Bildschirmfoto 2017-03-12 um 15.09.55Soziale Netzwerke sind schon lange keine Kanäle mehr, in denen man ausschließlich Freunde und Bekannte informiert, wo man zuletzt im Urlaub war oder wie einzigartig man das eigene Kind findet. Das gesellschaftliche Zusammenleben kann man nicht (mehr) in online und offline trennen. Für meinen Workshop (hier geht es zu den Slides meiner Präsentation) in Oldenburg notierte ich mir in den letzten Monaten lediglich die Live-Stream-Angebote meiner Facebook-Timeline. Die Liste fiel lang aus. Hier nur ein paar Beispiele: Reden von Parteitagen, die Bundespressekonferenz, die Polizeipressekonferenz zum Fall der ermordeten Studentin in Freiburg, Demonstrationen aus unterschiedlichen Ländern, Lesungen des SZ-Magazins, Podiumsdiskussionen, TV-Sendungen (z.B. Monitor), musikalische Auftritte (z.B. Konzert der Beginner) oder ein Champions League-Spiel hätte ich mir ansehen können. Die Relevanz sozialer Netzwerke auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene kann allein durch diese kurze Aufzählung erahnt werden. Information und Kommunikation haben sich rasant und ohne eine breite öffentliche Debatte weiterentwickelt. Meine Zustimmung oder mein Unmut eines gelesenen oder gesehenen Beitrags werden transparent, Bekanntschaften neu bewertet bzw. geprüft und Diskussionen werden mittlerweile mit bekannten und unbekannten Mitmenschen geführt. Ein Resultat davon findet man auch in den Kommentarspalten umstrittener Beiträge im Web. Wie gehe ich mit Leuten um, deren politische Meinung ich nicht teile? „Entfreunden“ oder das Gespräch suchen? Ab wann kann oder sollte man Dinge nicht unkommentiert stehen lassen? Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf politische Meinungsbildung bzw. Entscheidungen? Wie frei bin ich in der Wahl der wahrnehmenden Beiträge, wenn Algorithmen meine Timeline mitbestimmen? Was bedeuten all diese Fragen für unsere Gesellschaft und mich als Einzelperson? Ist die Demokratie durch das Web gefährdet? Welche Rolle spielen Daten (aus soziale Netzwerken)? Wir streiten gerade Werte, Normen und Rollen neu aus. Es geht um unser zukünftiges Zusammenleben. Weshalb das ohne junge Menschen geschehen soll, leuchtet mir nicht ein. Deshalb wüsche ich mir Social Media im Unterricht. Für diejenigen, die an dieser Stelle denken sollten, dass junge Menschen ohnehin schon viel zu viel in sozialen Netzwerken abhängen und Digital Natives sich die Kenntnisse automatisch erwerben: Die digitale Identität und souveränes Bewegen im Web müssen gelernt werden. Und ich behaupte, dass es nicht wenige Menschen sind, die dabei eine Unterstützung benötigen. Es bietet sich auch an, zu erarbeiten, wo und wie man gute und seriöse Social Media-Accounts findet und auf einige davon hinzuweisen, um eine Orientierung im Web zu erleichtern.

Lehrende in Social Media
Bildschirmfoto 2017-03-12 um 15.13.43Soziale Netzwerke stehen auch für den digitalen Wandel. Man scheitert, wenn man sich mit zwischen zwei Buchdeckel gepresstem Wissen über dieses Thema „ausreichend“ informieren möchte. Die Webkultur ist durch die unzähligen Perspektiven bedingt greifbar, entwickelt sich permanent weiter und ist an die eigene Person geknüpft. Deshalb möchte ich Lehrenden, die noch diesbezüglich am Anfang stehen, (m)einen möglichen Weg skizzieren, wie man zu Grundwissen gelangen kann:
1.) Sozialen Netzwerken beitreten
Erwachsene und junge Menschen unterscheiden sich sowohl in Wahl als auch Nutzung sozialer Netzwerke. Es empfiehlt sich beides im Blick zu behalten. Die Ein-Prozent-Regel nimmt euch vielleicht ein wenig den Druck, gleich loslegen zu müssen. Zuerst empfiehlt es sich zu lurken und dabei den nächsten Schritt zu beachten.
2.) eigene und fremde Nutzung beobachten und diskutieren
Auch hier gilt es das Gespräch mit Jung und Alt zu suchen. Ich debattiere und reflektiere (kritisch) regelmäßig mit Freunden meine und mit Schüler*innen deren Nutzung sozialer Netzwerke. Allen, die nicht komplett auf Literatur verzichten möchten und Anregungen für einen zielführenden Dialog mit jungen Menschen suchen, empfehle ich das Buch Generation Social Media.
3.) eigene Rolle in den unterschiedlichen Kanälen herausarbeiten
Das ist ein langer Prozess, der erst richtig beginnen kann, wenn man sich einen Überblick verschafft hat. Er mündet in den Rollen des Lernenden und des Lehrenden. Vorbilder helfen dabei, sich zu orientieren und ein eigenes Social Media-Verständnis zu entwickeln. Meines war und ist Philippe Wampfler. Er ist auf dem Gebiet nicht nur ein Vorreiter, sondern arbeitet transparent und ist immer für einen (kontroversen und sachlichen) Austausch zu haben.
4.) Webkultur in die (Hoch)Schulen einfließen lassen
Daran versuche ich mich mehr oder weniger erfolgreich seit einigen Jahren. Wie ich es bisher umgesetzt habe und zukünftig möchte, erkläre ich nun anhand einiger Beispiele. Dabei geht es nicht um vollständige Unterrichtsentwürfe, die man 1:1 kopieren kann, sondern um Impulse und Anknüpfungspunkte, die Kolleg*innen dazu ermuntern und befähigen sollen, eigene bzw. passgenaue Konzepte und Szenarien für ihre Schulart, Klasse oder Unterrichtselemente zu entwickeln.

Social Media im Unterricht
Natürlich bieten auch von Schüler*innen produzierte und hochgeladene Video- oder Blogbeiträge die Möglichkeit, Themenfelder sozialer Netzwerke zu behandeln. Ich möchte aber den Fokus auf die politischen bzw. gesellschaftlichen Fragestellungen richten, weil wir uns meines Erachtens in einem Umbruch befinden, in dem wir junge Menschen nicht allein lassen, sondern mitnehmen sollten.

  • Im Fachunterricht
    Inhalte des Fachunterrichts werden (zumindest gefühlt) immer lauter von Klassen hinterfragt. Soziale Netzwerke können die Legitimation von Inhalten unterstützen, einen Aktualitätsbezug erleichtern und einen Transfer in die außerschulische Welt ermöglichen. Die größte Herausforderung, Social Media in den Fachunterricht zu integrieren, besteht im Schule-Web-Konflikt: Ein Thema nur einem Fach zuzuordnen. In der Schule denkt und lernt man (noch) in Fächern; im Web nicht. Darunter leiden manche der folgenden Beispiele:

Politik/EWG

  1. Wahlen/Bundestagswahlen 2017 und das Web
    Die Klasse soll die Suchmaschine bing öffnen, Bundestagswahlen 2017 Termin in die Maske eingeben, nach Bildern suchen und das Ergebnis diskutieren. Folgender Zeitungsbeitrag ist im Anschluss als Diskussionsgrundlage möglich.
  2. Politische Farbe
    Martin Schulz setzte nach der Wahl zum SPD-Kanzlerkandidaten folgenden Tweet ab, der die Notwendigkeit der Kenntnis politischer Farben deutlich macht.
  3. Der Twitter-Account @TagesschauVor20 bietet sowohl für den Politik- als auch Geschichtsunterricht Material. Hiermit könnte man die Wahlbeteiligung diskutieren.
  4. Recherche nach (politischen) Begriffen
    In diesem Beispiel hat Moritz Hoffmann die Behauptung, der Begriff Altparteien käme aus der NS-Rhetorik, aufgegriffen und zuerst hier mit Googles Ngram Viewer nach der Häufigkeit gesehen (wobei man ngram auch kritisch betrachten kann und deshalb eher als Indizien- und keinen Beweise-Lieferaten sehen sollte) und danach hier die Verwendung des Begriffs in den Plenarprotokollen des Bundestages auflisten lassen. Man kann sowohl diese Art der Recherche bzw. den Umgang mit Behauptungen in sozialen Netzwerken als auch die Potenziale beider Suchmaschinen im Unterricht thematisieren.

Geschichte

  1. Euthanasie
    Folgender Post wurde als (stummer Impuls) Unterrichtseinstieg verwendet; wobei ich ergänzend hinzufügen muss, dass wir ein paar Tage zuvor im Augustinermuseum die Ausstellung Nationalsozialismus in Freiburg besucht hatten und dabei eine ähnliche Kalkulation eines Exponats in Bezug auf Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung diskutierten.
  2. Propaganda (Sharepics)
    Die medialen Möglichkeiten von Propaganda im Laufe der Geschichte vergleichen und bewerten. (Hierzu bietet sich auch dieser Beitrag der SZ über Propaganda-Videos bei YouTube an.)
  3. Politische Rededuelle
    Die Bundespräsidentenwahl in Österreich beschäftigte auch meine Klasse Ende des letzten Jahres. Manche verfolgten sogar die Rededuelle zwischen Hofer und Van der Bellen. Dabei beschäftigte sie der Erfolg Hofers, den wir mithilfe diese YouTube-Reihe diskutierten: Der Meister, Der Falschspieler, Der Zerstreuer, Das Opfer und Der Held. (Später berichteten mir Schüler*innen, sich die Videos mit den Eltern angesehen und danach mit Reden anderer Politiker*innen verglichen zu haben.)
  4. Geschichtsbewusstsein an außerschulischen Lernorten
    Leider sind die Bilder des Projekts Yolocaust von Shahak Shapira nicht mehr zu sehen. Auf der Seite sah man eine kleine Auswahl von Selfies in diskutierbaren Posen, die am Holocaust-Mahnmal in Berlin gemacht und in unterschiedlichen sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden. Sobald man auf das Feld eines der Bilder ging, erschien ein auf das Foto perfekt zugeschnittener Hintergrund aus einem der Vernichtungslager, der die Posierenden in den geschichtlichen Kontext bettete. (Das Projekt zeigte ich damals in den Klassen 8-10, das im Anschluss diskutiert wurde.) Das Ergebnis des Projekts kann man auf der oben verlinkten Seite nachlesen und ebenfalls im Unterricht thematisieren.
  5. Der Twitter-Account @historsicheOrte bietet sich für unterschiedliche Einsatzszenarien im Geschichtsunterricht an.

Philosophie/Ethik

  1. Dieses Video dauert 15 Minuten und stellt unser aktuelles Zusammenleben in der heutigen Art und Weise in Frage und eine Grundlage für zahlreiche Diskussionen.
  2. Digitale Mündigkeit
    Dieser Vortrag von Chaos macht Schule erläutert nicht nur seine Idee von Digitaler Mündigkeit, sondern liefert auch konkrete und einfache Beispiele (ab Minute 22), wie man diese auch als Laie im Unterricht erreichen kann. Wenn man z.B. einer Klasse verdeutlichen möchte, dass eine WhatsApp-Nachricht nicht nur den Weg von einem zum nächsten Smartphone im Raum hinterlegt, kann man das hiermit eindrucksvoll zeigen
  3. Liebe und Sexualität
    Wer für das Kapitel Liebe und Sexualität (aus dem neuen Bildungsplan 2016 in Baden-Württemberg) nach einer guten Idee suchen sollte, empfehle ich das Buch von Stephan Porobmka ES IST LIEBE zu lesen und einzusetzen. Hier habe ich das kurz begründet.

Deutsch

  1. Framing
    Folgender Beitrag kann als Grundlage dienen. Eine mögliche Aufgabenstellung könnte die Analyse von Social Media-Beiträge unterschiedlicher Politiker*innen sein.
  2. Hommage an Barbara
    Barbara hat sich durch ihre Aufkleber einen Namen in den sozialen Netzwerken gemacht. Hier hat eine 9.Klasse in der Schweiz die Idee der Aufkleber im Deutschunterricht aufgegriffen und ein Projekt daraus gemacht. (Sicher auch im Kunstunterricht möglich.)
  • Auch Lehrende werden krank und müssen vertreten werden. Bildschirmfoto 2017-03-12 um 16.59.59Aus dem Druck, Material für den Vertretungsunterricht suchen bzw. bereitstellen zu müssen, kann eine Chance werden, Social Media-Themenfelder, die (noch) nicht in den Bildungsplänen verankert sind, aufzugreifen und Vertretungsstunden nicht nur qualitativ attraktiver für Schüler*innen zu gestalten. Besonders reizvoll erscheinen dabei aktuelle Themen, die das Web bewegen und im Unterricht in einen fachlich, pädagogisch und didaktisch begleitenden Dialog geführt werden können. Jedes der folgenden Beispiele kann und sollte aus unterschiedlichen (ethische, gesetzliche, persönliche, gesellschaftliche) Perspektiven diskutiert werden.
  1. Digitale Identität
    Die Videos des ichMOOCs bieten eine hervorragende, vorstrukturierte Diskussionsgrundlage. (Man könnte auch mit Klassen am ichMOOC teilnehmen.) Zur Frage, wie man mit rechten oder rassistischen Kommentaren auf der eigenen FB-Seite umgehen kann, empfiehlt sich folgender Beitrag von Michel Abdollahi.
  2. Technische Entwicklungen
    Aktuellen Videos aus dem Netz diskutieren. Meine letzten Videos waren der 3D-Drucker, der Häuser in 24 Stunden baut und den neuen Roboter von Google.
  3. Panik im Netz
    Die Süddeutsche hat hier einzigartig dokumentiert und visualisiert, wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Nachdem die Informationen besprochen wurden, kann man mit Schüler*innen Regeln gegen die Panik im Netz in Kleingruppen erarbeiten und im Plenum vorstellen lassen. Abschließend kann man die Ergebnisse mit folgender Seite vergleichen und diskutieren. (Auf der oben verlinkten Seite räumt die Süddeutsche Zeitung auch eigene Fehler ein. Es würde sich anbieten, im Anschluss über die Notwendigkeit einer Fehlerkultur (im Web) zu diskutieren.)
  4. Netiquette
    Ich würde auch hier im Vorfeld Regeln erarbeiten lassen und sie hinterher mit existierenden Formulierungen vergleichen. Hier die Variante der Tagesschau.
  5. Viralität
    Bilder und Videos können aus unterschiedlichen Gründen viral gehen und auch missverstanden werden. Hierfür könnte man den Tweet mit dem Auschwitz-Selfie oder das Video der Mädchen-Gruppe, die bei einem Baseballspiel einen Selfie-Marathon hinlegt und das im Netz für Häme und Spott sorgte, diskutieren.
  6. Fakes im Netz
    Dieser halbstündige Beitrag eines Jugendkanals des Bayrischen Rundfunks geht der Frage nach, wie gefährlich Fakes im Netz sind. Hier erhält man Tipps, wie man Fake News entlarven kann. Auch dieser Post des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz liefert einige hilfreiche Links.
  7. Daten (sozialer Netzwerke)
    Wenn man mit Klassen über Daten diskutieren möchte, kann es schnell zu abstrakt werden, das einen persönlichen Bezug herzustellen und die Relevanz aufzuzeigen erschweren kann. Mit Data-Selfie kann man Schüler*innen ganz konkret zeigen, welche Daten Facebook sammelt und welche Analysen möglich sind. Die unbekannte Datenmasse und Arbeit damit wird greifbar bzw. transparent. Die SZ hat hier darüber berichtet.
  8. Quellenempfehlungen
    Auf folgende Social Media-Accounts kann man hinweisen, um eine Orientierung im Web zu erleichtern: Mimika bei Facebook und Twitter, BILDblog bei FacebookTwitter und als Blog oder die Hoaxmap.
  9. Wahrheiten (im Web)
    Zuerst kann man dieses Video zeigen und darüber diskutieren (lassen). Im Anschluss könnte man diesen Artikel lesen lassen und noch einmal (über „Wahrheiten“ im Web) diskutieren (lassen).
  10. Kommentarspalten
    Ich habe mit meiner Klasse Kommentarspalten analysiert, indem wir gemeinsam die einzelnen Kommentare (unter stark polarisierenden Beiträge im Netz) nach Argumenten, Sachlichkeit und Konstruktivität untersuchten. Dabei besprachen wir auch rhetorische Mittel und ob bzw. wie man antworten könnte.
  11. Darknet
    Diese niederschwellige und informative ARD-Doku über das Darknet bietet eine gute Diskussionsgrundlage.
  12. Social Bots
    Es gibt unzählige Beiträge über Social Bots bezüglich Wahl- bzw. Meinungsmanipulation. Hier zwei Beispiele, wie man Social Bots konstruktiv einsetzen kann: Facebook Bot und Chatbot-Anwalt. (Web-Begriffe werden häufiger schwammig bzw. ungenau diskutiert. Man könnte hier auch klare Definitionen mit der Klasse erarbeiten.
  13. Werther-Effekt und Papagenoeffekt
    Wie und ob man über Suizide (von Prominenten) berichten sollte, spielt gerade in sozialen Netzwerken immer wieder eine Rolle. Zuletzt war das beim Linkin-Park-Sänger Chester Bennington der Fall. Sowohl der Werther-Effekt als auch der Papaganoeffekt bieten sich an, dabei diskutiert zu werden.  Folgender Beitrag von Stefan Niggemeier erweitert die Diskussionsgrundlage.

Dieser Blogbeitrag soll immer wieder durch weitere Unterrichtsbeispiele und -ideen ergänzt werden. Ich lade hiermit alle Lehrenden herzlich dazu ein, sich über die Kommentarfunktion (besonders für den Bereich Fachunterricht) daran zu beteiligen. Vielen Dank.

d64_breitEs ist wieder soweit. Die mittlerweile dritte D64-Veranstaltung aus der Reihe Lernen in einer digitalisierten Welt findet am Dienstag, den 04. Oktober von 19:30Uhr bis voraussichtlich 21:30Uhr im Grünhof statt. Dieses Mal wird in einer besonderen Weise über ein Thema referiert und diskutiert, das weitaus mehr als einen Abend füllen kann und wird: #DigitaleBildung. Täglich spuckt das Web unter dem Hashtag #DigitaleBildung immer wieder neue Antworten auf Fragen, die viele Lehrende, Eltern und auch Schüler*innen immer mehr beschäftigen (sollten): Wie soll die Schule in Zukunft aussehen? Welche Ziele sollen dabei wie erreicht werden? Welche Rolle spielen dabei die Lernenden und Lehrenden? Welche Technik ist notwendig und welcher Einsatz wäre dabei sinnvoll? Ein endlos langer Fragenkatalog, der sich ständig zu erweitern scheint. Einige Schulen in Freiburg und Umgebung haben bereits interaktive Whiteboards (digitale Tafeln), Tablet-Klassen oder arbeiten mit Smartphones im Unterricht. Trotzdem stehen auf dem Gebiet immer noch viele Fragen offen. Deshalb plane ich zu diesem Thema mehrere Menschen mit digitalem Bildungshintergrund nach Freiburg einzuladen, um allen Interessierten diesbezüglich unterschiedliche Perspektiven zu ermöglichen.

krommer-kleinDen Auftakt macht dabei Axel Krommer. Er hat Deutsch und Philosophie studiert und ist u.a. Mitglied in der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. und akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Uni Erlangen. Axel Krommer begleitet und beobachtet über Jahre die Entwicklung im Web und auch außerhalb, rund um den Hashtag #DigitaleBildung. In einem interaktiven und lockeren Format wird er gemeinsam mit dem Publikum Potentiale und Stolperfallen zum Thema beleuchten. Es wird wieder einen Periscope-Livestream geben, damit auch diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht vor Ort seinen können, der Veranstaltungen folgen können. Das Video werde ich, falls es zu keinen technischen Problemen kommen sollte, hinterher bei YouTube auf meinem Kanal zur Verfügung stellen. Der Eintritt ist kostenfrei. Einlass ist ab 19:10Uhr. (Hier geht es zum Link der Facebook-Veranstaltung.)

Falls sich Lehrer*innen (gerne auch andere) auf die Veranstaltung vorbereiten möchte, um Axel Krommer konkretere Fragen stellen zu können, empfehle ich folgende drei Texte:

 

Anselm Maria Sellen, Andreas Hofmann und ich haben mit Perlen von Säuen ein Format ins Leben gerufen, das Lehrende und Lernende anregen, informieren oder unterhalten KANN. Die kurze Version zur Entstehungsgeschichte und wohin das alles irgendwann führen soll, kann man sich hier bei JRA (Jöran ruft an) anhören. Ausführlicher findet man es hier auf unserem YouTube-Kanal. Nachdem von einigen Zuschauern der Wunsch geäußert wurde, dass sie gerne (z.B. beim Joggen) nur Zuhörer wären, bieten wir mittlerweile hier die datensparsamere Audio-Variante als Podcast bei iTunes. Natürlich twittern wir auch unter @PerlenvdSaeuen und dem Hashtag #PvdS.

Perlen LogoDie vierte Folge mit dem Titel Schule 2050 soll eine ganze Reihe von Ausgaben zu diesem Thema einleiten. Dazu wollen wir auf die dort genannten und noch ausstehenden Gedanken in Zukunft tiefer eingehen. Immer wieder werden wir auch Experten einladen, die uns zu einer weiteren Perspektive oder kontroversen Debatte  verhelfen sollen.

Falls ihr Fragen, Anregungen oder sonstige Gedanken haben solltet, die ihr uns mitteilen wollt, erreicht ihr uns auch klassisch via Mail unter perlenvondensaeuen@gmail.com.

Am 23.02.2016 fand im Grünhof in Freiburg die zweite D64-Veranstaltung, zu der hier noch weitere Informationen zu finden sind, der „Lernen in einer digitalisierten Welt“-Reihe statt. Das Format, zuerst ein kurzer Impulsvortrag und im Anschluss eine Podiumsdiskussion, blieb erhalten. Geändert haben sich die Anzahl der Referenten, die Themenwahl, die Länge der Diskussionsrunde und die Teilnehmer*innen. Es wird auch zukünftig immer nur einen Experten geben, zu einem für die breitere Masse zugänglicheren Thema, ausreichend Zeit für eine offene Debatte und ein Publikum, das möglichst viele Lager der Gesellschaft widerspiegelt. Damit wird das Ziel angestrebt, dass Diskussionen über Digitales im Bildungsbereich nicht mehr ausschließlich in den „Experten“-Filterblasen der sozialen Netzwerke, sondern auch in die Mitte der Gesellschaft stattfinden.

Vor und mit knapp 40 Menschen sprach Philippe Wampfler am Dienstagabend über das Thema Social Media und Schule. Philippe_D64Zusätzlich wurde die Veranstaltung via Periscope-Stream von 83 Leuten verfolgt und von zwölf Personen nachträglich angesehen. Der erste Stream brach nach einer halben Stunde ab, was ich leider erst 20-30 Minuten später bemerkte. Deshalb besteht das hier hochgeladene Video zum Abend aus zwei Teilen und ist unvollständig. Mit meiner Frage an Philippe, was er unerfahrenen Lehrkräften empfehlen würde, wie sie in soziale Netzwerke einsteigen könnten, endete die erste Aufzeichnung. Seine Antwort möchte ich hier gekürzt nachliefern: Anmelden und lurken. Wenn jemand auf den ersten Blick ein soziales Netzwerk sinnlos findet, dann hat er es (noch) nicht verstanden. Außerdem empfahl er diesbezüglich wertfreie Gespräche mit Schüler*innen über deren Nutzung zu führen und verwies auf das amerikanische Web, dem man alle Trends Monate zuvor schon entnehmen könne. Snapchat hatte er so bereits genutzt und getestet, bevor es den deutschen bzw. schweizerischen Pausenhof erreicht hatte. (Mein Tipp: Sein Blog ist eine Goldgrube.)

Dass Lehrer*innen meiner Schule am nächsten Morgen über das Thema weiter diskutierten und ich im Laufe des Tages E-Mails und WhatsApp-Nachrichten, die an die am Abend geführte Debatte anschlossen, erhielt, bescheinigte mir, mein persönliches Ziel, Diskussionen außerhalb des Webs und der „Experten“-Filterblasen anzuregen, zumindest kurzfristig erreicht zu haben. Das Motto bleibt: Nach der D64-Veranstaltung ist vor der D64-Veranstaltung. Stay tuned.

Das deutsche Schulsystem und die Lehrer-Ausbildung wurden immer schon breit diskutiert. Ich möchte mit diesem Beitrag einen Blick auf die Lehrer-Fortbildungen (in Baden-Württemberg) richten und zur weiteren Debatte anregen. In Baden-Württemberg bieten Fortbildner, die als Experten gefragt wurden oder sich als solche beworben haben, an unterschiedlichen Standorten und zu allen schulischen Themen Fortbildungen an. Veranstalter ist die Abteilung 7 – Schule und Bildung der jeweiligen vier Regierungspräsidien in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg oder Tübingen. Die Angebote werden in der Regel nach Bedarf generiert; meist spielen schulpolitische Entscheidungen des Landes, Anmeldezahlen bei bereits bestehenden bzw. vergangenen Angeboten oder Anregungen der Fortbildner eine Rolle. Ich möchte den Ablauf und das Problem am Beispiel Medienbildung kurz skizzieren:

Mit dem Schuljahr 2016/17 greift in Baden-Württemberg der neue Bildungsplan und mit ihm die Einführung der Leitperspektive Medienbildung. In Klasse 5 muss dazu ein Basiskurs durchgeführt werden. Um die Umsetzung zu gewährleisten, wird bis Juli 2016 die Fortbildung Umsetzung Basiskurs Medienbildung in Klasse 5 mehrfach an unterschiedlichen Standorten des Landes angeboten, damit einzelne Kollegen, die diese Aufgabe an ihrer Schule übernehmen sollen, darauf vorbereitet werden. Alle Infos rund um die Leitperspektive Medienbildung, den Basiskurs und die dazugehörigen Fortbildungen findet man hier. Mit dieser Vorgehensweise kommt das Land seiner Pflicht nach, Lehrer zur Umsetzung des Bildungsplans zu befähigen. Nennen wir es ein machbares Minimalziel. Wenn man aber langfristig das Erreichen der formulierten Ziele für die Leitperspektive Medienbildung ernsthaft anstrebt, wird man eine andere Form der Weiterbildung, Vernetzung und Arbeit von Lehrern benötigen.

Das aktuelle Fortbildungssystem

Fobi_BawueEin kleiner ausgewählter Kreis von Fortbildnern gibt Wissen punktuell an einen großen Kreis von Lehrern linear weiter. Die Rollenverteilung ist eindeutig auf den Wissensvermittler und Wissensempfänger festgelegt. Was dazu führt, dass Lehrer, die ebenfalls über Know-how verfügen, sich erst gar nicht zu Fortbildung anmelden, weil nach diesem Muster ein Austausch (in der Regel) nicht vorgesehen ist. Das ist aber nicht das einzige Problem dieses Fortbildungsformats. Lehrer einzeln fortzubilden, damit sie dann das Know-how in ihrer Schule als Multiplikatoren streuen und verankern, funktioniert kaum bis gar nicht. Sobald ein Lehrer an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, verpufft der Elan durch das neu erworbene Wissen bereits nach kurzer Zeit, weil er die Hürden des schulischen Alltags (alleine) nicht überwinden kann. Ergänzend zu diesem klassischen Modell gibt es noch die Möglichkeit, dass Fortbildner an eine Schule kommen, um mit dem (ganzen) Kollegium vor Ort zu arbeiten. (Diese Variante scheint, nach Austausch mit einigen Kollegen unterschiedlicher Schularten und Bundesländer, effektiver zu sein. Die Ressourcen für diese Art der Fortbildung sind aber gering.) Einen weiteren Knackpunkt sehe ich bei den Fortbildnern selbst. Die Anzahl ist begrenzt, Qualität nicht garantiert und Transparenz nicht gegeben. Welche Tragweite die finanziellen Aspekte in dieser Zusammensetzung haben, kann ich nicht abschätzen. Ich vermute aber auch hier Luft nach oben.

Wir brauchen offene Fortbildungsformate

Offene_FobiDie größte Schwäche des bisherigen Systems liegt beim brachliegenden Potential. Da nicht jeder Lehrer Fortbildner sein kann oder es nach dem jetzigen Verfahren möchte, bleibt viel Know-how ungenutzt. Deshalb brauchen wir offene Fortbildungsformate, die dem entgegenwirken. Im Barcamp-Format sehe ich eine Möglichkeit. Hier kann jeder völlig unkompliziert, ohne weitere Verpflichtungen und für eine kurze Zeit die Rolle des Fortbildners übernehmen. Da eine Barcamp-Session immer Raum für einen Austausch bietet, verläuft die Wissensvermittlung nicht linear, sondern kann dazu führen, dass Konzepte weiterentwickelt werden oder neue Ideen entstehen. Man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand und vernetzt sich. In der schul-, schulart- oder landesübergreifenden Vernetzung von Lehrern sehe ich ein großes Potential; nein, eine Notwendigkeit, wenn man den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gerecht werden möchte. Bei Barcamps bleibt das erworbene Wissen nicht nur bei den Teilnehmern, weil es in der Regel protokolliert und öffentlich zu Verfügung gestellt wird. Mir gefällt auch die effiziente Bedarfsanalyse, indem man schlicht die Anwesenden nach ihrem Interessen fragt. Gerade im Bereich der Medienbildung, in dem sich das Wissen in permanenter Weiterentwicklung befindet, brauchen wir solche flexible Strukturen, um den Bogen zu meinem anfänglichen Beispiel zu spannen.

Ich weiß, dass Systeme sich selbst erhalten und mein Wunsch nach einer Änderung diesen Blog höchstwahrscheinlich nicht verlassen wird. Deshalb schlage vor, ergänzende Angebote zu schaffen. Zum Teil gibt es sie schon: Die zahlreichen Educamps oder der jährliche DED (Digital Education Day) der Stadt Köln sind gute Beispiel dafür. Das genügt aber nicht. Auch hier pilgert eine überschaubare Gruppe von engagierten Lehrern von einem zum nächsten Ort der Republik; am Wochenende oder in der unterrichtsfreien Zeit und auf eigene Kosten. Der Anspruch dieser Lehrer, ihren Unterricht an die gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen anzupassen, braucht mehr als verbale politische Unterstützung. Die Verantwortung hierfür sehe ich nicht beim Land allein. Jede Gemeinde bzw. Stadt müsste sich Gedanken machen, ob und welche Schritte sie diesbezüglich leisten kann, möchte oder sogar sollte. Ich werde mich zumindest dafür einsetzen, dass diese Fragen in Freiburg diskutiert werden. Da politsche Entscheidungen einen langen Atem haben, lohnt es sich immer einen Plan B zu entwickeln.

Plan B – Schulen als dezentrale Lösung

Weshalb veranstalten nicht Schulen ein offenes Barcamp? Man könnte mit ein paar Schulen starten und anschließend die Umsetzung evaluieren und optimieren. Die Idee stammt von Rüdiger Fries, mit dem ich kürzlich telefonierte, um mich zum Thema Lehrerfortbildungen auszutauschen; wobei wir nach Antworten auf die Frage „Wie bekommt man die Lehrer, die zu solchen Formaten noch keinen Zugang haben, mit ins Boot?“ suchten. Dass und wie es klappen kann, hat Felix Schaumburg freundlicherweise hier dokumentiert. In seinem Fall ging es um das Thema Schulentwicklung und war nicht offen für schulexterne Teilnehmer. Die dezentrale Lösung, mit Schulen als selbständige Entwickler von Fortbildungsangeboten, würde bedeuten, dass Lehrer ihre passive Rolle aufgeben. Dafür wäre ein Umdenken im Lehrerzimmer und ein emanzipatorischer Prozess notwendig. Ein langer, steiniger aber auch notwendiger Weg.

Während sich Bildungsexperten die Köpfe zerbrechen, wie sich Lernen durch die neu eröffneten Möglichkeiten der Digitalisierung ändern kann und soll, verbringen Jugendliche weiterhin täglich einen Großteil ihres Tages in den Sozialen Netzwerken. In der aktuellen JIM-Studie 2015 kann man sich einen Überblick über das Wie und Wo verschaffen.

Im Bildungsplan 2016 ist in Baden-Württemberg Medienbildung eine Leitperspektive. Welche Rolle sollen, können oder müssen dabei YouTube, Facebook, WhatsApp, Instagram oder Snapchat im Unterricht spielen? Wie ist der rechtlich unterschiedliche Umgang mit diesen Netzwerken, den Jöran Muuß-Merholz hier exemplarisch am Beispiel Facebook im Bundesvergleich zusammengefasst hat, einzuschätzen? Diesen und den vielen anderen sich aufdrängenden Fragen rund um das Thema Social Media in Schulen wird sich Philippe Wampfler am 23. Februar 2016 in Freiburg, im Rahmen der D64-Veranstaltungsreihe „Lernen in einer digitalisierten Welt“, annehmen. Nach einem Impulsvortrag wird es im Grünhof um 19:30Uhr eine Podiumsdiskussion geben, zu der alle am Schulleben Beteiligten herzlich eingeladen sind. Falls jemand via Twitter Philippe, im Vorfeld oder im Laufe der Veranstaltung, Fragen stellen möchte, bitte ich darum, dafür wieder den Hashtag #LernenDigitalD64 zu nutzen.

Wer ist Philippe Wampfler?

Allen, die sich diesem Thema zum ersten Mal nähern und nichts mit dem Referenten anfangen kön10575138_10204001041082778_4064437450152370568_onen, möchte ich Philippe kurz vorstellen. Philippe unterrichtet Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Wettingen und arbeitet seit diesem Jahr als Dozent der Fachdidaktik Deutsch am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich. Durch seine zahlreichen und viel gelesenen Blogbeiträge auf Schule und Social Media und die Bücher Facebook, Blogs und Wikis in der Schule – Ein Social-Media-Leitfaden und Generation Social Media ist er auf diesem Gebiet nicht nur eine Koryphäe, sondern Vorreiter und Vorbild. Ihr glaubt mir nicht? Dann lest es hier nach. Immer am Puls der Zeit meistert Philippe den Spagat zwischen Haftbefehl und Kant. Allen Lehrern, die einen Social Media-Auftritt aus Angst vor Fehlern scheuen, empfehle ich Philippe auf Twitter und Facebook zu folgen, um zu sehen, wie Souveränität gelingen kann.

Vermerkt euch den 23.02.2016 in euren Kalendern, informiert potentiell Interessierte und nehmt selbst an der Debatte „Schule und Social Medi-Ja oder Nein?“ teil. Tragt sie bitte in die Schulen; denn da gehört sie seit Jahren schon hin.

Nachtrag

Ich durfte für das Webportal Fudder ein paar Worte zur Verantstaltung schreiben. Hier kann man es nachlesen.

Dieser Beitrag ist Teil der von Philippe Wampfler initiierten Blogparade #Schulbuch2015.

(Eine kurze Begriffsklärung vorab, um Missverständnisse zu vermeiden: Das digitale Schulbuch ist kein digitalisiertes Schulbuch, das lediglich das bisherige Schulbuch als pdf-Datei zur Verfügung stellt. Ein Minimalkriterium für ein digitales Schulbuch sehe ich in einem Anteil von interaktiven Elementen.)

Wie setze ich Schulbücher 2015 ein?

In Mathematik setze ich es regelmäßig ein, um Gelerntes zu üben und zu vertiefen. Der Aufwand, hierfür eigene Aufgaben zu erstellen, um (eventuell) eine Steigerung der Unterrichtsqualität zu erreichen, steht bei der dafür nötigen Menge in keiner Relation zum möglichen Ergebnis. In Geschichte nutze ich ausgewählte Verfassertexte oder Quellen älterer Bücher, um nötige Inhalte zu erarbeiten oder zu vertiefen. In Chemie benötigt man meiner Meinung nach kein Schulbuch.

Wie nutzen Schüler Schulbücher?

Ich behaupte, dass nur ein geringer Teil der Schüler mit Schulbüchern so lernt, dass man es unter Erkenntnisgewinn verbuchen könnte. Meiner Einschätzung nach sehen sie Schulbücher eher pragmatisch, als Einschränkung von Wissen, das bei der nächsten Arbeit abgefragt werden kann. Daraus könnte man aber auch ableiten, wie Lehrer Schulbücher nutzen. Die vorhandene Qualität von Schulbüchern wird von Schülern entweder nicht erkannt oder gewürdigt, weil es SCHULbücher sind. Das wird besonders deutlich, wenn sich Schüler für ein Referat auf die Suche nach verwertbarem Material machen sollen. In zwölf Jahren Unterricht habe ich es selten bis gar nicht erlebt, dass jemand auf die Idee kam ins Schulbuch zu schauen. Dass Schule ab einem gewissen Alter „uncool“ ist, mag ein Teil der Erklärung für diese Haltung gegenüber Schulbüchern sein. Dass Schüler anders lernen, scheint mir ein größerer Teil der Begründung zu sein. Wer an dieser Stelle die bequemen Schüler nennt, die Lösungen via Copy-Paste aus dem Netz ziehen, sollte eher seine Aufgabenstellung überdenken. Ich sehe hier z.B. keinen Unterschied zu Lehrern, die Arbeitsblätter anderer nutzen, um damit einen Zweck zu erfüllen. Die Frage „Weshalb soll ich etwas neu machen, das schon vorhanden ist?“ stellen sich auch Schüler. Schulbücher sind von Lehrern für Lehrer konzipiert. Nicht für Schüler.

Welche Funktionen übernehmen (digitale) Schulbücher?

(Das „digitale“ steht Klammern, weil die Funktion sich nicht ändert.)

– Schulbücher bieten Schülern (Eltern und Lehrern) ständige Transparenz und Orientierung bezüglich des Inhalts und Ablaufs. Im Krankheitsfall wird das besonders deutlich, wenn der Lehrer lediglich die Seiten und Aufgaben angeben muss, die nötig sind, um den versäumten Stoff nachzuholen.

– Schüler können sich über Aufgaben aus dem Schulbuch am Unterricht beteiligen. Durch Interaktivität gewinnt das digitale Schulbuch an zusätzlichen Möglichkeiten.

– »Buch ersetzt Lehrer« (Ich weiß, dass Lehrer nicht die einfachsten Eltern bei Elternabenden sein können. Deshalb halte ich mich in der Regel an mein selbst auferlegtes Schweigegelübde. Einmal brach ich es:) Auf die Frage, wie es sein kann, dass mein Kind in Mathearbeiten bei richtigen Antworten keine Punkte erhielt, antwortete mir einmal eine Grundschullehrerin: „Das stand dann nicht so als richtige Lösung in meinem Buch. Wenn es stimmt, was Sie sagen, werde ich gleich morgen dem Verlag schreiben.“ »Buch ersetzt Lehrer« ist tatsächlich das schlimmste Szenario, das ich bisher erlebt habe. Ja, es gibt Lehrer, die zusätzlich zum Schulbuch ausschließlich vom Verlag vorgegebene Übungen, Tafelaufschriebe und sogar Arbeiten nutzen. Diese Fälle finden sich nicht nur beim fachfremden Unterrichten.

Safety first

Den Erfolg des Schulbuches vermute ich aber nicht in seiner Funktion, sondern dem Sicherheitsbedürfnis, dass es befriedigt. Offene Unterrichtsformen können auch mal scheitern. Ein Schulbuch ist erprobt und funktioniert immer. Die Qualität der Quelle ist gewährleistet, erfordert in der Regel keine weiteren Prüfungen und schützt die Schüler vor einer Überforderung durch eine Informationsflut, wie wir sie beispielsweise im Netz vorfinden. Das Urheberrecht ist eindeutig geklärt. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass es dieses Format auch noch lange geben wird.

Content statt Schulbuch

Foto 25.10.15, 14 46 01 (1)Auf dem Digital Education Day in Köln 2015 habe ich gestern mit vielen Teilnehmern in einer Session »Sinn und Unsinn des digitalen Schulbuches« über meine Frage A8 vom letzten EdchatDE diskutiert und am Ende meine Idee, wie Lehrer morgen arbeiten könnten, vorgestellt. (Ich erwähne hier nur die Lehrer und nicht die Lernenden, weil ich, wie oben bereits erwähnt, das Material, das bisher gedruckt und zukünftig auch digital zur Verfügung gestellt sein wird, (hauptsächlich) für Lehrer und die Arbeit, die man von ihnen erwartet, sehe.) Was wäre, wenn Schulbuchverlage, die bereits ein gut funktionierendes Netzwerk haben, lediglich Content zur Verfügung stellen würden? Ich suche mir dann als Lehrer für den Betrag x einzelne Verfassertexte oder Quellen aus, die ich (gegen Entgelt?) auch weiter bearbeiten und publizieren könnte; vielleicht sogar auf der gleichen Plattform, von der ich das Material vorher bezogen habe. So könnte man neue, bisher unentdeckte Potentiale fördern und einbinden. Zumindest könnte ich mir so einen Kompromiss in der aktuell angespannten Situation zwischen OER-Befürwortern und den Schulbuchverlagen vorstellen. (Dafür müsste man aber das leicht angestaubte Urheberrecht überarbeiten.)

Das Netz ist das Gegenteil von Schule

Das Netz ist schnell, flexibel, offen, unterliegt nicht strengen Reglementierungen und entwickelt sich ständig weiter; immer in Bewegung. Und weil das Netz das Gegenteil von Schule ist, ist es für Schüler nicht nur reizvoll, sondern bietet ihnen Möglichkeiten, auf sie zugeschnittene Kanälen und Informationen zu entdecken, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und auszutauschen. Jöran bringt es in seinem Interview auf den Punkt, indem er von einer digitalen Parallelwelt fürs Lernen spricht. Ich glaube, dass es bei dieser Debatte um mehr geht. Das Denken in Schulbüchern steht (für mich) nur stellvertretend für das Festhalten an bisher bekannten und bewährten Mustern, die in die digitalisierte Welt übertragen werden sollen. So erkläre ich mir auch die Idee von digitalen Schulbüchern. Das Verständnis von wie und was gelernt werden soll, macht hier den Unterschied. Bisher haben wir größtenteils das Portionieren von Wissen, das in einem pädagogisch durchdachten Rahmen von Zeit und Form, Schüler erwerben sollen, um das Erlernen gesellschaftlich relevanter Themen inhaltlich zu sichern und mündige Mitsprache zu ermöglichen. Natürlich gab immer schon Lehrende, die das Lernen selbst, frei von Inhalten, als Lust am Erkenntnisgewinn, auch unter dem Aspekt des Erwerbs von Mündigkeit, anstrebten. Nur waren und sind das bisher Randerscheinungen. Und was früher schon im prädigitalen Zeitalter möglich war, ist jetzt durch das Netz auf einer höheren Stufe der Möglichkeiten gestellt worden. Meiner Meinung nach liegt das Potenzial des Netzes noch brach und der Blick auf den Schüler aus der Lernendenperspektive kommt zu kurz. (Differenziertes und individualisiertes Lernen, das die aktuellen Schulbücher und Arbeitshefte füllt und zurzeit auf keiner Fortbildung fehlen darf, sehe ich nur als Optimierung des bisherigen Lernens aus Sicht des Lehrenden.)

Ich finde die kontrovers diskutierte Debatte über WLAN oder mobile Endgeräte in Schulen wichtig. Ich wünschte, wir würden dabei die Themenfelder Lernen und Bildungsgerechtigkeit stärker einbinden.