Ich erinnere mich an eine breite, lange und erfolglose vor ca. zwei Jahren geführte Debatte bei Twitter, welcher Begriff die neuen Herausforderungen von Schulen und Hochschulen, die durch den digitalen Wandel entstanden, am besten beschreiben könnte und im allgemeinen Konsens genutzt werden sollte. Bis heute handhabte ich das wie Jöran hier; dabei mochte ich den Hashtag #DigitaleBildung nicht einmal. Weil Begriffe Bilder zeichnen und Gedanken prägen, verabschiede ich mich heute vom Hashtag #DigitaleBildung und benutze zukünftig den Hashtag #zeitgemäßeBildung. Wer weiß, wie viel der alte Hashtag dazu beigetragen hat, dass die Debatte über Technik und digitale Tools dominiert(e) und nicht zeitgemäße Lehr- und Lernformen im Fokus standen bzw. stehen?
Digitale Bildung – Strategiesuche ideologische Grabenkämpfe zu überwinden
Am Freitag hielt ich beim educational Barcamp der Universität Freiburg (Mehr dazu hier und bei Twitter unter dem Hashtag #fredu17.) eine Session zum Thema Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert, die etwa nach der Hälfte der Zeit von zwei, drei Leuten „gesprengt“ wurde, weil sie die Debatte in eine Richtung lenkten, die ich bei einem Barcamp weder erwartete noch für zielführend halte. Nachdem große Bedenken bezüglich der Gewährleistung von Datenschutz geäußert wurden, stellte man den Mehrwert Digitaler Bildung grundsätzlich in Frage, indem man Studien forderte, die diesen belegen sollen. Die restliche Zeit des 45 minütigen Zeitfensters gelang es mir leider nicht mir in die anfängliche Spur der Debatte zurückzukehren. Meine persönliche Unzufriedenheit und die Gespräche hinterher, in denen zahlreiche Session-Teilnehmer*innen mir ebenfalls ihr Bedauern über die Entwicklung mitteilten, warfen in mir die Frage auf, ob und wie man zukünftig verhindern kann, dass Diskussionen über Digitale Bildung in ideologischen Grabenkämpfen enden. Dabei scheinen zwei Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Strategiesuche zu spielen: Die am Gespräch beteiligte/n Person/en und die Gründe, weshalb Bedenken geäußert werden. In meinem letzen Fall waren das ca. 30 Menschen aus dem Hochschulbereich und der Wirtschaft, die mit sehr differenziertem Vorwissen und Interesse vor Ort waren. Bei Gruppen sympathisiere ich aktuell mit der Strategie, die Menschen, die den Weg der Digitalen Bildung frisch beschreiten (möchten) oder für einen Austausch offen sind, nicht abzuschrecken und (weiter) zu motivieren, indem man eine solche Debatte durch ein kurze und für einen Großteil sofort einleuchtende Begründung der Notwendigkeit von Digitaler Bildung abschließt; und zwar so, dass im Anschluss ein kontroverser Diskurs mit den Bedenkenträger*innen für alle Beteiligten weiterhin möglich erscheint. Hierfür startete ich in sozialen Netzwerken gestern einen Aufruf, die besten Gründen für Digitale Bildung in diesem Etherpad festzuhalten. Ich freue mich über jede weitere Beteiligung. Um das Ergebnis zu sichern und einen weiteren Austausch zu begünstigen, werde ich alle dort genannten Argumente mit den freiwilligen Personenangaben unter diesem Beitrag verlinkt veröffentlichen.
Die Argumente Datenschutz und (fehlender) Mehrwert habe ich in den Debatten der letzten Jahre häufig als Verhinderungsdiskurs erlebt, der immer in einer Sackgasse endete, weil die Parteien lediglich ihre Positionen bestätigen und nicht miteinander, sondern gegeneinander sprachen. Weil Ängste oder (negative) persönliche Erfahrungen nicht selten geäußerte Bedenken begründen, sind solche Gespräche emotional aufgeladen und drohen auf der sachlichen Ebene weder zu beginnen noch zu enden. In 1:1-Situationen tendiere ich momentan dazu, mehr zuzuhören und nachzufragen, um die Beweggründe zu erfahren. Wenn ich Argumente formuliere, versuche ich nur solche zu verwenden, die nicht deren Vorstellung angreifen, sondern meine bewerben. Das kostet viel Zeit und Kraft. Meine begrenzten Ressourcen investiere ich deshalb mittlerweile mehr in Leute, die Unterstützung wünschen oder offene, kontroverse und zielführende Debatten suchen. Und welche Strategie/n verfolgst du?
(Ich bin mir dessen bewusst und bitte das zu entschuldigen, dass Bedenkträger*innen begrifflich stark verkürzt eine Gruppe von Menschen beschreibt, die ich als solche subjektiv wahrnehme. Die Verkürzung soll aber keine (Ab)Wertung darstellen, sondern lediglich eine Vereinfachung, weil ich den Fokus auf die Sache und nicht die Personengruppe richten möchte.)
Die besten Gründe für Digitale Bildung
- edulabs: Digitale Bildung eröffnet didaktisch neue Möglichkeiten: Mit digital gestützten Methoden lässt sich vieles (leichter/anders/neu) umsetzen, was schon länger gefordert wird: Kollaboratives, projektorientiertes Arbeiten, Binnendifferenzierung, Inklusion.
- Damian Duchamps: Über viele Jahrhunderte sammelte man das Wissen der Welt auf Papier zwischen den Deckeln von Büchern. Wissen entstand in kleinen Stuben, Instituten und im papierschriftlichen und mündlichen Austausch. Diese Prozesse wandern wie die Sammlung von Wissen zunehmend in den digitalen Raum. Neue Formen von Wissen entstehen, etwa durch die Kombination unvorstellbarer Mengen an Daten. Bildung muss diesem Wandel folgen, um Menschen den Zugang zu ermöglichen. Ein System, das das Digitale aus Bildung ausklammern möchte, wird Benachteiligte hervorbringen. Für mich ist das vergleichbar der Rolle von Latein. Über eine lange Zeit wurde auf Latein gepredigt, war die Bibel für einfache Menschen unverständlich. Die normalen Menschen verstanden kein Latein, da es ihnen niemand beibrachte. Eine Welt blieb ihnen in großen Teilen verschlossen. Manche brachten es sich selbst bei, wenn sie die Möglichkeit hatten. Ohne digitale Bildung wird es wieder diese Spaltung der Gesellschaft geben.
- Beat Rueedi: Endlich barrierefreies Lernen unterwegs.
- Peter Ringeisen: Auch wenn es nur die Verbreitung von Text- und Bildgrundlagen für Unterrichtszwecke beträfe, wäre es sinnvoll, digitale Medien der Hektographie, dem Episkop und dem auf Filmspulen festgehaltenen Bewegtbild vorzuziehen, weil die damit erstellten Texte, Hörtexte, Bilder, Filme und multimediale Präsentationen flexibler zu handhaben und ästhetischer zu gestalten sind. Hinzu kommt zum einen, dass mit digitalen Medien eine neue Qualität weltweiter Kommunikation möglich wird, die den Schülerinnen und Schülern nicht vorenthalten werden sollte, und zum anderen, dass die von Schülerinnen und Schülern mithilfe digitaler Medien erstellten Produkte eine Mehrdimensionalität erreichen können, die vernetztes Lernen gestatten und abbilden. – [Nach nochmaligem Lesen der Aufgabenstellung:] Vernetzte Bildung (wie Nina Oberländer).
- Torsten Becker: Variatio delectat.
- Jürgen Drewes und Lisa Rosa: Kollaboration – Kommunikation – Kreativität – kritisches Denken.
- Hannelore Reitmeyer: Mit digitalen Werkzeugen wird es möglich, Bildung und Wissen im Massenformat (automatisches Feedback, Online-Vorlesungen ect.) zu vermitteln. Dabei ist es notwendig, nicht nur das „traditionelle “ Wissen zu vermitteln, sondern auch das Wissen über die Prozesse, die im Hintergrund der digitalen Lebenswert ablaufen (Überwachung, technische Abläufe, mathematische Grundlagen). Wird dieses Wissen nicht (zumindest rudimentär) in der breiten Masse der Bevölkerung verankert, besteht die Gefahr, dass bald nicht mehr wir die Algorithmen , sondern die Algorithmen uns beherrschen. Orwell und Co lassen grüßen.
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- Walter Staufer: Der digitale Wandel findet statt. Wir nehmen über Medien an der Gesellschaft teil. Aber wir müssen über digitale Bildung die Prinzipien verstehen, um den digitalen Wandel zu gestalten.
- Thorsten Puderbach: Die Digitalisierung ist da und als Lehrer ist es unsere Pflicht, die Schülerinnen und Schüler auf die aktuelle aber vor allem neue Welt vorzubereiten. Als Schule haben wir die Wahl diese Vorbereitung (im Sinne einer Digitalen Bildung) aktiv mitzugestalten oder später (evtl. korrigierend) hinterherzulaufen.
- Maxim Loick: Die digitale Sphäre lernt grundlegend anders als wir das aus der Schule unserer Tage kennen: Abgucken ist im digitalen Grundvoraussetzung, während es in der Schule als Betrug gebrandmarkt wird.
- Endlich Ruhe! Geistige Arbeit darf in Ruhe und hoch individualisiert vollzogen werden. Wir brauchen aber dafür auch andere Lernräume, eine andere päd. Architektur.
- Jochen Gollhammer: Gesellschaften ändern sich, Technik ändert sich, das Bildungssystem ändert sich. Es erscheint völlig unlogisch und unrealistisch, dass die Digitalisierung vor Bildungseinrichtungen halt macht. Gleichwohl sehe ich im digitalen Lernen bzw. der digitalen Bildung keine Bildungsrevolution. Für mich ergeben sich damit nur mehr Möglichkeiten im Unterricht mein Repertoire zu erweitern. Eine Symbiose aus analogem und digitalem Unterricht erscheint mir erstrebenswert. Im Mittelpunkt muss weiterhin die Schülerin und der Schüler stehen.
- Enno Schröder: Lasst uns endlich die Vorteile der digitalen Revolution uch in der Schule sinnvoll nutzen, als immer nur die Gefahren in den Vordergrund zu stellen. Datenschutz muss auch sein, sollte aber nicht alles ausbremsen. Außerdem muss Lehren und Lernen vollkommen neu überdacht werden, das fängt schon bei den Räumlichkeiten in der Schule an. Und noch eins, Lernen nimmt einem keiner ab, es braucht Anreize und lebenslange Neugierde bei Schülern und bei Lehrern.
- Saskia Müller: Dabei sind diese kritischen Töne, so selbstverständlich uns das Kritisierte heute erscheinen mag, durchaus ernst zu nehmen. Dass ausgerechnet der Stammvater der westlichen Denkkultur, Sokrates, im Dialog mit Phaidros auf jene Kulturtechnik der Schrift einteufelt, die ihn dank seines Schülers Platon heute noch rezipierbar sein lässt, erscheint nur auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten ist gerade das, was Sokrates in seiner Schilderung eines Gesprächs den altägyptischen König Thamus sagen lässt, unvermindert bedeutsam: „Nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielhörer sind sie dir nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.
- Mathias Aebischer: Angesichts der allgemein anerkannten Notwendigkeit lebenslangen Lernens ist klar, dass Vor- und Nachwissen der Lernenden sich zunehmend unterscheiden werden. Wir brauchen deshalb eine individuellere Lernbegleitung als mit traditionellem Unterricht alleine realisierbar wäre. Die Digitalisierung ist folglich Voraussetzung zur Skalierung individueller Bildung. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht zielführend alle Kinder auf denselben Bildungsstand zu bringen, ungeachtet ihrer Begabungen – obwohl natürlich ein breites Fundament gelegt werden muss. Doch wenn alle dasselbe können sollen, dann produziert unser Bildungwesen nur Mittelmass.
- Vom Verbot und der Verteufelung digitaler Medien lernen Kinder nicht den verantwortungsvollen Umgang mit diesen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, in der Schule eine mediale Ethik zu entwickeln und die großartigen Möglichkeiten individualisierten Lernens unseren Kindern als Chance für ihr Leben nahe zu bringen. (neumann279@googlemail.com)
- Wir sollten endlich die Kompetenzen, die sich Kinder und Jugendliche weitestgehend ohne Eltern und Schulen angeeignet haben, für Lernprozesse nutzen. Ein belehrender Unterricht wird dabei kontraproduktiv sein. Pädagogische Kreativität ist die Herausforderung der Gegenwart und Zukunft. (thtthi@aol.de)
- Christine Kolbe: Jugendkultur im 21. Jh. ist Digitalkultur – Lernumgebungen tun gut daran, sich mit den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen zumindest überschneidend zu verbinden.
- Tom Mittelbach: Die Entwicklung des Digitalen ist exponentiell. Es ist eine Revolution im Gange. Es existiert nun ein weiteres Leitmedium. Wer sich digitaler Bildung/Weiterbildung verschließt, der verschließt sich der Zukunft. In naher Zukunft wird die künstliche Intelligenz normal sein und das wird geschehen . Unabhängig davon, ob Einzelne dies gut heißen oder nicht. Ob die politischen Verantwortlichen sich endlich politisch einmischen in die Gestaltung der digitalen Zukunft. Wir dürfen dieser Zukunft nicht einzig den global Playern überlassen. Bildung hat mit der Lebenswelt der Adressaten zu tun und mit der eigenen. Somit muss sie digital sein, nicht ausschließlich, das ist die Welt auch nicht, aber eben doch.
Social Media gehört in die (Hoch)Schulen
Soziale Netzwerke sind schon lange keine Kanäle mehr, in denen man ausschließlich Freunde und Bekannte informiert, wo man zuletzt im Urlaub war oder wie einzigartig man das eigene Kind findet. Das gesellschaftliche Zusammenleben kann man nicht (mehr) in online und offline trennen. Für meinen Workshop (hier geht es zu den Slides meiner Präsentation) in Oldenburg notierte ich mir in den letzten Monaten lediglich die Live-Stream-Angebote meiner Facebook-Timeline. Die Liste fiel lang aus. Hier nur ein paar Beispiele: Reden von Parteitagen, die Bundespressekonferenz, die Polizeipressekonferenz zum Fall der ermordeten Studentin in Freiburg, Demonstrationen aus unterschiedlichen Ländern, Lesungen des SZ-Magazins, Podiumsdiskussionen, TV-Sendungen (z.B. Monitor), musikalische Auftritte (z.B. Konzert der Beginner) oder ein Champions League-Spiel hätte ich mir ansehen können. Die Relevanz sozialer Netzwerke auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene kann allein durch diese kurze Aufzählung erahnt werden. Information und Kommunikation haben sich rasant und ohne eine breite öffentliche Debatte weiterentwickelt. Meine Zustimmung oder mein Unmut eines gelesenen oder gesehenen Beitrags werden transparent, Bekanntschaften neu bewertet bzw. geprüft und Diskussionen werden mittlerweile mit bekannten und unbekannten Mitmenschen geführt. Ein Resultat davon findet man auch in den Kommentarspalten umstrittener Beiträge im Web. Wie gehe ich mit Leuten um, deren politische Meinung ich nicht teile? „Entfreunden“ oder das Gespräch suchen? Ab wann kann oder sollte man Dinge nicht unkommentiert stehen lassen? Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf politische Meinungsbildung bzw. Entscheidungen? Wie frei bin ich in der Wahl der wahrnehmenden Beiträge, wenn Algorithmen meine Timeline mitbestimmen? Was bedeuten all diese Fragen für unsere Gesellschaft und mich als Einzelperson? Ist die Demokratie durch das Web gefährdet? Welche Rolle spielen Daten (aus soziale Netzwerken)? Wir streiten gerade Werte, Normen und Rollen neu aus. Es geht um unser zukünftiges Zusammenleben. Weshalb das ohne junge Menschen geschehen soll, leuchtet mir nicht ein. Deshalb wüsche ich mir Social Media im Unterricht. Für diejenigen, die an dieser Stelle denken sollten, dass junge Menschen ohnehin schon viel zu viel in sozialen Netzwerken abhängen und Digital Natives sich die Kenntnisse automatisch erwerben: Die digitale Identität und souveränes Bewegen im Web müssen gelernt werden. Und ich behaupte, dass es nicht wenige Menschen sind, die dabei eine Unterstützung benötigen. Es bietet sich auch an, zu erarbeiten, wo und wie man gute und seriöse Social Media-Accounts findet und auf einige davon hinzuweisen, um eine Orientierung im Web zu erleichtern.
Lehrende in Social Media
Soziale Netzwerke stehen auch für den digitalen Wandel. Man scheitert, wenn man sich mit zwischen zwei Buchdeckel gepresstem Wissen über dieses Thema „ausreichend“ informieren möchte. Die Webkultur ist durch die unzähligen Perspektiven bedingt greifbar, entwickelt sich permanent weiter und ist an die eigene Person geknüpft. Deshalb möchte ich Lehrenden, die noch diesbezüglich am Anfang stehen, (m)einen möglichen Weg skizzieren, wie man zu Grundwissen gelangen kann:
1.) Sozialen Netzwerken beitreten
Erwachsene und junge Menschen unterscheiden sich sowohl in Wahl als auch Nutzung sozialer Netzwerke. Es empfiehlt sich beides im Blick zu behalten. Die Ein-Prozent-Regel nimmt euch vielleicht ein wenig den Druck, gleich loslegen zu müssen. Zuerst empfiehlt es sich zu lurken und dabei den nächsten Schritt zu beachten.
2.) eigene und fremde Nutzung beobachten und diskutieren
Auch hier gilt es das Gespräch mit Jung und Alt zu suchen. Ich debattiere und reflektiere (kritisch) regelmäßig mit Freunden meine und mit Schüler*innen deren Nutzung sozialer Netzwerke. Allen, die nicht komplett auf Literatur verzichten möchten und Anregungen für einen zielführenden Dialog mit jungen Menschen suchen, empfehle ich das Buch Generation Social Media.
3.) eigene Rolle in den unterschiedlichen Kanälen herausarbeiten
Das ist ein langer Prozess, der erst richtig beginnen kann, wenn man sich einen Überblick verschafft hat. Er mündet in den Rollen des Lernenden und des Lehrenden. Vorbilder helfen dabei, sich zu orientieren und ein eigenes Social Media-Verständnis zu entwickeln. Meines war und ist Philippe Wampfler. Er ist auf dem Gebiet nicht nur ein Vorreiter, sondern arbeitet transparent und ist immer für einen (kontroversen und sachlichen) Austausch zu haben.
4.) Webkultur in die (Hoch)Schulen einfließen lassen
Daran versuche ich mich mehr oder weniger erfolgreich seit einigen Jahren. Wie ich es bisher umgesetzt habe und zukünftig möchte, erkläre ich nun anhand einiger Beispiele. Dabei geht es nicht um vollständige Unterrichtsentwürfe, die man 1:1 kopieren kann, sondern um Impulse und Anknüpfungspunkte, die Kolleg*innen dazu ermuntern und befähigen sollen, eigene bzw. passgenaue Konzepte und Szenarien für ihre Schulart, Klasse oder Unterrichtselemente zu entwickeln.
Social Media im Unterricht
Natürlich bieten auch von Schüler*innen produzierte und hochgeladene Video- oder Blogbeiträge die Möglichkeit, Themenfelder sozialer Netzwerke zu behandeln. Ich möchte aber den Fokus auf die politischen bzw. gesellschaftlichen Fragestellungen richten, weil wir uns meines Erachtens in einem Umbruch befinden, in dem wir junge Menschen nicht allein lassen, sondern mitnehmen sollten.
- Im Fachunterricht
Inhalte des Fachunterrichts werden (zumindest gefühlt) immer lauter von Klassen hinterfragt. Soziale Netzwerke können die Legitimation von Inhalten unterstützen, einen Aktualitätsbezug erleichtern und einen Transfer in die außerschulische Welt ermöglichen. Die größte Herausforderung, Social Media in den Fachunterricht zu integrieren, besteht im Schule-Web-Konflikt: Ein Thema nur einem Fach zuzuordnen. In der Schule denkt und lernt man (noch) in Fächern; im Web nicht. Darunter leiden manche der folgenden Beispiele:
Politik/EWG
- Wahlen/Bundestagswahlen 2017 und das Web
Die Klasse soll die Suchmaschine bing öffnen, Bundestagswahlen 2017 Termin in die Maske eingeben, nach Bildern suchen und das Ergebnis diskutieren. Folgender Zeitungsbeitrag ist im Anschluss als Diskussionsgrundlage möglich. - Politische Farbe
Martin Schulz setzte nach der Wahl zum SPD-Kanzlerkandidaten folgenden Tweet ab, der die Notwendigkeit der Kenntnis politischer Farben deutlich macht. - Der Twitter-Account @TagesschauVor20 bietet sowohl für den Politik- als auch Geschichtsunterricht Material. Hiermit könnte man die Wahlbeteiligung diskutieren.
- Recherche nach (politischen) Begriffen
In diesem Beispiel hat Moritz Hoffmann die Behauptung, der Begriff Altparteien käme aus der NS-Rhetorik, aufgegriffen und zuerst hier mit Googles Ngram Viewer nach der Häufigkeit gesehen (wobei man ngram auch kritisch betrachten kann und deshalb eher als Indizien- und keinen Beweise-Lieferaten sehen sollte) und danach hier die Verwendung des Begriffs in den Plenarprotokollen des Bundestages auflisten lassen. Man kann sowohl diese Art der Recherche bzw. den Umgang mit Behauptungen in sozialen Netzwerken als auch die Potenziale beider Suchmaschinen im Unterricht thematisieren. - Politische Hashtags
Im Rahmen der Berufsorientierung an Schulen könnte man mit Schüler_innen, die mit dem Gedanken spielen, in der Pflege zu arbeiten, alle Tweets lesen und diskutieren lassen, die man zum Hashtag#twitternwierueddel findet. (Das würde sich auch für den Ethik-Unterricht anbieten.) Den Hintergrund zum Hashtag findet man hier.
Geschichte
- Euthanasie
Folgender Post wurde als (stummer Impuls) Unterrichtseinstieg verwendet; wobei ich ergänzend hinzufügen muss, dass wir ein paar Tage zuvor im Augustinermuseum die Ausstellung Nationalsozialismus in Freiburg besucht hatten und dabei eine ähnliche Kalkulation eines Exponats in Bezug auf Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung diskutierten. - Propaganda (Sharepics)
Die medialen Möglichkeiten von Propaganda im Laufe der Geschichte vergleichen und bewerten. (Hierzu bietet sich auch dieser Beitrag der SZ über Propaganda-Videos bei YouTube an.) - Politische Rededuelle
Die Bundespräsidentenwahl in Österreich beschäftigte auch meine Klasse Ende des letzten Jahres. Manche verfolgten sogar die Rededuelle zwischen Hofer und Van der Bellen. Dabei beschäftigte sie der Erfolg Hofers, den wir mithilfe diese YouTube-Reihe diskutierten: Der Meister, Der Falschspieler, Der Zerstreuer, Das Opfer und Der Held. (Später berichteten mir Schüler*innen, sich die Videos mit den Eltern angesehen und danach mit Reden anderer Politiker*innen verglichen zu haben.) - Geschichtsbewusstsein an außerschulischen Lernorten
Leider sind die Bilder des Projekts Yolocaust von Shahak Shapira nicht mehr zu sehen. Auf der Seite sah man eine kleine Auswahl von Selfies in diskutierbaren Posen, die am Holocaust-Mahnmal in Berlin gemacht und in unterschiedlichen sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden. Sobald man auf das Feld eines der Bilder ging, erschien ein auf das Foto perfekt zugeschnittener Hintergrund aus einem der Vernichtungslager, der die Posierenden in den geschichtlichen Kontext bettete. (Das Projekt zeigte ich damals in den Klassen 8-10, das im Anschluss diskutiert wurde.) Das Ergebnis des Projekts kann man auf der oben verlinkten Seite nachlesen und ebenfalls im Unterricht thematisieren. - Der Twitter-Account @historsicheOrte bietet sich für unterschiedliche Einsatzszenarien im Geschichtsunterricht an.
Philosophie/Ethik
- Dieses Video dauert 15 Minuten und stellt unser aktuelles Zusammenleben in der heutigen Art und Weise in Frage und eine Grundlage für zahlreiche Diskussionen.
- Digitale Mündigkeit
Dieser Vortrag von Chaos macht Schule erläutert nicht nur seine Idee von Digitaler Mündigkeit, sondern liefert auch konkrete und einfache Beispiele (ab Minute 22), wie man diese auch als Laie im Unterricht erreichen kann. Wenn man z.B. einer Klasse verdeutlichen möchte, dass eine WhatsApp-Nachricht nicht nur den Weg von einem zum nächsten Smartphone im Raum hinterlegt, kann man das hiermit eindrucksvoll zeigen - Liebe und Sexualität
Wer für das Kapitel Liebe und Sexualität (aus dem neuen Bildungsplan 2016 in Baden-Württemberg) nach einer guten Idee suchen sollte, empfehle ich das Buch von Stephan Porobmka ES IST LIEBE zu lesen und einzusetzen. Hier habe ich das kurz begründet.
Deutsch
- Framing
Folgender Beitrag kann als Grundlage dienen. Eine mögliche Aufgabenstellung könnte die Analyse von Social Media-Beiträge unterschiedlicher Politiker*innen sein. - Hommage an Barbara
Barbara hat sich durch ihre Aufkleber einen Namen in den sozialen Netzwerken gemacht. Hier hat eine 9.Klasse in der Schweiz die Idee der Aufkleber im Deutschunterricht aufgegriffen und ein Projekt daraus gemacht. (Sicher auch im Kunstunterricht möglich.)
- Auch Lehrende werden krank und müssen vertreten werden.
Aus dem Druck, Material für den Vertretungsunterricht suchen bzw. bereitstellen zu müssen, kann eine Chance werden, Social Media-Themenfelder, die (noch) nicht in den Bildungsplänen verankert sind, aufzugreifen und Vertretungsstunden nicht nur qualitativ attraktiver für Schüler*innen zu gestalten. Besonders reizvoll erscheinen dabei aktuelle Themen, die das Web bewegen und im Unterricht in einen fachlich, pädagogisch und didaktisch begleitenden Dialog geführt werden können. Jedes der folgenden Beispiele kann und sollte aus unterschiedlichen (ethische, gesetzliche, persönliche, gesellschaftliche) Perspektiven diskutiert werden.
- Digitale Identität
Die Videos des ichMOOCs bieten eine hervorragende, vorstrukturierte Diskussionsgrundlage. (Man könnte auch mit Klassen am ichMOOC teilnehmen.) Zur Frage, wie man mit rechten oder rassistischen Kommentaren auf der eigenen FB-Seite umgehen kann, empfiehlt sich folgender Beitrag von Michel Abdollahi. - Technische Entwicklungen
Aktuellen Videos aus dem Netz diskutieren. Meine letzten Videos waren der 3D-Drucker, der Häuser in 24 Stunden baut und den neuen Roboter von Google. - Panik im Netz
Die Süddeutsche hat hier einzigartig dokumentiert und visualisiert, wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Nachdem die Informationen besprochen wurden, kann man mit Schüler*innen Regeln gegen die Panik im Netz in Kleingruppen erarbeiten und im Plenum vorstellen lassen. Abschließend kann man die Ergebnisse mit folgender Seite vergleichen und diskutieren. (Auf der oben verlinkten Seite räumt die Süddeutsche Zeitung auch eigene Fehler ein. Es würde sich anbieten, im Anschluss über die Notwendigkeit einer Fehlerkultur (im Web) zu diskutieren.) - Netiquette
Ich würde auch hier im Vorfeld Regeln erarbeiten lassen und sie hinterher mit existierenden Formulierungen vergleichen. Hier die Variante der Tagesschau. - Viralität
Bilder und Videos können aus unterschiedlichen Gründen viral gehen und auch missverstanden werden. Hierfür könnte man den Tweet mit dem Auschwitz-Selfie oder das Video der Mädchen-Gruppe, die bei einem Baseballspiel einen Selfie-Marathon hinlegt und das im Netz für Häme und Spott sorgte, diskutieren. - Fakes im Netz
Dieser halbstündige Beitrag eines Jugendkanals des Bayrischen Rundfunks geht der Frage nach, wie gefährlich Fakes im Netz sind. Hier erhält man Tipps, wie man Fake News entlarven kann. Auch dieser Post des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz liefert einige hilfreiche Links. - Daten (sozialer Netzwerke)
Wenn man mit Klassen über Daten diskutieren möchte, kann es schnell zu abstrakt werden, das einen persönlichen Bezug herzustellen und die Relevanz aufzuzeigen erschweren kann. Mit Data-Selfie kann man Schüler*innen ganz konkret zeigen, welche Daten Facebook sammelt und welche Analysen möglich sind. Die unbekannte Datenmasse und Arbeit damit wird greifbar bzw. transparent. Die SZ hat hier darüber berichtet. - Quellenempfehlungen
Auf folgende Social Media-Accounts kann man hinweisen, um eine Orientierung im Web zu erleichtern: Mimika bei Facebook und Twitter, BILDblog bei Facebook, Twitter und als Blog oder die Hoaxmap. - Wahrheiten (im Web)
Zuerst kann man dieses Video zeigen und darüber diskutieren (lassen). Im Anschluss könnte man diesen Artikel lesen lassen und noch einmal (über „Wahrheiten“ im Web) diskutieren (lassen). - Kommentarspalten
Ich habe mit meiner Klasse Kommentarspalten analysiert, indem wir gemeinsam die einzelnen Kommentare (unter stark polarisierenden Beiträge im Netz) nach Argumenten, Sachlichkeit und Konstruktivität untersuchten. Dabei besprachen wir auch rhetorische Mittel und ob bzw. wie man antworten könnte. - Darknet
Diese niederschwellige und informative ARD-Doku über das Darknet bietet eine gute Diskussionsgrundlage. - Social Bots
Es gibt unzählige Beiträge über Social Bots bezüglich Wahl- bzw. Meinungsmanipulation. Hier zwei Beispiele, wie man Social Bots konstruktiv einsetzen kann: Facebook Bot und Chatbot-Anwalt. (Web-Begriffe werden häufiger schwammig bzw. ungenau diskutiert. Man könnte hier auch klare Definitionen mit der Klasse erarbeiten. - Werther-Effekt und Papagenoeffekt
Wie und ob man über Suizide (von Prominenten) berichten sollte, spielt gerade in sozialen Netzwerken immer wieder eine Rolle. Zuletzt war das beim Linkin-Park-Sänger Chester Bennington der Fall. Sowohl der Werther-Effekt als auch der Papaganoeffekt bieten sich an, dabei diskutiert zu werden. Folgender Beitrag von Stefan Niggemeier erweitert die Diskussionsgrundlage.
Dieser Blogbeitrag soll immer wieder durch weitere Unterrichtsbeispiele und -ideen ergänzt werden. Ich lade hiermit alle Lehrenden herzlich dazu ein, sich über die Kommentarfunktion (besonders für den Bereich Fachunterricht) daran zu beteiligen. Vielen Dank.
