Bildschirmfoto 2017-04-12 um 23.43.21Ich erinnere mich an eine breite, lange und erfolglose vor ca. zwei Jahren geführte Debatte bei Twitter, welcher Begriff die neuen Herausforderungen von Schulen und Hochschulen, die durch den digitalen Wandel entstanden, am besten beschreiben könnte und im allgemeinen Konsens genutzt werden sollte. Bis heute handhabte ich das wie Jöran hier; dabei mochte ich den Hashtag #DigitaleBildung nicht einmal. Weil Begriffe Bilder zeichnen und Gedanken prägen, verabschiede ich mich heute vom Hashtag #DigitaleBildung und benutze zukünftig den Hashtag #zeitgemäßeBildung. Wer weiß, wie viel der alte Hashtag dazu beigetragen hat, dass die Debatte über Technik und digitale Tools dominiert(e) und nicht zeitgemäße Lehr- und Lernformen im Fokus standen bzw. stehen?

d64_breitEs ist wieder soweit. Die mittlerweile dritte D64-Veranstaltung aus der Reihe Lernen in einer digitalisierten Welt findet am Dienstag, den 04. Oktober von 19:30Uhr bis voraussichtlich 21:30Uhr im Grünhof statt. Dieses Mal wird in einer besonderen Weise über ein Thema referiert und diskutiert, das weitaus mehr als einen Abend füllen kann und wird: #DigitaleBildung. Täglich spuckt das Web unter dem Hashtag #DigitaleBildung immer wieder neue Antworten auf Fragen, die viele Lehrende, Eltern und auch Schüler*innen immer mehr beschäftigen (sollten): Wie soll die Schule in Zukunft aussehen? Welche Ziele sollen dabei wie erreicht werden? Welche Rolle spielen dabei die Lernenden und Lehrenden? Welche Technik ist notwendig und welcher Einsatz wäre dabei sinnvoll? Ein endlos langer Fragenkatalog, der sich ständig zu erweitern scheint. Einige Schulen in Freiburg und Umgebung haben bereits interaktive Whiteboards (digitale Tafeln), Tablet-Klassen oder arbeiten mit Smartphones im Unterricht. Trotzdem stehen auf dem Gebiet immer noch viele Fragen offen. Deshalb plane ich zu diesem Thema mehrere Menschen mit digitalem Bildungshintergrund nach Freiburg einzuladen, um allen Interessierten diesbezüglich unterschiedliche Perspektiven zu ermöglichen.

krommer-kleinDen Auftakt macht dabei Axel Krommer. Er hat Deutsch und Philosophie studiert und ist u.a. Mitglied in der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. und akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Uni Erlangen. Axel Krommer begleitet und beobachtet über Jahre die Entwicklung im Web und auch außerhalb, rund um den Hashtag #DigitaleBildung. In einem interaktiven und lockeren Format wird er gemeinsam mit dem Publikum Potentiale und Stolperfallen zum Thema beleuchten. Es wird wieder einen Periscope-Livestream geben, damit auch diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht vor Ort seinen können, der Veranstaltungen folgen können. Das Video werde ich, falls es zu keinen technischen Problemen kommen sollte, hinterher bei YouTube auf meinem Kanal zur Verfügung stellen. Der Eintritt ist kostenfrei. Einlass ist ab 19:10Uhr. (Hier geht es zum Link der Facebook-Veranstaltung.)

Falls sich Lehrer*innen (gerne auch andere) auf die Veranstaltung vorbereiten möchte, um Axel Krommer konkretere Fragen stellen zu können, empfehle ich folgende drei Texte:

 

Seit der Einführung der GFS (Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) zum Schuljahr 2004/2005 (in Baden-Württemberg) und dem damit verbundenen Anstieg an Referaten suche ich immer wieder nach Alternativen zur klassischen Präsentation. Außerdem finde ich, dass die Auswahl an Möglichkeiten, wie Schüler*innen ihre Qualitäten unter Beweis stellen können, ständig erweitert und aktualisiert gehört. Deshalb bot ich im letzten Schuljahr ein paar Klassen an, ihre Noten durch eine Snapchat-Story zu verbessern. Die Idee dazu entstand als ich Patrick Breitenbachs Snaps zum Pygmalion-Effekt entdeckte. Falls jemand nicht wissen sollte, was Snapchat ist bzw. wie es funktioniert, empfehle ich das und die dazugehörigen Folgebeiträge zum Thema zu lesen.

 

Weshalb Snapchat-Story?

  • Snapchat ist ein kostenloses digitales Tool, das ein Großteil der Schüler*innen auf dem Smartphone installiert hat, täglich nutzt und daher mit dem Handling sehr vertraut ist. Natürlich erhält der Einsatz dieser App im Unterricht dadurch auch einen motivierenden Charakter. Persönliche Anmerkung: Ich bin kein Freund von für Schule produzierten Tools und Plattformen, zu denen ich junge Menschen erst hinlotsen muss; weil es a.) erfahrungsgemäß viel Kraft und Zeit kostet und b.) in der Regel gute Gründe gibt, weshalb diese nicht funktionieren. Bei Snapchat & Co. schwingt dafür aber die Gefahr mit, dass man un-/bewusst oder verstärkt auf den Trend-Zug aufspringt und die Einbindung aktueller, digitaler und hipper Tools in den Unterricht erzwingt, um ein Bild nach außen zu projezieren, das dem eigenen oder Schulportfolio entgegenkommt. (Anselm Sellen hat es hier einen Hauch kritischer formuliert.) Je mehr das zutreffen sollte, desto flüchtiger schätze ich die zusätzlich gewonnene Motivation durch das “Neue”. Ich glaube, dass nur ein (didaktisch) “gut begründeter” Einsatz einen nachhaltigen Anreiz und Gewinn für alle schaffen kann. Dass Lehrende stets der Frage nachgehen, wie man Dinge, die Schüler*innen aktuell beschäftigen, beim Lernen einsetzen kann, ermöglicht innovative, kreative und motivierende Produkte. Trotzdem darf niemals die Kernfrage “Was kann ich wie am besten lehren bzw. lernen?” an Bedeutung überboten werden. Ein sachlicher und ehrlicher Austausch mit anderen Lehrenden über eigene Ideen und Vorhaben hilft zumindest mir dabei, dieses Ziel nie aus dem Blick zu verlieren.
  • Das Format gehört zur Storytelling-Methode (Wer bei Wikipedia Storytelling in der Schule nachliest, wird beim letzten Aspekt eine zarte Abweichung zur Aussage meines Beitrags entdecken.), die wiederum in verschiedenen Varianten umgesetzt werden kann. André Hermes stellte dieses Jahr dazu auf der Veranstaltung Mobiles Lernen mit Tablets und Co. in Oldenburg u.a. die Vorzüge von Pecha Kucha im Unterricht vor. Die Snapchat-Story sehe ich als eine weitere Entwicklung dessen. Was spricht aber für die Methode? Dass man Informationen didaktisch reduzieren muss und dabei die Möglichkeiten hat, diese relativ einfach und kreativ zu verpacken. Außerdem analysieren Schüler*innen bei der Aufnahme von Snaps automatisch ihre Sprache, Gestik und Mimik. Auch rhetorische Fertigkeiten oder Möglichkeiten der Bild- und Videogestaltung können an dieser Stelle vertiefend angeboten werden.
  • Die stillen und introvertierteren Schüler*innen erhalten durch die Snapchat-Story eine Möglichkeit, sich zu einer Präsentation vor Publikum, wenn das überhaupt gewünscht oder nötig sein sollte, heranzutasten. Dabei ist der Zwischenschritt, dass sich erst einmal nur Lehrende die Snaps ansehen.

Bildschirmfoto 2016-09-02 um 02.33.15Schulpraxis konkret

Es bietet sich an, die Methode in einer Doppelstunde einzuführen. Dabei muss geklärt werden, was eine Snapchat-Story ist und Beispiele angesehen und untersucht werden. Das kann je nach Klasse unterschiedlich ausführlich und vertieft stattfinden. Am Ende sollten aber folgende Fragen und Regeln geklärt sein:

  1. Welche Themen kommen für Snapchat-Storys infrage? Autobiografien oder geschichtliche Entwicklungen, die bereits eine chronologische Struktur besitzen, eignen sich für einen einfachen Einstieg oder jüngere Schüler*innen. Komplexe Sachverhalte müssen erst inhaltlich überblickt, in Unterpunkte unterteilt und sortiert, auf das Wesentliche reduziert und in eine Erzählstruktur gegossen werden. Das wäre die anspruchsvollere Variante, die eher bei älteren bzw. stärkeren Schüler*innen Sinn macht.
  2. Wie unterteilt man eine Geschichte in adäquate Abschnitte, die man in 10 Sekunden-Snaps verpacken kann? Die Erarbeitung einer Gliederung ist methodisch nichts Neues. Hier kann man also auch auf die bisher erfolgreich angewandten Methoden zurückgreifen.  Mit Beginn der ersten Snapaufnahmen entwickelt und verfeinert sich relativ schnell das nötige Zeitgefühl für das 10 Sekunden-Limit. Im Vergleich zur Pecha Kucha-Methode, bei der gnadenlos alle 20 Sekunden das nächste Bild erscheint und die Präsentation fortschreitet, kann man hier eine misslungenen Versuch löschen und einfach eine neue Aufzeichnung starten. 
  3. Ein Storyboard erstellen. Sobald eine Gliederung steht, muss die Umsetzung der einzelnen Unterpunkte separat geplant und schriftlich festgehalten werden: Welcher Text geschrieben und gesprochen wird und welche Ton- und Bild-Elemente wie (und wann) eingesetzt werden. Tipp: Jedes Konzept für einen Snap zuerst testen, bevor man das nächste plant.    
  4. Jeder Snap muss alleine stehen können bzw. als eine eigene, abgeschlossene Geschichte funktionieren. Diese Regel habe ich von Patrick Breitenbachs Blogbeitrag übernommen. Mir geht es darum, dass die Botschaften klar und deutlich bleiben und Verschachtelungen vermieden werden.
  5. Welche audio-visuellen Möglichkeiten gibt es, um einen Snap noch anschaulicher, interessanter oder kreativer zu gestalten? Das Pygmalioneffekt-Video bietet ein breites Spektrum an Ideen, die man übernehmen, weiterentwickeln oder von denen man sich inspirieren lassen kann. Man könnte aber auch durch die (aktuell letzte) Snapchat-Linse eine andere Persönlichkeit sprechen lassen. Hier kann man sich dazu ein Beispiel ansehen.
  6. Worauf muss man bei den Aufnahmen sonst noch achten? Bild- und Tonqualität, Sprechtempo, Verständlichkeit und Sprache sollte vorher nochmal diskutiert werden.
  7. Das Thema Urheberrecht, bezüglich der Nutzung von fremdem Bild- und Tonmaterial bei Snaps, muss geklärt werden. Es bietet sich auch an, dieses Thema ausführlicher in einer Anschlussstunde zu erarbeiten, da es auch die alltägliche Nutzung der Schüler*innen betrifft.
  8. Es eignet sich die Methode Snapchat-Story in Zweier- oder Dreiergruppen einzuführen, weil nicht jede/r ein Smartphone oder die App besitzt. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Smartphones im Unterricht auch anderweitig genutzt werden. Freiheiten werden aber erfahrungsgemäß dann nicht missbraucht, wenn sie Basis des Arbeitens und nicht die Ausnahme sind. An dieser Stelle sollten Lehrende eine ordentliche Portion Geduld und viele Gespräche einplanen, um beobachtetes Fehlverhalten immer wieder in Einzelgesprächen und gemeinsam im Plenum zu reflektieren.
  9. Wie kommen Lehrende an die Snaps? Ich habe mir die einzelnen Snaps via AirDrop von den iPhones der Schüler*innen geben lassen. Android- oder Windows-Nutzer*innen schickten ihre Snaps via Messenger an jemanden aus der iPhone-Gruppe.
  10. Notengebung? Ich hatte über 20 Snaps als Maßstab für ein Referat angegeben, das wie eine halbe Klassenarbeit gewertet wird. Um den Aufwand einer GFS (Klassenarbeit) zu erreichen, habe ich über 40 Snaps als Ziel formuliert.

Hier habe ich drei Beispiel-Snaps einer 8.Klasse hochgeladen, die zeigen sollen, wie unterschiedlich die Umsetzungen ausfallen können.

Ich werde diese Methode auch im kommenden Schuljahr Klassen wieder anbieten. Falls dabei neue Perspektiven oder Aspekte auftauchen sollten, werde ich sie in diesem Blogbeitrag ergänzend hinzufügen. Wer an weiteren Ideen interessiert sein sollte, wie und wo man mit Snapchat Lehr- und Lernziele erreichen kann, findet jeweils hier einen Beitrag von Philippe Wampfler, hier von Monika Heusinger und hier von Peter Jochum.

PS: Mittlerweile kann man alle Snaps unter Memorys bei Snapchat abspeichern und hinterher als komplette Snapchat-Story veröffentlichen. So könnten Lehrende und Lernende nach einer Stunde eine Zusammenfassung oder eine Story als Einstieg für den kommenden Unterricht bequemer snappen.

Dieser Beitrag ist Teil der von Philippe Wampfler initiierten Blogparade #Schulbuch2015.

(Eine kurze Begriffsklärung vorab, um Missverständnisse zu vermeiden: Das digitale Schulbuch ist kein digitalisiertes Schulbuch, das lediglich das bisherige Schulbuch als pdf-Datei zur Verfügung stellt. Ein Minimalkriterium für ein digitales Schulbuch sehe ich in einem Anteil von interaktiven Elementen.)

Wie setze ich Schulbücher 2015 ein?

In Mathematik setze ich es regelmäßig ein, um Gelerntes zu üben und zu vertiefen. Der Aufwand, hierfür eigene Aufgaben zu erstellen, um (eventuell) eine Steigerung der Unterrichtsqualität zu erreichen, steht bei der dafür nötigen Menge in keiner Relation zum möglichen Ergebnis. In Geschichte nutze ich ausgewählte Verfassertexte oder Quellen älterer Bücher, um nötige Inhalte zu erarbeiten oder zu vertiefen. In Chemie benötigt man meiner Meinung nach kein Schulbuch.

Wie nutzen Schüler Schulbücher?

Ich behaupte, dass nur ein geringer Teil der Schüler mit Schulbüchern so lernt, dass man es unter Erkenntnisgewinn verbuchen könnte. Meiner Einschätzung nach sehen sie Schulbücher eher pragmatisch, als Einschränkung von Wissen, das bei der nächsten Arbeit abgefragt werden kann. Daraus könnte man aber auch ableiten, wie Lehrer Schulbücher nutzen. Die vorhandene Qualität von Schulbüchern wird von Schülern entweder nicht erkannt oder gewürdigt, weil es SCHULbücher sind. Das wird besonders deutlich, wenn sich Schüler für ein Referat auf die Suche nach verwertbarem Material machen sollen. In zwölf Jahren Unterricht habe ich es selten bis gar nicht erlebt, dass jemand auf die Idee kam ins Schulbuch zu schauen. Dass Schule ab einem gewissen Alter „uncool“ ist, mag ein Teil der Erklärung für diese Haltung gegenüber Schulbüchern sein. Dass Schüler anders lernen, scheint mir ein größerer Teil der Begründung zu sein. Wer an dieser Stelle die bequemen Schüler nennt, die Lösungen via Copy-Paste aus dem Netz ziehen, sollte eher seine Aufgabenstellung überdenken. Ich sehe hier z.B. keinen Unterschied zu Lehrern, die Arbeitsblätter anderer nutzen, um damit einen Zweck zu erfüllen. Die Frage „Weshalb soll ich etwas neu machen, das schon vorhanden ist?“ stellen sich auch Schüler. Schulbücher sind von Lehrern für Lehrer konzipiert. Nicht für Schüler.

Welche Funktionen übernehmen (digitale) Schulbücher?

(Das „digitale“ steht Klammern, weil die Funktion sich nicht ändert.)

– Schulbücher bieten Schülern (Eltern und Lehrern) ständige Transparenz und Orientierung bezüglich des Inhalts und Ablaufs. Im Krankheitsfall wird das besonders deutlich, wenn der Lehrer lediglich die Seiten und Aufgaben angeben muss, die nötig sind, um den versäumten Stoff nachzuholen.

– Schüler können sich über Aufgaben aus dem Schulbuch am Unterricht beteiligen. Durch Interaktivität gewinnt das digitale Schulbuch an zusätzlichen Möglichkeiten.

– »Buch ersetzt Lehrer« (Ich weiß, dass Lehrer nicht die einfachsten Eltern bei Elternabenden sein können. Deshalb halte ich mich in der Regel an mein selbst auferlegtes Schweigegelübde. Einmal brach ich es:) Auf die Frage, wie es sein kann, dass mein Kind in Mathearbeiten bei richtigen Antworten keine Punkte erhielt, antwortete mir einmal eine Grundschullehrerin: „Das stand dann nicht so als richtige Lösung in meinem Buch. Wenn es stimmt, was Sie sagen, werde ich gleich morgen dem Verlag schreiben.“ »Buch ersetzt Lehrer« ist tatsächlich das schlimmste Szenario, das ich bisher erlebt habe. Ja, es gibt Lehrer, die zusätzlich zum Schulbuch ausschließlich vom Verlag vorgegebene Übungen, Tafelaufschriebe und sogar Arbeiten nutzen. Diese Fälle finden sich nicht nur beim fachfremden Unterrichten.

Safety first

Den Erfolg des Schulbuches vermute ich aber nicht in seiner Funktion, sondern dem Sicherheitsbedürfnis, dass es befriedigt. Offene Unterrichtsformen können auch mal scheitern. Ein Schulbuch ist erprobt und funktioniert immer. Die Qualität der Quelle ist gewährleistet, erfordert in der Regel keine weiteren Prüfungen und schützt die Schüler vor einer Überforderung durch eine Informationsflut, wie wir sie beispielsweise im Netz vorfinden. Das Urheberrecht ist eindeutig geklärt. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass es dieses Format auch noch lange geben wird.

Content statt Schulbuch

Foto 25.10.15, 14 46 01 (1)Auf dem Digital Education Day in Köln 2015 habe ich gestern mit vielen Teilnehmern in einer Session »Sinn und Unsinn des digitalen Schulbuches« über meine Frage A8 vom letzten EdchatDE diskutiert und am Ende meine Idee, wie Lehrer morgen arbeiten könnten, vorgestellt. (Ich erwähne hier nur die Lehrer und nicht die Lernenden, weil ich, wie oben bereits erwähnt, das Material, das bisher gedruckt und zukünftig auch digital zur Verfügung gestellt sein wird, (hauptsächlich) für Lehrer und die Arbeit, die man von ihnen erwartet, sehe.) Was wäre, wenn Schulbuchverlage, die bereits ein gut funktionierendes Netzwerk haben, lediglich Content zur Verfügung stellen würden? Ich suche mir dann als Lehrer für den Betrag x einzelne Verfassertexte oder Quellen aus, die ich (gegen Entgelt?) auch weiter bearbeiten und publizieren könnte; vielleicht sogar auf der gleichen Plattform, von der ich das Material vorher bezogen habe. So könnte man neue, bisher unentdeckte Potentiale fördern und einbinden. Zumindest könnte ich mir so einen Kompromiss in der aktuell angespannten Situation zwischen OER-Befürwortern und den Schulbuchverlagen vorstellen. (Dafür müsste man aber das leicht angestaubte Urheberrecht überarbeiten.)

Das Netz ist das Gegenteil von Schule

Das Netz ist schnell, flexibel, offen, unterliegt nicht strengen Reglementierungen und entwickelt sich ständig weiter; immer in Bewegung. Und weil das Netz das Gegenteil von Schule ist, ist es für Schüler nicht nur reizvoll, sondern bietet ihnen Möglichkeiten, auf sie zugeschnittene Kanälen und Informationen zu entdecken, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und auszutauschen. Jöran bringt es in seinem Interview auf den Punkt, indem er von einer digitalen Parallelwelt fürs Lernen spricht. Ich glaube, dass es bei dieser Debatte um mehr geht. Das Denken in Schulbüchern steht (für mich) nur stellvertretend für das Festhalten an bisher bekannten und bewährten Mustern, die in die digitalisierte Welt übertragen werden sollen. So erkläre ich mir auch die Idee von digitalen Schulbüchern. Das Verständnis von wie und was gelernt werden soll, macht hier den Unterschied. Bisher haben wir größtenteils das Portionieren von Wissen, das in einem pädagogisch durchdachten Rahmen von Zeit und Form, Schüler erwerben sollen, um das Erlernen gesellschaftlich relevanter Themen inhaltlich zu sichern und mündige Mitsprache zu ermöglichen. Natürlich gab immer schon Lehrende, die das Lernen selbst, frei von Inhalten, als Lust am Erkenntnisgewinn, auch unter dem Aspekt des Erwerbs von Mündigkeit, anstrebten. Nur waren und sind das bisher Randerscheinungen. Und was früher schon im prädigitalen Zeitalter möglich war, ist jetzt durch das Netz auf einer höheren Stufe der Möglichkeiten gestellt worden. Meiner Meinung nach liegt das Potenzial des Netzes noch brach und der Blick auf den Schüler aus der Lernendenperspektive kommt zu kurz. (Differenziertes und individualisiertes Lernen, das die aktuellen Schulbücher und Arbeitshefte füllt und zurzeit auf keiner Fortbildung fehlen darf, sehe ich nur als Optimierung des bisherigen Lernens aus Sicht des Lehrenden.)

Ich finde die kontrovers diskutierte Debatte über WLAN oder mobile Endgeräte in Schulen wichtig. Ich wünschte, wir würden dabei die Themenfelder Lernen und Bildungsgerechtigkeit stärker einbinden.

d64_breitUnter dem Titel „Lernen in einer digitalisierten Welt“ wird D64 eine langfristige Veranstaltungsreihe in Freiburg installieren, die sich dem Thema Digitales und Bildung widmet. Der erfolgreiche Auftakt dazu, der hier angekündigt wurde, fand am 07.10.2015 an der PH Freiburg statt, den man auch über einen Periscope-Livestream mitverfolgen konnte. Diese Aufzeichnung habe ich in vier Teile zerlegt und auf meinem YouTube-Kanal zur Verfügung gestellt.

philippeDie zukünftigen Veranstaltungen werden sich auf einen Referenten mit einem Thema beschränken. Der Ablauf, Impulsvortrag mit anschließender Podiumsdiskussion, und der Hashtag #LernenDigitalD64 bleiben aber erhalten. Anfang 2016 wird Philippe Wampfler, der nächste Hochkaräter der digitalen Szene, mit dem Thema Social Media die Veranstaltungsreihe im neuen Jahr eröffnen. Allen, die sich jetzt schon darauf etwas einstimmen möchten, empfehle ich sein Buch Generation „Social Media“ oder seinen Blog zu lesen. Sobald Datum und Ort feststehen, werde ich die Information über meinen Blog, Twitter- und Facebook-Account bekanntgeben. Stay tuned.

Anlass

Nach mehreren Diskussionen mit Tom Mittelbach und Karl Berstein über die Lehrerrolle, -ausbildung und -arbeitsbedingungen haben wir beschlossen über dieses stets aktuelle Thema zu bloggen und möglichst viele Beiträge zu sammeln, um diesbezüglich ein breites Meinungsbild zu erhalten. Daher hoffen wir, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen der Blogparade anschließen und die drei folgenden Fragen beantworten:

(Natürlich kann man die Fragen im Kontext einer veränderten bzw. digitalisierten Welt diskutieren. Muss man aber nicht zwingend. Ich bin überzeugt, dass es auch Änderungen des Lehrerdaseins bedarf, die abseits der Digitalisierung neu gedacht werden sollten.)

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männliche Form verwendet. Gemeint ist stets sowohl die weibliche als auch die männliche Form.

1.) Was sollte ein guter Lehrer morgen leisten können?

Seitdem ich den YouTube-Beitrag von Axel Krommer gesehen habe, beschäftigt mich die Frage, ob dieses Auflösen alter Strukturen auch einen Wandel der Lehrerrolle erfordert. Oder bleiben die Zutaten, die einen “guten“ Lehrer ausmachen, unverändert? Die Hard Skills und Soft Skills werde ich gesondert betrachten.

Hard Skills

Für die Hard Skills bedeutet das grob zusammengefasst, dass man sich sicher im Netz bewegen sollen könnte. Das gelingt nur durch eine aktive digitale Identität: Werft euch in die Fluten des WWW und erstellt Accounts in den diversen Netzwerken, produziert, konsumiert und reflektiert. Alles andere wird nicht funktionieren. Einsteigern empfehle ich hier den ichMOOC. Wer sich der Technik verschließt, macht sich das Lehrerleben nicht leichter – im Gegenteil. An dieser Stelle möchte ich auf eine erfahrene Quelle aus dem Lehrerzimmer verweisen:

In wenigen Tagen verabschiede ich einen Kollegen, der seit 1972 als Realschullehrer arbeitet. Er hat das geschafft, wonach jeder Lehrer strebt: über vierzig Jahre lang mit Herzblut zu unterrichten, dabei von allen Kollegen geschätzt und Schülern respektiert und meist auch geliebt zu werden. Ich habe ihn gefragt, ob er glaubt, dass man heute als Lehrer andere Fähigkeiten bräuchte als früher. Seine Antwort war, dass die Begegnung mit dem Schüler zählt. Das würde sich nie ändern. Trotzdem gab er zu, in den letzten Jahrzehnten sich von der Lebenswelt der Jugendlichen immer weiter entfernt zu haben. Dieser (technische) Graben entstand für ihn übrigens nicht erst mit der Erfindung des Smartphones, sondern mit der Einführung digitaler Uhren in den 70ern. Da die „aktuelle“ Technik an das Web gekoppelt ist, sorgt aus heutiger Sicht ein Verzicht darauf für eine mindestens doppelt so tiefe Kluft zwischen Pult und Klasse.

Ergänzung: Lehrer, die lauthals stolz darauf sind, kein Smartphone zu besitzen und nicht im Netz aktiv zu sein, setze ich mit Schülern gleich, die nach/vor einer Arbeit rumposaunen, nichts darauf gelernt zu haben. Und sich als Lehrer darauf auszuruhen, dass es noch nicht „von oben“ gefordert wurde, spricht meines Erachtens nicht für Mündigkeit. Zu viele Schüler surfen seit Jahren mehr oder alleine im Datenmeer. Manche wachsen daran, manche verlieren sich dabei und ertrinken. (Dieser Zustand macht mir persönlich am meisten zu schaffen.) Ich möchte nicht darauf warten, dass mir jemand sagt, dass ich dafür verantwortlich bin. (Und an alle, die hier reflexartig „Wofür soll ich noch verantwortlich sein?!“ aufschreien, zuallererst für das Wohl der Schüler.) Schüler sind auf der Suche nach Vorbildern, auch im Netz.

Soft Skills

Zukünftige Lehrer werden ein hohes Maß an Flexibilität und immerwährende Offenheit gegenüber Neuem mitbringen müssen, da sich das Was und das Wie im Web in einer ständigen Entwicklung befinden. Trello ist schon wieder out und Slack ist die Zukunft. Ich kenne Kollegen, deren Unterricht sich nach Jahrzehnten immer noch komplett auf das Wissen aus dem Studium stützt. Das wird zukünftig nicht mehr funktionieren ohne den Unterricht und die eigene Gesundheit an die Wand zu fahren.

(Nicht auf das Digitale bezogen: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass jeder Schüler in seiner Schulzeit das Gefühl erlebt, als Mensch erkannt zu werden. Hierfür wären Lehrer mit ausreichend Empathie und Zeit notwendig. Beides droht aus verschiedenen Gründen immer weniger zu existieren.)

Hardest Skill (Jenseits der Digitalisierung)

Die wohl notwendigste Änderung bezüglich der Lehrer von morgen ist die Mündigkeit. Diese kann nicht studiert werden; man muss sie erfahren und leben, um sie unterrichten zu können. Wer nicht gelernt hat, zu widersprechen, wenn es nötig ist, und sich für seine Meinung stark zu machen, kann diese Haltung auch nicht an Schüler weitergeben. Überspitzt formuliert brauchen wir Lehrer, die kontroverse und konstruktive Debatten auf allen Ebenen führen können (können = können und dürfen) und keine reinen Noten und Listen verwaltenden Sachbearbeiter und Jasager. Hierfür müssten auch die Lehrerausbildung und die Arbeitsbedingungen geändert werden.

2.) Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?

Mozilla nennt es Web Literacy: Reading the Web, Writing the Web and Participating on the Web. Diese Befähigungen am Web teilzunehmen, gehört meiner Meinung nach an alle Hochschulen. Die Hochschulstrukturen sind zu starr und behäbig. Eigenes Denken verlangt Freiräume und Flexibilität. Wer Web Literacy umsetzen möchte, muss auf alte Hierarchien verzichten und auf mündige Studenten setzen. Transparenz, konstruktive Kritik und Partizipation müssen selbstverständlich sein – in beide Richtungen. Hochschulleiter und Dozenten, die das ermöglichen, gibt es schon. Wir brauchen mehr davon.

3.) Wie müsste man dafür die Schule/Arbeitsbedingungen ändern?

Alles, das ich als Antwort auf die zweite Frage geschrieben habe, gilt auch hier (ersetze Hochschule = Schule, Hochschulleiter = Schulleiter und Dozenten = Lehrer). Um diese neuen Strukturen umzusetzen, braucht es eine Demokratisierung der Schulen. Schulleiter benötigen sowohl die Freiheit als auch das Recht, sich ihr eigenes Kollegium/Team zusammenstellen zu können. (Es wandert nicht umsonst jährlich eine beträchtliche Zahl an Schülern an die Privatschulen.) Schulen brauchen echte Evaluation und mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen für die eigentlichen Belange. Der Schüler und das Lernen muss wieder im Vordergrund stehen und nicht das Portfolio.

Diese Blogparade hat keine zeitliche Begrenzung. Bitte informiert, Karl, Tom oder mich, wenn ihr einen Blogbeitrag erstellt habt. Vielen Dank im Voraus.

Blogparaden-Beiträge

1.) Karl Berstein: Die Lehrer/innen-Ausbildung – eine kleine und schmerzhafte Abrechnung!

2.) Tom Mittelbach – Professionalisierung der Beziehhungsarbeit zwischen LehrerInnen und SchülerInnen.

3.) Stefanie Weber – Warum unser Bildungssystem krankt. Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4.

4.) Herr RauLehrer von morgen heute denken

5.) PaukerblogLehrer von morgen heute denken

6.) Monika HeusingerDie Rolle von Lehrenden in der Zukunft

7.) Phillipe WampflerDie Lehrkräfte von morgen heute denken

8.) Maik RieckenDie Lehrkraft von morgen

9.) Jürgen – Lehrer von morgen heute denken