IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.

Seit über vierzig Jahren bietet der Beutelsbacher Konsens die Grundsätze und die Orientierung für den Politikunterricht. Durch den digitalen Wandel und die sozialen Netzwerke findet das Lehren und Lernen aber nicht mehr ausschließlich in Schulen und Hochschulen statt, sondern auch im Web und wirft aus meiner Sicht einige Fragen auf, deren Antworten es in einer möglichst breiten Debatte zu diskutieren gilt. Bevor ich in die inhaltliche Auseinandersetzung einsteige, möchte ich kurz die Gründe aufführen, weshalb ich auch in meiner Rolle als Lehrer in sozialen Netzwerken unterwegs bin.

Weshalb ich Social Media als Lehrer nutze?

  • Um mich mit anderen Menschen aus dem Bildungsbereich zu vernetzen und dabei Ideen, Projekte und Gedanken auszutauschen oder weiterzuentwickeln. Wie eine unendliche, selbstbestimmte Fortbildung, in der sich die Grenze zwischen Lehren und Lernen auflöst.
  • Um meine Arbeit, Potenziale und Risiken transparent und allen zugänglich zu machen. Im Unterricht greife ich immer wieder Chancen und Problemfelder, die sich auf meinen Accounts ergeben, auf und beziehe mich so auf reale Beispiele aus der Praxis.
  • CUAhUvVWwAEtK17.png-largeUm einer selbst auferlegten Vorbildfunktion im Bereich der Social Media-Kanalnutzung nachzukommen. Dabei geht es mir oft um das Ziel einer inhaltlichen, kontroversen, konstruktiven und emphatischen Debatte bzw. Kommunikation oder Impulse zu setzen. Die Notwendigkeit dafür sehe ich seit knapp zwei Jahren, als dieser (nicht unumstrittene) Tweet der Visualisierung europäischer Nutzergruppen von Social Media in meiner Twitter-Timeline erschien, in der Deutschland herausstach. Auch wenn die Liste mit Argumenten, die gegen eine Nutzung von Facebook sprechen, lang und schlüssig ist, überwiegt für mich (immer noch) das Gewicht der Verantwortung, den kulturellen Austausch auf eine leider gesellschaftlich nicht unbedeutende Plattform, im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten und nach meinen Vorstellungen mitzugestalten.

Überwältigungsverbot, Kontroversität und Schülerorientierung in Social Media

In der Schule wird mir die Rolle des Lehrers jederzeit und eindeutig zugeordnet, in der ich mich stets um die Einhaltung der Prinzipien des Überwältigungsverbots, der Kontroversität und der Schülerorientierung bemühe. In sozialen Netzwerken ist meine Rolle nicht mehr eindeutig bzw. kann unterschiedlich interpretiert werden. Auch wenn in Baden-Württemberg die Social Media-Handreichung des Kultusministeriums aus dem Jahr 2013 besagt, dass jegliche dienstliche Kommunikation auf oder mittels Sozialen Netzwerken sowohl zwischen Lehrkräften und Schülern als auch der Lehrkräfte untereinander unzulässig ist, weiß ich, dass mir (meine) Schüler_innen auf diversen Social Media-Kanälen folgen bzw. mich abonniert haben und so von meinen öffentlichen Beiträge erfahren. Das berücksichtige ich bei der Entscheidung darüber, was ich poste, teile oder kommentiere.

Politisch Stellung zu beziehen fand ich als überzeugter Demokrat auch schon vor dem Internet richtig und notwendig. In der Schule werde ich in der Regel von Klassen diesbezüglich zu meiner Meinung befragt. Die Subjektivität meiner Antwort wird in diesem Zusammenhang gehört und verstanden (und von mir auch immer hervorgehoben). In sozialen Netzwerken ist das anders. Hier äußere ich mich mit meiner Sichtweise zu politischen Themen, ohne explizit danach gefragt worden zu sein. Auch der Kontext erschließt sich nicht automatisch und allen. Die Veröffentlichung einer Reihe von neutral wirkenden Beiträgen kann zum Beispiel die Wahrnehmung bzw. Unterscheidung zwischen Meinung und Sachverhalt erschweren. Natürlich versuche ich durch gelegentliche „meiner Meinung nach“ dem entgegenzuwirken. Richtig zufrieden stimmt es mich aber nicht. Die Lösung, zwei Accounts anzulegen, einen privaten und einen Lehrer-Account, suggeriert die Möglichkeit einer klaren Trennung zwischen privaten und beruflichen Angelegenheiten. Das Web löst diese Grenze sukzessiv auf. Das bedeutet, dass es neuer Regelungen im Umgang damit bedarf und keiner Selbsttäuschung.

Meinungsfreiheit vs. Manipulation

Noch deutlicher wird das bzw. mein Problem, wenn ich die weltweite Entwicklung der letzten Jahre und den vor kurzem beendeten Bundestagswahlkampf betrachte. In einer Zeit, in der Rechtspopulismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit immer lauter werden, sehe ich mich als Europäer und Demokrat schon länger in der Verpflichtung, den Werten eine Stimme zu geben, die ein friedliches, pluralistisches, sozial gerechtes und freies Miteinander garantieren. Die Bedrohungen der Demokratie führ(t)en dazu, dass ich stärker Stellung beziehe als früher. Auch bei Facebook & Co. Weil mich Schüler_innen aber immer als Lehrer wahrnehmen, auch wenn ich etwas bei Facebook poste, stand ich dieses Jahr vor einer neuen Herausforderung und einigen Fragen. Zum ersten Mal habe ich einen Freund in sozialen Netzwerken bei der Bundestagskandidatur unterstützt. Wie verhält sich aber die Unterstützung eines Bundestagskandidaten in Social Media mit dem Beutelsbacher Konsens? Ich begegnete vor einigen Wochen in einer Facebook-Diskussion der Frage einer Kollegin, ob es problematisch sein könnte, über das Profilbild für eine Partei zu werben. Es bildeten sich schnell zwei Lager. Die Ablehnenden führten auf, dass man sich damit selbst mit einem politischen Stempel belegt, den man nicht mehr los wird. Die Fürsprechenden führten die Meinungsfreiheit und demokratische Werte ins Feld. Mich hat dabei aber am meisten die Frage beschäftigt, wie stark ich Schüler_innen mit meinen Beiträgen in sozialen Netzwerken bei der politischen Willensbildung beeinfluße bzw. überwältige. Auch wenn diese Gefahr gering sein sollte und man den Einfluss der Lehrpersonen nicht überschätzen darf, gehört diese Frage meiner Meinung nach öffentlich diskutiert. Schließlich weiß man, dass reflektiertes Verhalten keine allgemein angeborene Fähigkeit ist und bei jungen Menschen ausgebildet und gestärkt werden muss. Ich gehe fest davon aus, dass die im Zuge des digitalen Wandels die Anzahl der Lehrenden in sozialen Netzwerken zunehmen wird. Bei der Frage nach der digitalen Identität und Souveränität gehört für mich der Beutelsbacher Konsens mit auf die Liste der zu überdenkenden Perspektiven.

Mein Lösungsansatz

  • Ich habe aus meinem Parteibeitritt vor ca. drei Jahren kein Geheimnis gemacht, damit man meine Aussagen politisch klarer einordnen kann. Bei Beiträgen mit einer stärkeren politischen Färbung füge ich gerne mal ein „meiner Meinung nach“ hinzu.
  • Ich strebe Diskussionen über Inhalte, Entscheidungen und die damit verbundenen Personen an und vermeide allgemeine (Ab)Wertungen bezüglich anderer Parteien.
  • Ich wertschätze auch politische Leistungen von Freunden und Bekannten anderer Parteien, wenn ich sie inhaltlich mittragen kann und respektiere ihre Engagement und Überzeugung, einen konstruktiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
  • Ich versuche sachliche und zielführende Debatten zu führen und sie auch als solche auf meiner Seite zu moderieren.
  • Ich bemühe mich einfach zu formulieren.
  • Ich begrüße einen politisch kontroversen Austausch, auf Basis der üblichen Netiquette-Regeln.
  • Ich tausche mich über Web-Verhalten und Fragen immer wieder mit Freunden und Bekannten in unterschiedlichen Social Media-Kanälen aus, um Gedanken, aktuelle Lösungen und Entwicklungen transparent zu machen.

Wie viele Menschen, die sich der politischen Debatte (in sozialen Netzwerken) entziehen, kann sich unsere heutige Gesellschaft noch leisten? Wo beginnt und endet die Verantwortung der politischen Bildung von Lehrenden im digitalen Wandel? Müsste man einen neuen Beutelsbacher Konsens aushandeln, der die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte berücksichtigt? Einfache Antworten wird man darauf wahrscheinlich nicht finden. Bei allen Bedenken, die mich begleiten, überwiegt für mich letztendlich das Argument, dass Einblicke in mein politisches Engagement auch dazu beitragen, meinen Schüler_innen Partizipation und gesellschaftliche Verantwortung vorzuleben – mit dem Beutelsbacher Konsens im Hinterkopf beim Posten.

Ergänzung

Weitere Gedanken zum Thema, aus der Perspektive der non-formalen Bildung, liefert dieser etwas ältere, aber nicht weniger aktuelle WebTalk mit Pr. Dr. Anja Befand, Guido Brombach und Jöran Muus-Merholz.

Bildschirmfoto 2017-05-21 um 15.19.53Wir teilen unsere Gedanken, Ideen, Projekte und Probleme im Netz, um Mitmenschen daran teilhaben zu lassen, uns auszutauschen oder mit unterschiedlichen Perspektiven kollaborativ an Lösungen zu arbeiten. Strukturelle Hürden werden überwunden, neue Kontakte geknüpft, Synergieeffekte entstehen und zuvor nicht denkbare Möglichkeiten eröffnet. Dieses konstruktive Potential der offenen Netzkultur sollte auch in jeder Stadt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen finden, weil sich die durch die Digitalisierung entstehenden Herausforderungen nicht auf das Web beschränken. Letzte Woche traf ich mich mit Benedikt, Philip und Olav, um für den Bildungsbereich im Freiburger Raum gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Das folgende Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt und bildet ein flexibles Anfangsgerüst, das sich den Entwicklungen des Projekts immer wieder anpassen wird.

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Am 26. September startet um 19.30Uhr im Grünhof das erste zweistündige Meetup, zu dem Lehrende und Lernende aus allen Bildungsbereichen (formale, non-formale, politische, kulturelle oder sonstige Bildung) eingeladen sind, sich in einem und lockeren Format über zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel auszutauschen. Das bisherige Know-how spielt dabei keine Rolle, sondern das Interesse. Im ersten Zeitfenster sollen vorerst zwei greifbare Best-Practice-Beispiele vorgestellt und diskutiert werden. Die Open Space-Methode im Anschluss bietet Raum und Zeit, um an selbst gewählten Themen in den gewünschten Formaten weiter zu arbeiten. Das kann von einer gemeinsamen Entwicklung konkreter Projektideen bis zu kontroversen Debatten über allgemeine Fragestellungen alles sein.

Zeitfenster_BNF_02Ein denkbares Szenario wäre auch, dass sich das Meetup zu einem Barcamp mit jeweils zwei Sessions entwickelt. Grundsätzlich wird alles begrüßt, was Raum für eigene Themen, Fragen und Austausch zulässt.

Um die notwendige Kontinuität zu gewährleisten, planen wir alle zwei Monate am jeweils dritten Dienstag (gleiche Zeit, gleicher Ort) ein Meetup Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg durchzuführen. Der 21. November und der 16. Januar im nächsten Jahr sind auch schon reserviert. Hier findet ihr den Facebook-Link, über den ihr euer Interesse bekunden, eine Zusage machen oder die Veranstaltung sehr gerne bewerben könnt. Wir laden euch herzlich dazu ein, eine offene Bildungskultur in Freiburg mitzugestalten und euch am 26.09.17 oder den anderen Terminen im Grünhof kennenzulernen.

(Fragen, Ideen und Anregungen bitte an mihajlovic.freiburg@gmail.com senden.)

Die Vernetzung und der Austausch stecken im Schulsystem noch in den Kinderschuhen. Das gilt sowohl für den internen als auch externen schulischen Bereich. Eine meiner Aufgaben als SMV BAG-Leiter ist es, genau das im Bereich der Schülermitverantwortung bzw. Schülervertretung im Auftrag des Schulamts zu ändern. Deshalb führten meine Kollegin und ich am 08.02.2017 im Haus der Jugend ein SMV-Barcamp zum Thema Echte Mitbestimmung durch, zu dem Verbindungslehrer*innen und Schülersprecher*innen aus dem Raum Freiburg und außerschulische Vertreter*innen, mit dem Schülerrat Freiburg, dem Jugendbüro und der Landeszentrale für politische Bildung, eingeladen wurden. Meine Dokumentation und Reflexion der Veranstaltung habe ich in die drei Aspekte, was ein Barcamp ist, weshalb ich mich für dieses Format entschieden habe und was ich mir für das SMV Barcamp 2018 wünsche, gepackt.

Was ist ein Barcamp?
Ein Barcamp ist ein offenes, flexibles, weder hierarchisches noch geplantes und größtenteils freies Veranstaltungsformat, dessen Regeln die gängigen Regeln von klassischen Konferenzen oder Fortbildungen aushebeln sollen. Bezeichnend ist dabei, dass nicht die Veranstalter*innen, sondern die Teilnehmer*innen den Inhalt bestimmen. Deshalb spricht man auch häufiger in diesem Zusammenhang von Teilgeber*innen. Ein übergreifendes Thema bildet neben der Moderation zu Beginn bzw. am Ende den Rahmen eines Barcamps. (Beim EduCamp geht es z.B. in der Regel um das Thema Digitale Bildung; wobei auch hier schon Workshops angeboten wurden, die thematisch meilenweit davon entfernt lagen. Das nächste EduCamp findet übrigens vom 28.04.-30.04.2017 in Bad Wildbad statt, zu dem ihr alle herzlich eigeladen seid.) Am Anfang führt man eine Vorstellungsrunde durch, in der man sich der Reihe nach mit jeweils drei Worten bzw. Hashtags (Hashtags werden genutzt, weil viele Barcamps von im Web aktiven Menschen durchgeführt und besucht werden. Meist hört man dann die Parole „Bloggt, postet und twittert darüber“, um dadurch die Vernetzung und Aufmerksamkeit über die Veranstaltung hinaus zu fördern.) vorstellt. Meine waren #Verbindungslehrer, #aula und #digital. Der Sinn besteht darin, dass man in a.) relativ kurzer Zeit alle zu Wort kommen lässt, b.) erste Eindrücke und Gemeinsamkeiten untereinander erfährt und c.) Interesse für nicht bekannte Begriffe weckt, die später zu einem Austausch führen. Im Anschluss erklärt die Moderation den Ablauf und die gängigen Regeln, bevor sie mit der Sessionplanung beginnt.
Ablauf
Eine Session dauert 45 Minuten und kann ein Vortrag, ein Workshop oder eine Diskussion sein. Die Anzahl der verfügbaren Räumlichkeiten bestimmt, wie viel Sessions gleichzeitig innerhalb einer Zeitschiene (Slot) angeboten werden können. In unserem Fall entschieden wir uns von den sieben möglichen Räume nur vier zu nutzen, weil wir mit ca. 30 Personen rechneten und zu kleine Gruppierungen vermeiden wollten. (Es kamen 35.) Nach jeder Session gibt es ein 15-minütige Pause, um sich weiter auszutauschen, vorzubereiten oder mit Essen und Getränken zu stärken.
Regeln
1.) Weniger Vortrag, mehr Plenum
Ein Vortrag sollte maximal 20 Minuten dauern, damit 25 Minuten für den Austausch bleiben. Bei den meisten Sessions, die ich bisher besuchte, wurde gesagt, dass man jederzeit unterbrechen und Fragen stellen darf.
2.) Gesetz der zwei Beine
Wenn man feststellen sollte, dass die Session nicht die Erwartungen erfüllt, darf man den Raum verlassen. Deshalb stehen auch meistens die Türen offen. (Das erste Mal kostet aber Überwindung. Zumindest war das bei mir so.)
3.) Keine Zuschauer
Ein Barcamp lebt vom Mitdenken und Mitreden.
4.) Keine Hierarchie
Auf einem Barcamp begegnet man sich auf Augenhöhe. Manche nutzen auch ein temporäres Du. Bei unserem Barcamp habe ich speziell die Lehrer*innen darum gebeten, nicht in die Rolle des Lehrenden zu verfallen und eine Session an sich zu reißen.
Sessionplan
Damit ein Barcamp „funktionieren“ kann, sollte ein Teil der Anwesenden mit dem Format vertraut sein. In unserem Fall war es ein Drittel, das sich im Vorfeld Gedanken gemacht hatte, was es wie anbieten möchte. Diese Speaker*innen stellen der Reihe nach dem Plenum ihre Themen vor, das per Handzeichen sein Interesse oder auch nicht bekundet. Ein gut gewählter Titel oder eine kurze und knackige Erklärung, worum es beim Vortrag, Workshop oder Diskutieren gehen soll, sind bei der Vorstellungsrunde die halbe Miete. Wenn dabei ausreichend Hände hochgehen, in unserem Fall lag das Minimum bei fünf Meldungen, findet das Angebot statt und wird im Sessionplan festgehalten. fullsizerenderWir benutzen hierfür eine Pinnwand mit Kraftpapier und Session-Kärtchen, die mit speziellem Kleber mehrfach umgeklebt werden konnten. (Bei manchen Barcamps wird der Sessionplan digital (z.B. Google Docs) zur Verfügung gestellt oder auch Änderungen über digitale Dienste (z.B. Telegram-Kanal) mitgeteilt. Dafür war aber unser mageres Freifunk-WLAN nicht stark genug.) Wenn das Interesse bei einem Thema besonders groß ist, bietet es sich an, diese Session in zwei verschiedenen Slots (z.B. am Vormittag und am Nachmittag) zu setzen. Dadurch entzieht man den dazu konkurrierenden Sessions nicht die Teilnehmer*innen.
Protokoll
Session-Protokolle habe ich als Teilnehmer stets als enorme Erleichterung erfahren. Häufig fanden zwei für mich interessante Angebote zeitgleich statt. So konnte ich in den Protokollen zumindest nachlesen, was gesagt wurde oder fand hilfreiche Links zu weiterführenden Artikeln. Für das SMV-Barcamp hatte ich vom Kreismedienzentrum sechs iPads ausgeliehen, die ich in jedem Raum zum Protokollieren bereitstellte. Außerdem richtete ich vorher für jede Session ZUMpads ein, um in Echtzeit den Verlauf mitverfolgen zu können. Leider war das Freifunk-WLAN mit 35 Personen überfordert. Deshalb liefere ich hier nachträglich alle Protokolle der Sessions:

  1. Minecraft – Das Jugendbüro und seine Projekte
  2. kahoot! – Einsatz in der SMV und im Unterricht
  3. Schule als Stadt – Projekt der Wentzinger Realschule
  4. Nutzung neuer Räume der Landeszentrale für politische Bildung
  5. Evaluation
  6. LSBR und Der Schülerrat Freiburg stellen sich vor
  7. Stirb Frontalunterricht
  8. Schulen und Gleitzeit
  9. Faktoren für echte Mitbestimmung
  10. Handynutzung
  11. aula
  12. Charity Party – Wentzinger Party

Weshalb ein Barcamp?
Eine klassische Fortbildung hat ein vorgegebenes Thema, das nicht mitbestimmt werden kann, bietet nicht selten Vortragende, die mit dem Nürnberger Trichter ausgestattet sind und endet am selben Tag. Ein Barcamp bietet viele Themen, Partizipation während der Speaker*innen-Runde und der Session an und endet nicht, weil durch den Austausch in der Regel auch eine Vernetzung stattfindet, die über die Veranstaltung hinaus hält. Ich glaube auch, dass Netzwerken eine der Antworten, auf die immer komplexer werdenden Herausforderungen darstellt. Das gilt auch für die politische Bildung, die entweder nicht selten auf 45 Minuten eines Unterrichtsfach reduziert wird oder kaum bis gar nicht durch die Arbeit der Schülervertretung stattfindet. Seit dem erstarkten Rechtspopulismus, Brexit oder Trumps Wahl zum Präsidenten werden wieder einmal über alle möglichen Kanäle die Forderungen nach mehr Bildung, politischer Bildung, Demokratie Lernen, Demokratie-Programme oder einer Gesellschaft mündiger Bürger*innen mantraartig verkündet. Dabei sollte man sich fragen, wie und ob diese Ziele, fern der fein formulierten Curricula, konkret an der Schule angegangen werden? Ein guter Indikator, ob so etwas bereits stattfindet, scheint mir die Frage nach der Mitbestimmung. Wie viel „echte Mitbestimmung“ ist (nur) erlaubt, wird gewünscht oder wird sogar unterstützt? Unter “echter Mitbestimmung“ verstehe ich die Schulentwicklung, den Unterricht oder die Lehrmittel bzw. -methoden. Diese Fragen müssen gesamtgesellschaftlich offen und transparent diskutiert werden, wenn man sie ernsthaft angehen möchte. Deshalb glaube ich, dass man diesbezüglich Lösungen nicht in einer Lehrerkonferenz erarbeiten kann, sondern nur gemeinsam mit Schüler*innen, Eltern und Kooperationspartnern aus dem non-formalen Bildungsbereich, wie z.B. dem Jugendbüro, der Landeszentrale für politische Bildung, dem Schülerrat Freiburg oder dem Stadttheater. Politische Bildung benötigt ein breites Netzwerk, das zu demokratischer Haltung und Handlung befähigt. Beim Netzwerken kommen Akteure aus unterschiedlichen Wissensbereichen und zahlreichen Perspektiven zusammen, um gemeinsam nach Antworten zu suchen. Wenn wir Kinder und Jugendliche adäquat auf die Zukunft vorbereiten wollen, gilt es das zu lernen.

img_5224Dieses SMV Barcamp soll langfristig eine trojanische Maus des Netzwerkens sein, wie sie in diesem Interview mit Harold Jarche beschrieben wird.

SMV Barcamp 2018
Für das SMV Barcamp 2018 plane ich zum Thema Politische Bildung Expert*innen für den Umgang mit Fake News, Rechtspopulismus und Social Media zu gewinnen. Ich hoffe auf noch mehr Anmeldungen, Kooperationspartner und Netzwerken. Ein Barcamp lebt von der Wiederholung und einem festen Kern, der jährlich wächst. Mir haben einige Neulinge bereits (zu)gesagt, dass sie beim nächsten Mal auf jeden Fall selbst etwas anbieten wollen. Man müsste auch den Weg dafür ebnen, die offizielle Anmeldung für das SMV Barcamp allen Schularten zu ermöglichen. (Bisher können das nur Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren, Grundschulen, Hauptschulen, Werkrealschulen und Realschulen). Zu guter Letzt gilt es die Schulleitungen für dieses Format zu begeistern, weil sie einer der entscheidende Faktoren sind, wenn es darum geht, ob Mitbestimmung an einer Schule gelebt wird oder nicht. Üblich ist es nicht, dass sie zu solchen Fortbildungen eingeladen werden. Nur brauchen wir keine üblichen, sondern neue und bessere Lösungsansätze. bildschirmfoto-2017-02-13-um-07-55-25In der SMV-Verordnung steht, dass die Schülermitverantwortung von allen am Schulleben Beteiligten und den Schulaufsichtsbehörden zu unterstützen ist. Dann müsste ein SMV Barcamp, zu dem sich auch alle Beteiligten (und nicht nur Verbindungslehrer*innen und Schülersprecher*innen) anmelden können, konsequenterweise das Wunschformat des Kultusministeriums sein.

Sonstige Anmerkungen

  • Diskussionsrunden, die von meinen Schüler*innen geleitet werden, überlege ich, mit ihnen zukünftig mit Leitfragen vorzubereiten. Aus Lehrersicht würde ich sagen, dass sie vom eigentlichen Thema abkamen und nicht zielführend diskutierten. Aus Barcamp-Sicht müsste man aber sagen, dass sie sich zu dem, was ihnen in dem Moment am Herzen lag, ausgetauscht hatten und somit das Ziel erreichten. Das werde ich auf jeden Fall mit ihnen nochmal gemeinsam besprechen müssen; wobei ich unabhängig davon grundsätzlich auf der SMV-Hütte, zu Beginn des nächsten Schuljahres, mit Interessierten mögliche Sessions, also auch Vorträge oder Workshops vorbereiten möchte.
  • Man sollte bedenken, dass man für Vorträge auch die nötige Technik bereitstellen muss. Wir hatten zwei Räume mit Beamern ausgestattet, hatten einige Adapter für Fremdgeräte, sechs Tablets, WLAN und zwei Kabeltrommeln. Da wir die Moderation in einem kleineren Raum mit einer fest installierten Bühne machten, verzichteten wir auf Mikros.
  • Normalerweise bietet ein Barcamp auch die Verpflegung. Wir hatten nur Kekse, Saft und Wasser. Die Mittagspause verbrachten die Teilnehmer*innen in den benachbarten Cafés und Döner-Buden. Das wollen wir nächstes Jahr ändern.
  • Ich habe festgestellt, dass beim ersten Barcamp die Veranstalter*inne die Frage quält, ob ausreichend gute Sessions angeboten werden. Deshalb erlebe ich auch immer wieder, dass man Sessions im Vorfeld schon setzt oder sich vorab schicken lässt. Ich bitte euch das zu ertragen und nicht das Format zu ändern, weil die frische, spontane und ehrliche Art genau davon lebt.
  • Vor jedem Slot habe ich in allen vier Räumen darum gebeten, dass eine Person protokolliert. Weil das WLAN nicht zuverlässig genug war, wurden die Protokolle mit den Apps Notizen oder Pages erstellt. In den Pausen habe ich diese dann in die dafür vorbereiteten ZUMpads kopiert, um von meinem Rechner aus darauf zugreifen zu können.
  • Bei den diesjährigen Angeboten waren nur Vorträge und Diskussionen dabei. Deshalb werde ich versuchen, dass 2018 auch Workshops auf dem Sessionplan stehen.
  • Leider konnte ich keine Grundschule überzeugen, am Barcamp teilzunehmen. Für das nächste Jahr habe ich mir die Teilnahme zweier Grundschulen als Minimalziel gesetzt.