Immer mehr Menschen sagen, dass die unglaublich vielen, unterschiedlichen Kundgebungen, die bundesweit in kleinen und großen Städten oder Gemeinden seit Wochen stattfinden, nur ein Auftakt sein können, für eine Arbeit, die folgen muss, um unsere Demokratie zu stärken und zu schützen. Deshalb erhalten am 24. Februar im Europa-Park Stadion (bzw. der Lounge) Demokrat*innen aus Freiburg und der Region die Möglichkeit, diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe bei einem DemokratieCamp gemeinsam anzugehen. In diesem Beitrag wird erklärt, welche Ideen dahinter stecken, wie man sich auf den Tag vorbereiten und wie man vor Ort helfen kann. (Wer sich noch nicht angemeldet hat, kann das hier nachholen. Es gibt insgesamt 300 Tickets.)

Was kann ein DemokratieCamp leisten?

Die unglaublich vielen Menschen, die zu den Kundgebungen auf die Straße gegangen sind und gehen, haben von sich aus beschlossen, jetzt einen aktiven Beitrag leisten zu müssen. Sie haben als Demokrat*innen ihre Verantwortung erkannt und sie übernommen. Das DemokratieCamp setzt genau da an und ermöglicht, diese Aktivierung und Energie in den Alltag zu überführen und dort zu verstetigen. Es geht somit darum, möglichst viele Demokrat*innen in ihrer zivilgesellschaftlichen Rolle und Verantwortung zu be|stärken und sie an ihre Fähigkeit zu erinnern, ihr Lebensumfeld mehr gestalten zu können, als es manchen auf den ersten Blick erscheint. 

Eine zentrale Botschaft des DemokratieCamps lautet: dass jede Person einen wichtigen Beitrag leisten kann, schon leistet und auch weiterhin leisten muss, wenn es darum geht, unsere Demokratie kurz- und langfristig zu stärken und zu schützen. Das DemokratieCamp bietet einen Raum, um herauszufinden, wie das am besten gelingen kann. Es können nur Lösungen eine Wirkung entfalten, die von einem breiten Teil der Gesellschaft entwickelt und getragen werden. Deshalb ist es notwendig, dass diverse Menschen mit verschiedenem Wissen und unterschiedlichen Sichtweisen zusammenkommen, um an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. 

Zwar hat die CORRECTIV-Recherche rund um die Deportationspläne Rassismus in den Mittelpunkt gerückt. Wer aber die weltweit erstarkenden faschistischen Kräfte und Ideen betrachtet, stellt fest, dass es um die Einschränkung von Freiheitsrechten und Zunahme von Gewalt gegenüber vielen, unterschiedlichen Gruppen geht: Frauen, Arme, Behinderte, junge und alte Menschen, Homosexuelle, trans Personen und zahlreiche weitere Personenkreise. Wer somit eine Demokratie ernsthaft schützen möchte, muss die Freiheitsrechte aller schützen. Eine starke Demokratie arbeitet auch daran, die Freiheitsrechte aller noch mehr zu stärken. Was zu möglichen Fragen führt, die beim DemokratieCamp vertieft werden könnten.

Raum für Fragen und Ideen 

Was stärkt und schützt eine Demokratie? Welches Wissen gibt es dazu schon? Welche Vereine, Initiativen, Netzwerke oder sonstige Organisationen und Personen verfügen vor Ort (in der Kommune, Region) über ein solches Wissen? Was kann, soll und muss kurz- und langfristig getan werden? Wo gibt es öffentliche Räume und Termine, in denen dieser Austausch, rund um Demokratie, geführt und fortgesetzt werden kann? Was kann ich selbst dazu beitragen, in meinem privaten und beruflichen Umfeld? Das sind nur einige Fragen, die aufzeigen sollen, was am DemokratieCamp diskutiert werden könnte. Sie sollen auch anregen, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, welche eigenen Fragen man sich stellt und was einem persönlich wichtig erscheint – was einen bewegt. 

Konkret kann das bedeuten, dass man überlegt und diskutiert, welche demokratische Kultur im eigenen Unternehmen, Verein, der Partei, Schule, Hochschule oder sonstigen Organisationen vorliegt oder gemeinsam nach erfolgreichen Ansätzen und Maßnahmen sucht, die sich an anderen Orten bewährt haben. Das können beispielsweise Personen und Anlaufstellen sein, die sich um Betroffene von Diskriminierungen kümmern oder Workshops, die durchgeführt werden, um sich gemeinsam weiterzubilden und zu sensibilisieren. Es kann auch geprüft werden, wie bisher Entscheidungen getroffen und wie diese demokratischer gestaltet werden könnten. Zum Beispiel durch mehr Transparenz und Beteiligung. Oder eine Gruppe plant auf dem DemokratieCamp die nächste Möglichkeit, zu der alle Demokrat*innen aus Freiburg und der Region zueinanderfinden können.

Blaupause

Das DemokratieCamp soll kommunale Netzwerke rund um das Thema Demokratie stärken und schützen bilden und bestehende Arbeit dazu sichtbar machen und fördern. Weil in vielen anderen Städten und Gemeinden ebenfalls die Frage im Raum steht, wie es nach den Demos weitergehen kann, besteht auch die Hoffnung, dass dieses Format für andere Orte als Blaupause dient. Mit den bundesweiten Kundgebungen und Aktionen der letzten Wochen liegen ein demokratisches Potenzial und eine gesellschaftliche Chance vor. Diese gilt es zu nutzen. Das DemokratieCamp stellt eine Möglichkeit dar: Ein Angebot von der Zivilgesellschaft für die Zivilgesellschaft.

Wie kann ich mich vorbereiten?

Die beste Vorbereitung besteht darin, für sich zu klären, weshalb man sich zum DemokratieCamp angemeldet hat: welche Fragen einen beschäftigen, Probleme einen belasten oder Ideen man mit anderen teilen möchte. Das Besondere an dem Tag ist der Zugang zu vielfältigen Expertisen und unzähligen Perspektiven, vereint an einem Ort. Hier lassen sich Verbündete finden, mit denen man gemeinsam ein Projekt angehen kann oder Expert*innen treffen, mit denen passgenaue Lösungen entwickelt werden können. 

Wer schon eine konkrete Idee hat, kann diese gerne als kurze Präsentation (eher wenige Folien, Slides, weil der Austausch im Mittelpunkt steht) vorbereiten. Es werden einige Bildschirme (wahrscheinlich mit AppleTV und/oder einem HDMI-Anschluss) zur Verfügung stehen. Wer einen Workshop anbieten möchte, kann gerne sein benötigtes Material dafür mitbringen. Das DemokratieCamp bietet allem einen Raum, was die Demokratie stärkt und schützt. (Hier kann der zeitliche Ablauf nachgelesen werden.)

Wie kann ich helfen?

Informationen für alle

Am besten wäre es, wenn zu jedem Austausch ein Protokoll zum Nachlesen vorliegen würde. So könnten sich dann alle, die nicht dabei sein konnten, ebenfalls informieren und eventuell auch an Projekten beteiligen, die an dem Tag entstanden sind und fortgeführt werden. Es wird dafür beim DemokratieCamp digitale Protokollvorlagen geben. Um diese zu bearbeiten, wird man ein Tablet oder einen Laptop (zur Not auch ein Smartphone) benötigen. Wer beim DemokratieCamp einen solidarischen Beitrag leisten möchte, kann ein mobiles Endgerät mitbringen und in den Austausch-Runden mitschreiben. (Vor Ort wird es nochmal ausführliche Informationen dazu geben.) Im besten Fall gibt es am Ende des Tages eine für alle digital zugängliche Sammlung von Ideen und Ansätzen, wie unsere Demokratie gestärkt und geschützt werden kann. Der Hashtag #DemokratieVereint soll diese im Netz auffindbar machen.

Respektvolles miteinander und Solidarität 

Der Konsens vor Ort sollte sein, dass unabhängig der Ansichten alle respektvoll miteinander umgehen und sich gegenseitig helfen und unterstützen, wo das gewünscht und möglich sein sollte. Zu einer starken Demokratie gehört, dass miteinander gestritten und stets gegenseitiger Respekt gewahrt wird. Dabei sollte es stets um die Sache gehen: miteinander statt gegeneinander streiten. Bestenfalls lautet das Ziel, an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Hierzu kann jede Person einen wertvollen Beitrag leisten. 

„Ich nenne den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen »Happyland«.“ (Ogette, Tupoka (2017): exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen. München: UNRAST-Verlag, S. 21)

Nachdem der Ethik-Kurs den Wunsch formulierte, sich im Unterricht mit Rassismus und anderen Ismen vertieft auseinanderzusetzen , stiegen wir mit exit RACISM von Tupoka Ogette ein. (Weshalb sich dieses Buch hervorragend für den Unterrichtseinsatz eignet, habe ich bereits letztes Jahr hier aufgeschrieben.) Zu Beginn des Buches zeichnet Tupoka Ogette ein Bild von Happyland, das die  wesentlichen Aspekte von Rassismus kurz und prägnant im Kern beschreibt.

„Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. Rassismus ist in Happyland enorm moralisch aufgeladen. Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und der Ku-Klux-Klan. Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. Gelernt hat die*der Happyländer*in dies seit seiner oder ihrer* Kindheit. Immer wieder wurde es ihm oder ihr* eingebläut. Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ›Rassismus‹ keinen Platz.“ (Ogette 2017, S. 17)

Weil sich die Ismen darin gleichen und gegenseitig bedingen können (Intersektionalität), habe ich das Modell Happyland abstrahiert und als Schablone für weitere Diskriminierungsformen verwendet. Wie genau und weshalb ich das getan habe, erkläre ich in diesem Blogbeitrag und teile neben meinen Gedanken auch die Slides, die ich verwendet habe (und die ihr gerne nutzen und remixen könnt).

Weil Schule auch ein Produkt und Abbild der Gesellschaft darstellt, liegen innerhalb des Schulraums die gleichen gesellschaftlichen und strukturellen Probleme vor wie außerhalb. Deshalb ist eine ehrliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit Ismen für das Zusammenleben während und nach der Schulzeit aus individueller und gesellschaftlicher Sicht ein Muss. Wer sich länger und intensiver mit Ismen beschäftigt, stellt fest, dass sie auf verwandten, teilweise gleichen Machtstrukturen beruhen und in der Regel auch einer ähnlichen Logik folgen. An dieser Stelle bietet Happyland einen Zugang zu strukturellen und Alltagsproblemen, der einen einfachen Transfer auf andere Ismen ermöglicht.

Bisher bin ich dem Prinzip des Buches (als Mitmach-Buch) im Unterricht (Klasse 10) gefolgt und habe das Kapitel Willkommen in Happyland! vorgelesen oder hören lassen. Danach haben die Schüler:innen den interaktiven Teil bzw. die dort formulierten Fragen bearbeitet. Im Anschluss wurden einige Gedanken (von Freiwilligen) ausgetauscht, die Antworten von Student:innen aus dem Buch vorgelesen und darüber diskutiert. Diese Slide und Zusammenfassung diente dabei als gemeinsame Grundlage und Orientierung:

Ein kleiner Hinweis für Lehrende: Es bietet sich zu Beginn an, den Satz Rassismus ist… von allen vervollständigen oder Beispiele für Rassismus notieren und diskutieren zu lassen. Die Beispiele sollten am besten in einem Etherpad, wie dem ZUMPad, eingetragen und gesammelt werden. So kann jede Person anonym agieren und für Betroffene, wenn nötig, ein Schutzraum geschaffen werden. Die Notizen des Kurses können das bisherige Wissen, Verständnis oder auch Erfahrungen transparent machen, und als Folie dienen, die zu einem späteren Zeitpunkt mit gängigen Definitionen abgeglichen oder mit erworbenen Kenntnissen neu kontextualisiert werden kann. 

Wenn die Weltanschauung in und Funktion von Happyland einmal verstanden wurde, können sie einfach auf weitere Ismen übertragen werden. Als ich meinen Kurs nach anderen Ismen fragte, wurde Sexismus genannt. Als dazu Vorstellungen und Fälle von Schülern beschrieben wurden, die zu den Aspekten „ein Vergehen der Anderen“ oder „extreme Grenzüberschreitungen“ und Beispielen wie Hoyerswerda oder Hitler zugeordnet werden konnten, kam die nächste Slide ins Spiel, die Happyland vom bisherigen Kontext abstrahiert und als Schablone für andere Ismen bzw. weitere Happyländer funktioniert:

Weil Ismen strukturell (gesellschaftlich und institutionell) verankert sind, kann der Vergleich und Transfer (wie von mir beschrieben, angeregt durch eine kurzen Austausch über Sexismus) in der Regel gelingen. Die Abstraktion und der Transfer begünstigen auf eine einfache Weise die Erkenntnis, dass es mehrere Happyländer gibt, die es zu überwinden und zu verlassen gilt. Der Ethik-Kurs wird sich aufgrund von Fragen, die Schüler:innen zu Beginn des Schuljahres gestellt haben, und Diskussionen, die sie geführt haben, mit folgenden Ismen beschäftigen:

Ein zweiter kleiner Hinweis (nicht nur für Lehrende): Adultismus ist in der Regel wenigen Menschen bekannt, obwohl er in Bildungsstrukturen und -prozessen verankert ist und die Kultur an Schulen wesentlich prägt. Er kann es z.B. auch jungen Menschen erschweren, sich bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen zu wehren, wenn ihre Anliegen relativiert, nicht ernst genommen oder ignoriert werden, was wiederum sehr konkret die Notwendigkeit intersektionaler Ansätze verdeutlicht. 

Die wesentlichen Ziele bei Auseinandersetzungen mit Ismen sollten sein, dass junge Menschen

  • die Machtstrukturen, Funktionen, Wirkungen und Anwendungen von Diskriminierungsformen erfassen, aber auch die Notwendigkeit von intersektionaler Betrachtung verstehen, um für sich und (mit) andere(n) wirksame und nachhaltige Ansätze entwickeln zu können.
  • lernen, diskriminierungskritisch zu denken und Ansätze kennenlernen und entwickeln, wie ein diskriminierungskritischer Alltag gelingen kann.
  • ihren Wirkungsraum und den Rahmen ihrer Möglichkeiten begreifen und erweitern können.
  • falls sie von Diskrimierung betroffen sind, gestärkt werden, Strategien kennenlernen und entwickeln können, die ihnen helfen.

Den letzten Punkt dieser Auflistung möchte ich hervorheben. Wenn im schulischen Kontext Auseinandersetzungen mit Ismen erfolgen, beschränken sie sich nicht selten auf eine Perspektive, in der Betroffene ausschließlich als Opfer auftreten und nur auf Probleme hingewiesen wird. Es braucht aber auch Perspektiven, die Betroffene zeigen, in denen sie selbstermächtigt auftreten und handeln. Und junge Menschen müssen bezüglich ihrer persönlichen Diskriminierungserfahrungen besonders geschützt, unterstützt und gestärkt werden. Jede Schule sollte eine diskriminierungskritische Schule sein und eine Kultur leben, in der Alltagsdiskriminierungen angesprochen und angegangen werden, um Happyländer gemeinsam zu verlassen.

Dafür braucht es keine Schilder an Schulhäusern, keine pressewirksamen Veranstaltungen oder Zertifikate. Die Entwicklung einer Schulkultur, die ihre strukturellen Probleme nicht relativiert oder negiert, sondern ehrlich damit umgeht und sich ernsthaft damit auseinandersetzt, ist ein anstrengender, nie endender und zäher Prozess mit vielen unangenehmen Situationen und Gesprächen. Dadurch entsteht aber auch eine gerechtere, solidarischere und freiere Kultur. Wie anfangs beschrieben, bilden Schul- und Klassenräume die Gesellschaft ab, die auch divers ist. Diese Diversität braucht einen Raum, in dem alle Beteiligten ein respektvolles Miteinander lernen und leben können. Alle am Schulleben Beteiligten, die sich darum bemühen, tragen dazu bei, dass dies auch nach der Schule gesamtgesellschaftlich besser gelingt.

Hier können die Slides als keynote-, pdf- oder pptx-Datei heruntergeladen werden: