Den hier veröffentlichten Beitrag habe ich für die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen ihrer Kampagne #BesserDatenSchützen verfasst.

Wir befinden uns in einer digitalen Transformation, in der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert wird. Niemand steht so prominent und umstritten in der breiten Öffentlichkeit wie Facebook für zwei Themenfelder, die in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielen: Social Media und Daten.

Ein Bildungsziel muss es sein, bei jungen Menschen zumindest ein Grundverständnis über Aufbau, Wirkung und Zusammenhänge zu erreichen, damit sie in einer digital vernetzten Welt mündig wirken und Gesellschaft mitgestalten können. Wie das am besten gelingen kann, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Bisher spielen beide Themen in deutschen Schulen, an denen Smartphone-Verbote üblich sind, kaum bis gar keine Rolle. Wenn sie aber aufgegriffen werden, geht es meist darum, über mögliche Gefahren aufzuklären. Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen von Minderjährigen durch Erwachsene, um einen sexuellen Kontakt herzustellen) und Datenschutz bilden hier ein häufig überstrapaziertes Trio. Definitiv drei wichtige Aspekte. Die Grundidee von Social Media, nämlich miteinander zu kommunizieren, wird in ihrer Komplexität und ihrem Umfang dadurch allein leider nicht annähernd erfasst. Dass Instagram & Co unter und nicht auf den Schultischen stattfinden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Lehrende sich gerne zum Personenkreis zählen, der denkt, auf eine Beteiligung in sozialen Netzwerken verzichten zu können.

internet-3113279_1920Sich Facebook & Co zu entziehen oder seinen Account zu deaktivieren, klingt simpel, stellt aber ein Privileg dar, das sich nicht jede Person leisten kann. Als Beleg dafür reicht ein Blick in die politische oder wirtschaftliche Landschaft oder Wahlverläufe. Übrig bleiben nicht wenige Offliner, deren Wissen über soziale Netzwerke sich auf Print- und TV-Beiträge beschränkt und die keinen Sinn darin sehen, ihre kostbare Zeit für Unnützes zu verschwenden. Dabei sind die großen Social Media-Plattformen bereits über zehn Jahre alt und schon lange mehr als nur eine Möglichkeit, Freunde und Bekannte mit unzähligen Fotoserien am Elternstolz teilhaben zu lassen oder die Welt zu informieren, welche Pizza man bei welchem Italiener gerade gegessen hat. Das gesamtgesellschaftliche Leben hat in Social Media mittlerweile ein digitales Zuhause und bildet auch zunehmend regionale Strukturen ab.

Social Media als Chance

Eigentlich stellen soziale Netzwerke eine Chance für Schulen dar, sich zu öffnen, vom Austausch zu profitieren und noch stärker in die Gesellschaft zu wirken. Wie das funktionieren kann, zeigt seit Jahren eine wachsende Anzahl an Lehrenden, die sich mithilfe von Twitter, Facebook, Blogs oder sogar Instagram gemeinsam Gedanken machen, was zeitgemäße Bildung bedeutet und wie sie erreicht werden könnte. Dabei werden in Facebook-Gruppen oder unter Hashtags wie #zeitgemäßeBildung bei Twitter wilde Ideen bis hin zu konkreten Projekt- und Unterrichtskonzepten ausgetauscht und kollaborativ entwickelt. Man diskutiert kontrovers und unterstützt sich gegenseitig, auch um etwas Bewegung in den trägen Tanker Schule zu bringen. Persönliche Lernnetzwerke und unterschiedliche Expertisen werden aufgebaut und gepflegt. Es finden echte und nachhaltige Lernprozesse statt, wovon sich das System Schule gerne ein paar Scheiben abschneiden könnte. Beispielsweise erfolgt dieses Lernen der Lehrenden mithilfe sozialer Netzwerke anhand echter, nicht schulisch geleiteter Fragen. Wo, mit wem, wann und wie lange gelernt wird, wird frei gewählt und bestimmt. Außerdem findet der Austausch über Fachgrenzen hinweg statt, was erforderlich ist, wenn man den Transformationsprozess und Social Media verstehen möchte.

Wer im Unterricht zum Beispiel Framing bei rechtspopulistischen Auftritten in sozialen Netzwerken betrachtet, benötigt für das Verständnis psychologische, historische, sprachliche, politische, informationstechnische und ethische Aspekte. Der wohl wichtigste bei allen genannten Punkten ist das gemeinsame Erarbeiten. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Deshalb empfiehlt es sich, regelmäßig mit Klassen darüber zu sprechen, was sie in welcher Plattform aktuell überhaupt machen, wie und weshalb dort Meinungen zu Themen gebildet werden. Auch weil die Veränderungen sozialer Netzwerke einer deutlich anderen Dynamik unterliegen als das klassische Schulbuch.

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen

Ein erfolgreicher Dialog hängt von der Bereitschaft der Lehrpersonen ab, sich wertfrei auf unbekanntes Terrain zu begeben und das Wissen und den Blickwinkel der Schülerschaft einzubinden und wertzuschätzen. Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Die drei größten Hürden stellen erfahrungsgemäß Wertfreiheit, Angst vor Kontrollverlust und der Rollenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden dar.

Um ein letztes Potenzial sozialer Netzwerke zu nennen, möchte ich den Blick in die USA richten. Im Februar diesen Jahres hat es nach einem Amoklauf an einer High School in Florida eine Gruppe von Überlebenden über YouTube, Twitter und Instagram geschafft, ihrem Anliegen weltweit Gehör zu verschaffen. Einen Monat später erreichten die Jugendlichen so eine Verschärfung des Waffenrechts in ihrem Bundesstaat und mit dem „March for Our Lives“ die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten. Das zeigt: Social Media bieten Möglichkeiten der Demokratisierung und Partizipation aller, indem bestehende Hierarchien überwunden werden können. Soziale Netzwerke sind weder gut noch schlecht, sondern das Produkt unseres Wirkens.

Datenbewusstsein – ein mögliches Ziel

Auch beim Thema Daten gilt der bereits empfohlene Ansatz: Lehrkräfte sollten gemeinsam mit ihren Klassen die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im digitalen Zeitalter analysieren und unterschiedliche Expertisen und Perspektiven berücksichtigen – und diskutieren, wenn man nicht vorformulierte Antworten, sondern Mündigkeit anstrebt. Schülerinnen und Schüler brauchen keine Datenschutz-Debatten, in denen das Fehlen von Datenbewusstsein bemängelt wird und Erwachsene ihre moralischen Appelle und Überlegenheit präsentieren, die in der Regel verhallen. Um ein Datenbewusstsein entwickeln zu können, benötigen sie Transparenz und Wissen, welche Daten wann generiert werden, wer einen Zugriff darauf hat oder welche Chancen und Risiken sie für den Einzelnen oder die Gesellschaft bieten und wer das wo beschließt.

Man sollte Klassen nicht die eigene Auffassung von Privatsphäre und Datenschutz aufzwängen. Die Grenze zwischen Lehren und Belehren scheint hier fließend. Ich muss als Lehrer nicht erreichen, dass alle DuckDuckGo als Standard-Suchmaschine auf ihren Smartphones einrichten – aber dass sie zumindest wissen, dass es sie gibt und was sie im Vergleich zu Google und Co. leisten kann.

Rahmen und Rolle vom System Schule müssen neu gedacht werden, wenn man im Transformationsprozess nicht nur reagieren, sondern gestalten möchte. Und weil es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt, braucht es neben der Schule weiteres Engagement für Räume, in denen jungen Menschen partizipieren können und gehört werden. Vom 08. bis zum 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, eine Gesellschaftskonferenz von Jugendlichen für Jugendliche, die eine gute Gelegenheit für Impulse, Austausch und Vernetzung bietet. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jungen Leuten von heute begegnen. Fangen wir an, zu begreifen und investieren wir in unsere Zukunft.

Das Schulsystem beruht auf einer klaren Zuordnung und Einteilung von Aufgaben und Ressourcen. Deshalb ist und bleibt es wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen im digitalen Wandel, für etwas Ressourcen zu ermöglichen, das man weder klar zuordnen noch einteilen kann. Ich möchte das am Beispiel der Kommunikation, die sich gesamtgesellschaftlich nicht nur wandelt, sondern eine wesentlichen Beitrag zum Wandel leistet, veranschaulichen.

Die Zielformulierung, Kinder müssen lernen, respektvoll im Netz miteinander umzugehen, begegnet mir immer wieder. Entweder in Elternrunden oder in Debatten unter Lehrenden. Dabei geht es um Fragen einer veränderten Kommunikation. Diese Forderung ist bis auf „im Netz“ in Schulen und unter Eltern wiederkehrend. Die Formulierung verdeutlicht dabei die Vorstellung, die bisherige Kommunikation sei nur um einen weiteren Kanal ergänzt worden – quasi als Add-on. Dementsprechend fallen die Lösungsansätze aus. Bei meiner letzten Diskussion zu dem Thema wurde der Vorschlag gemacht, eine Liste mit den zehn wichtigsten Regeln zu verfassen, wie man sich bei WhatsApp, Instagram oder Snapchat zu verhalten habe. Damit wird nicht nur häufig der Fokus auf die Technik bzw. auf Apps und soziale Netzwerke gerichtet und sondern auch versucht, ein neues und unbekanntes Problem mit alten Strategien zu lösen. Weil die Fragen der veränderten Kommunikation keinem Fach zuordnen sind, greift man nach dem nächst bekannten schulischen Instrument: Einem Regelwerk. Verbreitet ist es auch auf außerschulische Expertise zu setzen und die örtliche Polizei einzuladen, die in der Regel auf die Gefahren und rechtlichen Aspekte verweist, jährlich eine in der Nähe stattfindende Veranstaltung von klicksafe.de zu besuchen oder Eltern und Kollegien einen Vortrag fachkundiger Personen anzubieten. Das kann natürlich ein sinnvoller erster Schritt sein, sich der Thematik zu nähern. Meiner Erfahrung nach endet hier leider oft der beschrittene Weg; auch aufgrund der Fragen Wie?, Welche Lehrenden? und In welchem Fach und Umfang?, die ich kurz mit anhand von Fragen diskutieren, alle und möglichst oft beantworten würde.

michelangelo-71282_1280Die sich wandelnde Kommunikation sollte differenziert und wertfrei betrachtet werden und nicht auf ein Sammelbecken für persönlich Lästiges, Unbekanntes oder Horror-Geschichten reduziert werden. Den bereits formulierten Weg, gemeinsam einen schulischen Konsens zu erarbeiten, halte ich für günstig. Nur würde ich nicht allgemeine Regeln, sondern offene Fragen als Ziel definieren. Fragen, die immer wieder jeder für sich selbst oder in Gruppierungen diskutiert.

  1. Wie kommuniziere ich und wie kommunizieren wir?
  2. Was ist mir und was ist uns bei der Kommunikation wichtig?
  3. Was kann ich und was können wir mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten erreichen?

Allein diese drei bzw. sechs Fragen eröffnen die Möglichkeit das eigene Handeln auf sich bezogen und in der Gemeinschaft zu reflektieren, Werte zu diskutieren und Normen auszuhandeln. Mit den ersten beiden Fragen lassen sich alle im schulischen Alltag anfallenden Themen aus dem Bereich der Kommunikation von jeder Lehrperson jederzeit aufgreifen. Die dritte Frage erfordert nicht zwingend Erfahrung, aber zumindest Kenntnisse, um neben den (im Bildungsbereich immer noch größten Raum einnehmenden) Gefahren, Problemen oder Risiken auch die Potenziale der veränderten Kommunikation zu diskutieren. (Diese Vorgehensweise empfehle ich übrigens auch allen Eltern.) Fragen laden zum Austausch ein und bieten Freiraum und Orientierung zugleich. Fragen sind meiner Meinung nach eine Antwort auf die digitale Transformation.

33gxrfRNach dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich verstärkt und eine Militärpräsenz prägte noch Monate danach das Pariser Alltagsbild. In dieser Zeit, in der auch in meinem Umfeld die Frage, wie kann, soll und muss man den Gefahren des Terrorismus begegnen, kontrovers diskutiert wurde, machte folgende Grafik in sozialen Netzwerken die Runde. Marianne, die französische Symbolfigur für Freiheit, führt den Tyrannosaurus Rex, der die Sicherheit darstellen und wahrscheinlich alle Gefahren auffressen soll, an der langen Leine. Was mit der Freiheit geschieht, wenn das Instrument der Sicherheit immer mehr wächst, wird hier einprägsam veranschaulicht. Diese Grafik poppt in meinen Gedanken immer wieder auf, wenn ich die Entwicklung im Bezug auf das Internet verfolge. Besonders im Bildungsbereich.

Das Internet wird in den meisten Bildungsdebatten als ein Ort der Gefahren beschrieben und die Kinder davor zu schützen, als oberste Maxime formuliert. Deshalb hört man an dieser Stelle nicht selten, dass Schule einen Schutzraum bieten soll. Hierfür werden Smartphones verboten, soziale Netzwerke verteufelt und eigene Lösungen, wie Moodle oder die zahlreichen Bildungsclouds, entwickelt bzw. angeboten. Und der Datenschutz schreibt den Plot in dieser Geschichte. Natürlich sehe auch ich die Gefahren und finde es notwendig, in einer Welt, in der nicht nur nette Menschen unterwegs sind und permanent Daten generiert und erfasst werden, ein Umfeld zu schaffen, in der sowohl die Freiheit als auch Sicherheit aller Personen gewährleistet werden. Wen, was und wie es zu schützen gilt und welche Freiheiten aufrechterhalten werden sollen, erfordert aber aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche kontroverse Debatte. Bisher nehme ich eine dominierende juristische Perspektive wahr. Mit der ab dem 25. Mai 2018 anzuwendenden Datenschutz-Grundverordnung scheint sich die Situation im Bildungsbereich nochmal zu verschärfen. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme Baden-Württembergs wurde ich mit weiteren ca. 130 Lehrenden des Bundeslandes vom Kultusministerium informiert, dass man aus datenschutzrechtlichen Gründen Schüler_innen zukünftig nicht mehr auffordern dürfe, mit ihrem Smartphone oder vom heimischen Rechner im Internet zu recherchieren*. Hierbei könnte nämlich ein Zugriff auf personenbezogene Daten erfolgen. Schulen erhalten allein damit einen neuen rechtlichen Rahmen, der das Bild von schulischer Bildung deutlich verändern wird. Ich bin auf die weiteren Richtlinien gespannt, die demnächst sicher folgen werden. Es gilt auch noch zu klären, wie das mit der noch aktuellen, favorisierten Strategie der Kultusministerkonferenz, dem BYOD-Ansatz (Bring Your Own Device bedeutet, dass private mobile Endgeräte in den Unterricht integriert werden.), in Einklang gebracht werden kann.

Freiheit und Offenheit im Internet und des Internets spielen eine zentrale Rolle im digitalen Wandel. In ihnen steckt das Potenzial der kulturellen Teilhabe, Überwindung bestehender Hierarchien oder Demokratisierung. Ich verstehe Schule nicht als Schutzraum, eher als Ort, an denen junge Menschen befähigt werden sollen, mündig und souverän in der Gesellschaft stattzufinden und sie mitzugestalten. Und Gesellschaft findet zunehmend auch im Internet statt. Spätestens wenn junge Menschen die Schule verlassen und ihr Smartphone wieder einschalten. Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens. Kein technisches oder juristisches Sicherheitssystem wird sie stets vor den dort drohenden Gefahren schützen können, sondern das eigene Urteilsvermögen als Resultat von kritischem Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität in einem persönlichen Lernnetzwerk. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, stellt eine weitere Herausforderung für den Bildungsbereich im digitalen Wandel dar, in der aus meiner Sicht aktuell die Freiheit Unterstützung zu benötigen scheint.

*Weil ich bei einem Tweet zu diesem Thema einige Fragen aufkamen, möchte ich sie hier vorwegnehmen bzw. die Antworten drauf schon liefern: Die für Grundsatzfragen des Datenschutzes und technischer Datenschutz im Kultusministerium Baden-Württemberg zuständige Person hat diese Aussage getroffen. Leider wurde nicht der Paragraf genannt, auf den sich diese Aussage bezieht, weil zu viele noch offene Fragen im Raum standen und wir aus Zeitgründen die Diskussion beenden mussten. Genauere Informationen werden aber sicher bald auf der Seite des Kultusministeriums folgen. Allen anderen Lehrpersonen kann ich nur empfehlen, sich mit ihrem Kultusministerium in Verbindung zu setzen und deren Auslegungen der Verordnung in Erfahrung zu bringen.

IMG_9108IMG_9109Neulich stieß ich auf diesen Beitrag der New York Times, in dem darüber berichtet wird, wie eine Gruppe von Menschen in den USA auf dem Display ihrer Smartphones den Graustufen-Farbfilter aktiviert, um das Nutzungsverhalten weniger von biologischen Reizen steuern zu lassen und im Wettkampf um Aufmerksamkeit wieder etwas mehr Mündigkeit zu erlangen. Wer ein iPhone besitzen sollte, geht dafür auf Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display-Anpassungen, Farbfilter , den er dann (auf Graustufen) aktiviert. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, dass bei Apps Farben bewusst eingesetzt werden, um im Hirn gewisse Bereiche zu stimulieren, die einen stärkeren Drang erzeugen, beispielsweise auf den knallig rot aufleuchtenden Nachrichtenkreis zu klicken und nachzusehen, welche scheinbar wichtige Informationen dahinterstecken. Ich habe seit über einer Woche einen Selbstversuch laufen, um zu prüfen, wie sehr sich mein Verhalten dadurch verändert. Direkt beim Aktivieren der Graustufen hatte ich das Gefühl, weniger Stress beim Blick auf den Homescreen zu empfinden. Auch die Lust, auf die bunten Apps zu klicken, schien mir geringer. Dieser Eindruck hat sich auch nach mehreren Tagen konstant gehalten. Natürlich ist das eine sehr subjektive Wahrnehmung, die stark von den Art der Smartphone-Nutzung abhängt. Das Smartphone ist bei mir überwiegend ein Arbeitsgerät, mit dem ich z.B. sehr viele unterschiedliche Nachrichtenformate über zahlreiche Kanäle sende und empfange. Bei meiner Schülerschaft dient das Smartphone eher der Unterhaltung und dem Austausch mit Freunden. In ein paar Schulklassen habe ich deshalb mein Smartphone-Display über den Beamer projiziert und ihre ersten Eindrücke bzw. Wirkungen diskutiert. Der Vorteil dabei war, dass der projizierte Homescreen farbig bleibt, auch wenn auf dem Gerät die Graustufen aktiviert sind. So erhält man den direkten optischen Vergleich. Die Schulklassen haben die neue Ansicht nicht als stressfreier, sondern als langweiliger beschrieben. Mir ging es bei der Debatte darum, die biologischen Mechanismen und Wirkung aufzugreifen und unterschiedliche Fragen und Perspektiven gemeinsam zu betrachten. Wie sie zukünftig mit dem erworbenen Wissen umgehen, bleibt ihnen überlassen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Einstellung dauerhaft beibehalten werde. Die sechs Klicks, um zeitweise den Farbfilter beim Ansehen von Serien wieder zu deaktivieren, gelingen mir zwar immer schneller, bremsen aber den Flow der alltäglichen Nutzung.

Ergänzungen

Nachdem ich diesen Blogbeitrag in der in der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook gepostet hatte, wurde ich auf zwei YouTube-Videos hingewiesen, die den New York Times-Artikel um einige Punkte ergänzen und sich auch für den Einsatz im Unterricht anbieten.

  • Thomas Walden verwies bezüglich Farbwahl und Filmproduktion auf folgenden Beitrag des amerikanischen Technikportals und Mediennetzwerks The Verge.
  • Maximilian Schmeiser empfahl diesem Videobeitrag. Neben einem Interview mit Tristan Harris, dem Gründer von Time Well Spent, werden weitere Design- bzw. Wirkungsaspekte von Apps aufgezeigt. Interessant fand ich die Information, dass hinter den ersten Push-Mitteilungen 2003 für das Blackberry die Idee stand, die in Mails investierte Zeit zu reduzieren. Bildschirmfoto 2018-03-11 um 12.48.17Den Vergleich mit dem Spielautomat habe ich in den letzen Wochen zum zweiten Mal gehört. Zuletzt bei einem Vortag von Roman Rackwitz, bei dem er vom gleichen Prinzip im Gamification-Bereich berichtete: Dabei wird eine bestehende Möglichkeit auf einen Gewinn bzw. eine positive Nachricht mit einer Illusion der Kontrolle kombiniert und dadurch ein hoher Reiz, fortzufahren, generiert. (Der Sucht-Duktus des Videobeitrags, auch wenn das Thema an mancher Stelle notwendig ist, erscheint mir zu reißerisch. Dass man die Push-Benachrichtigungen ausschalten soll, um nur für „echte Menschen“ erreichbar zu sein, spiegelt einen populistischen Ansatz Mensch gegen Maschine wider, den ich nicht teile.)
  • Christian Stöcker hat hier die Thematik lesenswert im größeren Kontext betrachtet.

March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Wenn im Bildungsbereich über digitale Medien diskutiert wird, ist der Begriff Mehrwert nicht weit. Ich möchte kurz ausführen, weshalb ich die Verwendung des Begriffs sehr kritisch sehe.

factory-35104_1280Der Begriff Mehrwert kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Bei Karl Marx wird er als der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehenden Teil der Wertschöpfung definiert. In meiner Vorstellung von Bildung und Lernprozessen findet ein derartiges Bild bzw. Ziel keinen Platz. Ähnlich verhält es sich deshalb auch mit den Begriffen Lernfabrik oder Lehrkraft. Mich beschäftigt dabei stets die Frage, welches Framing dadurch begünstigt wird und welche Folgen daraus entstehen können.

In der Regel wird Mehrwert in den Bildungsdebatten genutzt, um digitale mit analogen Medien zu vergleichen oder bei der Frage, wie man durch den Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert erzeugen kann. In beiden Fällen geht es darum, den Einsatz digitaler Medien durch einen nachweislichen Mehrwert zu rechtfertigen; nicht selten mit der Idee, sie Lehrenden schmackhaft zu machen, die noch keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen können. Studien sind dabei häufig die Währung. Weil diese Debatten im Kontext der digitalen Transformation geführt werden, wird damit der Fokus auf den Einsatz digitaler Medien und Technik gerichtet, anstatt auf die wesentlichen Fragen des digitalen Wandels und die daraus resultierenden Herausforderungen bzw. Ziele; einen Mehrwert zu schaffen, zähle ich nicht dazu.

Häufig wird auch mit dem Fehlen eines Mehrwerts beim Einsatz digitaler Medien argumentiert. Dieses Fehlen entsteht meist aus einem Denkfehler. Hierzu hat Axel Krommer einen lesenswerten Beitrag verfasst.

Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Frage, wie man eine breite Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels in Schulen initiieren, unterstützen oder beschleunigen könnte. 2016 habe ich zum ersten Mal dazu ein paar Gedanken verschriftlicht. Mittlerweile hat sich meine Vorstellung insofern weiterentwickelt, dass sich mein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und das Lernen richtet, losgelöst von Schule, die nur einen Bestandteil des bisherigen Systems darstellt, das gerade im komplexen und dynamischen Transformationsprozess an seine Grenzen stößt. Lernen darf nicht nur im schulischen Kontext verstanden werden. Wir lernen ständig und überall. Im Gespräch mit Freunden oder bei der Arbeit. Wir lernen in allen Lebensbereichen, wenn wir Problem lösen bzw. um Probleme zu lösen. Der digitale Wandel hat aber nicht nur die Möglichkeiten hierfür grundlegend verändert, sondern auch die Notwendigkeit.

stuttgart-980526_1920Wenn ich heute nach Antworten auf meine Fragen suche, stürze ich mich in der Regel ins Web. Dabei suche ich nach geeigneten Quellen und bei wesentlicheren Fragen auch immer mehr nach Menschen mit der dazugehörigen Expertise. In den Debatten mit ihnen erreiche ich erst häufig die nötige Schärfe einer Fragestellung, um den dazugehörigen Sachverhalt vertieft zu durchdringen. Besonders gefällt mir dabei die (in zumindest meinem Umfeld) fehlende Hierarchie. Man duzt sich und nicht der Titel vor dem Namen oder sonstige Kriterien, sondern allein der Austausch zählt. So habe ich über die letzten Jahre mein persönliches Lernnetzwerk, das ständig weiter wächst und sich entwickelt, mit Hilfe von Social Media aufgebaut. Orts- und zeitunabhängig, stets griffbereit, über das Smartphone in der Hosentasche.
Ich glaube, dass nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Erfordernis nach öffentlichen, nicht kommerzialisierten Räumen in der Stadt besteht, in den genau diese Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe stattfinden können. In denen Menschen, die normaler nicht aufeinandertreffen, zusammenfinden. Sozusagen ein persönliches kommunales Lernnetzwerk, bei dem ich nicht nur auf das Potenzial vor Ort zugreifen, sondern auch meine Expertise in die Waagschale werfen kann. Was wiederum eine Vernetzung und Zusammenarbeit über das Web nicht ausschließen soll. Das Barcamp Lernräume stellt einen solchen Versuch dar. Mit dem offenen Bildungsnetzwerk Freiburg wurde neben dieser großen Veranstaltung letztes Jahr ein kleinerer Ableger geschaffen, der hier eine Kontinuität gewährleisten soll. Das reicht natürlich nicht aus. Ein nächster notwendiger kommunaler Schritt könnte ein überarbeitetes Konzept der Stadtbibliothek sein, die neben der zentralen Lage und der allgemeinen Zugänglichkeit, eigentlich alle notwendigen Kriterien für eine öffentlichen Begegnungsraum, wie er oben beschrieben wird, erfüllt. In diesem Beitrag aus dem Tagesspiegel wird die Idee eines Bibliotheken-Updates noch näher und konkreter ausgeführt. Ulm zeigt mit Freiraum, einen weiteren möglichen Ansatz. In diesem Zusammenhang wird mit technischerem Fokus auch häufig von FabLabs gesprochen.

Das Ziel, ein uomo universale zu werden, war wahrscheinlich im Bezug auf die Kenntnis aller Fachgebiete nur in der Renaissance möglich. Durch das exponentielle Wachstum des Wissens hat seit damals die Diskrepanz zwischen dem, das gewusst wird und dem, das man wissen könnte, immer mehr und schneller zugenommen. Wenn man in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Fragen betrachtet, die sich auf kommunaler Ebene stellen, wird klar, welche Form der Zusammenarbeit benötigt wird. Die erhöhte Komplexität der Fragestellungen unserer Zeit erfordern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Expertisen. Hierarchische Systeme machen deshalb keinen Sinn. Wenn man das beispielsweise auf die Idee der Bildungsregion Freiburg bezieht, bedeutet das, dass das regionale Potenzial in einem offenen und transparenten Prozess genutzt werden müsste, um ein gemeinsames und nachhaltiges Konzept zu entwickeln. Im digitalen Wandel sollte deshalb aus dem Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ein zeitgemäßes Der Prophet vernetzt sich im eigenen Land werden. Im letzten Jahr lernte ich bei unzähligen Gesprächen im Rahmen der Planung des Barcamps Lernräume viele Menschen in Freiburg kennen, die auf verschiedenen Gebieten über Know-how, Ressourcen oder Ideen verfügen, sich aber gegenseitig noch unbekannt waren. Dass aber der Wunsch nach Zusammenarbeit und Schaffung neuer Lernräume vorhanden ist, zeigt die Organisation des Barcamps, die über Etherpads, Messenger-Dienste und E-Mails von über 20 Partnern geleistet wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Nebeneinander enden wird, freue mich auf das zukünftige kommunale Miteinander und bin gespannt, welche Konzepte sich daraus ergeben werden.