also nicht die die Möglichkeiten ausschöpfen, die der digitale Wandel mit sich bringt, um Lernende zu aktiven Gastalter*innen ihres Lernprozesses werden zu lassen? Im Themenfeld Kommunikation sehe ich gegenwärtig am meisten Handlungsbedarf.

Kollaboration

Im Bereich der Kollaboration, die man in der Regel als intensivere Zusammenarbeit versteht, hat der digitale Wandel neue Möglichkeiten hervorgebracht, die im gesellschaftlichen Zusammenleben an Bedeutung zulegen. Hier genügt ein Blick in Firmen bzw. auf deren Arbeitsstrukturen oder über das Web formierte und gelenkte politische Bewegungen. In beiden Fällen sind Akteure, die zu Kollaboration bereit und vernetzt sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Wie sieht aber die Konkurrenz zum Plakat oder der OH-Folie, die bisher den Höhepunkt der schulischen Kollaboration darstellten, aus? Anhand von wenigen Beispielen, möchte ich ein paar gewonnen Optionen auflisten:

  • Etherpads 

Ethepads sind webbasierte Editoren (wie z.B. das ZUMPad), durch die Dokumente von allen Beteiligten zeit-/ortsunabhängig und gleichzeitig bearbeiten werden können. Räumliche Vorgaben, wie fest installierte Tische oder Bänke, verlieren an Relevanz. Alle können zu Wort kommen.

  • Padletpadlet

Padlet bietet digitale Pinnwände, die alle bei den Etherpads bereits genannten Optionen erfüllen und zusätzlich das Ablegen von Audio-, Video-, Bild- oder Text-Dateien ermöglichen.

  • aula

Partizipation kann nicht über einen Lückentext gelernt, sondern muss erfahren bzw. gelebt werden. Die digitalen Strukturen der aula-Plattform erweitern Mitgestaltungswege und erleichtern Zugänge. Mehr dazu hier.

  • Blog

Ein Blog leistet fast alles, der bisher erwähnten Dinge, mit einem wichtigen Zusatz: Es kann langfristig das Zuhause eines persönlichen Lernnetzwerks sein, das Lernen mit allen vier Ks durch Vernetzung über schulische und Ländergrenzen hinaus ermöglichen kann. Hier sehe ich übrigens auch den klaren Vorteil gegenüber allen geschlossenen (digitalen) Schulsystemen. Lernende verfügen über ihr Geleistetes auch über die Schulzeit und das Studium hinaus und können es weiter nutzen und entwicklen.

Kreativität

Unabhängig der neuen Möglichkeiten, Kreativität (auch mithilfe der anderen Ks) umzusetzen, steht an dieser Stelle Innovation als wichtige Verknüpfung. Immer komplexere Probleme verlangen kreative Lösungen. Dass z.B. Plastik die Weltmeere verschmutzt und gravierende Folgen für Mensch und Umwelt verursacht, scheint so langsam in der breiten Öffentlichkeit angekommen zu sein. Am Beispiel von Boyan Slat wird deutlich, dass aufgrund der vielschichtigen Aufgabenstellung Kreativität allein nicht ausreicht und multiperspektivische Betrachtungen (Kommunikation, kritisches Denken und Kollaboration) notwendig sind. Wenn Wissen in neue Zusammenhänge übertragen wird, führt das zu Innovation. Dafür müssen Räume für experimentelles Handeln geschaffen werden. Die Gute Nachricht: Projektarbeit kann das auch im bestehenden Bildungssystem leisten.

Kritisches Denken

Kritisches Denken ist wahrscheinlich das anspruchsvollste K, das bei den eingangs erwähnten Fragen unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt, wenn es darum geht, Entscheidungen in einer global vernetzen Welt zu treffen. Wie soll der Schutzmechanismus selbstfahrender Fahrzeuge programmiert werden, wenn eine unvermeidliche Kollision mit anderen Menschen droht? Welche Freiheiten oder Kontrollen sind im Netz wichtig, möglich oder wollen wir? Eine nie endende Liste an Fragen. Wo und wann ich aktuelle Fragestellungen im Unterricht aufgreifen kann, müssen Lehrende selbst entscheiden. Weil Lisa Rosa meiner Meinung nach hier bereits die wichtigsten Informationen und Gedanken zu kritischem Denken zusammengefasst hat, verzichte ich darauf, das Rad neu zu erfinden. Eine Einführung, Förderansätze und didaktische Hinweise finden sich außerdem noch hier (Lesemuffel schauen sich bitte wenigstens Seite 15 und 16 an) und für Hochschullehrende könnte dieser Beitrag interessant sein.

Zwei konkrete Beispiele aus der Praxis

Weil so häufig über zukünftige Herausforderungen gesprochen und geschrieben wird, möchte ich die Notwendigkeit der vier Ks vielleicht noch an einem letzten Beispiel verdeutlichen, bevor ich zur Unterrichtspraxis wechsle. Aktuell gehen europaweit jeden Sonntag Menschen auf die Straßen, um für die europäische Idee zu demonstrieren. Befindet sich die EU denn nicht auch deshalb in der Krise, weil es im Bereich der (interkulturellen) Kommunikation und der (Bereitschaft zur) Kollaboration Defizite gibt? Entstehen etwa nicht durch den Verbund der aktuell 28 Mitgliedsstaaten komplexe Probleme, die auch nach kreativen Lösungen verlangen? Müssen nicht einheitlich formulierte Ziele für über eine halbe Milliarde Europäer*innen kritisch durchdacht sein, um möglichst allen maximal gerecht zu werden. Könnten die vier Ks, wenn sie von der Mehrheit der Menschen beherrscht werden würden, nicht dazu beitragen, dass die EU auch als eine Kulturgemeinschaft besser gelingt?

Präsentationen

GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen), FIP (fachinterne Überprüfung) oder FÜK (fächerübergreifende Kompetenzprüfung) sind nur drei Gründe, weshalb in allen Fächern jährlich unzählige Präsentationen (in Baden-Württemberg) gehalten werden. Ich weiß, dass einige Schulen bzw. Fachkonferenzen oder Lehrer*innen dafür Themenlisten vorgeben. Dabei erhält man hier eigentlich genau die notwendigen Freiheiten, die man für Lernprozesse, wie sie oben beschrieben wurden, nutzen könnte. Um die Herausforderung der FÜK-Themenfindung gemeinsam zu bewältigen, legte ich Ende letzten Jahres meiner Klasse ein Etherpad an, in das sie alle Themen, die sie wirklich interessieren und für die FÜK gerne bearbeiten würden, eintragen konnten. (Didaktischer Hinweis: Man muss dazu sagen, dass Schüler*innen, die es nicht gewohnt sind, frei zu entscheiden bzw. zu arbeiten oder mitzubestimmen, mit einer plötzlich angebotenen Freiheit völlig überfordert sind. Deshalb wundert sich manches Kollegium, dass Chancen diesbezüglich ungenutzt bleiben. Mein persönlicher Erfahrungswert: In Klassen, die ich als Klassenlehrer übernahm und in Mathematik, Geschichte, Chemie und manchmal noch anderen Fächern unterrichtete, investierte ich in der Regel 1,5 Jahre Kraft und Gespräche bzw. Reflexionen, um das Nutzen von Freiheiten so zu erreichen, wie ich mir das für mündige junge Menschen vorstelle.) Nach anfänglichen Startschwierigkeiten füllte sich das Etherpad relativ schnell mit Ideen. Das Ergebnis nach ca. zehn Minuten war eine Liste mit über 70 Themen, die wir im Anschluss inhaltlich und bezüglich Prüfungstauglichkeit (Gibt es ausreichend brauchbare Quellen? Kann man es mindestens zwei Fächern zuordnen?) im Plenum diskutierten. Durch die Option, ihre Gedanken frei (und anonym) ins Etherpad zu schreiben, erhielt jedes Klassenmitglied die Möglichkeit, seine wahren Ideen und Wünsche zu äußern, wurde durch die Gedanken anderer Mitschüler*innen zu neuen eigenen inspiriert oder entwickelte bestehende weiter. Beginnend mit einer Mehrzahl an geschichtlichen Themen, die wahrscheinlich noch durch den schulischen Denkrahmen geleitet wurden, lösten sich irgendwann der Knoten und führte die Liste in gesellschaftliche und psychologische Themenbereiche, wie Darknet, Mainstream oder Klarträume. Die Erarbeitung einer Struktur im Anschluss erfolgte ebenfalls mit einer der bereits genannte Tools, die sich für raum- und zeitunabhängige Kommunikation und Kollaboration eignen. Mir persönlich nahm diese Arbeitsweise den Druck, in den Pausen zwischen Tür und Angel beraten oder viele Nachmittagstermine anbieten zu müssen, um ausreichend Zeit für kritisches Denken bei der inhaltlichen Debatte zur Verfügung zu haben. Kreativität spielte meist eine Rolle, wenn es darum ging, welche Produkte oder Umsetzungen am Ende stehen könnten. (Wie soll Expert*innenwissen in die Arbeit einfließen? Über ein Interview? Schriftlich, Ton- oder Videoaufnahme? Wie kann ich das mit der mir zur Verfügung stehenden Technik am besten lösen?)

aula

Unter dem Aspekt digitaler Kollaborationsmöglichkeiten nannte ich aula bereits. Alle Schüler*innen unserer Schule können über diese Plattform ihre Ideen posten, gemeinsam weiterentwickeln und abstimmen. Die erste Idee, die das nötige Quorum erreicht hatte, um auf den Tisch zu kommen und nach Prüfung der Schulleitung zur finalen Abstimmung freigegeben wurde, scheiterte aber an der fehlenden einfachen Mehrheit. Was danach folgte, beschreibt das Lernen mit den vier Ks: Im Schülerrat und Klassen wurde diskutiert, wie es zur geringen Wahlbeteiligung kommen konnte. Ablauf, Strukturen, Wählerschaft und sonstige Faktoren wurden analysiert und kritisch hinterfragt, um Lösungsansätze zu entwickeln, die einen erneuten Misserfolg verhindern sollten. Mangelnde Informationen, Motivation und Werbung wurden als einige der Ursachen ausgemacht. Bestehende bzw. funktionierende Kommunikationskanäle wie Snapchat wurden und werden nun ergänzend genutzt, Plakate (klassenübergreifend) erarbeitet und aufgehängt und Durchsagen gemacht. Eine Schülergruppe erstellte zusätzlich einen Plan, wann sie welche Klassen informieren und durch persönliche Ansprachen motivieren kann, um ausreichend Zuspruch zu generieren. Ich bin sehr gespannt, ob es die nächste Idee, die eventuell nach den Osterferien zur Abstimmung freigegeben wird, schaffen wird. Unabhängig davon haben unsere Schüler*innen bereits viel über demokratische Prozesse gelernt.

Ergänzung

Bei allen hier und in anderen Blogbeiträgen genannten Beispielen mit digitalen Tools verfolge ich stets das Ziel, dass Schüler*innen lernen, diese Anwendungen für ihren Lernprozess selbst zu nutzen. Das ist kein Selbstläufer, sondern muss mit den Klassen gezielt erarbeitet und geübt werden. Deshalb freue ich mich umso mehr über jedes Padlet, Blog, Etherpad, Erklärvideo oder sonstige Anwendungen und Produkte, die nicht von Lehrenden, sondern von Lernenden frei gewählt erstellt werden.

Der digitale Wandel ist unumkehrbar und stellt uns vor komplexe Herausforderungen, die mit dem bisherigen Verständnis von Lehren und Lernen nicht lösbar scheinen. Ein Ziel muss es sein, die zukünftigen Generationen zu befähigen, unbekannte Hürden in einem sich ständig wandelndem Feld zu meistern. Menschen mit einem guten persönlichen Lernnetzwerk, die beim Lernen zeitgemäße Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken anwenden, traue ich das (aktuell) zu.