Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen möchte, setzt sich mit exit RACISM von Tupoka Ogette auseinander. Und wer denkt, nichts damit zu tun zu haben, ist Teil des Problems. Rassismus ist zwar nur ein Konstrukt, das aber in den letzten Jahrhunderten Gesellschaften massiv geprägt hat, somit tief in Systemen und ihren Strukturen verankert ist und bis heute wirkt. Deshalb bietet die Auseinandersetzung mit exit RACISM, was gesellschaftlich dringend notwendig ist: Perspektiven, die ein erweitertes Verständnis der Problematik ermöglichen, Fragen, die in der Regel nicht gestellt werden, und Antworten, die den meisten unbekannt sind. Exit RACISM ist kein gewöhnliches Buch, das nur gelesen wird, sondern eine ehrliche Einladung, die Welt und sich besser zu verstehen und dann bewusst entscheiden zu können, welchen Beitrag man im Kampf gegen Rassismus zukünftig leisten kann und möchte.

Dass dieses Buch eine Einladung sei, ist keine Floskel. Es ist als ein Prozess konzipiert, an dem sich Lesende bzw. Lernende aktiv beteiligen können und sollen. Im Prinzip ist es ein (kostenfreier) audio-MOOC (Massive Open Online Course), der jedoch nicht über die Plattform einer Hochschule, sondern über diese Website zugänglich ist. Dort finden sich zahlreiche Links zu diversen digitalen Plattformen, die alle Kapitel (auch) als (kostenfreies) Hörbuch zur Verfügung stellen. Die Kapitel, die in diesem Werk vorgestellt werden, mit Fragen enden und Hinweise zu Videos und Texten im Netz enthalten, wurden zuvor mit einer Gruppe von Stundent:innen in einem Seminar von Tupoka Ogette bearbeitet. Eine Auswahl an Reflexionen dieser Gruppe zu den einzelnen Kapiteln wird ebenfalls abgebildet und dient als fortlaufende Folie für die eigenen Reflexionen und gedanklichen Entwicklungen.

exit RACISM richtet sich eher an Menschen, die nicht als BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) gelesen werden. Also an Personen, die nicht aufgrund körperlicher oder kultureller Fremdbeschreibung diversen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und als ”anders“ oder ”unzugehörig“ bestimmt werden. Sie erhalten die Gelegenheit, ein Verständnis zu entwickeln, dass Rassismus nicht nur ein Problem und “ein Thema” ist, wenn wieder einmal ein rassistischer Vorfall an die Öffentlichkeit gerät, sondern für viele Mitmenschen ein tägliche Auseinandersetzung und Belastung bedeutet, die nicht aus- oder weggeschaltet werden kann. Es sind aber auch alle anderen eingeladen, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Für Betroffene gibt es allerdings eine Triggerwarnung. 

(Das Buch hat mir persönlich  geholfen, meine Gefühle und mein Verhalten, aber auch das meiner Mitmenschen besser zu verstehen. Weshalb sie z.B. abwehrend oder sogar aggressiv reagieren, wenn Rassismus thematisiert wird. Auch die Bedeutung und Wirkung von Mikroaggressionen hatte ich bisher in dem Kontext nicht bedacht. Viele Informationen und Perspektiven waren neu für mich. Am stärksten mitgenommen hat mich das Doll Test-Video mit den Kindern, die schwarzen Puppen böse und hässlich zugeordnet haben.) 

Inhaltlich werden die Entstehung, Strukturen und Wirkungsweisen von Rassismus im historischen, soziologischen und psychologischen Kontext besprochen. Es wird sehr klar und verständlich aufgezeigt und begründet, weshalb Rassismuskritik zum Alltag aller gehören muss und dass dafür zuerst die populäre, entlastende Vorstellung überwunden werden muss, Rassismus habe nur etwas mit Nazis, Rechtsradikalen oder der AfD zu tun.

Einsatz in der Schule

exit RACISM liefert grundlegendes Wissen zu Rassismus und bietet gleichzeitig aufgrund seiner Konzeption, Struktur (mit der Gliederung in neun Kapitel, die wiederum aus verschiedenen Teilen mit Fragen und Aufgaben bestehen und Einzel- und Gruppenarbeit ermöglichen) und dem zusätzlichen Material auf der Website ideale Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich. Im Buch selbst werden auch einige Problemfelder in der frühkindlichen und schulischen Bildung angesprochen. Besonders hilfreich und wertvoll ist, dass auch konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden, wie Lern- und Begegnungsräume gestaltet werden müssen und institutioneller Rassismus bekämpft werden kann. Dadurch können u.a. auch junge Menschen eine Befähigung erfahren, nicht nur als Betroffene verstanden zu werden und ihre Rolle, Selbst- und Fremdwahrnehmung aktiv mitzugestalten. Weil die gesellschaftlichen Grundlagen, Werte und Vorstellungen in jungen Jahren gebildet und geprägt werden, sollte jede Person in ihrer Schulzeit dieses Buch bearbeitet haben. Das gilt auch für Erzieher:innen und Lehrende an Schulen und Hochschulen. exit RACISM ist aufklärendes Erlebnis, das auch Teil der Lehrer:innenausbildung sein sollte. Wer sich noch stärker mit Rassismus im Lehrer:innenzimmer und Unterricht beschäftigen möchte, empfehle ich diesen Vortrag von Karim Fereidooni. Besonders den zweiten Teil, in dem viele konkrete Beispiele vorgestellt werden. Eine gut investierte Stunde. (Hier findet ihr seine Studie Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar:innen und Lehrer:innen ‚mit Migrationshintergrund‘ im deutschen Schulwesen.)

Da Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, sollten möglichst viele dieses Buch lesen oder hören, Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten schenken und sich mit ihnen davor, währenddessen und danach dazu austauschen. Das Konzept, das Tupoka Ogette hier entwickelt hat, kann ein wirksamer Ansatz und notwendiger Schritt sein, um Alltagsrassismus, institutionellen und strukturellen Rassismus ernsthaft zu bekämpfen, weil es die individuelle Ebene und gesamtgesellschaftliche anspricht. Der Titel ist Programm. Bei denen, die sich darauf einlassen, wird sich das Verständnis von Rassismus grundlegend wandeln und die Sichtweise nachhaltig ändern.

Seitdem der Distanzunterricht durch Covid-19 an Schulen eingeführt werden musste, konnte ein Phänomen an vielen Stellen beobachtet werden, das sich nach über einem Jahr fast schon verankert hat: Lehrer:innen versorgen Klassen im Distanzunterricht mit deutlich mehr Aufgaben als in Präsenz. Welche diversen Gründe das hat, dass mit dieser Maßnahme nicht das erreicht wird, was sich manche erhoffen, welches Lern- und Bildungsverständnis sich dahinter verbirgt, weshalb auch die Kultur der Digitalität eine Rolle spielt und welche Folgen das für junge Menschen haben kann, möchte ich mit ein paar Gedanken ausführen.

Was sind das für Probleme, die durch mit mehr Aufgaben versorgen gelöst werden sollen? Durch die Pandemie rückte immer wieder der Distanzunterricht an die Stelle des Präsenzunterrichts. Das führte dazu, dass der „Lernstoff“, der bisher in einem Klassenraum (im Schulgebäude), auf traditionelle Art und Weise und in einem festen zeitlichen Rahmen erarbeitet wurde, nicht in üblichen Umfang vermittelt werden konnte. Diese Erkenntnis führte von der Politik, über Lehrer:innen und bis zu den Eltern zu einer Vorstellung und einem Druck, dass Schüler:innen hier zukünftig etwas fehlen würde, das dringend nachgeholt werden müsse.

Ein weiteres gesellschaftliches Problem und letzten Endes ein politischer Druck wurden durch die Lage vieler Eltern im Fernunterricht erzeugt. Einige mussten weiter ihrer Arbeit nachgehen, teilweise im Homeoffice, und sich gleichzeitig zuhause um ihre Kinder kümmern, die vermehrt mit schulischen Fragen weitere Zeit und Kraft kosteten. Hier wurde der Wunsch geäußert, diese zusätzliche Belastung im Rahmen der Möglichkeiten zu senken. Konkret bedeutete das, Schüler:innen mit Aufgaben zu versorgen: mit Aufgaben, die wenig bis keine Unterstützung der Eltern erfordern.

Weil das Bildungssystem ein hierarchisches Machtgefüge ist, in dem junge Menschen über am wenigsten Macht verfügen, wurden Druck und Verantwortung deshalb immer weiter nach unten übertragen, bis in die Kinder- und Jugendzimmer. So kam es, dass (zu) viele Schüler:innen mit Aufgaben versorgt und zum Teil überschüttet wurden, um den „Lernstoff“ nach Plan einhalten, aufholen und Eltern entlasten zu können. Zumindest konnte auf diese Weise weiterhin im Klassenbuch dokumentiert, belegt und bis in die oberste politische Ebene kommuniziert werden, dass der „Lernstoff“ behandelt wurde.

Der Druck, mit dem „Lernstoff“ durchkommen zu müssen und Dokumentationen und Belege für die nächst höhere, hierarchische Ebene, etwas behandelt zu haben, sind nicht neu. Er ist Teil des Bildungssystems, der -strukturen und hat sich durch Covid-19 nur nochmal verstärkt. Geblieben sind aber weiterhin die Fragen, ob es darum geht, wirksames, nachhaltiges und zeitgemäßes Lernen in Schulen zu erreichen oder Klassen mit Aufgaben zu versorgen (auch schon vor der Pandemie und in Präsenz), um (nach oben und außen) belegen zu können, etwas behandelt zu haben. Auch der Aspekt, dass damit teilweise eine Verantwortung auf Lernenden übertragen wird, für die sie vielleicht gar nicht (ausreichend) befähigt und unterstützt wurden, verdient eine Prüfung.

Die „Lernstoff“-Anführungszeichen habe ich deshalb konsequent eingesetzt, weil das Verständnis, Lernen würde in der Schule primär bedeuten, bestimmte Inhalte bzw. den „Lernstoff“ (auswendig) zu lernen, immer noch sehr verbreitet, (meist aufgrund der eigenen Erfahrung und Biografie) beliebt und vertraut ist und nicht wenig zum hier vorliegenden Problem beiträgt. (Dazu gehört oft auch der vermeintliche Fachwissen vs. Kompetenz-Dualismus, mit dem populären Missverständnis und der Annahme, Kompetenzerwerb würde Fachwissenerwerb ausschließen. Darauf näher einzugehen würde aber den Rahmen dieses Beitrags sprengen.) Der enorme Druck des versäumten „Lernstoffs“ entspringt somit auch einem überholten Lern- und Bildungsverständnis.

Dieses Verständnis drückt sich auch in den bildungspolitischen Bemühungen und vermeintlichen Lösungen aus. Wenn z.B. das Bundesministerium für Bildung und Forschung Milliarden investieren möchte, um „Bildungslücken“ zu schließen oder (auf Bundes- und Landesebene) digitale Bildungsplattformen DIE Lösung unserer Zeit sein sollen. Damit wird u.a. häufig die zentrale Idee verfolgt, dass Schüler:innen Lerninhalte bzw. „Lernstoff“ „selbständig“ behandeln können, mithilfe von digitalisierten (bestehenden) Aufgaben, zahlreichen Erklärvideos oder sogar mit Einsatz von Software, die bisheriges Lernen effizienter und effektiver gestalten soll.  

Welches Lernen und welche Bildung in einer Kultur der Digitalität und einer immer komplexeren Welt notwendig sind, bleiben so aber drängende gesellschaftliche Fragen, die seit Jahrzehnten (in Deutschland) nicht angegangen und verschoben werden. Das haben auch die Herausforderungen der Pandemie nochmal deutlich gemacht. Covid-19 hat hier zwar den Druck erhöht, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Nur wurden dabei selten die technische Ebene oder der Gedankengang, bestehende Strukturen und Prozesse zu digitalisieren, verlassen. So fehlen auch heute noch Ansätze, echter bildungspolitischer Wille, Visionen für eine Bildung in einer Kultur der Digitalität oder auch Bemühungen, hierfür einen günstigen Rahmen für Schulen zu schaffen, der nachhaltige Entwicklungen erlaubt. 

Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb Schüler:innen im Distanzunterricht weitaus mehr Aufgaben erhalten als in Präsenz. Einige soll dieser Beitrag aufzeigen. Auch, dass es nicht so einfach ist, manches auf strukturelle Probleme zurückzuführen ist und noch viel Arbeit auf verschiedenen Ebenen aussteht. Vor allem möchte ich aber darauf hinweisen, dass dadurch nicht selten zu viel Verantwortung und Druck bei jungen Menschen landen. In der Hoffnung, Personen dafür sensibilisieren zu können, die etwas dazu beitragen können, dass Schüler:innen weniger mit Aufgaben versorgt und überschüttet werden oder dass Lernen stattfinden kann, das sie in einer Kultur der Digitalität benötigen. Während und nach Covid-19. 

Neulich postete ich in sozialen Netzwerken, dass viele Schüler:innen sich gewünscht hätten, die Möglichkeit, Referate digital aufzuzeichnen und sie Lehrenden als Video zukommen zu lassen oder sie im Videokonferenz-Meeting vorzutragen und dort darüber zu sprechen, auch nach Covid-19 beibehalten werden soll. Und dass dieser Wunsch für mich Sinn ergibt. Weil ich damals keine Zeit hatte, auch die wesentlichen Argumente der Diskussionen, die ich mit Klassen darüber führte, zu nennen oder meine bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse zu diesem Thema aufzuschreiben, hole ich das mit diesem Beitrag nach und gehe auch kurz auf Kritikpunkte ein, die zu diesem Wunsch in sozialen Netzwerken geäußert wurden.

Grundsätzlich ging es weder in den Debatten mit den Klassen noch in meinem Posting jemals darum, live vor der Klasse vorgetragene Referate abzuschaffen bzw. sie durch digitale Lösungen komplett zu ersetzen, sondern allen Schüler:innen zwei weitere Möglichkeiten zusätzlich anzubieten: ein digital aufgezeichnetes Referat abzugeben und ein Referat in einer Videokonferenz zu halten. Beides kann in bestimmtem Situationen sinnvoll sein.

Referate als Videobeitrag

photo-1587029436686-5e6071263c47Ein Referat digital aufzuzeichnen und einzureichen, ist eine Idee, die es auch schon vor Covid-19 gab und die von einige Lehrenden seit längerem angeboten wird. Beliebt war und ist dabei oft die Produktion von Erklärvideos. Weil ich den Fokus noch stärker auf Elemente des Storytellings legen wollte, führte ich vor vier Jahren das Format der Snapchat-Story ein. Daraus haben sich mittlerweile hinsichtlich Aufzeichnung und Software unterschiedliche Lösungen entwickelt. Bei diesen Ansätzen ging und geht es auch darum, mit einer Zuhause und in der Schule vorliegenden, überschaubaren Technik (oft bedeutet das nur ein Smartphone) Wege zu suchen, die Schüler:innen beim Lernen weiterhelfen.

Erst durch Covid-19 und Philippes Video-Serie #DigiFernunterricht bin ich auf die Software Loom aufmerksam geworden, was meiner Meinung nach die Aufzeichnung von Referaten auf eine andere Ebene hebt. Eine Präsentation mit einer face cam bubble (ein Kreis, mit dem die sprechende Person eingeblendet wird) aufzuzeichnen kannte ich bisher nur mit digitalen Tools und Settings, die für viele Personen zu teuer, kompliziert und/oder aufwendig waren. Um Loom zu nutzen sind keine besonderen technischen Vorkenntnisse notwendig und die kostenfreie Basisversion kann alles, was es braucht. 

Referate in Videokonferenzen

photo-1588873281272-14886ba1f737Was ich vor der Schulschließung noch nie probiert hatte, ist das Präsentieren (und Diskutieren) via Videokonferenz. Viele Software-Lösungen bieten die Möglichkeit, den Bildschirm mit ausgewählten Bildern, Webseiten, digitalen Tafeln oder Folien von vorbereiteten Präsentationen, zu teilen; auch dass die vortragende Person weiterhin eingeblendet bleibt. Damit habe ich viele positive Erfahrungen mit Gruppen- und Einzelpräsentationen (ohne weitere Klassenmitglieder) gesammelt. Die Gespräche im Anschluss verliefen meist entspannter, weil sie nicht im Zeitkorsett des regulären Unterrichts stattfanden und von vielen parallel laufenden Herausforderungen des Schulalltags umgeben waren.

Einer meiner persönlichen Highlights war ein Referat, für das sich eine Person besonders schick angezogen hatte, um die Ernsthaftigkeit des Vortrags (als Vorgang, nicht wegen des Inhaltes) zu unterstreichen. Außerdem wurde ein ruhiger Ort bei Verwandten ausgewählt und der Hintergrund adäquat eingerichtet. Ich weiß nicht, ob sich das Videokonferenz-Kompetenz nennt, aber zumindest hatte sich die Person vorher Gedanken gemacht, was in diesem neuen Setting nötig wäre, um eine Situation zu erzeugen, die der im Physischen entsprechen könnte. 

Weshalb Referate als Video oder in Videokonferenzen sinnvoll sein können

Hürden abbauen, Brücken bauen

photo-1568736333610-eae6e0ab9206Nicht wenigen Schüler:innen fällt es aus unterschiedlichen Gründen schwer, vor Klassen zu sprechen. Manche sind introvertiert, fühlen sich nicht wohl (mit sich, der Klasse oder der Lehrperson) oder spüren andere Hemmnisse, die auch nicht immer bekannt sind. Meine Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die vorhin beschriebenen digitalen Zusatzangebote für diese Personen häufig wie ein Zwischenschritt, wie eine Brücke wirken und damit Ängste und andere Hürden abbauen können. Dabei biete ich unterschiedliche Stufen an: a.) Die Person ist nicht dabei, wenn ich mir ihr Video ansehe, b.) Sie „erträgt“ es, dass ich es mir vor ihr ansehe und c.) Sie spielt das Video vor der Klasse ab. Mein Ziel dabei ist es, möglichst von a nach c zu kommen, was den nächsten Schritt in Richtung einer Live-Präsentation regelmäßig und deutlich erleichtert hat.

An dieser Stelle fällt gerne das Argument, Lampenfieber und Aufregung gehören dazu und seien wichtige Erfahrungen. Oft auch mit dem Verweis auf die Berufswelt. Hier schlage ich zwei zentrale Fragen vor, die bei Überlegungen, ob diese Erfahrung wirklich notwendig ist, Orientierung bieten können: 

  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person einen Berufe wählt, in dem Präsentationen im Mittelpunkt stehen oder überhaupt erforderlich sind?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass die Person ein stark negativ prägendes Erlebnis erfährt?

(Wenn ich die Situationen und Gespräche mit Schüler:innen und Ehemaligen der letzten knapp 20 Jahre reflektiere, lautet die Antwort bei den Personen, denen das Präsentieren vor der Klasse schwerfiel, auf die erste Frage „eher selten“ und die zweite „häufiger“, was sich im schlimmsten Fall in Panikattacken äußerte.)

Präsentationen perfektionieren 

photo-1519432651342-f28d06ae765b„Wer Erklärvideos aufnimmt, übt kein Präsentieren mehr“ war eine weitere These, die im Raum stand. Hier widersprechen die bisher erreichten Ergebnisse in vielen Schulen. Die Arbeit, einen Sachverhalt zu verstehen, ihn zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, entfällt nicht bei Erklärvideos. Auch nicht die Wahl der passenden Visualisierung oder die Reduktion auf das Wesentliche. Was aber hinzukommt, sind die Wiederholungen einer Aufzeichnung, weil zu schnell, undeutlich, lange gesprochen wurde oder an der Rhetorik gefeilt wird. Auch die Gestik und Mimik werden bei Aufnahmen von Schüler:innen sehr selbstkritisch analysiert und (oft lange) bearbeitet. Im Prinzip wird dadurch eine Präsentation perfektioniert.

Natürlich werden bei digital erstellten oder gehaltenen Referaten auch technische Fähigkeiten gelernt und geübt. Es wurden immer wieder neue Software-Produkte vorgestellt und kontrovers diskutiert, hinsichtlich Betriebssystem, Kosten, Datenschutz oder Benutzerfreundlichkeit. Das sehe ich hier aber nicht als zentrale Aspekete.

Der Sinn von Referaten

Es gibt drei Gründe, weshalb Referate in der Schule gehalten werden sollen:

  1. um fachliches Wissen zu erwerben
  2. um zu lernen, erworbenes Wissen anderen verständlich zu kommunizieren
  3. um Leistungen bewerten zu können

Alle drei Punkte werden mit Referaten als Videobeitrag oder Videokonferenz weiterhin erfüllt. Das Publikum ist nur ein weiterer Parameter, der zu den Rahmenbedingungen hinzugefügt wird und testet, ob jemand den zweiten Punkt vor einem Publikum beherrscht. Diese Notwendigkeit sollte nicht überschätzt werden, zumal sie für extrovertierte Personen die Leistung begünstigen und bei introvertierten negativ beeinträchtigen kann. Junge Menschen für ihren Charakter oder Gemütszustand zu belohnen oder zu bestrafen, empfinde ich als ungerecht. Deshalb kann ich alle Kolleg:innen nur ermuntern, die beiden Zusatzangebote in ihrem Unterricht mit aufzunehmen und auch das Thema Referate in einer Kultur der Digitalität an sich neu zu denken.