Stress bleibt Stress

Mindestens zwei Mal im Jahr wähle ich für zwei bis drei Wochen eine Auszeit. Das bedeutet, dass ich alle Möglichkeiten (bis auf das Telefon und die Haustürklingel), eine Benachrichtigung zu erhalten, deaktiviere und mir ausschließlich Zeit für meine Familie, Freunde und mich nehme. Ich lese, schaue oder höre keine Nachrichten und erledige keine (berufliche) Arbeit. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf die Menschen um mich herum, die ich liebe und schätze. Häufig begegnet mir in diesem Zusammenhang die Bezeichnung Digital Detox. Damit wird suggeriert, man müsse seinen Körper vom digitalen Gift befreien, das über Smartphones, Apps und sozialen Netzwerke unsere Zeit und Aufmerksamkeit transportierenden Venen befällt. Das Framing finde ich fatal. Nicht selten wird dabei ein Gegensatz zwischen digital und analog konstruiert, wie in diesem neulich erschienen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.
Natürlich hat die digitale Transformation mit der zunehmenden Anzahl an E-Mails, Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken meine Kommunikation bzw. mein Verhalten verändert. Die in knalligen Farben aufpoppenden Push-Mitteilungen sind kaum zu übersehen. Nur bleibt das Problem, der alltägliche Stress und der dabei verlorene Blick für das Wesentliche im Leben, aus meiner Sicht unverändert. Wenn ich an meine „analoge Kindheit“ zurückdenke, kann ich mich sehr gut an einige Eltern erinnern, die keinen (freien) Kopf für ihre Kinder oder Partner hatten. Sie dachten an Rechnungen, Versicherungen, die Arbeit oder andere gedankliche Baustellen. Es stimmt, dass ich im Vergleich zu früher (beruflich) viel mehr E-Mails schreiben und erhalten kann. Das kann sehr hilfreich und auch belastend sein. Den Wandel auf Gift zu reduzieren, halte ich aber nicht für zielführend. Es bedarf vielmehr einer Reflexion des eigenen Verhaltens und einen gemeinsam ausgehandelten gesellschaftlichen Konsens.

Smartphones und ihre Nutzung gehören in die Schulen

Bildschirmfoto 2017-12-16 um 20.18.40Natürlich haben sich auch die Möglichkeiten, Menschen an Produkte zu binden, in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt. Ich bin mir auch sicher, dass sich jedes Details eines Smartphones, einer App oder eines sozialen Netzwerks an Ergebnissen der Verhaltensforschung orientiert. Deshalb halte ich es für sinnvoll, den Umgang damit offen, kritisch und transparent auch mit Schulklassen zu diskutieren. Verbote bekämpfen lediglich Symptome und nicht die Ursachen eines Problems. Hier halte ich den Vorstoß, ein Handyverbot an Grund- und Mittelschulen, Frankreichs für einen enormen Rückschritt. Dass ich heute bei Veranstaltungen oder Treffen in der Regel mein Smartphone in der Hosentasche lasse, fast alle Push-Mitteilungen abgestellt habe und mich in regelmäßigen Abständen für eine Auszeit entscheide, war ein langer Entwicklungsprozess, der aus einer ständigen Reflexion meines Nutzungsverhaltes und der Folgen hervorgeht. Die Zeit und Unterstützung hierbei muss man Schüler_innen ebenfalls eingestehen bzw. bieten. Deshalb gehören Smartphones und ihre Nutzung in den Unterricht, wenn man ein mündiges und souveränes Verhalten im digitalen Wandel anstrebt und nicht in die Handy-Garage Colllecta*.

*Falls manche Person wegen meinem letzten Beitrag glauben sollte, die Seite wäre ein Fake, muss ich sie leider enttäuschen.

Bildschirmfoto 2017-12-09 um 17.21.12Weil ich nächstes Jahr im Januar bei der Badischen Zeitung unter dem Titel Digitale Souveränität und Mündigkeit im Informationszeitalter einen Vortrag und Workshop für Lehrende anbiete, bei dem u.a. auch Fake News eine Rolle spielen werden, suchte ich nach Ideen und Ansätzen, wie man sich dem Thema auf eine besondere Art und Weise nähern könnte und erinnerte mich an Guidos Session vom letzten EduCamp: Social Bots und Fake News selber machen. Dort hat er Mozillas X-Ray Goggles vorgestellt, das nicht nur den Aufbau einer Webseite beleuchtet, sondern auch Veränderungen ermöglicht. Wenn ich das richtig verstanden habe, handelt es sich dabei um die Weiterentwicklung von Hackasaurus, über das Anselm und Karsten bereits 2013 hier geschrieben haben und Axel es hier in seinem Philosophieunterricht eingesetzt hat. Weil ich in der Regel alles, das ich lerne und für relevant im Bezug auf das Leben im digitalen Wandel halte, auch meinen Klassen vermitteln möchte, habe ich es in der Schule gleich eingesetzt.

X-Ray Goggles im Unterricht

Mit einem Ethik-Kurs diskutierte ich vor kurzem im Rahmen ihrer Projektarbeit über Websites als Quellen und Kriterien, die für Qualität und Seriosität stehen könnten. Letzte Stunde konnten sie mit X-Ray Goggles ihre bisherigen Ergebnisse um weitere Aspekte ergänzen. Nachdem ich mit einer von mir verfälschten Überschrift eines Beitrags in der Badischen Zeitung eingestiegen war, zeigte ich allen, wie ich das erreicht hatte und gab ihnen die Aufgabe, kreativ zu sein und selbst Fake News zu erstellen. Von einer Affäre zwischen Merkel und Schulz bis hin zum überraschenden Auftauchen eines Dodos war am Ende alles mit dabei. In einer Abschlussrunde wurde Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnisse ausgetauscht. Mir persönlich gefiel dabei der Perspektivenwechsel, bei dem man das eigene Verhalten und die Motivation in der Rolle einer Person, die Fake News generiert, reflektieren konnte. Für den Einsatz des Tools im Unterricht spricht:

  • jede Menge Spaß
  • keine Vorkenntnisse (z.B. Programmiersprache) notwendig
  • niederschwelliges (HTML-)Angebot
  • Aufbau und Vertiefung des Verständnisses von Webseiten und Browsern
  • Lernende werden zu Akteuren
  • unermessliche kreative Freiheit

(Es bietet sich sich dabei auch an, auf die Arbeit der gemeinnützigen Organisation Mozilla hinzuweisen und zur Debatte zu stellen.) Den Wahrheitsgehalt im Netz zu prüfen scheint nicht nur wegen der fortschreitenden Technik immer komplexer. Personen übernehmen aus unterschiedlichen Motivationen Scheinidentitäten oder bilden künstliche Konstrukte. Dabei finde ich auch eine Auseinandersetzung mit den Beweggründen und Folgen nicht weniger bedeutend. Worauf man einen Schwerpunkt setzt, würde ich letztendlich den Lernenden überlassen. Hauptsache es gelingt, Impulse zu setzen und Lernprozesse anzustoßen, die zu digital souveräneren und mündigeren Menschen im Informationszeitalter führen.

Mein Highlight

Bildschirmfoto 2017-12-09 um 16.47.48Der Einstieg in die Ethikunterricht bestand aus einer kurzen Ansprache, bei der ich auf meine exzellenten Kontakte in der Musik-Szene verwies und eine Sensation ankündigte, die ich mit einer Schlagzeile aus der Badischen Zeitung belegte: Rihanna gibt an unserer Schule ein Benefiz-Konzert. Die Rechnung für meinen fiesen Einstieg kassierte ich etwas später durch dieses wundervolle Ergebnis einer Schülerin, die sich meinen letzten Blogbeitrag als Zielscheibe für ihre Fake News-Aufgabe ausgesucht hatte. Mein persönliches Highlight.

Ergänzung im Januar 2020

Das Mozilla-Tool X-Ray Googles wurde Mitte Dezember 2019 eingestellt. Hackasaurus hat mit der Röntgenbrille aber eine Alternative geschaffen. Somit Back to the Roots.

Gestern fand die ZEIT Konferenz Schule & Bildung mit der Fragestellung Alles digital?! – Wie guter MINT-Unterricht gelingen kann statt. Dazu wurden die Anwesenden gebeten, unter dem Hashtag #zksb17 zu twittern. Weil ich mit einigen Menschen mit digitalem Bildungshintergrund befreundet und vernetzt bin, dominierte dieser Hashtag meine gestrige Timeline. Dabei stieß ich auch auf die Forderung, dass deutsche Schulen auch Educational Technologists bzw. Learning Designers bräuchten, die Lehrkräfte unterstützen sollen. Ich muss zugeben, dass ich die Begriffe davor noch nicht kannte. Deshalb wurde mir auf Nachfrage freundlicherweise folgende Grafik und Erklärung geliefert.

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„Roles of a Learning Designer” by Regina Obexer & Natasha Giardina / CC BY-NC-ND 4.0

Von einer guten Freundin, die in einer Privatschule arbeitet, erfuhr ich vor ein paar Jahren, dass sie von solchen Leuten, auf die diese Arbeitsbeschreibung aus der Grafik zutrifft, sehr profitiert. Im Thread zum Tweet mit der Forderung nach Educational Technologists schrieb eine Person, dass man dafür aber ganz viel Geld in die Hand nehme müsse, um das flächendeckend umzusetzen. Spätestens wenn es um die ohnehin knappen finanziellen Ressourcen geht, sollte man vielleicht die Frage betrachten, welches Ziel man mit Educational Technologists erreichen möchte und kann.

Wenn es das Ziel sein sollte, ein Kollegium auf dem Weg in den den digitalen Wandel in seinem Tempo, sowohl didaktisch als auch technisch, kompetent zu unterstützen, dann müsste diese Arbeit bei einer erfolgreichen Umsetzung irgendwann eigentlich überflüssig werden. Was wäre aber, wenn Lehrende durch massgeschneiderte Lernsettings und Tools sich erst gar nicht auf den Weg machen, sondern sich der Verantwortung entziehen würden? Die Gefahr besteht, der Verlockung, die (gedankliche) Arbeit an die optimal unterstützenden „Expert_innen“ zu delegieren, nachzugeben. Das liegt u.a. auch an der pragmatischen Lösung für die Fülle an Aufgaben an einer Schule und der dafür ständig fehlenden Zeit. Zuständigkeiten für Themen, mit denen sich aus Sicht eines Kollegiums nicht alle beschäftigen müssen, werden an Personen oder Personengruppen übertragen. Deshalb kümmert sich in der Regel ein Admin um alle technische Fragen oder die Verbindungslehrer_innen um die Interessen der Schülervertretung. Hier liegt aus meiner Sicht auch der Kern einer der größten Herausforderungen im Bereich der Schulentwicklung: Den Aufgabenbereich und das Rollenverständnis der Lehrenden neu auszuhandeln und die digitale Transformation aus der Nerd-Ecke in den Mittelpunkt zu rücken. Educational Technologists erscheinen mir in diesem Prozess wie eine Brückentechnologie, die durch ihren Verbrauch an Ressourcen meist Innovation eher bremst und alte Systeme länger aufrechterhält. An der Idee, dass Lehrende die Herausforderung des digitalen Wandels annehmen, wenn sie nur die dafür notwendigen technischen und didaktischen Hilfestellung erhalten, zweifle ich. (Meine oben erwähnte Freundin bestätigt meinen Zweifel.) Das sich einer Sache Annehmen setzt für mich den Schritt voraus, dass man die Notwendigkeit, eine Verantwortung, einen eigenen Sinn, der in einem persönlichen oder gesellschaftlichen Motiv verankert ist, erkennt. Dafür muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Mir gefällt die Vorstellung, dass alle Lehrenden und Lernenden zu Learning Designern werden und sich gegenseitig unterstützen. Hier gilt es auch zu klären, ob und wie das in den bisherigen Strukturen bzw. unter den aktuellen Rahmenbedingungen möglich ist bzw. wie man diese weiter entwicklen müsste. André Hermes hat hier von einigen Wochen über die Idee der Medienberater_innen geschrieben, die Parallelen zum Aufgabenfeld der Educational Technologists aufweisen. Am meisten sympathisiere ich aber mit dem Ansatz aus seinem Beitrag, Schüler_innen mit einzubinden und ihnen Verantwortung zu übertragen. Vielleicht werden wir irgendwann doch noch alle zu Learning Designern unserer eignen Lernprozesse.