Letztes Schuljahr durfte ich auf einigen Veranstaltungen das aula-Projekt vorstellen und bewerben. Zu dieser Zeit bezog ich mich hauptsächlich auf Konzept und Theorie, weil mir kaum Erfahrungswerte aus der Praxis vorlagen, von denen ich hätte berichten können. Das möchte ich mit ein paar rückblickenden Betrachtungen nachholen, auch weil ich es Leuten versprach, die alles rund um aula über soziale Netzwerke verfolgen.

aula ≠ Social Media

Theoretisch ist aula ein soziales Netzwerk. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass es hier manche Hürden zu überwinden gilt. Man hat zwar eine eigene Profilseite, kann Beiträge posten, liken und kommentieren. Nur dass…
…die Profilseite keine Rolle spielt.
…es dazu (noch) keine App und Push-Benachrichtigungen gibt.
…es kein offenes soziales Netzwerk ist.
…es vorher nicht Bestandteil des Schüleralltags war und von außen eingeführt wurde (Die Entwicklung einer Plattform mit der jeweiligen Schülerschaft hätte sicher zu mehr Akzeptanz geführt, aber auch den zeitlichen und finanziellen Rahmen des Projekts gesprengt.)
Weil aula nicht allen Mechanismen von sozialen Netzwerken unterliegt, muss man an einigen Stellen mehr Energie investieren. Dass Social Media (gedanklich aus Schülersicht) normalerweise nichts mit Schule zu tun hat, mag auch einen Teil zu der einen oder anderen Startschwierigkeit beigetragen haben. Natürlich stellen weder Attraktivität noch Akzeptanz von Instagram & Co kein realistisches Ziel dar. Dass aula aber mehr als ein Mal die Woche im Schulalltag stattfindet, müsste aber möglich sein. Die Entwicklung einer App für iOS und Android konnte bisher aus Kostengründen leider (noch) nicht umgesetzt werden.

Ein Jahr ist kein Jahr

Ein Jahr mit aula war eigentlich gar kein Jahr mit aula. Zu Beginn musste z.B. ein aula-Vertrag ausgearbeitet werden, der erst nach dem Beschluss in der Schulkonferenz (bestehend aus jeweils vier Vertreter_innen der Schülerschaft, des Kollegiums und der Eltern) in Kraft treten konnte. Das war bei uns nicht vor dem 28. November möglich. Somit stand Weihnachten schon vor der Tür und erschwerte einen schwungvollen Einstieg. Aula ist nicht nur ein Projekt, das man nebenher abhandeln kann. Es geht um ein grundlegend verändertes Verständnis von Partizipation. So eine gravierende Veränderung benötigt viel Zeit, Kraft und Kontinuität. Im alltäglichen Schulbetrieb stellt das alle vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen. Deshalb darf aula nicht die Angelegenheit einer Person oder Gruppe sein, sondern sollte von allen Schultern im System Schule getragen werden. Ein ambitioniertes und langfristiges Ziel, würde ich heute sagen. Ob in den monatlichen Schülerratssitzungen, Stufenversammlungen oder in Lehrerkonferenzen sollte aula ein fester Bestandteil sein und immer wieder reflektiert werden. Ein Umdenken kann nur gelingen, wenn die aula-Stunden nicht nur stattfinden, sondern auch gezielt genutzt werden, um Mitbestimmung in all seinen Facetten zu lernen und zu üben. Es genügt nicht, “nur“ partizipative Elemente zur Verfügung zu stellen und darauf zu verweisen.
Die größte Wirksamkeit hat aula meiner Meinung nach damit erreicht, bestehende und fehlende Partizipation transparent zu machen und immer wieder die Frage aufzuwerfen, wo wir unsere Prioritäten setzen wollen. Alle zum Erfolg und Misserfolg von aula beitragenden Faktoren sind mit denen von Partizipation an Schule im Allgemeinen identisch. Es hängt somit in erster Linie nicht vom Konzept ab, sondern von der Priorisierung. Wenn aula-Stunden nicht stattfinden, liegt das nicht daran, dass Lehrende gegen aula oder Mitbestimmung sind, sondern dass Fachunterricht oder andere Aufgaben bei ihnen eine höhere Priorität erhalten. Und genau das gilt es immer wieder zu diskutieren.
Einen weiteren Erfolg von aula sehe ich in der erhöhten Wahrnehmung der SMV (Schülermitverantwortung, in anderen Bundesländern auch SV bzw. Schülervertretung) im Kollegium, durch die Posts und Debatten im und außerhalb des Netzes. Das hat dazu geführt, dass Ideen, an welcher Stelle und wie man die Schülerschaft beteiligen kann, auch immer mehr von allen Lehrer_innen bedacht und formuliert werden.

Neues Jahr, neues Glück

Im zweiten Schuljahr startet aula mit einem neuen Anreiz. Über eine Crowdfunding-Aktion wurden zwischen Februar und April ca. 3400€ gesammelt, die nun für Projektideen eingesetzt werden dürfen. Erste Ideen hat Marina Ende September mit den Stufenversammlungen (Klassen 5/6, Klassen 7/8 und Klassen 9/10) gesammelt. (Hier hat die Badische Zeitung darüber berichtet.) Beim letzten Schul-Barcamp (Hier gibt es einen Beitrag vom ersten Barcamp.) gab es eine Session zum aula-Projekt, bei der folgende Verbesserungsvorschläge und Pläne bezüglich der Umsetzung gemacht wurde:

  • Konkrete Aufgaben für die aula-Stunden sollen ausgetauscht werden (z.B. Pro- und Kontra-Argumente aufbauen, Analyse der bisherigen Kommunikationskultur und Lösungsansätze bei Problemen gemeinsam entwicklen, zielführende Kommentare üben).
  • aula im Fachunterricht (zusätzlich zur aula-Stunde) integrieren. Hierfür sollen das Kollegium nach Schnittpunkten suchen.
  • Smartphones der Schülerschaft zu Beginn des Monats nutzen (Flat noch vorhanden), um sich den Gang zum PC-Raum zu sparen.
  • aula-Plakate in allen Schulräumen aufhängen, die jede Phase einer Idee bis zur Umsetzung visualisieren.
  • aula muss nicht im PC Raum thematisiert werden. Eine Idee herausgreifen und gemeinsam ausbreiten (fehlende Fragen und Antworten usw.) und mit/ohne Beamer allen zeigen, was 
gerade auf dem Tisch liegt.

Bildschirmfoto 2017-11-12 um 15.07.45Ende letzter Woche hat die knapp 30-köpfige Schülervertretung auf der SMV-Hütte geplant, aula noch stärker zu etablieren. Den Anfang haben sie mit drei Ideen, die sie gleich bei aula gepostet und via Snapchat beworben haben, und einer neuen Taktik gesetzt: Meine fünf Stimmen. Der Plan ist es, dass jede_r der 30er-Gruppe mindestens fünf Mitschüler_innen zum Voten motiviert und so die einfache Mehrheit für Ideen erreicht wird. Ob und wie gut das funktioniert, wird sich zeigen. Zumindest bin ich nach dem dreitägigen Aufenthalt mit dem SMV-Team wieder voll motiviert, daran zu arbeiten, dass Partizipation noch besser gelingt.

 

Smartphone-Tag, Pestalozzi-Schule, FreiburgBZ-Beilage "Baden im Wandel"
Foto Daniel Schoenen

An unserer Schule kamen einen Tag lang in jeder Schulstunde und jedem Fach die Smartphones aller Schüler_innen im Unterricht zum Einsatz. Das klingt für Leute, die sich mit dem digitalen Wandel im Bildungsbereich beschäftigen, wahrscheinlich sehr banal und unspektakulär. Und genau das macht diesen Ansatz und die Umsetzung so besonders. Als öffentliche, städtische Realschule stehen wir vor der Herausforderung einer heterogenen Schülerschaft. Wir verfügen über keine Tablet-Klassen, bieten kein WLAN und das Kollegium ist beim Thema Digitales im Schnitt nicht informierter und erfahrener als andere. Ich möchte damit deutlich machen, dass die Umsetzbarkeit dieses Tages meiner Meinung nach an allen Schulen gegeben ist und lade dazu ein, einen Versuch zu wagen.

Von der Schülerschaft für die Schülerschaft und mit dem Kollegium

Die Idee des Smartphone-Tags stammte von einem Schüler, der sie auf der aula-Plattform gepostet und über 50% aller Schüler_innen dafür gewinnen konnte. Wer das aula-Projekt kennt und verfolgt, weiß mittlerweile, dass zur Abstimmung freigeschaltete Ideen mit mehrheitlichem Zuspruch umgesetzt werden müssen. Deshalb wurde mit der Schulleitung ein Termin für die Durchführung und ein Planungstreffen vereinbart, an dem jeweils drei Vertreter_innen der Schülerschaft und des Kollegiums teilnahmen. Es mussten nämlich die konkreten Erwartungen der Klassen geklärt und die Möglichkeiten der Umsetzung besprochen werden. Was so einfach klingt, steht für viel Vorarbeit im Bereich der SMV (Schülermitverantwortung) bzw. SV (Schülervertretung). Dass man zielführend die Umsetzung solcher Ideen in diesem Rahmen diskutieren kann, setzt gegenseitiges Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft aller Beteiligten voraus.

Planung des Smartphone-Tags

Fragen der Planungsgruppe

  1. Welche Erwartungen haben die Klassen an den Tag?
  2. Welche Technik haben wir vor Ort und was sollen und können wir für diesen Tag organisieren?
  3. Wie geht man mit Schüler_innen ohne Smartphone oder Internet-Flat um?
  4. Wie lange muss das Smartphone mindestens im Unterricht eingesetzt werden?
  5. Was soll geschehen, wenn unerlaubt gefilmt und das in sozialen Netzwerken geteilt wird?
  6. Dürfen Smartphones an diesem Tag auch in den Pausen benutzt werden?
  7. Wie kann das Kollegium bei der Vorbereitung auf Wunsch unterstützt werden?

Ergebnisse der Planungsgruppe

  1. Die Grundidee besteht darin, dass an diesem Tag in allen Unterrichtsstunden das Smartphone eingesetzt bzw. genutzt wird. In welcher Art und Weise steht den Lehrenden völlig offen. (Dass man „nur“ über Smartphones, wie sie hergestellt werden, woraus sie zusammengesetzt sind oder welche Gefahren sie bergen, „spricht“, deckt sich nicht mit der Vorstellung der Schülerschaft für diesen Tag.)
  2. Wir verfügen (noch) über kein WLAN in den Klassenzimmern und können theoretisch (wenn das Internet funktioniert) in den meisten Räumen zur Not für zehn bis zwölf Personen mit einem Nano-Router bescheidenes WLAN anbieten. Freundlicherweise haben uns medialepfade einen mobilen Router für diesen Tag geliehen, mit dem wir weitere zehn bis zwölf Personen mit WLAN versorgen konnten.
  3. Das Problem fehlender Smartphones soll über Partner- und Gruppenarbeit gelöst werden. Die Klassenleitungen sollen alle rechtzeitig informieren, ihre Smartphones vollständig aufgeladen mitzubringen und an ihre Ladekabel oder Powerbank zu denken. Außerdem werden die Klassen gebeten, ihre Datenflat bis zum Smartphone-Tag nicht aufzubrauchen.
  4. Um die Einstiegshürde für alle möglichst niedrig zu halten, einigte man sich darauf, keine Zeitvorgabe zu stellen. Wie lange und oft Smartphones im Unterricht zum Einsatz kommen, entscheidet jede Lehrperson selbst.
  5. Die Klassen- und Schulleitung informiert alle vorab, dass das unerlaubte Filmen und Posten in sozialen Netzwerken verboten ist bzw. Smartphones weiterhin nur für schulische Zwecke benutzt werden dürfen. Bei einem Verstoß verfährt man wie bisher und schließt zusätzlich Schüler_innen von den digitalen Unterrichtsangeboten aus.
  6. Nein. Es wurde aber darauf hingewiesen, dass der Wunsch einer Änderung in der Schulordnung über bzw. mit aula erreicht werden kann.
  7. Hierfür bat ich noch aus dem Planungstreffen heraus Lehrende über Twitter, LinkedIn und der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook, Ideen für den Unterricht in ein von mir angelegtes ZUMPad einzutragen. (Vorher erstellte ich eine Tabelle, in der alle Fächer und Klassen, die an diesem Tag unterrichtet werden, eingetragen waren, um in meinem Aufruf gezielt nach Konzepte für diese Stunden zu fragen.) Ich habe diese Liste etwas überarbeitet, nach Fächern sortiert und stelle sie hier allen als PDF und GoogleDoc zur Verfügung. Ich werde diese Auflistung immer wieder aktualisieren. Falls ihr weitere Tipps und Anregungen haben solltet, könnt ihr sie bitte hier eintragen. (Ab und zu werde ich nach Updates schauen und die alten Listen ergänzen. Mir gefiel besonders, dass beim ersten ZUMPad nicht nur Apps reingeknallt, sondern Gedanken zu Lernszenarien geteilt wurden.) Manche aus dem Kollegium nutzen auch praktischerweise den gleichen Wochentag davor, um mit Klassen in den jeweiligen Fächern den Smartphone-Tag vorzusprechen.

Der große Tag

Smartphone-Tag, Pestalozzi-Schule, FreiburgBZ-Beilage "Baden im Wandel"
Foto Daniel Schoenen

Damit die erste aula-Idee auch bestmöglich umgesetzt werden kann, kamen Alexa Schaegner und Daniel Schumacher von politik-digital e.V. (und tragende Säulen von aula) zur Unterstützung nach Freiburg. Außerdem erhielten wir an diesem Tag noch Besuch von der Badischen Zeitung, die dabei war einen Bericht über eine Bestandsaufnahme in Sachen digitalem Unterricht an Freiburger Schulen zu verfassen, und vom SWR, der ebenfalls Interesse bekundet hatte, mehr über das Projekt aula und den Tag zu erfahren. Hier findet man den Text der BZ und hier den SWR-Beitrag. Da ich an diesem Tag für die Koordinierung zuständig war, bei technische Problemen aushelfen musste und mich um unseren Besuch zu kümmern versuchte, erfuhr ich selbst wenig vom Ablauf. Überwiegend positive Rückmeldungen am Ende des Tages sprachen aber für eine erfolgreiche Umsetzungen. Alexas Eindrücke kann man hier nachlesen und Daniels Zusammenfassung in diesem Video bewundern. Weil ich im Web danach gefragt wurde, ob ich auch konkret benennen könnte, was in den einzelnen Fächern gemacht wurde, bat ich meine Kolleg_innen, mir nachträglich dazu ein paar Worte zu mailen. Ich habe alle rückgemeldeten Informationen hier als PDF zusammengestellt.

Rückblick und persönliches Fazit

Dass der Smartphone-Tag tatsächlich stattfand, liegt meiner Einschätzung nach an der Partizipationsmöglichkeit von aula und den dadurch entstandenen Impuls aus der Schülerschaft. Auch wenn ich mein Kollegium als sehr engagiert und offen schätze, glaube ich nicht, dass wir von uns diese Idee auf die endlose To-do-Liste einer jeden Schule gesetzt hätten. Durch die niedrige Einstiegshürde gelang es, wirklich alle mitzunehmen. Man bereitete Online- und Offline-Varianten vor, weil mit den technischen Besonderheiten und Tücken unseres Hauses vertraut waren. Einiges misslang und gelang. Etherpad-Einträge wurden aus Versehen oder absichtlich gelöscht, Chaträume wurden ausgereizt, Speicherplatz scheint auf Schüler-Smartphones nur beim Kauf zu existieren, für manches Vorhaben fehlte aufgrund mangelnder Technik oder Routine am Ende die Zeit und es gab Klassen, in denen sich die Begeisterung für den Smartphone-Einsatz in Grenzen hielt, weil es bei ihren Lehrer_innen bereits zum Unterrichtsalltag dazugehörte. Es gab aber zum ersten Mal einen größeren Austausch und Debatten zwischen und innerhalb aller Parteien darüber, was man mit Smartphones konkret im Unterricht machen kann, soll oder nicht. Eine digitale Bildungsrevolution wurde mit dem Smartphone-Tag zwar nicht in Gang gesetzt, aber Berührungsängste wurden genommen und Türen für einen zielführenden Diskurs in der Schulentwicklung geöffnet. Ich mag diese kleinen und für viele Schulen machbaren Schritten, die uns zeitgemäßer Bildung näher bringen. Das Tempo, in dem wir uns der Komplexität des digitalen Wandels annehmen, muss von den jeweils Beteiligten mitbestimmt werden, wenn es zu grundlegender und nachhaltiger Schulentwicklung führen soll. Ein Smartphone-Tag kann das leisten.

 

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.58.53Im Schuljahr 2016/17 wird es in Deutschland vier aula-Pilotschulen geben. Ich arbeite an einer davon und werde meine Erwartungen, Erfahrungen und Rückschlüsse hier dokumentieren. Aula ist ein Beteiligungskonzept (ausdiskutieren und live abstimmen) von politik-digital e.V. unter der Leitung von Marina Weisband und mit der Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung, das Schüler*innen einfach und direkt ermöglicht, an der Schule mitzubestimmen. Zu Beginn wird dafür in einem Vertrag, der von Vertreter*innen aller Beteiligten einer Schule erarbeitet und unterzeichnet wird, festgelegt, in welchem rechtlichen Rahmen Entscheidungen getroffen werden können. Aula besteht aus zwei Säulen: Der wöchentlichen Unterrichtsstunde, in der aula stattfinden und der Software, die einen Austausch aller am Schulleben Mitwirkenden gewährleistet soll. Normalerweise haben Schüler*innen die Möglichkeit sich über die SMV (Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) einzubringen. Ihre Ideen, Anregungen oder Wünsche müssen dabei einen weiten Weg bestreiten, bis sie letztendlich alle Parteien einer Schule, wenn überhaupt, erreichen. Ich habe diesen Weg im Optimalfall hier grafisch zusammengefasst.Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.44.23

Folgende Aspekte müssen noch zusätzlich bedacht werden, die eine der klassischen und großen Baustellen der alltäglichen SMV-Arbeit an jeder Schule darstellen:

a.) Zeit. Jeder Schritt, von der Äußerung der Idee in einer Klassenratstunde bis hin zur Verkündung in einer Gesamtlehrerkonferenz oder Schulkonferenz, benötigt Zeit. Die Schulkonferenz (besteht in Baden-Württemberg aus der jeweils gleichen Anzahl von Vertreter*innen des Lehrpersonals, der Schülerschaft und der Eltern) trifft sich zum Beispiel nur ein Mal pro Schulhalbjahr.

b.) Durchlässigkeit. Was von der ursprünglich formulierten Idee am Ende bei allen Beteiligten ankommt, hängt jeweils von den rhetorischen Fähigkeiten, der Zuverlässigkeit und dem Willen der Informationsvermittler*innen ab. Außerdem spielt der dafür von Lehrer*innen zur Verfügung gestellte Rahmen ebenfalls eine große Rolle: Schafft man im Klassenraum die nötige Atmosphäre, um die Idee ordentlich vorzustellen und zu diskutieren oder darf man eine Minute vor Unterrichtsende, während alle zusammenpacken, diese in die Klasse werfen. Wobei das eigentlich einen eigenen Unterpunkt darstellt, auf den ich später nochmal kurz eingehen möchte: Bereitschaft. Echte Beteiligung gelingt nur dann, wenn alle sie erreichen und umsetzen wollen.

c.) Transparenz. Weder der Weg, den Ideen beschreiten, noch die Resonanz sind für alle Beteiligten einsehbar. Es können so z.B. den Ideengeber*innen keinen Verständnisfragen direkt gestellt werden. Ob eine Idee aufgegriffen und unterstützt wird, hängt somit von zahlreichen Hindernissen ab, die man zwar mit viel Engagement und Willen minimieren kann, die am Ergebnis aber nichts ändern: Über den Erfolg einer Idee entscheidet zu häufig der Zufall.

Was kann ein Beteiligungskonzept wie aula daran ändern?

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.45.18Viel, wenn es nach meinen Erwartungen geht. Wie der Informationsfluss mit aula aussehen wird, habe ich hier ebenfalls grafisch zusammengefasst. Es wird nun deutlich, dass alle jederzeit sehen können, wer, wann, was gepostet hat. Die oben genannten Hindernisse könnten so schlagartig um einen wesentlichen Teil reduziert oder sogar gänzlich aufgelöst werden. Um das Wie besser zu verstehen, erkläre ich kurz die oben genannten zwei Säulen dieses Beteiligungskonzepts:

 

A.) Software 

Die aula-Software stellt ein schulinternes soziales Netzwerk dar. Alle Schüler-/Lehrer*innen und Eltern erhalten dafür über einen eigenen Account Zugang; wobei Eltern lediglich eine passive Zuschauerrolle haben, um stets informiert zu sein. Nun kann jede/r Schüler*in ihre/n Idee, Anregung oder Wunsch (in unterschiedlichen Kategorien) posten. Bei Facebook muss man sich vor dem Posting zwischen Öffentlich, Freunde, Nur ich oder Benutzerdefiniert entscheiden. Bei aula beschränkt sich das auf Schule und Klasse. Man muss sich also vorher überlegen, ob das Anliegen nur die Klasse oder die gesamte Schule betrifft und dann den jeweiligen Raum zum Posten wählen.image3-1

Wenn man die Frage der Öffentlichkeit geklärt hat, kann es dann losgehen. So sieht die aktuelle Maske dafür aus, an der sich vermutlich auch nicht mehr viel verändern wird.image4

Wenn eine Idee ausreichend Zustimmung durch Klicks erfährt, kann sie von allen weiterentwickelt und umgesetzt werden. Dabei gibt es drei Hürden, die es zu überwinden gilt. Das erste Hindernis stellt der vorher festgelegte prozentuale Anteil an Zuspruch der jeweiligen Gruppe (Klasse oder ganze Schule) dar. Solange bleibt es nur eine wilde Idee (siehe Bild oben). Zum Beispiel kann man sich darauf einigen, dass erst bei 20% Zustimmung eine Idee aufgenommen und weiterentwickelt werden kann. Durch dieses Quorum kann sich Qualität von Quantität absetzen. Das zweite Hindernis besteht aus der Prüfung der Schulleitung, ob der im aula-Vertrag vereinbarte rechtliche Rahmen eingehalten wird. Das letzte Hindernis ist eine endgültige Abstimmung aller Betroffenen (Klasse oder Schule) über die überarbeitete Fassung der Idee auf dem Tisch (siehe Bild oben). Den genauen Weg, den eine Idee bis zur Umsetzung zurücklegen muss, werde ich im Laufe des Schuljahres an einem konkreten Beispiel ausführlicher beschreiben. Das Prinzip müsste aber hiermit klar: Alle können jederzeit sehen, welche Ideen aktuell bezüglich ihrer Klasse oder der gesamten Schule im Raum stehen, die sie unterstützen oder weiterentwickeln können. Um auf die oben genannten analogen Hürden wieder zurückzukommen: Man erreicht durch die “digitalen Möglichkeiten” von aula maximale Transparenz und Durchlässigkeit in Echtzeit.

B.) aula-Stunde

Einmal pro Woche bekommt jede Klasse eine Schulstunde Zeit, um sich über neue oder bestehende Ideen auszutauschen. Das kann je nach Situation und Thema im PC-Raum, im Klassenzimmer, mit Smartphones oder komplett ohne Technik geschehen. (Meiner Meinung nach sollte diese Stunde aber mit den Klassenlehrer*innen gestaltet werden, um z.B. positive gruppendynamische Prozesse besser zu fördern bzw. negativen entgegenzuwirken.)

Was ich mir noch von aula erhoffe?

Oben habe ich bereits den Aspekt der Bereitschaft erwähnt, der die Grundvoraussetzung echter Beteiligungsprozesse darstellt. Ich erhoffe mir von allen Beteiligten, die bisher weniger aktiv am Schulleben mitgewirkt oder diese Prozesse unterstützt haben, dass sie durch positive und erfolgreiche Beispiele inspiriert werden umzudenken; was erst durch die neu gewonnene Transparenz ermöglicht wird. Dass möglichst alle Beteiligten erleben, wie hilfreich es für alle ist, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht. Es wird definitiv auf allen Ebenen mehr kommuniziert werden. Bestenfalls schaffen wir es dabei eine Kommunikationskultur der Anerkennung und konstruktiven Kritik zu entwickeln, die (uns) alle prägt und vielleicht auch den Weg in die breite Gesellschaft findet. Dabei wird nicht die Software entscheidend sein, sondern die Intention und Haltung derer, die diese einsetzen. Ich wünsche mir/euch/allen, dass meine Hoffnungen erfüllt werden und blicke gespannt dem neuen Schuljahr entgegen.

PS: Am 06. September haben Markus Neuschäfer und ich im Paul-Löbe-Haus auf der Fachtagung der SPD-Bundestagsfraktion Bildung in einer digitalisierten Welt einen Workshop zum Thema Partizipation in der Schule mit digital gestützten Methoden und OER gegeben. Dort habe ich das aula-Projekt vorgestellt und beworben. Markus hat hier darüber gebloggt und seine Slides veröffentlicht. Meine Folien sind hier abrufbar. Sofatutor hat mich nach dem Workshop auf das Projekt aula angesprochen und hier interviewt.