Gestern veröffentlichte die Badische Zeitung ein Sommerinterview (Paywall) mit dem A*D-Fraktionsvorsitzenden aus Baden-Württemberg und dem Titel „Wir sind auch im Südwesten Volkspartei“. Es ist ein Paradebeispiel, wie eine Partei, die demokratisch gewählt wurde, aber nicht demokratisch ist, medial normalisiert und damit salonfähig und gestärkt wird. Dieser Beitrag ist eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Interview, das aber nur stellvertretend für ein wesentliches Problem steht: Den (medial-politischen) Umgang mit autokratischen und menschenfeindlichen Kräften, die Demokratien gefährden.
Zu Beginn stellt sich die Frage, weshalb der A*D an dieser Stelle überhaupt (k)ein (geringer Wirk-)Raum zur Verfügung gestellt wird. Das Format des Sommerinterviews an sich (auch im ÖRR), welche Funktion es in der Regel erfüllt, kann und muss kritisch betrachtet werden. Weshalb gilt eine Einordnung der A*D Baden-Württemberg zu den Wahlen in Sachsen und Thüringen als journalistisch relevant und notwendig? Es ist bekannt, dass Landespolitik der jeweiligen Landeslogik folgt und relativ unabhängig der anderen Bundesländer funktioniert und wirkt. In Baden-Württemberg spielt die A*D eine sehr geringe Rolle und hat auf kommunaler Ebene massive Probleme, was im Interview später eingeräumt wird und umso mehr die Frage der Relevanz des Interviews aufwirft.
Neben dem Weshalb spielt aber auch das Wie eine zentrale Rolle. Deshalb werden nun die journalistischen Fragen bzw. Aussagen betrachtet, zu denen Stellung bezogen werden sollte:
BZ: „Nach den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen lässt sich erahnen, dass Sie mit diesen Wahlergebnissen für die A*D zufrieden sind.“
Das Interview beginnt rhetorisch mit einem ausgerollten roten Teppich, der einlädt, alles zu platzieren, was man politisch wirken lassen möchte. Diese Einladung wird natürlich angenommen und es werden Sachen behauptet, die ohne jegliche Einordnung gedruckt werden bzw. auf die auch nicht kritisch im Anschluss eingegangen wird.
BZ: „Allerdings will niemand mit der A*D in Thüringen und Sachsen koalieren. Sind die Wahlergebnisse also ein Erfolg für die A*D, der aber ohne Wert für sie bleibt?“
Als nächstes leitet eine Beschreibung ein, dass niemand mit der A*D trotz ihrem Erfolg koalieren möchte, die den Grund dafür ausblendet und deshalb das Wesentliche nicht benennt. Mit der Frage im Anschluss wird der gedankliche Rahmen, das Bild von (Wahl-)Erfolg gezeichnet und der Weg geebnet, für das, was folgt: Es wird vom Fraktionsvorsitzenden erklärt, wie der Wille des Wählers mit Füßen getreten wird.
BZ: „Die A*D Baden-Württemberg ist von solchen Wahlergebnissen allerdings weit entfernt. Im Osten erhebt die A*D den Anspruch, Volkspartei zu sein, ist es wohl in Teilen auch. In Baden-Württemberg sind Sie aber weiterhin Nischenpartei, in manchen Regionen finden Sie etwa nicht genug Kommunalwahlkandidaten.“
Der erste und letzte Satz sind der einzige Teil des gesamten Interviews, der eine notwendige und kritische Einordnung darstellt. Im zweiten Satz wird die Erzählung der A*D, eine Volkspartei zu sein (Eine Volkspartei richtet sich an alle Gesellschaftsschichten und unterscheidet sich von spezialisierten Parteien wie Klassen- oder Interessenparteien. Der Begriff stammt vom Politologen Dolf Sternberger.) reproduziert und „in Teilen“ bestätigt. Das lässt sie größer, relevanter wirken und macht sie salonfähig. Es folgen wieder Behauptungen, die ohne Einordnung bleiben und dennoch gedruckt werden.
BZ: „Beide A*D-Landesverbände Thüringen und Sachsen gelten laut Verfassungsschutzämtern als gesichert rechtsextrem. Dieses Verdikt könnte Ihnen auch drohen, noch ist die A*D zunächst ein Verdachtsfall. Noch gehen die baden-württembergischen Verfassungsschützer davon aus, dass die Mehrheit der A*D Baden-Württemberg nicht zum rechtsextremen Lager gehört. Was machen Sie, dass dies so bleibt?“
Als nächstes wird zwischen Sachsen und Thüringen, wo die A*D als gesichert rechtsextrem gilt und Baden-Württemberg, wo die Partei nur ein Verdachtsfall ist, unterschieden. Der zweiten Satz könnte man (wohlwollend gelesen) als leichte kritische Betrachtung verstehe, weil die A*D „noch“ nur ein Verdachtsfall ist, aber Schlimmeres drohen könne. Die abschließende Frage lädt aber wieder ein, diese Bedrohung auszuräumen und suggeriert, es sei in ihrem Interesse, das zu tun. Es folgen wieder Behauptungen und Relativierungen, die eine Einordnung und Richtigstellung erfordern, die aber ausbleiben.
BZ: „Die islamistischen Verbrechen und Messerattacken der vergangenen Monate haben massiv migrationskritische Stimmen auch in anderen Parteien laut werden lassen. Auch bei den Grünen wird nun eine Zeitenwende gefordert. Mehr Abschiebungen, Kürzung von Leistungen, Grenzkontrollen, eine generell härtere Gangart werden angestrebt. Fühlen Sie sich bestätigt, also quasi Mission erfüllt und damit überflüssig?“
Dieser Absatz ist besonders kritisch zu betrachten. Mit „Messerattacken“ wird im ersten Satzteil ein rechtspopulistisches Bild übernommen, im zweiten Satzteil mit den stark relativierenden Beschreibung „migrationskritische[r]“ Stimmen vermischt und dann mit den anderen (demokratischen) Parteien gerechtfertigt. Die Frage am Ende unterstreicht nochmal, dass die A*D hier richtig liegen würde.
Es werden Islamismus und Terrorismus, sehr ernste und komplexe Probleme, als Folgen von Migration reduziert und dargestellt. Es stimmt zwar, dass sich die demokratischen Parteien von der A*D seit Monaten treiben lassen und eine Politik betreiben, die einer rassistischen Logik folgt und einfache (vermeintliche) Antworten auf komplexe Probleme liefert. Ist es aber nicht die Aufgabe von Journalismus, das zu hinterfragen, zu dekonstruieren und die Arbeit zu leisten, die es braucht, um zu tatsächlichen Lösungen drängender Probleme zu kommen? (Natürlich wurde auch diese Einladung genutzt, die Erzählung der A*D weiter auszubreiten und zu vertiefen.)
Das Interview endet mit den folgenden vier Fragen:
1.) Blicken wir auf die sich nähernde Landtagswahl in Baden-Württemberg im Frühjahr 2026. Bei den anderen Parteien ist im Prinzip klar, wer Spitzenkandidat wird, bei der A*D noch nicht. Wird es einen Spitzenkandidaten Anton Baron geben?
2.) Hätten Sie denn Lust auf die Spitzenkandidatur?
3.) Mal auf die A*D-Landtagsfraktion geblickt: Ein Teil davon befindet sich auf dem Weg aufs politische Altenteil, andere kümmern sich stark um die Partei wie Landessprecher Emil Sänze, andere, wie Miguel Klauß, pflegen ihre Auftritte in den sozialen Medien oder agieren im Untersuchungsausschuss zur Polizeiaffäre wie etwa Hans-Jürgen Goßner. Das macht aber nicht den Eindruck eines Teams.
4.) Wo soll da laut Ihrer Partei die Reise hingehen?
Das ist der klassische Teil der medialen Normalisierung einer demokratiefeindlichen Partei. Es werden die üblichen Fragen gestellt, die den Eindruck erwecken und verstärken, es handle sich um eine der vielen demokratischen Parteien. Das “Menschliche” erhält hier viel Raum und das groß abgedruckte Foto einer freundlich schauenden Person unterstreicht das zusätzlich. Wofür diese Partei tatsächlich steht, kann z.B. auf dieser Website mit gesammelten Aussagen nachgelesen werden. (Die Kritik, die ich an diesem Interview aufführe, ist auf unzählige Beiträge in Print, TV und Radio übertragbar.)
Es wird seit vielen Jahren weltweit diskutiert, wie Medien mit autokratischen und menschenfeindlichen Kräften umgehen sollen. In Wallonien haben z.B. alle Rundfunkanstalten einen Pakt geschlossen, Menschen, die rassistischen, demokratiefeindlichen Gruppen nahestehen, keine Plattform zu bieten. Es gibt keine Einladungen zu Live-Interviews und Talkshows. Rechtsextreme werden nur dann zitiert, wenn Zitate kontextualisiert und antidemokratische Inhalte als solche eingeordnet werden. (Hier kann man mehr darüber lesen.)
Ein zentraler Aspekt, der seitens medialer Entscheidungsträger*innen immer wieder aufgeführt wird, um ihren Umgang mit der A*D zu legitimieren, ist die (angestrebte) Neutralität und Objektivität, die seriöser Journalismus erfüllen muss. Nur wird dabei ignoriert, dass natürlich auch die Auswahl, wie und worüber berichtet wird bzw. was, wer und wie eine Bühne erhält, politisch ist und wirkt und alles andere als neutral gelten kann. Zum Thema Objektivität verweist Gilda Sahebi in ihrem aktuellen Buch Wie wir uns Rassismus beibringen auf folgenden Gedanken:
„Objektivität wird dabei fast zum Schlachtbegriff. »Die Angreiferinnen«, schreiben die Forscher innen Tanja Evers und Klaus-Dieter Altmeppen, legten damit »in ihrer Argumentation den Finger treffsicher in eine immerwährende Wunde des Journalismus.« Dieser Angriff, Medienschaffende seien nicht »objektiv« – so könnte man analysieren – hat dazu geführt, dass eine negative Berichterstattung (vermutlich unbewusst) als »objektiv« betrachtet wurde.“
Dass die Erzählung “Migrant*innen sind das Problem” medial-politisch die Debatten seit Monaten dominiert, ist ein demokratisches Armutszeugnis. Das ist auch kein rein sprachliches oder rhetorisches Problem. Diese Erzählung führt dazu, dass sich Rassismus offener, direkter und härter zeigt, wie Ferda Ataman, die Unabhängige Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung, (hier) vor kurzem berichtete und eine Klima begünstigt, in dem sich rechtsextreme Gewalt vermehrt entlädt.
Ich gehe bei diesem Interview der Badischen Zeitung davon aus, dass damit die Absicht verfolgt wurde, gute journalistische Arbeit und einen Beitrag zur Stärkung der Demokratie zu leisten. Dass und weshalb ich beides als verfehlt einordne, stelle ich mit diesem Beitrag und den aufgeführten Begründungen zur Debatte. Auch in der Hoffnung, eine medial-politische Entwicklung zu begünstigen, die eine Demokratie tatsächlich stärkt und schützt und allen Menschen ein Leben in Würde zugesteht.











