Den hier veröffentlichten Beitrag habe ich für die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen ihrer Kampagne #BesserDatenSchützen verfasst.

Wir befinden uns in einer digitalen Transformation, in der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert wird. Niemand steht so prominent und umstritten in der breiten Öffentlichkeit wie Facebook für zwei Themenfelder, die in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielen: Social Media und Daten.

Ein Bildungsziel muss es sein, bei jungen Menschen zumindest ein Grundverständnis über Aufbau, Wirkung und Zusammenhänge zu erreichen, damit sie in einer digital vernetzten Welt mündig wirken und Gesellschaft mitgestalten können. Wie das am besten gelingen kann, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Bisher spielen beide Themen in deutschen Schulen, an denen Smartphone-Verbote üblich sind, kaum bis gar keine Rolle. Wenn sie aber aufgegriffen werden, geht es meist darum, über mögliche Gefahren aufzuklären. Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen von Minderjährigen durch Erwachsene, um einen sexuellen Kontakt herzustellen) und Datenschutz bilden hier ein häufig überstrapaziertes Trio. Definitiv drei wichtige Aspekte. Die Grundidee von Social Media, nämlich miteinander zu kommunizieren, wird in ihrer Komplexität und ihrem Umfang dadurch allein leider nicht annähernd erfasst. Dass Instagram & Co unter und nicht auf den Schultischen stattfinden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Lehrende sich gerne zum Personenkreis zählen, der denkt, auf eine Beteiligung in sozialen Netzwerken verzichten zu können.

internet-3113279_1920Sich Facebook & Co zu entziehen oder seinen Account zu deaktivieren, klingt simpel, stellt aber ein Privileg dar, das sich nicht jede Person leisten kann. Als Beleg dafür reicht ein Blick in die politische oder wirtschaftliche Landschaft oder Wahlverläufe. Übrig bleiben nicht wenige Offliner, deren Wissen über soziale Netzwerke sich auf Print- und TV-Beiträge beschränkt und die keinen Sinn darin sehen, ihre kostbare Zeit für Unnützes zu verschwenden. Dabei sind die großen Social Media-Plattformen bereits über zehn Jahre alt und schon lange mehr als nur eine Möglichkeit, Freunde und Bekannte mit unzähligen Fotoserien am Elternstolz teilhaben zu lassen oder die Welt zu informieren, welche Pizza man bei welchem Italiener gerade gegessen hat. Das gesamtgesellschaftliche Leben hat in Social Media mittlerweile ein digitales Zuhause und bildet auch zunehmend regionale Strukturen ab.

Social Media als Chance

Eigentlich stellen soziale Netzwerke eine Chance für Schulen dar, sich zu öffnen, vom Austausch zu profitieren und noch stärker in die Gesellschaft zu wirken. Wie das funktionieren kann, zeigt seit Jahren eine wachsende Anzahl an Lehrenden, die sich mithilfe von Twitter, Facebook, Blogs oder sogar Instagram gemeinsam Gedanken machen, was zeitgemäße Bildung bedeutet und wie sie erreicht werden könnte. Dabei werden in Facebook-Gruppen oder unter Hashtags wie #zeitgemäßeBildung bei Twitter wilde Ideen bis hin zu konkreten Projekt- und Unterrichtskonzepten ausgetauscht und kollaborativ entwickelt. Man diskutiert kontrovers und unterstützt sich gegenseitig, auch um etwas Bewegung in den trägen Tanker Schule zu bringen. Persönliche Lernnetzwerke und unterschiedliche Expertisen werden aufgebaut und gepflegt. Es finden echte und nachhaltige Lernprozesse statt, wovon sich das System Schule gerne ein paar Scheiben abschneiden könnte. Beispielsweise erfolgt dieses Lernen der Lehrenden mithilfe sozialer Netzwerke anhand echter, nicht schulisch geleiteter Fragen. Wo, mit wem, wann und wie lange gelernt wird, wird frei gewählt und bestimmt. Außerdem findet der Austausch über Fachgrenzen hinweg statt, was erforderlich ist, wenn man den Transformationsprozess und Social Media verstehen möchte.

Wer im Unterricht zum Beispiel Framing bei rechtspopulistischen Auftritten in sozialen Netzwerken betrachtet, benötigt für das Verständnis psychologische, historische, sprachliche, politische, informationstechnische und ethische Aspekte. Der wohl wichtigste bei allen genannten Punkten ist das gemeinsame Erarbeiten. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Deshalb empfiehlt es sich, regelmäßig mit Klassen darüber zu sprechen, was sie in welcher Plattform aktuell überhaupt machen, wie und weshalb dort Meinungen zu Themen gebildet werden. Auch weil die Veränderungen sozialer Netzwerke einer deutlich anderen Dynamik unterliegen als das klassische Schulbuch.

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen

Ein erfolgreicher Dialog hängt von der Bereitschaft der Lehrpersonen ab, sich wertfrei auf unbekanntes Terrain zu begeben und das Wissen und den Blickwinkel der Schülerschaft einzubinden und wertzuschätzen. Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Die drei größten Hürden stellen erfahrungsgemäß Wertfreiheit, Angst vor Kontrollverlust und der Rollenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden dar.

Um ein letztes Potenzial sozialer Netzwerke zu nennen, möchte ich den Blick in die USA richten. Im Februar diesen Jahres hat es nach einem Amoklauf an einer High School in Florida eine Gruppe von Überlebenden über YouTube, Twitter und Instagram geschafft, ihrem Anliegen weltweit Gehör zu verschaffen. Einen Monat später erreichten die Jugendlichen so eine Verschärfung des Waffenrechts in ihrem Bundesstaat und mit dem „March for Our Lives“ die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten. Das zeigt: Social Media bieten Möglichkeiten der Demokratisierung und Partizipation aller, indem bestehende Hierarchien überwunden werden können. Soziale Netzwerke sind weder gut noch schlecht, sondern das Produkt unseres Wirkens.

Datenbewusstsein – ein mögliches Ziel

Auch beim Thema Daten gilt der bereits empfohlene Ansatz: Lehrkräfte sollten gemeinsam mit ihren Klassen die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im digitalen Zeitalter analysieren und unterschiedliche Expertisen und Perspektiven berücksichtigen – und diskutieren, wenn man nicht vorformulierte Antworten, sondern Mündigkeit anstrebt. Schülerinnen und Schüler brauchen keine Datenschutz-Debatten, in denen das Fehlen von Datenbewusstsein bemängelt wird und Erwachsene ihre moralischen Appelle und Überlegenheit präsentieren, die in der Regel verhallen. Um ein Datenbewusstsein entwickeln zu können, benötigen sie Transparenz und Wissen, welche Daten wann generiert werden, wer einen Zugriff darauf hat oder welche Chancen und Risiken sie für den Einzelnen oder die Gesellschaft bieten und wer das wo beschließt.

Man sollte Klassen nicht die eigene Auffassung von Privatsphäre und Datenschutz aufzwängen. Die Grenze zwischen Lehren und Belehren scheint hier fließend. Ich muss als Lehrer nicht erreichen, dass alle DuckDuckGo als Standard-Suchmaschine auf ihren Smartphones einrichten – aber dass sie zumindest wissen, dass es sie gibt und was sie im Vergleich zu Google und Co. leisten kann.

Rahmen und Rolle vom System Schule müssen neu gedacht werden, wenn man im Transformationsprozess nicht nur reagieren, sondern gestalten möchte. Und weil es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt, braucht es neben der Schule weiteres Engagement für Räume, in denen jungen Menschen partizipieren können und gehört werden. Vom 08. bis zum 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, eine Gesellschaftskonferenz von Jugendlichen für Jugendliche, die eine gute Gelegenheit für Impulse, Austausch und Vernetzung bietet. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jungen Leuten von heute begegnen. Fangen wir an, zu begreifen und investieren wir in unsere Zukunft.

March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Die Forderungen nach Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel werden im Bildungsbereich und der Politik gerne und häufig ausgesprochen. Was bedeutet aber überhaupt digital souverän oder digital mündig und wie kann man junge Menschen dazu befähigen? Dieser Beitrag soll nur einen Einstieg in diese Thematik darstellen und einige Impulse liefern.

Souveränität erlangen

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 19.11.13Der Souveränität würde ich den Erwerb des notwendigen Wissens und der Entwicklung eines Verständnisses der Welt, wie sie aufgebaut ist und funktioniert, zuordnen. Mündigkeit verstehe ich im Sinne des Aufklärungsbegriffs nach Kant. Den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen, um sich dieses Wissen und Verständnis anzueignen und sich so zur kritischen Betrachtung zu befähigen. Beides  gilt es im Kontext der digitalen Transformation zu untersuchen. Konkret sehe ich für den Unterricht zwei Ebenen, die man kombinieren kann. (Die hier abgebildete Grafik bietet nur einige Beispiele, die das veranschaulichen sollen.) Natürlich stehen alle Elemente in Beziehung zueinander und weisen Schnittflächen auf. Jedes der hier aufgeführten Themen ist riesig und befindet sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess. Was wiederum deutlich macht, dass es weder leistbar ist noch dass es darum geht, den Lernenden inhaltlich alles zu vermitteln. Mit Hilfe ausgewählter Fragestellung sollen selbstgesteuerte und reflektierte Lernprozesse ermöglicht werden, die außerhalb des schulischen Rahmens fortgesetzt werden können. Wenn ich z.B. das Thema Daten aufgreife, kann ich es ethisch und politisch diskutieren. Wann entstehen welche Daten? Wem gehören diese Daten? Wer hat alles Zugriff darauf? Welche Szenarien sind dadurch möglich? Welche Potenziale und Risiken birgt das? Welche Handlungsempfehlungen könnte man für einzelne Personen, die Gesellschaft oder Politik formulieren? Wenn junge Menschen lernen, wie man sich solchen Fragen sachlich, kontrovers und kritisch nähert, indem man unterschiedliche Argumente sucht, formuliert, abgewägt und gegenüberstellt, werden sie zu souveränem Handeln befähigt. Als Lehrender einzugestehen, etwas nicht zu wissen und sich mit Klassen gemeinsam auf den Weg zu machen, es herauszufinden, ist heute vielleicht ein noch wichtigerer Bestandteil von Souveränität als früher. Deshalb bietet es sich an, zu den Themenfeldern die jeweilige Expertise von außen in die Schulen zu holen oder außerschulische Begegnungsstätten aufzusuchen. Dirk von Gehlen hat heute dazu ein kurzes, aber lesenswertes Interview mit Katharina Meyer veröffentlicht, in dem sie ihren spannenden Workshop-Ansatz aus Berlin vorstellt und auf eine hervorragende Sammlung verweist. Mir gefällt außerdem die Idee der zusätzlichen Nutzung von Bibliothek als Lernraum, weil sie in der Regel zentral liegen und für alle zugänglich sind. Ihr Sinn kann so, trotz Digitalisierung und E-Books, erhalten werden.

Wie befähigt man junge Menschen zur Mündigkeit?

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 18.11.29Dass Lernende den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen, setzt voraus, dass das seitens der Lehrenden gewollt, gelernt und unterstützt wird. Natürlich würde an dieser Stelle niemand widersprechen wollen. Schwieriger und ehrlicher wird es aber, wenn man nach konkreten Beispielen in Schulen oder Hochschulen sucht, die das belegen können. Mündigkeit lernt man nur mit echten Beteiligungsmöglichkeiten und Ideen, die von Lernenden stammen. Zusätzlich braucht es Vertrauen, das man ihnen zuspricht bzw. Zutrauen, das man ihnen entgegenbringt. Mit aula erlebe ich an meiner Schule ein Konzept, das den Rahmen dafür bietet, bisherige Optionen stärkt und das Potenzial des digitalen Wandels ausschöpft. Partizipationsmöglichkeiten bleiben aus meiner Sicht immer der zentrale Aspekt von Mündigkeit, unabhängig gesellschaftlicher Neuordnungen. Die Jugendstudie Baden-Württemberg 2017 zeigt auf, wie es darum bestellt ist und in welchen Bereichen es noch Luft nach oben gibt. Es ist zwar noch ein weiter Weg zur Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel. Die zunehmende Vielfalt an Angeboten, Konzepten und Kooperationen lässt aber hoffen.