IMG_8792Das Coronavirus hat mit der Schließung der Räumlichkeiten den Rahmen des Bildungssystems von heute auf morgen grundlegend verändert. Durch den Entfall des physischen Raumes und den Wandel der bisherigen Kommunikation wurde plötzlich eine völlig neue Ausgangslage geschaffen, in der viele Fragen aufgeworfen wurden und weitere täglich hinzukommen. Sie gewährte aber auch neue, ehrliche Einblicke, weil sie nun stärker über das Netz kommuniziert wurden. Nicht nur Ministerien haben über ihre Website und Social Media-Accounts informiert, auch Lehrer_innen, Schulleitungen, Eltern und Schüler_innen haben vermehrt ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Netz, über Ländergrenzen hinweg öffentlich dokumentiert und diskutiert. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf den Bildungsbereich in Zeiten der COVID-19-Pandemie und widmet sich den Erfahrungen der ersten Wochen und den Lehren, die für heute und morgen daraus gezogen werden könnten oder sollten.

Was hat sich bewährt?

Arbeitskultur

photo-1507925921958-8a62f3d1a50dIn den Gruppierungen, an denen vorher schon flache Hierarchien und Transparenz herrschten, viel miteinander kommuniziert und gemeinsam erarbeitet wurde, gelang es relativ schnell, Lösungen zu entwickeln, die für möglichst viele funktionieren. Diese wurden durch regelmäßige Reflexionsschleifen korrigiert und weiter optimiert. (Ein Ergebnis vorher erlernter, geübter bzw. gelebter Flexibilität und Offenheit kollaborativer Prozesse.) Es war innerhalb der Arbeitsgruppen wichtig, die Möglichkeit zu sehen, sich anderen Menschen anvertrauen zu können, dass man etwas nicht weiß, aber auch das Zutrauen zu erleben, sich in eine persönlich schwierige Thematik einarbeiten zu können. Die Arbeit und Verantwortung abzugeben (auch abgeben zu können), sie auf vielen Schultern zu verteilen und gemeinsam die Herausforderungen anzugehen, war schon immer und nun noch spürbarer von Vorteil. Das alles gilt natürlich für alle Zusammensetzung im Rahmen einer Schulkultur, also auch im Lehrer_in-Klasse-Setting. Weil viele Lehrende mit den zahlreich anfallenden Rückmeldungen (unter erschwerten Kommunikationsbedingungen) zu den erbrachten Schüler_innen-Leistungen zu kämpfen hatten, möchte ich auf die Möglichkeit hinweisen, junge Menschen beim Feedback zu beteiligen. Wer gegenseitiges Feedback mit Schüler_innen im regulären Unterricht eingeführt und etabliert hatte, konnte jetzt davon profitieren. 

Erlebnisräume

photo-1525015582196-5316b8a0afc9Die Stellen, an denen sich Menschen wirksam, gestaltend mit Digitalem oder/und im Netz erlebt haben, haben sie (durch eine gesteigerte Selbstwirksamkeitserwartung) nachhaltig geprägt. Allein an einer Videokonferenz (mit Ton und Bild) teilnehmen zu können, war für viele schon ein großer Erfolg. Der nächste Schritt, selbst eine anbieten zu können, setzte dadurch die Hürde deutlich herab und fand deshalb häufig statt. Das gelang meist am besten durch die Unterstützung von Personen, die sie bereits kannten und denen sie vertrauten. Aber auch niederschwellige und vielfältige Angebote waren und sind dabei ausschlaggebend. (Soziale Netzwerke sind zwar in der Vorstellung von Bildungskreisen nicht selten ein Ort, an dem ausschließlich Fake News und Hate Speech kommuniziert werden. Sie eignen sich aber auch, wie das aktuelle Beispiel der #gettymuseumchallenge, einen einfachen Zugang zu schaffen und auf einen vielfältigen Austausch hinzuweisen, neben den zahlreichen Informations- und Vernetzungsmöglichkeiten.) Ein Fazit lautet hier: möglichst viele Erlebnisräume zu schaffen bzw. Zugänge zu ihnen zu begünstigen. 

Lernräume

photo-1489702932289-406b7782113cEs wurden Aufgaben kopiert, gescannt, hochgeladen, gemailt oder mit der Post verschickt. Gut funktioniert hat es dort, wo selbständiges Lernen und das Aufteilen von größeren Aufgabenpaketen vorher schon erlernt worden waren, Eltern helfen konnten, die notwendige Kulturtechnik und das dazugehörige Wissen (wenn notwendig) vorlagen, eine erfolgreiche Kommunikation (technisch als auch menschlich) aufgebaut werden konnte oder schon vorher vorhanden war und die Lebensumstände Zuhause, wie z.B. räumliche Gegebenheiten, ein konzentriertes Lernen zuließen. Außerdem haben sich aufgrund der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen beim Lernort Zuhause, asynchrone Lernprozesse bewährt, bei denen nicht eine Klasse zur gleichen Zeit, am gleichen Ort (Videokonferenz), die gleiche Aufgabe bewältigen muss, sondern Einzelne und Gruppen zeit- und ortsunabhängig, am besten noch mit unterschiedlichen, für sie günstigen, Möglichkeiten daran arbeiten können. 

Ich habe bei den Lernräumen bewusst von funktionieren gesprochen, weil meistens nach Lösungen gesucht wurde, die das Bisherige erhalten und aus Unterricht in der Schule eine digitale Fernlehre stricken sollten. Hier möchte ich zu dem Teil überleiten, der sich mit weit verbreiteten Annahmen beschäftigt, die es zu hinterfragen lohnt, wenn es darum geht, Lernen, Schule oder gar Bildung nun neu bzw. digital zu denken. Es sind einige dabei, die es auch schon vor der COVID-19-Pandemie gab, aber auch manche, die durch die aktuelle Lage entstanden sind.

Populäre Annahmen-Check

Strukturen und Prozesse mit Lernplattformen oder Lernmanagementsystemen digitalisieren

photo-1501023956373-055b874f2929Immer wenn Menschen, die die Kultur der Digitalität weder kennen noch verstanden haben, planen, sich digital bzw. „neu“ aufzustellen, werden meist nur die bereits bestehenden und vertrauten Strukturen und Prozesse ins Digitale übertragen, sprich digitalisiert. Die Tragweite, Notwendigkeiten und Möglichkeiten des kulturellen Wandels, hin zu einer Kultur der Digitalität, die Axel in diesem sehenswerten Vortrag sehr ausführlich herleitet und erklärt, werden dabei nicht berücksichtigt. Das Potenzial einer global vernetzen Welt besteht nicht darin, die Physische widerzuspiegeln, sondern an den unzähligen Optionen, Wissen zu erwerben, zu teilen, Menschen mit gemeinsam Interessen zu finden, sich zu vernetzen, Neues zu entdecken und kennenzulernen, interdisziplinär und multiperspektivisch an Ideen zu arbeiten, die Welt zu erfassen und zu gestalten. Wer also Lernplattformen oder Lernmanagementsysteme sucht oder entwickelt, sollte genau das im Blick behalten und sich fragen, was davon ermöglicht wird. 

Es muss jetzt alles ganz schnell gehen

photo-1476725994324-6f6833ea0631Viele Lehrer_innen, Schulleitungen, aber auch Politiker_innen haben sich seit dem Lockdown zum ersten Mal intensiver mit Digitalem auseinandergesetzt. Die Vorstellungen und Erwartungen, am besten alle Versäumnisse der letzten Jahrzehnte nun im Schnellverfahren nachzuholen, mag eine populäre Forderung oder Hoffnung sein, sie ist aber weder realistisch noch hilfreich (weil sie unnötig zusätzlichen Druck erzeugt). Das nötige Wissen und die Erfahrung haben sich Menschen im und mit dem Netz über eine jahrelange, vertiefte Auseinandersetzung erarbeitet. Diese Investition kann man niemandem abnehmen, aber muss sie alle gewähren. Das gilt sowohl für einzelne Personen als auch für Schulentwicklungsprozesse und die Bereiche und Ebenen darüber hinaus. 

Stützräder fürs Netz

photo-1565742672058-6c844f5afc2e„Die technischen Hürden sind schon groß genug. Da muss man den Leuten mundgerechte Häppchen servieren, damit sie sich (lieber/länger) mit dem Digitalen auseinandersetzen.“ Jein. Niederschwellige Angebote sind wichtig. Aber auch hier wird oft und gerne Wissensvermittlung mit Wissenserwerb verwechselt. Man lernt über das Entdecken, das selbst Herausfinden, Zerlegen und für sich neu Zusammensetzen. Deshalb funktionieren die vielen Listen mit digitalen Tools und Angeboten, die in der letzten Wochen und Tagen freundlicherweise erstellt und geteilt wurden, nicht immer und auch nur bedingt. Manchmal können sie sogar erschlagend wirken und überfordern, weil sie als endlose To-do-Liste verstanden werden. Diese Zusammenstellungen sind ein Produkt, ein Ergebnis eines Wissenserwerbes. Und da verhält es sich so wie mit Tafelbildern oder den zunehmend beliebten Sketchnotes. Sie funktionieren für einen selbst, aber nicht zwangsläufig für andere. Mit der Flut an Informationen und Angeboten des Internets zurechtzukommen und sich souverän und mündig im Netz zu bewegen, lernt man nur über das eigenständige Handeln. Wenn Lehrende zu Lernenden werden, müssen (und meiner Erfahrung nach wollen) natürlich auch sie ihre eigenen Listen erstellen. Gezielte Impulse und konkrete Unterstützung, wenn sie gefordert werden, helfen ihnen dabei. Hier möchte ich auf die sehr gelungene Video-Reihe von Philippe hinweisen.    

Die vermeintliche digitale Speerspitze

photo-1493612276216-ee3925520721Eine der größten Missverständnisse in der Debatte um Bildung in einer Kultur der Digitalität liegt meiner Meinung nach im Überschätzen der Expertise derer, die (sehr stark überspitzt) schon mal ein Tablet im Unterricht eingesetzt haben und das Unterschätzen der eigenen Expertise von Lehrenden, die bisher kaum bis keine (bewussten) Berührungspunkte mit Digitalem hatten. Das bezieht sich auf den Unterricht, die Schulentwicklung als auch alle anderen Bereiche. Das ist zum einen ein Resultat der zu starken Fokussierung auf die Technik und zum anderen das Ergebnis von pressewirksamen Inszenierungen von Leuchttürmen und Preisen. Es geht am Ende immer noch um Bildung, Schule und Lernen. Was sich durch die Digitale Transformation geändert hat, ist der gesellschaftliche Kontext, in dem das alles neu, transformiert stattfindet und gedacht werden muss. Vorhandenes technisches Wissen führt daher nicht zwangsläufig zum Vorsprung bezüglich zeitgemäßer Bildung, wenn der Kontext, das Gesamtbild dabei nicht betrachtet wurde. (Wenn überhaupt jemand in diesem komplexen gesellschaftlichen Prozess einen Vorteil haben sollte, dann sehe ich ihn bei Vertreter_innen der Reformpädagogik. Dort scheinen die Ansätze zu liegen, die für heute und morgen greifen und notwendig sind.)

Zuerst richtig rechnen und lesen lernen

Es ist eine populäre Vorstellung, dass zuerst das Alte, was und wie bisher gelehrt und gelernt wurde, sitzen müsse, um sich dann den neuen Herausforderungen zu widmen. Die Annahme hinkt insofern, weil sie davon ausgeht, dass wir weiterhin in einer reinen Buchdruckkultur leben und sie die Kultur der Digitalität wie eine Parallelwelt, der man optional beitreten kann oder nicht, behandelt und im schlimmsten Fall sogar ignoriert. Es geht (mir) dabei nicht um einen Vergleich, was zuerst gelernt werden muss, sondern eher um den Hinweis, dass sich auch das Bisherige mit verändert, transformiert, zusätzlich zum Neuen. Wie Menschen lesen, schreiben, kommunizieren verändert sich, und da gehören soziale Netzwerke und andere digitale Kanäle und Möglichkeiten nun mal mit dazu. Das muss in der Bildung (deutlich stärker) berücksichtigt werden bzw. sich abbilden.

photo-1431576901776-e539bd916ba2Durch die Pandemie sind die Herausforderungen einer global vernetzen Welt, die bisher nur in manchen Bereichen konkret spürbar waren, nun bei allen angekommen, weil sie auf einmal alle betreffen. Die Unbeständigkeit von sich permanent aktualisierenden Informationen, die unterschiedlichen Einschätzungen der Lage, die verschiedenen Expertisen und Perspektiven, die man liest, hört oder sieht und die Unsicherheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, für sich und andere, erinnert uns täglich an die zunehmende Komplexität dieser Welt und hat bei den meisten, wahrscheinlich sogar bei allen, zu einem gewissen Grad an Überforderung geführt. Und genau deshalb ist es so notwendig, dass junge Menschen endlich darauf vorbereitet und befähigt werden, in einer immer komplexeren Welt die „richtigen“ Entscheidung zu treffen, die in keinem Lösungsbuch stehen oder auch mit eigenen und fremden Fehlern umzugehen. Diese Komplexität wird nämlich nicht verschwinden – im Gegenteil. 

Bildung basiert heute noch größtenteils auf der Buchdruckkultur, in der Wissen durch (veraltete) Schulbücher, Kopiervorlagen oder Arbeitshefte meist als festgelegt gilt (und wirkt). Mit aktuellen Informationen und Erkenntnissen umzugehen, sie zu prüfen und einzuordnen, mag keine neue Herausforderung der Bildung sein. Nur nimmt sie zum einen in der Regel bisher keinen wesentlichen Teil des Lernens ein und zum anderen haben sich die Parameter durch die Kultur der Digitalität grundlegend gewandelt und wurden teilweise durch neue ergänzt. In den aktuell geführten Debatten hinsichtlich der COVID-19-Pandemie spielt das Verstehen und Prüfen der zahlreichen Studien, die in sozialen Netzwerken geteilt werden, das Einordnen von Online-Beiträgen, wie Texte von Webseiten, YouTube-Videos oder Screenshots, die über Instagram oder WhatsApp verbreitet werden, eine bedeutende Rolle. Oder das Reflektieren des eigenen Verhaltens, unter Berücksichtigung kognitiver Verzerrungen. Kultur findet vermehrt im Netz statt und gehört deshalb auch in Bildungsinstitutionen, und das nicht als Kopiervorlage. Denn während die Zeitung von morgen gedruckt wird, sind schon manche Daten überholt und im Netz korrigiert und zugänglich.

Möglichkeiten und Missverständnisse

Während in den letzen Tagen die Stimmen immer lauter wurden, dass Virologen und ihre Perspektive zu stark die gegenwärtigen politischen Entscheidungen beeinflussen würden und andere Blickwinkel vernachlässigt werden, verwies Angela Merkel in ihrer Ansprache vor Ostern nicht nur auf die kommende Studie der Leopoldina, sondern unterstrich auch deren Zusammensetzung. Dort tauschen sich Vertreter_innen aus nahezu allen Wissenschaftsbereichen aus. Denn nur in einer interdisziplinären Zusammenarbeit können gesellschaftlich getragene Lösungen für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit entwickelt werden. Wo, wie und wie häufig findet das in Schulen und Hochschulen statt? Es wird zumindest klar, dass sich Lernorte und -prozesse öffnen und kollaborativ gestaltet werden müssen. Und das Projektlernen, wie es Lisa in diesem lesenswerten Beitrag beschreibt, im Bildungsbereich als ein Fundament etabliert gehört. 

photo-1581291518857-4e27b48ff24eVor kurzem hatte ich ein Video von Steve Jobs in meiner Social Media-Timeline, bei dem er sinngemäß erklärte, dass er sein Produkt nicht, wie es sonst in der Branche üblich wäre, von der Technik her gedacht hätte, sondern von der Person, die sie nutzt. Damit hatte er nicht nur einen wirtschaftlich außergewöhnlichen Erfolg, sondern trug auch maßgeblich zur digitalen Transformation und grundlegenden Veränderungen in allen Bereiche der Gesellschaft weltweit bei. Seitdem lässt mich der Gedanke nicht los, was wohl wäre, wenn dieser Ansatz beim Lernen ernsthaft verfolgt werden würde, wenn dabei vom Lernenden aus gedacht und die Bildung (von jungen Menschen) endlich als gesellschaftliches Kapital der Zukunft verstanden werden würde und Lernende im Mittelpunkt stünden. (Welche Lernplattformen, Lernmanagementsysteme und sonstige digitale Angebote wohl dann entwickelt werden würden?)

photo-1475137979732-b349acb6b7e3Welche Fragen stellen sich junge Menschen heute? Sie möchten die Welt begreifen, weshalb sich gerade alles so gravierend ändert, weshalb sie die Hände waschen oder Masken tragen sollen, weshalb ihre Eltern weniger oder kein Geld verdienen können, wie die finanziellen Probleme gelöst werden sollen, wann alles vorbei sein wird, ob alles überhaupt wieder so sein wird wie vorher, weshalb sie sich so fühlen, wie sie sich fühlen oder weshalb gewisse Freiheiten eingeschränkt werden und ob das alles notwendig ist. Es sind so viele Fragen, die sie sich stellen. Weshalb nicht genau da ansetzen? Weshalb nicht diese Fragen aufgreifen, sie mit ihnen gemeinsam angehen? Es sind nämlich naturwissenschaftliche, historische, politische, ethische und alle anderen Bereiche betreffende Fragen, anhand derer das, was in Bildungspläne ohnehin steht, erarbeitet werden könnte. Mit dem Unterschied, dass es persönlich sinnstiftende Aufgaben und authentische Probleme wären. Weshalb nicht dahingehend in den nächsten Wochen investieren und die Schüler_innen erfahren, spüren lassen, dass sie Teil der Gesellschaft sind, sie ernst genommen werden und werden müssen, weil auch ihren Handlungen Auswirkungen für andere haben? 

Die Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet nicht nur, ihnen die Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übertragen, sondern ihnen auch Freiheiten zu gewähren, diese zu gestalten. Dazu gehört sie dabei zu unterstützen, herauszufinden, wie ihnen das am besten gelingt. Das gilt übrigens auch für Schulleitungen, Lehrer_innen und andere am Schulleben Beteiligte, die in einem Schulentwicklungsprozess auch Lernende sind und dort ebenfalls mehr Freiheiten bräuchten. In der aktuellen Situation oder mit dem Blick auf die Tage vor der Schließung der Schulen sieht man diese Notwendigkeit vielleicht noch deutlicher. Wenn alle Schulen jede Mal darauf warten müssen bis an der obersten Spitze der Hierarchie des jeweiligen Bundeslandes beschlossen wird, was und wie sie umsetzen und kommunizieren sollen, bleibt am Ende nur noch ein überschaubarer Planungs- und Handlungsspielraum übrig.  

photo-1493946740644-2d8a1f1a6affEs ist die Perspektive der Lernenden, die in Bildungsdebatten so häufig untergeht. Grob überzeichnet bedeutet das: Die Politik blickt auf die Bildung und schielt auf die nächste Wahl, die Lehrenden blicken auf die Bildung und schielen zum nächsten Vorgesetzten und die Eltern blicken auf die Bildung und schielen auf den vermeintlich nächsten Job ihres Kindes. Vereint werden diese Perspektiven oft durch ein gemeinsames Bildungsverständnis bzw. Missverständnis, in dem das, was unter Bildung verstanden wird, über Wissensvermittlung erreicht wird. Es mag für einige nur ein Begriff sein, der mal mehr oder weniger bewusst verwendet wird. Es stecken aber ein klares Verständnis, ein Bild und eine Haltung dahinter: Die Lehrenden verfügen in diesem Setting über das zu vermittelnde Wissen, legen vorher den genauen Verlauf fest und wählen das Ergebnis, in der Annahme, Wissen sei eine Information, die nur auf dem richtigen Weg, in der adäquaten Dosis, am geeigneten Ort und zum passenden Zeitpunkt von ihnen zu Lernenden transportiert werden müsse. Und das jetzt alles in digital. Von Lernenden aus gedacht und umgesetzt, handelt es sich beim Lernen um einen Wissenserwerb, der in einem möglichst offenen, freien und persönlich sinnstiftenden Prozess abläuft. Hierbei helfen Lehrende, in dem sie dafür günstige Gelegenheiten schaffen, in denen möglichst selbständig und individuell Zusammenhänge erschlossen werden können. Das Lernen ist wirksam und nachhaltig, weil sich das erworbene Wissen dabei mit bestehendem verknüpft und das Gesamtverständnis prägt.

(In der aktuellen Lage profitieren die Kinder und Jugendlichen, die zum Wissenserwerb befähigt wurden. Die Vertreter_innen der Wissensvermittlung setz(t)en nun darauf, dass entweder Eltern die Aufgaben des Lehrenden übernehmen oder Schüler_innen schon so trainiert und willig sind, die Abläufe selbständig abzuspulen. )  

Blick in die Glaskugel 

photo-1502476698613-931a9afd2488Dass sich in den letzten Wochen schlagartig Lehrer_innen mit Digitalem auseinandergesetzt haben, lag an genau zwei Aspekten: dass sie es mussten und dass die Zeit dafür da war, sich einzuarbeiten. Dementsprechend ist eine entscheidende Variable bei allen Blicken in die Glaskugel die Dauer der Ausnahmezustandes. Je länger Schulen gezwungen sein werden, das Lehren und Lernen im und mit dem Internet zu denken, umso mehr werden sich die dabei entstandenen Ideen, Ansätze und Erfahrungen im späteren Schulalltag verstetigen und in den zukünftigen Entwicklungen niederschlagen. Der große und von einigen erhoffte Wandel wird unabhängig von der Dauer eher nicht zu erwarten zu sein. Jeder, der sich mit der Thematik schon länger beschäftigt, weiß auch, dass es sich hinsichtlich der Umsetzung zeitgemäßer Bildung u.a. um eine Frage der Strukturen, Ressourcen und Haltungen (besonders in Führungsebenen) handelt, die am Ende die entscheidenden Hebel darstellen, wenn es um grundlegende, nachhaltige Veränderungen geht.

Eine weitere Perspektive in dieser Rechnung ist auch der Verstärker-Effekt der Digitalisierung, den Jöran hier ausführlicher beschrieben hat. Die, die schon vorher einen großen Wert auf Anweisungen und Kontrolle gelegt haben, werden das mit digitalen Medien danach noch stärker können und wahrscheinlich praktizieren. Es werden aber auch die Personen, die sich vorher schon gerne informiert, ausgetauscht und vernetzt haben, das im und mit dem Netz noch stärker können und tun. Diese Gruppe kontinuierlich weiter wachsen zu lassen, Begegnungen und Möglichkeiten in digitalen und physischen Räume zu schaffen, ist und bleibt somit weiterhin die Aufgabe derer, die sich engagieren, Bildung in einer Kultur der Digitalität ankommen zu lassen. Auch nach Corona.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben

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Foto Fionn Große

Vor 15 Jahren wurde das Barcamp als eine Art „Unkonferenz” in Kalifornien ins Leben gerufen. Heute gibt es dieses Format weltweit in allen möglichen Bereichen und erfährt zunehmend Beliebtheit – eben weil es mehr ist als ein Format. Es schafft Freiräume, eröffnet neue Wege, weckt Neugier, macht nicht nur Bedarfe und Bedürfnisse sichtbar, sondern steht auch für ein Zutrauen und die Übertragung der Verantwortung an alle Beteiligten. Eine Kultur des Miteinanders, die Schulen gut stehen würde.

Vorgegeben ist beim Barcamp meist nur ein übergreifendes Thema. Alle Anwesenden handeln das Tagesprogramm erst am Tag selbst und vor Ort miteinander aus, indem sie Ideen und Fragen einbringen, über die sie im Plenum abstimmen lassen. Den Rahmen dafür setzen mehrere 45-minütige Sessions, die zeitgleich in verschiedenen Räumen stattfinden. Jede Person kann frei entscheiden, an welcher Stelle, in welcher Art und wie lange sie sich beteiligen möchte. Die Sessions werden dokumentiert. Dies ist nur die grobe Skizze eines Barcamps. Wer ein Barcamp wirklich verstehen möchte, muss es erleben.

Um die Ideen aus dem Barcamp weiterzuentwickeln, braucht es Freiraum

Vor sieben Jahren fand mit dem Wuppertaler Lehrer Felix Schaumburg bereits eines der ersten Barcamps – wenn nicht das erste – im Rahmen von Schulentwicklung in Deutschland statt. Nach seinem Vorbild habe ich es 2017 an meiner Schule durchgeführt und biete seither Barcamps als schulinterne Fortbildung im Rahmen eines pädagogischen Tages an. Einmal im Netz dokumentiert, wurde diese Idee mittlerweile bundesweit aufgegriffen und in zahlreichen Kontexten und mit verschiedenen Personenkreisen umgesetzt. Sogar einen regulären Schultag und Studientag gab es schon als Barcamp. Was aber alle eint, ist die immer gleiche Rückmeldung von Lehrenden und Lernenden am Ende einer solchen Veranstaltung: sich mehr davon im Alltagsbetrieb zu wünschen.

Was ein Barcamp leisten kann, hängt nicht nur von dem Format selbst ab, sondern auch von der Absicht, in der es gewählt wird. Wenn es nur eine Abwechslung zu den üblichen Tagungen und Fortbildungen sein soll, kann es bestenfalls ein Strohfeuer sein, das aber schlimmstenfalls falsche Hoffnungen und Erwartungen weckt und sogar zusätzlichen Frust erzeugen kann. Als Auftakt für einen Schulentwicklungsprozess, um einen anderen Weg einzuschlagen, kann es dagegen Energien freisetzen, Kreativität entfalten, unbekannte Qualitäten sichtbar machen und eine neue Form der Schulkultur einleiten.

Ein Barcamp bietet die Möglichkeit zum Rollentausch zwischen Lernenden und Lehrenden

Dafür braucht es weitere Freiräume im Schulalltag, innerhalb derer an Ideen und Ansätzen aus den Barcamp-Sessions weitergearbeitet werden kann. Das können zum Beispiel im Schuljahr festgelegte Zeitfenster an Nachmittagen sein. An manchen Schulen werden Fortbildungsbedarfe, die sich aus einem Barcamp ergeben, über Mikro-Fortbildungen gedeckt. Dabei hängen Zettel mit den gewünschten Angeboten in Lehrerzimmern aus, auf denen sich Interessentinnen und Interessenten eintragen können.

Wenn die zuvor bestimmte Mindestzahl an Interessierten erreicht ist, wird mit allen ein Termin vereinbart. Besonders Lehrerkonferenzen bergen einiges an Potenzial, wenn es darum geht, Zeit für weitere Prozesse zu schaffen, die einem Barcamp entspringen. Hier sollte man auch genauer prüfen, welche Informationen sich auch via E-Mail kommunizieren lassen.

Was wäre zum Beispiel, wenn ein Schultag in der Woche ein Barcamp wäre? Ein Tag, an dem Lehrende und Lernende die Rollen wechseln und der Austausch von Wissen, Können oder Erfahrungen im Mittelpunkt stünde. Ein Tag, an dem jede Person mitgestalten und sich einbringen könnte, weil im regulären Rahmen von Schule und Unterricht bisher dafür kein Raum vorhanden war – Raum für die verborgenen Talente, Ideen und persönlichen Interessen von Schülerinnen und Schülern. Es wäre ein Tag, der nicht die Schulstruktur, aber die Schulkultur grundsätzlich ändern würde.

 

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Lehrende und Lernende kommunizieren und arbeiten über eine digitale Plattform miteinander – diese Idee erscheint aus verschiedenen Perspektiven attraktiv. Und diese Vision hat bereits einige bundeslandspezifische, aber auch bundesweite Projekte hervorgebracht. Sie heißen „Schul-Cloud“, „Ella“, „Logineo“ oder ganz aktuell „Milla“.

Jedes dieser Vorhaben hat eine eigene und lange Geschichte. Und doch eint sie die Vorstellung – so zumindest deren Vermarktung –, eine neue Lösung dafür zu sein, wie junge Menschen auf das Zeitalter der digitalen Transformation ausreichend vorbereitet werden können. Wie viel „neu“ und wie viel „Lösung“ stecken aber tatsächlich in den digitalen Bildungsplattformen?

Digitale Transformation statt Digitalisierung

canned-food-570114_1920Vielleicht liegt es an dem lange und viel zu häufig verwendeten schwammigen Begriff „Digitalisierung“und dem gedanklichen Rahmen, den er schafft, dass die digitale Transformation – beziehungsweise der kulturelle Wandel, der für die grundlegenden Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung steht – missverstanden wurde und wird. Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Wer sich digitale Bildungsplattformen ansieht, stellt fest, dass das Lernsetting in der Regel weiterhin unverändert bleibt. Zwar können Zugriff und Hochladen von Aufgaben zeit- und ortsunabhängig praktisch sein, wenn sich alle Beteiligten von einem neuen Kommunikationskanal überzeugen lassen. Am Ablauf und den Rollen aber hat sich nichts geändert. Die Lehrkräfte heißen nun „Admins“, behalten weiter die Kontrolle, und Klassen pflegen ihre Lösungen ein – alles digital. Das Lernen wird durch Datenerhebung optimiert und effizienter gestaltet. Welche Lernprozesse braucht es aber tatsächlich in einer sich ständig schneller wandelnden Welt?

Schutz durch Selbstschutz

Weil der geschützte Rahmen von digitalen Bildungsplattformen oft hervorgehoben wird, möchte ich einen Vergleich skizzieren. Nehmen wir an, das Internet sei das Verkehrsnetz. Dann wäre die digitale Bildungsplattform so etwas wie das Fahrrad-Testgelände in der Grundschule. Die Schülerinnen und Schüler könnten hier im geschützten und den Lehrkräften bekannten Umfeld die Verkehrsregeln erlernen und sich sicher fortbewegen. Fehler werden gleich erkannt und korrigiert, ohne große Gefahren. Nach dem Fahrradführerschein werden die Radwege im regulären Verkehrsnetz erkundet – in der Regel nur im Beisein der Eltern oder älteren Geschwister.

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen. Dabei wird gern unterschlagen, dass das Internet neben den medial wirksamen Gefahren auch jede Menge Potenziale birgt. Offenheit, Freiheit und Selbstbestimmung sind wesentliche Elemente des kulturellen Wandels. Erst sie haben das Netzwerken über alle Grenzen hinweg ermöglicht. Ein mündiger, souveräner Auftritt im Netz und eine digitale Identität können nicht in abgeschlossenen Systemen erlernt und entwickelt werden. Schulen müssen sich öffnen, ihre Strukturen und Prozesse an der digitalen Transformation orientierend reflektieren und begleitete Experimentierfelder bieten – auch im Netz.

pictogram-2426384_1920Wenn es zuverlässige und beliebte Konstanten in der Debatte um zeitgemäße Bildung gibt, dann sind das die Frage , „Sind Computer bessere Lehrer?“ und die Antwort „Auf den Lehrer kommt es an.“. In der Regel geht es dabei um die Sorge, ein Computer, Programm oder Roboter könnte Lehrerinnen und Lehrer ersetzen, bzw. um eine mögliche abnehmende Bedeutung der Lehrenden im digitalen Wandel. Natürlich mündet das am Ende in beiden Fällen meist in der Erkenntnis, dass Lehrende weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden (müssen). Dem ist nicht zu widersprechen. Nur dienen sowohl die oben aufgeführte Frage als auch Antwort nicht selten als Aufhänger dafür, um Bisheriges allgemein von der Notwendigkeit, es neu überdenken zu müssen, freizusprechen. Ja, es kommt in der Digitalen Transformation auf die Lehrenden an. Vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Nur nicht so, wie sich das manche vorstellen. 

Sind Computer die besseren Lehrer?

Natürlich polarisiert diese Frage und ist sicher auch deshalb eine gern gewählte Headline für Beiträge auf allen Kanälen. Das Framing konstruiert aber eine Konkurrenzsituation, bzw. einen Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine und generiert einen künstlichen Konflikt. Wenn deine Arbeit als Lehrer_in durch einen Computer, ein Programm oder Roboter ersetzt werden kann, sind die nicht das Problem. Die Frage, ob Computer die besseren Lehrer sind, mag für die Auflage und Reichweite funktionieren. Sie vereinnahmt aber meiner Meinung nach zu sehr den Raum im öffentlichen Diskurs und lenkt von den Fragen ab, die dringend(er) diskutiert werden müssten: Welche Lehrenden braucht es in einer Welt, in der sich die gesellschaftliche Ordnung grundlegend ändert? Welche Rolle, Haltung und Kompetenzen, aber auch Ressourcen, Strukturen und Angebote sind dafür erforderlich?

Auf die Lehrenden kommt es an

Groß war die Erleichterung, als vor zehn Jahren die Hattie-Studie veröffentlicht wurde, die wissenschaftlich™ bewies, dass es auf die Lehrerin und den Lehrer ankommt. Seitdem vergeht auch kein Vortrag, in dem diese Studie und ihre Metaanalysen bemüht werden, um mit messbaren Effekten (als Zahlen auf Folien) zu belegen, dass beispielsweise digitale Medien keinen oder sogar einen schlechten Einfluss auf Lernprozesse haben. Dass die Daten aus einer Zeit stammen, in die Welt noch anders funktionierte und ob es sich dabei überhaupt noch um Lernprozesse handelt, die heute und morgen notwendig sind, fällt gerne unter den Tisch. Seitdem haben Entwicklungen wie Smartphones, Tablets oder auch beim Web unser Leben komplett auf den Kopf gestellt und werden nicht berücksichtigt. Im Prinzip belegt der Umgang mit der Studie und nicht die Studie selbst, dass es weiterhin auf die Lehrenden ankommt. Durch die Digitalisierung werden definitiv immer mehr Daten erhoben. Wie das geschieht und welche Rückschlüssen daraus gezogen werden können, gehört deshalb mit auf die ohnehin lange To-do-Liste in der Bildungsarbeit. Es kommt somit durchaus auf die Lehrenden an, weil sie bei der zunehmenden Fülle an Herausforderungen (und teilweise abnehmenden Ressourcen) für sich persönlich und gesellschaftlich klären müssen, was sie als ihr Kerngeschäft verstehen. Meine Kernaufgabe sehe ich darin, junge Menschen dabei zu unterstützen, herauszufinden, wer sie sind, was sie wollen und wie sie das erreichen können. Die Digitale Transformation steht nicht zur Wahl. Sie ist da und geht nicht weg. Ähnlich verhält es sich mit Lehrerinnen und Lehrern. Auch sie bleiben (wichtig). Nur das Wie gilt es neu auszuhandeln.

Wenn von zunehmender Dynamik und Tempo der Digitalen Transformation gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der technischen Entwicklung. Immer schneller, kleiner, leistungsfähiger und vernetzter. In der Regel werden dazu Arbeitsprozesse (auch Lehr- und Lernprozesse) übersetzt mit praktischer, effektiver und effizienter. Damit wird in veralteten wirtschaftlichen Denkmustern gehandelt und die Tragweite der grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung verkannt. Es geht um weitaus mehr als Optimierung des Bisherigen. Die Gründe für Missverständnisse oder sogar Widerstände sehe ich bei den Erfordernissen der Digitalen Transformation, die im Konflikt zu den überholten Strukturen und Systemen stehen. Einige davon und mögliche Lösungen oder Strategien greife ich hier auf. (Alle Beiträge zur Digitalen Transformation resultieren aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen der ca. letzten zehn Jahre aus dem Bildungsbereich oder meiner Aktivitäten rund ums Netz. Da die Herausforderungen der Digitalen Transformation sich in allen Gebieten ähneln und in einigen sogar identisch sind, versuche ich die Texte in einem möglichst allgemeinen Kontext zu verfassen. Den Transfer, zu welcher Bedeutung oder Handlungsempfehlung das führt, liefere ich deshalb nur punktuell für den Bildungsbereich. Jede andere Übersetzung kann und muss stets eigenständig im jeweiligen Kontext erfolgen.)

Erfordernisse der Digitalen Transformation  

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.25.03Allein die steigende Komplexität gesellschaftlichen Zusammenlebens bedingt, sich in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen zu können (Können steht für die dafür voraussetzende Bereitschaft, das zu erlangende Vermögen und die notwendigen Möglichkeiten.). In anderen Worten: Netzwerken können. (Was leider häufig mit Vernetzung gleichgesetzt wird.) Neben Freiräumen in allen Bereichen erfordert das Kreativität und Zusammenführen vielfältiger Expertisen und Perspektiven. Das bedeutet auch traditionelle Handlungsmuster zu überwinden und neue Wege zu beschreiten, die nach den Kriterien bisheriger Systeme keinen Anreiz bieten. Dafür muss losgelöst von einfachen Kausalbeziehungen und nicht in hierarchischen Baumstrukturen oder isoliert nebeneinander existierenden Objekten gedacht werden. Die Digitale Transformation setzt Systemdenken mit der Maxime „Think globally, act locally.“ voraus. Ein etwas besser, etwas anders reicht nicht mehr. Es braucht ein komplett neues Mindset. 

Das Gewicht der Zeit

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.24.42Zeit scheint dabei die kostbarste Ressource zu sein. Zeit, um die Voraussetzungen für diese Prozesse zu entwicklen und umzusetzen. Wenn investiert wird, dann meist in Technik. Mit neu gekaufter Technik scheint der „digitalen Wandel“ sichtbar, greifbar, verständlich, pressewirksam und funktioniert auch ohne Änderung von Strukturen und Systemen. Dadurch wird nicht selten ohne systemische Betrachtung nur ein Faktor verändert, es werden negative oder gar keine Auswirkungen festgestellt und dann schlussgefolgert, dass Veränderungen nichts bringen oder sogar schlecht sind. Den bisher vielversprechendsten Ansatz liefert immer noch Google mit der Regel, dass ihre Mitarbeiter_innen 20% ihrer Arbeitszeit dafür verwenden dürfen, um eigenen Ideen und Interessen nachzugehen, kreativ zu sein und zu experimentieren. (Einige der daraus resultierenden Produkte zählen heute zu ihren größten Erfolgen.) Bei einer 5-Tage-Woche bedeutet das genau einen Tag, der einem zur Verfügung steht. Man stelle sich vor, welche Schulentwicklungsprozesse mit dieser Ressource möglich wären. Beachtenswert ist auch die Weiterentwicklung des ursprünglichen Ansatzes mit Area 120. Damit erhalten Projekte aus und in der 20%-Zeit die 100%-ige Unterstützung eines dafür freigestellten Teams, um die Entwicklung optimal zu fördern. Auch hier wäre die Übersetzung zur Schulentwicklung spannend. Die erste und wichtigste Investition in der Digitalen Transformation ist und bleibt die Zeit. Was sich nicht geändert hat, ist das Erfordernis, selbst aktiv zu werden. Beim Thema Zeit bedeutet das, nach bestehendem Handlungsspielraum zu suchen oder gegebenenfalls die bisherigen Prioritäten zu überdenken, um neuen zu schaffen. Zeit bereitzustellen genügt aber nicht allein. Besonders nicht in Strukturen und Systemen, in denen Freiräume nie Teil des Konzepts waren. Es braucht auch hier eine Anleitung und Begleitung der Prozesse, was der Idee von Area 120 entsprechen würde. (Im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung wäre das im Rahmen von eduScrum umsetzbar oder auch mithilfe der strukturierten Lösungsanalyse von Olalla möglich.)

Auch in der Digitalen Transformation lohnt es sich weiterhin, die bereits vorhandenen Ressourcen zu bündeln, den Blick auf das Machbare zu richten und voranzuschreiten. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Arbeitszeit ist in den alten Strukturen und Systemen bereits verplant. Da Systeme sich selbst erhalten, ist hier auch mit keinem Wandel zu rechnen. Somit bleibt ehrlicherweise nur noch die „Freizeit“ übrig, wenn man auf keine strukturellen Änderungen hoffen und sich auf den Weg machen möchte. Eine sicher ernüchternde Erkenntnis, die langfristig weder wünschenswert noch tragfähig ist. Deshalb ist und bleibt die Digitale Transformation eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung. Es würde mich folglich auch nicht wundern, wenn am Ende weder Wirtschaft noch Politik, sondern Graswurzelbewegungen der Hebel wären.

Die Wahl der Qual

Bildschirmfoto 2018-01-02 um 01.06.49Am späten Abend einen Print- oder Online-Beitrag lesen, gelegentlich Begriffe im Netz nachschlagen, dort auf andere lesenswerte Texte stoßen, sich darüber mit Menschen in sozialen Netzwerken austauschen, ein paar Gedanken notieren, zum anfänglichen Artikel zurückkehren, und wieder von vorn. Ein klassischer Ablauf, wie ich für mich, mit anderen und von anderen lerne. Am meisten genieße ich dabei die scheinbar grenzlose Freiheit. In genau diesen Momenten frage ich mich immer, wo diese Freiheit beim Lernen im Bildungssystem stattfindet bzw. stattfinden kann? Oder ist sie nur ein Privileg des Erwachsenseins, dass man niemandem mehr für das Was und Wie beim Lernen Rechenschaft schuldig ist. Ehrlich und kritisch rückblickend habe ich wohl am meisten abseits von Schule und Hochschule autodidaktisch gelernt, weil es echte, meine, persönlich sinnstiftende, frei gewählte und bestimmte Lernprozesse waren. Ein Großteil des „schulischen Lernens“ erschien mir oft nur als Mittel zum Zweck. Lernen fürs Abi, das Abi fürs Studium, das Studium für den Job und dabei immer fürs Leben. Ich hatte die Wahl der Qual. Denn Sinn erkannte ich in dieser Kette meist nur beim jeweiligen Ziel und nicht den Inhalten. Außer meinen Gedanken kam mir wenig frei vor. Ich bin mir nicht sicher, bei wie vielen das heute so anders ist.

Lernräume für zeitgemäße Bildung

Müsste man nicht auch hinterfragen, inwiefern der Begriff Unterricht einen Beitrag dazu leistet, ein überholtes Lernverständnis aufrechtzuerhalten und die Freiheit beim Lernen zumindest nicht zu fördern, wenn das Framing der Digitalen Bildung, den Blick auf das große Ganze der digitalen Transformation hemmt. Der Unterricht bzw. das Unterrichten steht für das Informieren, Belehren, Vermitteln von Wissen durch Lehrende. Wäre die Bezeichnung Lernräume in diesem Zusammenhang nicht passender, wenn man Lernprozesse ermöglichen möchte, die zeitgemäßer Bildung entsprechen? Lernräume eröffnen aus meiner Sicht nicht nur begrifflich, sondern auch gedanklich eine Freiheit und Flexibilität bezüglich der zeitlichen Ebene, der Begegnungsstätten vor Ort oder im Web. Schulen für Lernende und deren Lernprozesse.* Konsequenterweise müsste man dann natürlich auch Stunden- und Bildungspläne durch Lernpläne ersetzen, die Lernen im eigenen Tempo ernsthaft ermöglichen. Nein, ich möchte hiermit keine erneute Begriffsdebatte beginnen. Eigentlich. Der Beitrag soll eher eine Einladung für ein kurzes Kopfkino sein und dazu anregen, den Rahmen und die Bedingungen von Lernkonzepten auch im bisherigen und noch lange anhaltenden Bildungssystem neu zu denken. Ich hol schon mal das Popcorn.

*aus der Perspektive der Lernenden