zeitgemäße Bildung KopieIch durfte im Juli bei Schule in BWgungPilotschule und was dann? zu Lehrenden aus dem tabletBS-Projekt über Digitale Bildung im Jahr 2020 sprechen. Die Folien dazu möchte ich mit diesem Beitrag veröffentlichen und erläutern, weil mich einige Beobachtungen und Fragen im Bildungsbereich zunehmend beschäftigen, die ich mir in öffentlichen Debatten breit und vertieft diskutiert wünsche.

Weshalb das Ganze?

Dass die Technik in Schulen veraltet oder nicht vorhanden ist, gehört mittlerweile zum allgemeinen Konsens. Irgendwas mit digital, sagt man, sollte man mehr unterrichten, weil alles irgendwie mehr digital ist und wird. Und so schmückte man zum Beispiel vor einigen Jahren möglichst viele Klassenzimmer mit IWBs (Interaktive Whiteboards, auch als digitale Tafeln oder Smartboards bekannt), mit der Vorstellung, irgendwas getan zu haben, das irgendwie schon zu irgendeinem Ziel führen wird. Was aber schwammig oder gar nicht im Vorfeld formuliert wurde, konnte auch nicht erreicht werden. Deshalb sehe ich die Frage nach dem Warum als essentiell, am Anfang und roten Faden für eine vernünftige Entwicklung einer Vorstellung, was zeitgemäße Bildung sein soll, kann oder muss. Sie muss als Einzelperson, Schule, Kommune, Land und Bund immer wieder neu gestellt, diskutiert und (zeitgemäß) beantwortet werden: Weshalb das Ganze?
Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Die putzigen Amazon Roboter (ehemals Kiva Systems), die über QR-Codes orientierend die Gänge von Lagerhallen entlang flitzen, werden gerne als Beleg für diese Aussage im Bereich Lagerlogistik gezeigt. Die ersten Videos wurden übrigens bereits 2008 hochgeladen. Im Prinzip stehen sie nur für einen Teil des Transportwesens, das zunehmend automatisiert wird. Das reicht von gigantischen, selbstfahrenden und miteinander vernetzten Lastwagen bis hin zum Transport von Menschen in selbstfahrenden Autos und Bussen. Dazu und noch mehr, kann man sich in diesem populären Video ansehen. Auch das Bauwesen erhält Unterstützung von Bots und riesigen 3D-Druckern, die innerhalb von 24 Stunden ganze Häuser hinstellen. Am meisten beeindrucken aber immer wieder die Ergebnisse des Robotik-Unternehmens Boston Dynamics, das 2013 von Google gekauft wurde, mit Atlas, HandleSpot oder Sand Flea. Abschließen möchte ich den Blick auf die Wirtschaft mit dem alltäglichen Leben, um die (nicht selten empfundene) vermeintliche Ferne dieser Technik zu relativieren. Damit meine ich die steigende Zahl an Schnellkassen in Geschäften oder Touch-Displays, auf denen man sich eine Fahrkarte buchen, Essen selbst zusammenstellen oder über Lokales informieren kann, die sich fast unbemerkt in unseren Alltag schleichen. Vergessen wir auch nicht den Onlinehandel, der in vielen Bereichen bereits für radikale Umbrüche gesorgt hat. Angefangen beim Zeitungssterben bis hin zu den vielen, kleinen lokalen Anbietern, die nach Lösungen suchen müssen, um im ungleichen Zweikampf neben Riesen wie Amazon & Co überleben zu können. Es häufen sich die Prognosen, dass Massen von Jobs durch den Einsatz von Robotern und Bots wegfallen werden. Ob und wie viel davon, wann eintreten wird, weiß ich nicht. Stephan Noller eröffnete vor einiger Zeit hierzu eine lesenswerte Debatte bei Facebook. Dass sich Arbeit und Anforderungen ändern werden, steht außer Frage und stellt nichts Neues dar. Was neu sein könnte, ist die Geschwindigkeit bzw. die Dynamik und die gesellschaftliche Tragweite. Sich auf etwas Unvorhersehbares vorzubereiten, scheint zumindest eine daraus resultierende Aufgabe zu sein.
Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.29.28Die ökonomische Perspektive allein genügt natürlich nicht, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen durch den digitalen Wandel erfassen möchte. Die sich verändernden beruflichen Anforderungen und Bedingungen, werfen dabei einige Fragen auf. Wie bereite ich junge Leute auf Jobs vor, die es noch nicht gibt? Wie verändern die neuen beruflichen Anforderungen und Bedingungen das Leben einer Person als Individuum und Teil einer Gemeinschaft? Was wären und wie erreicht man für alle günstige Voraussetzungen? Wenn man bedenkt, wie die Erfindung des Buchdrucks das Zusammenleben innerhalb der Gutenberg-Galaxis revolutioniert hat, kann man sich die Auswirkungen durch weltweit miteinander vernetzte Computer bzw. die Personen dahinter erahnen. Auch in der Turing-Galaxis werden bestehende Strukturen aufgelöst und der Zugang zu Informationen mehr Menschen ermöglicht und vereinfacht. Das Smartphone und Tablet sind fassbar und ziehen dadurch in mancher Diskussion die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist aber das Internet, das den Wandel mit sich brachte und bringt. Wie wir kommunizieren, konsumieren, arbeiten, lernen, Ideen entwickeln, forschen, die Welt begreifen, wandelt sich. Durch soziale Netzwerke lesen wir nicht nur mehr Texte, sondern können mit denen, die sie verfasst haben, zeit- und ortsunabhängig diskutieren. Über Livestreams erhalten wir Bilder von nahezu jedem Fleck und Geschehen auf diesem Planeten. Die Karten der Deutungshoheit werden neu gemischt. Saßen wir noch gestern vor linearem Fernsehen und Zeitungen, bespielen wir heute selbst unsere Social Media-Kanäle mit Inhalten. Push-Benachrichtigungen im Sekundentakt. Wichtiges und Unwichtiges von allen und jederzeit. Die politischen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene erscheinen durch die Kanäle sozialer Netzwerke nicht nur näher und greifbarer, sondern auch verknüpfter und komplexer. Das geografische Umfeld bestimmt nicht mehr allein die kulturelle Prägung und Sozialisation.

Und im Bildungsbereich?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.15„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.“ beschrieb ich es in meinem Vortrag in Neckarsulm. Eine, meine Beobachtung der letzten Jahre, die ich kurz begründen möchte. Wenn man einen Blick auf die Fortbildungsangebote wirft oder sich an Veranstaltungen zum Thema Digitale Bildung die Programme durchliest, scheint die einzige Veränderung das Adjektiv digital zu sein. Man preist digitale Lerntheken, digitale Arbeitsblättern oder digitale Lerntagebücher an. Anstatt gedrucktem Papier im BILLY-Regal sammelt man nun Listen mit Apps und Tools in Clouds. Mit Toolifizierung, möglichst häufig und viele neue Medien (wobei hier fälschlicherweise neue Medien mit Technik gleichgesetzt und Medien als Werkzeuge verstanden werden) einzusetzen, und Quizzifizierung, Wissen über den Nürnberger Trichter in Form von Quizzen zuzuführen, führte Lisa Rosa zwei Begriffe ein, die eine weitere Entwicklung kritisch beschreiben. Auch das populäre SAMR-Modell, das mit seiner niederen Einstiegshürde motivieren und als Brücke zu neuen Lehr- und Lernszenarien führen soll, klang für mich nur anfangs schlüssig. Mittlerweile befürchte ich, dass es ein falscher Ansatz ist, weil er den Fokus auf das Digitale lenkt und Phänomene wie Toolifizierung und Verquizzung nicht nur begünstigt, sondern echte Innovation bremst, wenn nicht sogar verhindert. Das gängige Argument klein anzufangen kann zu klein denken verleiten und die mögliche Überforderung der neuen Technik, die das stufenweise Heranführen begründet, wird meiner Meinung nach mit Neues zu denken verwechselt.* Die Bezeichnung Digitale Bildung hat sich zwar in den letzten Jahren als praktische Verkürzung für Ankündigungen von Veranstaltungen, Vorträgen, Fortbildungen und auch als Hashtag durchgesetzt, trägt aber einen Teil dazu bei, dass notwendige Neuerungen in der Bildung, bedingt durch den digitalen Wandel, gedanklich auf ein digitales Add-on reduziert werden. Deshalb fordern manche auch gerne ein neues Fach oder eine neue Kompetenz, die zum bisher Bestehenden einfach hinzufügt werden soll. Ich glaube, dass es einen anderen Begriff benötigt, der zum Denken im großen Ganzen anregt. Meine vor Monaten verfasste, kurze Begründung, weshalb ich mich für zeitgemäße Bildung entschieden habe, möchte ich um folgende Punkte ergänzen:

  • weil zeitgemäße Bildung einen nie endenden Entwicklungsprozess beschreibt
  • weil zeitgemäße Bildung sich an aktuellen Herausforderungen misst
  • weil zeitgemäße Bildung für eine Gesamtbetrachtung steht
  • weil zeitgemäße Bildung immer wieder eine Reflexion einfordert
  • (weil zeitgemäße Bildung uns das Bildung 2.0, 4.0 und x.0 erspart)

(Seit einem halben Jahr begleitet mich dieser Ausdruck bei allen Gedankengängen und hat bisher jeder erneuten Überprüfung standgehalten.)

Wofür steht zeitgemäße Bildung?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.52Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie sucht in einem neuen Lehr- und Lernverständnis nach Antworten auf alle Fragen, die sich aus den oben angerissenen Legitimationen stellen. Lernen als lebenslanger Prozess, der nicht an Zeit und Ort gebunden ist und in einem persönlichen Lernnetzwerk stattfindet. Das 4K-Modell des Lernens sehe ich momentan als eine Möglichkeit, junge Menschen auf das vorzubereiten, das sie heute und morgen erwartet. Was ich darunter verstehe, habe ich hier verschriftlicht. Zeitgemäße Bildung unterscheidet beim Lernen nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung. Das Web nimmt dabei eine bedeutende Funktion ein. Die Rolle des Lehrenden und Lernenden ist flexibel und kann wechseln. Zeitgemäße Bildung braucht Räume für Lernprozesse mit Trial and Error. Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen. Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen. Zeitgemäße Bildung leitet eine Epoche der zweiten Aufklärung ein und strebt eine Mündigkeit an, die unsere Gesellschaft aus der Beobachterstellung befreit und zur Mitgestaltung des digitalen Wandels befähigt.  Beginnen wir damit.

 

*In einer Barcamp-Session an meiner Schule tauschte ich mich mit meinem Kollegium, das bezüglich Thematik rund um den digitalen Wandel keine führende Rolle spielt, zu zeitgemäßer Bildung aus. Dabei unterschieden sich ihre Fragen und Folgerungen stark von denen der Digitale Bildung-Community im Netz. Es ging um gesellschaftliche Veränderungen und wie man ihnen begegnen kann. Es ging nicht um Apps oder mobile Endgeräte, sondern um Menschen, Ethik oder Umwelt. Alles wurde in Frage gestellt und Neues angedacht. Eine Überforderung konnte ich nicht feststellen – im Gegenteil. Sie hatten Spaß daran, gedanklich auszubrechen und nach möglichen Lösungen in unserem Rahmen zu suchen. In der über Jahre geführte Debatte im Netz, wie man in Schulen Digitale Bildung vorantreiben kann, traf ich häufiger auf den Standpunkt (den ich auch lange Zeit vertrat), dass neben den der fehlenden Technik die Überforderung ihrer Anwendung die größte Hürde sei. Dass der digitale Wandel nicht als kulturelle Revolution wahrgenommen wird, liegt vielleicht aber auch daran, dass man ihn durch den Fokus auf die Technik in eine Nische gedrängt hat, der den Blick auf die Gesamtheit erschwert. Möglicherweise werden die vielen Lehrer_innen, die noch nicht im Web populär stattfinden, die kritische Masse für zeitgemäße Bildung einleiten, weil sie sich an der gesellschaftlichen Notwendigkeit und den daraus resultierenden Fragen orientieren. Gestern sprach ich in einem Podcast mit Jöran über diese These, die er mit folgendem Satz zusammenfasste: Die Speerspitze der Digitalen Bildung wird nicht die der zeitgemäßen Bildung sein.

Bildschirmfoto 2017-05-21 um 15.19.53Wir teilen unsere Gedanken, Ideen, Projekte und Probleme im Netz, um Mitmenschen daran teilhaben zu lassen, uns auszutauschen oder mit unterschiedlichen Perspektiven kollaborativ an Lösungen zu arbeiten. Strukturelle Hürden werden überwunden, neue Kontakte geknüpft, Synergieeffekte entstehen und zuvor nicht denkbare Möglichkeiten eröffnet. Dieses konstruktive Potential der offenen Netzkultur sollte auch in jeder Stadt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen finden, weil sich die durch die Digitalisierung entstehenden Herausforderungen nicht auf das Web beschränken. Letzte Woche traf ich mich mit Benedikt, Philip und Olav, um für den Bildungsbereich im Freiburger Raum gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Das folgende Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt und bildet ein flexibles Anfangsgerüst, das sich den Entwicklungen des Projekts immer wieder anpassen wird.

Zeitfenster_BNF_01

Am 26. September startet um 19.30Uhr im Grünhof das erste zweistündige Meetup, zu dem Lehrende und Lernende aus allen Bildungsbereichen (formale, non-formale, politische, kulturelle oder sonstige Bildung) eingeladen sind, sich in einem und lockeren Format über zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel auszutauschen. Das bisherige Know-how spielt dabei keine Rolle, sondern das Interesse. Im ersten Zeitfenster sollen vorerst zwei greifbare Best-Practice-Beispiele vorgestellt und diskutiert werden. Die Open Space-Methode im Anschluss bietet Raum und Zeit, um an selbst gewählten Themen in den gewünschten Formaten weiter zu arbeiten. Das kann von einer gemeinsamen Entwicklung konkreter Projektideen bis zu kontroversen Debatten über allgemeine Fragestellungen alles sein.

Zeitfenster_BNF_02Ein denkbares Szenario wäre auch, dass sich das Meetup zu einem Barcamp mit jeweils zwei Sessions entwickelt. Grundsätzlich wird alles begrüßt, was Raum für eigene Themen, Fragen und Austausch zulässt.

Um die notwendige Kontinuität zu gewährleisten, planen wir alle zwei Monate am jeweils dritten Dienstag (gleiche Zeit, gleicher Ort) ein Meetup Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg durchzuführen. Der 21. November und der 16. Januar im nächsten Jahr sind auch schon reserviert. Hier findet ihr den Facebook-Link, über den ihr euer Interesse bekunden, eine Zusage machen oder die Veranstaltung sehr gerne bewerben könnt. Wir laden euch herzlich dazu ein, eine offene Bildungskultur in Freiburg mitzugestalten und euch am 26.09.17 oder den anderen Terminen im Grünhof kennenzulernen.

(Fragen, Ideen und Anregungen bitte an mihajlovic.freiburg@gmail.com senden.)

Seit fast drei Jahren bereise ich bundesweit Veranstaltung zum Thema Digitale Bildung. Anfangs rein als Teilnehmer und mittlerweile zunehmend als Teilgeber oder sogar Veranstalter. Dabei habe ich viele Menschen aus unterschiedlichen Wirkungskreisen der (Digitalen) Bildung online und offline kennengelernt und mich mit ihnen ausgetauscht. In dieser Zeit gab es zwei Konstanten, denen ich diesen Gesprächen begegnete:
a.) Filterblase
Der vertiefte und kontinuierliche Austausch findet immer noch größtenteils in einer Filterblase statt. Diese mag zwar wachsen, bindet aber stets die gleiche Interessengruppe. Die meisten Menschen beschäftigen sich eben berufsbedingt mit Digitaler Bildung und stellen auch da eine Minderheit dar. Das wird auch keine Finanzspritze in neue Technik, wie sie Wanka ankündigte, lösen (Wen das Thema näher interessiert, findet hier von Tobias Hübner eine sehr gute Zusammenfassung der Geschehnisse rund um den Digitalpakt #D.). Man kann nicht leugnen, dass bestehende Veranstaltungsformate größer werden und neue hinzukommen. Nur ändert das am eigentlichen Problem, die kritische Masse zu erreichen, (zu) wenig. Es geht auch nicht um Technik, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die als solche aber noch nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
b.) Durchbruch
Wenn man mit den schon lange Aktiven in diesem Bereich spricht, bekommt man regelmäßig zu hören, dass in den letzten Jahren immer wieder der Durchbruch prophezeit oder ausgerufen wurde, aber sich wenig bis gar nichts änderte. Meist waren es Papiere oder Konzepte, die (noch) auf ihre (breite) Umsetzung warten. Wobei man nicht vergessen darf, dass diese Einschätzung häufig von Menschen stammt, die Dinge bewegen wollen und denen es nicht schnell genug gehen kann. Ein nüchterner(er) Blick zeigt, dass die Bemühungen je nach Bundesland, Stadt/Gemeinde oder Schule unterschiedlich fortgeschritten sind und stark voneinander abweichen können. In NRW gibt es mit Bildung 4.0 einen politischen Motor, im Saarland werden mit der Einführung von Calliope, das von der Bundesregierung finanziert wird, an allen Grundschulen schlagartig Fakten geschaffen und in Hessen sieht die Zukunft der Digitalen Bildung zurzeit nicht rosig aus.

Mich beschäftigt deshalb seit langem die Frage, wie man denn nun die kritische Masse erreichen kann. Wobei die kritische Masse an dieser Stelle eine doppelte Bedeutung hat und auch auf zwei Zielgruppe hinausläuft:
1.) Lehrende spielen eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung jeglicher Form von Bildung. Deshalb kommen wir nicht daran vorbei, Konzepte oder Strategien zu entwickeln, um die zu erreichen, die Neues (Technik, Methoden, Ziele) auf den ersten Blick grundsätzlich verneinen. Diese Gruppe scheint (in Bezug auf Technik) jährlich kleiner zu werden; dabei weicht reine Ablehnung einer kritischen Haltung. Bei einigen vermute ich eine Ursache in der Sorge vor Mehrarbeit, die jede Veränderung zu Beginn erst einmal mit sich bringt. Auf dem Digital Education Day 2016 in Köln tauschte ich mich bei einer Session mit Gleichgesinnten dazu aus. Dort war man sich zumindest darüber einig:

  • Dass sich „jemanden überzeugen zu wollen“ kontraproduktiv auswirkt und man mehr auf lösungsorientierte und einfache Ansätze, die beiläufig im Schulalltag einfließen, bauen sollte.
  • Dass es verpflichtende Elemente Top-down braucht.
  • Dass der Erfolg aller Bemühungen von funktionierender Technik abhängt.
  • Dass man reizvolle Veranstaltungsangebote in der näheren Umgebung braucht. (Vergessen wir nicht die große Gruppe an Interessierten, die nicht nach Berlin, Köln oder Oldenburg fahren können.)

2.) Unter der zweiten Bedeutung der kritischen Masse verstehe ich den Netzwerkeffekt, der auf die gesamte Gesellschaft zielt. Der Moment, wenn eine Sache sich verselbständigt und in der Breite durchsetzt. Das würde den Stellenwert von Digitaler Bildung komplett verändern. Ich bin auch überzeugt, dass sich jetzt schon viele Menschen darüber einig sind, dass das Was und Wie „Bildung“ stattfinden soll, sich ändern muss. Die Debatte darüber findet aber in einem exklusiven Rahmen statt. Wir müssen es schaffen, die (kritische) Masse zu erreichen, indem wir allen einen Zugang zu dieser Debatte ermöglichen, um sich daran zu beteiligen.

Dafür sehe ich zwei notwendige Dinge, die auf der jeweiligen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene für Bewegung in die richtige Richtung sorgen würden:

  • Offene Veranstaltungsformate, die Weiterbildung, Austausch und Vernetzung ermöglichen
  • (echter) politischen Willen, keinen Papiertiger

Meiner Erfahrung nach fühlt sich an den entscheidenden Stellen von einer überschaubaren Anzahl von Menschen bis niemand für Digitale Bildung ernsthaft verantwortlich. Im schlimmsten Fall wird einem auf unterschiedlicheren Ebenen erklärt, dass man nichts unternehmen kann, weil x (x ist eine beliebige Variable und kann für Personen, Strukturen, Gesetze, Ressourcen jeglicher Art oder Sonstiges stehen) es verhindert. Deshalb schlage ich vor, dass sich nun alle fragen, welchen Beitrag sie denn selbst dazu leisten können, um den notwenigen Prozess in Gang zu setzen bzw. zu beschleunigen. Um sich diese Frage zu beantworten, empfehle ich, einige Dinge vorher zu durchdenken:

A.) Zuerst sollte man sich einen Überblick über die Lage bezüglich der Veranstaltungsformate und dem politischen Willen auf der zugehörigen kommunalen, Landes- und Bundesebene machen. Die folgende Grafik soll dazu einen groben Überblick der Angebote und Entwicklungen auf den drei Ebenen veranschaulichen und stellt dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll lediglich bei der gedanklichen Orientierung unterstützen. (Auf das Web, das hier an jeder Stelle zusätzlich greift, habe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet. Blogs, Podcasts, Tweets, Posts und sonstige Netzarbeit sehe ich als verbindendes Element und noch nicht annähernd ausgeschöpftes Potential auf allen Ebenen.)ubersicht_kritischemasse_blog

Ich bin der Auffassung, dass jede Region mindestens ein Format, in der Größe eines Edu Camps oder DEDs pro Jahr anbieten sollte. Dazu bedarf es aber Einrichtungen, die das leisten können. Hier sehe ich primär die Lehrenden als Zielgruppe im Visier. (Natürlich haben sich Barcamps auch als hervorragende Räume der Vernetzung nonformaler und formaler Bildung herauskristallisiert, das zukünftig noch intensiver ausgebaut werden müsste. Auch auf den politischen Willen gehe ich hier nicht weiter ein, weil der Umfang den Rahmen sprengen würde.)

B.) „Verbündete suchen“ kann man als grundsätzliche Devise aussprechen. Kooperationspartnern mit Ressourcenstärke sind dabei von Vorteil. Das können Hochschulen, Landes-/Kreis-/Stadtmedienzentren, Landesakademien, (Jugend-)Bildungswerke, Kulturämter, Bildungsmanagements, Theater oder Museen sein.

C.) Wie erreiche ich aber die Menschen außerhalb der Filterblase bzw. den Netzwerkeffekt? Hier sehe ich die Chance in vielen, bundesweit verstreuten, lokal verankerten Veranstaltungen überschaubarer Größe, deren Charme und Reiz darin liegt, dass man nicht weit reisen muss oder/und die Ausrichter*innen kennt. Das Ziel muss es sein, die dauerhafte und gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erhalten und die Notwendigkeit der Antwort auf die Frage, was sollen unsere Kinder in Schulen und Hochschulen in und für ihre Zukunft lernen, zu vermitteln. Weil ich so ein Format seit letztem Jahr in Freiburg durchführe, stelle ich euch hier eine To-do-Liste zu Verfügung, die ihr nutzen, ergänzen, korrigieren bzw. einfach passgenau auf euch zuschneiden könnt, um selbst solche Veranstaltungen anzubieten.

Thema
Bei der Themenwahl darauf achten, dass es…
nicht zu speziell ist, um ausreichend Interessierte zu generieren.
„gute“ Referent*innen dazu gibt.

Referent*in
Fachlich kompetent, aber auch ansprechend für Laien (Digitales muss raus aus der gesellschaftlichen Nerd-Ecke).
Bestenfalls sollte man Reden/Vorträge vorher schon mal von ihr/ihm gesehen haben.
Ein bezahlbares Hotelzimmer reservieren und die An- und Abreise mit der Person klären. (Dafür braucht man finanzielle Unterstützung von Kooperationspartnern. Hier gibt es sie in NRW.)

Termin
Wie viele? Hängt von eurer Lust und Zeit ab. Zwei Termine pro Jahr sind für eine Person machbar und verleihen dem Thema eine notwendige Kontinuität. Bei mir hat es sich auf je eine Veranstaltung im Frühjahr und Herbst eingependelt.
Wann? Dienstag scheint ein guter Wochentag zu sein, weil die Woche noch frisch und die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass Leute noch die Lust und Kraft für ein Zusatzprogramm aufbringen.
Nach anderen Veranstaltungen Ausschau halten (thematisch oder Zielgruppe betreffend relevant, z.B. Elternabend), damit es nicht zu einer Konkurrenzveranstaltung wird. Die Gruppe von Menschen, die man zu solchen Veranstaltung bewegen kann ist überschaubar.

Raum
möglichst zentral, gut erreichbar und für die breite Masse einladen
möglichst günstig bzw. unterstützend bezüglich offener Angeboten
für 10-50 Leute
stabiles WLAN (für ein Live-Streaming)

Werbung
Die persönliche und direkte Ansprache ist die effektivste Werbung. Außerdem müssen wir auch bzw. gerade die Offliner*innen erreichen.
Aufwand von Plakaten oder Pressemitteilungen stand bei meinem erste Event in keiner Relation zur erreichten Zuschauergröße. Kann man also machen, muss man aber nicht. Wenn man einen Artikel über die Veranstaltung in der Presse platzieren kann, ist das aber sicher nicht verkehrt. Bei meiner zweiten Veranstaltung bekam ich von einem lokalen Online-Magazin angeboten, etwas zum Thema zu schreiben und für den Termin zu werben.
Über FB-Veranstaltungen und Werbung via Twitter erreicht man (meiner Erfahrung nach ausreichend) die netzaffinen Menschen.

Web-Community
Live-Streaming kann mit Periscope einfach angeboten werden und ermöglicht auch den Netzaktiven den Zugang zur Veranstaltung. Bei meinem letzten Event hatte ich so konstant zehn bis zwölf zusätzliche Zuschauer*innen. (Die Bundeszentrale für politische Bildung bewarb freundlicherweise mein angekündigtes Streaming, ohne sie gefragt zu haben.)

Energie
Die Planung und Durchführung ist überschaubar, kostet aber trotzdem Kraft. Besonders kräftezehrend ist das Bewerben der Veranstaltung. Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Mal über die Anzahl der Leute, die letztendlich erschienen waren, sehr enttäuscht war. Mein Erwartungshorizont ist mittlerweile realistischer und der Spaß überwiegt.

Jetzt seid ihr dran. Auf welcher der drei Ebenen und in welchem Bereich, könnt ihr etwas dazu beitragen? Mein Call for Participation beginnt mit diesem Beitrag. Belasst es bitte nicht beim klassischen „Man sollte…“. Machen.

Zwei abschließende Ergänzungen
An dieser Stelle bedanke ich mich bei den zahlreichen Menschen aus der On- und Offline-Bildungsgemeinde, die ich bisher kennenlernen durfte und die schon lange viel leisteten und bewegen.
Immer wenn ich Digitale Bildung schreibe, meine ich nicht die Technik, sondern das noch neu auszuhandelnde und durch den digitalen Wandel mögliche und notwendige Lehren und Lernen, das Lisa Rosa hier beschreibt.

Auflistung bestehender Veranstaltungsformate

Deutschland

Schweiz

Österreich