zeitgemäße Bildung KopieIch durfte im Juli bei Schule in BWgungPilotschule und was dann? zu Lehrenden aus dem tabletBS-Projekt über Digitale Bildung im Jahr 2020 sprechen. Die Folien dazu möchte ich mit diesem Beitrag veröffentlichen und erläutern, weil mich einige Beobachtungen und Fragen im Bildungsbereich zunehmend beschäftigen, die ich mir in öffentlichen Debatten breit und vertieft diskutiert wünsche.

Weshalb das Ganze?

Dass die Technik in Schulen veraltet oder nicht vorhanden ist, gehört mittlerweile zum allgemeinen Konsens. Irgendwas mit digital, sagt man, sollte man mehr unterrichten, weil alles irgendwie mehr digital ist und wird. Und so schmückte man zum Beispiel vor einigen Jahren möglichst viele Klassenzimmer mit IWBs (Interaktive Whiteboards, auch als digitale Tafeln oder Smartboards bekannt), mit der Vorstellung, irgendwas getan zu haben, das irgendwie schon zu irgendeinem Ziel führen wird. Was aber schwammig oder gar nicht im Vorfeld formuliert wurde, konnte auch nicht erreicht werden. Deshalb sehe ich die Frage nach dem Warum als essentiell, am Anfang und roten Faden für eine vernünftige Entwicklung einer Vorstellung, was zeitgemäße Bildung sein soll, kann oder muss. Sie muss als Einzelperson, Schule, Kommune, Land und Bund immer wieder neu gestellt, diskutiert und (zeitgemäß) beantwortet werden: Weshalb das Ganze?
Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Die putzigen Amazon Roboter (ehemals Kiva Systems), die über QR-Codes orientierend die Gänge von Lagerhallen entlang flitzen, werden gerne als Beleg für diese Aussage im Bereich Lagerlogistik gezeigt. Die ersten Videos wurden übrigens bereits 2008 hochgeladen. Im Prinzip stehen sie nur für einen Teil des Transportwesens, das zunehmend automatisiert wird. Das reicht von gigantischen, selbstfahrenden und miteinander vernetzten Lastwagen bis hin zum Transport von Menschen in selbstfahrenden Autos und Bussen. Dazu und noch mehr, kann man sich in diesem populären Video ansehen. Auch das Bauwesen erhält Unterstützung von Bots und riesigen 3D-Druckern, die innerhalb von 24 Stunden ganze Häuser hinstellen. Am meisten beeindrucken aber immer wieder die Ergebnisse des Robotik-Unternehmens Boston Dynamics, das 2013 von Google gekauft wurde, mit Atlas, HandleSpot oder Sand Flea. Abschließen möchte ich den Blick auf die Wirtschaft mit dem alltäglichen Leben, um die (nicht selten empfundene) vermeintliche Ferne dieser Technik zu relativieren. Damit meine ich die steigende Zahl an Schnellkassen in Geschäften oder Touch-Displays, auf denen man sich eine Fahrkarte buchen, Essen selbst zusammenstellen oder über Lokales informieren kann, die sich fast unbemerkt in unseren Alltag schleichen. Vergessen wir auch nicht den Onlinehandel, der in vielen Bereichen bereits für radikale Umbrüche gesorgt hat. Angefangen beim Zeitungssterben bis hin zu den vielen, kleinen lokalen Anbietern, die nach Lösungen suchen müssen, um im ungleichen Zweikampf neben Riesen wie Amazon & Co überleben zu können. Es häufen sich die Prognosen, dass Massen von Jobs durch den Einsatz von Robotern und Bots wegfallen werden. Ob und wie viel davon, wann eintreten wird, weiß ich nicht. Stephan Noller eröffnete vor einiger Zeit hierzu eine lesenswerte Debatte bei Facebook. Dass sich Arbeit und Anforderungen ändern werden, steht außer Frage und stellt nichts Neues dar. Was neu sein könnte, ist die Geschwindigkeit bzw. die Dynamik und die gesellschaftliche Tragweite. Sich auf etwas Unvorhersehbares vorzubereiten, scheint zumindest eine daraus resultierende Aufgabe zu sein.
Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.29.28Die ökonomische Perspektive allein genügt natürlich nicht, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen durch den digitalen Wandel erfassen möchte. Die sich verändernden beruflichen Anforderungen und Bedingungen, werfen dabei einige Fragen auf. Wie bereite ich junge Leute auf Jobs vor, die es noch nicht gibt? Wie verändern die neuen beruflichen Anforderungen und Bedingungen das Leben einer Person als Individuum und Teil einer Gemeinschaft? Was wären und wie erreicht man für alle günstige Voraussetzungen? Wenn man bedenkt, wie die Erfindung des Buchdrucks das Zusammenleben innerhalb der Gutenberg-Galaxis revolutioniert hat, kann man sich die Auswirkungen durch weltweit miteinander vernetzte Computer bzw. die Personen dahinter erahnen. Auch in der Turing-Galaxis werden bestehende Strukturen aufgelöst und der Zugang zu Informationen mehr Menschen ermöglicht und vereinfacht. Das Smartphone und Tablet sind fassbar und ziehen dadurch in mancher Diskussion die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist aber das Internet, das den Wandel mit sich brachte und bringt. Wie wir kommunizieren, konsumieren, arbeiten, lernen, Ideen entwickeln, forschen, die Welt begreifen, wandelt sich. Durch soziale Netzwerke lesen wir nicht nur mehr Texte, sondern können mit denen, die sie verfasst haben, zeit- und ortsunabhängig diskutieren. Über Livestreams erhalten wir Bilder von nahezu jedem Fleck und Geschehen auf diesem Planeten. Die Karten der Deutungshoheit werden neu gemischt. Saßen wir noch gestern vor linearem Fernsehen und Zeitungen, bespielen wir heute selbst unsere Social Media-Kanäle mit Inhalten. Push-Benachrichtigungen im Sekundentakt. Wichtiges und Unwichtiges von allen und jederzeit. Die politischen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene erscheinen durch die Kanäle sozialer Netzwerke nicht nur näher und greifbarer, sondern auch verknüpfter und komplexer. Das geografische Umfeld bestimmt nicht mehr allein die kulturelle Prägung und Sozialisation.

Und im Bildungsbereich?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.15„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.“ beschrieb ich es in meinem Vortrag in Neckarsulm. Eine, meine Beobachtung der letzten Jahre, die ich kurz begründen möchte. Wenn man einen Blick auf die Fortbildungsangebote wirft oder sich an Veranstaltungen zum Thema Digitale Bildung die Programme durchliest, scheint die einzige Veränderung das Adjektiv digital zu sein. Man preist digitale Lerntheken, digitale Arbeitsblättern oder digitale Lerntagebücher an. Anstatt gedrucktem Papier im BILLY-Regal sammelt man nun Listen mit Apps und Tools in Clouds. Mit Toolifizierung, möglichst häufig und viele neue Medien (wobei hier fälschlicherweise neue Medien mit Technik gleichgesetzt und Medien als Werkzeuge verstanden werden) einzusetzen, und Quizzifizierung, Wissen über den Nürnberger Trichter in Form von Quizzen zuzuführen, führte Lisa Rosa zwei Begriffe ein, die eine weitere Entwicklung kritisch beschreiben. Auch das populäre SAMR-Modell, das mit seiner niederen Einstiegshürde motivieren und als Brücke zu neuen Lehr- und Lernszenarien führen soll, klang für mich nur anfangs schlüssig. Mittlerweile befürchte ich, dass es ein falscher Ansatz ist, weil er den Fokus auf das Digitale lenkt und Phänomene wie Toolifizierung und Verquizzung nicht nur begünstigt, sondern echte Innovation bremst, wenn nicht sogar verhindert. Das gängige Argument klein anzufangen kann zu klein denken verleiten und die mögliche Überforderung der neuen Technik, die das stufenweise Heranführen begründet, wird meiner Meinung nach mit Neues zu denken verwechselt.* Die Bezeichnung Digitale Bildung hat sich zwar in den letzten Jahren als praktische Verkürzung für Ankündigungen von Veranstaltungen, Vorträgen, Fortbildungen und auch als Hashtag durchgesetzt, trägt aber einen Teil dazu bei, dass notwendige Neuerungen in der Bildung, bedingt durch den digitalen Wandel, gedanklich auf ein digitales Add-on reduziert werden. Deshalb fordern manche auch gerne ein neues Fach oder eine neue Kompetenz, die zum bisher Bestehenden einfach hinzufügt werden soll. Ich glaube, dass es einen anderen Begriff benötigt, der zum Denken im großen Ganzen anregt. Meine vor Monaten verfasste, kurze Begründung, weshalb ich mich für zeitgemäße Bildung entschieden habe, möchte ich um folgende Punkte ergänzen:

  • weil zeitgemäße Bildung einen nie endenden Entwicklungsprozess beschreibt
  • weil zeitgemäße Bildung sich an aktuellen Herausforderungen misst
  • weil zeitgemäße Bildung für eine Gesamtbetrachtung steht
  • weil zeitgemäße Bildung immer wieder eine Reflexion einfordert
  • (weil zeitgemäße Bildung uns das Bildung 2.0, 4.0 und x.0 erspart)

(Seit einem halben Jahr begleitet mich dieser Ausdruck bei allen Gedankengängen und hat bisher jeder erneuten Überprüfung standgehalten.)

Wofür steht zeitgemäße Bildung?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.52Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie sucht in einem neuen Lehr- und Lernverständnis nach Antworten auf alle Fragen, die sich aus den oben angerissenen Legitimationen stellen. Lernen als lebenslanger Prozess, der nicht an Zeit und Ort gebunden ist und in einem persönlichen Lernnetzwerk stattfindet. Das 4K-Modell des Lernens sehe ich momentan als eine Möglichkeit, junge Menschen auf das vorzubereiten, das sie heute und morgen erwartet. Was ich darunter verstehe, habe ich hier verschriftlicht. Zeitgemäße Bildung unterscheidet beim Lernen nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung. Das Web nimmt dabei eine bedeutende Funktion ein. Die Rolle des Lehrenden und Lernenden ist flexibel und kann wechseln. Zeitgemäße Bildung braucht Räume für Lernprozesse mit Trial and Error. Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen. Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen. Zeitgemäße Bildung leitet eine Epoche der zweiten Aufklärung ein und strebt eine Mündigkeit an, die unsere Gesellschaft aus der Beobachterstellung befreit und zur Mitgestaltung des digitalen Wandels befähigt.  Beginnen wir damit.

 

*In einer Barcamp-Session an meiner Schule tauschte ich mich mit meinem Kollegium, das bezüglich Thematik rund um den digitalen Wandel keine führende Rolle spielt, zu zeitgemäßer Bildung aus. Dabei unterschieden sich ihre Fragen und Folgerungen stark von denen der Digitale Bildung-Community im Netz. Es ging um gesellschaftliche Veränderungen und wie man ihnen begegnen kann. Es ging nicht um Apps oder mobile Endgeräte, sondern um Menschen, Ethik oder Umwelt. Alles wurde in Frage gestellt und Neues angedacht. Eine Überforderung konnte ich nicht feststellen – im Gegenteil. Sie hatten Spaß daran, gedanklich auszubrechen und nach möglichen Lösungen in unserem Rahmen zu suchen. In der über Jahre geführte Debatte im Netz, wie man in Schulen Digitale Bildung vorantreiben kann, traf ich häufiger auf den Standpunkt (den ich auch lange Zeit vertrat), dass neben den der fehlenden Technik die Überforderung ihrer Anwendung die größte Hürde sei. Dass der digitale Wandel nicht als kulturelle Revolution wahrgenommen wird, liegt vielleicht aber auch daran, dass man ihn durch den Fokus auf die Technik in eine Nische gedrängt hat, der den Blick auf die Gesamtheit erschwert. Möglicherweise werden die vielen Lehrer_innen, die noch nicht im Web populär stattfinden, die kritische Masse für zeitgemäße Bildung einleiten, weil sie sich an der gesellschaftlichen Notwendigkeit und den daraus resultierenden Fragen orientieren. Gestern sprach ich in einem Podcast mit Jöran über diese These, die er mit folgendem Satz zusammenfasste: Die Speersitze der Digitalen Bildung wird nicht die der zeitgemäßen Bildung sein.

d64_breitMit einem ausführlichen Impulsvortrag zur Fragestellung Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir? leitete Lisa Rosa vor einem bunt gemischten Publikum die vierte D64-Veranstaltung aus der Reihe Lernen in einer digitalisierten Welt ein. Dabei analysierte sie den bisherigen Einsatz neuer Medien, erläuterte das Erreichen einer neuer Kulturstufe, definierte einen neuen Lernbegriff, eröffnete mögliche Wege der Entwicklung im Bildungsbereich und schloss mit möglichen Lösungsansätze ab. Eine kurze Zusammenfassung, orientierend an den Überschriften aus Lisas Prezi, und ein Einblick in einen gelungenen Abend. (Im Anschluss wurde ich von Julien Bender zum Thema Bildung im digitalen Wandel interviewt. Hier das Ergebnis.)

Neue Medien = neue Mittel für besseres Lernen?

Die kurze Version Lisas Antwort war, dass Neue Medien nicht zwangsläufig zu besserem Lernen führen – im Gegenteil. Das verdeutlichte sie durch ein YouTube-Video eines aufgezeichneten Unterrichts, in dem ausschließlich mit iPads und zahlreichen aneinandergereihten Apps das Thema Demokratie abgehandelt wurde. Bildschirmfoto 2017-03-24 um 09.58.29(Leider kann ich diese Aufzeichnung hier nicht verlinken, weil sie mittlerweile gelöscht wurde.) Als zweites Beispiel verwies sie auf die Learning Snacks, in denen man Wissen als leicht verdauliche Häppchen konsumieren kann. Wenn Bisheriges auf Tools und Quizze reduziert wird, verleiht es zwar manchem Unterricht einen innovativen Antlitz, führt aber zu einem Rückschritt, weil vor dem digitalen Wandel das Ziel im Raum stand, Schüler_innen von ihren Fragen ausgehend aktiv am Unterricht zu beteiligten und mitgehalten zu lassen. Mit der Toolifizierung, möglichst häufig und viele neue Medien (wobei hier fälschlicherweise neue Medien mit Technik gleichgesetzt und Medien als Werkzeuge verstanden werden) einzusetzen, und der Quizzifizierung, Wissen über den Nürnberger Trichter in Form von Quizzen zuzuführen, führte Lisa zwei Begriffe ein, die diese Entwicklung kritisch beschreiben sollen.

Neues (Leit-)Medium = neue Kulturstufe

Das Bild von Barrett Lyon, das als Ergebnis eines Projekts 2003 die Visualisierung des World Wide Webs darstellt, wäre heute ein anderes – um ein vielfaches vernetzter und wahrscheinlich ohne erkennbare Zwischenräume. Damit leitete Lisa über zum Erreichen einer neuen Kulturstufe und verweist auf Gieseckes Innovationsspirale, in der neue Kommunikationsformen und (technische) Medien zu neuen Weltbildern und Identitätskonzepten und neuen Wahrnehmungsprogrammen führen, die wiederum neues Wissen über unsere Umwelt schaffen und umgekehrt. Man kann das am Beispiel von Smartphones bzw. Tablets und sozialer Netzwerke durchspielen. Mobile Endgeräte und Social Media begünstigen, dass wir zunehmend globaler kommunizieren, denken und uns selbst wahrnehmen. Dieses neue Wissen über die Umwelt führt zu neuen Wahrnehmungsprogrammen, die an neue Kommunikationsformen und Medien geknüpft sind, wie z.B. Augmented Reality oder künstliche Intelligenz. Und so dreht sich die Spirale immer weiter.

Neuer Wissens- und Lernbegriff

Die durch neue Medien hinzugewonnenen Möglichkeiten Wissen zu generieren und zu lernen benötigen auch ein neues Verständnis. Zwei Vorstellung gilt es dabei (in Schulen) zu überwinden:

a.) Wissen erlangt man, indem man Informationen, wie Häppchen, aufnimmt.

b.) Diese Aufnahme führt zwangsläufig zu objektiviertem Wissen.

Die bisher gängige Vorstellung von objektiviertem Wissen stößt im digitalen Wandel vollends an ihre Grenzen und lässt große Teile der Gesellschaft verzweifeln, indem zum Beispiel bisherigen Fakten “alternative“ entgegengestellt werden. Wissen kann nicht von Emotionen befreit werden, sondern stellt einen stets subjektiven und kognitiven Prozess dar, der zusätzlich von Kontext, Situation oder Urteilskraft abhängt. Diese unterschiedlichen Perspektiven beim Wissensprozess spielen eine zentrale Rolle. Nur wenn sie erkennbar, verhandelbar gemacht und zur Kritik gestellt werden, kann eine Objektivierung erfolgen. Ansonsten erhalten wir beliebige bzw. “alternative Fakten“. Deshalb benötigen junge Menschen die Kompetenz, in Informationen die anhaftende und hinzugefügte Bedeutung zu erkennen und sie im Kontext zu verstehen.

Scheideweg – zwei Richtungen

Lisa stellte bezüglich neuer Medien zwei Richtung aus dem Bildungsbereich vor, in der man sich dieser Thematik annimmt.

  • Auf der einen Seite gibt es das Interesse, damit Geld zu verdienen. Das kann auf unterschiedliche Weise erreicht werden. Zum Beispiel über Software, die alles, was Lernende am Rechner machen, verfolgt und auswertet, um ihm im Anschluss die nächste maßgeschneiderte Aufgaben zu stellen. In manchen Bildungsfilterblasen sozialer Netzwerke wird solchen Szenerien entgegengefiebert. Lisas kritisierte die nicht selten verwendete und irreführende Etikettierung dieser Art zu lernen mit dem Begriff Individualisierung und sprach sogar von Entmündigung, weil an einen Algorithmus Verlauf und Auswahl abgegeben werden. Die Bridge International Acadamies wurden als weiteres Beispiel für Profit-Interessen genannt. Hier werden vom US-Unternehmen Schulen in Indien, Kenia, Liberia, Nigeria und Uganda gebaut, mit Technik ausgestattet und getrackt. Bildung wird abhängig von Renditeerwartungen aus dem Ausland.
  • Auf der anderen Seite sieht Lisa eine emanzipatorische Bewegung, die aus gesellschaftlichem Interesse junge Menschen dazu befähigen möchte, bereits bestehende und noch kommende Herausforderungen zu meistern. Um herauszufinden, was es dazu braucht, stellte Lisa vier Fragen:
  1. Was kann der Computer nicht?
  2. Was ist spezifisch menschlich?
  3. Was ist nicht berechenbar?
  4. Was wird heute gebraucht?

(Wen die Antworten aus dem Vortrag interessieren, findet sie in Lisas oben verlinkter Prezi oder in der hier auf YouTube hochgeladnen Aufzeichnung.) Diese Fragen gehören meiner Meinung nach nicht nur im Bildungsbereich, sondern innerhalb der gesamten Gesellschaft diskutiert. Lisa Rosa hat mit ihrem Text und Vortrag in Freiburg einen ordentlichen Beitrag dazu geleistet. Vielen Dank dafür.

Die Antwort auf die Frage, welche digitale Bildungsrevolution wir wollen, kann nur im Austausch mit anderen geklärt werden und scheint mir im Sinne zeitgemäßer Bildung nie endend und von anderen abweichend zu sein. Wer sich mit dem Thema weiter auseinandersetzen möchte, darf sich auf den Austausch mit dem nächsten Referenten und Bildungsdesigner Christoph Schmitt freuen. Das genaue Datum und weitere Infos zur kommenden Veranstaltung aus der Reihe Lernen in einer digitalisierten Welt werde ich in einem neuen Blogbeitrag bekanntgeben.

 

 

Das Flipped Classroom-Konzept und Erklärvideos bei YouTube haben in den letzten Monaten eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit erhalten. Diese Beiträge möchte ich mit einigen Gedanken und Fragen, die ich mich das vergangene Schuljahr beschäftigten, ergänzen. Das Unterrichtskonzept und die YouTube-Videos bzw. Erklärvideos werden hier differenziert betrachtet.

A.) Das Unterrichtskonzept Flipped Classroom

Weil ich Sebastian Schmidt nicht nur aus dem Web kenne, habe ich seine Erklärung ausgewählt, um eine inhaltliches Verständnis zu schaffen, auf das ich mich im Anschluss beziehen möchte. Dieses Konzept besagt, dass der klassische Unterricht umgedreht bzw. geflipped wird, indem der Lehrende ein Lernvideo mit dem minimalen Lernziel der Unterrichtsstunde erstellt, das von den Schüler_innen Zuhause als Vor- oder Nachbereitung angesehen wird. Beim Anschauen kann eine Aktivierung durch ein zusätzliches Quiz erfolgen. Folgende Vorteile werden dabei in seinem Erklärvideo benannt:

Lernende

  • können selbst entscheiden, wann sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, wo sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, wie häufig sie es anschauen möchten
  • können selbst entscheiden, in welchem Tempo (Pause-Taste oder Zurückspulen) sie es anschauen möchten
  • lernen Selbstverantwortung für ihr Lernen zu übernehmen

Lehrende können dadurch

  • den Unterricht schülerzentriert öffnen
  • mehr Zeit in Einzelgespräche investieren
  • Entlastung erfahren (auch beim Lehrer-Schüler- und Lehrer-Eltern-Verhältnis)

Zu unterscheiden sind hierbei der InClass-Flip, der Half-Flip und der gängige bereits beschriebene Flipped Classroom. Beim InClass-Flip sieht man sich, wenn Unterstützung nötig sein sollte, ein Video im Unterricht an. Beim Half-Flip wird über das Video die schriftliche Ergebnissicherung nach Hause verlegt. Wenn der Unterricht komplett mit diesem Konzept durchgeführt wird, entsteht ein transparentes digitales Klassenzimmer mit allen jederzeit verfügbaren Inhalten. Der Lehrer und das Lehrer-Schüler- bzw. Lehrer-Eltern-Verhältnis sollen dadurch entlastet werden. Sebastian Schmidt spricht von einem innovativen Konzept, das den Unterricht effizienter und kommunikativer macht und schließt mit dem Tipp ab, einfach auszuprobieren und den Unterricht damit zu gestalten. Es gibt eine wachsende deutschsprachige und hier aufgelistete Flipped Classroom-Community, die sich nicht nur auf sozialen Netzwerken, sondern auch auf Veranstaltungen über den Einsatz in allen Fächern austauscht.

Grundsätzlich tendiere ich nicht zur Bezeichnung Lernvideo, weil es nicht meinem heutigen Verständnis von Lernen entspricht. Nach Lisa Rosas Blogbeitrag würde man diese Auffassung von Lernen, Stoff aufzunehmen, zu behalten und anzuwenden, dem 19. Jahrhundert zuordnen. Den Begriff Input, der mir ebenfalls im Flipped Classroom-Kontext häufiger begegnet ist, schätze ich ebenfalls als keine zeitgemäße Vorstellung von Lernen ein, weil er sich mit dem Bild des Nürnberger Trichters deckt. Erklärvideo trifft es meiner Meinung nach am ehesten. Ich habe letztes Schuljahr Sebastians Rat befolgt, Erklärvideos erstellt und im Unterricht eingesetzt. Deshalb kann ich die von ihm benannten Vorteile bestätigen, bis auf die Entlastung durch den Fundus an Erklärvideos oder beim Verhältnis zu den Schüler_innen oder Eltern. Sicher nimmt der Aufwand mit einkehrender Routine enorm ab, was ich leider mit dem Abbruch meines Flipped Classroom-Projekts nach bereits zwei Videos nicht beurteilen kann. Der Abbruch erfolgte, weil ich mir drei Fragen in folgender Reihenfolge stellte:

  1. Lohnt sich der Aufwand?
  2. Was erreiche ich mit Flipped Classroom im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise?
  3. Welches Lernen möchte ich mit meinem Unterricht erreichen?
Lohnt sich der Aufwand?

Mit vollem Deputat, in einigen Projekten in und außerhalb von Schule involviert, ehrenamtlich an vielen Stellen aktiv und mit vier Kindern war der Aufwand, kontinuierlich Erklärvideos zu erstellen, für mich nicht leistbar. Trotzdem spielte ich das ganze Schuljahr über gedanklich in allen Fächern durch, was ich am besten wie verfilmt hätte und verglich es mit dem stattgefunden Unterricht. Den Fokus richtetet ich auf didaktische Fragen. Das Ergebnis war, dass mir das Flipped Classroom-Konzept nur in einem Fall (fach-)didaktisch und pädagogisch sinnvoll begründet schien: Bei der Auslagerung von Informationen, die zwangsläufig vorgegeben werden müssen. Dieser Fall trifft umso seltener ein, je mehr man sich vom rezeptiven Lernen verabschiedet. Deshalb verstehe ich das Konzept weder als innovativ noch als jeden Tag anwendbar. Ich musste mir in einer Zeit vor dem Internet, wie wir es kennen, als Schüler Zuhause Texte durchlesen und Aufgaben bewältigen, die anschließend im Unterricht gemeinsam weiter bearbeitet, vertieft oder kontrovers diskutiert wurden. Auch hier konnte ich im gleichen schulischen Rahmen entscheiden, wann, wo, wie häufig und in welchem Tempo ich das erledigen möchte. Das Erklärvideo unterscheidet sich dadurch, dass es sich in einem den Lernenden vertrauten sozialen Netzwerk befindet und Kommunikation und Kollaboration zeitgemäßer ablaufen könnten. Dieses Potenzial liegt meiner Einschätzung nach noch brach. Ich befürworte aber grundsätzlich die schon ältere Idee, Räume in der Schule zu schaffen, in denen mehr Fragen, Probleme oder persönliche (Einzel-)Gespräche stattfinden können. Das kann auch Flipped Classroom leisten, aber auf welche Kosten?

Was erreiche ich mit Flipped Classroom im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise?

Ich möchte das an einem konkreten Beispiel deutlich machen. Beim Thema Kreisumfang kann man alles, wie in diesem Video, in knapp vier Minuten packen und schafft so Zeit für Übungs- und Vertiefungsaufgaben in der Präsenzphase (So wird bei diesem Konzept die Zeit in der Schule genannt). Im Gegensatz dazu dürfen meine Schüler_innen selbst unterschiedlich große Kreise zeichnen, mit dem Kopfhörer-Kabel (oder Wollfäden, die ich mitbringe) jeweils den Umfang und Durchmesser messen und nach der Think-Pair-Share-Methode zuerst alleine, dann in ihrer Gruppe und später an der Tafel mit der Klasse ihre gemachten Beobachtungen, erkannten Zusammenhänge und berechneten Ergebnisse diskutieren. Dabei erfahren sie selbst das Verhältnis zwischen Durchmesser und Umfang von Kreisen und stellen die allgemeine Formel für die Berechnung des Umfangs auf. Dieses Vorgehen kostet eine gute halbe Stunde. Die von Schüler_innen gewonnene Erkenntnisse sind aber aus Erfahrung nachhaltiger. Unabhängig davon finde ich immer wieder die Diskussionen bzw. die Fehleranalysen, weshalb manche Ergebnisse stärker von der 3,14 abweichen, für kritisches und naturwissenschaftliches Denken und Arbeiten unabdingbar. Mit dem im Erklärvideo gewählten Zahlen findet das nicht statt.
training-1848689_1920.jpgWenn Schüler_innen krank waren oder Lerngegenstände wiederholen möchten, leisten ihnen Erklärvideos gute Dienste, im bestehenden Schulsystem. Das geschieht aber in der Regel aus Zeitgründen ohne Einbettung in den Unterricht. Für diesen Fall würde eine Sammlung mit Videos bei YouTube ausreichen. Deshalb kommen an dieser Stelle in der Praxis auch Angebote wie TheSimpleClub oder MrWissen2go ins Spiel. Dazu aber später mehr. Wenn ich Klassen auf die bestehenden schriftlichen Prüfungsformate in Mathematik, die ich auch nicht in absehbarer Zeit verändert sehe, gut vorbereiten möchte, kann ich es nachvollziehen, dass sich Kolleg_innen gerade in den höheren Klassen für dieses Konzept durchgehend entscheiden, um ihren Unterricht effizienter darauf ausrichten zu können. In Fächern wie Geschichte oder Chemie, die ich auch unterrichte, fehlt mir dieses Verständnis. Mehr Zeit für den Unterricht zur Verfügung zu haben bedeutet übrigens auch nicht, dass diese automatisch anders oder (wie als Vorteil oben benannt) schülerzentrierter als zuvor genutzt wird. Ich erhielt beim EduCamp in Bad Wildbad von einem viel gebuchten und wohl bekannten Flipped Classroom-Duo Einsichten in deren Unterricht, die mich (diplomatisch formuliert) didaktisch nicht sehr überzeugten. Generell erlebe ich das Thema Flipped Classroom sowohl im Netz als auch bei Veranstaltungen mit starkem Fokus auf die Technik. Vielleicht liegt das daran, dass es Spaß macht, ein eigenes Video zu erstellen, das sichtbar ist bzw. greifbar scheint. Ich habe mir mal sagen lassen, dass viele Lehrer_innen aus psychologischen Gründen neben der Schule häufig einer praktischen Arbeit bzw. Hobby nachgehen, weil ihnen in ihrem Beruf das sichtbare Produkt am Ende fehlt. Das könnte zumindest eine Theorie sein, weshalb ich von der Präsenzphase, die für mich in diesem Konzept das wichtigste Element darstellt, im Vergleich zu den Videos bisher wenig bis gar nichts erfahre. Hier hoffe ich zukünftig auf mehr Anregungen zu stoßen. Ich kann mir weiterhin gut vorstellen, Flipped Classroom im Rahmen von zeitgemäßer Bildung punktuell und gezielt einzusetzen. Als durchgängiges Unterrichtskonzept kommt es für mich aus den oben aufgeführten Gründen aber nicht in Frage.

Welches Lernen möchte ich mit meinem Unterricht erreichen?

4K_ModellSeitdem ich auf das 4K-Modell des Lernens gestoßen bin, versuche ich fachunabhängig mit allen mir zur Verfügung gestellten und selbst einbringenden Ressourcen Lernprozesse mit zeitgemäßer Kommunikation, Kollaboration, kritischem Denken und Kreativität zu ermöglichen und zu verankern. Mich beschäftigt dabei auch die Frage, wie man mehr Partizipation im bestehenden Unterricht und System erreichen kann. Das gelingt mir manchmal über eine freie Wahl von Themen, Arbeits- und Präsentationsformen oder dem Einbeziehen der Lebenswelt junger Menschen. Das Flipped Classroom-Konzept sehe ich in diesem Zusammenhang noch in keiner bedeutenden Rolle. Vielleicht wird sich das irgendwann durch eine Entwicklung der bereits erwähnten Potenziale ändern.

B.) YouTube macht Schule

film-589491_1920Wenn man auf den YouTube-Kanal von MrWissen2go geht, erscheint direkt schon das erste Erklärvideo, indem Mirko Drotschmann damit wirbt, alles verständlicher als mancher Lehrer zu erklären. Mit über 500 000 Abonnenten hat er, neben Daniel Jung mit ca. 290 000 Abonnenten und TheSimpleClub mit ca. 85 000 Abonnenten, die Nase vorn. Ich nenne diese drei Erklärvideo-Kanäle, weil sie zumindest in meiner Schule zu den bekanntesten im Kontext mit Schulwissen gehören. Sie vereint auch, dass sie sich bewusst als Gegenspieler zur Schule positionieren, um so einfach Sympathiepunkte zu ernten. Schließlich finden alle Schule doof. Dass man mit Klicks bei YouTube auch Geld verdienen kann, ist schon lange kein Geheimnis mehr; wobei die größeren Beträgen wohl bei den daraus resultierenden zusätzlichen Plattformen, anderen Angeboten jeglicher Art oder Auftritten als Referent bzw. Experte zum Thema Bildung erzielt werden. So wundert es nicht, dass hier eine Marktlücke im deutschsprachigen Raum entdeckt und besetzt wurde. Die Süddeutsche Zeitung fragte hier vor kurzem, ob diese Angebote aber auch gut für die Schüler seien. Christian Spannagel und Karsten Wolf haben das in diesem Artikel, meiner Meinung nach mit überzeugenden Argumenten, bejaht. Ich bin mir nicht sicher, wie viel verletzter Ego dazu beiträgt, dass Erklärvideos noch (gefühlt) überwiegend negativ von Lehrenden bewertet werden. Mich persönlich irritiert es nur, wenn die Macher als Bildungsexperten oder Bildungsrevolutionäre bezeichnet werden oder sich sogar selbst als solche bezeichnen. Dafür sind sie mir in der Regel zu monothematisch aufgestellt. Und als Vordenker kann ich sie nicht sehen, weil sie Salman Khans Idee kopiert haben.

Manche Clips lassen sich aus Lehrerperspektive gut in den Unterricht integrieren, manche weniger. YouTube ist ein soziales Netzwerk, in dem sich junge Menschen täglich bewegen, was umso mehr dafür spricht, es in den Unterricht miteinzubeziehen. Fehler und falsche Inhalte sehe ich als Herausforderung und kein Problem. Angebote zu filtern und auf Qualität zu prüfen gehört zu den Kompetenzen, die heute schon dringend notwendig sind. Auch die Transparenz der technischen und wirtschaftlichen Mechanismen dahinter finde ich nicht weniger wichtig. Mittendrin in diesem YouTube-Szenario stößt man auf Lehrer_innen, die nun in Konkurrenz zu MrWissen2go & Co auftreten und die Welt auch außerhalb der Schulzeit erklären möchten. Ob das sein muss, bleibt jedem selbst überlassen. Hoffentlich ist allen dabei bewusst, dass sie auch im Netz ihrer Vorbildfunktion nachkommen sollten. Das kann spätestens dann schwierig werden, wenn sie der Verlockung von Fame und Reichweite als Maxime verfallen.

IMG_28462015 wurde im Auftrag vom Langenscheidt-Verlag Smombie zum Jugendwort des Jahres gewählt. Wie so viele andere Jugendwörter des Jahres stand auch dieses im Verdacht, speziell für diese Wahl kreiert worden zu sein. Wer auch immer es in die Welt gesetzt hat, hat damit dem negativen Einfluss von Smartphones und soziale Netzwerken ein Bild verliehen, das sich bis heute unwiderruflich in viele Köpfe gebrannt hat. Die seelen- und willenlosen Wesen, die auf zu kleine Bildschirme starren, an denen das echte Leben völlig vorbeizieht, prägen so mache Debatte in Schulen und Elternhäusern. Dabei dürfen auch die Themen Cyber-Mobbing, Cyber-Sucht bzw. -Cyber-Kranksein, digitale Demenz, Sexting, Grooming, Porno-Content, Narzissmus und Selbstinszenierung oder auch gerne mal in diesem Kontext der Rundumschlag mit der allgemeinen Verrohung der Gesellschaft nicht fehlen. Weshalb gibt es so wenig positive Narrative in Bezug auf Smartphones und soziale Netzwerke? Wahrscheinlich liegt ein Teil der Antworten in diesem zeitlosen Text von Kathrin Passig. Vielleicht braucht es auch einfach mehr Menschen, die neue Bilder zeichnen. Bilder, die einladen, sich auf Neues einzulassen, zu forschen und zu entdecken, zu beobachten und nachzufragen und im besten Fall mitzumachen. So ein Bild zeichnet Stephan Porombka mit seinem neuen Buch ES IST LIEBE und greift ein Thema auf, das wichtiger nicht sein könnte und doch bisher kaum in Erscheinung tritt. Wie lieben wir in Zeiten von Snapchat, WhatsApp, FaceTime oder Instagram? Was ist neu und was ist geblieben? Was macht das mit uns und denen, die wir lieben? Ein Buch, das Liebe betrachtet, bewahrt und bewegt. Für mich bietet es zusätzlich eine Möglichkeit mit jungen Menschen in der Schule ins Gespräch zu kommen, um gemeinsam das zu diskutieren, das unser aller Leben ausmacht: Es ist Liebe.

Letzten Freitag fand an meiner Schule der pädagogische Tag statt: Eine schulinterne Fortbildung, an der alle Lehrenden verpflichtend teilnehmen müssen. Nur diese Mal lief alles etwas anders ab, weil wir uns entschieden hatten, den Tag als Barcamp durchzuführen. Mit diesem Beitrag möchte ich die Entstehungsgeschichte, Planung, Umsetzung und Reflexion der Veranstaltung transparent machen und so vielleicht auch andere Schulen dazu ermuntern, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. (Wer das Format noch nicht kennen sollte, findet hier die wichtigsten Infos.)
Als vor einigen Monaten an den Termin für den pädagogischen Tag erinnert wurde und die Frage nach dem Wie und Was im Raum stand, schlug ich ein Barcamp zum Thema Schulentwicklung vor. (Über die Idee, ein Barcamp zum Thema Schulentwicklung an der eigenen Schule zu veranstalten, stolperte ich bereits 2015 bei Felix Schaumburg und wurde letzten Monat von Marc Albrecht daran erinnert.) Im Vorfeld fiel der Begriff hin und wieder im Lehrerzimmer, weil ich mit einigen Kolleg*innen über das SMV Barcamp oder das EduCamp in Bad Wildbad gesprochen hatte. Erfahrung hatte aber nur eine Kollegin vorzuweisen. Mit ihr und einem weiteren Mitstreiter, der an der Idee sehr interessiert war, erläuterte ich im Plenum zuerst das Konzept des Formats. Das funktionierte natürlich nur bedingt, weil es trotz Beispiele und Vergleiche stets nur eine Beschreibung blieb. Ähnlich wie bei einem Stadion- oder Konzert-Besuch: Nur das Erlebnis selbst kann eine einzigartige Stimmung vermitteln. Die Euphorie, die Barcamps bei zweien von uns freigesetzt hatte, konnte zumindest ausreichend Interesse bei den anderen wecken. Bei der Besprechung des Ablaufs mit dem Kollegium bewährte es sich, den Rahmen und die Regeln des Formats lediglich vorzustellen und nicht als festgelegt zu setzen. Nachdem wir alle Vorteile hervorgehoben hatten, wurden Änderungsvorschläge kontrovers diskutiert. Erste Wünsche, die Themen im Vorfeld schon zu formulieren und abstimmen zu lassen, wurden von der Mehrheit mit den Argumenten „den Kontrollverlust zu wagen“ und „sich auf das Original-Format einzulassen“ überstimmt. Am Ende einigte man sich auf ein klassisches Barcamp mit dem Oberthema Schulentwicklung, das inhaltlich einen großen Spielraum bietet.

Bedenken

Bei allen drei Barcamps, die ich dieses Jahr mitorganisiert und -umgesetzt hatte, quälten die Verantwortlichen in etwa dieser Reihenfolge immer die gleichen Fragen: Kommen genügend Leute? Werden genug, vielfältige und qualitativ ausreichend gute Sessions angeboten? Werden die Anwesenden ihre (von Fortbildung gewohnte bzw. antrainierte) Konsumentenhaltung verlassen (können)? Mit der verpflichtenden Teilnahme am pädagogischen Tag konnte die Antwort auf die erste Frage den Druck ein wenig mildern. Die anderen beiden Fragen beantwortete ich bei der Konzept-Präsentation im Plenum mit Ja und begründete das mit meiner Erfahrung unserer bisherigen schulinternen Fortbildungen: Immer wieder fand ich die Beiträge meiner Kolleg*innen und den Austausch mit ihnen interessanter als die, der eigentlichen Referent*innen und hatte das Gefühl, dass dafür nicht ausreichend Raum zur Verfügung stand. Unser Kollegium und die Schulleitung habe ich in meinen ersten beiden Jahren als besonders engagiert, inhaltlich breit aufgestellt und offen erlebt. Mehr als günstige Voraussetzungen für ein erfolgreiches Barcamp.
Die Freiheit, das zu tun, worauf man Lust hat und die Möglichkeiten und Wünsche sich einzubringen sind Elemente, die bei diesem Format in der Regel ein besonderes Gefühl bei den Einzelnen und in der Gruppe auslösen. Ob und wie stark dieses Barcamp-Feeling in so einem schulischen Rahmen entstehen kann, war die Frage, die mich beschäftigte.

Planung

  • Die zeitliche Planung erfolgte in Abstimmung mit der Schulleitung und dem Buffet-Team.
  • Da unser Kollegium aus ca. 30 Lehrer*innen besteht, kalkulierte ich mit drei Räumen bzw. parallelen Sessions pro Slot. (Ein vierter Raum diente als Plan B, falls sich doch mehr Themen und kleinere Gruppen finden sollten.)
  • Den Sessionplan habe ich aus drei Gründen auf einer Pinnwand mit Kartonpapier und nicht digital für alle verfügbar vorbereitet:

a.) Wir haben (noch) kein WLAN in allen Zimmern bzw. können mit einem Nano-Router zehn bis zwölf mobile Endgeräte mehr schlecht als recht versorgen. Nur ein paar Kolleg*innen hatten zuvor schon einmal mit GoogleDocs oder Etherpads gearbeitet. Auf diese potentielle Stress- und Frust-Quelle habe ich deshalb bewusst verzichtet.

b.) Man hätte (z.B. mit GoogleDoc) in einen rechtlichen Grenzbereich bezüglich der Datenschutz-Vorgaben in Baden-Württemberg kommen können.

c.) Den digitalen Wandel berücksichtigende und nutzende zeitgemäße Lehr-und Lernformen stehen bei uns noch am Anfang. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass durch zu schnellen und zu viel Technikeinsatz eher Gräben als Brücken entstehen. (Die häufigste Rückmeldung nach dem Barcamp bezog sich auf meine überraschenderweise noch vorhandene und wohl ansehnliche Handschrift. Man muss dazu wissen, dass mich mein Kollegium in gefühlt 120% aller Fälle auf einem Smartphone, Tablet oder Laptop schreiben sieht, wenn ich nicht gerade Sprachnachrichten verschicke.)

  • IMG_8585Das überragende Buffet, das mit der aula-Eule auch unser großes Schulprojekt würdigte, wurde von mehreren Kolleg*innen organisiert, die dadurch ihren Geburtstag mit uns nachfeierten.
  • Für die Dokumentation stellte die Schulleitung jeweils einen Laptop in die drei Räume. Für die Protokolle wurde folgende Struktur vorgestellt: Name der Session, Session-Anbieter*in, Protokollant*in, Dokumentation (Mitschriften, Zitate, Materialverweise, Ergebnisse…) und ein Fazit der Session in maximal zwei Sätzen. Ich entschied mich gegen einen Unterpunkt, in dem der nächste Schritt für die Umsetzung der Idee und die dafür Zuständigen festgehalten werden sollten, um den Grad an Freiheit möglichst groß zu halten.
  • Einige Leute hatten ihren Laptop oder ihr Tablet dabei, weil ich sie für meine Session darum gebeten hatte. Sie wurden aber auch für persönliche Notizen genutzt. Der Sessionplan wurde von den meisten mit einem Smartphone abfotografiert und danach zur Orientierung in den Gang gestellt. Zwei (der drei) Räume waren für Vorträge mit Beamer und Laptop ausgestattet.
  • Durch den Entfall der gegenseitigen Vorstellung hatten wir mehr Zeit für die Barcamp-Regeln und Speaker*innen-Runde. Vielleicht wäre es trotzdem interessant gewesen, eine thematische Belegung mit drei Hashtags zu machen, um die verschiedenen Vorbereitungen bzw. Erwartungen zu erfahren. Weil ich aber nicht wusste, wie kurz tatsächlich die „kurz gewünschten die Session-Vorstellungen“ ausfallen würden, verzichtetet ich darauf. Mir war es wichtig, nicht zur ersten Session zu hetzen oder mit einem zeitlichen Verzug beginnen zu müssen.
  • Besonders betont hatte ich, darauf zu achten, dass zu Beginn jeder Session zuerst geklärt wird, wer das Protokoll schreibt, Vorträge nach maximal 20 Minuten enden sollen, der Austausch im Mittelpunkt steht und man jederzeit den Raum verlassen kann, wenn der Verlauf nicht den Erwartungen entsprechen sollte. Eine Mindestgruppengröße wurde nicht kommuniziert, obwohl ich gute Erfahrungen mit der Gruppendynamik ab fünf Personen gesammelt hatte. Hier setzte ich auf das Interesse an der eigenen Sache, auch selbst bei einer Partnerarbeit etwas für die Schulentwicklung leisten zu wollen.
  • Am Ende des pädagogischen Tages sollte der tatsächliche Ablauf gemeinsam reflektiert und über ein weiteres Vorgehen diskutiert werden.

Umsetzung und Reflexion

FullSizeRenderEs war großartig. Etwa ein Drittel des Kollegiums bot thematisch sehr unterschiedliche Session-Vorschläge, die man dem Bild entnehmen kann, an und füllte die drei (geplanten) Räume alle vier Slots. Es gab auch Angebote, die in der Speaker*innen-Runde aufgrund von mangelndem Interesse nicht stattfanden. In meiner ersten, etwas chaotischen Session verließen sogar nach wenigen Minuten ein, zwei Kolleg*innen den Raum, was mich alles persönlich sehr freute, weil dadurch das Format angenommen und unser offener und ehrlicher Umgang miteinander bestätigt wurde. Meinen Informationen nach variierte die Gruppengröße zwischen 5 und 15. In manchen Sessions wurde sehr konkret erarbeitet und festgehalten, wer, was bis wann erledigen muss, um die Idee umzusetzen und in manchen wurde “nur“ diskutiert; wobei ich ergänzen möchte, dass Impulse bzw. Denkprozesse, die „nur beim Diskutieren“ entstehen, weitreichende Folgen haben können und häufig unterschätzt werden. Spätestens in der großen Pause, als man sich in geselliger Runde beim Essen und Trinken über die ersten beiden Sessions austauschte, setze bei allen das von mir erhoffte Barcamp-Feeling ein und man war sich schnell einig, dass es nicht das letzte Barcamp sein würde. FullSizeRenderDas Feedback und die Reflexion fanden im Stuhlkreis statt. Neben der allgemeinen Begeisterung über die neue gewonnen Freiheit und Form der Zusammenarbeit und des Austausches wurde rückgemeldet, dass alles sehr konstruktiv und bereichernd ablief. Dass zwei Tage zuvor eine klassische schulinterne Fortbildung stattfand, erleichtere allen den Vergleich und unterstrich nochmal deutlich die Vorteile eines Barcamps. Die 45-minütige Begrenzung der Zeit wurde als wertvoll empfunden, weil man so leichter Abschweifungen, die bei Lehrer*innen wohl ab und zu vorkommen können, kontrollieren konnte. Auch das Öffnen des Barcamps für Externe (Lehrende anderer Schulen oder Interessierte aus völlig anderen Bereichen), um die Perspektiven zu erweitern, wurde vorgeschlagen. Einige formulierten den Wunsch, für gewisse Themen eigene Barcamps durchzuführen bzw. noch mehr Raum für die Fortsetzung der bereits geleisteten Ansätze zu erhalten. Es gründeten sich auch bei manchen Themen gleich Arbeitsgruppen, die unabhängig vom weiteren Vorgehen am Ball bleiben wollten. Die Bereitschaft und Motivation weiterzuarbeiten war berauschend. Dass die Schulleitung eröffnete, zukünftige Fach- und andere Konferenzen durch Barcamps bzw. offene Formate zu ersetzen war der krönende Abschluss des Tages. Am Ende blicke ich auf ein mehr als erfolgreiches Barcamp zurück, das als Format unsere Schule bzw. Schulentwicklung nachhaltig verändern hat. Das Wuseln durch die Gänge, auf der Suche nach dem richtigen Raum, Aussagen wie „Unsere Schulwelt muss sich noch mehr für den Lebenswelt unserer Schüler*innen öffnen.“ oder die Forderung nach mehr Projektarbeit, um den Herausforderungen des digitalen Wandels gerecht zu werden, kannte ich bisher nur von Barcamps, Blogbeiträgen oder Tweets der überschaubaren deutschsprachigen Bildungs-Community aus dem Web. Das an der eigenen Schule zu erleben hat mich sehr glücklich gemacht. Immer wieder fordere ich auf sozialen Netzwerken, dass es durch die Digitalisierung und deren gesellschaftlichen Umbrüche eine veränderte Form des Lehrens und Lernens benötigt und der Fokus dabei aber nicht auf der Technik, sondern der Denk-und Arbeitsweise von Menschen liegen sollte. Meine Schule mag technisch (noch) nicht die beste Ausstattung haben, aber Lehrende, die bereit sind neue Wege zu denken und zu gehen. Es hat sich gelohnt, den Kontrollverlust zu wagen. Vielleicht auch für eure Schule?

DSC03156Letztes Wochenende fand das EduCamp in der Landesakademie Bad Wildbad statt, zu dem knapp 200 Menschen aus allen Teilen der Republik (und Lichtenstein) angereist waren, um sich über Lehr- und Lernformen auszutauschen, die den digitalen Wandel nicht nur berücksichtigen, sondern dessen Potentiale auch nutzen. Dabei waren das offene Barcamp-Format, das Angebot und die Zusammensetzung in vielerlei Hinsicht besonders. Hier findet man noch die Workshops vom Freitag und die Sessionpläne und die Etherpad-Protokolle vom Samstag und Sonntag. Eine lockere, fast familiäre Stimmung und die bunte Mischung an Bildungsinteressierten prägten das 18. EduCamp. DSC02939In der Session zum 4K-Modell des Lernens diskutierten z.B. Schüler*innen, Lehrende, Leute aus Unternehmen, der non-formalen Bildung und dem Kultusministerium miteinander über neue Bildungskonzepte. Durch die Betrachtung der Herausforderungen aus allen Perspektiven erreichte nicht nur diese Debatte ein derart hohes Maß an Qualität, das man sich häufiger wünscht. Wir brauchen noch mehr Raum bzw. Möglichkeiten für Diskussionen auf Augenhöhe aller am (Schul)leben Beteiligten. Damit das zukünftig besser gelingen kann, rief ich dazu auf, sich in diese Liste einzutragen, um das EduCamp auch als Startschuss für regionales Netzwerken zu nutzen. Bernd Schinko und sein Team signalisierten nach dem erfolgreichen Auftakt, dass dabei die Landesakademie in Bad Wildbad auch weiterhin eine Rolle spielen wird.

Bildungsinteressierte Netzwerken in Baden-Württemberg
Man benötigt möglichst viele Verbündete, um die kritische Masse an Menschen zu erreichen, die notwendig ist, zeitgemäße Bildung auch an allen (Hoch)Schulen ankommen zu lassen. Die folgende Liste, die ich immer wieder aktualisieren werde, soll diese Suche und das Netzwerken erleichtern. Twitter hat sich in den letzten Jahren als DAS soziale Netzwerk für Bildungsinteressierte entwickelt. (Unter dem Hashtag #ecbw17 kann man alle Tweets zum EduCamp in Bad Wildbad in Ruhe nachlesen. Alle Tweets der letzten Woche hat Christiane freundlicherweise hier zusammengetragen.) Deshalb habe ich bestehende Accounts mit den Namen auf der Liste verlinkt. Außerdem schlage ich vor, zukünftig in sozialen Netzwerken unter #NetzBaWü Idee, Fragen, Projekte, Veranstaltungen oder sonstige Informationen bezüglich zeitgemäßer Lehr- und Lernformen mit regionalem Bezug übersichtlicher zu bündeln und auszutauschen. (Unser Nachbarbundesland macht das bereits seit einiger Zeit unter #BayernEdu.) Bildung sollte nicht mehr auf den Ort Schule und dessen zeitliche Vorgaben reduziert werden. Bildung ist ein lebenslanger Prozess, an dem wir alle von- und miteinander lernen.DSC03024

Die Liste ist nach Orten alphabetisch sortiert. Am Ende stehen am Netzwerk Interessierte anderer Bundesländern und Teilzeit-Baden-Württemberger*innen.

  • Bad Friedrichshall, Adrian Sauer, Realschullehrer, kontakt@herr-sauer.de
  • Bad Mergentheim, Ulf Neumann, Leiter KMZ Main-Tauber, Lehrer GS, SeminarGS
  • Bad Wildbad, Bernd Schinko, Leiter der Landesakademie Bad Wildbad
  • BadWildbad/Baden.Baden, Oliver Hintzen, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Ulrike v. Altrock, Landesakademie, Akademiereferentin, Lehrerin GMS, ulrike@von-altrock
  • Bad Wildbad, Astrid Pietschmann, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Nicolai Köhler, Schüler/Schülersprecher
  • Bad Wildbad, Andreas Erb, Landesakademie Bad Wildbad
  • Baden-Baden/Rastatt, Alexander Fischer, Leiter Medienzentrum Mittelbaden, Realschullehrer
  • Biberach Riß (Schemmerhofen), Tom Mittelbach, Fachlehrer GMS, Multimediaberater
  • Biberach Riß, Sebastian Stoll, Realschullehrer
  • Fellbach, Stefan Sasse, Akademie Fellbach, Gymnasiallehrer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde,
  • Freiburg, Dejan Mihajlovic, Realschullehrer
  • Freiburg, Philip Stade, Gymnasial-/Gemeinschaftsschullehrer (auf Suche)
  • Freiburg, Niclas Reuter, FSJ/Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg, Benedikt Sauerborn, Walter-Eucken-Gymnasium
  • Freiburg, Rebecca Davies, Koordinatorin Sprachpraxis, Englisches Seminar, Uni Freiburg, rebecca.davies@anglistik.uni-freiburg.de
  • Freiburg, Mark Engler, Technik KMZ Freiburg, mark.engler@kmz-freiburg.de
  • Freiburg, Peter Bergmann, Realschullehrer an Lessing-Realschule in Freiburg
  • Freiburg, Ernst Schreier, Netzwerkbetreuer, Droste-Hülshoff-Gymnasium Freiburg und Linux-Multi, schreier@dhg-freiburg.de
  • Freiburg, Jonathan Heimburger, Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg/Breisach, Olav Richter, Martin-Schongauer-Gymnasium Breisach, openreli.de
  • Gerabronn, Mandy Schütze, 1. Vorsitzende ZUM.de / Gymnasiallehrerin Geo/Ethik
  • Hardthausen am Kocher, Jörg Lohrer, Leitungsteam rpi-virtuell, Religionslehrer
  • Heidenheim, Daniel Mattes, Lehrer am Max-Planck-Gymnasium (Ch, Bio, NwT, Phy)
  • Karlsruhe/Rastatt, Norman Mewes, Lehrer Sek.II (BS) und Fachberater Schulentwicklung
  • Karlsruhe/Rastatt, Jan Hambsch, Lehrer (gewerbl. BS) und Fortbildner
  • Karlsruhe, Saskia Ebel, Walter-Eucken-Schule, saskia.ebel@wes.karlsruhe.de
  • Karlsruhe, Torsten Traub, Realschullehrer (M, EWG)
  • Mannheim, Thomas Bantle, Max-Hachenburg-Schule (kfm. BS), #tabletBS, Netzwerk, Technik, Moodle
  • Mannheim, Thomas Schmidt, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mannheim, Marek Müller, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mosbach, Tilo Bödigheimer, Konrektor (SBBZ Lernen)
  • Nagold, Heinz Krettek, Netzwerkberater Annemarie-Lindner-Schule, Hausw. Schule mit SGGS Gymnasium, krettek@als-nagold.de
  • Offenburg (Bühl), Bob Blume, Gymnasiallehrer
  • Pforzheim-Enzkreis, Sabine Strauß, Kunsterzieherin, Leitungsteam Medienzentrum
  • Reutlingen, (Mössingen), Matthias Förtsch, Lehrer und Abteilungsleiter Schulentwicklung
  • Schömberg/Calw, Christian Braun, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Sindelfingen, Ulrich Stoltenburg, Seminarleiter GS
  • Sinsheim, Bastian Höger, Kfm. Schule (BWL, M, DV), bald Multimediaberater
  • Stuttgart/Sindelfingen, Konrad Eisele, Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (GS)
  • Stuttgart (Keltern-Dietlingen), Daria Burger, Berufsschullehrerin, Multimediaberaterin in Stuttgart
  • Stuttgart/Leinfelden, Burkhart Firgau, Immanuel-Kant-Realschule Leinfelden, Lehrer (Kunst, Technik,Physik), stv. Schulleiter; Landesbildungsserver BW
  • Stuttgart, Thomas Ebinger, Dozent für Konfirmandenarbeit (ptz Stuttgart)
  • Stuttgart, Stephanie Wössner, Lehrerin am Albeck Gymnasium Sulz (Eng, Frz), Medienpäd. Referentin am Landesmedienzentrum BW
  • Stuttgart, Wibke Tiedmann, stellvertretende Referatsleiterin Landesinstitut für Schulentwicklung Stuttgart, Elementar- und Primarbereich
  • Stuttgart, Uli Sailer, Referent Landesmedienzentrum BW, LandesNetzWerk Elternarbeit der AJS-BW, Medienakademie BW e.V.
  • Stuttgart, Filiz Tokat, Freie medienpädagogische Referentin, Landesmedienzentrum BW, Filiz.Tokat@web.de
  • Stuttgart, Stefan Voß, Referent für digitale Medien am Landesinstitut für Schulentwicklung (Ref. 33), Gymnasiallehrer (Latein, ev. Rel.), Netzwerkberater
  • Tübingen/Sindelfingen, Christian Wettke, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Tübingen/Stuttgart, Alexander Mittag, Landesinstitut für Schulentwicklung in S Referat 41 Bildungplanarbeit, Leiter Bildungsplankommission Informatik, Gymnasiallehrer  (Inf, M, Ph)
  • Tübingen/Ravensburg, Sebastian Frey, Medienpädagogischer Berater LMZ/Lehrerfortbildung RP-Tübingen, KMZ Ravensburg
  • Tübingen, Juliane Richter, Leibniz-Institut für Wissensmedien
  • Tuttlingen, Ulrich Günther, Fritz-Erler-Schule BS (M, Inf), u.guenther@fes-tuttlingen.de

Bildschirmfoto 2017-05-03 um 19.47.34

  • Tobias Rodemerk, Gymnasial-/Berufsschullehrer, Abordnung an das LS Referat43, Lehrerfortbildner
  • Oldenburg, Andreas Hofmann, Lehrer und medienpäd. Berater in Niedersachsen, im Herzen Baden-Württemberger
  • Julia Rheinhardt, Lehrerin am Gymnasium (gerade zwischen NDS und BaWü)
  • Andreas Schenkel, Lehrer Ph, M, IT, Hessische Lehrkräfteakademie, Hessischer Bildungsserver
  • Niedersachsen, Saskia Müller, Lehrerin Robert Dannemann Oberschule, Kommunalpolitikerin, saskiamuemue@web.de
  • Kaiserslautern, Birgit Lachner, Gymnasiallehrerin (Ch, M), Workshops und Fortbildungen (GeoGebra, Chemie digtal, Wikis, …)
  • Eutin, Michael Stammeier, Dipl.-Hdl., StR, Wirtschaft, Englisch, Religion, Berufliche Schule des Kreises Ostholstein
  • München, Martin Rist, #HPEdu & Vorstand Bündnis für Bildung, martin.rist@hp.com

Das enorme Tempo und die scheinbare Grenzenlosigkeit der Automatisierung oder politische Umbrüche, wie der Brexit und die Wahl von Donald Trump, werfen dringende Fragen auf. Was bedeutet das für uns als Individuum und unsere Gesellschaft, wenn Roboter bzw. Programme immer mehr Arbeitsfelder der Menschen übernehmen? Wie kann man zunehmendem Nationalismus begegnen und demokratische Strukturen oder Gemeinschaften wie die EU stärken und schützen? In diesem Beitrag sollen die daraus resultierenden Herausforderungen für den Bildungsbereich betrachtet und zur Diskussion gestellt werden.
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt, dass nicht nur manuelle Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, sondern auch die, die auf reinem Abfragewissen basieren. Reproduktion von Fachwissen verliert rasant an Wert, weil es besonders gut digitalisiert werden kann. Früher genügte das in der Schule erworbene Allgemeinwissen für die Teilhabe am Großteil des gesellschaftlichen Lebens aus. Mit der Digitalisierung drängen Technik und neues Wissen in alle Lebensbereiche und erfordern ein Lernen als lebensbegleitenden Prozess. Das friedliche Zusammenleben in einer demokratischen, offenen, freien und pluralistischen Gesellschaft muss unter möglichst großer Beteiligung immer wieder neu ausgefochten werden. Die zu lösenden Probleme werden dabei immer komplexer. Deshalb stellt sich nun die Frage, welche Kompetenzen notwendig sind, um junge Menschen darauf ausreichend vorzubereiten. Hier werden in den USA schon länger und in Deutschland immer mehr von den 21st Century Skills gesprochen. Dabei stellen Communication, Collaboration, Creativity und Critical thinking die vier wichtigsten Cs dar. Die These hierzu lautet: Wer unter gleichzeitiger Anwendung von zeitgemäßer Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken lernt, erwirbt das notwendige Rüstzeug für die Zukunft. Das ins Deutsche übersetzte 4K-Modell des Lernens hat Andreas Schleicher auf der re:publica 2013 hierzulande bekannter gemacht. Seitdem wächst die Zahl der bunten Sharepics und Tweets zu den 4Ks auch in der deutschsprachigen Bildungscommunity. Weil fast alle Nennungen die 140-Zeichen bei Twitter nicht überschreiten und ein Ende als Buzzwords droht, möchte ich ein paar Gedanken zu den vier Ks in Theorie und Praxis in die Waagschale werfen, um eine tiefere und konkretere Debatte zu eröffnen.

Kommunikation

Wenn ich in einem Gespräch mit Lehrenden die 4Ks erwähne, höre ich am häufigsten, dass das alles nichts Neues sei. Schließlich habe man schon immer darauf geachtet, dass Lernende viel kommunizieren, zusammenarbeiten, kritisch hinterfragen oder kreativ sind. Dabei begehen sie meist einen entscheidenden Denkfehler, indem sie diese Kompetenzen nicht im Kontext des digitalen Wandels betrachten. 4K_ModellKommunikation scheint mir in diesem Zusammenhang das meist unterschätze K zu sein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir tagtäglich kommunizieren und uns durch fehlende oder zumindest nicht wahrgenommene Rückmeldungen von Defiziten automatisch eine ausreichende Qualifikation zusprechen. Man übersieht, dass sich Kommunikation in den letzten Jahren gravierend verändert hat und damit auch die Anforderungen. Wenn man bedenkt, welchen Umbruch allein die Einführung der SMS erreichte, kann man die Wirkung von sozialen Netzwerken und den zusätzlichen Hyperlinks, Emojis, Hashtags, Sharepics, GIFs, Sprachnachrichten oder Stories, die aktuell Einzug halten, erahnen. Auch ohne diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten sind Veränderungen feststellbar. Das im Netz häufig geteilte Video zum SAMR Modell von Puentedura, bei dem das digitale Schreiben als Substitution des analogen dargestellt wird, lässt einen wichtigen Aspekt aus, weil es das Schreiben isoliert, als Mittel zum Zweck, betrachtet. Axel Krommer berichtete mir bei einem Besuch in Freiburg, dass seine Student*innen im Laufe ihres Studiums alles digital schreiben würden und bei der Abschlussarbeit, die immer noch handschriftlich abgeben werden müsse, größte Probleme hätten, weil das Löschen, Kopieren und Einsetzen wegfiele. Digitales Schreiben ist eben nicht nur digitalisiertes analoges Schreiben. Es verändert die Art zu denken bzw. Texte gedanklich zu konstruieren. Deshalb stellen auch Postings und Tweets neue Denkverläufe dar. Hinzu kommt, dass jedes soziale Netzwerk einer eigenen Dynamik und z.T. unausgesprochenen Regeln unterliegt, die nicht alle gleich zu nutzen und lesen verstehen. Das kann von äußeren Faktoren abhängen, wie einer 140-Zeichenbegrenzung bei Twitter und dem Einfluss von Algorithmen bei Facebook, oder der eigenen Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, das (mehr) gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Webstrukturen lösen bestehende Hierarchien auf, überwinden Grenzen und schaffen ein neues Kommunikationsgefüge. Der ehemals meist auf den Freundes- und Bekanntenkreis beschränkte Kommunikationsradius hat sich dadurch in den letzten Jahren in einem schleichenden Prozess nicht nur vervielfacht, sondern wurde um Mitmenschen erweitert, mit denen man vorher nicht in Kontakt stand. Die Diskrepanz der Wissensstände, Kommunikationsstrategien und -fähigkeiten fordert und überfordert dabei nicht selten. (Wer mehr darüber erfahren möchte, weshalb Social Media in die (Hoch-)Schulen gehört und wie man das anhand konkreter Beispiele umsetzen kann, wird hier fündig.) Der überschaubaren Anzahl an Briefen und Postkarten von früher stehen Massen an Benachrichtigungen diverser Messenger-Dienste, E-Mail-Konten und Social Media-Accounts gegenüber. Nicht selten werden dabei mehrere Kanäle parallel bedient. Müsste man in Anbetracht dieser Entwicklung den notwendigen Faktoren erfolgreicher Kommunikation in Schulen und Hochschulen nicht mehr Beachtung schenken? Wie viel psychologisches Wissen sollte eigentlich in schulisches Lernen einfließen, während Framing, alternative Fakten und Filterblasen die Öffentlichkeit verzweifeln lassen? Es gibt aber auch systemische Probleme des Unterrichts, die nun durch technische Mittel gelöst werden können. Wie häufig kommen z.B. Lernende in der Schule oder im Studium zu Wort? Man benötigt keine Statistik, um festzustellen, dass es (noch) erschreckend wenig ist. Weshalb also nicht die die Möglichkeiten ausschöpfen, die der digitale Wandel mit sich bringt, um Lernende zu aktiven Gastalter*innen ihres Lernprozesses werden zu lassen? Im Themenfeld Kommunikation sehe ich gegenwärtig am meisten Handlungsbedarf.

Kollaboration

Im Bereich der Kollaboration, die man in der Regel als intensivere Zusammenarbeit versteht, hat der digitale Wandel neue Möglichkeiten hervorgebracht, die im gesellschaftlichen Zusammenleben an Bedeutung zulegen. Hier genügt ein Blick in Firmen bzw. auf deren Arbeitsstrukturen oder über das Web formierte und gelenkte politische Bewegungen. In beiden Fällen sind Akteure, die zu Kollaboration bereit und vernetzt sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Wie sieht aber die Konkurrenz zum Plakat oder der OH-Folie, die bisher den Höhepunkt der schulischen Kollaboration darstellten, aus? Anhand von wenigen Beispielen, möchte ich ein paar gewonnen Optionen auflisten:

  • Etherpads 

Ethepads sind webbasierte Editoren (wie z.B. das ZUMPad), durch die Dokumente von allen Beteiligten zeit-/ortsunabhängig und gleichzeitig bearbeiten werden können. Räumliche Vorgaben, wie fest installierte Tische oder Bänke, verlieren an Relevanz. Alle können zu Wort kommen.

  • Padletpadlet

Padlet bietet digitale Pinnwände, die alle bei den Etherpads bereits genannten Optionen erfüllen und zusätzlich das Ablegen von Audio-, Video-, Bild- oder Text-Dateien ermöglichen.

  • aula

Partizipation kann nicht über einen Lückentext gelernt, sondern muss erfahren bzw. gelebt werden. Die digitalen Strukturen der aula-Plattform erweitern Mitgestaltungswege und erleichtern Zugänge. Mehr dazu hier.

  • Blog

Ein Blog leistet fast alles, der bisher erwähnten Dinge, mit einem wichtigen Zusatz: Es kann langfristig das Zuhause eines persönlichen Lernnetzwerks sein, das Lernen mit allen vier Ks durch Vernetzung über schulische und Ländergrenzen hinaus ermöglichen kann. Hier sehe ich übrigens auch den klaren Vorteil gegenüber allen geschlossenen (digitalen) Schulsystemen. Lernende verfügen über ihr Geleistetes auch über die Schulzeit und das Studium hinaus und können es weiter nutzen und entwicklen.

Kreativität

Unabhängig der neuen Möglichkeiten, Kreativität (auch mithilfe der anderen Ks) umzusetzen, steht an dieser Stelle Innovation als wichtige Verknüpfung. Immer komplexere Probleme verlangen kreative Lösungen. Dass z.B. Plastik die Weltmeere verschmutzt und gravierende Folgen für Mensch und Umwelt verursacht, scheint so langsam in der breiten Öffentlichkeit angekommen zu sein. Am Beispiel von Boyan Slat wird deutlich, dass aufgrund der vielschichtigen Aufgabenstellung Kreativität allein nicht ausreicht und multiperspektivische Betrachtungen (Kommunikation, kritisches Denken und Kollaboration) notwendig sind. Wenn Wissen in neue Zusammenhänge übertragen wird, führt das zu Innovation. Dafür müssen Räume für experimentelles Handeln geschaffen werden. Die Gute Nachricht: Projektarbeit kann das auch im bestehenden Bildungssystem leisten.

Kritisches Denken

Kritisches Denken ist wahrscheinlich das anspruchsvollste K, das bei den eingangs erwähnten Fragen unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt, wenn es darum geht, Entscheidungen in einer global vernetzen Welt zu treffen. Wie soll der Schutzmechanismus selbstfahrender Fahrzeuge programmiert werden, wenn eine unvermeidliche Kollision mit anderen Menschen droht? Welche Freiheiten oder Kontrollen sind im Netz wichtig, möglich oder wollen wir? Eine nie endende Liste an Fragen. Wo und wann ich aktuelle Fragestellungen im Unterricht aufgreifen kann, müssen Lehrende selbst entscheiden. Weil Lisa Rosa meiner Meinung nach hier bereits die wichtigsten Informationen und Gedanken zu kritischem Denken zusammengefasst hat, verzichte ich darauf, das Rad neu zu erfinden. Eine Einführung, Förderansätze und didaktische Hinweise finden sich außerdem noch hier (Lesemuffel schauen sich bitte wenigstens Seite 15 und 16 an) und für Hochschullehrende könnte dieser Beitrag interessant sein.

Zwei konkrete Beispiele aus der Praxis

Weil so häufig über zukünftige Herausforderungen gesprochen und geschrieben wird, möchte ich die Notwendigkeit der vier Ks vielleicht noch an einem letzten Beispiel verdeutlichen, bevor ich zur Unterrichtspraxis wechsle. Aktuell gehen europaweit jeden Sonntag Menschen auf die Straßen, um für die europäische Idee zu demonstrieren. Befindet sich die EU denn nicht auch deshalb in der Krise, weil es im Bereich der (interkulturellen) Kommunikation und der (Bereitschaft zur) Kollaboration Defizite gibt? Entstehen etwa nicht durch den Verbund der aktuell 28 Mitgliedsstaaten komplexe Probleme, die auch nach kreativen Lösungen verlangen? Müssen nicht einheitlich formulierte Ziele für über eine halbe Milliarde Europäer*innen kritisch durchdacht sein, um möglichst allen maximal gerecht zu werden. Könnten die vier Ks, wenn sie von der Mehrheit der Menschen beherrscht werden würden, nicht dazu beitragen, dass die EU auch als eine Kulturgemeinschaft besser gelingt?

Präsentationen

GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen), FIP (fachinterne Überprüfung) oder FÜK (fächerübergreifende Kompetenzprüfung) sind nur drei Gründe, weshalb in allen Fächern jährlich unzählige Präsentationen (in Baden-Württemberg) gehalten werden. Ich weiß, dass einige Schulen bzw. Fachkonferenzen oder Lehrer*innen dafür Themenlisten vorgeben. Dabei erhält man hier eigentlich genau die notwendigen Freiheiten, die man für Lernprozesse, wie sie oben beschrieben wurden, nutzen könnte. Um die Herausforderung der FÜK-Themenfindung gemeinsam zu bewältigen, legte ich Ende letzten Jahres meiner Klasse ein Etherpad an, in das sie alle Themen, die sie wirklich interessieren und für die FÜK gerne bearbeiten würden, eintragen konnten. (Didaktischer Hinweis: Man muss dazu sagen, dass Schüler*innen, die es nicht gewohnt sind, frei zu entscheiden bzw. zu arbeiten oder mitzubestimmen, mit einer plötzlich angebotenen Freiheit völlig überfordert sind. Deshalb wundert sich manches Kollegium, dass Chancen diesbezüglich ungenutzt bleiben. Mein persönlicher Erfahrungswert: In Klassen, die ich als Klassenlehrer übernahm und in Mathematik, Geschichte, Chemie und manchmal noch anderen Fächern unterrichtete, investierte ich in der Regel 1,5 Jahre Kraft und Gespräche bzw. Reflexionen, um das Nutzen von Freiheiten so zu erreichen, wie ich mir das für mündige junge Menschen vorstelle.) Nach anfänglichen Startschwierigkeiten füllte sich das Etherpad relativ schnell mit Ideen. Das Ergebnis nach ca. zehn Minuten war eine Liste mit über 70 Themen, die wir im Anschluss inhaltlich und bezüglich Prüfungstauglichkeit (Gibt es ausreichend brauchbare Quellen? Kann man es mindestens zwei Fächern zuordnen?) im Plenum diskutierten. Durch die Option, ihre Gedanken frei (und anonym) ins Etherpad zu schreiben, erhielt jedes Klassenmitglied die Möglichkeit, seine wahren Ideen und Wünsche zu äußern, wurde durch die Gedanken anderer Mitschüler*innen zu neuen eigenen inspiriert oder entwickelte bestehende weiter. Beginnend mit einer Mehrzahl an geschichtlichen Themen, die wahrscheinlich noch durch den schulischen Denkrahmen geleitet wurden, lösten sich irgendwann der Knoten und führte die Liste in gesellschaftliche und psychologische Themenbereiche, wie Darknet, Mainstream oder Klarträume. Die Erarbeitung einer Struktur im Anschluss erfolgte ebenfalls mit einer der bereits genannte Tools, die sich für raum- und zeitunabhängige Kommunikation und Kollaboration eignen. Mir persönlich nahm diese Arbeitsweise den Druck, in den Pausen zwischen Tür und Angel beraten oder viele Nachmittagstermine anbieten zu müssen, um ausreichend Zeit für kritisches Denken bei der inhaltlichen Debatte zur Verfügung zu haben. Kreativität spielte meist eine Rolle, wenn es darum ging, welche Produkte oder Umsetzungen am Ende stehen könnten. (Wie soll Expert*innenwissen in die Arbeit einfließen? Über ein Interview? Schriftlich, Ton- oder Videoaufnahme? Wie kann ich das mit der mir zur Verfügung stehenden Technik am besten lösen?)

aula

Unter dem Aspekt digitaler Kollaborationsmöglichkeiten nannte ich aula bereits. Alle Schüler*innen unserer Schule können über diese Plattform ihre Ideen posten, gemeinsam weiterentwickeln und abstimmen. Die erste Idee, die das nötige Quorum erreicht hatte, um auf den Tisch zu kommen und nach Prüfung der Schulleitung zur finalen Abstimmung freigegeben wurde, scheiterte aber an der fehlenden einfachen Mehrheit. Was danach folgte, beschreibt das Lernen mit den vier Ks: Im Schülerrat und Klassen wurde diskutiert, wie es zur geringen Wahlbeteiligung kommen konnte. Ablauf, Strukturen, Wählerschaft und sonstige Faktoren wurden analysiert und kritisch hinterfragt, um Lösungsansätze zu entwickeln, die einen erneuten Misserfolg verhindern sollten. Mangelnde Informationen, Motivation und Werbung wurden als einige der Ursachen ausgemacht. Bestehende bzw. funktionierende Kommunikationskanäle wie Snapchat wurden und werden nun ergänzend genutzt, Plakate (klassenübergreifend) erarbeitet und aufgehängt und Durchsagen gemacht. Eine Schülergruppe erstellte zusätzlich einen Plan, wann sie welche Klassen informieren und durch persönliche Ansprachen motivieren kann, um ausreichend Zuspruch zu generieren. Ich bin sehr gespannt, ob es die nächste Idee, die eventuell nach den Osterferien zur Abstimmung freigegeben wird, schaffen wird. Unabhängig davon haben unsere Schüler*innen bereits viel über demokratische Prozesse gelernt.

Ergänzung

Bei allen hier und in anderen Blogbeiträgen genannten Beispielen mit digitalen Tools verfolge ich stets das Ziel, dass Schüler*innen lernen, diese Anwendungen für ihren Lernprozess selbst zu nutzen. Das ist kein Selbstläufer, sondern muss mit den Klassen gezielt erarbeitet und geübt werden. Deshalb freue ich mich umso mehr über jedes Padlet, Blog, Etherpad, Erklärvideo oder sonstige Anwendungen und Produkte, die nicht von Lehrenden, sondern von Lernenden frei gewählt erstellt werden.

Der digitale Wandel ist unumkehrbar und stellt uns vor komplexe Herausforderungen, die mit dem bisherigen Verständnis von Lehren und Lernen nicht lösbar scheinen. Ein Ziel muss es sein, die zukünftigen Generationen zu befähigen, unbekannte Hürden in einem sich ständig wandelndem Feld zu meistern. Menschen mit einem guten persönlichen Lernnetzwerk, die beim Lernen zeitgemäße Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken anwenden, traue ich das (aktuell) zu.