Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Lehrende und Lernende kommunizieren und arbeiten über eine digitale Plattform miteinander – diese Idee erscheint aus verschiedenen Perspektiven attraktiv. Und diese Vision hat bereits einige bundeslandspezifische, aber auch bundesweite Projekte hervorgebracht. Sie heißen „Schul-Cloud“, „Ella“, „Logineo“ oder ganz aktuell „Milla“.

Jedes dieser Vorhaben hat eine eigene und lange Geschichte. Und doch eint sie die Vorstellung – so zumindest deren Vermarktung –, eine neue Lösung dafür zu sein, wie junge Menschen auf das Zeitalter der digitalen Transformation ausreichend vorbereitet werden können. Wie viel „neu“ und wie viel „Lösung“ stecken aber tatsächlich in den digitalen Bildungsplattformen?

Digitale Transformation statt Digitalisierung

canned-food-570114_1920Vielleicht liegt es an dem lange und viel zu häufig verwendeten schwammigen Begriff „Digitalisierung“und dem gedanklichen Rahmen, den er schafft, dass die digitale Transformation – beziehungsweise der kulturelle Wandel, der für die grundlegenden Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung steht – missverstanden wurde und wird. Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Wer sich digitale Bildungsplattformen ansieht, stellt fest, dass das Lernsetting in der Regel weiterhin unverändert bleibt. Zwar können Zugriff und Hochladen von Aufgaben zeit- und ortsunabhängig praktisch sein, wenn sich alle Beteiligten von einem neuen Kommunikationskanal überzeugen lassen. Am Ablauf und den Rollen aber hat sich nichts geändert. Die Lehrkräfte heißen nun „Admins“, behalten weiter die Kontrolle, und Klassen pflegen ihre Lösungen ein – alles digital. Das Lernen wird durch Datenerhebung optimiert und effizienter gestaltet. Welche Lernprozesse braucht es aber tatsächlich in einer sich ständig schneller wandelnden Welt?

Schutz durch Selbstschutz

Weil der geschützte Rahmen von digitalen Bildungsplattformen oft hervorgehoben wird, möchte ich einen Vergleich skizzieren. Nehmen wir an, das Internet sei das Verkehrsnetz. Dann wäre die digitale Bildungsplattform so etwas wie das Fahrrad-Testgelände in der Grundschule. Die Schülerinnen und Schüler könnten hier im geschützten und den Lehrkräften bekannten Umfeld die Verkehrsregeln erlernen und sich sicher fortbewegen. Fehler werden gleich erkannt und korrigiert, ohne große Gefahren. Nach dem Fahrradführerschein werden die Radwege im regulären Verkehrsnetz erkundet – in der Regel nur im Beisein der Eltern oder älteren Geschwister.

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen. Dabei wird gern unterschlagen, dass das Internet neben den medial wirksamen Gefahren auch jede Menge Potenziale birgt. Offenheit, Freiheit und Selbstbestimmung sind wesentliche Elemente des kulturellen Wandels. Erst sie haben das Netzwerken über alle Grenzen hinweg ermöglicht. Ein mündiger, souveräner Auftritt im Netz und eine digitale Identität können nicht in abgeschlossenen Systemen erlernt und entwickelt werden. Schulen müssen sich öffnen, ihre Strukturen und Prozesse an der digitalen Transformation orientierend reflektieren und begleitete Experimentierfelder bieten – auch im Netz.

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Wenn wir über Smartphones in Schulen diskutieren, geht es häufig nur ums Dafür oder Dagegen. Doch wenn wir die bunten Smartphones verstehen möchten, müssen wir das Schwarz-Weiß-Denken ablegen. Hier gibt es zwar einige Hürden zu überwinden, aber auch einen einfachen Lösungsansatz.

Smartphones sind digitale Schweizer Taschenmesser

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 15.10.38Was bei keiner Diskussion fehlen darf, ist der Vorwurf, Menschen würden nur noch auf Smartphones schauen und dadurch andere, bessere Dinge nicht mehr machen. Ein häufiger Denkfehler, indem man nur beschreibt, was man sieht, aber nicht, was wirklich geschieht. Dabei wird unterschlagen, dass ein Smartphone Telefon, Zeitung, Fernseher, Kamera, Buch, Radio, Uhr, Kalender, Wecker, Taschenrechner, Navi, Spielekonsole oder EC-Karte sein kann. Und das ist nur ein Bruchteil an Geräten und Funktionen, die es vereint.

Haltungen sind keine Fakten

Die Angabe „Menschen schauen auf Smartphones“ ist ähnlich aussagekräftig wie „Quelle: Internet“. Das ist nun geklärt, kommen wir zur nächsten potenziellen Stolperfalle: Haltungen und Meinungen mit Fakten gleichzusetzen. Nur wer ergebnisoffen in die Analyse eines Sachverhalts startet, kann am Ende das nötige Verständnis aufbauen, um eine sachliche Einschätzung abzugeben. Ansonsten sucht man nur nach Argumenten, die das bestätigen sollen, was man ohnehin zuvor gedacht hat.

Künstliche Gegensätze und Fronten

Der Klassiker aller Debatten rund um das Thema ist der künstlich geschaffene Gegensatz zwischen analog und digital oder Buch und Smartphone. Wer diese zwei Fronten zeichnet, erzeugt einen nicht vorhandenen Konflikt, gibt eine einfache Lösung für eine komplexe Herausforderung vor und lenkt den Blick von der eigentlichen Fragestellung in Schulen ab: Was kann und möchte ich womit erreichen? Der Fokus sollte auf die Lernenden und Lernprozesse gerichtet sein, wenn man zeitgemäße Bildung wünscht.

Verstehen statt verbieten

Jeder kennt das: Dinge, die einem vertraut sind, findet man gut. Und Sachen, die in kein bekanntes Muster passen, begegnet man erst einmal skeptisch. Offenheit gegenüber Neuem zu bewahren, fällt gerade mit zunehmendem Alter immer schwerer. Wer aber die vielen Veränderungen im digitalen Wandel verstehen möchte, sollte sie aus drei Perspektiven betrachten und folgende Fragen ergebnisoffen und auf sich und die Gesellschaft bezogen untersuchen: Wie funktioniert das? Wie wirkt das? Wie wird das genutzt?

Bildschirmfoto 2018-08-25 um 19.25.32Wenn man sich anschaut, wie viele Funktionen ein Smartphone hat, wird klar, wie umfassend man sich mit dem Gerät befassen müsste, um alle Fragen ausreichend beantworten zu können. Deshalb ist es wichtig, bei Lehrern und Schülern Schritt für Schritt ein Verständnis aufzubauen. Ob man mit WhatsApp oder Instagram beginnt, ist dabei nicht entscheidend, sondern gemeinsam mit Klassen die Funktion, Wirkung und Anwendung zu diskutieren.

Smartphones sind Kulturzugangsgeräte

Smartphones in Schulen zu verbieten, löst keine Probleme. Es verdrängt oder ignoriert sie und lässt Schülerinnen und Schüler allein damit. Smartphones ermöglichen den Zugang zu Informationen, Wissen und persönlichen Lernnetzwerken. Manche nennen sie deshalb auch Kulturzugangsgeräte. Wenn man junge Menschen in Schulen dazu befähigt, diese mündig und souverän zu nutzen, macht man sie nicht nur fit für die Zukunft – man hätte auch die Chance, dadurch etwas mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.