Letzte Woche fand in Hamburg die Edunautika statt. Ein Barcamp zu zeitgemäßer Pädagogik im digitalen Wandel. Lisa Rosa erklärte dort in ihrer Session Reformpädagogik und Digitalität sind Geschwister, weshalb das Netz und die Reformpädagogik zusammenpassen und nannte u.a. Gemeinsamkeiten wie Offenheit, Selbstbestimmung, reflektierendes Learning by Doing, Kommunikation und Zusammenarbeit. Vieles davon trifft aus meiner Sicht auch auf ein Barcamp zu; was es für mich attraktiv macht, auch weitere Reisen auf mich zu nehmen. Seitdem sich die Angebote dazu mehren, werden auch kritische Stimmen immer lauter und fragen nach dem Vorteil eines Barcamps im Vergleich zu anderen Formaten. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich die Frage aus Sicht eines Teilnehmers (oder wie man in Barcamp-Kreisen sagt Teilgebers) und Veranstalters ausführlicher beantworten und mögliche Missverständnisse bzw. falsche Erwartungen klären.

Was spricht für ein Barcamp?

2018 03 17 - Barcamp Freiburg - Fotos von Fionn Grosse- 90543603Ein Barcamp ist mehr als „nur“ ein anderes Format. Wenn man Veranstaltungsformate systemisch betrachtet, kann man beobachten, welche Relevanz sie beispielsweise auf die Kommunikation, Zusammenarbeit und besonders auf das Selbst- und Gruppenverständnis der Anwesenden haben. Wenn man seine Fragen nicht stellen kann und woran man arbeitet nicht mitgestalten und -bestimmen kann, wirkt sich das auf die einzelne Person und Gemeinschaft aus. Die digitale Transformation, in der sich die gesellschaftliche (und wirtschaftliche) Ordnung grundlegend verändert, bedingt bzw. erfordert auch einen kulturellen Wandel. In einer immer komplexer werdenden Welt, müssen Räume geschaffen werden, in denen Menschen mit unterschiedlichem Wissen und Perspektiven auf Augenhöhe zusammenfinden können, um gemeinsam Ideen zu entwickeln und sich auszutauschen. (Das ist eine dieser Aussagen, bei denen meist Leute zwar beim Lesen nicken, aber die Tragweite der Forderung nicht die nötige Zeit erhält, um sich angemessen gedanklich zu setzen. Ich kenne nämlich kaum Räume, in denen das ermöglicht wird.) Ein Barcamp scheint mir darauf eine mögliche Antwort zu sein. (Dass beim Barcamp Lernräume in Freiburg 24 Partner aus verschiedenen Bereichen mit an Bord waren, war kein Zufall.) Zu jedem Zeitpunkt entscheidet eine Person selbst, ob und wie sie sich bei der Programmerstellung oder in einer Session einbringen möchte und ob sie beispielsweise eine Session verlässt bzw. wechselt. Dieses hohe Maß an Freiheit und Flexibilität, führt auch zu einer ständig wechselnden Rolle zwischen Lehren und Lernen. (Bei einem Barcamp als schulinterne Fortbildung können so, im Vergleich zu klassischen Fortbildungen, vorhandene Potenziale genutzt und wertgeschätzt werden.) Günstige Bedingungen für kollektive Intelligenz. Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Meine Sympathie für Barcamps resultiert nicht aus Vorteilen gegenüber anderen Formaten, sondern aus der Suche nach Konzepten und Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel.

Es gibt kein Barcamp-Gütesiegel

Weil bei Barcamps das Programm von den Anwesenden vor Ort erstellt und die Sessions geführt werden, muss man sie bei einer Analyse und Bewertung differenziert betrachten. Gibt es einen thematischen Rahmen und wie weit bzw. eng ist er gefasst? Wie bunt oder fachspezifisch ist die Zusammensetzung der Menschen? Wie viele Leute verfügen über Barcamp-Erfahrung und wie viele nicht? Wer sind die Veranstalter und mit welchem Ziel? Auch die Räumlichkeiten, Moderation, Verpflegung oder die benutzen Informationskanäle spielen eine Rolle, wie ein Barcamp verläuft. Durch das Duzen oder dass jede Person sich jederzeit gleichermaßen einbringen kann, versucht man bei Barcamps Voraussetzungen für Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen. Letztendlich hängt das aber von der Einstellung bzw. Bereitschaft der Menschen vor Ort ab. Das Gleiche gilt für die Vielfalt und Qualität der Sessions. Wenn sich ein Barcamp von einem klassischen Veranstaltungsformat nicht unterscheidet, liegt das in der Regel daran, dass die beurteilende Person selbst nicht vor Ort war oder dass es als Barcamp geplant, aber nicht gelebt wurde. Ein gelungenes Barcamp erkennt man meiner Erfahrung nach am Kommentar von Erstteilnehmenden, dass man es nicht beschreiben kann, sondern erleben muss. In diesem Sinne möchte ich mit einem Gedanken von Toni Morrison abschließen: „If there’s a book that you want to read, but it hasn’t been written yet, then you must write it.“ Übersetzt für Barcamps oder deren Sessions bedeutet das: „Wenn es ein/e Barcamp/Session gibt, an dem du teilnehmen möchtest, es/sie aber noch nicht angeboten wurde, musst du es/sie selbst anbieten.“

Ergänzung

Im Bildungstalk Perlen von den Säuen haben hier Andreas Hofmann, Solveig Schwarz, Philippe Wampfler und ich über einige der Fragen zum Thema Barcamp, die im Netz und den Kommentaren zu diesem Blogbeitrag formuliert wurden, kontrovers diskutiert.

33gxrfRNach dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich verstärkt und eine Militärpräsenz prägte noch Monate danach das Pariser Alltagsbild. In dieser Zeit, in der auch in meinem Umfeld die Frage, wie kann, soll und muss man den Gefahren des Terrorismus begegnen, kontrovers diskutiert wurde, machte folgende Grafik in sozialen Netzwerken die Runde. Marianne, die französische Symbolfigur für Freiheit, führt den Tyrannosaurus Rex, der die Sicherheit darstellen und wahrscheinlich alle Gefahren auffressen soll, an der langen Leine. Was mit der Freiheit geschieht, wenn das Instrument der Sicherheit immer mehr wächst, wird hier einprägsam veranschaulicht. Diese Grafik poppt in meinen Gedanken immer wieder auf, wenn ich die Entwicklung im Bezug auf das Internet verfolge. Besonders im Bildungsbereich.

Das Internet wird in den meisten Bildungsdebatten als ein Ort der Gefahren beschrieben und die Kinder davor zu schützen, als oberste Maxime formuliert. Deshalb hört man an dieser Stelle nicht selten, dass Schule einen Schutzraum bieten soll. Hierfür werden Smartphones verboten, soziale Netzwerke verteufelt und eigene Lösungen, wie Moodle oder die zahlreichen Bildungsclouds, entwickelt bzw. angeboten. Und der Datenschutz schreibt den Plot in dieser Geschichte. Natürlich sehe auch ich die Gefahren und finde es notwendig, in einer Welt, in der nicht nur nette Menschen unterwegs sind und permanent Daten generiert und erfasst werden, ein Umfeld zu schaffen, in der sowohl die Freiheit als auch Sicherheit aller Personen gewährleistet werden. Wen, was und wie es zu schützen gilt und welche Freiheiten aufrechterhalten werden sollen, erfordert aber aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche kontroverse Debatte. Bisher nehme ich eine dominierende juristische Perspektive wahr. Mit der ab dem 25. Mai 2018 anzuwendenden Datenschutz-Grundverordnung scheint sich die Situation im Bildungsbereich nochmal zu verschärfen. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme Baden-Württembergs wurde ich mit weiteren ca. 130 Lehrenden des Bundeslandes vom Kultusministerium informiert, dass man aus datenschutzrechtlichen Gründen Schüler_innen zukünftig nicht mehr auffordern dürfe, mit ihrem Smartphone oder vom heimischen Rechner im Internet zu recherchieren*. Hierbei könnte nämlich ein Zugriff auf personenbezogene Daten erfolgen. Schulen erhalten allein damit einen neuen rechtlichen Rahmen, der das Bild von schulischer Bildung deutlich verändern wird. Ich bin auf die weiteren Richtlinien gespannt, die demnächst sicher folgen werden. Es gilt auch noch zu klären, wie das mit der noch aktuellen, favorisierten Strategie der Kultusministerkonferenz, dem BYOD-Ansatz (Bring Your Own Device bedeutet, dass private mobile Endgeräte in den Unterricht integriert werden.), in Einklang gebracht werden kann.

Freiheit und Offenheit im Internet und des Internets spielen eine zentrale Rolle im digitalen Wandel. In ihnen steckt das Potenzial der kulturellen Teilhabe, Überwindung bestehender Hierarchien oder Demokratisierung. Ich verstehe Schule nicht als Schutzraum, eher als Ort, an denen junge Menschen befähigt werden sollen, mündig und souverän in der Gesellschaft stattzufinden und sie mitzugestalten. Und Gesellschaft findet zunehmend auch im Internet statt. Spätestens wenn junge Menschen die Schule verlassen und ihr Smartphone wieder einschalten. Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens. Kein technisches oder juristisches Sicherheitssystem wird sie stets vor den dort drohenden Gefahren schützen können, sondern das eigene Urteilsvermögen als Resultat von kritischem Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität in einem persönlichen Lernnetzwerk. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, stellt eine weitere Herausforderung für den Bildungsbereich im digitalen Wandel dar, in der aus meiner Sicht aktuell die Freiheit Unterstützung zu benötigen scheint.

*Weil ich bei einem Tweet zu diesem Thema einige Fragen aufkamen, möchte ich sie hier vorwegnehmen bzw. die Antworten drauf schon liefern: Die für Grundsatzfragen des Datenschutzes und technischer Datenschutz im Kultusministerium Baden-Württemberg zuständige Person hat diese Aussage getroffen. Leider wurde nicht der Paragraf genannt, auf den sich diese Aussage bezieht, weil zu viele noch offene Fragen im Raum standen und wir aus Zeitgründen die Diskussion beenden mussten. Genauere Informationen werden aber sicher bald auf der Seite des Kultusministeriums folgen. Allen anderen Lehrpersonen kann ich nur empfehlen, sich mit ihrem Kultusministerium in Verbindung zu setzen und deren Auslegungen der Verordnung in Erfahrung zu bringen.

IMG_9108IMG_9109Neulich stieß ich auf diesen Beitrag der New York Times, in dem darüber berichtet wird, wie eine Gruppe von Menschen in den USA auf dem Display ihrer Smartphones den Graustufen-Farbfilter aktiviert, um das Nutzungsverhalten weniger von biologischen Reizen steuern zu lassen und im Wettkampf um Aufmerksamkeit wieder etwas mehr Mündigkeit zu erlangen. Wer ein iPhone besitzen sollte, geht dafür auf Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display-Anpassungen, Farbfilter , den er dann (auf Graustufen) aktiviert. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, dass bei Apps Farben bewusst eingesetzt werden, um im Hirn gewisse Bereiche zu stimulieren, die einen stärkeren Drang erzeugen, beispielsweise auf den knallig rot aufleuchtenden Nachrichtenkreis zu klicken und nachzusehen, welche scheinbar wichtige Informationen dahinterstecken. Ich habe seit über einer Woche einen Selbstversuch laufen, um zu prüfen, wie sehr sich mein Verhalten dadurch verändert. Direkt beim Aktivieren der Graustufen hatte ich das Gefühl, weniger Stress beim Blick auf den Homescreen zu empfinden. Auch die Lust, auf die bunten Apps zu klicken, schien mir geringer. Dieser Eindruck hat sich auch nach mehreren Tagen konstant gehalten. Natürlich ist das eine sehr subjektive Wahrnehmung, die stark von den Art der Smartphone-Nutzung abhängt. Das Smartphone ist bei mir überwiegend ein Arbeitsgerät, mit dem ich z.B. sehr viele unterschiedliche Nachrichtenformate über zahlreiche Kanäle sende und empfange. Bei meiner Schülerschaft dient das Smartphone eher der Unterhaltung und dem Austausch mit Freunden. In ein paar Schulklassen habe ich deshalb mein Smartphone-Display über den Beamer projiziert und ihre ersten Eindrücke bzw. Wirkungen diskutiert. Der Vorteil dabei war, dass der projizierte Homescreen farbig bleibt, auch wenn auf dem Gerät die Graustufen aktiviert sind. So erhält man den direkten optischen Vergleich. Die Schulklassen haben die neue Ansicht nicht als stressfreier, sondern als langweiliger beschrieben. Mir ging es bei der Debatte darum, die biologischen Mechanismen und Wirkung aufzugreifen und unterschiedliche Fragen und Perspektiven gemeinsam zu betrachten. Wie sie zukünftig mit dem erworbenen Wissen umgehen, bleibt ihnen überlassen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Einstellung dauerhaft beibehalten werde. Die sechs Klicks, um zeitweise den Farbfilter beim Ansehen von Serien wieder zu deaktivieren, gelingen mir zwar immer schneller, bremsen aber den Flow der alltäglichen Nutzung.

Ergänzungen

Nachdem ich diesen Blogbeitrag in der in der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook gepostet hatte, wurde ich auf zwei YouTube-Videos hingewiesen, die den New York Times-Artikel um einige Punkte ergänzen und sich auch für den Einsatz im Unterricht anbieten.

  • Thomas Walden verwies bezüglich Farbwahl und Filmproduktion auf folgenden Beitrag des amerikanischen Technikportals und Mediennetzwerks The Verge.
  • Maximilian Schmeiser empfahl diesem Videobeitrag. Neben einem Interview mit Tristan Harris, dem Gründer von Time Well Spent, werden weitere Design- bzw. Wirkungsaspekte von Apps aufgezeigt. Interessant fand ich die Information, dass hinter den ersten Push-Mitteilungen 2003 für das Blackberry die Idee stand, die in Mails investierte Zeit zu reduzieren. Bildschirmfoto 2018-03-11 um 12.48.17Den Vergleich mit dem Spielautomat habe ich in den letzen Wochen zum zweiten Mal gehört. Zuletzt bei einem Vortag von Roman Rackwitz, bei dem er vom gleichen Prinzip im Gamification-Bereich berichtete: Dabei wird eine bestehende Möglichkeit auf einen Gewinn bzw. eine positive Nachricht mit einer Illusion der Kontrolle kombiniert und dadurch ein hoher Reiz, fortzufahren, generiert. (Der Sucht-Duktus des Videobeitrags, auch wenn das Thema an mancher Stelle notwendig ist, erscheint mir zu reißerisch. Dass man die Push-Benachrichtigungen ausschalten soll, um nur für „echte Menschen“ erreichbar zu sein, spiegelt einen populistischen Ansatz Mensch gegen Maschine wider, den ich nicht teile.)
  • Christian Stöcker hat hier die Thematik lesenswert im größeren Kontext betrachtet.

Wenn ich online und offline die Debatten über Bildung im digitalen Wandel beobachte, fällt mir auf, dass am meisten darüber diskutiert wird, wie man Lehrende, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, dafür interessieren oder unterstützen kann. An zweiter Stelle richtet sich dann der Fokus auf Menschen aus Politik oder Ämtern, die im Bildungssystem eine führende Rolle spielen. Schließlich entscheiden sie, welche Bildung und Investitionen am Ende verfolgt werden. Da die wenigsten Personen aber eine Möglichkeit erhalten, auf diesen Ebenen wirksam gehört zu werden, konzentriert sich ein großer Teil der Engagierten letztendlich wieder auf die Lehrenden.

Bildschirmfoto 2018-03-06 um 00.08.39Was ist aber mit dem Bildungsjournalismus? Wenn ich bedenke, wie die Anzahl der Beitrage über Bildung und Digitales in den letzten Jahre in Print und TV zugenommen hat, lohnt sich ein Blick auf die Gruppe, die dafür zuständig ist. Auch hier bietet sich das breite Spektrum an Menschen, die offen oder verschlossen gegenüber Neuem sind, sich sachlich und kontrovers mit der Thematik auseinandersetzen oder bei denen ihre Meinung bzw. persönliche Erfahrungen, nicht selten aus der eigenen Schulzeit, den roten Faden in ihren Beiträgen bildet. Wie man sich dem Anteil der Kulturpessimisten nähern könnte, unterscheidet sich wahrscheinlich kaum bis gar nicht von den Ansätzen, die für Lehrende gelten. (Hierzu haben Beat hier und ich an dieser Stelle einige Aspekte gesammelt.)

Kritisch sehe ich die Entwicklung, dass mehrheitlich pressewirksame Elemente aus Schulen und Hochschulen veröffentlicht werden. Unter pressewirksam verstehe ich in der Regel Technik, die sich fotografieren lässt oder das Publikum als innovativ wirkend begeistert. Tablets und interaktive Whiteboards machen die (technische) Entwicklung greifbar und verständlich für jedermann, alles mit Augmented oder Virtual Reality “rockt“, weil es cool ist und Apps sind schön bunt und benutzerfreundlich. Ob diese Berichterstattung dazu führt, dass sich Lehrende diesem Phänomen anpassen oder der Bildungsjournalismus nur das aufgreift, was Lehrende zu bieten haben, scheint ein Henne-Ei-Problem. Ich vermisse beim Großteil der Beiträge die wesentlichen Fragen der digitalen Transformation. Welche gesellschaftlichen Prozesse finden statt? Welche Bedeutung haben sie für das Individuum, die Allgemeinheit oder das Bildungssystem und alle daran Beteiligten? Vielleicht liegt es auch daran, dass man glaubt, (einfache) Antworten liefern zu müssen; besonders in Zeiten, in denen nichts mehr klar zu sein scheint. Dabei könnte gerade der Journalismus, der selbst an vielen Stellen ums Überleben kämpft, mit etwas mehr Mut eine zentrale Rolle übernehmen und die notwendige gesellschaftliche Debatte führen, die inspiriert, neue Blickwinkel eröffnet und befähigt, die Zukunft mitzugestalten. Mehr Fragen wagen und offen lassen, könnte eine Antwort für den Bildungsjournalismus sein.

Wenn im Bildungsbereich über digitale Medien diskutiert wird, ist der Begriff Mehrwert nicht weit. Ich möchte kurz ausführen, weshalb ich die Verwendung des Begriffs sehr kritisch sehe.

factory-35104_1280Der Begriff Mehrwert kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Bei Karl Marx wird er als der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehenden Teil der Wertschöpfung definiert. In meiner Vorstellung von Bildung und Lernprozessen findet ein derartiges Bild bzw. Ziel keinen Platz. Ähnlich verhält es sich deshalb auch mit den Begriffen Lernfabrik oder Lehrkraft. Mich beschäftigt dabei stets die Frage, welches Framing dadurch begünstigt wird und welche Folgen daraus entstehen können.

In der Regel wird Mehrwert in den Bildungsdebatten genutzt, um digitale mit analogen Medien zu vergleichen oder bei der Frage, wie man durch den Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert erzeugen kann. In beiden Fällen geht es darum, den Einsatz digitaler Medien durch einen nachweislichen Mehrwert zu rechtfertigen; nicht selten mit der Idee, sie Lehrenden schmackhaft zu machen, die noch keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen können. Studien sind dabei häufig die Währung. Weil diese Debatten im Kontext der digitalen Transformation geführt werden, wird damit der Fokus auf den Einsatz digitaler Medien und Technik gerichtet, anstatt auf die wesentlichen Fragen des digitalen Wandels und die daraus resultierenden Herausforderungen bzw. Ziele; einen Mehrwert zu schaffen, zähle ich nicht dazu.

Häufig wird auch mit dem Fehlen eines Mehrwerts beim Einsatz digitaler Medien argumentiert. Dieses Fehlen entsteht meist aus einem Denkfehler. Hierzu hat Axel Krommer einen lesenswerten Beitrag verfasst.

MOOC steht für Massive Open Online Course und stellt bisher überwiegend Onlinekurse im Hochschulbereich dar. Das Massive soll dabei die hohe Anzahl der Teilnehmenden wiedergeben. Ich nahm vor ca. drei Jahren zum ersten Mal an einem MOOC (dem ichMOOC) teil, um zu sehen, ob diese Form des Lernens mir zusagt und welche Potenziale sie birgt. Schließlich herrschte zu dieser Zeit in meiner Wahrnehmung eine kleine Aufbruchstimmung, die Veränderungen beim Lehren und Lernen in Hochschulen versprach. Die Rolle der Lehrenden, die Präsenzzeit, der Bildungszugang bzw. die Bildungsgerechtigkeit und eine offene Netzkultur waren damals u.a. die Themen, die in diesem Zusammenhang in meinen Timelines kontrovers diskutiert wurden. Einige Jahre später ist aus unterschiedlichen Gründe der große Durchbruch der MOOCs in (deutschen) Hochschulen (noch) ausgeblieben. Mehr Erfolg könnte vielleicht dieses Format im Bereich der Weiterbildung bzw. Qualifizierungsmaßnahmen haben. (Durch das Auslagern von Fortbildungen in den Online-Bereich könnte man langfristig Ressourcen einsparen. Und mögliche Sparmaßnahmen sind nicht selten ein politisch starkes Argument.) Hier erscheinen zumindest immer wieder Angebote, wie das in Baden-Württemberg oder das auf der mooc.house-Plattform. Um den aktuellen Stand auf diesem Gebiet besser beurteilen zu können, habe ich mich beim pressewirksamen MOOC des Hasso-Plattner-Instituts Lernen 4.0 eingeschrieben und das erste Modul genauer absolviert. (Der folgende Text konzentriert sich mehr auf die Umsetzung und verzichtet hier größtenteils auf eine kritische Analyse der vorgetragenen Inhalte, um den Rahmen des Blogbeitrags nicht zu überstrapazieren.)

Lernen 4.0

Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.23.21Ich muss zugeben, dass der Blick auf die Vorabankündigung und die Titel der Module bereits vor Beginn des MOOCs meine Vorfreude schmälerten. Begriffe wie Digital Natives oder die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht haben sich in den letzten Jahren häufig als Indikatoren für eine fehlende vertiefte Auseinandersetzung mit der Materie bzw. für einen Mangel an Verständnis für die komplexen Herausforderungen des digitalen Wandels erwiesen. Dass der stets oben eingeblendete MOOC-Titel mit Prof. Dr. Christoph Meinel & Prof. Dr. Klaus Zierer endet, bildet aus meiner Sicht die unveränderte und überholte Hierarchie ab. Wertschätzung der restlichen Mitwirkenden und Teamwork gehen anders.
Unabhängig vom Inhalt erhält man (im ersten Modul) ein gelungenes Beispiel, was zeitgemäße Bildung nicht darstellt: Die Digitalisierung des Bisherigen. Einen Vortrag aufzuzeichnen und mit den dazugehörigen Folien ins Netz zu stellen ändert nichts am bisherigen Lehren und Lernen. Dass man sich bei der unglaubliche Fülle an medialen Möglichkeiten dafür entschied, zum Thema Medienbildung zwei Personen aufzuzeichnen, die hauptsächlich die eingeblendeten Folien vorlesen, steht stellvertretend für das gesamte Modul und eine mir häufig begegnende Fehleinschätzung, man sei offen, vernetzt oder sogar innovativ, sobald man Content im Web hochlädt. Ein schlechte Präsentation wird dadurch, das man sie ins Netz stellt, nur zu einer digitalisierten schlechten und online verfügbaren Präsentation.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.17.32
Weil die Videobeiträge auf dem Lernverständnis der Wissensvermittlung basieren, entstehen weder Impulse zum Weiterdenken noch spannende Fragen. Das schlägt sich in den auf mich wenig ansprechend wirkenden Diskussionsforen nieder. Auf die Erklärvideos folgt jeweils ein Quiz bzw. Multiple Choice-Test, mit dem man überprüfen kann, ob die vorgetragenen Inhalte wiedergegeben werden können. Dieses Lernen 4.0 verdeutlicht, was Verquizzung bedeutet und wie Lernprozesse verschlechtert werden können, wenn sie auf die reine Wiedergabe von noch immer enger festgelegten Inhalten reduziert werden und der Anteil der eigenen Erarbeitung wegfällt.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.14.27Dass man dabei Punkte sammeln kann, soll wohl zum Mitmachen animieren. Fazit: Diesem Modul fehlt es an fast allem, das zeitgemäßes Lernen ausmacht. Begriffe wie Forschung oder Studie mögen dem Inhalt einen wissenschaftlichen Charakter und Gamification einen hippen Anstrich verleihen, können aber den Widerspruch zwischen der Umsetzung und den formulierten Ansprüchen aus den Beiträgen nicht überdecken. Am Ende bleibt nur noch der Nachgeschmack von Werbung für die Schulcloud und das eigene Buch Lernen 4.0 durch Prof. Dr. Klaus Zierer übrig. Und beide Produkte verdienen eine kritische und kontroverse Betrachtung. Hier wurde eine Massive Open Online Chance verpasst.

MOOC als Massive Open Online Chance

Um diesen Blogbeitrag zielführend und konstruktiv abzuschließen, möchte ich kurz noch aufzeigen, welche zwei MOOCs meiner Meinung nach weiterhin eine Chance darstellen: Neben dem bereits erwähnten ichMOOC habe ich das Leuchtfeuer 4.0 als gelungen erlebt. Es beginnt allein damit, dass die MOOC-Gestaltenden, Nina Oberländer, Joachim Sucker und Anja Wagner im Web bekannte und geschätzte Akteure sind und ihr Wirken offen, transparent und kollaborativ stattfindet. Sie reden in ihren MOOCs nicht nur über die Potenziale des Webs, sondern nutzen sie auch, indem sie z.B. Expert_innen zu Wort kommen lassen oder soziale Netzwerke einbinden. Ihre Beiträge lieferten Impulse und warfen Fragen auf, die unter vorher vereinbarten Hashtags bei Twitter oder in Gruppen bei Facebook rege diskutiert wurden. So hatte man auch die Option, sich das Profil von Leuten anzusehen, deren Aussagen man bereichernd oder interessant fand. Bei beiden MOOCs habe ich dadurch mein persönliches Lernnetzwerk erweitert. Außerdem wurden regionale Treffpunkte organisiert und der Austausch außerhalb des Internets unterstützt. Die Grundlage meiner digitalen Identität habe ich beim ichMOOC entwickelt. Vieles, das ich dort gelernt habe, prägt noch heute mein Verhalten im Netz. Solchen MOOCs traue ich es nicht nur zu, sondern wünsche es, dass sie irgendwann eine größere gesellschaftliche Rolle spielen, weil sie das Lernen in einer offenen Webkultur eröffnen.

Ergänzung

Wer mehr Interesse an dieser Art der Weiterbildung haben sollte, findet hier eine Auflistung von 560 kostenfreien MOOCs. Mir wurde auch diese Plattform empfohlen; wobei ich nicht weiß, ob sich die Angebote z.T. im vorherigen Link wiederfinden. Andreas Wittke hat mich darauf hingewiesen, dass beide MOOCs, sowohl der IchMOOC als auch Leuchtfeuer 4.0 von Oncampus gefördert wurden und auf mooin liefen. Diese MOOC-Plattform wurde inzwischen in www.oncampus.de überführt. Dabei wurden alle vorherigen Angebote beibehalten. Jeder kann dort auch selbst kostenlos MOOCs anbieten, was einmalig in Deutschland zu sein scheint. Wer zum Thema digitale Jugendbeteiligung einen MOOC sucht, wird hier fündig.

IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.