Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Vor Kurzem wurde in sozialen Netzwerken die „#10YearChallenge“ ausgerufen, bei der Personen in der Regel Bilder von sich aus den Jahren 2009 und 2019 posteten, um bestenfalls zu belegen, dass sie sich in diesem Zeitraum kaum verändert haben.

photo-1515378960530-7c0da6231fb1So ähnlich verhält es sich mit den Argumenten, die sich gegen das digitale Schreiben und Lesen wenden: Sie haben sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert.

Kathrin Passigs 2009 veröffentlichter Text „Standardsituationen der Technologiekritik“ hat  bis heute  kaum an Aktualität eingebüßt und gibt ein Bild wieder, wie technischen Neuerungen begegnet wird – und wahrscheinlich wird dieses Bild auch noch bei der „#20YearChallenge“ und darüber hinaus mithalten können.

„Wozu soll das gut sein?“, „Wer braucht das schon?“, „Das nützt nur einer Minderheit und ist lediglich eine Mode, die vergeht.“, „Es wird sich dadurch nichts ändern.“, „Zu welchem Preis?“, „Es überfordert die Schwächeren.“, „Das gehört sich nicht und verändert unsere Denk-, Lese- und Schreibtechnik zum Schlechteren.“

Es sind diese sich stets wiederholenden Kritikmuster und Phrasen oder (hier stark verkürzten) Argumente, die Kathrin Passig in ihrem Beitrag mit vielen Beispielen ausführlicher erläutert. Wer sie einmal verinnerlicht hat, kann zukünftig nicht anders, als technikkritische Texte über die Wichtigkeit der Handschrift oder die Sorge um die Zukunft des Lesens daran zu messen.

Der K(r)ampf mit Argumenten

Es wird gern gewarnt, gewertet und gemahnt, wenn es um das digitale Schreiben oder Lesen geht: Die Feinmotorik gehe verloren, die Anstrengungsbereitschaft lasse nach oder Hirnareale würden weniger aktiviert. Die Argumente werden mit „Früher“-Beispielen durch das Kopfkino emotional aufgeladen. Und Studien, Titel oder – aktuell beliebt – auch eine große Anzahl an Forschern sollen dann diesen Argumenten ein besonderes Gewicht geben, gewissermaßen als Gütesiegel. Alles im Namen der Wissenschaft. Kathrin Passig begründet diese Haltung und Handlung damit, dass in der Regel die eigenen Pfründen gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen.

Dabei wäre gerade in Zeiten von Fake News und gefühlter Wahrheit eine in die breite Gesellschaft verständlich kommunizierende und wirkende Wissenschaft notwendig, die nicht als Gütesiegel für Grabenkämpfe überstrapaziert wird.

Wer also wieder mal die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse bemüht, um (s)eine bestimmte Pädagogik zu legitimieren, sollte vorher das Interview mit Ad Aertsen und Stefan Rotter lesen: Die Hirnforscher erklären darin, wie weit man eigentlich davon entfernt ist, belastbare Schlüsse aus dem bisherigen Wissen über die Grundlagen neuralen Lernens zu ziehen. In jedem Fall sollte man genauer betrachten, was und wie in zitierten Studien untersucht wurde.

Mehr Neugier, mehr Fragen, mehr Verständnis

Es braucht keine weiteren Artikel, gefällige Bücher und Studien, die vorher feststehende Meinungen belegen, sondern ergebnisoffene Fragen, die zu einem besseren Verständnis der Digitalen Transformationsprozesse führen.

Tablets mit Büchern zu vergleichen, indem man sie wie Bücher benutzt, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug mit einem Tretroller zu vergleichen, indem man beide schiebt und jeweils die Geschwindigkeit misst. Das Lesen und das Schreiben verändern sich, keine Frage. Aber auch deren Maßstäbe und Kontexte erfordern, im Rahmen des digitalen Wandels neu gedacht oder zumindest berücksichtigt zu werden.

Menschen schreiben und lesen zunehmend digital. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach anders. Das ist auch keine Nebenerscheinung der Digitalen Transformation, die es zu bändigen gilt, sondern das zentrale Element einer Welt, die von vernetzten Computern als Leitmedium geprägt ist.

Während noch darum gekämpft wird, zu beweisen, dass Schreiben von Hand besser sei als digitales Schreiben, werden bereits Sprachnachrichten verschickt und Siri, Alexa und Co. befragt. Der kulturelle Wandel schreitet zügig voran, ist aber gestaltbar. Dafür muss er verstanden werden. Wagen wir deshalb etwas mehr Neugier und offene Fragen.

Beiträge, die ich für D64 verfasse, veröffentliche ich später auch auf diesem Blog, um möglichst viele meiner Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

jon-tyson-520850-unsplash-e1551090613720Nach einer Einigung im Vermittlungsausschuss ist der DigitalPakt Schule am 21. Februar im Bundestag beschlossen worden. Damit werden in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro aus dem Bund in den Bildungsbereich fließen, die hoffentlich nachhaltig investiert den Einstieg in eine vernünftige digitalen Infrastruktur in Schulen ermöglichen sollen. Aus Sicht von D64 ist das zwar wegweisend und zu begrüßen, kann aber nur ein Anfang sein. 

Vielmehr setzt sich D64 dafür ein, dass zeitgemäße Bildung nicht einfach als das zur Verfügung Stellen von Infrastruktur begriffen, sondern als grundlegender Wandel in der Herangehensweise an Bildungsfragen begriffen wird. 

So hatte die  Kulturministerkonferenz der Länder in ihrem im Dezember 2016 veröffentlichten Strategiepapier der Kultusministerkonferenz Bildung in der digitalen Welt sich auf einen verbindlichen Rahmen geeinigt, und richtig erkannt, dass es dafür vor allem neue erforderliche Kompetenzen und Voraussetzungen und ihre Förderung braucht. Gut zwei Jahre später stellt sich die Fragen, wie viel davon bisher jeweils umgesetzt wurde und ob  ein Investitionspaket genügt, um den kulturellen Wandel, der durch die Digitale Transformation nötig ist, auch im notwendigen Ausmaß im Bildungsbereich zu erreichen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren meistens die Technik und ihr “Mehrwert” in den Debatten über Digitales im Bildungsbereich im Mittelpunkt stand und dabei gerne der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Kultur der Digitalität, verloren ging. Es wird nicht umsonst bevorzugt über Tablet-Klassen, Apps und Lernplattformen diskutiert. Welches Bildungsverständnis braucht es aber in einer Kultur der Digitalität? Was sich zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt, ist, dass das Digitalisieren von Prozessen und Strukturen aus dem Buchdruckzeitalter nicht genügen wird.

Damit die über 730 000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland neue technische Möglichkeiten im Kontext des kulturellem Wandels wirksam und nachhaltig aufgreifen können, benötigt es neben der Technik auch physische, zeitliche und kognitive adäquate Räume. Dafür sind flache Hierarchien, Interdisziplinarität, grenzüberschreitende Vernetzung und Austausch notwendig, die leider auch die am schwierigsten zu erreichenden Veränderungen darstellen, weil es dabei um geistige Hürden, bzw. eine tief verankerte Haltung geht. D64 fordert deshalb, dass nach Verabschiedung des DigitalPaktes, dass

  • administrative Tätigkeiten an Schulen von dafür eingestelltem Personal übernommen werden, damit Lehrkärfte sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren können und eine stets funktionerende digitale Infrastruktur aufgebaut und konstant gewähleistet werden kann.
  • auch Ressourcen bereitgestellt werden, die wirksame und nachhaltige Schulentwicklung im Laufe des Schulalltags ermöglichen. Hier schlagen wir die “20-Prozent-Zeit” vor. Jeden fünften Tag, bzw. einen Schultag sollen Lehrerinnen und Lehrer frei vom Arbeitsalltag sich um eigene Projekte, im Rahmen von Schulentwicklung, kümmern können. Innovation braucht Freiräume.
  • Strukturen, Projekte und Veranstaltungen, die regional, grenzübergreifend und auch interdisziplinär Vernetzung und Austausch ermöglichen, unterstützt und gefördert werden.

Der Erfolg vom Auftakt mit den finanziellen Mitteln des DigitalPakts Schule wird von der Bereitschaft der jeweiligen Entscheidungsträger innerhalb der Länder und Kommunen abhängen, sich zu öffnen, transparenter zu agieren, regionale Potenziale in die Prozesse zu involvieren und attraktive Freiräume für die Entwicklung von wirksamen Konzepten und Innovation zu ermöglichen. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Dialog und einer veränderten Haltung gelingen.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

„Blocken ist Freiheit: Nervige, pöbelnde, hasserfüllte Stimmen aus der eigenen Wahrnehmung zu entfernen, gehört zu den wichtigsten Kulturtechniken in sozialen Netzwerken. Nur Ahnungslose halten Blocken für Zensur.“

Bildschirmfoto 2019-01-03 um 17.51.02Mit diesen Worten hat Sascha Lobo seinen aktuellen Kolumnenbeitrag Lob des Blockens eingeleitet, in dem er das Blocken in sozialen Netzwerken feiert, empfiehlt und sogar von einem digitalen Menschenrecht spricht. Eine Kolumne verstehe ich allgemein eher als einen Impuls, der auch gerne polarisieren darf und keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt. Weil ich davon ausgehe, dass dieses Verständnis nicht alle teilen, möchte ich hier meine Auffassung kurz begründen und seinen Beitrag um zwei weitere Perspektiven ergänzen.

Die Aussage, dass die Welt immer komplexer wird, ist eine Standard-Folie bei allen Vortragenden, die über die Digitale Transformation referieren. Die Einigkeit in diesem Punkt liegt u.a. daran, dass jeder die zunehmende Komplexität der Welt zumindest gefühlt bestätigen kann. Das Blocken stellt keine Ausnahme dar, unterliegt ebenfalls dieser Komplexität und kann nur im jeweiligen Kontext beurteilt werden. Zwei Betrachtungen zu Wer und Weshalb sollen das exemplarisch verdeutlichen.

Wer blockt?

Wenn Sascha Lobo über das Blocken in sozialen Netzwerken schreibt, dann als jemand, der heute über 731 000 Follower bei Twitter und über 43 000 Abonnenten bei Facebook hat (Ja, ich weiß, dass eine hohe Follower-/Abonnentenzahl nicht automatisch eine hohe Reichweite bedeutet. Das ist aber ein anderes Thema und würde hier den Rahmen sprengen.) oder jemand, der seit vielen Jahren zu den prominentesten Köpfen zählt, die beim Thema „Digitalisierung“ vor die Kamera oder auf die Bühne gebeten werden. Das heißt, dass er durch seine Bekanntheit a.) weitaus mehr Benachrichtigen erhält als Horst aus Buxtehude oder ein Lehrer wie ich und b.) für Trolle, bzw. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Kommunikation erschweren oder sogar zerstören (möchten), attraktiver ist. Wenn er von Schutz oder Bewahrung der konstruktiven Kommunikation spricht, ist das einen andere Hausnummer und lässt sich nicht kontextfrei auf jeden Account, bzw. jede Person 1:1 übertragen.

Weshalb wird geblockt?

Natürlich hat Sascha Lobo recht, dass Blocken keine Zensur ist und Meinungsfreiheit nicht bedeutet, jede Meinung anhören zu müssen. Was er mit dem Blocken aber u.a. erreichen möchte, beschreibt er so:

„Wenn man die Knalltüten blockt, fällt es leichter, klüger und weniger aggressiv vorgetragene Gegenmeinungen überhaupt wahrzunehmen. Vorher gehen sie oft im Getöse unter.“

In seinem Beitrag fehlt der Aspekt, dass zumindest bei Twitter die gleiche Wirkung mit dem Muten, bzw. Stummschalten erreicht werden kann. (Eigentlich ist das „gemeiner“ als Blocken, weil die stummgeschaltete Person nicht erfährt, dass sie ignoriert wird. Man nimmt so mancher Person auch die Genugtuung, geblockt worden zu sein. Von Person x geblockt zu werden wird bei Twitter nicht selten wie eine Auszeichnung gefeiert.)

Ich kommuniziere seit fünf Jahren über Twitter und genieße ebenfalls die von Sascha Lobo erwähnte Freiheit, das eigene soziale Netzwerk aufzubauen und zu verändern. Dabei habe ich jede Menge Zeit in Debatten rund um das Thema Bildung im digitalen Wandel investiert, sehr viele Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt und leider feststellen dürfen, dass manche von ihnen das Blocken bewusst einsetzen, um einer kontroversen Diskussion bequem auszuweichen. Besonders dann, wenn es um ihre eigenen Beiträge geht, die sie gerne im Netz beherzt, aber nicht hinterfragt wissen möchten. Was unterschiedliche (aus meiner Sicht nicht positive) Auswirkungen zur Folge hat. Auch das, woran Lobo zweifelt: Im eigenen Saft zu kochen. Dass meine Berufsgruppe nicht zwingend zur kritikfähigsten zählt, hat verschiedene Gründe. Trotzdem würde ich diese Auswirkungen des konsequenten Blockens nicht allgemein für alle anderen Themen und Gruppierungen wie er ausschließen wollen. Für mich bleibt das Blocken weiterhin nur eine Möglichkeit des Schutzes vor Trollen und die Bestätigung einer gescheiterten Kommunikation. Nichts, das ich feiern würde.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Lehrende und Lernende kommunizieren und arbeiten über eine digitale Plattform miteinander – diese Idee erscheint aus verschiedenen Perspektiven attraktiv. Und diese Vision hat bereits einige bundeslandspezifische, aber auch bundesweite Projekte hervorgebracht. Sie heißen „Schul-Cloud“, „Ella“, „Logineo“ oder ganz aktuell „Milla“.

Jedes dieser Vorhaben hat eine eigene und lange Geschichte. Und doch eint sie die Vorstellung – so zumindest deren Vermarktung –, eine neue Lösung dafür zu sein, wie junge Menschen auf das Zeitalter der digitalen Transformation ausreichend vorbereitet werden können. Wie viel „neu“ und wie viel „Lösung“ stecken aber tatsächlich in den digitalen Bildungsplattformen?

Digitale Transformation statt Digitalisierung

canned-food-570114_1920Vielleicht liegt es an dem lange und viel zu häufig verwendeten schwammigen Begriff „Digitalisierung“und dem gedanklichen Rahmen, den er schafft, dass die digitale Transformation – beziehungsweise der kulturelle Wandel, der für die grundlegenden Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung steht – missverstanden wurde und wird. Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Wer sich digitale Bildungsplattformen ansieht, stellt fest, dass das Lernsetting in der Regel weiterhin unverändert bleibt. Zwar können Zugriff und Hochladen von Aufgaben zeit- und ortsunabhängig praktisch sein, wenn sich alle Beteiligten von einem neuen Kommunikationskanal überzeugen lassen. Am Ablauf und den Rollen aber hat sich nichts geändert. Die Lehrkräfte heißen nun „Admins“, behalten weiter die Kontrolle, und Klassen pflegen ihre Lösungen ein – alles digital. Das Lernen wird durch Datenerhebung optimiert und effizienter gestaltet. Welche Lernprozesse braucht es aber tatsächlich in einer sich ständig schneller wandelnden Welt?

Schutz durch Selbstschutz

Weil der geschützte Rahmen von digitalen Bildungsplattformen oft hervorgehoben wird, möchte ich einen Vergleich skizzieren. Nehmen wir an, das Internet sei das Verkehrsnetz. Dann wäre die digitale Bildungsplattform so etwas wie das Fahrrad-Testgelände in der Grundschule. Die Schülerinnen und Schüler könnten hier im geschützten und den Lehrkräften bekannten Umfeld die Verkehrsregeln erlernen und sich sicher fortbewegen. Fehler werden gleich erkannt und korrigiert, ohne große Gefahren. Nach dem Fahrradführerschein werden die Radwege im regulären Verkehrsnetz erkundet – in der Regel nur im Beisein der Eltern oder älteren Geschwister.

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen. Dabei wird gern unterschlagen, dass das Internet neben den medial wirksamen Gefahren auch jede Menge Potenziale birgt. Offenheit, Freiheit und Selbstbestimmung sind wesentliche Elemente des kulturellen Wandels. Erst sie haben das Netzwerken über alle Grenzen hinweg ermöglicht. Ein mündiger, souveräner Auftritt im Netz und eine digitale Identität können nicht in abgeschlossenen Systemen erlernt und entwickelt werden. Schulen müssen sich öffnen, ihre Strukturen und Prozesse an der digitalen Transformation orientierend reflektieren und begleitete Experimentierfelder bieten – auch im Netz.

doors-3798125_1920Die Digitale Transformation, bzw. die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung ist ein hochkomplexes und global zusammenhängendes kulturelles Geflecht. Die Auseinandersetzung damit muss auf allen Ebenen stattfinden, besonders auf der regionalen. Interdisziplinäres Denken und Handeln bilden dabei essentielle Kompetenzen, auf der Suche nach Lösungen oder bei der Entstehung von Innovation und gesamtgesellschaftlicher kultureller Teilhabe.

Wer Veranstaltungen zur Digitalisierung, Digitalen Bildung, Arbeit oder einem anderen Platzhalter, sichtet, stellt fest, dass in der Regel der Fokus auf eine Zielgruppe, bzw. ein Thema gelegt wird. Hier fehlt es oft an Systemdenken, der Transformationsprozess wird nicht als kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel verstanden oder die Verantwortung kann oder wird nur für den eigenen Bereich gesehen und übernommen. So werden bei diesen Events meist Bedarfe und Bedürfnisse erhoben und formuliert, denen von Beginn an eine Vielfalt von Perspektiven und Expertisen fehlt. Deutlich wird das spätestens im nächsten Schritt, wenn konkrete Handlungen verfasst werden, diese interdisziplinär sind und verantwortliche Personen, Institutionen oder Unternehmen sich nicht zuordnen und finden lassen. 

Wie können aber fachliche Verantwortlichkeiten überwunden werden, wenn dafür weder die Strukturen noch notwendigen Haltungen vorhanden sind? Es braucht offene, flexible, barrierefreie, physische und gedankliche Räume, in denen Menschen sich als Gestalterinnen und Gestalter neu entdecken und erfinden (können). Hier sind auch regionale Institutionen und Unternehmen gefordert und in der Verantwortung, diesen Rahmen, in dem interdisziplinäres Denken und Handeln stattfinden können, zu schaffen, innerhalb dieser Begegnungsstätten unterstützend zu wirken, zu begleiten und zu fördern. Das große Potenzial eines kulturellen Wandels liegt aber weiterhin in der Zivilgesellschaft und deren Beteiligung. Die regionale Aufgabe lautet somit: Interdisziplinäre Begegnungen und kulturelle Teilhabe ermöglichen.

Angebote allein generieren nicht automatisch Partizipation. Das lässt sich an den kommunalen, digitalen Beteiligungsplattformen beobachten, die zunehmend an Beliebtheit erfahren und meist den Beleg des guten Willens, der Bevölkerung eine Beteiligung zu ermöglichen, nicht überschreiten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Ein meist unterschätzter dabei ist, dass Beteiligung gelernt werden muss. Und weil niemand etwas müssen möchte, kann nur über gesamtgesellschaftlich zugängliche und attraktive Angebote ein Wollen erreicht werden. Die Attraktivität besteht nicht allein aus der Möglichkeit der Beteiligung, sondern auch aus Elementen wie allgemeine Zugänglichkeit, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit.

Bestrebungen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, sind zäh, kräfteraubend und spätestens seit der Erkenntnis, dass Systeme sich selbst erhalten, teilweise vorab zum Scheitern verurteilt. Hier liegt das stärkste Argument für interdisziplinäre Räume. Die gesellschaftlich notwendigen, aber auch möglichen Lösungen und Innovationen im Transformationsprozess befinden sich in den noch unbeschriebenen und unbesetzten Zwischenräumen und müssen gar keine Konkurrenz zum Bestehenden bilden – im Gegenteil. Auch sie profitieren von den Experimentierräumen, die Freiheiten bieten, bzw. strukturelle Hürden überwinden oder Potenziale offenlegen und fördern. Was die schlechte und gute Nachricht zugleich darstellt. Die Verantwortung muss zwar übernommen werden, aber die Freiheit der Gestaltung ist dabei offen. Alle sind hier gefordert. (In Freiburg gibt es seit einige Monaten ein zivilgesellschaftliches Angebot, das alle Bürgerinnen und Bürger einlädt, diese Zwischenräume gemeinsam und regional zu gestalten.) Die langfristige, regionalgesellschaftliche Aufgabe lautet somit, sich neu zu entdecken und zu erfinden, interdisziplinär gestaltendend, im kulturellen Wandel.

Bildschirmfoto 2018-11-03 um 14.31.05„Soziale Netzwerke eignen sich nicht für Diskussionen.“ Diese Meinung ist weit verbreitet und resultiert aus den Erfahrungen, die jeder selbst schon mal bei Debatten in Social Media gesammelt hat. Begründet wird das oft mit dem Fehlen von Mimik, Gestik oder dem Ton des Gegenübers und der Reduzierung der Kommunikation auf die Schrift. Oder einer enthemmenden Anonymität und veränderten Öffentlichkeit. Die Bewertung, soziale Netzwerke würden sich für Diskussionen nicht eignen, lädt aber auch ein, sich dem Diskurs zu entziehen oder sich von der Verantwortung (bezüglich einer Beteiligung oder dem Verlauf einer Debatte) freizusprechen und unterliegt meiner Meinung nach einem Denkfehler: Es wird zwar wahrgenommen, dass die Möglichkeiten der Kommunikation sich wandeln, es wird aber (gedanklich) daran festgehalten, dass die Kommunikation selbst dabei unverändert bleiben soll.

Es wird mehr und anders kommuniziert, weshalb der Kommunikation im kulturellen Wandel eine entscheidende Rolle spielt. Wie eine adäquate Anrede oder Grußformel am Ende eines Briefes auszusehen hat, habe ich vor ca. 30 Jahren in der Schule gelernt. Weder eine solche klare und einheitliche Etikette noch das gemeinsame Erlernen existieren heute für die Kommunikation in Social Media, weil es u.a. in Schulen nicht stattfindet oder jedes soziale Netzwerk eigenen Regeln unterliegt. Beispielsweise duzen sich bei Twitter die meisten Nutzerinnen und Nutzern untereinander, unabhängig von Bekanntheit, Amt oder Titel. (Was mir das Netzwerk besonders sympathisch macht.) Das Sie wird (zumindest in meinem Umfeld) eher bei einem Streit mit Unbekannten ausgepackt. Eine sich immer schneller ändernde Technik, Wirkung und Anwendung erschwert, dass ein allgemeiner Konsens gefunden und etabliert wird. Auch der Einfluss der Plattformbetreiber selbst, ist in diesem Kontext nicht zu unterschätzen. Es sind in den letzten Jahren schließlich ausreichend Fälle öffentlich und kontrovers diskutiert worden, die belegt haben, dass nicht alle die Auffassung von Facebook teilen, was als gesellschaftlich akzeptabel oder nicht bewertet werden soll.

Wenn Diskussionen über soziale Netzwerke nicht funktionieren, kann das auch bedeuten, dass bereits vorher bestehende kommunikative Defizite vorhanden waren und nun nur sichtbar werden oder dass schlicht die Vorstellungen, wie eine erfolgreiche Kommunikation zu verlaufen hat, voneinander abweichen. Vielleicht trägt auch die überholte Auffassung, Medien seien nur ein Transportmittel, zum Missverständnis sozialer Netzwerke bei. Wer über Social Media diskutieren möchte, wird mit der reinen Übertragung bisheriger Verhaltensmuster scheitern. Neues Wissen und weitere Kompetenzen sind gefragt. Es handelt sich hierbei auch um keine (rein) schulische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Ein gemeinsamer Prozess mit und über Social Media. Immer wieder die eigene Kommunikation selbst und mit Freunden oder Bekannten zu reflektieren, hilft (allen) dabei. (Mich persönlich interessieren zunehmend psychologische Aspekte wie FramingProjektion oder Reaktanz.) Das wird unbequem und langer dauern, aber ist Teil des der Digitalen Transformation.