Nicht selten entsteht der Eindruck, der digitale Wandel sei auf Kritiker und Befürworter reduziert, die gleichermaßen Bedrohungsszenarien zeichnen. Das eine Lager spricht von digitaler Demenz und das andere von digitaler Rückständigkeit. Dabei werden komplexe Entwicklungen und Zusammenhänge als schwarz oder weiß, richtig oder falsch vereinfacht dargestellt. Poltische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnungen verändern sich gerade grundlegend. Wir befinden uns mitten in einer digitalen Transformation. Strukturen werden aufgelöst und Machtverhältnisse verschoben. Man kann die Entwicklungen ignorieren oder diskreditieren, aber sich nicht dem Prozess entziehen. Deshalb prallen stark abweichende Vorstellungen und Analysen vom Heute und Morgen aufeinander, im Kampf um die Deutungshoheit. Für Zwischentöne und Komplexität scheint wenig Platz im öffentlichen Diskurs. In der Regel werde ich den Befürwortern zugeordnet, weil ich im Wunsch nach Kontroversität gerne die Potenzialen der Digitalisierung thematisiere und mich für einen positiven Zukunftsentwurf ausspreche. Ausgesucht habe ich mir weder den Kampf noch die Seite.

Nach Schätzungen, die auf Metaanalysen der Verhaltensforschung basieren, beruht unsere Sprache nur zu 2% auf rationalen Fakten und Einsichten und 98% auf Gefühlen, Vorurteilen, Mythen, Gerüchte oder Bewegungen, die unbewusst mitschwingen. Es geht bei Diskussionen und Entscheidungen also nicht um Fakten, sondern um das Framing, das erreicht wird. Wenn Ralf Lankau im Streitgespräch bei der Badischen Zeitung (Das BZ-Interview kann man bisher leider nur in der Papiervariante und als BZPlus-Artikel im Netz lesen. Sobald es freigeschaltet wird, werde ich es hier verlinken.) mit Sebastian Lorenz und mir vom einem digitalen Fukushima spricht, wird im Hirn der Bereich aktiviert, der für Angst zuständig ist. Über diese Art der Kommunikation lassen sich Bücher verkaufen. Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Transformation kann ich leider nicht erkennen.

In den Debatten über Bildung im digitalen Wandel taste ich gedanklich immer wieder den zeitlosen Text Standardsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig ab, um für mich zu klären, welches der aufgelisteten Argumente gerade bedient wird. Das scheint übrigens auch für die aktuelle Twitter-Auseinandersetzung zu gelten. Bisher hatte die Beschränkung eines Tweets auf 140 Zeichen das soziale Netzwerk Twitter ausgezeichnet. Man war gezwungen seine Aussagen auf das Wesentliche zu reduzieren und dabei kreative Lösungen zu finden. Seit ein paar Tagen wurde die mögliche Zeichenzahl verdoppelt. Die Reaktionen darauf kann man unter dem Hashtag #280Zeichen nachlesen. Dass so viele Menschen, die mit 140 Zeichen über Offenheit gegenüber Veränderungen des digitalen Wandels geschrieben hatten, jetzt wegen 280 Zeichen die Qualität der Beiträge und noch mehr gefährdet sehen, zähle ich zum Teil als weitere Standardsituationen der Technologiekritik. Die 140 Zeichen-Grenze wurde schon vor der Änderung mit Hilfe von Screenshots von Texten oder Threads (Weitere Tweets an den ersten als Antwort hängen, um einen Erzählstrang zu erhalten.) umgangen. Kathrin Passigs Beitrag eignet sich nicht zur Eigen- oder Fremdanalyse, sondern liefert auch einen wichtigen Aspekt, der das Verhalten erklärt:

„Das eigentlich Bemerkenswerte am öffentlich geäußerten Missmut über das Neue aber ist, wie stark er vom Lebensalter und wie wenig vom Gegenstand der Kritik abhängt. Dieselben Menschen, die in den Neunzigern das Internet begrüßten, lehnen zehn Jahre später dessen Weiterentwicklungen mit eben jenen damals belächelten Argumenten ab. Es ist leicht, Technologien zu schätzen und zu nutzen, die einem mit 25 oder 30 Status- und Wissensvorsprünge verschaffen. Wenn es einige Jahre später die eigenen Pfründen sind, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen, wird es schwieriger.“

Was jemand damit meint, wenn er beteuert, nicht technikfeindlich zu sein, weil er schließlich selbst seit Jahren Technik nutzt, wird damit zum Teil verständlicher. Eine zielführende Debatte erleichtert es aber nicht. An dieser Stelle teile ich das Plädoyer von Reinhard Wolf, das man hier als PDF kostenlos erhält, für mehr Lernbereitschaft in der Demokratie. Er führt auf und belegt, dass intelligente und gebildete Menschen nicht gegen gefühlsgeleitete Realitätsverweigerung immun sind, sondern lediglich ihre subjektive Meinungen besser mit Argumenten untermauern können. Es gilt somit, besonders im digitalen Wandel, die arrogante Sichtweise, es gäbe „manipulierbare Normalbürger“, zu überwinden und vom hohen Ross des Belehrens auf die Ebene des gemeinsamen Lernens und Lösens komplexer Probleme zu steigen. Für mich als Lehrer bedeutet das einen Rollenwandel bezüglich meiner Schüler, in dem ich mich befinde.
Wer bestehende Systeme ernsthaft in Frage stellt, gerät in innere Konflikte zwischen bisherigen und neuen Denkmustern, Ideen und Überzeugungen. Und genau das ist sehr anstrengend, aber wichtig, wenn gemeinsam ein positiver Zukunftsentwurf entwickelt werden soll, der notwendig ist.

Bildschirmfoto 2017-11-11 um 14.35.40„Es gilt ein neues Weltbild auf neuem Terrain zu entwickeln, anstatt den Kampf der Kulturen auf altbekanntem Boden fortzuführen.“

Hinter dieser Aussage stecken eine Studie, Analysen und Visionen, die ich hier nachzulesen empfehle. Die Befähigung zur Mitgestaltung einer für alle lebenswerten Zukunft sehe ich als eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Wie das im Bildungsbereich aussehen kann, gilt es gemeinsam auszuhandeln. Im und außerhalb des Webs.

 

Bildschirmfoto 2017-11-07 um 20.25.56Ende September trafen sich ca. 20 Menschen aus unterschiedlichen Bildungsbereichen zum ersten offenen Bildungsnetzwerk-Treffen im Grünhof in Freiburg, um sich zwei Stunden in lockerer Atmosphäre über das Lernen im digitalen Wandel auszutauschen. Nach zwei kurzen Impulsvorträgen mit anschließender Diskussion über Tutorials und 4K-Settings setzte man sich in Kleingruppen zu vorher formulierten Angeboten zusammen. Am Ende des Abends einigte man sich, dass die zukünftigen Meetups im Barcamp-Format ablaufen sollen, man sich weiterhin alle zwei Monate den jeweils dritten Dienstag trifft und die Schokoladenkekse als tragende Säule beibehält. Hier wird jedes Mal die nächste Facebook-Veranstaltung verlinkt, um sich anmelden oder Freunde und Bekannte einladen zu können. (Dass wir nun auch ein schickes Logo haben und kein Pixabay-Bild mehr nutzen müssen, haben wir Rico Heinrich zu verdanken.)

Auf dieser Seite werden die Protokolle aller Netzwerktreffen veröffentlicht und Personen aufgelistet, die sich als Teil des OBNF verstehen und auch an einem Austausch und Vernetzen außerhalb der Meetups interessiert sind. Diese Kontaktdaten werden immer wieder aktualisiert.

Protokolle

OBNF-Mitgestaltungskreis

  • Benedikt Sauerborn, Lehrer, Walter-Eucken-Gymnasium Freiburg, #4kde, #BeruflicheBildung, #TripleDad, benediktsauerborn@gmail.com
  • Olav Richter, Lehrer, MSG Breisach, #Vieldimensional, #ImDialog, #openreli, Freiburg, olav.richter@t-online.de
  • Philip Stade, Lehrer, Doktorand, Freiburg, #Musik #Geographie #Grundschule, Blog
  • Dejan Mihajlovic, Lehrer, Pestalozzi Realschule, #zeitgemäßeBildung, #D64, #4Kde
  • Karlheinz Müller, stellv. Leiter der Volkshochschule Freiburg
  • Rebecca Davies, Dozentin, Englisches Seminar, Universität Freiburg
  • Olcay Kaya, Lehramtsstudent, PH Freiburg, #zeitgemäßeBildung, #scienceeducation, olcaykaya92@gmail.com
  • Mario Horn, Lehramtsstudent, #SocialMedia, mario.horn.@stud.ph-freiburg.de

Bildschirmfoto 2017-05-21 um 15.19.53Wir teilen unsere Gedanken, Ideen, Projekte und Probleme im Netz, um Mitmenschen daran teilhaben zu lassen, uns auszutauschen oder mit unterschiedlichen Perspektiven kollaborativ an Lösungen zu arbeiten. Strukturelle Hürden werden überwunden, neue Kontakte geknüpft, Synergieeffekte entstehen und zuvor nicht denkbare Möglichkeiten eröffnet. Dieses konstruktive Potential der offenen Netzkultur sollte auch in jeder Stadt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen finden, weil sich die durch die Digitalisierung entstehenden Herausforderungen nicht auf das Web beschränken. Letzte Woche traf ich mich mit Benedikt, Philip und Olav, um für den Bildungsbereich im Freiburger Raum gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Das folgende Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt und bildet ein flexibles Anfangsgerüst, das sich den Entwicklungen des Projekts immer wieder anpassen wird.

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Am 26. September startet um 19.30Uhr im Grünhof das erste zweistündige Meetup, zu dem Lehrende und Lernende aus allen Bildungsbereichen (formale, non-formale, politische, kulturelle oder sonstige Bildung) eingeladen sind, sich in einem und lockeren Format über zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel auszutauschen. Das bisherige Know-how spielt dabei keine Rolle, sondern das Interesse. Im ersten Zeitfenster sollen vorerst zwei greifbare Best-Practice-Beispiele vorgestellt und diskutiert werden. Die Open Space-Methode im Anschluss bietet Raum und Zeit, um an selbst gewählten Themen in den gewünschten Formaten weiter zu arbeiten. Das kann von einer gemeinsamen Entwicklung konkreter Projektideen bis zu kontroversen Debatten über allgemeine Fragestellungen alles sein.

Zeitfenster_BNF_02Ein denkbares Szenario wäre auch, dass sich das Meetup zu einem Barcamp mit jeweils zwei Sessions entwickelt. Grundsätzlich wird alles begrüßt, was Raum für eigene Themen, Fragen und Austausch zulässt.

Um die notwendige Kontinuität zu gewährleisten, planen wir alle zwei Monate am jeweils dritten Dienstag (gleiche Zeit, gleicher Ort) ein Meetup Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg durchzuführen. Der 21. November und der 16. Januar im nächsten Jahr sind auch schon reserviert. Hier findet ihr den Facebook-Link, über den ihr euer Interesse bekunden, eine Zusage machen oder die Veranstaltung sehr gerne bewerben könnt. Wir laden euch herzlich dazu ein, eine offene Bildungskultur in Freiburg mitzugestalten und euch am 26.09.17 oder den anderen Terminen im Grünhof kennenzulernen.

(Fragen, Ideen und Anregungen bitte an mihajlovic.freiburg@gmail.com senden.)