Es genügt meiner Meinung nach nicht, sich nur Gedanken zu machen, was zeitgemäße Bildung sein könnte, wenn man nicht auch nach günstigen Bedingungen und Wegen sucht, die eine Entwicklung dahingehend initiieren, vorantreiben und aufrechterhalten. Seit diesem Schuljahr darf ich als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Staatlichen Schulamt Freiburg diesbezüglich Erfahrung sammeln. Den Anfang bildet das Angebot Barcamp – ein Format für zeitgemäße Schul- und Unterrichtsentwicklung (bei LFB-Online unter der Lehrgangsnummer 36087283 zu finden) für Schulleitungen am 26. Oktober 2017 im Waldhaus, auf das ein auf Schulen zugeschnittenes Abrufangebot (bei LFB-Online unter der Lehrgangsnummer 36087285 zu finden) folgt. Ich möchte kurz begründen, weshalb ich mich für ein Barcamp entschieden habe.

Bildschirmfoto 2017-09-22 um 18.41.27Im Web trifft man Pioniere, die den digitalen bzw. kulturellen Wandel im Bildungskontext neu denken und an Lern- und Lehr-Settings arbeiten, die den Anforderungen zeitgemäßer Bildung gerecht werden sollen. Wenn man aber in ein durchschnittliches Lehrerzimmer blickt, wird man selten Menschen vorfinden, die an ähnlichen Konzepten arbeiten. Mein induktiver Ansatz, der an diesem Zustand etwas ändern soll, resultiert aus den Beobachtungen und dem Austausch der letzten Jahre im Netz und auch offline. Um zu struktureller und inhaltlicher Arbeit zeitgemäßer Bildung zu gelangen, müssen im ersten Schritt Denk- und Freiräume geschaffen werden, die Lehrpersonen dazu hinführen, sich von bisherigen Denk- und Handlungsmustern zu lösen. Kein anderes Format erscheint mir hierfür passender als ein Barcamp: Ein offenes, flexibles, partizipatives, weder hierarchisches noch geplantes Veranstaltungsformat, dessen Regeln die von klassischen Fortbildungen aushebeln. Es setzt bisher brach liegende Potenziale frei und leitet ein Umdenken in vielen Bereichen, wie z.B. dem Arbeits- und Rollenverständnis, ein, das den nächsten Schritt, die Erkenntnis der Notwendigkeit, erleichtert. Erst wenn die Tragweite des digitalen Wandels erkannt und als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, erhält zeitgemäße Bildung im Rahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung eine echte Chance. Wirksam und nachhaltig ist sie nur, wenn allen am Schulleben Beteiligten ein Zugang ermöglicht wird und von ihnen getragen werden kann.

Unterstützung
Was mich am Arbeiten und Denken im Web begeistert, ist die Kollaboration und Solidarität, der ich immer wieder begegne. Wieder einmal setze ich darauf, dass Kollegien und Schulleitungen im Raum Freiburg und Umgebung von diesem Angebot über die Menschen erfahren, die im Netz stattfinden. Vielen Dank im Voraus für eure Unterstützung.

Bildschirmfoto 2017-05-21 um 15.19.53Wir teilen unsere Gedanken, Ideen, Projekte und Probleme im Netz, um Mitmenschen daran teilhaben zu lassen, uns auszutauschen oder mit unterschiedlichen Perspektiven kollaborativ an Lösungen zu arbeiten. Strukturelle Hürden werden überwunden, neue Kontakte geknüpft, Synergieeffekte entstehen und zuvor nicht denkbare Möglichkeiten eröffnet. Dieses konstruktive Potential der offenen Netzkultur sollte auch in jeder Stadt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen finden, weil sich die durch die Digitalisierung entstehenden Herausforderungen nicht auf das Web beschränken. Letzte Woche traf ich mich mit Benedikt, Philip und Olav, um für den Bildungsbereich im Freiburger Raum gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Das folgende Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt und bildet ein flexibles Anfangsgerüst, das sich den Entwicklungen des Projekts immer wieder anpassen wird.

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Am 26. September startet um 19.30Uhr im Grünhof das erste zweistündige Meetup, zu dem Lehrende und Lernende aus allen Bildungsbereichen (formale, non-formale, politische, kulturelle oder sonstige Bildung) eingeladen sind, sich in einem und lockeren Format über zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel auszutauschen. Das bisherige Know-how spielt dabei keine Rolle, sondern das Interesse. Im ersten Zeitfenster sollen vorerst zwei greifbare Best-Practice-Beispiele vorgestellt und diskutiert werden. Die Open Space-Methode im Anschluss bietet Raum und Zeit, um an selbst gewählten Themen in den gewünschten Formaten weiter zu arbeiten. Das kann von einer gemeinsamen Entwicklung konkreter Projektideen bis zu kontroversen Debatten über allgemeine Fragestellungen alles sein.

Zeitfenster_BNF_02Ein denkbares Szenario wäre auch, dass sich das Meetup zu einem Barcamp mit jeweils zwei Sessions entwickelt. Grundsätzlich wird alles begrüßt, was Raum für eigene Themen, Fragen und Austausch zulässt.

Um die notwendige Kontinuität zu gewährleisten, planen wir alle zwei Monate am jeweils dritten Dienstag (gleiche Zeit, gleicher Ort) ein Meetup Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg durchzuführen. Der 21. November und der 16. Januar im nächsten Jahr sind auch schon reserviert. Hier findet ihr den Facebook-Link, über den ihr euer Interesse bekunden, eine Zusage machen oder die Veranstaltung sehr gerne bewerben könnt. Wir laden euch herzlich dazu ein, eine offene Bildungskultur in Freiburg mitzugestalten und euch am 26.09.17 oder den anderen Terminen im Grünhof kennenzulernen.

(Fragen, Ideen und Anregungen bitte an mihajlovic.freiburg@gmail.com senden.)

Das deutsche Schulsystem und die Lehrer-Ausbildung wurden immer schon breit diskutiert. Ich möchte mit diesem Beitrag einen Blick auf die Lehrer-Fortbildungen (in Baden-Württemberg) richten und zur weiteren Debatte anregen. In Baden-Württemberg bieten Fortbildner, die als Experten gefragt wurden oder sich als solche beworben haben, an unterschiedlichen Standorten und zu allen schulischen Themen Fortbildungen an. Veranstalter ist die Abteilung 7 – Schule und Bildung der jeweiligen vier Regierungspräsidien in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg oder Tübingen. Die Angebote werden in der Regel nach Bedarf generiert; meist spielen schulpolitische Entscheidungen des Landes, Anmeldezahlen bei bereits bestehenden bzw. vergangenen Angeboten oder Anregungen der Fortbildner eine Rolle. Ich möchte den Ablauf und das Problem am Beispiel Medienbildung kurz skizzieren:

Mit dem Schuljahr 2016/17 greift in Baden-Württemberg der neue Bildungsplan und mit ihm die Einführung der Leitperspektive Medienbildung. In Klasse 5 muss dazu ein Basiskurs durchgeführt werden. Um die Umsetzung zu gewährleisten, wird bis Juli 2016 die Fortbildung Umsetzung Basiskurs Medienbildung in Klasse 5 mehrfach an unterschiedlichen Standorten des Landes angeboten, damit einzelne Kollegen, die diese Aufgabe an ihrer Schule übernehmen sollen, darauf vorbereitet werden. Alle Infos rund um die Leitperspektive Medienbildung, den Basiskurs und die dazugehörigen Fortbildungen findet man hier. Mit dieser Vorgehensweise kommt das Land seiner Pflicht nach, Lehrer zur Umsetzung des Bildungsplans zu befähigen. Nennen wir es ein machbares Minimalziel. Wenn man aber langfristig das Erreichen der formulierten Ziele für die Leitperspektive Medienbildung ernsthaft anstrebt, wird man eine andere Form der Weiterbildung, Vernetzung und Arbeit von Lehrern benötigen.

Das aktuelle Fortbildungssystem

Fobi_BawueEin kleiner ausgewählter Kreis von Fortbildnern gibt Wissen punktuell an einen großen Kreis von Lehrern linear weiter. Die Rollenverteilung ist eindeutig auf den Wissensvermittler und Wissensempfänger festgelegt. Was dazu führt, dass Lehrer, die ebenfalls über Know-how verfügen, sich erst gar nicht zu Fortbildung anmelden, weil nach diesem Muster ein Austausch (in der Regel) nicht vorgesehen ist. Das ist aber nicht das einzige Problem dieses Fortbildungsformats. Lehrer einzeln fortzubilden, damit sie dann das Know-how in ihrer Schule als Multiplikatoren streuen und verankern, funktioniert kaum bis gar nicht. Sobald ein Lehrer an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, verpufft der Elan durch das neu erworbene Wissen bereits nach kurzer Zeit, weil er die Hürden des schulischen Alltags (alleine) nicht überwinden kann. Ergänzend zu diesem klassischen Modell gibt es noch die Möglichkeit, dass Fortbildner an eine Schule kommen, um mit dem (ganzen) Kollegium vor Ort zu arbeiten. (Diese Variante scheint, nach Austausch mit einigen Kollegen unterschiedlicher Schularten und Bundesländer, effektiver zu sein. Die Ressourcen für diese Art der Fortbildung sind aber gering.) Einen weiteren Knackpunkt sehe ich bei den Fortbildnern selbst. Die Anzahl ist begrenzt, Qualität nicht garantiert und Transparenz nicht gegeben. Welche Tragweite die finanziellen Aspekte in dieser Zusammensetzung haben, kann ich nicht abschätzen. Ich vermute aber auch hier Luft nach oben.

Wir brauchen offene Fortbildungsformate

Offene_FobiDie größte Schwäche des bisherigen Systems liegt beim brachliegenden Potential. Da nicht jeder Lehrer Fortbildner sein kann oder es nach dem jetzigen Verfahren möchte, bleibt viel Know-how ungenutzt. Deshalb brauchen wir offene Fortbildungsformate, die dem entgegenwirken. Im Barcamp-Format sehe ich eine Möglichkeit. Hier kann jeder völlig unkompliziert, ohne weitere Verpflichtungen und für eine kurze Zeit die Rolle des Fortbildners übernehmen. Da eine Barcamp-Session immer Raum für einen Austausch bietet, verläuft die Wissensvermittlung nicht linear, sondern kann dazu führen, dass Konzepte weiterentwickelt werden oder neue Ideen entstehen. Man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand und vernetzt sich. In der schul-, schulart- oder landesübergreifenden Vernetzung von Lehrern sehe ich ein großes Potential; nein, eine Notwendigkeit, wenn man den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gerecht werden möchte. Bei Barcamps bleibt das erworbene Wissen nicht nur bei den Teilnehmern, weil es in der Regel protokolliert und öffentlich zu Verfügung gestellt wird. Mir gefällt auch die effiziente Bedarfsanalyse, indem man schlicht die Anwesenden nach ihrem Interessen fragt. Gerade im Bereich der Medienbildung, in dem sich das Wissen in permanenter Weiterentwicklung befindet, brauchen wir solche flexible Strukturen, um den Bogen zu meinem anfänglichen Beispiel zu spannen.

Ich weiß, dass Systeme sich selbst erhalten und mein Wunsch nach einer Änderung diesen Blog höchstwahrscheinlich nicht verlassen wird. Deshalb schlage vor, ergänzende Angebote zu schaffen. Zum Teil gibt es sie schon: Die zahlreichen Educamps oder der jährliche DED (Digital Education Day) der Stadt Köln sind gute Beispiel dafür. Das genügt aber nicht. Auch hier pilgert eine überschaubare Gruppe von engagierten Lehrern von einem zum nächsten Ort der Republik; am Wochenende oder in der unterrichtsfreien Zeit und auf eigene Kosten. Der Anspruch dieser Lehrer, ihren Unterricht an die gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen anzupassen, braucht mehr als verbale politische Unterstützung. Die Verantwortung hierfür sehe ich nicht beim Land allein. Jede Gemeinde bzw. Stadt müsste sich Gedanken machen, ob und welche Schritte sie diesbezüglich leisten kann, möchte oder sogar sollte. Ich werde mich zumindest dafür einsetzen, dass diese Fragen in Freiburg diskutiert werden. Da politsche Entscheidungen einen langen Atem haben, lohnt es sich immer einen Plan B zu entwickeln.

Plan B – Schulen als dezentrale Lösung

Weshalb veranstalten nicht Schulen ein offenes Barcamp? Man könnte mit ein paar Schulen starten und anschließend die Umsetzung evaluieren und optimieren. Die Idee stammt von Rüdiger Fries, mit dem ich kürzlich telefonierte, um mich zum Thema Lehrerfortbildungen auszutauschen; wobei wir nach Antworten auf die Frage „Wie bekommt man die Lehrer, die zu solchen Formaten noch keinen Zugang haben, mit ins Boot?“ suchten. Dass und wie es klappen kann, hat Felix Schaumburg freundlicherweise hier dokumentiert. In seinem Fall ging es um das Thema Schulentwicklung und war nicht offen für schulexterne Teilnehmer. Die dezentrale Lösung, mit Schulen als selbständige Entwickler von Fortbildungsangeboten, würde bedeuten, dass Lehrer ihre passive Rolle aufgeben. Dafür wäre ein Umdenken im Lehrerzimmer und ein emanzipatorischer Prozess notwendig. Ein langer, steiniger aber auch notwendiger Weg.