„Economics is the mother tongue of public policy, the language of public life, and the mindset that shapes society.“ (Kate Raworth – Doughnut Economics)

Es herrscht die Überzeugung bzw. ein allgemeiner Konsens, dass die Grundlagen zukünftiger Gesellschaften in der Schule gelegt werden. Wer das Buch von Kate Raworth gelesen hat, wird sich deshalb automatisch die Frage stellen, wie die Ideen der Donut-Ökonomie einen Weg in die Schulen finden könnten. Sie erklärt in Doughnut Economics eindrücklich und ausführlich, wie überholt das verbreitete wirtschaftliche Denken ist und liefert konkrete Bilder und Ansätze, die eine zeitgemäße Alternative zum dominierenden Missverständnis und Mythos des grenzenlosen Wachstums darstellen und dabei die verschiedenen Krisen unserer Zeit berücksichtigen. Die Donut-Ökonomie ist ein Wirtschaftsmodell, das darauf abzielt, den ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, indem es ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Gesellschaft und den Grenzen des Planeten schafft.

Natürlich wäre es der einfachste und übliche Weg, ihre Gedanken, Perspektiven und Ideen aus dem Buch mit Schüler:innen im Unterricht zu besprechen. Es bieten sich zahlreiche Fächer dafür an, einiges an Material liegt vor und lässt sich sicher mit den Bildungsplänen vereinbaren. Andererseits handelt es sich hier nicht nur um ein Thema, sondern um ein Grundverständnis von sich und der Welt, das im besten Fall erfahren und gelebt werden müsste, wenn es nachhaltig und wirksam sein soll. Hier kommt eine Idee ins Spiel, die heute Nachmittag bei einem Kaffee mit einem Kollegen entstanden ist und die ich hier als Anregung teilen möchte (in der Hoffnung, dass an manchen Stellen mit ihr experimentiert wird).

(Kurze Geschichte am Rande: Als ich zum Buch von Kate Raworth twitterte, schlug sie mir vor, mich auf der DEAL-Plattform (Doughnut Economics Action Lab) anzumelden, auf der sich Menschen weltweit vernetzen und austauschen sollen, um mit ihren Expertisen und Perspektiven die Ansätze der Donut-Ökonomie in der Breite ankommen zu lassen. Ein Kollege, der an einer Freiburger Schule unterrichtet und sich beim Thema Nachhaltigkeit engagiert, hat sich vor wenigen Tagen ebenfalls auf der Plattform angemeldet undmich als lokalen Verbündeten entdeckt. Was zum gemeinsamen Kaffee führte. Die Idee der Plattform scheint zumindest bei uns aufzugehen.)

Schule als Staat 

Wer das Projekt „Schule als Staat“ nicht kennen sollte, findet hier einige hilfreiche Links, auch zu Schulen, die es durchgeführt und im Netz dokumentiert haben. Kurz und grob geht es darum, dass eine Schule sich ein Schuljahr lang mit der Idee beschäftigt, einen eigenen Staat, mit eigenen Strukturen und Regeln zu entwerfen und am Ende eines Schuljahres (meist in der letzten Schulwoche) darin ein paar Tage zu leben. Dabei finden in der Regel in verschiedenen Settings (Klassen, Stufenversammlungen, Vollversammlungen usw.) Infos, Diskussionen und Aushandlungsprozesse über Staatsform, Wappen, Namen, Währung und viele andere Dinge statt. 

Eines der wesentlichen Ziele dieses Projektes ist, dass junge Menschen sich ausführlich und vertieft damit auseinandersetzen sollen, welche Werte ihnen wichtig sind, welche Werte sie als Schulgemeinschaft teilen und wie sich eine Gesellschaft daran orientierend erfolgreich organisieren lässt. Normalerweise wird der Schwerpunkt auf die politischen bzw. demokratischen Strukturen und Prozesse gelegt und Vorstellungen, Modelle der Ökonomie (wie z.B. der Homo oeconomicus) werden ohne eine kritische Auseinandersetzung reproduziert. So kann es schnell dazu kommen, dass an vielen Stellen die Frage dominiert, wie sich mit möglichst wenig möglichst viel erwirtschaften lässt. Hier könnte die Donut-Ökonomie ins Spiel kommen. (Bei diesem konkreten Beispiel: hin zu einem anderen Menschenbild– vom rationalen Wirtschaftsmenschen zum sozial anpassungsfähigen Menschen.)

Klassen oder Gruppen stellen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt beim Projekt die Frage, welche konkrete Aufgabe sie in dem von ihnen geschaffenen Staat übernehmen möchten. Wenn sie sich auf einen wirtschaftlichen Beitrag einigen, denkt man gewöhnlicherweise über Geschäftsmodelle nach und orientiert sich an Konzepten, die bereits aus ihrer Lebenswelt bekannt sind. Was wäre, wenn hier von Beginn an im wirtschaftlichen Handlungsspielraum des Donuts (siehe Abbildung oben) gedacht werden würde, indem davor die ökologische Obergrenze und die gesellschaftliche Grundlage erfasst worden wären? Was wäre, wenn dabei gemeinsam Ideen entwickelt werden würden, die auf Wiederverwertung zielen und nicht auf eine Wegwerfwirtschaft?

So, wie Schüler:innen bei politischen Fragen diverse Impulse und Zugänge zu den unterschiedlichen Staatsformen erhalten und diese im Anschluss diskutiert werden, lässt es sich auch einführen (und etablieren), Ideen einer zeitgemäßen Ökonomie zu ergründen und zu debattieren. Schule als Staat scheint prädestiniert dafür zu sein, sich die Zeit zu nehmen, junge Menschen neue, eigene Bilder einer Wirtschaft zeichnen zu lassen, die ihren Werten folgt. Wenn schon bei Schule als Staat alles grundsätzlich zur Debatte stehen soll, weshalb nicht auch das Wirtschaftssystem? Weshalb nicht die sieben Leitprinzipien von Kate Raworth an dieser Stelle kennenlernen und diskutieren lassen? Sie arbeitet übrigens in Amsterdam an einem Wirtschaftsraum, der diesen Prinzipien folgt. Weshalb nicht Schüler:innen ihren eigenen Staat als so einen Wirtschaftsraum gestalten und in ihm leben lassen?

Schule als Staat ist ein gewaltiges Projekt, erfordert viele Ressourcen und vor allem eine breite Bereitschaft der Schulleitung und Lehrkräfte, diese Idee mitzutragen. Es braucht auch eine Projektgruppe (aus einigen Lehrkräften und Schüler:innen), die alles koordiniert. Schule als Staat war immer ein besonderer Ansatz, Demokratiebildung, Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft auf schulischer Ebene zu erfahren. Mit der Donut-Ökonomie könnten einige weitere, wesentliche und notwendige Aspekte hinzukommen, die Schule jungen Menschen bieten sollte.

„Ich nenne den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen »Happyland«.“ (Ogette, Tupoka (2017): exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen. München: UNRAST-Verlag, S. 21)

Nachdem der Ethik-Kurs den Wunsch formulierte, sich im Unterricht mit Rassismus und anderen Ismen vertieft auseinanderzusetzen , stiegen wir mit exit RACISM von Tupoka Ogette ein. (Weshalb sich dieses Buch hervorragend für den Unterrichtseinsatz eignet, habe ich bereits letztes Jahr hier aufgeschrieben.) Zu Beginn des Buches zeichnet Tupoka Ogette ein Bild von Happyland, das die  wesentlichen Aspekte von Rassismus kurz und prägnant im Kern beschreibt.

„Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. Rassismus ist in Happyland enorm moralisch aufgeladen. Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und der Ku-Klux-Klan. Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. Gelernt hat die*der Happyländer*in dies seit seiner oder ihrer* Kindheit. Immer wieder wurde es ihm oder ihr* eingebläut. Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ›Rassismus‹ keinen Platz.“ (Ogette 2017, S. 17)

Weil sich die Ismen darin gleichen und gegenseitig bedingen können (Intersektionalität), habe ich das Modell Happyland abstrahiert und als Schablone für weitere Diskriminierungsformen verwendet. Wie genau und weshalb ich das getan habe, erkläre ich in diesem Blogbeitrag und teile neben meinen Gedanken auch die Slides, die ich verwendet habe (und die ihr gerne nutzen und remixen könnt).

Weil Schule auch ein Produkt und Abbild der Gesellschaft darstellt, liegen innerhalb des Schulraums die gleichen gesellschaftlichen und strukturellen Probleme vor wie außerhalb. Deshalb ist eine ehrliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit Ismen für das Zusammenleben während und nach der Schulzeit aus individueller und gesellschaftlicher Sicht ein Muss. Wer sich länger und intensiver mit Ismen beschäftigt, stellt fest, dass sie auf verwandten, teilweise gleichen Machtstrukturen beruhen und in der Regel auch einer ähnlichen Logik folgen. An dieser Stelle bietet Happyland einen Zugang zu strukturellen und Alltagsproblemen, der einen einfachen Transfer auf andere Ismen ermöglicht.

Bisher bin ich dem Prinzip des Buches (als Mitmach-Buch) im Unterricht (Klasse 10) gefolgt und habe das Kapitel Willkommen in Happyland! vorgelesen oder hören lassen. Danach haben die Schüler:innen den interaktiven Teil bzw. die dort formulierten Fragen bearbeitet. Im Anschluss wurden einige Gedanken (von Freiwilligen) ausgetauscht, die Antworten von Student:innen aus dem Buch vorgelesen und darüber diskutiert. Diese Slide und Zusammenfassung diente dabei als gemeinsame Grundlage und Orientierung:

Ein kleiner Hinweis für Lehrende: Es bietet sich zu Beginn an, den Satz Rassismus ist… von allen vervollständigen oder Beispiele für Rassismus notieren und diskutieren zu lassen. Die Beispiele sollten am besten in einem Etherpad, wie dem ZUMPad, eingetragen und gesammelt werden. So kann jede Person anonym agieren und für Betroffene, wenn nötig, ein Schutzraum geschaffen werden. Die Notizen des Kurses können das bisherige Wissen, Verständnis oder auch Erfahrungen transparent machen, und als Folie dienen, die zu einem späteren Zeitpunkt mit gängigen Definitionen abgeglichen oder mit erworbenen Kenntnissen neu kontextualisiert werden kann. 

Wenn die Weltanschauung in und Funktion von Happyland einmal verstanden wurde, können sie einfach auf weitere Ismen übertragen werden. Als ich meinen Kurs nach anderen Ismen fragte, wurde Sexismus genannt. Als dazu Vorstellungen und Fälle von Schülern beschrieben wurden, die zu den Aspekten „ein Vergehen der Anderen“ oder „extreme Grenzüberschreitungen“ und Beispielen wie Hoyerswerda oder Hitler zugeordnet werden konnten, kam die nächste Slide ins Spiel, die Happyland vom bisherigen Kontext abstrahiert und als Schablone für andere Ismen bzw. weitere Happyländer funktioniert:

Weil Ismen strukturell (gesellschaftlich und institutionell) verankert sind, kann der Vergleich und Transfer (wie von mir beschrieben, angeregt durch eine kurzen Austausch über Sexismus) in der Regel gelingen. Die Abstraktion und der Transfer begünstigen auf eine einfache Weise die Erkenntnis, dass es mehrere Happyländer gibt, die es zu überwinden und zu verlassen gilt. Der Ethik-Kurs wird sich aufgrund von Fragen, die Schüler:innen zu Beginn des Schuljahres gestellt haben, und Diskussionen, die sie geführt haben, mit folgenden Ismen beschäftigen:

Ein zweiter kleiner Hinweis (nicht nur für Lehrende): Adultismus ist in der Regel wenigen Menschen bekannt, obwohl er in Bildungsstrukturen und -prozessen verankert ist und die Kultur an Schulen wesentlich prägt. Er kann es z.B. auch jungen Menschen erschweren, sich bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen zu wehren, wenn ihre Anliegen relativiert, nicht ernst genommen oder ignoriert werden, was wiederum sehr konkret die Notwendigkeit intersektionaler Ansätze verdeutlicht. 

Die wesentlichen Ziele bei Auseinandersetzungen mit Ismen sollten sein, dass junge Menschen

  • die Machtstrukturen, Funktionen, Wirkungen und Anwendungen von Diskriminierungsformen erfassen, aber auch die Notwendigkeit von intersektionaler Betrachtung verstehen, um für sich und (mit) andere(n) wirksame und nachhaltige Ansätze entwickeln zu können.
  • lernen, diskriminierungskritisch zu denken und Ansätze kennenlernen und entwickeln, wie ein diskriminierungskritischer Alltag gelingen kann.
  • ihren Wirkungsraum und den Rahmen ihrer Möglichkeiten begreifen und erweitern können.
  • falls sie von Diskrimierung betroffen sind, gestärkt werden, Strategien kennenlernen und entwickeln können, die ihnen helfen.

Den letzten Punkt dieser Auflistung möchte ich hervorheben. Wenn im schulischen Kontext Auseinandersetzungen mit Ismen erfolgen, beschränken sie sich nicht selten auf eine Perspektive, in der Betroffene ausschließlich als Opfer auftreten und nur auf Probleme hingewiesen wird. Es braucht aber auch Perspektiven, die Betroffene zeigen, in denen sie selbstermächtigt auftreten und handeln. Und junge Menschen müssen bezüglich ihrer persönlichen Diskriminierungserfahrungen besonders geschützt, unterstützt und gestärkt werden. Jede Schule sollte eine diskriminierungskritische Schule sein und eine Kultur leben, in der Alltagsdiskriminierungen angesprochen und angegangen werden, um Happyländer gemeinsam zu verlassen.

Dafür braucht es keine Schilder an Schulhäusern, keine pressewirksamen Veranstaltungen oder Zertifikate. Die Entwicklung einer Schulkultur, die ihre strukturellen Probleme nicht relativiert oder negiert, sondern ehrlich damit umgeht und sich ernsthaft damit auseinandersetzt, ist ein anstrengender, nie endender und zäher Prozess mit vielen unangenehmen Situationen und Gesprächen. Dadurch entsteht aber auch eine gerechtere, solidarischere und freiere Kultur. Wie anfangs beschrieben, bilden Schul- und Klassenräume die Gesellschaft ab, die auch divers ist. Diese Diversität braucht einen Raum, in dem alle Beteiligten ein respektvolles Miteinander lernen und leben können. Alle am Schulleben Beteiligten, die sich darum bemühen, tragen dazu bei, dass dies auch nach der Schule gesamtgesellschaftlich besser gelingt.

Hier können die Slides als keynote-, pdf- oder pptx-Datei heruntergeladen werden:

Nachdem ich vor ein paar Tagen diesen Gedanken zu einer weit verbreiteten Praxis in Social Media veröffentlichte, erhielt ich eine (bei diesem Thema unüblich) große Resonanz (vor allem bei Twitter) und einen Hinweis, dass hierzu ein Handout hilfreich wäre. Deshalb gehe ich in diesem Beitrag auf wesentliche Aspekte und Perspektiven zum Thema Wahl der Klassensprecher:innen etwas näher ein und biete zusätzlich unterstützende Informationen und Ideen an, mit der Hoffnung, dass an mancher Stelle bisherige Zustände und Abläufe kritisch reflektiert, diskutiert und falls nötig korrigiert werden.

Qualen der Wahl

Erfahrungsgemäß gibt es bei Wahlen von Klassensprecher:innen (teilweise stark vereinfacht und überspitzt) zwei sehr beliebte Vorgehensweisen, die auch kombiniert stattfinden können:

Die schnelle Lösung

Am ersten Schultag, zwischen dem Abschreiben des Stundenplans und dem Diktieren der Materialliste, werden Klassensprecher:innen gewählt, um zügig die Pflicht einer To-do-Liste abzuhaken. Die Wahl rangiert damit auf der gleichen Bedeutungsebene wie einen roten Umschlag für das Matheheft zu kaufen.

Die Demokratur

Es werden geeignete Kandidat:innen diktiert bzw. besonders hervorgehoben oder empfohlen, die im Anschluss demokratisch gewählt werden dürfen. Nicht selten wird sich dabei am Notenschnitt der Schüler:innen orientiert, die sich aus der Perspektive der Lehrkräfte meist auch vorbildlich verhalten. 

Beides beinhaltet aus demokratischer Perspektive eine kritisch zu betrachtende Praxis, die mit einer bestimmten Haltung und Vorstellung vom zu wählenden Amt, der Wahl und auch Demokratiebildung zusammenhängt. Der erste Punkt bezieht sich auf die mangelnde Zeit. Zeit ist auch die Währung in Schulen, aus der sich Werte ableiten lassen, die Dingen zugesprochen werden. Wofür viel oder wenig Zeit zur Verfügung steht bzw. zur Verfügung gestellt wird, verdeutlicht und macht transparent, welche Schulkultur vorliegt und Ziele angestrebt werden.

Da Schulen ohnehin hierarchisch strukturiert sind, hängen die Möglichkeiten und Räume der Schüler:innenbeteiligung und -mitbestimmung vom Wohlwollen der Schulleitung und Lehrkräfte ab. Wenn wenig Zeit in die Auseinandersetzung mit den Ämtern und der Wahl von Schüler:innenvertretungen investiert wird, kommt diese Botschaft bei jungen Menschen bewusst und unbewusst an. Sie prägt ihr Verständnis der Schulkultur und ihrer Rolle darin. Solche geringschätzenden Erfahrungen erschweren es auch allen zukünftigen Bemühungen an Schulen, junge Menschen zur Beteiligung zu aktivieren und zu befähigen. Die Bedeutung der Demokratiebildung droht auf diese Weise, die Existenz auf einer To-do-Liste kaum zu übersteigen.

Der zweite Aspekt, der “geeigneten“ Kandidat:innen, greift ein populäres Missverständnis auf, dass Lehrkräfte wüssten, welche Personen weshalb für so ein Amt geeignet seien. Dabei werden z.B. Schüler:innen mit guten Noten oft auch gutes Verhalten zugeordnet (Halo-Effekt) und zusätzlich angenommen, dass solche Leistungen und so ein Verhalten auch zu einem guten Ergebnis für demokratische Prozesse in einer Klasse oder Schule führen würden. Dabei gibt es z.B. in der Psychologie ausreichend Hinweise (Kahneman – Thinking, Fast and Slow), wie schwierig und komplex es ist, zukünftiges Verhalten von Personen innerhalb von Gruppen vorherzusehen und wie sehr und gerne Menschen sich bei dieser vermeintlichen Fähigkeit überschätzen.

(Im meiner knapp 20-jährigen Arbeit mit jungen Menschen im SMV-Bereich war ich lange Zeit sehr überzeugt davon, zu wissen, was gute und geeignete Kandidat:innen ausmacht. Erst nach einigen Jahren hatte die Wahl eines Kandidaten, den ich für völlig ungeeignet hielt und der später das Gegenteil bewies, bei mir zum Umdenken und zur Erkenntnis geführt, wie wenig aussagekräftig meine Erfahrung und scheinbar zuverlässige Eigenschaften in diesem Punkt sein können. Zu viele Kompetenzen und Eigenschaften junger Menschen sind und bleiben, vor allem Lehrkräften, unbekannt.)

Beim einleitenden Beispiel habe ich auf die Perspektive der Lehrkräfte verwiesen, weil sie auch bei der Kommunikation, was als geeignet gilt oder nicht, bedeutend sein kann. Dass Kritik und Widerspruch Elemente demokratischer Prozesse darstellen, wird niemand in Frage stellen. Wie diese aber von jungen Menschen geäußert in Schulen aufgenommen werden, lässt an nicht wenigen Stellen starken Zweifel aufkommen, dass sie gewünscht sind und die Wahrscheinlichkeit senken, dass so ein Verhalten (auch im Kontext von Ämtern der Schüler:innenvertretung und Wahlen) als vorbildlich bezeichnet wird.

Wie wird es richtig gemacht?

Eine einfache Frage, die schwierig zu beantworten ist, weil sie differenziert betrachtet werden muss. Zumindest die juristische Perspektive ist hierzu eindeutig und klar. Ihre Antwort in Baden-Württemberg lautet wie folgt: 

Klassen- und Kurssprecher: innen und deren Stellvertreter:innen werden von Klasse 5 an gewählt.

Die Wahl aller Klassensprecher:innen und ihrer Stellvertreter:innen soll spätestens bis zum Ablauf der dritten Unterrichtswoche im Schuljahr stattfinden, bei Teilzeitunterricht in Blöcken bis zum Ablauf der zweiten Unterrichtswoche des ersten Unterrichtsblocks im Schuljahr. 

[siehe Schulgesetz  §§ 65 und SMV-Verordnung §§ 3]

Man hat somit drei Wochen Zeit die Klassensprecher:innen zu wählen. Ein Zeitraum, der ausreichend Möglichkeiten bietet, das Thema ausführlich anzugehen. (Diese drei Wochen stellen übrigens gleichzeitig eine Frist dar, die erfahrungsgemäß an einigen Schulen unbekannt ist und manchmal weit überschritten wird.)

Eine weitere möglichen Perspektive auf die Frage, wie es richtig gemacht wird, ist, wie eine solche Wahl aus demokratiepädagogischer Sicht vorbereitet und durchgeführt werden sollte. Es ist nämlich besonders wichtig, dass Klassensprecher:innen die Unterstützung von ihren Klassen und Klassenlehrer:innen erfahren. Zuerst widmen wir uns der Klasse: Wie gelingt es, dass Klassensprecher:innen gewählt werden, die möglichst viel Rückhalt von ihrer Klasse erhalten? Erstens ist es wichtig, dass bekannt ist und diskutiert wird, welche Aufgaben, Klassensprecher:innen haben oder auch nicht erfüllen müssen:

Was sind die Aufgaben von Klassensprecher:innen?

Klassensprecher:innen

  • vertreten die Interessen aller einer Klasse
  • geben Ideen und Wünsche einzelner Schüler:innen oder der ganzen Klasse an Lehrkräfte, Schulleitungen oder Elternvertretungen weiter
  • tragen Beschwerden und Kritik den Lehrkräften oder der Schulleitung vor
  • unterstützen einzelne Schüler:innen in der Wahrnehmung ihrer Rechte
  • können bei Schwierigkeiten zwischen Klasse und Lehrkräften vermitteln
  • berufen die Klassenschüler:innenversammlung ein und leiten sie
  • nehmen an den Sitzungen des Schüler:innenrates teil und informieren die Klasse darüber
  • wirken bei Aufgaben mit, die der Schüler:innenrat sich selber stellt
  • können zu geeigneten Punkten zu Klassenpflegschaftssitzungen eingeladen werden

Aus diesen Aufgaben lassen sich die meisten ihre Rechte ableiten: Das Informationsrecht, das Teilnahmerecht an Konferenzen, das Vertretungs- und Vermittlungsrecht, das Beschwerderecht und das Anhörungs- und Vorschlagsrecht.

Was keine Aufgaben von Klassensprecher:innen sind:

  • der verlängerte Arm der Klassenlehrer:innen zu sein
  • Aufpasser:in in der Pause zu sein
  • jeden Streit zu schlichten

Dass das Thema Eignung für ein solches Amt sehr komplex und schwierig ist, darauf wurde bereits hingewiesen. Es erfordert Zeit und eine vertiefte Auseinandersetzung, die man Klassen dafür einräumen sollte. Folgende Auflistung kann dazu als Grundlage und Orientierung dienen:

Was ist hilfreich für Klassensprecher:innen?

  • bereit sein, sich für die Klasse und im Schüler:innenrat zu engagieren
  • neugierig sein und dazulernen wollen
  • frei sprechen und gut argumentieren können
  • Probleme erkennen und formulieren können
  • Kontakt zu möglichst vielen Mitschüler:innen haben
  • Rechte und Pflichte der Schüler:innen kennen
  • bei Problemen und Entscheidungen kompromissbereit sein
  • Mut haben und Neues wagen oder Standpunkte verteidigen

Diese Punkte können mit Klassen diskutiert und von ihnen korrigiert oder ergänzt werden. Was sich in der Praxis auch oft bewährt hat, ist die Arbeit der Klassensprecher:innen aus dem letzten Schuljahr gemeinsam zu reflektieren. (Hierfür ist ein vertrauensvolles Klima nötig.) Besonders junge Menschen und Konstellation in Klassen befinden sich in einem ständigen Wandel. Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Personen die Gelegenheit erhalten, sich in einer anderen Rolle zu erleben, Verantwortung zu übernehmen und herauszufinden und zu zeigen, was in ihnen steckt. 

Das Maß an Rückhalt, die Klassensprecher:innen von ihren Klassen erfahren, hängt u.a. stark davon ab, wie (gut vorbereitet, möglichst gerecht…) eine Wahl abläuft, welche Rechte sie tatsächlich erhalten, eine Schule mitgestalten zu dürfen bzw. wie ernst die Aufgaben, die das Amt mit sich bringt, genommen werden können. Womit wir wieder bei den Personen wären, die in der Hierarchiestruktur von Schulen weiter oben stehen, was auch zur zweiten, noch offene Frage überleitet: Wie gelingt es, dass die Gewählten auch möglichst viel Rückhalt von ihren Klassenlehrer:innen erhalten? 

An dieser Stelle ist die Rolle von Schulleitungen sicher kein unwichtiger Faktor. Ob und wie viel Zeit sie Klassenlehrer:innen einräumen, sich in dem Bereich fortzubilden, sich in Gesamtlehrerkonferenzen dazu auszutauschen und im Unterricht darauf einzugehen, bestimmt ebenfalls den Wert der Demokratiebildung an Schulen. Unabhängig davon haben trotzdem alle Lehrkräfte einen Spielraum, in dem sie entscheiden können, wie viel Zeit und Kraft sie in die Vorbereitung und Durchführung einer solchen Wahl investieren möchten, aber auch in die Pflege und Wertschätzung dieses Amtes im Laufe eines Schuljahres, als Klassenlehrer:innen oder in ihrem Fachunterricht.

Undemokratische Wahlen

Am Ende dieses Beitrags möchte ich zumindest noch kurz anreißen, dass selbst die beste Vorbereitung und Durchführung einer solchen Wahl als undemokratisch gesehen und verstanden werden kann, weil die Praxis einen vor diverse Herausforderungen stellt, die eine Wahl ungenügend beantworten kann. Da Schulen z.B. auch gesellschaftliche Strukturen und ihre Probleme abbilden, stellt sich die Frage, wie damit innerhalb einer Klasse umgegangen wird, wie diese berücksichtigt werden können und müssen. Natürlich finden auch in Schulen Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus und andere Diskriminierungsformen statt. Wie wirken sich diese auf Wahlen aus?

Deshalb verdient neben der elementaren Fragestellung, wer und wie am besten die Interessen aller vertreten kann, auch die Frage, wie man zu solchen Personen kommen kann und welche Lösungen, außer Wahlen, es gibt, deutlich mehr Beachtung. Was bedeutet Demokratie und was ist demokratisch? Allein die Antworten auf diese Frage führen innerhalb von Klassen, Kollegien und Schulen zu sehr kontroversen Auseinandersetzungen. Und genau die braucht es (immer wieder), um einen Konsens auszuhandeln und nicht gegeneinander zu arbeiten. 

Weil die Wahlen der Schüler:innenvertretung gesetzlich verankert sind, sehe ich aktuell wenig Experimentierraum in diesem verbindlichen Rahmen. Trotzdem braucht eine zeitgemäße Demokratiebildung auch Freiräume, um neue Modelle zu entwickeln und zu erproben. Welche erfolgreichen Ansätze es bereits gibt, guten Gründe vorliegen, davon zu lernen und sie zu übernehmen, stelle ich in einem der nächsten Beiträge vor.