Gut fünf der 200 Seiten Text über Innovation widmet Wolf Lotter in seinem neuen Buch, das sich mit der Digitalen Transformation und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit einer Innovationskultur auseinandersetzt, der Bildung in der Innovationsgesellschaft. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er Lehrer als Ordnungshüter und Systemerhalter, die weder (echte) Innovation wünschen noch die dafür notwendigen Rahmenbedingungen im Bildungssystem bieten (können), sieht. Dieser Ausschluss der Möglichkeit, Schule könnte ein Biotop für Innovation sein und werden, ist es, der genau das Verfolgen dieses Gedankens umso wichtiger macht. Deshalb möchte ich eine zarte Brücke zwischen seinen Ideen und der Bildung schlagen, die zum weiteren, vertieften Transfer einladen soll. Was bedeutet das für mich als Lehrer, meine Schülerinnen und Schüler, meine Schule oder Bildung allgemein? habe ich mir beim Lesen jedes Absatzes gefragt. Hier ein paar Notizen, die dabei entstanden sind.

Dass Systeme sich selbst erhalten und Wohlstandsgesellschaften ungern Risiken eingehen, gilt natürlich auch für das Leben innerhalb von Bildungsinstitutionen. Auch hier haben sich Strukturen und Hierarchien entwickelt, in denen Personen aufgestiegen sind und etwas zu verlieren haben. Die natürlichen Bestrebungen, diese Machtverteilung aufrechtzuerhalten, bremsen Neues aus. Lotter verweist auf die allgemeinen Regeln von Gemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben, in denen Hörigkeit und Abhängigkeit über genau definierte Arbeitsbeschreibungen geschaffen werden. Auch auf der Basis von Misstrauen, das sich im Bildungskontext aus Regelwerken und dem Einfordern von Dokumentationen oder Leistungsnachweisen nährt. Untere Hierarchieebenen werden durch Arbeitsweisungen beschäftigt und kontrolliert. Geduldete und “zertifizierte“ Querdenker sind systemrelevant kalkuliert und nur Fassade, die den Anstrich von Innovation verleihen. So entstehen Strukturen, die nicht nur Prozesse für Verwaltung von Gleichmacherei und Anpassung fördern, sondern auch jeglichen Ansatz von Kreativität im Keim ersticken. Es werden Konzepte als Innovation verkauft und gefordert, die keine sind. Sie sind meist nur die Fortführung des Bestehenden mit neuem Feature. Ein Indikator dafür sehe ich im verbreiteten Wunsch nach fertigen Unterrichtskonzepten, der Copy-Paste-Innovation auf Bildungsveranstaltung zum digitalen Wandel.

InnovationWie müsste eine Innovationskultur in der Bildung aussehen und was wäre dafür notwendig? Wolf Lotter beschreibt und begründet sehr ausführlich das Wesen von Innovation und welche Faktoren ihre Entfaltung begünstigen. (Wenn er über das Arbeiten schrieb, übersetzte ich es gedanklich mit Lernen und Lehren. Bei Leadership dachte ich an die zuständige Position vom Klassenraum bis zum Ministerium.) Es braucht Experimentierräume, in denen Neugier und Erfahrung zusammentreffen. Einen Wettbewerb, der keinen Kampf, sondern eine Entwicklung, eine Verbesserung für alle darstellt. In dem Fehler kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses sind und Menschen mutig sein dürfen, Risiken einzugehen und eine eigene Haltung entwickeln zu können. Freiräume, in denen Widersprüche und Differenzen gewollt sind, weil nur sie zu echter Innovation führen. Zeit und Geduld, um in Ruhe kritisch denken und nüchtern differenzieren zu können. Innovation ist dynamisch und unvorhersehbar. Sie braucht Leidenschaft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen. Innovationskultur ist inklusiv und barrierefrei. Es werden dabei alle zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt, um alle Lernenden individuell dazu zu befähigen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden, selbstverantwortlich zu handeln und selbstbestimmt zu leben. In der Digitalen Transformation steht das Individuum, der Lernende (wobei diese Rolle alle betrifft und nicht nur auf Schülerinnen und Schüler reduziert werden darf) im Mittelpunkt und Mündigkeit, im Sinne Kants, bildet das Gerüst. 

Die treibende Kraft von Innovation, sagt Lotter, liegt in der Neugier des Individuums. Damit sich diese auch entfalten kann, dürfen Talente nicht in Ordnungssystemen gefesselt werden, sondern benötigen flexible und anpassungsfähige Strukturen. Das Geheimnis einer Organisation liegt ihm zufolge darin, sie in viele kleine Einheiten aufzubrechen, damit sie als Ganzes anpassungsfähig bleibt und jeder seine individuelle Stärken ausspielen kann. Wie so ein Transfer auf die Schulentwicklung auf allen Ebenen aussehen könnte, gilt es auszudiskutieren. Was es aber dafür brauchen wird, nennt er bereits in seinem Buch: Ambiguitätstoleranz. 

Hätte Wolf Lotter ein Bildungsbuch geschrieben, hätte er wahrscheinlich gefordert, dass Lehrende zu Ermöglichern der Selbstermächtigung werden müssen. Dass sie die führende Rolle einem selbstständig handelnden Lernenden überlassen und sich um optimale Bedingungen für seine Entfaltung kümmern sollen. (Vielleicht wäre das auch ein günstiger Zeitpunkt, die gerne belächelte Lernbegleitung, die manche auch als Entwertung ihrer Autorität und Fähigkeiten empfinden, durch Lernermöglichung auszutauschen.) Lernende müssen herausfinden, wer sie sind und was sie können oder möchten. Nur so kann echte Kollaboration entstehen, wenn sich jeder seiner Stärken und Ziele bewusst ist und sie vernünftig einsetzen kann. Den Rahmen dafür bildet eine Vertrauenskultur, in der jeder Person die freie Wahl zugestanden und zugetraut wird, wann und wie sie Neuem begegnet. Innovationen eröffnen nach Lotter Zugänge, vor allem für Benachteiligte, und sollte Probleme verringern oder lösen. Ein spannender Gedanke, im Hinblick auf Bildungszugänge und -gerechtigkeit, die besonders im laufenden Prozess des Kulturwandels eine zentrale Rolle spielen müssen.

Eine Buchstelle, die sich mit Führung und Innovation beschäftigt, möchte ich für mitlesende Menschen aus dem Bildungsbereich, die mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind, hervorheben. Gary Hamel, ein amerikanischer Ökonom und Unternehmensberater, wird darin zitiert, dass moderne Organisationen nicht hierarchisch aufgebaut sind, sondern eine horizontale Transparenz herrscht, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennen, dass sie am selben Strang ziehen und deshalb gerne zusammenarbeiten. Lotter spricht davon, wie Teamarbeit missverstanden und dabei auf Leute, die sich leicht anpassen, gesetzt wird. Wer aber Innovation wünscht, braucht konstruktive Störer, die in laufenden Prozessen immer wieder Dinge in Frage stellen, anregen in andere Richtungen zu denken und Lösungsvielfalt fördern. 

Die bereicherndsten Impulse für mein Wirken an Schulen und im Unterricht erhalte ich meist bei Veranstaltungen, Personen oder Themen, die auf den ersten Blick so gar nichts mit Bildung zu tun haben und kann deshalb nur alle Lehrenden ermuntern, sich immer wieder selbst zu überraschen. Wolf Lotter hat beim Schreiben seines Buches Innovation – Streitschrift für barrierefreies Denken die Bildungslandschaft sicher zuletzt als potenzielle Leserschaft im Hinterkopf gehabt. Umso mehr kann ich es ihr ans Herz legen, es zu lesen. Mich wird es auf jeden Fall noch einige Zeit beschäftigen.

Der Beutelsbacher Konsens legt die Grundsätze für die politische Bildung mit drei Prinzipien fest: Dem Überwältigungsverbot, der Kontroversität und der Schülerorientierung. Ziel ist es, dass junge Menschen dazu befähigt werden, sich mithilfe einer kontroversen und schülergerechten Auseinandersetzung mit politischen Inhalten eine eigene Meinung bilden zu können und nicht von der Haltung oder Meinung der Lehrenden überwältigt zu werden. Dass der Beutelsbacher Konsens im digitalen Transformationsprozess ebenfalls weiter entwickelt und gedacht werden muss, habe ich hier bereits zum Thema Soziale Netzwerke vor einem Jahr aufgeschrieben. Nach zahlreichen Gesprächen auf Veranstaltungen und im Netz über Bildung im Zeitalter der Digitalität erscheint es mir notwendig, auf weitere Bereiche hinzuweisen. Wenn es um Marken oder Unternehmen von Hardware, Software oder Betriebssystemen geht, entsteht auf den ersten Blick der Eindruck, dass eine technische Thematik vorliegt. Dabei ist es in der heutigen Welt, die von vernetzten Computer als Leitmedium geprägt ist, schon lange eine politische und erfordert die Berücksichtigung der drei oben aufgeführten Prinzipien. 

track-2906667_1920.jpgBei Debatten über Apple, Google, Windows, iOS, Android oder Open Source wird es nicht selten emotional und die einzige Wahl, die es zu treffen gilt, heißt gut oder böse, bzw. richtig oder falsch. (Damit meine ich übrigens alle Lager.) Für welche Smartphones, Suchmaschinen oder Apps sich Schülerinnen und Schüler entscheiden, muss aber Ihnen überlassen werden. Auch hier ist es die Aufgabe der Lehrenden, alle bekannten Optionen und Zusammenhänge wertfrei aufzuzeigen und eine unbelastete Meinungsbildung zu ermöglichen. (Politische Bildung muss um netzpolitische Bildung erweitert werden. Besonders bezüglich der Befähigung junger Menschen, das Netz mitzugestalten.)

Schwierig wird es bei der Anschaffung von Schulgeräten und -software. Hier entscheiden meistens Lehrende oder der Schulträger, häufig auch ohne die Schülerschaft und Eltern einzubeziehen und wägen zwischen Praktibilität und politischer Überzeugung ab. Es stellt sich die Frage, wie viel Kontroversität und Bevormundung in diesen Entscheidungen steckt. Welche Hardware, Software oder welches Betriebssystem aktuell zu meinen Lebensumständen passt und ich gesellschaftlich vertreten kann, möchte ich selbst entscheiden können (und verzichte auch gerne auf die vermeintliche moralische Überlegenheit Andersdenkender). Und genau das steht auch allen Schülerinnen und Schülern zu.

Wenn von zunehmender Dynamik und Tempo der Digitalen Transformation gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der technischen Entwicklung. Immer schneller, kleiner, leistungsfähiger und vernetzter. In der Regel werden dazu Arbeitsprozesse (auch Lehr- und Lernprozesse) übersetzt mit praktischer, effektiver und effizienter. Damit wird in veralteten wirtschaftlichen Denkmustern gehandelt und die Tragweite der grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung verkannt. Es geht um weitaus mehr als Optimierung des Bisherigen. Die Gründe für Missverständnisse oder sogar Widerstände sehe ich bei den Erfordernissen der Digitalen Transformation, die im Konflikt zu den überholten Strukturen und Systemen stehen. Einige davon und mögliche Lösungen oder Strategien greife ich hier auf. (Alle Beiträge zur Digitalen Transformation resultieren aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen der ca. letzten zehn Jahre aus dem Bildungsbereich oder meiner Aktivitäten rund ums Netz. Da die Herausforderungen der Digitalen Transformation sich in allen Gebieten ähneln und in einigen sogar identisch sind, versuche ich die Texte in einem möglichst allgemeinen Kontext zu verfassen. Den Transfer, zu welcher Bedeutung oder Handlungsempfehlung das führt, liefere ich deshalb nur punktuell für den Bildungsbereich. Jede andere Übersetzung kann und muss stets eigenständig im jeweiligen Kontext erfolgen.)

Erfordernisse der Digitalen Transformation  

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.25.03Allein die steigende Komplexität gesellschaftlichen Zusammenlebens bedingt, sich in flexiblen, kollaborativen, offenen Netzwerken, Prozessen und wandelnden Rollen kritisch denkend bewegen zu können (Können steht für die dafür voraussetzende Bereitschaft, das zu erlangende Vermögen und die notwendigen Möglichkeiten.). In anderen Worten: Netzwerken können. (Was leider häufig mit Vernetzung gleichgesetzt wird.) Neben Freiräumen in allen Bereichen erfordert das Kreativität und Zusammenführen vielfältiger Expertisen und Perspektiven. Das bedeutet auch traditionelle Handlungsmuster zu überwinden und neue Wege zu beschreiten, die nach den Kriterien bisheriger Systeme keinen Anreiz bieten. Dafür muss losgelöst von einfachen Kausalbeziehungen und nicht in hierarchischen Baumstrukturen oder isoliert nebeneinander existierenden Objekten gedacht werden. Die Digitale Transformation setzt Systemdenken mit der Maxime „Think globally, act locally.“ voraus. Ein etwas besser, etwas anders reicht nicht mehr. Es braucht ein komplett neues Mindset. 

Das Gewicht der Zeit

Bildschirmfoto 2018-08-30 um 18.24.42Zeit scheint dabei die kostbarste Ressource zu sein. Zeit, um die Voraussetzungen für diese Prozesse zu entwicklen und umzusetzen. Wenn investiert wird, dann meist in Technik. Mit neu gekaufter Technik scheint der „digitalen Wandel“ sichtbar, greifbar, verständlich, pressewirksam und funktioniert auch ohne Änderung von Strukturen und Systemen. Dadurch wird nicht selten ohne systemische Betrachtung nur ein Faktor verändert, es werden negative oder gar keine Auswirkungen festgestellt und dann schlussgefolgert, dass Veränderungen nichts bringen oder sogar schlecht sind. Den bisher vielversprechendsten Ansatz liefert immer noch Google mit der Regel, dass ihre Mitarbeiter_innen 20% ihrer Arbeitszeit dafür verwenden dürfen, um eigenen Ideen und Interessen nachzugehen, kreativ zu sein und zu experimentieren. (Einige der daraus resultierenden Produkte zählen heute zu ihren größten Erfolgen.) Bei einer 5-Tage-Woche bedeutet das genau einen Tag, der einem zur Verfügung steht. Man stelle sich vor, welche Schulentwicklungsprozesse mit dieser Ressource möglich wären. Beachtenswert ist auch die Weiterentwicklung des ursprünglichen Ansatzes mit Area 120. Damit erhalten Projekte aus und in der 20%-Zeit die 100%-ige Unterstützung eines dafür freigestellten Teams, um die Entwicklung optimal zu fördern. Auch hier wäre die Übersetzung zur Schulentwicklung spannend. Die erste und wichtigste Investition in der Digitalen Transformation ist und bleibt die Zeit. Was sich nicht geändert hat, ist das Erfordernis, selbst aktiv zu werden. Beim Thema Zeit bedeutet das, nach bestehendem Handlungsspielraum zu suchen oder gegebenenfalls die bisherigen Prioritäten zu überdenken, um neuen zu schaffen. Zeit bereitzustellen genügt aber nicht allein. Besonders nicht in Strukturen und Systemen, in denen Freiräume nie Teil des Konzepts waren. Es braucht auch hier eine Anleitung und Begleitung der Prozesse, was der Idee von Area 120 entsprechen würde. (Im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung wäre das im Rahmen von eduScrum umsetzbar oder auch mithilfe der strukturierten Lösungsanalyse von Olalla möglich.)

Auch in der Digitalen Transformation lohnt es sich weiterhin, die bereits vorhandenen Ressourcen zu bündeln, den Blick auf das Machbare zu richten und voranzuschreiten. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Arbeitszeit ist in den alten Strukturen und Systemen bereits verplant. Da Systeme sich selbst erhalten, ist hier auch mit keinem Wandel zu rechnen. Somit bleibt ehrlicherweise nur noch die „Freizeit“ übrig, wenn man auf keine strukturellen Änderungen hoffen und sich auf den Weg machen möchte. Eine sicher ernüchternde Erkenntnis, die langfristig weder wünschenswert noch tragfähig ist. Deshalb ist und bleibt die Digitale Transformation eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung. Es würde mich folglich auch nicht wundern, wenn am Ende weder Wirtschaft noch Politik, sondern Graswurzelbewegungen der Hebel wären.

adventure-1807524_1920Nach zwei Schuljahren endete diesen Sommer die Pilotphase von aula, das bundesweit an vier Schulen durchgeführt wurde und neben den klassischen Höhen und Tiefen eines jeden Projekts ein einzigartiges Potenzial aufgezeigt hat, wie Demokratie lernen und leben im digitalen Wandel gelingen kann. Meine Erkenntnisse aus diesem Zeitraum, aktuelle Pläne und mögliche Zukunftsszenarien dieses Konzeptes möchte ich mit diesem Beitrag vorstellen. (Den Personen, die eben zum ersten Mal von aula hören und mehr erfahren möchten, empfehle ich meinen ersten, zweiten und dritten Beitrag zu lesen, um das Konzept, die Einführung und Entwicklung exemplarisch anhand einer Schule zu erfassen.)

Was kann aula leisten?

Nach dem ersten Schuljahr hat es trotz zahlreicher Einträge „nur“ die Smartphone-Tag-Idee geschafft, alle Phasen auf der aula-Plattform erfolgreich zu durchlaufen und umgesetzt zu werden. Auf den ersten Blick scheint das wenig und hat vielleicht auch zu diesem Zeitpunkt manche Personen am Projekt zweifeln lassen. Das Scheitern spielte aber eine wesentliche Rolle, weil darüber gelernt wurde, wie und wann eine Idee formuliert, bearbeitet und beworben werden muss oder wie man Kompromisse findet und verfasst, wenn man sein Ziel erreichen möchte. Junge Menschen beteiligen sich auch nicht automatisch, wenn man ihnen plötzlich ein derartig großes und ernstes Angebot zur Partizipation macht. Sei es auch noch so attraktiv. Demokratie muss gelernt werden. Mit allen Anforderungen, die Lernprozesse der gängigen und etablierten Fachgebiete in der Schule mit sich bringen und mit jeglicher Unterstützung, die dafür (differenziert) notwendig ist. (Eine Randnotiz aus meiner jahrelangen Erfahrung als Verbindungslehrer an drei Schulen, als SMV BAG-Leiter beim Schulamt und als SMV Beauftragter beim Regierungspräsidium: Ich habe in diesen Tätigkeiten viele Einblicke in unterschiedliche Schulen erhalten und festgestellt, dass in keinem schulischen Bereich die Diskrepanz zwischen dem, was Lehrende als Maxime und allgemeinen Konsens formulieren und dem, was man in Schulen vorfindet, so groß ist wie bei der Beteiligung von Schüler_innen.) Eine Idee aus dem ersten Jahr, dass bereits ab Klasse 9 der Pausenhof in den große Pausen verlassen werden darf, erreichte zwar über die aula-Plattform nicht die benötigten Stimmen, bewog aber die Schulleitung dazu, sich bei anderen Freiburger Schulen nach deren Regelungen zu erkundigen. Das führte am Ende zu einem Beschluss des Kollegiums, diese Idee unabhängig vom großen, aber leider bei der Abstimmung laut aula-Vertrag nicht ausreichenden Zuspruch der Schülerschaft umzusetzen. Aula hatte nicht nur die Stimmen der Schülerinnen und Schüler sichtbarer gemacht, auch wie man mit ihnen umging hatte sich gewandelt. Im zweiten Jahr waren überzogene Erwartungen, aber auch Skepsis überwunden. 559px-Gartner_Hype_Zyklus.svg.pngWenn man den aula-Projektverlauf mit dem Hype-Zyklus von Jackie Fenn vergleichen würde, befand sich unsere Schule im zweiten Schuljahr im Plateau der Produktivität. Auf der SMV-Hütte wurden Ideen für aula in Teams viel sorgfältiger ausgearbeitet, Plakate und Durchsagen vorbereitet und gemeinsam mit der Schulleitung optimiert. Der Smartphone-Tag sollte monatlich durchgeführt oder ein Snackautomat von den über 3000€, die über Crowdfunding ersammelt wurden, finanziert werden. (Beide Ideen haben es geschafft.) Auf einem schulinternen Barcamp haben Lehrerinnen und Lehrer sich damit auseinandergesetzt, wie man das aula-Konzept an unserer Schule modifizieren kann und sich an einem freien Nachmittag erneut bezüglich der technischen Nutzung fortbilden lassen. Auch im zweiten Jahr gingen nicht alle Pläne auf, aber das Pilotprojekt hatte sich zu einem verankerten Konzept entwickelt und die Schulkultur geprägt.

In den letzen beiden Jahren durften unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder in unterschiedliche Mikros und Kameras sprechen, das aula-Konzept erklären und ihre persönliche Einschätzung abgeben. Da ich die Termine koordinierte, war ich in der Regel mit anwesend, wenn Klassen und Kurse sich mit Journalist_innen oder Interessierten anderer Institutionen über aula austauschten. Weil Außenstehende im Vergleich zu Lehrenden andere Fragen stellen, durch ihre Rolle anders auftreten und wahrgenommen werden, erhielt ich zusätzliche, ehrliche Einblicke in die Sichtweise der Schülerschaft. Sie wurden beispielsweise gefragt, ob und inwieweit aula auch ihr außerschulisches Leben verändert habe. Eine Schülerin meinte, dass sie mittlerweile auch Zuhause mehr mitbestimmen möchte, seitdem sie über aula in der Schule ihre Wünsche und Ideen einbringen kann. Ihre Meinung, Perspektive und Fähigkeiten würden eine Rolle spielen. Ein anderer Schüler erklärte, dass er seit aula auch außerhalb der Schule das Gefühl hat, etwas verändern zu können und dass er bei Diskussionen mit seinen Eltern mittlerweile deren Perspektive mitdenkt. Im Prinzip ist damit eine wesentliche Idee von aula aufgegangen: Sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, Kompromisse auszuhandeln, sich Dinge zuzutrauen und Verantwortung einzufordern und zu übernehmen. Genau das braucht eine demokratische Gesellschaft, heute dringender denn je, bei den weltweiten, politisch besorgniserregenden Entwicklungen. Junge Menschen müssen so früh wie möglich Demokratie lernen und leben, um sie später auch zu verteidigen. Aula kann aus meiner Sicht in der Schule die dafür notwendigen Räume online und offline anbieten. In einem Punkt sind sich nach vielen Gesprächen das Kollegium und die Schülerschaft rückblickend einig: Es ist ein langer, anstrengender und komplexer Prozess, wenn man das Konzept nicht nur als pressewirksame Dekoration installieren, sondern in der Schule ernsthaft verankern möchte.

Wie geht es mit aula weiter?

Technische Perspektive

Bildschirmfoto 2018-08-18 um 10.26.31Was nicht auf dem Homescreen eines Smartphones von jungen Menschen stattfindet, existiert kaum bis gar nicht außerhalb der Schulzeit, war unsere Vermutung nach dem ersten Jahr, die nun durch die sehr aufschlussreiche und ausführliche Evaluation des gesamten Projekts von politik-digital e.V. belegt (die bald veröffentlicht und hier dann auch verlinkt wird). Webanwendungen (Web-Apps) finden in der Welt von Schüler_innen meist nicht statt. Neben dem Theodor-Heuss-Preis, gewann aula auch den mit 20 000€ dotierten Innovationspreis DEMOKRATIE.io und konnte damit die lang ersehnte Entwicklung einer App (für iOS und Android) finanzieren. Durch eine kleine Verzögerung wird aktuell damit gerechnet, dass sie spätestens Ende September im Einsatz sein wird. Parallel dazu kommt ein Relaunch der gesamten aula– Plattform, die neue Funktionen bekommt und deutlich einfacher zu installieren und administrieren sein wird.

An der Pestalozzi Realschule Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 10.53.20.pngMit Abschluss der Pilotphase endete auch die Finanzierung durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Wir haben uns bei Openion erfolgreich für finanzielle Unterstützung im Rahmen einer Projektpartnerschaft beworben, können damit die nächsten Jahre die mittlerweile überschaubaren Server- und Hosting-Kosten decken und verfügen über zusätzliche Mittel, um beispielsweise weitere Schulungen durchzuführen. Die Umsetzung beider Ideen, der monatliche Smartphone-Tag und die Anschaffung eines Snackautomaten, über die Schulklassen erst am Ende des letzten Schuljahrs erfolgreich abgestimmt hatten, werden Arbeitsgruppen planen, in den Personen aus der Schülerschaft und dem Kollegium vertreten sein werden. Da es sich in beiden Fällen um eine deutliche und sichtbare Änderung des Schulalltags handelt, würde mich eine weiter zunehmende Implementierung des Konzepts durch alle Beteiligten nicht wundern.

Regierungspräsidium Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 13.50.31Dass aula fast alle Leitperspektiven des aktuellen Bildungsplanes in Baden-Württemberg aufgreift war ein weiteres Argument dafür, im regionalen Raum des Regierungspräsidiums Freiburg schulartübergreifende Fortbildungen im November 2018 anzubieten, in denen man das Konzept kennenlernen kann. Im Februar 2019 folgt darauf ein zweites Angebot an Fortbildungen, in denen in Workshops die aula-Plattform getestet werden kann. Falls es Schulen in der Region geben sollte, die darüber hinaus Informationen wünschen und mit dem Gedanken spielen, das Konzept ernsthafter mit der Schülerschaft und dem Kollegium zu diskutieren und eventuell einzuführen, wird es 2018/19 über LFB Online und nach Absprache mit dem Regierungspräsidium Freiburg die Möglichkeit geben, eine schulinterne Fortbildung zu vereinbaren. (Die jeweiligen Lehrgangsnummern werde ich sobald sie generiert sind an den passenden Stellen in diesem Beitrag angeben.)

Bundesweit

Im Schuljahr 2018/19 werden einige Schulen in Berlin, ein sonderpädagogisches Förderzentrum in Bayern und eine freie Schule in Sachsen Anhalt ebenfalls aula einführen. Außerdem wird aula ab dem Frühjahr 2019 im Rahmen des Programms “Demokratie Leben” vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bereich der kommunalen Jugendbeteiligung bundesweit getestet. Dazu werden noch interessierte Partnerkommunen gesucht. Nähere Infos dazu folgen zeitnah auf www.aula.de. Dort findet ihr auch den kostenfreien Leitfaden für Schulen und die Open Source-Software. (Weil ich häufig nach den Kosten für Schulen gefragt werde, die über keine personellen oder technischen Ressourcen verfügen, um die kostenfreie Software auf eigenen Servern zu installieren, die Daten einzugeben und zu pflegen, möchte ich einen kurzen Einblick in die zu erwartende Größenordnung geben: Das Hosting wird vermutlich nicht mehr als 10€ im Monat und eine Stunde Support in etwa 40€ kosten. Abgerechnet wird immer nach Bedarf. Das Support-Team von politik-digital e.V. veranschlagt einen Tagessatz von 800€ für Schulungen. Wobei deren Kapazitäten aktuell noch begrenzt sind. Die Schulung von aula-Botschafter_innen, die Ausbildung zur Multiplikation des Konzepts, ist kostenlos.)

Themen wie Globale Erderwärmung, Plastik, Atommüll oder Nationalismus stehen in den Bildungsplänen. Dass Menschen die gesellschaftliche Verantwortungen ihrer Handlungen verstehen und übernehmen, erreicht man nicht über das Auswendiglernen und Abfragen von Informationen, sondern Partizipation. Eine Aufgabe von Schulen muss es deshalb auch sein, dass junge Menschen durch möglichst viel und echte Beteiligung Erfahrungen machen und ein Verständnis entwicklen, Teil der Gesellschaft zu sein. Dass ihre Handlungen Folgen haben und dass sie lernen, dafür Verantwortung zu übernehmen. Wenn junge Menschen befähigt werden, sich um ihre aktuellen Angelegenheiten, gemeinsamen Probleme und Wünsche zu kümmern, was durchaus auch die oben exemplarisch aufgeführten Themen sein können, dann können und werden sie als Erwachsene auch für die „größeren“ gesellschaftlichen Herausforderungen die Verantwortung übernehmen und adäquate Antworten finden. Aula erscheint mir in diesem Kontext eine vielversprechende Option für Schule zu sein, die diesen Weg beschreiten möchten.

Den hier veröffentlichten Beitrag habe ich für die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen ihrer Kampagne #BesserDatenSchützen verfasst.

Wir befinden uns in einer digitalen Transformation, in der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert wird. Niemand steht so prominent und umstritten in der breiten Öffentlichkeit wie Facebook für zwei Themenfelder, die in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielen: Social Media und Daten.

Ein Bildungsziel muss es sein, bei jungen Menschen zumindest ein Grundverständnis über Aufbau, Wirkung und Zusammenhänge zu erreichen, damit sie in einer digital vernetzten Welt mündig wirken und Gesellschaft mitgestalten können. Wie das am besten gelingen kann, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Bisher spielen beide Themen in deutschen Schulen, an denen Smartphone-Verbote üblich sind, kaum bis gar keine Rolle. Wenn sie aber aufgegriffen werden, geht es meist darum, über mögliche Gefahren aufzuklären. Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen von Minderjährigen durch Erwachsene, um einen sexuellen Kontakt herzustellen) und Datenschutz bilden hier ein häufig überstrapaziertes Trio. Definitiv drei wichtige Aspekte. Die Grundidee von Social Media, nämlich miteinander zu kommunizieren, wird in ihrer Komplexität und ihrem Umfang dadurch allein leider nicht annähernd erfasst. Dass Instagram & Co unter und nicht auf den Schultischen stattfinden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Lehrende sich gerne zum Personenkreis zählen, der denkt, auf eine Beteiligung in sozialen Netzwerken verzichten zu können.

internet-3113279_1920Sich Facebook & Co zu entziehen oder seinen Account zu deaktivieren, klingt simpel, stellt aber ein Privileg dar, das sich nicht jede Person leisten kann. Als Beleg dafür reicht ein Blick in die politische oder wirtschaftliche Landschaft oder Wahlverläufe. Übrig bleiben nicht wenige Offliner, deren Wissen über soziale Netzwerke sich auf Print- und TV-Beiträge beschränkt und die keinen Sinn darin sehen, ihre kostbare Zeit für Unnützes zu verschwenden. Dabei sind die großen Social Media-Plattformen bereits über zehn Jahre alt und schon lange mehr als nur eine Möglichkeit, Freunde und Bekannte mit unzähligen Fotoserien am Elternstolz teilhaben zu lassen oder die Welt zu informieren, welche Pizza man bei welchem Italiener gerade gegessen hat. Das gesamtgesellschaftliche Leben hat in Social Media mittlerweile ein digitales Zuhause und bildet auch zunehmend regionale Strukturen ab.

Social Media als Chance

Eigentlich stellen soziale Netzwerke eine Chance für Schulen dar, sich zu öffnen, vom Austausch zu profitieren und noch stärker in die Gesellschaft zu wirken. Wie das funktionieren kann, zeigt seit Jahren eine wachsende Anzahl an Lehrenden, die sich mithilfe von Twitter, Facebook, Blogs oder sogar Instagram gemeinsam Gedanken machen, was zeitgemäße Bildung bedeutet und wie sie erreicht werden könnte. Dabei werden in Facebook-Gruppen oder unter Hashtags wie #zeitgemäßeBildung bei Twitter wilde Ideen bis hin zu konkreten Projekt- und Unterrichtskonzepten ausgetauscht und kollaborativ entwickelt. Man diskutiert kontrovers und unterstützt sich gegenseitig, auch um etwas Bewegung in den trägen Tanker Schule zu bringen. Persönliche Lernnetzwerke und unterschiedliche Expertisen werden aufgebaut und gepflegt. Es finden echte und nachhaltige Lernprozesse statt, wovon sich das System Schule gerne ein paar Scheiben abschneiden könnte. Beispielsweise erfolgt dieses Lernen der Lehrenden mithilfe sozialer Netzwerke anhand echter, nicht schulisch geleiteter Fragen. Wo, mit wem, wann und wie lange gelernt wird, wird frei gewählt und bestimmt. Außerdem findet der Austausch über Fachgrenzen hinweg statt, was erforderlich ist, wenn man den Transformationsprozess und Social Media verstehen möchte.

Wer im Unterricht zum Beispiel Framing bei rechtspopulistischen Auftritten in sozialen Netzwerken betrachtet, benötigt für das Verständnis psychologische, historische, sprachliche, politische, informationstechnische und ethische Aspekte. Der wohl wichtigste bei allen genannten Punkten ist das gemeinsame Erarbeiten. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Deshalb empfiehlt es sich, regelmäßig mit Klassen darüber zu sprechen, was sie in welcher Plattform aktuell überhaupt machen, wie und weshalb dort Meinungen zu Themen gebildet werden. Auch weil die Veränderungen sozialer Netzwerke einer deutlich anderen Dynamik unterliegen als das klassische Schulbuch.

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen

Ein erfolgreicher Dialog hängt von der Bereitschaft der Lehrpersonen ab, sich wertfrei auf unbekanntes Terrain zu begeben und das Wissen und den Blickwinkel der Schülerschaft einzubinden und wertzuschätzen. Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Die drei größten Hürden stellen erfahrungsgemäß Wertfreiheit, Angst vor Kontrollverlust und der Rollenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden dar.

Um ein letztes Potenzial sozialer Netzwerke zu nennen, möchte ich den Blick in die USA richten. Im Februar diesen Jahres hat es nach einem Amoklauf an einer High School in Florida eine Gruppe von Überlebenden über YouTube, Twitter und Instagram geschafft, ihrem Anliegen weltweit Gehör zu verschaffen. Einen Monat später erreichten die Jugendlichen so eine Verschärfung des Waffenrechts in ihrem Bundesstaat und mit dem „March for Our Lives“ die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten. Das zeigt: Social Media bieten Möglichkeiten der Demokratisierung und Partizipation aller, indem bestehende Hierarchien überwunden werden können. Soziale Netzwerke sind weder gut noch schlecht, sondern das Produkt unseres Wirkens.

Datenbewusstsein – ein mögliches Ziel

Auch beim Thema Daten gilt der bereits empfohlene Ansatz: Lehrkräfte sollten gemeinsam mit ihren Klassen die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im digitalen Zeitalter analysieren und unterschiedliche Expertisen und Perspektiven berücksichtigen – und diskutieren, wenn man nicht vorformulierte Antworten, sondern Mündigkeit anstrebt. Schülerinnen und Schüler brauchen keine Datenschutz-Debatten, in denen das Fehlen von Datenbewusstsein bemängelt wird und Erwachsene ihre moralischen Appelle und Überlegenheit präsentieren, die in der Regel verhallen. Um ein Datenbewusstsein entwickeln zu können, benötigen sie Transparenz und Wissen, welche Daten wann generiert werden, wer einen Zugriff darauf hat oder welche Chancen und Risiken sie für den Einzelnen oder die Gesellschaft bieten und wer das wo beschließt.

Man sollte Klassen nicht die eigene Auffassung von Privatsphäre und Datenschutz aufzwängen. Die Grenze zwischen Lehren und Belehren scheint hier fließend. Ich muss als Lehrer nicht erreichen, dass alle DuckDuckGo als Standard-Suchmaschine auf ihren Smartphones einrichten – aber dass sie zumindest wissen, dass es sie gibt und was sie im Vergleich zu Google und Co. leisten kann.

Rahmen und Rolle vom System Schule müssen neu gedacht werden, wenn man im Transformationsprozess nicht nur reagieren, sondern gestalten möchte. Und weil es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt, braucht es neben der Schule weiteres Engagement für Räume, in denen jungen Menschen partizipieren können und gehört werden. Vom 08. bis zum 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, eine Gesellschaftskonferenz von Jugendlichen für Jugendliche, die eine gute Gelegenheit für Impulse, Austausch und Vernetzung bietet. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jungen Leuten von heute begegnen. Fangen wir an, zu begreifen und investieren wir in unsere Zukunft.

Das Schulsystem beruht auf einer klaren Zuordnung und Einteilung von Aufgaben und Ressourcen. Deshalb ist und bleibt es wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen im digitalen Wandel, für etwas Ressourcen zu ermöglichen, das man weder klar zuordnen noch einteilen kann. Ich möchte das am Beispiel der Kommunikation, die sich gesamtgesellschaftlich nicht nur wandelt, sondern eine wesentlichen Beitrag zum Wandel leistet, veranschaulichen.

Die Zielformulierung, Kinder müssen lernen, respektvoll im Netz miteinander umzugehen, begegnet mir immer wieder. Entweder in Elternrunden oder in Debatten unter Lehrenden. Dabei geht es um Fragen einer veränderten Kommunikation. Diese Forderung ist bis auf „im Netz“ in Schulen und unter Eltern wiederkehrend. Die Formulierung verdeutlicht dabei die Vorstellung, die bisherige Kommunikation sei nur um einen weiteren Kanal ergänzt worden – quasi als Add-on. Dementsprechend fallen die Lösungsansätze aus. Bei meiner letzten Diskussion zu dem Thema wurde der Vorschlag gemacht, eine Liste mit den zehn wichtigsten Regeln zu verfassen, wie man sich bei WhatsApp, Instagram oder Snapchat zu verhalten habe. Damit wird nicht nur häufig der Fokus auf die Technik bzw. auf Apps und soziale Netzwerke gerichtet und sondern auch versucht, ein neues und unbekanntes Problem mit alten Strategien zu lösen. Weil die Fragen der veränderten Kommunikation keinem Fach zuordnen sind, greift man nach dem nächst bekannten schulischen Instrument: Einem Regelwerk. Verbreitet ist es auch auf außerschulische Expertise zu setzen und die örtliche Polizei einzuladen, die in der Regel auf die Gefahren und rechtlichen Aspekte verweist, jährlich eine in der Nähe stattfindende Veranstaltung von klicksafe.de zu besuchen oder Eltern und Kollegien einen Vortrag fachkundiger Personen anzubieten. Das kann natürlich ein sinnvoller erster Schritt sein, sich der Thematik zu nähern. Meiner Erfahrung nach endet hier leider oft der beschrittene Weg; auch aufgrund der Fragen Wie?, Welche Lehrenden? und In welchem Fach und Umfang?, die ich kurz mit anhand von Fragen diskutieren, alle und möglichst oft beantworten würde.

michelangelo-71282_1280Die sich wandelnde Kommunikation sollte differenziert und wertfrei betrachtet werden und nicht auf ein Sammelbecken für persönlich Lästiges, Unbekanntes oder Horror-Geschichten reduziert werden. Den bereits formulierten Weg, gemeinsam einen schulischen Konsens zu erarbeiten, halte ich für günstig. Nur würde ich nicht allgemeine Regeln, sondern offene Fragen als Ziel definieren. Fragen, die immer wieder jeder für sich selbst oder in Gruppierungen diskutiert.

  1. Wie kommuniziere ich und wie kommunizieren wir?
  2. Was ist mir und was ist uns bei der Kommunikation wichtig?
  3. Was kann ich und was können wir mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten erreichen?

Allein diese drei bzw. sechs Fragen eröffnen die Möglichkeit das eigene Handeln auf sich bezogen und in der Gemeinschaft zu reflektieren, Werte zu diskutieren und Normen auszuhandeln. Mit den ersten beiden Fragen lassen sich alle im schulischen Alltag anfallenden Themen aus dem Bereich der Kommunikation von jeder Lehrperson jederzeit aufgreifen. Die dritte Frage erfordert nicht zwingend Erfahrung, aber zumindest Kenntnisse, um neben den (im Bildungsbereich immer noch größten Raum einnehmenden) Gefahren, Problemen oder Risiken auch die Potenziale der veränderten Kommunikation zu diskutieren. (Diese Vorgehensweise empfehle ich übrigens auch allen Eltern.) Fragen laden zum Austausch ein und bieten Freiraum und Orientierung zugleich. Fragen sind meiner Meinung nach eine Antwort auf die digitale Transformation.

33gxrfRNach dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich verstärkt und eine Militärpräsenz prägte noch Monate danach das Pariser Alltagsbild. In dieser Zeit, in der auch in meinem Umfeld die Frage, wie kann, soll und muss man den Gefahren des Terrorismus begegnen, kontrovers diskutiert wurde, machte folgende Grafik in sozialen Netzwerken die Runde. Marianne, die französische Symbolfigur für Freiheit, führt den Tyrannosaurus Rex, der die Sicherheit darstellen und wahrscheinlich alle Gefahren auffressen soll, an der langen Leine. Was mit der Freiheit geschieht, wenn das Instrument der Sicherheit immer mehr wächst, wird hier einprägsam veranschaulicht. Diese Grafik poppt in meinen Gedanken immer wieder auf, wenn ich die Entwicklung im Bezug auf das Internet verfolge. Besonders im Bildungsbereich.

Das Internet wird in den meisten Bildungsdebatten als ein Ort der Gefahren beschrieben und die Kinder davor zu schützen, als oberste Maxime formuliert. Deshalb hört man an dieser Stelle nicht selten, dass Schule einen Schutzraum bieten soll. Hierfür werden Smartphones verboten, soziale Netzwerke verteufelt und eigene Lösungen, wie Moodle oder die zahlreichen Bildungsclouds, entwickelt bzw. angeboten. Und der Datenschutz schreibt den Plot in dieser Geschichte. Natürlich sehe auch ich die Gefahren und finde es notwendig, in einer Welt, in der nicht nur nette Menschen unterwegs sind und permanent Daten generiert und erfasst werden, ein Umfeld zu schaffen, in der sowohl die Freiheit als auch Sicherheit aller Personen gewährleistet werden. Wen, was und wie es zu schützen gilt und welche Freiheiten aufrechterhalten werden sollen, erfordert aber aus meiner Sicht eine gesamtgesellschaftliche kontroverse Debatte. Bisher nehme ich eine dominierende juristische Perspektive wahr. Mit der ab dem 25. Mai 2018 anzuwendenden Datenschutz-Grundverordnung scheint sich die Situation im Bildungsbereich nochmal zu verschärfen. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme Baden-Württembergs wurde ich mit weiteren ca. 130 Lehrenden des Bundeslandes vom Kultusministerium informiert, dass man aus datenschutzrechtlichen Gründen Schüler_innen zukünftig nicht mehr auffordern dürfe, mit ihrem Smartphone oder vom heimischen Rechner im Internet zu recherchieren*. Hierbei könnte nämlich ein Zugriff auf personenbezogene Daten erfolgen. Schulen erhalten allein damit einen neuen rechtlichen Rahmen, der das Bild von schulischer Bildung deutlich verändern wird. Ich bin auf die weiteren Richtlinien gespannt, die demnächst sicher folgen werden. Es gilt auch noch zu klären, wie das mit der noch aktuellen, favorisierten Strategie der Kultusministerkonferenz, dem BYOD-Ansatz (Bring Your Own Device bedeutet, dass private mobile Endgeräte in den Unterricht integriert werden.), in Einklang gebracht werden kann.

Freiheit und Offenheit im Internet und des Internets spielen eine zentrale Rolle im digitalen Wandel. In ihnen steckt das Potenzial der kulturellen Teilhabe, Überwindung bestehender Hierarchien oder Demokratisierung. Ich verstehe Schule nicht als Schutzraum, eher als Ort, an denen junge Menschen befähigt werden sollen, mündig und souverän in der Gesellschaft stattzufinden und sie mitzugestalten. Und Gesellschaft findet zunehmend auch im Internet statt. Spätestens wenn junge Menschen die Schule verlassen und ihr Smartphone wieder einschalten. Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens. Kein technisches oder juristisches Sicherheitssystem wird sie stets vor den dort drohenden Gefahren schützen können, sondern das eigene Urteilsvermögen als Resultat von kritischem Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität in einem persönlichen Lernnetzwerk. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, stellt eine weitere Herausforderung für den Bildungsbereich im digitalen Wandel dar, in der aus meiner Sicht aktuell die Freiheit Unterstützung zu benötigen scheint.

*Weil ich bei einem Tweet zu diesem Thema einige Fragen aufkamen, möchte ich sie hier vorwegnehmen bzw. die Antworten drauf schon liefern: Die für Grundsatzfragen des Datenschutzes und technischer Datenschutz im Kultusministerium Baden-Württemberg zuständige Person hat diese Aussage getroffen. Leider wurde nicht der Paragraf genannt, auf den sich diese Aussage bezieht, weil zu viele noch offene Fragen im Raum standen und wir aus Zeitgründen die Diskussion beenden mussten. Genauere Informationen werden aber sicher bald auf der Seite des Kultusministeriums folgen. Allen anderen Lehrpersonen kann ich nur empfehlen, sich mit ihrem Kultusministerium in Verbindung zu setzen und deren Auslegungen der Verordnung in Erfahrung zu bringen.