Seit über vierzig Jahren bietet der Beutelsbacher Konsens die Grundsätze und die Orientierung für den Politikunterricht. Durch den digitalen Wandel und die sozialen Netzwerke findet das Lehren und Lernen aber nicht mehr ausschließlich in Schulen und Hochschulen statt, sondern auch im Web und wirft aus meiner Sicht einige Fragen auf, deren Antworten es in einer möglichst breiten Debatte zu diskutieren gilt. Bevor ich in die inhaltliche Auseinandersetzung einsteige, möchte ich kurz die Gründe aufführen, weshalb ich auch in meiner Rolle als Lehrer in sozialen Netzwerken unterwegs bin.

Weshalb ich Social Media als Lehrer nutze?

  • Um mich mit anderen Menschen aus dem Bildungsbereich zu vernetzen und dabei Ideen, Projekte und Gedanken auszutauschen oder weiterzuentwickeln. Wie eine unendliche, selbstbestimmte Fortbildung, in der sich die Grenze zwischen Lehren und Lernen auflöst.
  • Um meine Arbeit, Potenziale und Risiken transparent und allen zugänglich zu machen. Im Unterricht greife ich immer wieder Chancen und Problemfelder, die sich auf meinen Accounts ergeben, auf und beziehe mich so auf reale Beispiele aus der Praxis.
  • CUAhUvVWwAEtK17.png-largeUm einer selbst auferlegten Vorbildfunktion im Bereich der Social Media-Kanalnutzung nachzukommen. Dabei geht es mir oft um das Ziel einer inhaltlichen, kontroversen, konstruktiven und emphatischen Debatte bzw. Kommunikation oder Impulse zu setzen. Die Notwendigkeit dafür sehe ich seit knapp zwei Jahren, als dieser (nicht unumstrittene) Tweet der Visualisierung europäischer Nutzergruppen von Social Media in meiner Twitter-Timeline erschien, in der Deutschland herausstach. Auch wenn die Liste mit Argumenten, die gegen eine Nutzung von Facebook sprechen, lang und schlüssig ist, überwiegt für mich (immer noch) das Gewicht der Verantwortung, den kulturellen Austausch auf eine leider gesellschaftlich nicht unbedeutende Plattform, im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten und nach meinen Vorstellungen mitzugestalten.

Überwältigungsverbot, Kontroversität und Schülerorientierung in Social Media

In der Schule wird mir die Rolle des Lehrers jederzeit und eindeutig zugeordnet, in der ich mich stets um die Einhaltung der Prinzipien des Überwältigungsverbots, der Kontroversität und der Schülerorientierung bemühe. In sozialen Netzwerken ist meine Rolle nicht mehr eindeutig bzw. kann unterschiedlich interpretiert werden. Auch wenn in Baden-Württemberg die Social Media-Handreichung des Kultusministeriums aus dem Jahr 2013 besagt, dass jegliche dienstliche Kommunikation auf oder mittels Sozialen Netzwerken sowohl zwischen Lehrkräften und Schülern als auch der Lehrkräfte untereinander unzulässig ist, weiß ich, dass mir (meine) Schüler_innen auf diversen Social Media-Kanälen folgen bzw. mich abonniert haben und so von meinen öffentlichen Beiträge erfahren. Das berücksichtige ich bei der Entscheidung darüber, was ich poste, teile oder kommentiere.

Politisch Stellung zu beziehen fand ich als überzeugter Demokrat auch schon vor dem Internet richtig und notwendig. In der Schule werde ich in der Regel von Klassen diesbezüglich zu meiner Meinung befragt. Die Subjektivität meiner Antwort wird in diesem Zusammenhang gehört und verstanden (und von mir auch immer hervorgehoben). In sozialen Netzwerken ist das anders. Hier äußere ich mich mit meiner Sichtweise zu politischen Themen, ohne explizit danach gefragt worden zu sein. Auch der Kontext erschließt sich nicht automatisch und allen. Die Veröffentlichung einer Reihe von neutral wirkenden Beiträgen kann zum Beispiel die Wahrnehmung bzw. Unterscheidung zwischen Meinung und Sachverhalt erschweren. Natürlich versuche ich durch gelegentliche „meiner Meinung nach“ dem entgegenzuwirken. Richtig zufrieden stimmt es mich aber nicht. Die Lösung, zwei Accounts anzulegen, einen privaten und einen Lehrer-Account, suggeriert die Möglichkeit einer klaren Trennung zwischen privaten und beruflichen Angelegenheiten. Das Web löst diese Grenze sukzessiv auf. Das bedeutet, dass es neuer Regelungen im Umgang damit bedarf und keiner Selbsttäuschung.

Meinungsfreiheit vs. Manipulation

Noch deutlicher wird das bzw. mein Problem, wenn ich die weltweite Entwicklung der letzten Jahre und den vor kurzem beendeten Bundestagswahlkampf betrachte. In einer Zeit, in der Rechtspopulismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit immer lauter werden, sehe ich mich als Europäer und Demokrat schon länger in der Verpflichtung, den Werten eine Stimme zu geben, die ein friedliches, pluralistisches, sozial gerechtes und freies Miteinander garantieren. Die Bedrohungen der Demokratie führ(t)en dazu, dass ich stärker Stellung beziehe als früher. Auch bei Facebook & Co. Weil mich Schüler_innen aber immer als Lehrer wahrnehmen, auch wenn ich etwas bei Facebook poste, stand ich dieses Jahr vor einer neuen Herausforderung und einigen Fragen. Zum ersten Mal habe ich einen Freund in sozialen Netzwerken bei der Bundestagskandidatur unterstützt. Wie verhält sich aber die Unterstützung eines Bundestagskandidaten in Social Media mit dem Beutelsbacher Konsens? Ich begegnete vor einigen Wochen in einer Facebook-Diskussion der Frage einer Kollegin, ob es problematisch sein könnte, über das Profilbild für eine Partei zu werben. Es bildeten sich schnell zwei Lager. Die Ablehnenden führten auf, dass man sich damit selbst mit einem politischen Stempel belegt, den man nicht mehr los wird. Die Fürsprechenden führten die Meinungsfreiheit und demokratische Werte ins Feld. Mich hat dabei aber am meisten die Frage beschäftigt, wie stark ich Schüler_innen mit meinen Beiträgen in sozialen Netzwerken bei der politischen Willensbildung beeinfluße bzw. überwältige. Auch wenn diese Gefahr gering sein sollte und man den Einfluss der Lehrpersonen nicht überschätzen darf, gehört diese Frage meiner Meinung nach öffentlich diskutiert. Schließlich weiß man, dass reflektiertes Verhalten keine allgemein angeborene Fähigkeit ist und bei jungen Menschen ausgebildet und gestärkt werden muss. Ich gehe fest davon aus, dass die im Zuge des digitalen Wandels die Anzahl der Lehrenden in sozialen Netzwerken zunehmen wird. Bei der Frage nach der digitalen Identität und Souveränität gehört für mich der Beutelsbacher Konsens mit auf die Liste der zu überdenkenden Perspektiven.

Mein Lösungsansatz

  • Ich habe aus meinem Parteibeitritt vor ca. drei Jahren kein Geheimnis gemacht, damit man meine Aussagen politisch klarer einordnen kann. Bei Beiträgen mit einer stärkeren politischen Färbung füge ich gerne mal ein „meiner Meinung nach“ hinzu.
  • Ich strebe Diskussionen über Inhalte, Entscheidungen und die damit verbundenen Personen an und vermeide allgemeine (Ab)Wertungen bezüglich anderer Parteien.
  • Ich wertschätze auch politische Leistungen von Freunden und Bekannten anderer Parteien, wenn ich sie inhaltlich mittragen kann und respektiere ihre Engagement und Überzeugung, einen konstruktiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
  • Ich versuche sachliche und zielführende Debatten zu führen und sie auch als solche auf meiner Seite zu moderieren.
  • Ich bemühe mich einfach zu formulieren.
  • Ich begrüße einen politisch kontroversen Austausch, auf Basis der üblichen Netiquette-Regeln.
  • Ich tausche mich über Web-Verhalten und Fragen immer wieder mit Freunden und Bekannten in unterschiedlichen Social Media-Kanälen aus, um Gedanken, aktuelle Lösungen und Entwicklungen transparent zu machen.

Wie viele Menschen, die sich der politischen Debatte (in sozialen Netzwerken) entziehen, kann sich unsere heutige Gesellschaft noch leisten? Wo beginnt und endet die Verantwortung der politischen Bildung von Lehrenden im digitalen Wandel? Müsste man einen neuen Beutelsbacher Konsens aushandeln, der die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte berücksichtigt? Einfache Antworten wird man darauf wahrscheinlich nicht finden. Bei allen Bedenken, die mich begleiten, überwiegt für mich letztendlich das Argument, dass Einblicke in mein politisches Engagement auch dazu beitragen, meinen Schüler_innen Partizipation und gesellschaftliche Verantwortung vorzuleben – mit dem Beutelsbacher Konsens im Hinterkopf beim Posten.

Ergänzung

Weitere Gedanken zum Thema, aus der Perspektive der non-formalen Bildung, liefert dieser etwas ältere, aber nicht weniger aktuelle WebTalk mit Pr. Dr. Anja Befand, Guido Brombach und Jöran Muus-Merholz.

DSC03156Letztes Wochenende fand das EduCamp in der Landesakademie Bad Wildbad statt, zu dem knapp 200 Menschen aus allen Teilen der Republik (und Lichtenstein) angereist waren, um sich über Lehr- und Lernformen auszutauschen, die den digitalen Wandel nicht nur berücksichtigen, sondern dessen Potentiale auch nutzen. Dabei waren das offene Barcamp-Format, das Angebot und die Zusammensetzung in vielerlei Hinsicht besonders. Hier findet man noch die Workshops vom Freitag und die Sessionpläne und die Etherpad-Protokolle vom Samstag und Sonntag. Eine lockere, fast familiäre Stimmung und die bunte Mischung an Bildungsinteressierten prägten das 18. EduCamp. DSC02939In der Session zum 4K-Modell des Lernens diskutierten z.B. Schüler*innen, Lehrende, Leute aus Unternehmen, der non-formalen Bildung und dem Kultusministerium miteinander über neue Bildungskonzepte. Durch die Betrachtung der Herausforderungen aus allen Perspektiven erreichte nicht nur diese Debatte ein derart hohes Maß an Qualität, das man sich häufiger wünscht. Wir brauchen noch mehr Raum bzw. Möglichkeiten für Diskussionen auf Augenhöhe aller am (Schul)leben Beteiligten. Damit das zukünftig besser gelingen kann, rief ich dazu auf, sich in diese Liste einzutragen, um das EduCamp auch als Startschuss für regionales Netzwerken zu nutzen. Bernd Schinko und sein Team signalisierten nach dem erfolgreichen Auftakt, dass dabei die Landesakademie in Bad Wildbad auch weiterhin eine Rolle spielen wird.

Bildungsinteressierte Netzwerken in Baden-Württemberg
Man benötigt möglichst viele Verbündete, um die kritische Masse an Menschen zu erreichen, die notwendig ist, zeitgemäße Bildung auch an allen (Hoch)Schulen ankommen zu lassen. Die folgende Liste, die ich immer wieder aktualisieren werde, soll diese Suche und das Netzwerken erleichtern. Twitter hat sich in den letzten Jahren als DAS soziale Netzwerk für Bildungsinteressierte entwickelt. (Unter dem Hashtag #ecbw17 kann man alle Tweets zum EduCamp in Bad Wildbad in Ruhe nachlesen. Alle Tweets der letzten Woche hat Christiane freundlicherweise hier zusammengetragen.) Deshalb habe ich bestehende Accounts mit den Namen auf der Liste verlinkt. Außerdem schlage ich vor, zukünftig in sozialen Netzwerken unter #NetzBaWü Idee, Fragen, Projekte, Veranstaltungen oder sonstige Informationen bezüglich zeitgemäßer Lehr- und Lernformen mit regionalem Bezug übersichtlicher zu bündeln und auszutauschen. (Unser Nachbarbundesland macht das bereits seit einiger Zeit unter #BayernEdu.) Bildung sollte nicht mehr auf den Ort Schule und dessen zeitliche Vorgaben reduziert werden. Bildung ist ein lebenslanger Prozess, an dem wir alle von- und miteinander lernen.DSC03024

Die Liste ist nach Orten alphabetisch sortiert. Am Ende stehen am Netzwerk Interessierte anderer Bundesländern und Teilzeit-Baden-Württemberger*innen.

  • Bad Friedrichshall, Adrian Sauer, Realschullehrer, kontakt@herr-sauer.de
  • Bad Mergentheim, Ulf Neumann, Leiter KMZ Main-Tauber, Lehrer GS, SeminarGS
  • Bad Wildbad, Bernd Schinko, Leiter der Landesakademie Bad Wildbad
  • BadWildbad/Baden.Baden, Oliver Hintzen, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Ulrike v. Altrock, Landesakademie, Akademiereferentin, Lehrerin GMS, ulrike@von-altrock
  • Bad Wildbad, Astrid Pietschmann, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Nicolai Köhler, Schüler/Schülersprecher
  • Bad Wildbad, Andreas Erb, Landesakademie Bad Wildbad
  • Baden-Baden/Rastatt, Alexander Fischer, Leiter Medienzentrum Mittelbaden, Realschullehrer
  • Biberach Riß (Schemmerhofen), Tom Mittelbach, Fachlehrer GMS, Multimediaberater
  • Biberach Riß, Sebastian Stoll, Realschullehrer
  • Fellbach, Stefan Sasse, Akademie Fellbach, Gymnasiallehrer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde,
  • Freiburg, Dejan Mihajlovic, Realschullehrer
  • Freiburg, Philip Stade, Gymnasial-/Gemeinschaftsschullehrer (auf Suche)
  • Freiburg, Niclas Reuter, FSJ/Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg, Benedikt Sauerborn, Walter-Eucken-Gymnasium
  • Freiburg, Rebecca Davies, Koordinatorin Sprachpraxis, Englisches Seminar, Uni Freiburg, rebecca.davies@anglistik.uni-freiburg.de
  • Freiburg, Mark Engler, Technik KMZ Freiburg, mark.engler@kmz-freiburg.de
  • Freiburg, Peter Bergmann, Realschullehrer an Lessing-Realschule in Freiburg
  • Freiburg, Ernst Schreier, Netzwerkbetreuer, Droste-Hülshoff-Gymnasium Freiburg und Linux-Multi, schreier@dhg-freiburg.de
  • Freiburg, Jonathan Heimburger, Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg/Breisach, Olav Richter, Martin-Schongauer-Gymnasium Breisach, openreli.de
  • Gerabronn, Mandy Schütze, 1. Vorsitzende ZUM.de / Gymnasiallehrerin Geo/Ethik
  • Hardthausen am Kocher, Jörg Lohrer, Leitungsteam rpi-virtuell, Religionslehrer
  • Heidenheim, Daniel Mattes, Lehrer am Max-Planck-Gymnasium (Ch, Bio, NwT, Phy)
  • Karlsruhe/Rastatt, Norman Mewes, Lehrer Sek.II (BS) und Fachberater Schulentwicklung
  • Karlsruhe/Rastatt, Jan Hambsch, Lehrer (gewerbl. BS) und Fortbildner
  • Karlsruhe, Saskia Ebel, Walter-Eucken-Schule, saskia.ebel@wes.karlsruhe.de
  • Karlsruhe, Torsten Traub, Realschullehrer (M, EWG)
  • Mannheim, Thomas Bantle, Max-Hachenburg-Schule (kfm. BS), #tabletBS, Netzwerk, Technik, Moodle
  • Mannheim, Thomas Schmidt, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mannheim, Marek Müller, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mosbach, Tilo Bödigheimer, Konrektor (SBBZ Lernen)
  • Nagold, Heinz Krettek, Netzwerkberater Annemarie-Lindner-Schule, Hausw. Schule mit SGGS Gymnasium, krettek@als-nagold.de
  • Offenburg (Bühl), Bob Blume, Gymnasiallehrer
  • Pforzheim-Enzkreis, Sabine Strauß, Kunsterzieherin, Leitungsteam Medienzentrum
  • Reutlingen, (Mössingen), Matthias Förtsch, Lehrer und Abteilungsleiter Schulentwicklung
  • Schömberg/Calw, Christian Braun, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Sindelfingen, Ulrich Stoltenburg, Seminarleiter GS
  • Sinsheim, Bastian Höger, Kfm. Schule (BWL, M, DV), bald Multimediaberater
  • Stuttgart/Sindelfingen, Konrad Eisele, Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (GS)
  • Stuttgart (Keltern-Dietlingen), Daria Burger, Berufsschullehrerin, Multimediaberaterin in Stuttgart
  • Stuttgart/Leinfelden, Burkhart Firgau, Immanuel-Kant-Realschule Leinfelden, Lehrer (Kunst, Technik,Physik), stv. Schulleiter; Landesbildungsserver BW
  • Stuttgart, Thomas Ebinger, Dozent für Konfirmandenarbeit (ptz Stuttgart)
  • Stuttgart, Stephanie Wössner, Lehrerin am Albeck Gymnasium Sulz (Eng, Frz), Medienpäd. Referentin am Landesmedienzentrum BW
  • Stuttgart, Wibke Tiedmann, stellvertretende Referatsleiterin Landesinstitut für Schulentwicklung Stuttgart, Elementar- und Primarbereich
  • Stuttgart, Uli Sailer, Referent Landesmedienzentrum BW, LandesNetzWerk Elternarbeit der AJS-BW, Medienakademie BW e.V.
  • Stuttgart, Filiz Tokat, Freie medienpädagogische Referentin, Landesmedienzentrum BW, Filiz.Tokat@web.de
  • Stuttgart, Stefan Voß, Referent für digitale Medien am Landesinstitut für Schulentwicklung (Ref. 33), Gymnasiallehrer (Latein, ev. Rel.), Netzwerkberater
  • Tübingen/Sindelfingen, Christian Wettke, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Tübingen/Stuttgart, Alexander Mittag, Landesinstitut für Schulentwicklung in S Referat 41 Bildungplanarbeit, Leiter Bildungsplankommission Informatik, Gymnasiallehrer  (Inf, M, Ph)
  • Tübingen/Ravensburg, Sebastian Frey, Medienpädagogischer Berater LMZ/Lehrerfortbildung RP-Tübingen, KMZ Ravensburg
  • Tübingen, Juliane Richter, Leibniz-Institut für Wissensmedien
  • Tuttlingen, Ulrich Günther, Fritz-Erler-Schule BS (M, Inf), u.guenther@fes-tuttlingen.de

Bildschirmfoto 2017-05-03 um 19.47.34

  • Tobias Rodemerk, Gymnasial-/Berufsschullehrer, Abordnung an das LS Referat43, Lehrerfortbildner
  • Oldenburg, Andreas Hofmann, Lehrer und medienpäd. Berater in Niedersachsen, im Herzen Baden-Württemberger
  • Julia Rheinhardt, Lehrerin am Gymnasium (gerade zwischen NDS und BaWü)
  • Andreas Schenkel, Lehrer Ph, M, IT, Hessische Lehrkräfteakademie, Hessischer Bildungsserver
  • Niedersachsen, Saskia Müller, Lehrerin Robert Dannemann Oberschule, Kommunalpolitikerin, saskiamuemue@web.de
  • Kaiserslautern, Birgit Lachner, Gymnasiallehrerin (Ch, M), Workshops und Fortbildungen (GeoGebra, Chemie digtal, Wikis, …)
  • Eutin, Michael Stammeier, Dipl.-Hdl., StR, Wirtschaft, Englisch, Religion, Berufliche Schule des Kreises Ostholstein
  • München, Martin Rist, #HPEdu & Vorstand Bündnis für Bildung, martin.rist@hp.com

Das deutsche Schulsystem und die Lehrer-Ausbildung wurden immer schon breit diskutiert. Ich möchte mit diesem Beitrag einen Blick auf die Lehrer-Fortbildungen (in Baden-Württemberg) richten und zur weiteren Debatte anregen. In Baden-Württemberg bieten Fortbildner, die als Experten gefragt wurden oder sich als solche beworben haben, an unterschiedlichen Standorten und zu allen schulischen Themen Fortbildungen an. Veranstalter ist die Abteilung 7 – Schule und Bildung der jeweiligen vier Regierungspräsidien in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg oder Tübingen. Die Angebote werden in der Regel nach Bedarf generiert; meist spielen schulpolitische Entscheidungen des Landes, Anmeldezahlen bei bereits bestehenden bzw. vergangenen Angeboten oder Anregungen der Fortbildner eine Rolle. Ich möchte den Ablauf und das Problem am Beispiel Medienbildung kurz skizzieren:

Mit dem Schuljahr 2016/17 greift in Baden-Württemberg der neue Bildungsplan und mit ihm die Einführung der Leitperspektive Medienbildung. In Klasse 5 muss dazu ein Basiskurs durchgeführt werden. Um die Umsetzung zu gewährleisten, wird bis Juli 2016 die Fortbildung Umsetzung Basiskurs Medienbildung in Klasse 5 mehrfach an unterschiedlichen Standorten des Landes angeboten, damit einzelne Kollegen, die diese Aufgabe an ihrer Schule übernehmen sollen, darauf vorbereitet werden. Alle Infos rund um die Leitperspektive Medienbildung, den Basiskurs und die dazugehörigen Fortbildungen findet man hier. Mit dieser Vorgehensweise kommt das Land seiner Pflicht nach, Lehrer zur Umsetzung des Bildungsplans zu befähigen. Nennen wir es ein machbares Minimalziel. Wenn man aber langfristig das Erreichen der formulierten Ziele für die Leitperspektive Medienbildung ernsthaft anstrebt, wird man eine andere Form der Weiterbildung, Vernetzung und Arbeit von Lehrern benötigen.

Das aktuelle Fortbildungssystem

Fobi_BawueEin kleiner ausgewählter Kreis von Fortbildnern gibt Wissen punktuell an einen großen Kreis von Lehrern linear weiter. Die Rollenverteilung ist eindeutig auf den Wissensvermittler und Wissensempfänger festgelegt. Was dazu führt, dass Lehrer, die ebenfalls über Know-how verfügen, sich erst gar nicht zu Fortbildung anmelden, weil nach diesem Muster ein Austausch (in der Regel) nicht vorgesehen ist. Das ist aber nicht das einzige Problem dieses Fortbildungsformats. Lehrer einzeln fortzubilden, damit sie dann das Know-how in ihrer Schule als Multiplikatoren streuen und verankern, funktioniert kaum bis gar nicht. Sobald ein Lehrer an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, verpufft der Elan durch das neu erworbene Wissen bereits nach kurzer Zeit, weil er die Hürden des schulischen Alltags (alleine) nicht überwinden kann. Ergänzend zu diesem klassischen Modell gibt es noch die Möglichkeit, dass Fortbildner an eine Schule kommen, um mit dem (ganzen) Kollegium vor Ort zu arbeiten. (Diese Variante scheint, nach Austausch mit einigen Kollegen unterschiedlicher Schularten und Bundesländer, effektiver zu sein. Die Ressourcen für diese Art der Fortbildung sind aber gering.) Einen weiteren Knackpunkt sehe ich bei den Fortbildnern selbst. Die Anzahl ist begrenzt, Qualität nicht garantiert und Transparenz nicht gegeben. Welche Tragweite die finanziellen Aspekte in dieser Zusammensetzung haben, kann ich nicht abschätzen. Ich vermute aber auch hier Luft nach oben.

Wir brauchen offene Fortbildungsformate

Offene_FobiDie größte Schwäche des bisherigen Systems liegt beim brachliegenden Potential. Da nicht jeder Lehrer Fortbildner sein kann oder es nach dem jetzigen Verfahren möchte, bleibt viel Know-how ungenutzt. Deshalb brauchen wir offene Fortbildungsformate, die dem entgegenwirken. Im Barcamp-Format sehe ich eine Möglichkeit. Hier kann jeder völlig unkompliziert, ohne weitere Verpflichtungen und für eine kurze Zeit die Rolle des Fortbildners übernehmen. Da eine Barcamp-Session immer Raum für einen Austausch bietet, verläuft die Wissensvermittlung nicht linear, sondern kann dazu führen, dass Konzepte weiterentwickelt werden oder neue Ideen entstehen. Man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand und vernetzt sich. In der schul-, schulart- oder landesübergreifenden Vernetzung von Lehrern sehe ich ein großes Potential; nein, eine Notwendigkeit, wenn man den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gerecht werden möchte. Bei Barcamps bleibt das erworbene Wissen nicht nur bei den Teilnehmern, weil es in der Regel protokolliert und öffentlich zu Verfügung gestellt wird. Mir gefällt auch die effiziente Bedarfsanalyse, indem man schlicht die Anwesenden nach ihrem Interessen fragt. Gerade im Bereich der Medienbildung, in dem sich das Wissen in permanenter Weiterentwicklung befindet, brauchen wir solche flexible Strukturen, um den Bogen zu meinem anfänglichen Beispiel zu spannen.

Ich weiß, dass Systeme sich selbst erhalten und mein Wunsch nach einer Änderung diesen Blog höchstwahrscheinlich nicht verlassen wird. Deshalb schlage vor, ergänzende Angebote zu schaffen. Zum Teil gibt es sie schon: Die zahlreichen Educamps oder der jährliche DED (Digital Education Day) der Stadt Köln sind gute Beispiel dafür. Das genügt aber nicht. Auch hier pilgert eine überschaubare Gruppe von engagierten Lehrern von einem zum nächsten Ort der Republik; am Wochenende oder in der unterrichtsfreien Zeit und auf eigene Kosten. Der Anspruch dieser Lehrer, ihren Unterricht an die gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen anzupassen, braucht mehr als verbale politische Unterstützung. Die Verantwortung hierfür sehe ich nicht beim Land allein. Jede Gemeinde bzw. Stadt müsste sich Gedanken machen, ob und welche Schritte sie diesbezüglich leisten kann, möchte oder sogar sollte. Ich werde mich zumindest dafür einsetzen, dass diese Fragen in Freiburg diskutiert werden. Da politsche Entscheidungen einen langen Atem haben, lohnt es sich immer einen Plan B zu entwickeln.

Plan B – Schulen als dezentrale Lösung

Weshalb veranstalten nicht Schulen ein offenes Barcamp? Man könnte mit ein paar Schulen starten und anschließend die Umsetzung evaluieren und optimieren. Die Idee stammt von Rüdiger Fries, mit dem ich kürzlich telefonierte, um mich zum Thema Lehrerfortbildungen auszutauschen; wobei wir nach Antworten auf die Frage „Wie bekommt man die Lehrer, die zu solchen Formaten noch keinen Zugang haben, mit ins Boot?“ suchten. Dass und wie es klappen kann, hat Felix Schaumburg freundlicherweise hier dokumentiert. In seinem Fall ging es um das Thema Schulentwicklung und war nicht offen für schulexterne Teilnehmer. Die dezentrale Lösung, mit Schulen als selbständige Entwickler von Fortbildungsangeboten, würde bedeuten, dass Lehrer ihre passive Rolle aufgeben. Dafür wäre ein Umdenken im Lehrerzimmer und ein emanzipatorischer Prozess notwendig. Ein langer, steiniger aber auch notwendiger Weg.