Den hier veröffentlichten Beitrag habe ich für die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen ihrer Kampagne #BesserDatenSchützen verfasst.

Wir befinden uns in einer digitalen Transformation, in der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert wird. Niemand steht so prominent und umstritten in der breiten Öffentlichkeit wie Facebook für zwei Themenfelder, die in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielen: Social Media und Daten.

Ein Bildungsziel muss es sein, bei jungen Menschen zumindest ein Grundverständnis über Aufbau, Wirkung und Zusammenhänge zu erreichen, damit sie in einer digital vernetzten Welt mündig wirken und Gesellschaft mitgestalten können. Wie das am besten gelingen kann, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Bisher spielen beide Themen in deutschen Schulen, an denen Smartphone-Verbote üblich sind, kaum bis gar keine Rolle. Wenn sie aber aufgegriffen werden, geht es meist darum, über mögliche Gefahren aufzuklären. Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen von Minderjährigen durch Erwachsene, um einen sexuellen Kontakt herzustellen) und Datenschutz bilden hier ein häufig überstrapaziertes Trio. Definitiv drei wichtige Aspekte. Die Grundidee von Social Media, nämlich miteinander zu kommunizieren, wird in ihrer Komplexität und ihrem Umfang dadurch allein leider nicht annähernd erfasst. Dass Instagram & Co unter und nicht auf den Schultischen stattfinden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Lehrende sich gerne zum Personenkreis zählen, der denkt, auf eine Beteiligung in sozialen Netzwerken verzichten zu können.

internet-3113279_1920Sich Facebook & Co zu entziehen oder seinen Account zu deaktivieren, klingt simpel, stellt aber ein Privileg dar, das sich nicht jede Person leisten kann. Als Beleg dafür reicht ein Blick in die politische oder wirtschaftliche Landschaft oder Wahlverläufe. Übrig bleiben nicht wenige Offliner, deren Wissen über soziale Netzwerke sich auf Print- und TV-Beiträge beschränkt und die keinen Sinn darin sehen, ihre kostbare Zeit für Unnützes zu verschwenden. Dabei sind die großen Social Media-Plattformen bereits über zehn Jahre alt und schon lange mehr als nur eine Möglichkeit, Freunde und Bekannte mit unzähligen Fotoserien am Elternstolz teilhaben zu lassen oder die Welt zu informieren, welche Pizza man bei welchem Italiener gerade gegessen hat. Das gesamtgesellschaftliche Leben hat in Social Media mittlerweile ein digitales Zuhause und bildet auch zunehmend regionale Strukturen ab.

Social Media als Chance

Eigentlich stellen soziale Netzwerke eine Chance für Schulen dar, sich zu öffnen, vom Austausch zu profitieren und noch stärker in die Gesellschaft zu wirken. Wie das funktionieren kann, zeigt seit Jahren eine wachsende Anzahl an Lehrenden, die sich mithilfe von Twitter, Facebook, Blogs oder sogar Instagram gemeinsam Gedanken machen, was zeitgemäße Bildung bedeutet und wie sie erreicht werden könnte. Dabei werden in Facebook-Gruppen oder unter Hashtags wie #zeitgemäßeBildung bei Twitter wilde Ideen bis hin zu konkreten Projekt- und Unterrichtskonzepten ausgetauscht und kollaborativ entwickelt. Man diskutiert kontrovers und unterstützt sich gegenseitig, auch um etwas Bewegung in den trägen Tanker Schule zu bringen. Persönliche Lernnetzwerke und unterschiedliche Expertisen werden aufgebaut und gepflegt. Es finden echte und nachhaltige Lernprozesse statt, wovon sich das System Schule gerne ein paar Scheiben abschneiden könnte. Beispielsweise erfolgt dieses Lernen der Lehrenden mithilfe sozialer Netzwerke anhand echter, nicht schulisch geleiteter Fragen. Wo, mit wem, wann und wie lange gelernt wird, wird frei gewählt und bestimmt. Außerdem findet der Austausch über Fachgrenzen hinweg statt, was erforderlich ist, wenn man den Transformationsprozess und Social Media verstehen möchte.

Wer im Unterricht zum Beispiel Framing bei rechtspopulistischen Auftritten in sozialen Netzwerken betrachtet, benötigt für das Verständnis psychologische, historische, sprachliche, politische, informationstechnische und ethische Aspekte. Der wohl wichtigste bei allen genannten Punkten ist das gemeinsame Erarbeiten. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Deshalb empfiehlt es sich, regelmäßig mit Klassen darüber zu sprechen, was sie in welcher Plattform aktuell überhaupt machen, wie und weshalb dort Meinungen zu Themen gebildet werden. Auch weil die Veränderungen sozialer Netzwerke einer deutlich anderen Dynamik unterliegen als das klassische Schulbuch.

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen

Ein erfolgreicher Dialog hängt von der Bereitschaft der Lehrpersonen ab, sich wertfrei auf unbekanntes Terrain zu begeben und das Wissen und den Blickwinkel der Schülerschaft einzubinden und wertzuschätzen. Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Die drei größten Hürden stellen erfahrungsgemäß Wertfreiheit, Angst vor Kontrollverlust und der Rollenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden dar.

Um ein letztes Potenzial sozialer Netzwerke zu nennen, möchte ich den Blick in die USA richten. Im Februar diesen Jahres hat es nach einem Amoklauf an einer High School in Florida eine Gruppe von Überlebenden über YouTube, Twitter und Instagram geschafft, ihrem Anliegen weltweit Gehör zu verschaffen. Einen Monat später erreichten die Jugendlichen so eine Verschärfung des Waffenrechts in ihrem Bundesstaat und mit dem „March for Our Lives“ die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten. Das zeigt: Social Media bieten Möglichkeiten der Demokratisierung und Partizipation aller, indem bestehende Hierarchien überwunden werden können. Soziale Netzwerke sind weder gut noch schlecht, sondern das Produkt unseres Wirkens.

Datenbewusstsein – ein mögliches Ziel

Auch beim Thema Daten gilt der bereits empfohlene Ansatz: Lehrkräfte sollten gemeinsam mit ihren Klassen die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im digitalen Zeitalter analysieren und unterschiedliche Expertisen und Perspektiven berücksichtigen – und diskutieren, wenn man nicht vorformulierte Antworten, sondern Mündigkeit anstrebt. Schülerinnen und Schüler brauchen keine Datenschutz-Debatten, in denen das Fehlen von Datenbewusstsein bemängelt wird und Erwachsene ihre moralischen Appelle und Überlegenheit präsentieren, die in der Regel verhallen. Um ein Datenbewusstsein entwickeln zu können, benötigen sie Transparenz und Wissen, welche Daten wann generiert werden, wer einen Zugriff darauf hat oder welche Chancen und Risiken sie für den Einzelnen oder die Gesellschaft bieten und wer das wo beschließt.

Man sollte Klassen nicht die eigene Auffassung von Privatsphäre und Datenschutz aufzwängen. Die Grenze zwischen Lehren und Belehren scheint hier fließend. Ich muss als Lehrer nicht erreichen, dass alle DuckDuckGo als Standard-Suchmaschine auf ihren Smartphones einrichten – aber dass sie zumindest wissen, dass es sie gibt und was sie im Vergleich zu Google und Co. leisten kann.

Rahmen und Rolle vom System Schule müssen neu gedacht werden, wenn man im Transformationsprozess nicht nur reagieren, sondern gestalten möchte. Und weil es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt, braucht es neben der Schule weiteres Engagement für Räume, in denen jungen Menschen partizipieren können und gehört werden. Vom 08. bis zum 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, eine Gesellschaftskonferenz von Jugendlichen für Jugendliche, die eine gute Gelegenheit für Impulse, Austausch und Vernetzung bietet. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jungen Leuten von heute begegnen. Fangen wir an, zu begreifen und investieren wir in unsere Zukunft.

March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Die Forderungen nach Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel werden im Bildungsbereich und der Politik gerne und häufig ausgesprochen. Was bedeutet aber überhaupt digital souverän oder digital mündig und wie kann man junge Menschen dazu befähigen? Dieser Beitrag soll nur einen Einstieg in diese Thematik darstellen und einige Impulse liefern.

Souveränität erlangen

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 19.11.13Der Souveränität würde ich den Erwerb des notwendigen Wissens und der Entwicklung eines Verständnisses der Welt, wie sie aufgebaut ist und funktioniert, zuordnen. Mündigkeit verstehe ich im Sinne des Aufklärungsbegriffs nach Kant. Den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen, um sich dieses Wissen und Verständnis anzueignen und sich so zur kritischen Betrachtung zu befähigen. Beides  gilt es im Kontext der digitalen Transformation zu untersuchen. Konkret sehe ich für den Unterricht zwei Ebenen, die man kombinieren kann. (Die hier abgebildete Grafik bietet nur einige Beispiele, die das veranschaulichen sollen.) Natürlich stehen alle Elemente in Beziehung zueinander und weisen Schnittflächen auf. Jedes der hier aufgeführten Themen ist riesig und befindet sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess. Was wiederum deutlich macht, dass es weder leistbar ist noch dass es darum geht, den Lernenden inhaltlich alles zu vermitteln. Mit Hilfe ausgewählter Fragestellung sollen selbstgesteuerte und reflektierte Lernprozesse ermöglicht werden, die außerhalb des schulischen Rahmens fortgesetzt werden können. Wenn ich z.B. das Thema Daten aufgreife, kann ich es ethisch und politisch diskutieren. Wann entstehen welche Daten? Wem gehören diese Daten? Wer hat alles Zugriff darauf? Welche Szenarien sind dadurch möglich? Welche Potenziale und Risiken birgt das? Welche Handlungsempfehlungen könnte man für einzelne Personen, die Gesellschaft oder Politik formulieren? Wenn junge Menschen lernen, wie man sich solchen Fragen sachlich, kontrovers und kritisch nähert, indem man unterschiedliche Argumente sucht, formuliert, abgewägt und gegenüberstellt, werden sie zu souveränem Handeln befähigt. Als Lehrender einzugestehen, etwas nicht zu wissen und sich mit Klassen gemeinsam auf den Weg zu machen, es herauszufinden, ist heute vielleicht ein noch wichtigerer Bestandteil von Souveränität als früher. Deshalb bietet es sich an, zu den Themenfeldern die jeweilige Expertise von außen in die Schulen zu holen oder außerschulische Begegnungsstätten aufzusuchen. Dirk von Gehlen hat heute dazu ein kurzes, aber lesenswertes Interview mit Katharina Meyer veröffentlicht, in dem sie ihren spannenden Workshop-Ansatz aus Berlin vorstellt und auf eine hervorragende Sammlung verweist. Mir gefällt außerdem die Idee der zusätzlichen Nutzung von Bibliothek als Lernraum, weil sie in der Regel zentral liegen und für alle zugänglich sind. Ihr Sinn kann so, trotz Digitalisierung und E-Books, erhalten werden.

Wie befähigt man junge Menschen zur Mündigkeit?

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 18.11.29Dass Lernende den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen, setzt voraus, dass das seitens der Lehrenden gewollt, gelernt und unterstützt wird. Natürlich würde an dieser Stelle niemand widersprechen wollen. Schwieriger und ehrlicher wird es aber, wenn man nach konkreten Beispielen in Schulen oder Hochschulen sucht, die das belegen können. Mündigkeit lernt man nur mit echten Beteiligungsmöglichkeiten und Ideen, die von Lernenden stammen. Zusätzlich braucht es Vertrauen, das man ihnen zuspricht bzw. Zutrauen, das man ihnen entgegenbringt. Mit aula erlebe ich an meiner Schule ein Konzept, das den Rahmen dafür bietet, bisherige Optionen stärkt und das Potenzial des digitalen Wandels ausschöpft. Partizipationsmöglichkeiten bleiben aus meiner Sicht immer der zentrale Aspekt von Mündigkeit, unabhängig gesellschaftlicher Neuordnungen. Die Jugendstudie Baden-Württemberg 2017 zeigt auf, wie es darum bestellt ist und in welchen Bereichen es noch Luft nach oben gibt. Es ist zwar noch ein weiter Weg zur Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel. Die zunehmende Vielfalt an Angeboten, Konzepten und Kooperationen lässt aber hoffen.

IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.

Die Wahl der Qual

Bildschirmfoto 2018-01-02 um 01.06.49Am späten Abend einen Print- oder Online-Beitrag lesen, gelegentlich Begriffe im Netz nachschlagen, dort auf andere lesenswerte Texte stoßen, sich darüber mit Menschen in sozialen Netzwerken austauschen, ein paar Gedanken notieren, zum anfänglichen Artikel zurückkehren, und wieder von vorn. Ein klassischer Ablauf, wie ich für mich, mit anderen und von anderen lerne. Am meisten genieße ich dabei die scheinbar grenzlose Freiheit. In genau diesen Momenten frage ich mich immer, wo diese Freiheit beim Lernen im Bildungssystem stattfindet bzw. stattfinden kann? Oder ist sie nur ein Privileg des Erwachsenseins, dass man niemandem mehr für das Was und Wie beim Lernen Rechenschaft schuldig ist. Ehrlich und kritisch rückblickend habe ich wohl am meisten abseits von Schule und Hochschule autodidaktisch gelernt, weil es echte, meine, persönlich sinnstiftende, frei gewählte und bestimmte Lernprozesse waren. Ein Großteil des „schulischen Lernens“ erschien mir oft nur als Mittel zum Zweck. Lernen fürs Abi, das Abi fürs Studium, das Studium für den Job und dabei immer fürs Leben. Ich hatte die Wahl der Qual. Denn Sinn erkannte ich in dieser Kette meist nur beim jeweiligen Ziel und nicht den Inhalten. Außer meinen Gedanken kam mir wenig frei vor. Ich bin mir nicht sicher, bei wie vielen das heute so anders ist.

Lernräume für zeitgemäße Bildung

Müsste man nicht auch hinterfragen, inwiefern der Begriff Unterricht einen Beitrag dazu leistet, ein überholtes Lernverständnis aufrechtzuerhalten und die Freiheit beim Lernen zumindest nicht zu fördern, wenn das Framing der Digitalen Bildung, den Blick auf das große Ganze der digitalen Transformation hemmt. Der Unterricht bzw. das Unterrichten steht für das Informieren, Belehren, Vermitteln von Wissen durch Lehrende. Wäre die Bezeichnung Lernräume in diesem Zusammenhang nicht passender, wenn man Lernprozesse ermöglichen möchte, die zeitgemäßer Bildung entsprechen? Lernräume eröffnen aus meiner Sicht nicht nur begrifflich, sondern auch gedanklich eine Freiheit und Flexibilität bezüglich der zeitlichen Ebene, der Begegnungsstätten vor Ort oder im Web. Schulen für Lernende und deren Lernprozesse.* Konsequenterweise müsste man dann natürlich auch Stunden- und Bildungspläne durch Lernpläne ersetzen, die Lernen im eigenen Tempo ernsthaft ermöglichen. Nein, ich möchte hiermit keine erneute Begriffsdebatte beginnen. Eigentlich. Der Beitrag soll eher eine Einladung für ein kurzes Kopfkino sein und dazu anregen, den Rahmen und die Bedingungen von Lernkonzepten auch im bisherigen und noch lange anhaltenden Bildungssystem neu zu denken. Ich hol schon mal das Popcorn.

*aus der Perspektive der Lernenden

Stress bleibt Stress

Mindestens zwei Mal im Jahr wähle ich für zwei bis drei Wochen eine Auszeit. Das bedeutet, dass ich alle Möglichkeiten (bis auf das Telefon und die Haustürklingel), eine Benachrichtigung zu erhalten, deaktiviere und mir ausschließlich Zeit für meine Familie, Freunde und mich nehme. Ich lese, schaue oder höre keine Nachrichten und erledige keine (berufliche) Arbeit. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf die Menschen um mich herum, die ich liebe und schätze. Häufig begegnet mir in diesem Zusammenhang die Bezeichnung Digital Detox. Damit wird suggeriert, man müsse seinen Körper vom digitalen Gift befreien, das über Smartphones, Apps und sozialen Netzwerke unsere Zeit und Aufmerksamkeit transportierenden Venen befällt. Das Framing finde ich fatal. Nicht selten wird dabei ein Gegensatz zwischen digital und analog konstruiert, wie in diesem neulich erschienen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.
Natürlich hat die digitale Transformation mit der zunehmenden Anzahl an E-Mails, Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken meine Kommunikation bzw. mein Verhalten verändert. Die in knalligen Farben aufpoppenden Push-Mitteilungen sind kaum zu übersehen. Nur bleibt das Problem, der alltägliche Stress und der dabei verlorene Blick für das Wesentliche im Leben, aus meiner Sicht unverändert. Wenn ich an meine „analoge Kindheit“ zurückdenke, kann ich mich sehr gut an einige Eltern erinnern, die keinen (freien) Kopf für ihre Kinder oder Partner hatten. Sie dachten an Rechnungen, Versicherungen, die Arbeit oder andere gedankliche Baustellen. Es stimmt, dass ich im Vergleich zu früher (beruflich) viel mehr E-Mails schreiben und erhalten kann. Das kann sehr hilfreich und auch belastend sein. Den Wandel auf Gift zu reduzieren, halte ich aber nicht für zielführend. Es bedarf vielmehr einer Reflexion des eigenen Verhaltens und einen gemeinsam ausgehandelten gesellschaftlichen Konsens.

Smartphones und ihre Nutzung gehören in die Schulen

Bildschirmfoto 2017-12-16 um 20.18.40Natürlich haben sich auch die Möglichkeiten, Menschen an Produkte zu binden, in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt. Ich bin mir auch sicher, dass sich jedes Details eines Smartphones, einer App oder eines sozialen Netzwerks an Ergebnissen der Verhaltensforschung orientiert. Deshalb halte ich es für sinnvoll, den Umgang damit offen, kritisch und transparent auch mit Schulklassen zu diskutieren. Verbote bekämpfen lediglich Symptome und nicht die Ursachen eines Problems. Hier halte ich den Vorstoß, ein Handyverbot an Grund- und Mittelschulen, Frankreichs für einen enormen Rückschritt. Dass ich heute bei Veranstaltungen oder Treffen in der Regel mein Smartphone in der Hosentasche lasse, fast alle Push-Mitteilungen abgestellt habe und mich in regelmäßigen Abständen für eine Auszeit entscheide, war ein langer Entwicklungsprozess, der aus einer ständigen Reflexion meines Nutzungsverhaltes und der Folgen hervorgeht. Die Zeit und Unterstützung hierbei muss man Schüler_innen ebenfalls eingestehen bzw. bieten. Deshalb gehören Smartphones und ihre Nutzung in den Unterricht, wenn man ein mündiges und souveränes Verhalten im digitalen Wandel anstrebt und nicht in die Handy-Garage Colllecta*.

*Falls manche Person wegen meinem letzten Beitrag glauben sollte, die Seite wäre ein Fake, muss ich sie leider enttäuschen.

Bildschirmfoto 2017-12-09 um 17.21.12Weil ich nächstes Jahr im Januar bei der Badischen Zeitung unter dem Titel Digitale Souveränität und Mündigkeit im Informationszeitalter einen Vortrag und Workshop für Lehrende anbiete, bei dem u.a. auch Fake News eine Rolle spielen werden, suchte ich nach Ideen und Ansätzen, wie man sich dem Thema auf eine besondere Art und Weise nähern könnte und erinnerte mich an Guidos Session vom letzten EduCamp: Social Bots und Fake News selber machen. Dort hat er Mozillas X-Ray Goggles vorgestellt, das nicht nur den Aufbau einer Webseite beleuchtet, sondern auch Veränderungen ermöglicht. Wenn ich das richtig verstanden habe, handelt es sich dabei um die Weiterentwicklung von Hackasaurus, über das Anselm und Karsten bereits 2013 hier geschrieben haben und Axel es hier in seinem Philosophieunterricht eingesetzt hat. Weil ich in der Regel alles, das ich lerne und für relevant im Bezug auf das Leben im digitalen Wandel halte, auch meinen Klassen vermitteln möchte, habe ich es in der Schule gleich eingesetzt.

X-Ray Goggles im Unterricht

Mit einem Ethik-Kurs diskutierte ich vor kurzem im Rahmen ihrer Projektarbeit über Websites als Quellen und Kriterien, die für Qualität und Seriosität stehen könnten. Letzte Stunde konnten sie mit X-Ray Goggles ihre bisherigen Ergebnisse um weitere Aspekte ergänzen. Nachdem ich mit einer von mir verfälschten Überschrift eines Beitrags in der Badischen Zeitung eingestiegen war, zeigte ich allen, wie ich das erreicht hatte und gab ihnen die Aufgabe, kreativ zu sein und selbst Fake News zu erstellen. Von einer Affäre zwischen Merkel und Schulz bis hin zum überraschenden Auftauchen eines Dodos war am Ende alles mit dabei. In einer Abschlussrunde wurde Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnisse ausgetauscht. Mir persönlich gefiel dabei der Perspektivenwechsel, bei dem man das eigene Verhalten und die Motivation in der Rolle einer Person, die Fake News generiert, reflektieren konnte. Für den Einsatz des Tools im Unterricht spricht:

  • jede Menge Spaß
  • keine Vorkenntnisse (z.B. Programmiersprache) notwendig
  • niederschwelliges (HTML-)Angebot
  • Aufbau und Vertiefung des Verständnisses von Webseiten und Browsern
  • Lernende werden zu Akteuren
  • unermessliche kreative Freiheit

(Es bietet sich sich dabei auch an, auf die Arbeit der gemeinnützigen Organisation Mozilla hinzuweisen und zur Debatte zu stellen.) Den Wahrheitsgehalt im Netz zu prüfen scheint nicht nur wegen der fortschreitenden Technik immer komplexer. Personen übernehmen aus unterschiedlichen Motivationen Scheinidentitäten oder bilden künstliche Konstrukte. Dabei finde ich auch eine Auseinandersetzung mit den Beweggründen und Folgen nicht weniger bedeutend. Worauf man einen Schwerpunkt setzt, würde ich letztendlich den Lernenden überlassen. Hauptsache es gelingt, Impulse zu setzen und Lernprozesse anzustoßen, die zu digital souveräneren und mündigeren Menschen im Informationszeitalter führen.

Mein Highlight

Bildschirmfoto 2017-12-09 um 16.47.48Der Einstieg in die Ethikunterricht bestand aus einer kurzen Ansprache, bei der ich auf meine exzellenten Kontakte in der Musik-Szene verwies und eine Sensation ankündigte, die ich mit einer Schlagzeile aus der Badischen Zeitung belegte: Rihanna gibt an unserer Schule ein Benefiz-Konzert. Die Rechnung für meinen fiesen Einstieg kassierte ich etwas später durch dieses wundervolle Ergebnis einer Schülerin, die sich meinen letzten Blogbeitrag als Zielscheibe für ihre Fake News-Aufgabe ausgesucht hatte. Mein persönliches Highlight.