doors-3798125_1920Die Digitale Transformation, bzw. die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung ist ein hochkomplexes und global zusammenhängendes kulturelles Geflecht. Die Auseinandersetzung damit muss auf allen Ebenen stattfinden, besonders auf der regionalen. Interdisziplinäres Denken und Handeln bilden dabei essentielle Kompetenzen, auf der Suche nach Lösungen oder bei der Entstehung von Innovation und gesamtgesellschaftlicher kultureller Teilhabe.

Wer Veranstaltungen zur Digitalisierung, Digitalen Bildung, Arbeit oder einem anderen Platzhalter, sichtet, stellt fest, dass in der Regel der Fokus auf eine Zielgruppe, bzw. ein Thema gelegt wird. Hier fehlt es oft an Systemdenken, der Transformationsprozess wird nicht als kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel verstanden oder die Verantwortung kann oder wird nur für den eigenen Bereich gesehen und übernommen. So werden bei diesen Events meist Bedarfe und Bedürfnisse erhoben und formuliert, denen von Beginn an eine Vielfalt von Perspektiven und Expertisen fehlt. Deutlich wird das spätestens im nächsten Schritt, wenn konkrete Handlungen verfasst werden, diese interdisziplinär sind und verantwortliche Personen, Institutionen oder Unternehmen sich nicht zuordnen und finden lassen. 

Wie können aber fachliche Verantwortlichkeiten überwunden werden, wenn dafür weder die Strukturen noch notwendigen Haltungen vorhanden sind? Es braucht offene, flexible, barrierefreie, physische und gedankliche Räume, in denen Menschen sich als Gestalterinnen und Gestalter neu entdecken und erfinden (können). Hier sind auch regionale Institutionen und Unternehmen gefordert und in der Verantwortung, diesen Rahmen, in dem interdisziplinäres Denken und Handeln stattfinden können, zu schaffen, innerhalb dieser Begegnungsstätten unterstützend zu wirken, zu begleiten und zu fördern. Das große Potenzial eines kulturellen Wandels liegt aber weiterhin in der Zivilgesellschaft und deren Beteiligung. Die regionale Aufgabe lautet somit: Interdisziplinäre Begegnungen und kulturelle Teilhabe ermöglichen.

Angebote allein generieren nicht automatisch Partizipation. Das lässt sich an den kommunalen, digitalen Beteiligungsplattformen beobachten, die zunehmend an Beliebtheit erfahren und meist den Beleg des guten Willens, der Bevölkerung eine Beteiligung zu ermöglichen, nicht überschreiten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Ein meist unterschätzter dabei ist, dass Beteiligung gelernt werden muss. Und weil niemand etwas müssen möchte, kann nur über gesamtgesellschaftlich zugängliche und attraktive Angebote ein Wollen erreicht werden. Die Attraktivität besteht nicht allein aus der Möglichkeit der Beteiligung, sondern auch aus Elementen wie allgemeine Zugänglichkeit, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit.

Bestrebungen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, sind zäh, kräfteraubend und spätestens seit der Erkenntnis, dass Systeme sich selbst erhalten, teilweise vorab zum Scheitern verurteilt. Hier liegt das stärkste Argument für interdisziplinäre Räume. Die gesellschaftlich notwendigen, aber auch möglichen Lösungen und Innovationen im Transformationsprozess befinden sich in den noch unbeschriebenen und unbesetzten Zwischenräumen und müssen gar keine Konkurrenz zum Bestehenden bilden – im Gegenteil. Auch sie profitieren von den Experimentierräumen, die Freiheiten bieten, bzw. strukturelle Hürden überwinden oder Potenziale offenlegen und fördern. Was die schlechte und gute Nachricht zugleich darstellt. Die Verantwortung muss zwar übernommen werden, aber die Freiheit der Gestaltung ist dabei offen. Alle sind hier gefordert. (In Freiburg gibt es seit einige Monaten ein zivilgesellschaftliches Angebot, das alle Bürgerinnen und Bürger einlädt, diese Zwischenräume gemeinsam und regional zu gestalten.) Die langfristige, regionalgesellschaftliche Aufgabe lautet somit, sich neu zu entdecken und zu erfinden, interdisziplinär gestaltendend, im kulturellen Wandel.

pictogram-2426384_1920Wenn es zuverlässige und beliebte Konstanten in der Debatte um zeitgemäße Bildung gibt, dann sind das die Frage , „Sind Computer bessere Lehrer?“ und die Antwort „Auf den Lehrer kommt es an.“. In der Regel geht es dabei um die Sorge, ein Computer, Programm oder Roboter könnte Lehrerinnen und Lehrer ersetzen, bzw. um eine mögliche abnehmende Bedeutung der Lehrenden im digitalen Wandel. Natürlich mündet das am Ende in beiden Fällen meist in der Erkenntnis, dass Lehrende weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden (müssen). Dem ist nicht zu widersprechen. Nur dienen sowohl die oben aufgeführte Frage als auch Antwort nicht selten als Aufhänger dafür, um Bisheriges allgemein von der Notwendigkeit, es neu überdenken zu müssen, freizusprechen. Ja, es kommt in der Digitalen Transformation auf die Lehrenden an. Vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Nur nicht so, wie sich das manche vorstellen. 

Sind Computer die besseren Lehrer?

Natürlich polarisiert diese Frage und ist sicher auch deshalb eine gern gewählte Headline für Beiträge auf allen Kanälen. Das Framing konstruiert aber eine Konkurrenzsituation, bzw. einen Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine und generiert einen künstlichen Konflikt. Wenn deine Arbeit als Lehrer_in durch einen Computer, ein Programm oder Roboter ersetzt werden kann, sind die nicht das Problem. Die Frage, ob Computer die besseren Lehrer sind, mag für die Auflage und Reichweite funktionieren. Sie vereinnahmt aber meiner Meinung nach zu sehr den Raum im öffentlichen Diskurs und lenkt von den Fragen ab, die dringend(er) diskutiert werden müssten: Welche Lehrenden braucht es in einer Welt, in der sich die gesellschaftliche Ordnung grundlegend ändert? Welche Rolle, Haltung und Kompetenzen, aber auch Ressourcen, Strukturen und Angebote sind dafür erforderlich?

Auf die Lehrenden kommt es an

Groß war die Erleichterung, als vor zehn Jahren die Hattie-Studie veröffentlicht wurde, die wissenschaftlich™ bewies, dass es auf die Lehrerin und den Lehrer ankommt. Seitdem vergeht auch kein Vortrag, in dem diese Studie und ihre Metaanalysen bemüht werden, um mit messbaren Effekten (als Zahlen auf Folien) zu belegen, dass beispielsweise digitale Medien keinen oder sogar einen schlechten Einfluss auf Lernprozesse haben. Dass die Daten aus einer Zeit stammen, in die Welt noch anders funktionierte und ob es sich dabei überhaupt noch um Lernprozesse handelt, die heute und morgen notwendig sind, fällt gerne unter den Tisch. Seitdem haben Entwicklungen wie Smartphones, Tablets oder auch beim Web unser Leben komplett auf den Kopf gestellt und werden nicht berücksichtigt. Im Prinzip belegt der Umgang mit der Studie und nicht die Studie selbst, dass es weiterhin auf die Lehrenden ankommt. Durch die Digitalisierung werden definitiv immer mehr Daten erhoben. Wie das geschieht und welche Rückschlüssen daraus gezogen werden können, gehört deshalb mit auf die ohnehin lange To-do-Liste in der Bildungsarbeit. Es kommt somit durchaus auf die Lehrenden an, weil sie bei der zunehmenden Fülle an Herausforderungen (und teilweise abnehmenden Ressourcen) für sich persönlich und gesellschaftlich klären müssen, was sie als ihr Kerngeschäft verstehen. Meine Kernaufgabe sehe ich darin, junge Menschen dabei zu unterstützen, herauszufinden, wer sie sind, was sie wollen und wie sie das erreichen können. Die Digitale Transformation steht nicht zur Wahl. Sie ist da und geht nicht weg. Ähnlich verhält es sich mit Lehrerinnen und Lehrern. Auch sie bleiben (wichtig). Nur das Wie gilt es neu auszuhandeln.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Bildschirmfoto 2018-10-23 um 17.29.53Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Gut fünf der 200 Seiten Text über Innovation widmet Wolf Lotter in seinem neuen Buch, das sich mit der Digitalen Transformation und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit einer Innovationskultur auseinandersetzt, der Bildung in der Innovationsgesellschaft. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er Lehrer als Ordnungshüter und Systemerhalter, die weder (echte) Innovation wünschen noch die dafür notwendigen Rahmenbedingungen im Bildungssystem bieten (können), sieht. Dieser Ausschluss der Möglichkeit, Schule könnte ein Biotop für Innovation sein und werden, ist es, der genau das Verfolgen dieses Gedankens umso wichtiger macht. Deshalb möchte ich eine zarte Brücke zwischen seinen Ideen und der Bildung schlagen, die zum weiteren, vertieften Transfer einladen soll. Was bedeutet das für mich als Lehrer, meine Schülerinnen und Schüler, meine Schule oder Bildung allgemein? habe ich mir beim Lesen jedes Absatzes gefragt. Hier ein paar Notizen, die dabei entstanden sind.

Dass Systeme sich selbst erhalten und Wohlstandsgesellschaften ungern Risiken eingehen, gilt natürlich auch für das Leben innerhalb von Bildungsinstitutionen. Auch hier haben sich Strukturen und Hierarchien entwickelt, in denen Personen aufgestiegen sind und etwas zu verlieren haben. Die natürlichen Bestrebungen, diese Machtverteilung aufrechtzuerhalten, bremsen Neues aus. Lotter verweist auf die allgemeinen Regeln von Gemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben, in denen Hörigkeit und Abhängigkeit über genau definierte Arbeitsbeschreibungen geschaffen werden. Auch auf der Basis von Misstrauen, das sich im Bildungskontext aus Regelwerken und dem Einfordern von Dokumentationen oder Leistungsnachweisen nährt. Untere Hierarchieebenen werden durch Arbeitsweisungen beschäftigt und kontrolliert. Geduldete und “zertifizierte“ Querdenker sind systemrelevant kalkuliert und nur Fassade, die den Anstrich von Innovation verleihen. So entstehen Strukturen, die nicht nur Prozesse für Verwaltung von Gleichmacherei und Anpassung fördern, sondern auch jeglichen Ansatz von Kreativität im Keim ersticken. Es werden Konzepte als Innovation verkauft und gefordert, die keine sind. Sie sind meist nur die Fortführung des Bestehenden mit neuem Feature. Ein Indikator dafür sehe ich im verbreiteten Wunsch nach fertigen Unterrichtskonzepten, der Copy-Paste-Innovation auf Bildungsveranstaltung zum digitalen Wandel.

InnovationWie müsste eine Innovationskultur in der Bildung aussehen und was wäre dafür notwendig? Wolf Lotter beschreibt und begründet sehr ausführlich das Wesen von Innovation und welche Faktoren ihre Entfaltung begünstigen. (Wenn er über das Arbeiten schrieb, übersetzte ich es gedanklich mit Lernen und Lehren. Bei Leadership dachte ich an die zuständige Position vom Klassenraum bis zum Ministerium.) Es braucht Experimentierräume, in denen Neugier und Erfahrung zusammentreffen. Einen Wettbewerb, der keinen Kampf, sondern eine Entwicklung, eine Verbesserung für alle darstellt. In dem Fehler kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses sind und Menschen mutig sein dürfen, Risiken einzugehen und eine eigene Haltung entwickeln zu können. Freiräume, in denen Widersprüche und Differenzen gewollt sind, weil nur sie zu echter Innovation führen. Zeit und Geduld, um in Ruhe kritisch denken und nüchtern differenzieren zu können. Innovation ist dynamisch und unvorhersehbar. Sie braucht Leidenschaft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen. Innovationskultur ist inklusiv und barrierefrei. Es werden dabei alle zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt, um alle Lernenden individuell dazu zu befähigen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden, selbstverantwortlich zu handeln und selbstbestimmt zu leben. In der Digitalen Transformation steht das Individuum, der Lernende (wobei diese Rolle alle betrifft und nicht nur auf Schülerinnen und Schüler reduziert werden darf) im Mittelpunkt und Mündigkeit, im Sinne Kants, bildet das Gerüst. 

Die treibende Kraft von Innovation, sagt Lotter, liegt in der Neugier des Individuums. Damit sich diese auch entfalten kann, dürfen Talente nicht in Ordnungssystemen gefesselt werden, sondern benötigen flexible und anpassungsfähige Strukturen. Das Geheimnis einer Organisation liegt ihm zufolge darin, sie in viele kleine Einheiten aufzubrechen, damit sie als Ganzes anpassungsfähig bleibt und jeder seine individuelle Stärken ausspielen kann. Wie so ein Transfer auf die Schulentwicklung auf allen Ebenen aussehen könnte, gilt es auszudiskutieren. Was es aber dafür brauchen wird, nennt er bereits in seinem Buch: Ambiguitätstoleranz. 

Hätte Wolf Lotter ein Bildungsbuch geschrieben, hätte er wahrscheinlich gefordert, dass Lehrende zu Ermöglichern der Selbstermächtigung werden müssen. Dass sie die führende Rolle einem selbstständig handelnden Lernenden überlassen und sich um optimale Bedingungen für seine Entfaltung kümmern sollen. (Vielleicht wäre das auch ein günstiger Zeitpunkt, die gerne belächelte Lernbegleitung, die manche auch als Entwertung ihrer Autorität und Fähigkeiten empfinden, durch Lernermöglichung auszutauschen.) Lernende müssen herausfinden, wer sie sind und was sie können oder möchten. Nur so kann echte Kollaboration entstehen, wenn sich jeder seiner Stärken und Ziele bewusst ist und sie vernünftig einsetzen kann. Den Rahmen dafür bildet eine Vertrauenskultur, in der jeder Person die freie Wahl zugestanden und zugetraut wird, wann und wie sie Neuem begegnet. Innovationen eröffnen nach Lotter Zugänge, vor allem für Benachteiligte, und sollte Probleme verringern oder lösen. Ein spannender Gedanke, im Hinblick auf Bildungszugänge und -gerechtigkeit, die besonders im laufenden Prozess des Kulturwandels eine zentrale Rolle spielen müssen.

Eine Buchstelle, die sich mit Führung und Innovation beschäftigt, möchte ich für mitlesende Menschen aus dem Bildungsbereich, die mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind, hervorheben. Gary Hamel, ein amerikanischer Ökonom und Unternehmensberater, wird darin zitiert, dass moderne Organisationen nicht hierarchisch aufgebaut sind, sondern eine horizontale Transparenz herrscht, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennen, dass sie am selben Strang ziehen und deshalb gerne zusammenarbeiten. Lotter spricht davon, wie Teamarbeit missverstanden und dabei auf Leute, die sich leicht anpassen, gesetzt wird. Wer aber Innovation wünscht, braucht konstruktive Störer, die in laufenden Prozessen immer wieder Dinge in Frage stellen, anregen in andere Richtungen zu denken und Lösungsvielfalt fördern. 

Die bereicherndsten Impulse für mein Wirken an Schulen und im Unterricht erhalte ich meist bei Veranstaltungen, Personen oder Themen, die auf den ersten Blick so gar nichts mit Bildung zu tun haben und kann deshalb nur alle Lehrenden ermuntern, sich immer wieder selbst zu überraschen. Wolf Lotter hat beim Schreiben seines Buches Innovation – Streitschrift für barrierefreies Denken die Bildungslandschaft sicher zuletzt als potenzielle Leserschaft im Hinterkopf gehabt. Umso mehr kann ich es ihr ans Herz legen, es zu lesen. Mich wird es auf jeden Fall noch einige Zeit beschäftigen.

Im März diesen Jahres gelang es mit dem Barcamp Lernräume, dass sich in Freiburg 24 unterschiedliche Institutionen und Gruppierungen als gleichwertige Partner auf das Experiment einließen, gemeinsam einen Tag vorzubereiten, ohne vorher ein Programm festzulegen. Alle konnten über die Art und Menge an beigesteuerten Ressourcen jederzeit selbst entscheiden. Geplant wurde online und offline. Transparent und offen über ein für alle einsehbares und bearbeitbares Dokument, das im Netz abgelegt war und auf mehreren Treffen diskutiert wurde. Mit dem Ergebnis, dass ein vielfältiger Kreis aus ca. 200 Menschen zum Barcamp kam und 40 verschiedene Angebote gestaltete. Neben den vielen Impulsen, dem Austausch und der Vernetzung entstand eine Art Aufbruchsstimmung, die auch noch Wochen danach zu spüren war. So kam es bei der darauf folgenden Nachbesprechung der Planungsgruppe zur Idee, dieses Potenzial aufzugreifen und größer zu denken. Man war sich einig, dass dieser Tag sich jährlich wiederholen muss und einen guten Beginn darstellt, aber kommunal betrachtet das nicht genügen kann. 

Deshalb wurde dieser Schwung aus dem gemeinsamen Auftakt genutzt, eine Freiburger Bürgerbewegung zu gründen, um die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung (Digitale Transformation) nach dem Prinzip „Think globally, act locally“ regional zu denken und mitzugestalten. Das Spektrum kommunaler Herausforderungen ist grenzenlos. Von der Frage, welche Räume unsere sich wandelnde und vielfältige Gesellschaft braucht, um alle Bürger_innen mitzunehmen und zur Mitgestaltung zu befähigen, bis hin zu netzpolitischen Themen, wie freies WLAN oder die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit öffentlicher Daten. Bei den ersten Treffen wurden der Name, das Konzept und das weitere Vorgehen entwickelt, das ich mit diesem Blogbeitrag kurz vorstellen möchte. 

freiburg_gestalten_header#freiburg_gestalten ist eine offene, flexible, überparteiliche und kommunale Graswurzelbewegung, die gemeinsam denkt und handelt. Offen für alle Personen und Themen, weil der Kulturwandel alle betrifft. Man beteiligt sich als Privatperson und nicht in Vertretung einer Institution, eines Unternehmens oder sonstiger Gruppierungen. Der Austausch erfolgt auf Augenhöhe. Ob man sich projektbasiert, langfristig, aktiv, passiv, online oder offline einbringt, kann jede Person jederzeit flexibel entscheiden. Die bereits vielfältige Zusammensetzung bietet den Zugang zu unterschiedlichen Expertisen, Perspektiven, Netzwerken, Ressourcen und Ideen, die in einer zunehmend komplexeren Welt notwendig sind, um erfolgreiche Lösungsansätze zu entwickeln. #freiburg_gestalten eröffnet engagierten Personen eine Möglichkeit und einen Anreiz, gesellschaftlich und politisch etwas beizutragen, ohne einer Partei oder einem Verein mit ähnlichen Strukturen, beitreten zu müssen. 

Bildschirmfoto 2018-09-28 um 19.13.37#freiburg_gestalten ist ein Think Tank und kommunaler Begegnungsraum, um Projekt- oder Veranstaltungsideen vorzustellen und dafür Verbündete zu suchen, sich Impulse zu holen, sich beraten zu lassen oder über aktuelle Themen in einem vielfältigen Kreis zu diskutieren. Den Rahmen hierfür bildet ein Mini-Barcamp, das jeden letzten Montag eines Monats in der lpb*-Lounge in der Bertoldstraße 55 von 20Uhr bis 22Uhr stattfindet. Die Planung von Projekten und Veranstaltungen oder die Entwicklung konkreter regionaler Handlungsempfehlungen findet in Kleingruppen statt, die ihre Arbeitsweise und -zeiten separat aushandeln.

Eine Website, auf der der bisherige Personenkreis und die bereits geplanten Projekte, Veranstaltungen oder Ideen vorgestellt werden, ist in Bearbeitung und wird in den nächsten Wochen hier verlinkt. Ein Facebook– und Twitter-Account sind aber schon eingerichtet und werden auf aktuelle Informationen hinweisen.

#freiburg_gestalten sieht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten, sondern als für alle zugänglicher Freiraum, in dem nichts muss, aber alles kann.

*Landeszentrale für politische Bildung

In den letzten Jahren habe ich mich unterschiedlichen Wirkungskreisen angeschlossen und zunehmend Ressourcen dahingehend investiert, den Kulturwandel (Digitale Transformation) zu diskutieren, um ihn zu verstehen und Ansätze zu entwickeln, wie gesellschaftliche Lösungen aussehen könnten. Dabei begegne(te)n mir immer wieder Aussagen wie, dass der Zug schon lange abgefahren oder Deutschland abgehängt sei. Auch wenn es viele gute Gründe geben mag, mit den bisherigen Entwicklungen rund um den digitalen Wandel unzufrieden zu sein, halte ich solche Aussagen strategisch (aus der Sichtweise der Personen, die etwas daran ändern möchten) und inhaltlich für verkehrt. Der Kulturwandel erfordert eine Haltung, die von einer gestaltenden und nicht einem vermeintlichen Schicksal sich ergebenden Gesellschaft ausgeht.

Aus der Perspektive derer, die sich engagieren, dass Fragen des Kulturwandels endlich gesamtgesellschaftlich ankommen, sind Aussagen, wie der Zug sei schon abgefahren, eine Dampfwalze, die über jede Bemühung rollt. Es wird dabei auch ein Bild vermittelt, dass Fortschritt ein Zug sei, der sich (linear) in einer Richtung bewegt, auf den man aufspringen kann oder nicht. Und wer das versäumt, scheint DIE Chance verpasst zu haben. Auf den ersten Blick tragisch und den zweiten fast schon erleichternd, weil man dann ohnehin nichts mehr machen kann. Weg ist weg. Eine Ausladung zur Handlung. Wenn die Digitale Transformation aber etwas ist, dann kein einzelner, linearer Erzählstrang. Sie ist eine komplizierte, unvorhersehbare, nie endende Geschichte, voller Verzweigungen und Verästelungen. Jeder beginnt und entdeckt sie für sich anders, weil sie nicht den einen, richtigen Anfang hat. Sie kann gelesen, erzählt und (mit)geschrieben werden. 

Bildschirmfoto 2018-09-22 um 19.34.32Der Kulturpessimismus ist nur eine Antwort auf den Kulturwandel und vermutlich deshalb auch so alt wie die Menschheitsgeschichte. Durch soziale Netzwerke wird er transparenter. Tempo und Dynamik eines gesellschaftlichen Wandels scheinen ihn zu verstärken. Wer Kulturpessimismus ablehnt ist aber nicht automatisch ein (Digital-)Euphoriker. Dirk von Gehlen schlägt in seinem Buch Das Pragmatismus-Prinzip den Kulturpragmatismus als einen Ansatz zwischen alles wird gut und früher war alles besser vor. Dabei geht es um die Haltung, Entwicklungen zuerst ergebnisoffen verstehen zu wollen, um daraus mögliche Lösungen oder auch keine zu entwerfen. Man geht davon aus, dass das Morgen gestaltet werden kann und kein Schicksalsprodukt ist. (In seinem lesenswerten Buch zählt auch zehn Gründe auf, weshalb wir gelassen der Zukunft entgegenblicken können.) Wenn also mal wieder jemand behaupten sollte, dass ein Zug bereits abgefahren sei, empfiehlt es sich mit Shruggie ¯\_(ツ)_/¯ zu antworten. Dem Symbol des Kulturpragmatismus, den ich im Sinne Gehlens mit „Ich weiß es nicht, möchte es aber herausfinden und dann schauen wir mal weiter“ zusammenfassen würde.

Damit sich Menschen in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen können, braucht es ein komplett neues Mindset. Wie erreicht man aber, dass eine allgemeine Bereitschaft entsteht und wächst, sich geistige Freiräume zu bilden, die in der Digitalen Transformation so unabdingbar sind? Es kann sich nur etwas entfalten, wenn der dafür nötige Raum vorhanden ist. Das gilt auch für begehbare Räume. Das Potenzial des Webraums muss deshalb in seinen Formaten, aber auch baulich lokal gedacht werden.

Räume

image4Ich denke, dass es eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe im Transformationsprozess ist, Menschen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben, über für alle attraktive Angebote in Form von Austausch, in dem jede Person einen Beitrag leisten und eine Wertschätzung erfahren kann, zusammenzuführen. Nach der Maxime „Think globally, act locally.“ würde das offene, unkommerzialisierte, kommunale Räume bedeuten. Deren Notwendigkeit erklärt sich auf mehreren Ebenen.

  • Dass sich Teile der Gesellschaft (politisch) radikalisieren, ist auch eine Folge der zunehmenden Komplexität durch die Digitale Transformation. Mit abnehmendem Verständnis der Veränderungen, steigt die Attraktivität der einfachen Antworten und Filterblasen, die es zu überwinden gilt.
  • Um komplexe Herausforderung zu lösen, braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Kommunal (auch auf Landes- und Bundesebene) ist dieses Potenzial in den meisten Fällen noch unangetastet. 
  • Die zufälligen Begegnungen mit Themen und Personen im Web, fernab der Algorithmen von Facebook & Co. Diese kulturelle Bereicherung braucht es auch offline, vor Ort.

Formate

Neben der baulichen Gestaltung sind auch Formate und Strukturen, in denen Gesellschaft aufeinandertrifft entscheidend. Der Großteil an Veranstaltungen zeichnet sich auch 2018 noch primär durch eine Aneinanderreihung von Vorträgen aus. Nur die Bezeichnung hat sich gewandelt. Man spricht heute von Keynote, was an der Frontalbeschallung nichts ändert. Die steigende Zahl an Barcamps oder Open Space-Konferenzen und deren Beliebtheit zeigen, dass mehr Beteiligung gewünscht ist und lässt hoffen. Aufbau und Struktur von Parteien und klassischen Vereinen scheinen immer weniger Menschen anzusprechen. Es braucht Möglichkeiten, sich zeitgemäß zu engagieren. Offene lokale Netzwerke, denen man je nach Wunsch und Lage unverbindlich, passiv, projektbasiert oder aktiv und längerfristig gestaltend beiwohnen kann.

Die gesellschaftliche Weiterentwicklung ist ein Dauerzustand und geht nicht weg. Wer Smart Cities anstrebt, braucht Smart Citizens. Dazu werden sie aber nicht automatisch, in denen man ihnen die neuste Technik in die Hand drückt, sondern indem attraktive kommunale Räume geschaffen werden, in denen auch Offline-Netzwerken funktionieren kann.