„Ich nenne den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen »Happyland«.“ (Ogette, Tupoka (2017): exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen. München: UNRAST-Verlag, S. 21)

Nachdem der Ethik-Kurs den Wunsch formulierte, sich im Unterricht mit Rassismus und anderen Ismen vertieft auseinanderzusetzen , stiegen wir mit exit RACISM von Tupoka Ogette ein. (Weshalb sich dieses Buch hervorragend für den Unterrichtseinsatz eignet, habe ich bereits letztes Jahr hier aufgeschrieben.) Zu Beginn des Buches zeichnet Tupoka Ogette ein Bild von Happyland, das die  wesentlichen Aspekte von Rassismus kurz und prägnant im Kern beschreibt.

„Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. Rassismus ist in Happyland enorm moralisch aufgeladen. Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und der Ku-Klux-Klan. Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. Gelernt hat die*der Happyländer*in dies seit seiner oder ihrer* Kindheit. Immer wieder wurde es ihm oder ihr* eingebläut. Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ›Rassismus‹ keinen Platz.“ (Ogette 2017, S. 17)

Weil sich die Ismen darin gleichen und gegenseitig bedingen können (Intersektionalität), habe ich das Modell Happyland abstrahiert und als Schablone für weitere Diskriminierungsformen verwendet. Wie genau und weshalb ich das getan habe, erkläre ich in diesem Blogbeitrag und teile neben meinen Gedanken auch die Slides, die ich verwendet habe (und die ihr gerne nutzen und remixen könnt).

Weil Schule auch ein Produkt und Abbild der Gesellschaft darstellt, liegen innerhalb des Schulraums die gleichen gesellschaftlichen und strukturellen Probleme vor wie außerhalb. Deshalb ist eine ehrliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit Ismen für das Zusammenleben während und nach der Schulzeit aus individueller und gesellschaftlicher Sicht ein Muss. Wer sich länger und intensiver mit Ismen beschäftigt, stellt fest, dass sie auf verwandten, teilweise gleichen Machtstrukturen beruhen und in der Regel auch einer ähnlichen Logik folgen. An dieser Stelle bietet Happyland einen Zugang zu strukturellen und Alltagsproblemen, der einen einfachen Transfer auf andere Ismen ermöglicht.

Bisher bin ich dem Prinzip des Buches (als Mitmach-Buch) im Unterricht (Klasse 10) gefolgt und habe das Kapitel Willkommen in Happyland! vorgelesen oder hören lassen. Danach haben die Schüler:innen den interaktiven Teil bzw. die dort formulierten Fragen bearbeitet. Im Anschluss wurden einige Gedanken (von Freiwilligen) ausgetauscht, die Antworten von Student:innen aus dem Buch vorgelesen und darüber diskutiert. Diese Slide und Zusammenfassung diente dabei als gemeinsame Grundlage und Orientierung:

Ein kleiner Hinweis für Lehrende: Es bietet sich zu Beginn an, den Satz Rassismus ist… von allen vervollständigen oder Beispiele für Rassismus notieren und diskutieren zu lassen. Die Beispiele sollten am besten in einem Etherpad, wie dem ZUMPad, eingetragen und gesammelt werden. So kann jede Person anonym agieren und für Betroffene, wenn nötig, ein Schutzraum geschaffen werden. Die Notizen des Kurses können das bisherige Wissen, Verständnis oder auch Erfahrungen transparent machen, und als Folie dienen, die zu einem späteren Zeitpunkt mit gängigen Definitionen abgeglichen oder mit erworbenen Kenntnissen neu kontextualisiert werden kann. 

Wenn die Weltanschauung in und Funktion von Happyland einmal verstanden wurde, können sie einfach auf weitere Ismen übertragen werden. Als ich meinen Kurs nach anderen Ismen fragte, wurde Sexismus genannt. Als dazu Vorstellungen und Fälle von Schülern beschrieben wurden, die zu den Aspekten „ein Vergehen der Anderen“ oder „extreme Grenzüberschreitungen“ und Beispielen wie Hoyerswerda oder Hitler zugeordnet werden konnten, kam die nächste Slide ins Spiel, die Happyland vom bisherigen Kontext abstrahiert und als Schablone für andere Ismen bzw. weitere Happyländer funktioniert:

Weil Ismen strukturell (gesellschaftlich und institutionell) verankert sind, kann der Vergleich und Transfer (wie von mir beschrieben, angeregt durch eine kurzen Austausch über Sexismus) in der Regel gelingen. Die Abstraktion und der Transfer begünstigen auf eine einfache Weise die Erkenntnis, dass es mehrere Happyländer gibt, die es zu überwinden und zu verlassen gilt. Der Ethik-Kurs wird sich aufgrund von Fragen, die Schüler:innen zu Beginn des Schuljahres gestellt haben, und Diskussionen, die sie geführt haben, mit folgenden Ismen beschäftigen:

Ein zweiter kleiner Hinweis (nicht nur für Lehrende): Adultismus ist in der Regel wenigen Menschen bekannt, obwohl er in Bildungsstrukturen und -prozessen verankert ist und die Kultur an Schulen wesentlich prägt. Er kann es z.B. auch jungen Menschen erschweren, sich bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen zu wehren, wenn ihre Anliegen relativiert, nicht ernst genommen oder ignoriert werden, was wiederum sehr konkret die Notwendigkeit intersektionaler Ansätze verdeutlicht. 

Die wesentlichen Ziele bei Auseinandersetzungen mit Ismen sollten sein, dass junge Menschen

  • die Machtstrukturen, Funktionen, Wirkungen und Anwendungen von Diskriminierungsformen erfassen, aber auch die Notwendigkeit von intersektionaler Betrachtung verstehen, um für sich und (mit) andere(n) wirksame und nachhaltige Ansätze entwickeln zu können.
  • lernen, diskriminierungskritisch zu denken und Ansätze kennenlernen und entwickeln, wie ein diskriminierungskritischer Alltag gelingen kann.
  • ihren Wirkungsraum und den Rahmen ihrer Möglichkeiten begreifen und erweitern können.
  • falls sie von Diskrimierung betroffen sind, gestärkt werden, Strategien kennenlernen und entwickeln können, die ihnen helfen.

Den letzten Punkt dieser Auflistung möchte ich hervorheben. Wenn im schulischen Kontext Auseinandersetzungen mit Ismen erfolgen, beschränken sie sich nicht selten auf eine Perspektive, in der Betroffene ausschließlich als Opfer auftreten und nur auf Probleme hingewiesen wird. Es braucht aber auch Perspektiven, die Betroffene zeigen, in denen sie selbstermächtigt auftreten und handeln. Und junge Menschen müssen bezüglich ihrer persönlichen Diskriminierungserfahrungen besonders geschützt, unterstützt und gestärkt werden. Jede Schule sollte eine diskriminierungskritische Schule sein und eine Kultur leben, in der Alltagsdiskriminierungen angesprochen und angegangen werden, um Happyländer gemeinsam zu verlassen.

Dafür braucht es keine Schilder an Schulhäusern, keine pressewirksamen Veranstaltungen oder Zertifikate. Die Entwicklung einer Schulkultur, die ihre strukturellen Probleme nicht relativiert oder negiert, sondern ehrlich damit umgeht und sich ernsthaft damit auseinandersetzt, ist ein anstrengender, nie endender und zäher Prozess mit vielen unangenehmen Situationen und Gesprächen. Dadurch entsteht aber auch eine gerechtere, solidarischere und freiere Kultur. Wie anfangs beschrieben, bilden Schul- und Klassenräume die Gesellschaft ab, die auch divers ist. Diese Diversität braucht einen Raum, in dem alle Beteiligten ein respektvolles Miteinander lernen und leben können. Alle am Schulleben Beteiligten, die sich darum bemühen, tragen dazu bei, dass dies auch nach der Schule gesamtgesellschaftlich besser gelingt.

Hier können die Slides als keynote-, pdf- oder pptx-Datei heruntergeladen werden:

Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen möchte, setzt sich mit exit RACISM von Tupoka Ogette auseinander. Und wer denkt, nichts damit zu tun zu haben, ist Teil des Problems. Rassismus ist zwar nur ein Konstrukt, das aber in den letzten Jahrhunderten Gesellschaften massiv geprägt hat, somit tief in Systemen und ihren Strukturen verankert ist und bis heute wirkt. Deshalb bietet die Auseinandersetzung mit exit RACISM, was gesellschaftlich dringend notwendig ist: Perspektiven, die ein erweitertes Verständnis der Problematik ermöglichen, Fragen, die in der Regel nicht gestellt werden, und Antworten, die den meisten unbekannt sind. Exit RACISM ist kein gewöhnliches Buch, das nur gelesen wird, sondern eine ehrliche Einladung, die Welt und sich besser zu verstehen und dann bewusst entscheiden zu können, welchen Beitrag man im Kampf gegen Rassismus zukünftig leisten kann und möchte.

Dass dieses Buch eine Einladung sei, ist keine Floskel. Es ist als ein Prozess konzipiert, an dem sich Lesende bzw. Lernende aktiv beteiligen können und sollen. Im Prinzip ist es ein (kostenfreier) audio-MOOC (Massive Open Online Course), der jedoch nicht über die Plattform einer Hochschule, sondern über diese Website zugänglich ist. Dort finden sich zahlreiche Links zu diversen digitalen Plattformen, die alle Kapitel (auch) als (kostenfreies) Hörbuch zur Verfügung stellen. Die Kapitel, die in diesem Werk vorgestellt werden, mit Fragen enden und Hinweise zu Videos und Texten im Netz enthalten, wurden zuvor mit einer Gruppe von Stundent:innen in einem Seminar von Tupoka Ogette bearbeitet. Eine Auswahl an Reflexionen dieser Gruppe zu den einzelnen Kapiteln wird ebenfalls abgebildet und dient als fortlaufende Folie für die eigenen Reflexionen und gedanklichen Entwicklungen.

exit RACISM richtet sich eher an Menschen, die nicht als BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) gelesen werden. Also an Personen, die nicht aufgrund körperlicher oder kultureller Fremdbeschreibung diversen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und als ”anders“ oder ”unzugehörig“ bestimmt werden. Sie erhalten die Gelegenheit, ein Verständnis zu entwickeln, dass Rassismus nicht nur ein Problem und “ein Thema” ist, wenn wieder einmal ein rassistischer Vorfall an die Öffentlichkeit gerät, sondern für viele Mitmenschen ein tägliche Auseinandersetzung und Belastung bedeutet, die nicht aus- oder weggeschaltet werden kann. Es sind aber auch alle anderen eingeladen, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Für Betroffene gibt es allerdings eine Triggerwarnung. 

(Das Buch hat mir persönlich  geholfen, meine Gefühle und mein Verhalten, aber auch das meiner Mitmenschen besser zu verstehen. Weshalb sie z.B. abwehrend oder sogar aggressiv reagieren, wenn Rassismus thematisiert wird. Auch die Bedeutung und Wirkung von Mikroaggressionen hatte ich bisher in dem Kontext nicht bedacht. Viele Informationen und Perspektiven waren neu für mich. Am stärksten mitgenommen hat mich das Doll Test-Video mit den Kindern, die schwarzen Puppen böse und hässlich zugeordnet haben.) 

Inhaltlich werden die Entstehung, Strukturen und Wirkungsweisen von Rassismus im historischen, soziologischen und psychologischen Kontext besprochen. Es wird sehr klar und verständlich aufgezeigt und begründet, weshalb Rassismuskritik zum Alltag aller gehören muss und dass dafür zuerst die populäre, entlastende Vorstellung überwunden werden muss, Rassismus habe nur etwas mit Nazis, Rechtsradikalen oder der AfD zu tun.

Einsatz in der Schule

exit RACISM liefert grundlegendes Wissen zu Rassismus und bietet gleichzeitig aufgrund seiner Konzeption, Struktur (mit der Gliederung in neun Kapitel, die wiederum aus verschiedenen Teilen mit Fragen und Aufgaben bestehen und Einzel- und Gruppenarbeit ermöglichen) und dem zusätzlichen Material auf der Website ideale Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich. Im Buch selbst werden auch einige Problemfelder in der frühkindlichen und schulischen Bildung angesprochen. Besonders hilfreich und wertvoll ist, dass auch konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden, wie Lern- und Begegnungsräume gestaltet werden müssen und institutioneller Rassismus bekämpft werden kann. Dadurch können u.a. auch junge Menschen eine Befähigung erfahren, nicht nur als Betroffene verstanden zu werden und ihre Rolle, Selbst- und Fremdwahrnehmung aktiv mitzugestalten. Weil die gesellschaftlichen Grundlagen, Werte und Vorstellungen in jungen Jahren gebildet und geprägt werden, sollte jede Person in ihrer Schulzeit dieses Buch bearbeitet haben. Das gilt auch für Erzieher:innen und Lehrende an Schulen und Hochschulen. exit RACISM ist aufklärendes Erlebnis, das auch Teil der Lehrer:innenausbildung sein sollte. Wer sich noch stärker mit Rassismus im Lehrer:innenzimmer und Unterricht beschäftigen möchte, empfehle ich diesen Vortrag von Karim Fereidooni. Besonders den zweiten Teil, in dem viele konkrete Beispiele vorgestellt werden. Eine gut investierte Stunde. (Hier findet ihr seine Studie Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar:innen und Lehrer:innen ‚mit Migrationshintergrund‘ im deutschen Schulwesen.)

Da Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, sollten möglichst viele dieses Buch lesen oder hören, Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten schenken und sich mit ihnen davor, währenddessen und danach dazu austauschen. Das Konzept, das Tupoka Ogette hier entwickelt hat, kann ein wirksamer Ansatz und notwendiger Schritt sein, um Alltagsrassismus, institutionellen und strukturellen Rassismus ernsthaft zu bekämpfen, weil es die individuelle Ebene und gesamtgesellschaftliche anspricht. Der Titel ist Programm. Bei denen, die sich darauf einlassen, wird sich das Verständnis von Rassismus grundlegend wandeln und die Sichtweise nachhaltig ändern.