33gxrfRNach dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich verstärkt und eine Militärpräsenz prägte noch Monate danach das Pariser Alltagsbild. In dieser Zeit, in der auch in meinem Umfeld die Frage, wie kann, soll und muss man den Gefahren des Terrorismus begegnen, kontrovers diskutiert wurde, machte folgende Grafik in sozialen Netzwerken die Runde. Marianne, die französische Symbolfigur für Freiheit, führt den Tyrannosaurus Rex, der die Sicherheit darstellen und wahrscheinlich alle Gefahren auffressen soll, an der langen Leine. Was mit der Freiheit geschieht, wenn das Instrument der Sicherheit immer mehr wächst, wird hier einprägsam veranschaulicht. Diese Grafik poppt in meinen Gedanken immer wieder auf, wenn ich die Entwicklung im Bezug auf das Internet verfolge. Besonders im Bildungsbereich.

Das Internet wird in den meisten Bildungsdebatten als ein Ort der Gefahren beschrieben und die Kinder davor zu schützen, als oberste Maxime formuliert. Deshalb hört man an dieser Stelle nicht selten, dass Schule einen Schutzraum bieten soll. Hierfür werden Smartphones verboten, soziale Netzwerke verteufelt und eigene Lösungen, wie Moodle oder die zahlreichen Bildungsclouds, entwickelt bzw. angeboten. Und der Datenschutz schreibt den Plot in dieser Geschichte. Natürlich sehe auch ich die Gefahren und finde es notwendig, in einer Welt, in der nicht nur nette Menschen unterwegs sind und permanent Daten generiert und erfasst werden, ein Umfeld zu schaffen, in der sowohl die Freiheit als auch Sicherheit aller Personen gewährleistet werden. Wen, was und wie es zu schützen gilt und welche Freiheiten aufrechterhalten werden sollen, erfordert aber aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche kontroverse Debatte. Bisher nehme ich eine dominierende juristische Perspektive wahr. Mit der ab dem 25. Mai 2018 anzuwendenden Datenschutz-Grundverordnung scheint sich die Situation im Bildungsbereich nochmal zu verschärfen. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme Baden-Württembergs wurde ich mit weiteren ca. 130 Lehrenden des Bundeslandes vom Kultusministerium informiert, dass man aus datenschutzrechtlichen Gründen Schüler_innen zukünftig nicht mehr auffordern dürfe, mit ihrem Smartphone oder vom heimischen Rechner im Internet zu recherchieren*. Hierbei könnte nämlich ein Zugriff auf personenbezogene Daten erfolgen. Schulen erhalten allein damit einen neuen rechtlichen Rahmen, der das Bild von schulischer Bildung deutlich verändern wird. Ich bin auf die weiteren Richtlinien gespannt, die demnächst sicher folgen werden. Es gilt auch noch zu klären, wie das mit der noch aktuellen, favorisierten Strategie der Kultusministerkonferenz, dem BYOD-Ansatz (Bring Your Own Device bedeutet, dass private mobile Endgeräte in den Unterricht integriert werden.), in Einklang gebracht werden kann.

Freiheit und Offenheit im Internet und des Internets spielen eine zentrale Rolle im digitalen Wandel. In ihnen steckt das Potenzial der kulturellen Teilhabe, Überwindung bestehender Hierarchien oder Demokratisierung. Ich verstehe Schule nicht als Schutzraum, eher als Ort, an denen junge Menschen befähigt werden sollen, mündig und souverän in der Gesellschaft stattzufinden und sie mitzugestalten. Und Gesellschaft findet zunehmend auch im Internet statt. Spätestens wenn junge Menschen die Schule verlassen und ihr Smartphone wieder einschalten. Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens. Kein technisches oder juristisches Sicherheitssystem wird sie stets vor den dort drohenden Gefahren schützen können, sondern das eigene Urteilsvermögen als Resultat von kritischem Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität in einem persönlichen Lernnetzwerk. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, stellt eine weitere Herausforderung für den Bildungsbereich im digitalen Wandel dar, in der aus meiner Sicht aktuell die Freiheit Unterstützung zu benötigen scheint.

*Weil ich bei einem Tweet zu diesem Thema einige Fragen aufkamen, möchte ich sie hier vorwegnehmen bzw. die Antworten drauf schon liefern: Die für Grundsatzfragen des Datenschutzes und technischer Datenschutz im Kultusministerium Baden-Württemberg zuständige Person hat diese Aussage getroffen. Leider wurde nicht der Paragraf genannt, auf den sich diese Aussage bezieht, weil zu viele noch offene Fragen im Raum standen und wir aus Zeitgründen die Diskussion beenden mussten. Genauere Informationen werden aber sicher bald auf der Seite des Kultusministeriums folgen. Allen anderen Lehrpersonen kann ich nur empfehlen, sich mit ihrem Kultusministerium in Verbindung zu setzen und deren Auslegungen der Verordnung in Erfahrung zu bringen.

IMG_9108IMG_9109Neulich stieß ich auf diesen Beitrag der New York Times, in dem darüber berichtet wird, wie eine Gruppe von Menschen in den USA auf dem Display ihrer Smartphones den Graustufen-Farbfilter aktiviert, um das Nutzungsverhalten weniger von biologischen Reizen steuern zu lassen und im Wettkampf um Aufmerksamkeit wieder etwas mehr Mündigkeit zu erlangen. Wer ein iPhone besitzen sollte, geht dafür auf Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display-Anpassungen, Farbfilter , den er dann (auf Graustufen) aktiviert. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, dass bei Apps Farben bewusst eingesetzt werden, um im Hirn gewisse Bereiche zu stimulieren, die einen stärkeren Drang erzeugen, beispielsweise auf den knallig rot aufleuchtenden Nachrichtenkreis zu klicken und nachzusehen, welche scheinbar wichtige Informationen dahinterstecken. Ich habe seit über einer Woche einen Selbstversuch laufen, um zu prüfen, wie sehr sich mein Verhalten dadurch verändert. Direkt beim Aktivieren der Graustufen hatte ich das Gefühl, weniger Stress beim Blick auf den Homescreen zu empfinden. Auch die Lust, auf die bunten Apps zu klicken, schien mir geringer. Dieser Eindruck hat sich auch nach mehreren Tagen konstant gehalten. Natürlich ist das eine sehr subjektive Wahrnehmung, die stark von den Art der Smartphone-Nutzung abhängt. Das Smartphone ist bei mir überwiegend ein Arbeitsgerät, mit dem ich z.B. sehr viele unterschiedliche Nachrichtenformate über zahlreiche Kanäle sende und empfange. Bei meiner Schülerschaft dient das Smartphone eher der Unterhaltung und dem Austausch mit Freunden. In ein paar Schulklassen habe ich deshalb mein Smartphone-Display über den Beamer projiziert und ihre ersten Eindrücke bzw. Wirkungen diskutiert. Der Vorteil dabei war, dass der projizierte Homescreen farbig bleibt, auch wenn auf dem Gerät die Graustufen aktiviert sind. So erhält man den direkten optischen Vergleich. Die Schulklassen haben die neue Ansicht nicht als stressfreier, sondern als langweiliger beschrieben. Mir ging es bei der Debatte darum, die biologischen Mechanismen und Wirkung aufzugreifen und unterschiedliche Fragen und Perspektiven gemeinsam zu betrachten. Wie sie zukünftig mit dem erworbenen Wissen umgehen, bleibt ihnen überlassen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Einstellung dauerhaft beibehalten werde. Die sechs Klicks, um zeitweise den Farbfilter beim Ansehen von Serien wieder zu deaktivieren, gelingen mir zwar immer schneller, bremsen aber den Flow der alltäglichen Nutzung.

Ergänzungen

Nachdem ich diesen Blogbeitrag in der in der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook gepostet hatte, wurde ich auf zwei YouTube-Videos hingewiesen, die den New York Times-Artikel um einige Punkte ergänzen und sich auch für den Einsatz im Unterricht anbieten.

  • Thomas Walden verwies bezüglich Farbwahl und Filmproduktion auf folgenden Beitrag des amerikanischen Technikportals und Mediennetzwerks The Verge.
  • Maximilian Schmeiser empfahl diesem Videobeitrag. Neben einem Interview mit Tristan Harris, dem Gründer von Time Well Spent, werden weitere Design- bzw. Wirkungsaspekte von Apps aufgezeigt. Interessant fand ich die Information, dass hinter den ersten Push-Mitteilungen 2003 für das Blackberry die Idee stand, die in Mails investierte Zeit zu reduzieren. Bildschirmfoto 2018-03-11 um 12.48.17Den Vergleich mit dem Spielautomat habe ich in den letzen Wochen zum zweiten Mal gehört. Zuletzt bei einem Vortag von Roman Rackwitz, bei dem er vom gleichen Prinzip im Gamification-Bereich berichtete: Dabei wird eine bestehende Möglichkeit auf einen Gewinn bzw. eine positive Nachricht mit einer Illusion der Kontrolle kombiniert und dadurch ein hoher Reiz, fortzufahren, generiert. (Der Sucht-Duktus des Videobeitrags, auch wenn das Thema an mancher Stelle notwendig ist, erscheint mir zu reißerisch. Dass man die Push-Benachrichtigungen ausschalten soll, um nur für „echte Menschen“ erreichbar zu sein, spiegelt einen populistischen Ansatz Mensch gegen Maschine wider, den ich nicht teile.)
  • Christian Stöcker hat hier die Thematik lesenswert im größeren Kontext betrachtet.

Wenn im Bildungsbereich über digitale Medien diskutiert wird, ist der Begriff Mehrwert nicht weit. Ich möchte kurz ausführen, weshalb ich die Verwendung des Begriffs sehr kritisch sehe.

factory-35104_1280Der Begriff Mehrwert kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Bei Karl Marx wird er als der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehenden Teil der Wertschöpfung definiert. In meiner Vorstellung von Bildung und Lernprozessen findet ein derartiges Bild bzw. Ziel keinen Platz. Ähnlich verhält es sich deshalb auch mit den Begriffen Lernfabrik oder Lehrkraft. Mich beschäftigt dabei stets die Frage, welches Framing dadurch begünstigt wird und welche Folgen daraus entstehen können.

In der Regel wird Mehrwert in den Bildungsdebatten genutzt, um digitale mit analogen Medien zu vergleichen oder bei der Frage, wie man durch den Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert erzeugen kann. In beiden Fällen geht es darum, den Einsatz digitaler Medien durch einen nachweislichen Mehrwert zu rechtfertigen; nicht selten mit der Idee, sie Lehrenden schmackhaft zu machen, die noch keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen können. Studien sind dabei häufig die Währung. Weil diese Debatten im Kontext der digitalen Transformation geführt werden, wird damit der Fokus auf den Einsatz digitaler Medien und Technik gerichtet, anstatt auf die wesentlichen Fragen des digitalen Wandels und die daraus resultierenden Herausforderungen bzw. Ziele; einen Mehrwert zu schaffen, zähle ich nicht dazu.

Häufig wird auch mit dem Fehlen eines Mehrwerts beim Einsatz digitaler Medien argumentiert. Dieses Fehlen entsteht meist aus einem Denkfehler. Hierzu hat Axel Krommer einen lesenswerten Beitrag verfasst.

Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Frage, wie man eine breite Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels in Schulen initiieren, unterstützen oder beschleunigen könnte. 2016 habe ich zum ersten Mal dazu ein paar Gedanken verschriftlicht. Mittlerweile hat sich meine Vorstellung insofern weiterentwickelt, dass sich mein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und das Lernen richtet, losgelöst von Schule, die nur einen Bestandteil des bisherigen Systems darstellt, das gerade im komplexen und dynamischen Transformationsprozess an seine Grenzen stößt. Lernen darf nicht nur im schulischen Kontext verstanden werden. Wir lernen ständig und überall. Im Gespräch mit Freunden oder bei der Arbeit. Wir lernen in allen Lebensbereichen, wenn wir Problem lösen bzw. um Probleme zu lösen. Der digitale Wandel hat aber nicht nur die Möglichkeiten hierfür grundlegend verändert, sondern auch die Notwendigkeit.

stuttgart-980526_1920Wenn ich heute nach Antworten auf meine Fragen suche, stürze ich mich in der Regel ins Web. Dabei suche ich nach geeigneten Quellen und bei wesentlicheren Fragen auch immer mehr nach Menschen mit der dazugehörigen Expertise. In den Debatten mit ihnen erreiche ich erst häufig die nötige Schärfe einer Fragestellung, um den dazugehörigen Sachverhalt vertieft zu durchdringen. Besonders gefällt mir dabei die (in zumindest meinem Umfeld) fehlende Hierarchie. Man duzt sich und nicht der Titel vor dem Namen oder sonstige Kriterien, sondern allein der Austausch zählt. So habe ich über die letzten Jahre mein persönliches Lernnetzwerk, das ständig weiter wächst und sich entwickelt, mit Hilfe von Social Media aufgebaut. Orts- und zeitunabhängig, stets griffbereit, über das Smartphone in der Hosentasche.
Ich glaube, dass nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Erfordernis nach öffentlichen, nicht kommerzialisierten Räumen in der Stadt besteht, in den genau diese Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe stattfinden können. In denen Menschen, die normaler nicht aufeinandertreffen, zusammenfinden. Sozusagen ein persönliches kommunales Lernnetzwerk, bei dem ich nicht nur auf das Potenzial vor Ort zugreifen, sondern auch meine Expertise in die Waagschale werfen kann. Was wiederum eine Vernetzung und Zusammenarbeit über das Web nicht ausschließen soll. Das Barcamp Lernräume stellt einen solchen Versuch dar. Mit dem offenen Bildungsnetzwerk Freiburg wurde neben dieser großen Veranstaltung letztes Jahr ein kleinerer Ableger geschaffen, der hier eine Kontinuität gewährleisten soll. Das reicht natürlich nicht aus. Ein nächster notwendiger kommunaler Schritt könnte ein überarbeitetes Konzept der Stadtbibliothek sein, die neben der zentralen Lage und der allgemeinen Zugänglichkeit, eigentlich alle notwendigen Kriterien für eine öffentlichen Begegnungsraum, wie er oben beschrieben wird, erfüllt. In diesem Beitrag aus dem Tagesspiegel wird die Idee eines Bibliotheken-Updates noch näher und konkreter ausgeführt. Ulm zeigt mit Freiraum, einen weiteren möglichen Ansatz. In diesem Zusammenhang wird mit technischerem Fokus auch häufig von FabLabs gesprochen.

Das Ziel, ein uomo universale zu werden, war wahrscheinlich im Bezug auf die Kenntnis aller Fachgebiete nur in der Renaissance möglich. Durch das exponentielle Wachstum des Wissens hat seit damals die Diskrepanz zwischen dem, das gewusst wird und dem, das man wissen könnte, immer mehr und schneller zugenommen. Wenn man in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Fragen betrachtet, die sich auf kommunaler Ebene stellen, wird klar, welche Form der Zusammenarbeit benötigt wird. Die erhöhte Komplexität der Fragestellungen unserer Zeit erfordern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Expertisen. Hierarchische Systeme machen deshalb keinen Sinn. Wenn man das beispielsweise auf die Idee der Bildungsregion Freiburg bezieht, bedeutet das, dass das regionale Potenzial in einem offenen und transparenten Prozess genutzt werden müsste, um ein gemeinsames und nachhaltiges Konzept zu entwickeln. Im digitalen Wandel sollte deshalb aus dem Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ein zeitgemäßes Der Prophet vernetzt sich im eigenen Land werden. Im letzten Jahr lernte ich bei unzähligen Gesprächen im Rahmen der Planung des Barcamps Lernräume viele Menschen in Freiburg kennen, die auf verschiedenen Gebieten über Know-how, Ressourcen oder Ideen verfügen, sich aber gegenseitig noch unbekannt waren. Dass aber der Wunsch nach Zusammenarbeit und Schaffung neuer Lernräume vorhanden ist, zeigt die Organisation des Barcamps, die über Etherpads, Messenger-Dienste und E-Mails von über 20 Partnern geleistet wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Nebeneinander enden wird, freue mich auf das zukünftige kommunale Miteinander und bin gespannt, welche Konzepte sich daraus ergeben werden.

MOOC steht für Massive Open Online Course und stellt bisher überwiegend Onlinekurse im Hochschulbereich dar. Das Massive soll dabei die hohe Anzahl der Teilnehmenden wiedergeben. Ich nahm vor ca. drei Jahren zum ersten Mal an einem MOOC (dem ichMOOC) teil, um zu sehen, ob diese Form des Lernens mir zusagt und welche Potenziale sie birgt. Schließlich herrschte zu dieser Zeit in meiner Wahrnehmung eine kleine Aufbruchstimmung, die Veränderungen beim Lehren und Lernen in Hochschulen versprach. Die Rolle der Lehrenden, die Präsenzzeit, der Bildungszugang bzw. die Bildungsgerechtigkeit und eine offene Netzkultur waren damals u.a. die Themen, die in diesem Zusammenhang in meinen Timelines kontrovers diskutiert wurden. Einige Jahre später ist aus unterschiedlichen Gründe der große Durchbruch der MOOCs in (deutschen) Hochschulen (noch) ausgeblieben. Mehr Erfolg könnte vielleicht dieses Format im Bereich der Weiterbildung bzw. Qualifizierungsmaßnahmen haben. (Durch das Auslagern von Fortbildungen in den Online-Bereich könnte man langfristig Ressourcen einsparen. Und mögliche Sparmaßnahmen sind nicht selten ein politisch starkes Argument.) Hier erscheinen zumindest immer wieder Angebote, wie das in Baden-Württemberg oder das auf der mooc.house-Plattform. Um den aktuellen Stand auf diesem Gebiet besser beurteilen zu können, habe ich mich beim pressewirksamen MOOC des Hasso-Plattner-Instituts Lernen 4.0 eingeschrieben und das erste Modul genauer absolviert. (Der folgende Text konzentriert sich mehr auf die Umsetzung und verzichtet hier größtenteils auf eine kritische Analyse der vorgetragenen Inhalte, um den Rahmen des Blogbeitrags nicht zu überstrapazieren.)

Lernen 4.0

Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.23.21Ich muss zugeben, dass der Blick auf die Vorabankündigung und die Titel der Module bereits vor Beginn des MOOCs meine Vorfreude schmälerten. Begriffe wie Digital Natives oder die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht haben sich in den letzten Jahren häufig als Indikatoren für eine fehlende vertiefte Auseinandersetzung mit der Materie bzw. für einen Mangel an Verständnis für die komplexen Herausforderungen des digitalen Wandels erwiesen. Dass der stets oben eingeblendete MOOC-Titel mit Prof. Dr. Christoph Meinel & Prof. Dr. Klaus Zierer endet, bildet aus meiner Sicht die unveränderte und überholte Hierarchie ab. Wertschätzung der restlichen Mitwirkenden und Teamwork gehen anders.
Unabhängig vom Inhalt erhält man (im ersten Modul) ein gelungenes Beispiel, was zeitgemäße Bildung nicht darstellt: Die Digitalisierung des Bisherigen. Einen Vortrag aufzuzeichnen und mit den dazugehörigen Folien ins Netz zu stellen ändert nichts am bisherigen Lehren und Lernen. Dass man sich bei der unglaubliche Fülle an medialen Möglichkeiten dafür entschied, zum Thema Medienbildung zwei Personen aufzuzeichnen, die hauptsächlich die eingeblendeten Folien vorlesen, steht stellvertretend für das gesamte Modul und eine mir häufig begegnende Fehleinschätzung, man sei offen, vernetzt oder sogar innovativ, sobald man Content im Web hochlädt. Ein schlechte Präsentation wird dadurch, das man sie ins Netz stellt, nur zu einer digitalisierten schlechten und online verfügbaren Präsentation.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.17.32
Weil die Videobeiträge auf dem Lernverständnis der Wissensvermittlung basieren, entstehen weder Impulse zum Weiterdenken noch spannende Fragen. Das schlägt sich in den auf mich wenig ansprechend wirkenden Diskussionsforen nieder. Auf die Erklärvideos folgt jeweils ein Quiz bzw. Multiple Choice-Test, mit dem man überprüfen kann, ob die vorgetragenen Inhalte wiedergegeben werden können. Dieses Lernen 4.0 verdeutlicht, was Verquizzung bedeutet und wie Lernprozesse verschlechtert werden können, wenn sie auf die reine Wiedergabe von noch immer enger festgelegten Inhalten reduziert werden und der Anteil der eigenen Erarbeitung wegfällt.Bildschirmfoto 2018-02-04 um 01.14.27Dass man dabei Punkte sammeln kann, soll wohl zum Mitmachen animieren. Fazit: Diesem Modul fehlt es an fast allem, das zeitgemäßes Lernen ausmacht. Begriffe wie Forschung oder Studie mögen dem Inhalt einen wissenschaftlichen Charakter und Gamification einen hippen Anstrich verleihen, können aber den Widerspruch zwischen der Umsetzung und den formulierten Ansprüchen aus den Beiträgen nicht überdecken. Am Ende bleibt nur noch der Nachgeschmack von Werbung für die Schulcloud und das eigene Buch Lernen 4.0 durch Prof. Dr. Klaus Zierer übrig. Und beide Produkte verdienen eine kritische und kontroverse Betrachtung. Hier wurde eine Massive Open Online Chance verpasst.

MOOC als Massive Open Online Chance

Um diesen Blogbeitrag zielführend und konstruktiv abzuschließen, möchte ich kurz noch aufzeigen, welche zwei MOOCs meiner Meinung nach weiterhin eine Chance darstellen: Neben dem bereits erwähnten ichMOOC habe ich das Leuchtfeuer 4.0 als gelungen erlebt. Es beginnt allein damit, dass die MOOC-Gestaltenden, Nina Oberländer, Joachim Sucker und Anja Wagner im Web bekannte und geschätzte Akteure sind und ihr Wirken offen, transparent und kollaborativ stattfindet. Sie reden in ihren MOOCs nicht nur über die Potenziale des Webs, sondern nutzen sie auch, indem sie z.B. Expert_innen zu Wort kommen lassen oder soziale Netzwerke einbinden. Ihre Beiträge lieferten Impulse und warfen Fragen auf, die unter vorher vereinbarten Hashtags bei Twitter oder in Gruppen bei Facebook rege diskutiert wurden. So hatte man auch die Option, sich das Profil von Leuten anzusehen, deren Aussagen man bereichernd oder interessant fand. Bei beiden MOOCs habe ich dadurch mein persönliches Lernnetzwerk erweitert. Außerdem wurden regionale Treffpunkte organisiert und der Austausch außerhalb des Internets unterstützt. Die Grundlage meiner digitalen Identität habe ich beim ichMOOC entwickelt. Vieles, das ich dort gelernt habe, prägt noch heute mein Verhalten im Netz. Solchen MOOCs traue ich es nicht nur zu, sondern wünsche es, dass sie irgendwann eine größere gesellschaftliche Rolle spielen, weil sie das Lernen in einer offenen Webkultur eröffnen.

Ergänzung

Wer mehr Interesse an dieser Art der Weiterbildung haben sollte, findet hier eine Auflistung von 560 kostenfreien MOOCs. Mir wurde auch diese Plattform empfohlen; wobei ich nicht weiß, ob sich die Angebote z.T. im vorherigen Link wiederfinden. Andreas Wittke hat mich darauf hingewiesen, dass beide MOOCs, sowohl der IchMOOC als auch Leuchtfeuer 4.0 von Oncampus gefördert wurden und auf mooin liefen. Diese MOOC-Plattform wurde inzwischen in www.oncampus.de überführt. Dabei wurden alle vorherigen Angebote beibehalten. Jeder kann dort auch selbst kostenlos MOOCs anbieten, was einmalig in Deutschland zu sein scheint. Wer zum Thema digitale Jugendbeteiligung einen MOOC sucht, wird hier fündig.

IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.

Nicht selten entsteht der Eindruck, der digitale Wandel sei auf Kritiker und Befürworter reduziert, die gleichermaßen Bedrohungsszenarien zeichnen. Das eine Lager spricht von digitaler Demenz und das andere von digitaler Rückständigkeit. Dabei werden komplexe Entwicklungen und Zusammenhänge als schwarz oder weiß, richtig oder falsch vereinfacht dargestellt. Poltische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnungen verändern sich gerade grundlegend. Wir befinden uns mitten in einer digitalen Transformation. Strukturen werden aufgelöst und Machtverhältnisse verschoben. Man kann die Entwicklungen ignorieren oder diskreditieren, aber sich nicht dem Prozess entziehen. Deshalb prallen stark abweichende Vorstellungen und Analysen vom Heute und Morgen aufeinander, im Kampf um die Deutungshoheit. Für Zwischentöne und Komplexität scheint wenig Platz im öffentlichen Diskurs. In der Regel werde ich den Befürwortern zugeordnet, weil ich im Wunsch nach Kontroversität gerne die Potenzialen der Digitalisierung thematisiere und mich für einen positiven Zukunftsentwurf ausspreche. Ausgesucht habe ich mir weder den Kampf noch die Seite.

Nach Schätzungen, die auf Metaanalysen der Verhaltensforschung basieren, beruht unsere Sprache nur zu 2% auf rationalen Fakten und Einsichten und 98% auf Gefühlen, Vorurteilen, Mythen, Gerüchte oder Bewegungen, die unbewusst mitschwingen. Es geht bei Diskussionen und Entscheidungen also nicht um Fakten, sondern um das Framing, das erreicht wird. Wenn Ralf Lankau im Streitgespräch bei der Badischen Zeitung (Das BZ-Interview kann man bisher leider nur in der Papiervariante und als BZPlus-Artikel im Netz lesen. Sobald es freigeschaltet wird, werde ich es hier verlinken.) mit Sebastian Lorenz und mir vom einem digitalen Fukushima spricht, wird im Hirn der Bereich aktiviert, der für Angst zuständig ist. Über diese Art der Kommunikation lassen sich Bücher verkaufen. Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Transformation kann ich leider nicht erkennen.

In den Debatten über Bildung im digitalen Wandel taste ich gedanklich immer wieder den zeitlosen Text Standardsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig ab, um für mich zu klären, welches der aufgelisteten Argumente gerade bedient wird. Das scheint übrigens auch für die aktuelle Twitter-Auseinandersetzung zu gelten. Bisher hatte die Beschränkung eines Tweets auf 140 Zeichen das soziale Netzwerk Twitter ausgezeichnet. Man war gezwungen seine Aussagen auf das Wesentliche zu reduzieren und dabei kreative Lösungen zu finden. Seit ein paar Tagen wurde die mögliche Zeichenzahl verdoppelt. Die Reaktionen darauf kann man unter dem Hashtag #280Zeichen nachlesen. Dass so viele Menschen, die mit 140 Zeichen über Offenheit gegenüber Veränderungen des digitalen Wandels geschrieben hatten, jetzt wegen 280 Zeichen die Qualität der Beiträge und noch mehr gefährdet sehen, zähle ich zum Teil als weitere Standardsituationen der Technologiekritik. Die 140 Zeichen-Grenze wurde schon vor der Änderung mit Hilfe von Screenshots von Texten oder Threads (Weitere Tweets an den ersten als Antwort hängen, um einen Erzählstrang zu erhalten.) umgangen. Kathrin Passigs Beitrag eignet sich nicht zur Eigen- oder Fremdanalyse, sondern liefert auch einen wichtigen Aspekt, der das Verhalten erklärt:

„Das eigentlich Bemerkenswerte am öffentlich geäußerten Missmut über das Neue aber ist, wie stark er vom Lebensalter und wie wenig vom Gegenstand der Kritik abhängt. Dieselben Menschen, die in den Neunzigern das Internet begrüßten, lehnen zehn Jahre später dessen Weiterentwicklungen mit eben jenen damals belächelten Argumenten ab. Es ist leicht, Technologien zu schätzen und zu nutzen, die einem mit 25 oder 30 Status- und Wissensvorsprünge verschaffen. Wenn es einige Jahre später die eigenen Pfründen sind, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen, wird es schwieriger.“

Was jemand damit meint, wenn er beteuert, nicht technikfeindlich zu sein, weil er schließlich selbst seit Jahren Technik nutzt, wird damit zum Teil verständlicher. Eine zielführende Debatte erleichtert es aber nicht. An dieser Stelle teile ich das Plädoyer von Reinhard Wolf, das man hier als PDF kostenlos erhält, für mehr Lernbereitschaft in der Demokratie. Er führt auf und belegt, dass intelligente und gebildete Menschen nicht gegen gefühlsgeleitete Realitätsverweigerung immun sind, sondern lediglich ihre subjektive Meinungen besser mit Argumenten untermauern können. Es gilt somit, besonders im digitalen Wandel, die arrogante Sichtweise, es gäbe „manipulierbare Normalbürger“, zu überwinden und vom hohen Ross des Belehrens auf die Ebene des gemeinsamen Lernens und Lösens komplexer Probleme zu steigen. Für mich als Lehrer bedeutet das einen Rollenwandel bezüglich meiner Schüler, in dem ich mich befinde.
Wer bestehende Systeme ernsthaft in Frage stellt, gerät in innere Konflikte zwischen bisherigen und neuen Denkmustern, Ideen und Überzeugungen. Und genau das ist sehr anstrengend, aber wichtig, wenn gemeinsam ein positiver Zukunftsentwurf entwickelt werden soll, der notwendig ist.

Bildschirmfoto 2017-11-11 um 14.35.40„Es gilt ein neues Weltbild auf neuem Terrain zu entwickeln, anstatt den Kampf der Kulturen auf altbekanntem Boden fortzuführen.“

Hinter dieser Aussage stecken eine Studie, Analysen und Visionen, die ich hier nachzulesen empfehle. Die Befähigung zur Mitgestaltung einer für alle lebenswerten Zukunft sehe ich als eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Wie das im Bildungsbereich aussehen kann, gilt es gemeinsam auszuhandeln. Im und außerhalb des Webs.