MOOC steht für Massive Open Online Course und stellt bisher überwiegend Onlinekurse im Hochschulbereich dar. Das Massive soll dabei die hohe Anzahl der Teilnehmenden wiedergeben. Ich nahm vor ca. drei Jahren zum ersten Mal an einem MOOC (dem ichMOOC) teil, um zu sehen, ob diese Form des Lernens mir zusagt und welche Potenziale sie birgt. Schließlich herrschte zu dieser Zeit in meiner Wahrnehmung eine kleine Aufbruchstimmung, die Veränderungen beim Lehren und Lernen in Hochschulen versprach. Die Rolle der Lehrenden, die Präsenzzeit, der Bildungszugang bzw. die Bildungsgerechtigkeit und eine offene Netzkultur waren damals u.a. die Themen, die in diesem Zusammenhang in meinen Timelines kontrovers diskutiert wurden. Einige Jahre später ist aus unterschiedlichen Gründe der große Durchbruch der MOOCs in (deutschen) Hochschulen (noch) ausgeblieben. Mehr Erfolg könnte vielleicht dieses Format im Bereich der Weiterbildung bzw. Qualifizierungsmaßnahmen haben. (Durch das Auslagern von Fortbildungen in den Online-Bereich könnte man langfristig Ressourcen einsparen. Und mögliche Sparmaßnahmen sind nicht selten ein politisch starkes Argument.) Hier erscheinen zumindest immer wieder Angebote, wie das in Baden-Württemberg oder das auf der mooc.house-Plattform. Um den aktuellen Stand auf diesem Gebiet besser beurteilen zu können, habe ich mich beim pressewirksamen MOOC des Hasso-Plattner-Instituts Lernen 4.0 eingeschrieben und das erste Modul genauer absolviert. (Der folgende Text konzentriert sich mehr auf die Umsetzung und verzichtet hier größtenteils auf eine kritische Analyse der vorgetragenen Inhalte, um den Rahmen des Blogbeitrags nicht zu überstrapazieren.)
Lernen 4.0
Ich muss zugeben, dass der Blick auf die Vorabankündigung und die Titel der Module bereits vor Beginn des MOOCs meine Vorfreude schmälerten. Begriffe wie Digital Natives oder die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht haben sich in den letzten Jahren häufig als Indikatoren für eine fehlende vertiefte Auseinandersetzung mit der Materie bzw. für einen Mangel an Verständnis für die komplexen Herausforderungen des digitalen Wandels erwiesen. Dass der stets oben eingeblendete MOOC-Titel mit Prof. Dr. Christoph Meinel & Prof. Dr. Klaus Zierer endet, bildet aus meiner Sicht die unveränderte und überholte Hierarchie ab. Wertschätzung der restlichen Mitwirkenden und Teamwork gehen anders.
Unabhängig vom Inhalt erhält man (im ersten Modul) ein gelungenes Beispiel, was zeitgemäße Bildung nicht darstellt: Die Digitalisierung des Bisherigen. Einen Vortrag aufzuzeichnen und mit den dazugehörigen Folien ins Netz zu stellen ändert nichts am bisherigen Lehren und Lernen. Dass man sich bei der unglaubliche Fülle an medialen Möglichkeiten dafür entschied, zum Thema Medienbildung zwei Personen aufzuzeichnen, die hauptsächlich die eingeblendeten Folien vorlesen, steht stellvertretend für das gesamte Modul und eine mir häufig begegnende Fehleinschätzung, man sei offen, vernetzt oder sogar innovativ, sobald man Content im Web hochlädt. Ein schlechte Präsentation wird dadurch, das man sie ins Netz stellt, nur zu einer digitalisierten schlechten und online verfügbaren Präsentation.
Weil die Videobeiträge auf dem Lernverständnis der Wissensvermittlung basieren, entstehen weder Impulse zum Weiterdenken noch spannende Fragen. Das schlägt sich in den auf mich wenig ansprechend wirkenden Diskussionsforen nieder. Auf die Erklärvideos folgt jeweils ein Quiz bzw. Multiple Choice-Test, mit dem man überprüfen kann, ob die vorgetragenen Inhalte wiedergegeben werden können. Dieses Lernen 4.0 verdeutlicht, was Verquizzung bedeutet und wie Lernprozesse verschlechtert werden können, wenn sie auf die reine Wiedergabe von noch immer enger festgelegten Inhalten reduziert werden und der Anteil der eigenen Erarbeitung wegfällt.
Dass man dabei Punkte sammeln kann, soll wohl zum Mitmachen animieren. Fazit: Diesem Modul fehlt es an fast allem, das zeitgemäßes Lernen ausmacht. Begriffe wie Forschung oder Studie mögen dem Inhalt einen wissenschaftlichen Charakter und Gamification einen hippen Anstrich verleihen, können aber den Widerspruch zwischen der Umsetzung und den formulierten Ansprüchen aus den Beiträgen nicht überdecken. Am Ende bleibt nur noch der Nachgeschmack von Werbung für die Schulcloud und das eigene Buch Lernen 4.0 durch Prof. Dr. Klaus Zierer übrig. Und beide Produkte verdienen eine kritische und kontroverse Betrachtung. Hier wurde eine Massive Open Online Chance verpasst.
MOOC als Massive Open Online Chance
Um diesen Blogbeitrag zielführend und konstruktiv abzuschließen, möchte ich kurz noch aufzeigen, welche zwei MOOCs meiner Meinung nach weiterhin eine Chance darstellen: Neben dem bereits erwähnten ichMOOC habe ich das Leuchtfeuer 4.0 als gelungen erlebt. Es beginnt allein damit, dass die MOOC-Gestaltenden, Nina Oberländer, Joachim Sucker und Anja Wagner im Web bekannte und geschätzte Akteure sind und ihr Wirken offen, transparent und kollaborativ stattfindet. Sie reden in ihren MOOCs nicht nur über die Potenziale des Webs, sondern nutzen sie auch, indem sie z.B. Expert_innen zu Wort kommen lassen oder soziale Netzwerke einbinden. Ihre Beiträge lieferten Impulse und warfen Fragen auf, die unter vorher vereinbarten Hashtags bei Twitter oder in Gruppen bei Facebook rege diskutiert wurden. So hatte man auch die Option, sich das Profil von Leuten anzusehen, deren Aussagen man bereichernd oder interessant fand. Bei beiden MOOCs habe ich dadurch mein persönliches Lernnetzwerk erweitert. Außerdem wurden regionale Treffpunkte organisiert und der Austausch außerhalb des Internets unterstützt. Die Grundlage meiner digitalen Identität habe ich beim ichMOOC entwickelt. Vieles, das ich dort gelernt habe, prägt noch heute mein Verhalten im Netz. Solchen MOOCs traue ich es nicht nur zu, sondern wünsche es, dass sie irgendwann eine größere gesellschaftliche Rolle spielen, weil sie das Lernen in einer offenen Webkultur eröffnen.
Ergänzung
Wer mehr Interesse an dieser Art der Weiterbildung haben sollte, findet hier eine Auflistung von 560 kostenfreien MOOCs. Mir wurde auch diese Plattform empfohlen; wobei ich nicht weiß, ob sich die Angebote z.T. im vorherigen Link wiederfinden. Andreas Wittke hat mich darauf hingewiesen, dass beide MOOCs, sowohl der IchMOOC als auch Leuchtfeuer 4.0 von Oncampus gefördert wurden und auf mooin liefen. Diese MOOC-Plattform wurde inzwischen in www.oncampus.de überführt. Dabei wurden alle vorherigen Angebote beibehalten. Jeder kann dort auch selbst kostenlos MOOCs anbieten, was einmalig in Deutschland zu sein scheint. Wer zum Thema digitale Jugendbeteiligung einen MOOC sucht, wird hier fündig.

Der Souveränität würde ich den Erwerb des notwendigen Wissens und der Entwicklung eines Verständnisses der Welt, wie sie aufgebaut ist und funktioniert, zuordnen. Mündigkeit verstehe ich im Sinne des Aufklärungsbegriffs nach Kant. Den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen, um sich dieses Wissen und Verständnis anzueignen und sich so zur kritischen Betrachtung zu befähigen. Beides gilt es im Kontext der digitalen Transformation zu untersuchen. Konkret sehe ich für den Unterricht zwei Ebenen, die man kombinieren kann. (Die hier abgebildete Grafik bietet nur einige Beispiele, die das veranschaulichen sollen.) Natürlich stehen alle Elemente in Beziehung zueinander und weisen Schnittflächen auf. Jedes der hier aufgeführten Themen ist riesig und befindet sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess. Was wiederum deutlich macht, dass es weder leistbar ist noch dass es darum geht, den Lernenden inhaltlich alles zu vermitteln. Mit Hilfe ausgewählter Fragestellung sollen selbstgesteuerte und reflektierte Lernprozesse ermöglicht werden, die außerhalb des schulischen Rahmens fortgesetzt werden können. Wenn ich z.B. das Thema Daten aufgreife, kann ich es ethisch und politisch diskutieren. Wann entstehen welche Daten? Wem gehören diese Daten? Wer hat alles Zugriff darauf? Welche Szenarien sind dadurch möglich? Welche Potenziale und Risiken birgt das? Welche Handlungsempfehlungen könnte man für einzelne Personen, die Gesellschaft oder Politik formulieren? Wenn junge Menschen lernen, wie man sich solchen Fragen sachlich, kontrovers und kritisch nähert, indem man unterschiedliche Argumente sucht, formuliert, abgewägt und gegenüberstellt, werden sie zu souveränem Handeln befähigt. Als Lehrender einzugestehen, etwas nicht zu wissen und sich mit Klassen gemeinsam auf den Weg zu machen, es herauszufinden, ist heute vielleicht ein noch wichtigerer Bestandteil von Souveränität als früher. Deshalb bietet es sich an, zu den Themenfeldern die jeweilige Expertise von außen in die Schulen zu holen oder außerschulische Begegnungsstätten aufzusuchen. 
Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann.