„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Fridays for Future Freiburg

img_0253Wer ein Gymnasium, die vermeintlich letzte Bastion der Dichter und Denker, besucht, darf davon ausgehen, dass er Immanuel Kants Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, die so in der Berlinischen Monatsschrift 1784 veröffentlicht wurde, im Unterricht behandeln wird. Als Lernstoff, den es zu verstehen und behalten gilt. Wie eine mögliche Umsetzung aussehen kann, zeichnet sich aktuell in Freiburg bei der von Schülerinnen und Schülern geplanten Fridays for Future-Aktion ab, bei der sie gemeinsam mit fast 60 weiteren deutschen Städten junge Menschen dazu aufgerufen haben, sich EINEN Tag mit Greta Thunbergs wöchentlichem Streik zu solidarisieren, um sich für Klimaschutz und ihre Zukunft einzusetzen.

Nachdem der vor Weihnachten über Social Media-Kanäle gestartet Aufruf der Freiburger Jugendlichen in der letzten Woche eine zunehmende mediale Aufmerksamkeit erhielt und der 18. Januar immer näher rückte, stieg auch in den Schulen der Druck bezüglich der Frage, wie man mit dem geplanten Streikaufruf umgehen soll. Gestern berichtete die Badischen Zeitung von einer Absprache der Freiburger Gymnasien mit den Regierungspräsidium, dass die Schulen den Streikaufruf nicht unterstützen und auch keine Unterrichtsbefreiung erteilen würden. Im heutigen Bericht über den Konflikt ist in der Badischen Zeitung mittlerweile von allen Schularten, bzw. Schulen, in Abstimmung mit dem Kultusministerium, die Rede.

Rechtliche Perspektive

Schulen sind natürlich an einen rechtlichen Rahmen gebunden. Dazu gehört auch die Schulpflicht. Daher kann eine Schulleitung keinen Freischein für einen juristischen Verstoß ausstellen oder diesen unterstützen. Es besteht aber beispielsweise die Option, einen außerunterrichtlichen Lerngang mit einer Klasse zu organisieren, der das an mehreren Stellen im Bildungsplan verankerte und im Unterricht vor- und nachbereitete Thema Klimaschutz vertieft. Auch das Strafmaß bei streikenden Schüler_innen bietet übrigens Spielräume für kreative Lösungen. Die rechtliche Perspektive zu kommunizieren, ist eine Möglichkeit. Es gibt auch andere.

Gesellschaftliche Perspektive

Wer Kants Gedanken zur Mündigkeit nicht nur auswendig lernen lässt, sondern ernst nimmt, müsste sich eigentlich darüber freuen, dass bundesweit junge Menschen als aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft agieren und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Erst recht in einer Zeit, in der Nationalismus weltweit erstarkt, die Demokratie ins wanken gerät und der Planet sich in Plastik hüllt. Was würde ein im Heute lebender Immanuel Kant über die Jugendlichen sagen, die ihrer Stimme ein Gewicht geben und zwar für Klimaschutz und die eigene Zukunft? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mit Schulausschluss oder harten Konsequenzen drohen würde. Wahrscheinlich würde er mit ihnen einen Dialog suchen, d.h. mit ihnen und nicht über sie sprechen und sie einbinden, in die Entscheidungen, die getroffen werden müssen. So würden junge Menschen erfahren, dass sie als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden und lernen, was Demokratie leben bedeutet. Es stellt sich somit die Frage: Wie viel Aufklärung verträgt die Schule?

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

doors-3798125_1920Die Digitale Transformation, bzw. die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung ist ein hochkomplexes und global zusammenhängendes kulturelles Geflecht. Die Auseinandersetzung damit muss auf allen Ebenen stattfinden, besonders auf der regionalen. Interdisziplinäres Denken und Handeln bilden dabei essentielle Kompetenzen, auf der Suche nach Lösungen oder bei der Entstehung von Innovation und gesamtgesellschaftlicher kultureller Teilhabe.

Wer Veranstaltungen zur Digitalisierung, Digitalen Bildung, Arbeit oder einem anderen Platzhalter, sichtet, stellt fest, dass in der Regel der Fokus auf eine Zielgruppe, bzw. ein Thema gelegt wird. Hier fehlt es oft an Systemdenken, der Transformationsprozess wird nicht als kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel verstanden oder die Verantwortung kann oder wird nur für den eigenen Bereich gesehen und übernommen. So werden bei diesen Events meist Bedarfe und Bedürfnisse erhoben und formuliert, denen von Beginn an eine Vielfalt von Perspektiven und Expertisen fehlt. Deutlich wird das spätestens im nächsten Schritt, wenn konkrete Handlungen verfasst werden, diese interdisziplinär sind und verantwortliche Personen, Institutionen oder Unternehmen sich nicht zuordnen und finden lassen. 

Wie können aber fachliche Verantwortlichkeiten überwunden werden, wenn dafür weder die Strukturen noch notwendigen Haltungen vorhanden sind? Es braucht offene, flexible, barrierefreie, physische und gedankliche Räume, in denen Menschen sich als Gestalterinnen und Gestalter neu entdecken und erfinden (können). Hier sind auch regionale Institutionen und Unternehmen gefordert und in der Verantwortung, diesen Rahmen, in dem interdisziplinäres Denken und Handeln stattfinden können, zu schaffen, innerhalb dieser Begegnungsstätten unterstützend zu wirken, zu begleiten und zu fördern. Das große Potenzial eines kulturellen Wandels liegt aber weiterhin in der Zivilgesellschaft und deren Beteiligung. Die regionale Aufgabe lautet somit: Interdisziplinäre Begegnungen und kulturelle Teilhabe ermöglichen.

Angebote allein generieren nicht automatisch Partizipation. Das lässt sich an den kommunalen, digitalen Beteiligungsplattformen beobachten, die zunehmend an Beliebtheit erfahren und meist den Beleg des guten Willens, der Bevölkerung eine Beteiligung zu ermöglichen, nicht überschreiten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Ein meist unterschätzter dabei ist, dass Beteiligung gelernt werden muss. Und weil niemand etwas müssen möchte, kann nur über gesamtgesellschaftlich zugängliche und attraktive Angebote ein Wollen erreicht werden. Die Attraktivität besteht nicht allein aus der Möglichkeit der Beteiligung, sondern auch aus Elementen wie allgemeine Zugänglichkeit, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit.

Bestrebungen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, sind zäh, kräfteraubend und spätestens seit der Erkenntnis, dass Systeme sich selbst erhalten, teilweise vorab zum Scheitern verurteilt. Hier liegt das stärkste Argument für interdisziplinäre Räume. Die gesellschaftlich notwendigen, aber auch möglichen Lösungen und Innovationen im Transformationsprozess befinden sich in den noch unbeschriebenen und unbesetzten Zwischenräumen und müssen gar keine Konkurrenz zum Bestehenden bilden – im Gegenteil. Auch sie profitieren von den Experimentierräumen, die Freiheiten bieten, bzw. strukturelle Hürden überwinden oder Potenziale offenlegen und fördern. Was die schlechte und gute Nachricht zugleich darstellt. Die Verantwortung muss zwar übernommen werden, aber die Freiheit der Gestaltung ist dabei offen. Alle sind hier gefordert. (In Freiburg gibt es seit einige Monaten ein zivilgesellschaftliches Angebot, das alle Bürgerinnen und Bürger einlädt, diese Zwischenräume gemeinsam und regional zu gestalten.) Die langfristige, regionalgesellschaftliche Aufgabe lautet somit, sich neu zu entdecken und zu erfinden, interdisziplinär gestaltendend, im kulturellen Wandel.

Im März diesen Jahres gelang es mit dem Barcamp Lernräume, dass sich in Freiburg 24 unterschiedliche Institutionen und Gruppierungen als gleichwertige Partner auf das Experiment einließen, gemeinsam einen Tag vorzubereiten, ohne vorher ein Programm festzulegen. Alle konnten über die Art und Menge an beigesteuerten Ressourcen jederzeit selbst entscheiden. Geplant wurde online und offline. Transparent und offen über ein für alle einsehbares und bearbeitbares Dokument, das im Netz abgelegt war und auf mehreren Treffen diskutiert wurde. Mit dem Ergebnis, dass ein vielfältiger Kreis aus ca. 200 Menschen zum Barcamp kam und 40 verschiedene Angebote gestaltete. Neben den vielen Impulsen, dem Austausch und der Vernetzung entstand eine Art Aufbruchsstimmung, die auch noch Wochen danach zu spüren war. So kam es bei der darauf folgenden Nachbesprechung der Planungsgruppe zur Idee, dieses Potenzial aufzugreifen und größer zu denken. Man war sich einig, dass dieser Tag sich jährlich wiederholen muss und einen guten Beginn darstellt, aber kommunal betrachtet das nicht genügen kann. 

Deshalb wurde dieser Schwung aus dem gemeinsamen Auftakt genutzt, eine Freiburger Bürgerbewegung zu gründen, um die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung (Digitale Transformation) nach dem Prinzip „Think globally, act locally“ regional zu denken und mitzugestalten. Das Spektrum kommunaler Herausforderungen ist grenzenlos. Von der Frage, welche Räume unsere sich wandelnde und vielfältige Gesellschaft braucht, um alle Bürger_innen mitzunehmen und zur Mitgestaltung zu befähigen, bis hin zu netzpolitischen Themen, wie freies WLAN oder die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit öffentlicher Daten. Bei den ersten Treffen wurden der Name, das Konzept und das weitere Vorgehen entwickelt, das ich mit diesem Blogbeitrag kurz vorstellen möchte. 

freiburg_gestalten_header#freiburg_gestalten ist eine offene, flexible, überparteiliche und kommunale Graswurzelbewegung, die gemeinsam denkt und handelt. Offen für alle Personen und Themen, weil der Kulturwandel alle betrifft. Man beteiligt sich als Privatperson und nicht in Vertretung einer Institution, eines Unternehmens oder sonstiger Gruppierungen. Der Austausch erfolgt auf Augenhöhe. Ob man sich projektbasiert, langfristig, aktiv, passiv, online oder offline einbringt, kann jede Person jederzeit flexibel entscheiden. Die bereits vielfältige Zusammensetzung bietet den Zugang zu unterschiedlichen Expertisen, Perspektiven, Netzwerken, Ressourcen und Ideen, die in einer zunehmend komplexeren Welt notwendig sind, um erfolgreiche Lösungsansätze zu entwickeln. #freiburg_gestalten eröffnet engagierten Personen eine Möglichkeit und einen Anreiz, gesellschaftlich und politisch etwas beizutragen, ohne einer Partei oder einem Verein mit ähnlichen Strukturen, beitreten zu müssen. 

Bildschirmfoto 2018-09-28 um 19.13.37#freiburg_gestalten ist ein Think Tank und kommunaler Begegnungsraum, um Projekt- oder Veranstaltungsideen vorzustellen und dafür Verbündete zu suchen, sich Impulse zu holen, sich beraten zu lassen oder über aktuelle Themen in einem vielfältigen Kreis zu diskutieren. Den Rahmen hierfür bildet ein Mini-Barcamp, das jeden letzten Montag eines Monats in der lpb*-Lounge in der Bertoldstraße 55 von 20Uhr bis 22Uhr stattfindet. Die Planung von Projekten und Veranstaltungen oder die Entwicklung konkreter regionaler Handlungsempfehlungen findet in Kleingruppen statt, die ihre Arbeitsweise und -zeiten separat aushandeln.

Eine Website, auf der der bisherige Personenkreis und die bereits geplanten Projekte, Veranstaltungen oder Ideen vorgestellt werden, ist in Bearbeitung und wird in den nächsten Wochen hier verlinkt. Ein Facebook– und Twitter-Account sind aber schon eingerichtet und werden auf aktuelle Informationen hinweisen.

#freiburg_gestalten sieht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten, sondern als für alle zugänglicher Freiraum, in dem nichts muss, aber alles kann.

*Landeszentrale für politische Bildung

adventure-1807524_1920Nach zwei Schuljahren endete diesen Sommer die Pilotphase von aula, das bundesweit an vier Schulen durchgeführt wurde und neben den klassischen Höhen und Tiefen eines jeden Projekts ein einzigartiges Potenzial aufgezeigt hat, wie Demokratie lernen und leben im digitalen Wandel gelingen kann. Meine Erkenntnisse aus diesem Zeitraum, aktuelle Pläne und mögliche Zukunftsszenarien dieses Konzeptes möchte ich mit diesem Beitrag vorstellen. (Den Personen, die eben zum ersten Mal von aula hören und mehr erfahren möchten, empfehle ich meinen ersten, zweiten und dritten Beitrag zu lesen, um das Konzept, die Einführung und Entwicklung exemplarisch anhand einer Schule zu erfassen.)

Was kann aula leisten?

Nach dem ersten Schuljahr hat es trotz zahlreicher Einträge „nur“ die Smartphone-Tag-Idee geschafft, alle Phasen auf der aula-Plattform erfolgreich zu durchlaufen und umgesetzt zu werden. Auf den ersten Blick scheint das wenig und hat vielleicht auch zu diesem Zeitpunkt manche Personen am Projekt zweifeln lassen. Das Scheitern spielte aber eine wesentliche Rolle, weil darüber gelernt wurde, wie und wann eine Idee formuliert, bearbeitet und beworben werden muss oder wie man Kompromisse findet und verfasst, wenn man sein Ziel erreichen möchte. Junge Menschen beteiligen sich auch nicht automatisch, wenn man ihnen plötzlich ein derartig großes und ernstes Angebot zur Partizipation macht. Sei es auch noch so attraktiv. Demokratie muss gelernt werden. Mit allen Anforderungen, die Lernprozesse der gängigen und etablierten Fachgebiete in der Schule mit sich bringen und mit jeglicher Unterstützung, die dafür (differenziert) notwendig ist. (Eine Randnotiz aus meiner jahrelangen Erfahrung als Verbindungslehrer an drei Schulen, als SMV BAG-Leiter beim Schulamt und als SMV Beauftragter beim Regierungspräsidium: Ich habe in diesen Tätigkeiten viele Einblicke in unterschiedliche Schulen erhalten und festgestellt, dass in keinem schulischen Bereich die Diskrepanz zwischen dem, was Lehrende als Maxime und allgemeinen Konsens formulieren und dem, was man in Schulen vorfindet, so groß ist wie bei der Beteiligung von Schüler_innen.) Eine Idee aus dem ersten Jahr, dass bereits ab Klasse 9 der Pausenhof in den große Pausen verlassen werden darf, erreichte zwar über die aula-Plattform nicht die benötigten Stimmen, bewog aber die Schulleitung dazu, sich bei anderen Freiburger Schulen nach deren Regelungen zu erkundigen. Das führte am Ende zu einem Beschluss des Kollegiums, diese Idee unabhängig vom großen, aber leider bei der Abstimmung laut aula-Vertrag nicht ausreichenden Zuspruch der Schülerschaft umzusetzen. Aula hatte nicht nur die Stimmen der Schülerinnen und Schüler sichtbarer gemacht, auch wie man mit ihnen umging hatte sich gewandelt. Im zweiten Jahr waren überzogene Erwartungen, aber auch Skepsis überwunden. 559px-Gartner_Hype_Zyklus.svg.pngWenn man den aula-Projektverlauf mit dem Hype-Zyklus von Jackie Fenn vergleichen würde, befand sich unsere Schule im zweiten Schuljahr im Plateau der Produktivität. Auf der SMV-Hütte wurden Ideen für aula in Teams viel sorgfältiger ausgearbeitet, Plakate und Durchsagen vorbereitet und gemeinsam mit der Schulleitung optimiert. Der Smartphone-Tag sollte monatlich durchgeführt oder ein Snackautomat von den über 3000€, die über Crowdfunding ersammelt wurden, finanziert werden. (Beide Ideen haben es geschafft.) Auf einem schulinternen Barcamp haben Lehrerinnen und Lehrer sich damit auseinandergesetzt, wie man das aula-Konzept an unserer Schule modifizieren kann und sich an einem freien Nachmittag erneut bezüglich der technischen Nutzung fortbilden lassen. Auch im zweiten Jahr gingen nicht alle Pläne auf, aber das Pilotprojekt hatte sich zu einem verankerten Konzept entwickelt und die Schulkultur geprägt.

In den letzen beiden Jahren durften unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder in unterschiedliche Mikros und Kameras sprechen, das aula-Konzept erklären und ihre persönliche Einschätzung abgeben. Da ich die Termine koordinierte, war ich in der Regel mit anwesend, wenn Klassen und Kurse sich mit Journalist_innen oder Interessierten anderer Institutionen über aula austauschten. Weil Außenstehende im Vergleich zu Lehrenden andere Fragen stellen, durch ihre Rolle anders auftreten und wahrgenommen werden, erhielt ich zusätzliche, ehrliche Einblicke in die Sichtweise der Schülerschaft. Sie wurden beispielsweise gefragt, ob und inwieweit aula auch ihr außerschulisches Leben verändert habe. Eine Schülerin meinte, dass sie mittlerweile auch Zuhause mehr mitbestimmen möchte, seitdem sie über aula in der Schule ihre Wünsche und Ideen einbringen kann. Ihre Meinung, Perspektive und Fähigkeiten würden eine Rolle spielen. Ein anderer Schüler erklärte, dass er seit aula auch außerhalb der Schule das Gefühl hat, etwas verändern zu können und dass er bei Diskussionen mit seinen Eltern mittlerweile deren Perspektive mitdenkt. Im Prinzip ist damit eine wesentliche Idee von aula aufgegangen: Sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, Kompromisse auszuhandeln, sich Dinge zuzutrauen und Verantwortung einzufordern und zu übernehmen. Genau das braucht eine demokratische Gesellschaft, heute dringender denn je, bei den weltweiten, politisch besorgniserregenden Entwicklungen. Junge Menschen müssen so früh wie möglich Demokratie lernen und leben, um sie später auch zu verteidigen. Aula kann aus meiner Sicht in der Schule die dafür notwendigen Räume online und offline anbieten. In einem Punkt sind sich nach vielen Gesprächen das Kollegium und die Schülerschaft rückblickend einig: Es ist ein langer, anstrengender und komplexer Prozess, wenn man das Konzept nicht nur als pressewirksame Dekoration installieren, sondern in der Schule ernsthaft verankern möchte.

Wie geht es mit aula weiter?

Technische Perspektive

Bildschirmfoto 2018-08-18 um 10.26.31Was nicht auf dem Homescreen eines Smartphones von jungen Menschen stattfindet, existiert kaum bis gar nicht außerhalb der Schulzeit, war unsere Vermutung nach dem ersten Jahr, die nun durch die sehr aufschlussreiche und ausführliche Evaluation des gesamten Projekts von politik-digital e.V. belegt (die bald veröffentlicht und hier dann auch verlinkt wird). Webanwendungen (Web-Apps) finden in der Welt von Schüler_innen meist nicht statt. Neben dem Theodor-Heuss-Preis, gewann aula auch den mit 20 000€ dotierten Innovationspreis DEMOKRATIE.io und konnte damit die lang ersehnte Entwicklung einer App (für iOS und Android) finanzieren. Durch eine kleine Verzögerung wird aktuell damit gerechnet, dass sie spätestens Ende September im Einsatz sein wird. Parallel dazu kommt ein Relaunch der gesamten aula– Plattform, die neue Funktionen bekommt und deutlich einfacher zu installieren und administrieren sein wird.

An der Pestalozzi Realschule Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 10.53.20.pngMit Abschluss der Pilotphase endete auch die Finanzierung durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Wir haben uns bei Openion erfolgreich für finanzielle Unterstützung im Rahmen einer Projektpartnerschaft beworben, können damit die nächsten Jahre die mittlerweile überschaubaren Server- und Hosting-Kosten decken und verfügen über zusätzliche Mittel, um beispielsweise weitere Schulungen durchzuführen. Die Umsetzung beider Ideen, der monatliche Smartphone-Tag und die Anschaffung eines Snackautomaten, über die Schulklassen erst am Ende des letzten Schuljahrs erfolgreich abgestimmt hatten, werden Arbeitsgruppen planen, in den Personen aus der Schülerschaft und dem Kollegium vertreten sein werden. Da es sich in beiden Fällen um eine deutliche und sichtbare Änderung des Schulalltags handelt, würde mich eine weiter zunehmende Implementierung des Konzepts durch alle Beteiligten nicht wundern.

Regierungspräsidium Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 13.50.31Dass aula fast alle Leitperspektiven des aktuellen Bildungsplanes in Baden-Württemberg aufgreift war ein weiteres Argument dafür, im regionalen Raum des Regierungspräsidiums Freiburg schulartübergreifende Fortbildungen im November 2018 anzubieten, in denen man das Konzept kennenlernen kann. Im Februar 2019 folgt darauf ein zweites Angebot an Fortbildungen, in denen in Workshops die aula-Plattform getestet werden kann. Falls es Schulen in der Region geben sollte, die darüber hinaus Informationen wünschen und mit dem Gedanken spielen, das Konzept ernsthafter mit der Schülerschaft und dem Kollegium zu diskutieren und eventuell einzuführen, wird es 2018/19 über LFB Online und nach Absprache mit dem Regierungspräsidium Freiburg die Möglichkeit geben, eine schulinterne Fortbildung zu vereinbaren. (Die jeweiligen Lehrgangsnummern werde ich sobald sie generiert sind an den passenden Stellen in diesem Beitrag angeben.)

Bundesweit

Im Schuljahr 2018/19 werden einige Schulen in Berlin, ein sonderpädagogisches Förderzentrum in Bayern und eine freie Schule in Sachsen Anhalt ebenfalls aula einführen. Außerdem wird aula ab dem Frühjahr 2019 im Rahmen des Programms “Demokratie Leben” vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bereich der kommunalen Jugendbeteiligung bundesweit getestet. Dazu werden noch interessierte Partnerkommunen gesucht. Nähere Infos dazu folgen zeitnah auf www.aula.de. Dort findet ihr auch den kostenfreien Leitfaden für Schulen und die Open Source-Software. (Weil ich häufig nach den Kosten für Schulen gefragt werde, die über keine personellen oder technischen Ressourcen verfügen, um die kostenfreie Software auf eigenen Servern zu installieren, die Daten einzugeben und zu pflegen, möchte ich einen kurzen Einblick in die zu erwartende Größenordnung geben: Das Hosting wird vermutlich nicht mehr als 10€ im Monat und eine Stunde Support in etwa 40€ kosten. Abgerechnet wird immer nach Bedarf. Das Support-Team von politik-digital e.V. veranschlagt einen Tagessatz von 800€ für Schulungen. Wobei deren Kapazitäten aktuell noch begrenzt sind. Die Schulung von aula-Botschafter_innen, die Ausbildung zur Multiplikation des Konzepts, ist kostenlos.)

Themen wie Globale Erderwärmung, Plastik, Atommüll oder Nationalismus stehen in den Bildungsplänen. Dass Menschen die gesellschaftliche Verantwortungen ihrer Handlungen verstehen und übernehmen, erreicht man nicht über das Auswendiglernen und Abfragen von Informationen, sondern Partizipation. Eine Aufgabe von Schulen muss es deshalb auch sein, dass junge Menschen durch möglichst viel und echte Beteiligung Erfahrungen machen und ein Verständnis entwicklen, Teil der Gesellschaft zu sein. Dass ihre Handlungen Folgen haben und dass sie lernen, dafür Verantwortung zu übernehmen. Wenn junge Menschen befähigt werden, sich um ihre aktuellen Angelegenheiten, gemeinsamen Probleme und Wünsche zu kümmern, was durchaus auch die oben exemplarisch aufgeführten Themen sein können, dann können und werden sie als Erwachsene auch für die „größeren“ gesellschaftlichen Herausforderungen die Verantwortung übernehmen und adäquate Antworten finden. Aula erscheint mir in diesem Kontext eine vielversprechende Option für Schule zu sein, die diesen Weg beschreiten möchten.

March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Die Forderungen nach Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel werden im Bildungsbereich und der Politik gerne und häufig ausgesprochen. Was bedeutet aber überhaupt digital souverän oder digital mündig und wie kann man junge Menschen dazu befähigen? Dieser Beitrag soll nur einen Einstieg in diese Thematik darstellen und einige Impulse liefern.

Souveränität erlangen

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 19.11.13Der Souveränität würde ich den Erwerb des notwendigen Wissens und der Entwicklung eines Verständnisses der Welt, wie sie aufgebaut ist und funktioniert, zuordnen. Mündigkeit verstehe ich im Sinne des Aufklärungsbegriffs nach Kant. Den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen, um sich dieses Wissen und Verständnis anzueignen und sich so zur kritischen Betrachtung zu befähigen. Beides  gilt es im Kontext der digitalen Transformation zu untersuchen. Konkret sehe ich für den Unterricht zwei Ebenen, die man kombinieren kann. (Die hier abgebildete Grafik bietet nur einige Beispiele, die das veranschaulichen sollen.) Natürlich stehen alle Elemente in Beziehung zueinander und weisen Schnittflächen auf. Jedes der hier aufgeführten Themen ist riesig und befindet sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess. Was wiederum deutlich macht, dass es weder leistbar ist noch dass es darum geht, den Lernenden inhaltlich alles zu vermitteln. Mit Hilfe ausgewählter Fragestellung sollen selbstgesteuerte und reflektierte Lernprozesse ermöglicht werden, die außerhalb des schulischen Rahmens fortgesetzt werden können. Wenn ich z.B. das Thema Daten aufgreife, kann ich es ethisch und politisch diskutieren. Wann entstehen welche Daten? Wem gehören diese Daten? Wer hat alles Zugriff darauf? Welche Szenarien sind dadurch möglich? Welche Potenziale und Risiken birgt das? Welche Handlungsempfehlungen könnte man für einzelne Personen, die Gesellschaft oder Politik formulieren? Wenn junge Menschen lernen, wie man sich solchen Fragen sachlich, kontrovers und kritisch nähert, indem man unterschiedliche Argumente sucht, formuliert, abgewägt und gegenüberstellt, werden sie zu souveränem Handeln befähigt. Als Lehrender einzugestehen, etwas nicht zu wissen und sich mit Klassen gemeinsam auf den Weg zu machen, es herauszufinden, ist heute vielleicht ein noch wichtigerer Bestandteil von Souveränität als früher. Deshalb bietet es sich an, zu den Themenfeldern die jeweilige Expertise von außen in die Schulen zu holen oder außerschulische Begegnungsstätten aufzusuchen. Dirk von Gehlen hat heute dazu ein kurzes, aber lesenswertes Interview mit Katharina Meyer veröffentlicht, in dem sie ihren spannenden Workshop-Ansatz aus Berlin vorstellt und auf eine hervorragende Sammlung verweist. Mir gefällt außerdem die Idee der zusätzlichen Nutzung von Bibliothek als Lernraum, weil sie in der Regel zentral liegen und für alle zugänglich sind. Ihr Sinn kann so, trotz Digitalisierung und E-Books, erhalten werden.

Wie befähigt man junge Menschen zur Mündigkeit?

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 18.11.29Dass Lernende den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen, setzt voraus, dass das seitens der Lehrenden gewollt, gelernt und unterstützt wird. Natürlich würde an dieser Stelle niemand widersprechen wollen. Schwieriger und ehrlicher wird es aber, wenn man nach konkreten Beispielen in Schulen oder Hochschulen sucht, die das belegen können. Mündigkeit lernt man nur mit echten Beteiligungsmöglichkeiten und Ideen, die von Lernenden stammen. Zusätzlich braucht es Vertrauen, das man ihnen zuspricht bzw. Zutrauen, das man ihnen entgegenbringt. Mit aula erlebe ich an meiner Schule ein Konzept, das den Rahmen dafür bietet, bisherige Optionen stärkt und das Potenzial des digitalen Wandels ausschöpft. Partizipationsmöglichkeiten bleiben aus meiner Sicht immer der zentrale Aspekt von Mündigkeit, unabhängig gesellschaftlicher Neuordnungen. Die Jugendstudie Baden-Württemberg 2017 zeigt auf, wie es darum bestellt ist und in welchen Bereichen es noch Luft nach oben gibt. Es ist zwar noch ein weiter Weg zur Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel. Die zunehmende Vielfalt an Angeboten, Konzepten und Kooperationen lässt aber hoffen.