Was würde eigentlich geschehen, wenn ein Schriftsteller beim Deutschabitur über sein eigenes Werk mitschreiben würde? Vor kurzem hat Saša Stanišić genau damit für Aufsehen gesorgt, als er via Twitter in einem Thread offenlegte, nach 1997 erneut beim Abitur mitgeschrieben und mit 13 Punkte einen neuen persönlichen Highscore erreicht zu haben. Nur war es dieses Mal nicht Goethe, über den er schreiben musste, sondern sein eigener Roman Vor dem Fest.

Fernab der vielen Fragen, die seine besondere Aktion und das Resultat aufwerfen, fiel mir ein Tweet besonders auf. Er beklagte darin, nachdem er fünf Stunden von Hand schreiben musste, Schmerzen im Arm gehabt zu haben und fragte, weshalb man nicht mit dem Computer schreiben dürfe. Er äußerte auch den Wunsch, dass Schulbehörden mehr Gegenwart zulassen sollten. Wohin so eine Reise führen könnte, möchte ich mit einem kleinen Gedankenexperiment Abitour mit Internet skizzieren und anregen, das weiterzudenken.

Mehr Gegenwart zulassen

Gehen wir davon aus, es wäre beim Deutschabitur die Aufgabe, den Roman Vor dem Fest zu besprechen und wie 2019 in Hamburg, dazu auch ein neues Kapitel zu verfassen. Nur dieses Mal dürften Laptops mit Internetanschluss genutzt werden. Wahrscheinlich würden die Schüler_innen nach bereits verfassten und veröffentlichten Texten über das Buch im Netz suchen. Dabei müssten sie wissen, wo sie wie recherchieren sollten, um möglichst schnell gute Beiträge zu finden. Das Gefundene müssten sie einordnen können, beispielsweise in Bezug auf Seriosität und Qualität. Dann würden sie sich wahrscheinlich untereinander Links über bewährte Quellen schicken oder nur Passagen mit Kommentaren.

Vielleicht würde jemand den Autor Saša Stanišić googeln, den Wikipedia-Beitrag lesen, auf seine Website klicken und feststellen, dass er twittert und bei Instagram ist. Sie würden seine Tweets lesen, Eiblicke in seine Art, seinen Humor erhalten und erfahren, dass er aber auch mit Leuten kommuniziert, die er nicht kennt. Vielleicht würde ihn dann jemand etwas zu seinem Buch fragen und eine Antwort erhalten. Das könnten dann andere Schüler_innen mitlesen und ebenfalls in ihre Gedanken für das neu zu schreibende Kapitel einfließen lassen. Ihre Texte könnten sie veröffentlichen, miteinander teilen, sich Feedback geben, daran weiterarbeiten und sich vernetzen. Vielleicht hätte sogar Saša Stanišić manchen dieser Beiträge gelesen und ebenfalls kommentiert.

Einige Schüler_innen wären wahrscheinlich auf seinen Insta-Account, hätten seine Beiträge durchgescrollt und würden ihn als Person aus einer zusätzlichen Perspektive näher kennenlernen, vielleicht auch Lust bekommen, weitere Texte von ihm zu lesen oder zu einer der nächsten Lesung in ihrer Nähe zu gehen. Sie würden eventuell beobachten, mit welchen anderen Personen er sich im sozialen Netzwerken austauscht und hätten so vielleicht den Weg zu weiteren Künstler_innen oder Themen gefunden.

Nach dem Fest

Was hätte somit mehr Gegenwart geändert? Schüler_innen hätten zusammengearbeitet, ihr Wissen geteilt und gelernt und geübt, sich souverän im Netz zu bewegen. Sie hätten ihr persönliches Lernnetzwerk erweitert und Neues entdeckt, über sich und andere. Natürlich müssten Klassenstufen auf so ein Abitur anders vorbereitet werden, mit einem einem veränderten Unterrichts-, Lehr- und Lernverständnis. Sie müssten zumindest im Vorfeld bereits so gearbeitet haben, bzw. dazu befähigt worden sein: So zu arbeiten, wie es in der Gegenwart üblich ist.

Der Beutelsbacher Konsens legt die Grundsätze für die politische Bildung mit drei Prinzipien fest: Dem Überwältigungsverbot, der Kontroversität und der Schülerorientierung. Ziel ist es, dass junge Menschen dazu befähigt werden, sich mithilfe einer kontroversen und schülergerechten Auseinandersetzung mit politischen Inhalten eine eigene Meinung bilden zu können und nicht von der Haltung oder Meinung der Lehrenden überwältigt zu werden. Dass der Beutelsbacher Konsens im digitalen Transformationsprozess ebenfalls weiter entwickelt und gedacht werden muss, habe ich hier bereits zum Thema Soziale Netzwerke vor einem Jahr aufgeschrieben. Nach zahlreichen Gesprächen auf Veranstaltungen und im Netz über Bildung im Zeitalter der Digitalität erscheint es mir notwendig, auf weitere Bereiche hinzuweisen. Wenn es um Marken oder Unternehmen von Hardware, Software oder Betriebssystemen geht, entsteht auf den ersten Blick der Eindruck, dass eine technische Thematik vorliegt. Dabei ist es in der heutigen Welt, die von vernetzten Computer als Leitmedium geprägt ist, schon lange eine politische und erfordert die Berücksichtigung der drei oben aufgeführten Prinzipien. 

track-2906667_1920.jpgBei Debatten über Apple, Google, Windows, iOS, Android oder Open Source wird es nicht selten emotional und die einzige Wahl, die es zu treffen gilt, heißt gut oder böse, bzw. richtig oder falsch. (Damit meine ich übrigens alle Lager.) Für welche Smartphones, Suchmaschinen oder Apps sich Schülerinnen und Schüler entscheiden, muss aber Ihnen überlassen werden. Auch hier ist es die Aufgabe der Lehrenden, alle bekannten Optionen und Zusammenhänge wertfrei aufzuzeigen und eine unbelastete Meinungsbildung zu ermöglichen. (Politische Bildung muss um netzpolitische Bildung erweitert werden. Besonders bezüglich der Befähigung junger Menschen, das Netz mitzugestalten.)

Schwierig wird es bei der Anschaffung von Schulgeräten und -software. Hier entscheiden meistens Lehrende oder der Schulträger, häufig auch ohne die Schülerschaft und Eltern einzubeziehen und wägen zwischen Praktibilität und politischer Überzeugung ab. Es stellt sich die Frage, wie viel Kontroversität und Bevormundung in diesen Entscheidungen steckt. Welche Hardware, Software oder welches Betriebssystem aktuell zu meinen Lebensumständen passt und ich gesellschaftlich vertreten kann, möchte ich selbst entscheiden können (und verzichte auch gerne auf die vermeintliche moralische Überlegenheit Andersdenkender). Und genau das steht auch allen Schülerinnen und Schülern zu.

Wenn von zunehmender Dynamik und Tempo der Digitalen Transformation gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der technischen Entwicklung. Immer schneller, kleiner, leistungsfähiger und vernetzter. In der Regel werden dazu Arbeitsprozesse (auch Lehr- und Lernprozesse) übersetzt mit praktischer, effektiver und effizienter. Damit wird in veralteten wirtschaftlichen Denkmustern gehandelt und die Tragweite der grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung verkannt. Es geht um weitaus mehr als Optimierung des Bisherigen. Die Gründe für Missverständnisse oder sogar Widerstände sehe ich bei den Erfordernissen der Digitalen Transformation, die im Konflikt zu den überholten Strukturen und Systemen stehen. Einige davon und mögliche Lösungen oder Strategien greife ich hier auf. (Alle Beiträge zur Digitalen Transformation resultieren aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen der ca. letzten zehn Jahre aus dem Bildungsbereich oder meiner Aktivitäten rund ums Netz. Da die Herausforderungen der Digitalen Transformation sich in allen Gebieten ähneln und in einigen sogar identisch sind, versuche ich die Texte in einem möglichst allgemeinen Kontext zu verfassen. Den Transfer, zu welcher Bedeutung oder Handlungsempfehlung das führt, liefere ich deshalb nur punktuell für den Bildungsbereich. Jede andere Übersetzung kann und muss stets eigenständig im jeweiligen Kontext erfolgen.)

Erfordernisse der Digitalen Transformation  

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.25.03Allein die steigende Komplexität gesellschaftlichen Zusammenlebens bedingt, sich in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen zu können (Können steht für die dafür voraussetzende Bereitschaft, das zu erlangende Vermögen und die notwendigen Möglichkeiten.). In anderen Worten: Netzwerken können. (Was leider häufig mit Vernetzung gleichgesetzt wird.) Neben Freiräumen in allen Bereichen erfordert das Kreativität und Zusammenführen vielfältiger Expertisen und Perspektiven. Das bedeutet auch traditionelle Handlungsmuster zu überwinden und neue Wege zu beschreiten, die nach den Kriterien bisheriger Systeme keinen Anreiz bieten. Dafür muss losgelöst von einfachen Kausalbeziehungen und nicht in hierarchischen Baumstrukturen oder isoliert nebeneinander existierenden Objekten gedacht werden. Die Digitale Transformation setzt Systemdenken mit der Maxime „Think globally, act locally.“ voraus. Ein etwas besser, etwas anders reicht nicht mehr. Es braucht ein komplett neues Mindset. 

Das Gewicht der Zeit

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.24.42Zeit scheint dabei die kostbarste Ressource zu sein. Zeit, um die Voraussetzungen für diese Prozesse zu entwicklen und umzusetzen. Wenn investiert wird, dann meist in Technik. Mit neu gekaufter Technik scheint der „digitalen Wandel“ sichtbar, greifbar, verständlich, pressewirksam und funktioniert auch ohne Änderung von Strukturen und Systemen. Dadurch wird nicht selten ohne systemische Betrachtung nur ein Faktor verändert, es werden negative oder gar keine Auswirkungen festgestellt und dann schlussgefolgert, dass Veränderungen nichts bringen oder sogar schlecht sind. Den bisher vielversprechendsten Ansatz liefert immer noch Google mit der Regel, dass ihre Mitarbeiter_innen 20% ihrer Arbeitszeit dafür verwenden dürfen, um eigenen Ideen und Interessen nachzugehen, kreativ zu sein und zu experimentieren. (Einige der daraus resultierenden Produkte zählen heute zu ihren größten Erfolgen.) Bei einer 5-Tage-Woche bedeutet das genau einen Tag, der einem zur Verfügung steht. Man stelle sich vor, welche Schulentwicklungsprozesse mit dieser Ressource möglich wären. Beachtenswert ist auch die Weiterentwicklung des ursprünglichen Ansatzes mit Area 120. Damit erhalten Projekte aus und in der 20%-Zeit die 100%-ige Unterstützung eines dafür freigestellten Teams, um die Entwicklung optimal zu fördern. Auch hier wäre die Übersetzung zur Schulentwicklung spannend. Die erste und wichtigste Investition in der Digitalen Transformation ist und bleibt die Zeit. Was sich nicht geändert hat, ist das Erfordernis, selbst aktiv zu werden. Beim Thema Zeit bedeutet das, nach bestehendem Handlungsspielraum zu suchen oder gegebenenfalls die bisherigen Prioritäten zu überdenken, um neuen zu schaffen. Zeit bereitzustellen genügt aber nicht allein. Besonders nicht in Strukturen und Systemen, in denen Freiräume nie Teil des Konzepts waren. Es braucht auch hier eine Anleitung und Begleitung der Prozesse, was der Idee von Area 120 entsprechen würde. (Im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung wäre das im Rahmen von eduScrum umsetzbar oder auch mithilfe der strukturierten Lösungsanalyse von Olalla möglich.)

Auch in der Digitalen Transformation lohnt es sich weiterhin, die bereits vorhandenen Ressourcen zu bündeln, den Blick auf das Machbare zu richten und voranzuschreiten. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Arbeitszeit ist in den alten Strukturen und Systemen bereits verplant. Da Systeme sich selbst erhalten, ist hier auch mit keinem Wandel zu rechnen. Somit bleibt ehrlicherweise nur noch die „Freizeit“ übrig, wenn man auf keine strukturellen Änderungen hoffen und sich auf den Weg machen möchte. Eine sicher ernüchternde Erkenntnis, die langfristig weder wünschenswert noch tragfähig ist. Deshalb ist und bleibt die Digitale Transformation eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung. Es würde mich folglich auch nicht wundern, wenn am Ende weder Wirtschaft noch Politik, sondern Graswurzelbewegungen der Hebel wären.