Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Frage, wie man eine breite Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels in Schulen initiieren, unterstützen oder beschleunigen könnte. 2016 habe ich zum ersten Mal dazu ein paar Gedanken verschriftlicht. Mittlerweile hat sich meine Vorstellung insofern weiterentwickelt, dass sich mein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und das Lernen richtet, losgelöst von Schule, die nur einen Bestandteil des bisherigen Systems darstellt, das gerade im komplexen und dynamischen Transformationsprozess an seine Grenzen stößt. Lernen darf nicht nur im schulischen Kontext verstanden werden. Wir lernen ständig und überall. Im Gespräch mit Freunden oder bei der Arbeit. Wir lernen in allen Lebensbereichen, wenn wir Problem lösen bzw. um Probleme zu lösen. Der digitale Wandel hat aber nicht nur die Möglichkeiten hierfür grundlegend verändert, sondern auch die Notwendigkeit.

stuttgart-980526_1920Wenn ich heute nach Antworten auf meine Fragen suche, stürze ich mich in der Regel ins Web. Dabei suche ich nach geeigneten Quellen und bei wesentlicheren Fragen auch immer mehr nach Menschen mit der dazugehörigen Expertise. In den Debatten mit ihnen erreiche ich erst häufig die nötige Schärfe einer Fragestellung, um den dazugehörigen Sachverhalt vertieft zu durchdringen. Besonders gefällt mir dabei die (in zumindest meinem Umfeld) fehlende Hierarchie. Man duzt sich und nicht der Titel vor dem Namen oder sonstige Kriterien, sondern allein der Austausch zählt. So habe ich über die letzten Jahre mein persönliches Lernnetzwerk, das ständig weiter wächst und sich entwickelt, mit Hilfe von Social Media aufgebaut. Orts- und zeitunabhängig, stets griffbereit, über das Smartphone in der Hosentasche.
Ich glaube, dass nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Erfordernis nach öffentlichen, nicht kommerzialisierten Räumen in der Stadt besteht, in den genau diese Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe stattfinden können. In denen Menschen, die normaler nicht aufeinandertreffen, zusammenfinden. Sozusagen ein persönliches kommunales Lernnetzwerk, bei dem ich nicht nur auf das Potenzial vor Ort zugreifen, sondern auch meine Expertise in die Waagschale werfen kann. Was wiederum eine Vernetzung und Zusammenarbeit über das Web nicht ausschließen soll. Das Barcamp Lernräume stellt einen solchen Versuch dar. Mit dem offenen Bildungsnetzwerk Freiburg wurde neben dieser großen Veranstaltung letztes Jahr ein kleinerer Ableger geschaffen, der hier eine Kontinuität gewährleisten soll. Das reicht natürlich nicht aus. Ein nächster notwendiger kommunaler Schritt könnte ein überarbeitetes Konzept der Stadtbibliothek sein, die neben der zentralen Lage und der allgemeinen Zugänglichkeit, eigentlich alle notwendigen Kriterien für eine öffentlichen Begegnungsraum, wie er oben beschrieben wird, erfüllt. In diesem Beitrag aus dem Tagesspiegel wird die Idee eines Bibliotheken-Updates noch näher und konkreter ausgeführt. Ulm zeigt mit Freiraum, einen weiteren möglichen Ansatz. In diesem Zusammenhang wird mit technischerem Fokus auch häufig von FabLabs gesprochen.

Das Ziel, ein uomo universale zu werden, war wahrscheinlich im Bezug auf die Kenntnis aller Fachgebiete nur in der Renaissance möglich. Durch das exponentielle Wachstum des Wissens hat seit damals die Diskrepanz zwischen dem, das gewusst wird und dem, das man wissen könnte, immer mehr und schneller zugenommen. Wenn man in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Fragen betrachtet, die sich auf kommunaler Ebene stellen, wird klar, welche Form der Zusammenarbeit benötigt wird. Die erhöhte Komplexität der Fragestellungen unserer Zeit erfordern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Expertisen. Hierarchische Systeme machen deshalb keinen Sinn. Wenn man das beispielsweise auf die Idee der Bildungsregion Freiburg bezieht, bedeutet das, dass das regionale Potenzial in einem offenen und transparenten Prozess genutzt werden müsste, um ein gemeinsames und nachhaltiges Konzept zu entwickeln. Im digitalen Wandel sollte deshalb aus dem Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ein zeitgemäßes Der Prophet vernetzt sich im eigenen Land werden. Im letzten Jahr lernte ich bei unzähligen Gesprächen im Rahmen der Planung des Barcamps Lernräume viele Menschen in Freiburg kennen, die auf verschiedenen Gebieten über Know-how, Ressourcen oder Ideen verfügen, sich aber gegenseitig noch unbekannt waren. Dass aber der Wunsch nach Zusammenarbeit und Schaffung neuer Lernräume vorhanden ist, zeigt die Organisation des Barcamps, die über Etherpads, Messenger-Dienste und E-Mails von über 20 Partnern geleistet wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Nebeneinander enden wird, freue mich auf das zukünftige kommunale Miteinander und bin gespannt, welche Konzepte sich daraus ergeben werden.

Die Forderungen nach Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel werden im Bildungsbereich und der Politik gerne und häufig ausgesprochen. Was bedeutet aber überhaupt digital souverän oder digital mündig und wie kann man junge Menschen dazu befähigen? Dieser Beitrag soll nur einen Einstieg in diese Thematik darstellen und einige Impulse liefern.

Souveränität erlangen

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 19.11.13Der Souveränität würde ich den Erwerb des notwendigen Wissens und der Entwicklung eines Verständnisses der Welt, wie sie aufgebaut ist und funktioniert, zuordnen. Mündigkeit verstehe ich im Sinne des Aufklärungsbegriffs nach Kant. Den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen, um sich dieses Wissen und Verständnis anzueignen und sich so zur kritischen Betrachtung zu befähigen. Beides  gilt es im Kontext der digitalen Transformation zu untersuchen. Konkret sehe ich für den Unterricht zwei Ebenen, die man kombinieren kann. (Die hier abgebildete Grafik bietet nur einige Beispiele, die das veranschaulichen sollen.) Natürlich stehen alle Elemente in Beziehung zueinander und weisen Schnittflächen auf. Jedes der hier aufgeführten Themen ist riesig und befindet sich in einem nicht endenden Entwicklungsprozess. Was wiederum deutlich macht, dass es weder leistbar ist noch dass es darum geht, den Lernenden inhaltlich alles zu vermitteln. Mit Hilfe ausgewählter Fragestellung sollen selbstgesteuerte und reflektierte Lernprozesse ermöglicht werden, die außerhalb des schulischen Rahmens fortgesetzt werden können. Wenn ich z.B. das Thema Daten aufgreife, kann ich es ethisch und politisch diskutieren. Wann entstehen welche Daten? Wem gehören diese Daten? Wer hat alles Zugriff darauf? Welche Szenarien sind dadurch möglich? Welche Potenziale und Risiken birgt das? Welche Handlungsempfehlungen könnte man für einzelne Personen, die Gesellschaft oder Politik formulieren? Wenn junge Menschen lernen, wie man sich solchen Fragen sachlich, kontrovers und kritisch nähert, indem man unterschiedliche Argumente sucht, formuliert, abgewägt und gegenüberstellt, werden sie zu souveränem Handeln befähigt. Als Lehrender einzugestehen, etwas nicht zu wissen und sich mit Klassen gemeinsam auf den Weg zu machen, es herauszufinden, ist heute vielleicht ein noch wichtigerer Bestandteil von Souveränität als früher. Deshalb bietet es sich an, zu den Themenfeldern die jeweilige Expertise von außen in die Schulen zu holen oder außerschulische Begegnungsstätten aufzusuchen. Dirk von Gehlen hat heute dazu ein kurzes, aber lesenswertes Interview mit Katharina Meyer veröffentlicht, in dem sie ihren spannenden Workshop-Ansatz aus Berlin vorstellt und auf eine hervorragende Sammlung verweist. Mir gefällt außerdem die Idee der zusätzlichen Nutzung von Bibliothek als Lernraum, weil sie in der Regel zentral liegen und für alle zugänglich sind. Ihr Sinn kann so, trotz Digitalisierung und E-Books, erhalten werden.

Wie befähigt man junge Menschen zur Mündigkeit?

Bildschirmfoto 2018-01-25 um 18.11.29Dass Lernende den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen, setzt voraus, dass das seitens der Lehrenden gewollt, gelernt und unterstützt wird. Natürlich würde an dieser Stelle niemand widersprechen wollen. Schwieriger und ehrlicher wird es aber, wenn man nach konkreten Beispielen in Schulen oder Hochschulen sucht, die das belegen können. Mündigkeit lernt man nur mit echten Beteiligungsmöglichkeiten und Ideen, die von Lernenden stammen. Zusätzlich braucht es Vertrauen, das man ihnen zuspricht bzw. Zutrauen, das man ihnen entgegenbringt. Mit aula erlebe ich an meiner Schule ein Konzept, das den Rahmen dafür bietet, bisherige Optionen stärkt und das Potenzial des digitalen Wandels ausschöpft. Partizipationsmöglichkeiten bleiben aus meiner Sicht immer der zentrale Aspekt von Mündigkeit, unabhängig gesellschaftlicher Neuordnungen. Die Jugendstudie Baden-Württemberg 2017 zeigt auf, wie es darum bestellt ist und in welchen Bereichen es noch Luft nach oben gibt. Es ist zwar noch ein weiter Weg zur Souveränität und Mündigkeit im digitalen Wandel. Die zunehmende Vielfalt an Angeboten, Konzepten und Kooperationen lässt aber hoffen.

IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.