Neulich postete ich in sozialen Netzwerken, dass viele Schüler:innen sich gewünscht hätten, die Möglichkeit, Referate digital aufzuzeichnen und sie Lehrenden als Video zukommen zu lassen oder sie im Videokonferenz-Meeting vorzutragen und dort darüber zu sprechen, auch nach Covid-19 beibehalten werden soll. Und dass dieser Wunsch für mich Sinn ergibt. Weil ich damals keine Zeit hatte, auch die wesentlichen Argumente der Diskussionen, die ich mit Klassen darüber führte, zu nennen oder meine bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse zu diesem Thema aufzuschreiben, hole ich das mit diesem Beitrag nach und gehe auch kurz auf Kritikpunkte ein, die zu diesem Wunsch in sozialen Netzwerken geäußert wurden.

Grundsätzlich ging es weder in den Debatten mit den Klassen noch in meinem Posting jemals darum, live vor der Klasse vorgetragene Referate abzuschaffen bzw. sie durch digitale Lösungen komplett zu ersetzen, sondern allen Schüler:innen zwei weitere Möglichkeiten zusätzlich anzubieten: ein digital aufgezeichnetes Referat abzugeben und ein Referat in einer Videokonferenz zu halten. Beides kann in bestimmtem Situationen sinnvoll sein.

Referate als Videobeitrag

photo-1587029436686-5e6071263c47Ein Referat digital aufzuzeichnen und einzureichen, ist eine Idee, die es auch schon vor Covid-19 gab und die von einige Lehrenden seit längerem angeboten wird. Beliebt war und ist dabei oft die Produktion von Erklärvideos. Weil ich den Fokus noch stärker auf Elemente des Storytellings legen wollte, führte ich vor vier Jahren das Format der Snapchat-Story ein. Daraus haben sich mittlerweile hinsichtlich Aufzeichnung und Software unterschiedliche Lösungen entwickelt. Bei diesen Ansätzen ging und geht es auch darum, mit einer Zuhause und in der Schule vorliegenden, überschaubaren Technik (oft bedeutet das nur ein Smartphone) Wege zu suchen, die Schüler:innen beim Lernen weiterhelfen.

Erst durch Covid-19 und Philippes Video-Serie #DigiFernunterricht bin ich auf die Software Loom aufmerksam geworden, was meiner Meinung nach die Aufzeichnung von Referaten auf eine andere Ebene hebt. Eine Präsentation mit einer face cam bubble (ein Kreis, mit dem die sprechende Person eingeblendet wird) aufzuzeichnen kannte ich bisher nur mit digitalen Tools und Settings, die für viele Personen zu teuer, kompliziert und/oder aufwendig waren. Um Loom zu nutzen sind keine besonderen technischen Vorkenntnisse notwendig und die kostenfreie Basisversion kann alles, was es braucht. 

Referate in Videokonferenzen

photo-1588873281272-14886ba1f737Was ich vor der Schulschließung noch nie probiert hatte, ist das Präsentieren (und Diskutieren) via Videokonferenz. Viele Software-Lösungen bieten die Möglichkeit, den Bildschirm mit ausgewählten Bildern, Webseiten, digitalen Tafeln oder Folien von vorbereiteten Präsentationen, zu teilen; auch dass die vortragende Person weiterhin eingeblendet bleibt. Damit habe ich viele positive Erfahrungen mit Gruppen- und Einzelpräsentationen (ohne weitere Klassenmitglieder) gesammelt. Die Gespräche im Anschluss verliefen meist entspannter, weil sie nicht im Zeitkorsett des regulären Unterrichts stattfanden und von vielen parallel laufenden Herausforderungen des Schulalltags umgeben waren.

Einer meiner persönlichen Highlights war ein Referat, für das sich eine Person besonders schick angezogen hatte, um die Ernsthaftigkeit des Vortrags (als Vorgang, nicht wegen des Inhaltes) zu unterstreichen. Außerdem wurde ein ruhiger Ort bei Verwandten ausgewählt und der Hintergrund adäquat eingerichtet. Ich weiß nicht, ob sich das Videokonferenz-Kompetenz nennt, aber zumindest hatte sich die Person vorher Gedanken gemacht, was in diesem neuen Setting nötig wäre, um eine Situation zu erzeugen, die der im Physischen entsprechen könnte. 

Weshalb Referate als Video oder in Videokonferenzen sinnvoll sein können

Hürden abbauen, Brücken bauen

photo-1568736333610-eae6e0ab9206Nicht wenigen Schüler:innen fällt es aus unterschiedlichen Gründen schwer, vor Klassen zu sprechen. Manche sind introvertiert, fühlen sich nicht wohl (mit sich, der Klasse oder der Lehrperson) oder spüren andere Hemmnisse, die auch nicht immer bekannt sind. Meine Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die vorhin beschriebenen digitalen Zusatzangebote für diese Personen häufig wie ein Zwischenschritt, wie eine Brücke wirken und damit Ängste und andere Hürden abbauen können. Dabei biete ich unterschiedliche Stufen an: a.) Die Person ist nicht dabei, wenn ich mir ihr Video ansehe, b.) Sie „erträgt“ es, dass ich es mir vor ihr ansehe und c.) Sie spielt das Video vor der Klasse ab. Mein Ziel dabei ist es, möglichst von a nach c zu kommen, was den nächsten Schritt in Richtung einer Live-Präsentation regelmäßig und deutlich erleichtert hat.

An dieser Stelle fällt gerne das Argument, Lampenfieber und Aufregung gehören dazu und seien wichtige Erfahrungen. Oft auch mit dem Verweis auf die Berufswelt. Hier schlage ich zwei zentrale Fragen vor, die bei Überlegungen, ob diese Erfahrung wirklich notwendig ist, Orientierung bieten können: 

  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person einen Berufe wählt, in dem Präsentationen im Mittelpunkt stehen oder überhaupt erforderlich sind?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass die Person ein stark negativ prägendes Erlebnis erfährt?

(Wenn ich die Situationen und Gespräche mit Schüler:innen und Ehemaligen der letzten knapp 20 Jahre reflektiere, lautet die Antwort bei den Personen, denen das Präsentieren vor der Klasse schwerfiel, auf die erste Frage „eher selten“ und die zweite „häufiger“, was sich im schlimmsten Fall in Panikattacken äußerte.)

Präsentationen perfektionieren 

photo-1519432651342-f28d06ae765b„Wer Erklärvideos aufnimmt, übt kein Präsentieren mehr“ war eine weitere These, die im Raum stand. Hier widersprechen die bisher erreichten Ergebnisse in vielen Schulen. Die Arbeit, einen Sachverhalt zu verstehen, ihn zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, entfällt nicht bei Erklärvideos. Auch nicht die Wahl der passenden Visualisierung oder die Reduktion auf das Wesentliche. Was aber hinzukommt, sind die Wiederholungen einer Aufzeichnung, weil zu schnell, undeutlich, lange gesprochen wurde oder an der Rhetorik gefeilt wird. Auch die Gestik und Mimik werden bei Aufnahmen von Schüler:innen sehr selbstkritisch analysiert und (oft lange) bearbeitet. Im Prinzip wird dadurch eine Präsentation perfektioniert.

Natürlich werden bei digital erstellten oder gehaltenen Referaten auch technische Fähigkeiten gelernt und geübt. Es wurden immer wieder neue Software-Produkte vorgestellt und kontrovers diskutiert, hinsichtlich Betriebssystem, Kosten, Datenschutz oder Benutzerfreundlichkeit. Das sehe ich hier aber nicht als zentrale Aspekete.

Der Sinn von Referaten

Es gibt drei Gründe, weshalb Referate in der Schule gehalten werden sollen:

  1. um fachliches Wissen zu erwerben
  2. um zu lernen, erworbenes Wissen anderen verständlich zu kommunizieren
  3. um Leistungen bewerten zu können

Alle drei Punkte werden mit Referaten als Videobeitrag oder Videokonferenz weiterhin erfüllt. Das Publikum ist nur ein weiterer Parameter, der zu den Rahmenbedingungen hinzugefügt wird und testet, ob jemand den zweiten Punkt vor einem Publikum beherrscht. Diese Notwendigkeit sollte nicht überschätzt werden, zumal sie für extrovertierte Personen die Leistung begünstigen und bei introvertierten negativ beeinträchtigen kann. Junge Menschen für ihren Charakter oder Gemütszustand zu belohnen oder zu bestrafen, empfinde ich als ungerecht. Deshalb kann ich alle Kolleg:innen nur ermuntern, die beiden Zusatzangebote in ihrem Unterricht mit aufzunehmen und auch das Thema Referate in einer Kultur der Digitalität an sich neu zu denken.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wenn wir über Smartphones in Schulen diskutieren, geht es häufig nur ums Dafür oder Dagegen. Doch wenn wir die bunten Smartphones verstehen möchten, müssen wir das Schwarz-Weiß-Denken ablegen. Hier gibt es zwar einige Hürden zu überwinden, aber auch einen einfachen Lösungsansatz.

Smartphones sind digitale Schweizer Taschenmesser

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 15.10.38Was bei keiner Diskussion fehlen darf, ist der Vorwurf, Menschen würden nur noch auf Smartphones schauen und dadurch andere, bessere Dinge nicht mehr machen. Ein häufiger Denkfehler, indem man nur beschreibt, was man sieht, aber nicht, was wirklich geschieht. Dabei wird unterschlagen, dass ein Smartphone Telefon, Zeitung, Fernseher, Kamera, Buch, Radio, Uhr, Kalender, Wecker, Taschenrechner, Navi, Spielekonsole oder EC-Karte sein kann. Und das ist nur ein Bruchteil an Geräten und Funktionen, die es vereint.

Haltungen sind keine Fakten

Die Angabe „Menschen schauen auf Smartphones“ ist ähnlich aussagekräftig wie „Quelle: Internet“. Das ist nun geklärt, kommen wir zur nächsten potenziellen Stolperfalle: Haltungen und Meinungen mit Fakten gleichzusetzen. Nur wer ergebnisoffen in die Analyse eines Sachverhalts startet, kann am Ende das nötige Verständnis aufbauen, um eine sachliche Einschätzung abzugeben. Ansonsten sucht man nur nach Argumenten, die das bestätigen sollen, was man ohnehin zuvor gedacht hat.

Künstliche Gegensätze und Fronten

Der Klassiker aller Debatten rund um das Thema ist der künstlich geschaffene Gegensatz zwischen analog und digital oder Buch und Smartphone. Wer diese zwei Fronten zeichnet, erzeugt einen nicht vorhandenen Konflikt, gibt eine einfache Lösung für eine komplexe Herausforderung vor und lenkt den Blick von der eigentlichen Fragestellung in Schulen ab: Was kann und möchte ich womit erreichen? Der Fokus sollte auf die Lernenden und Lernprozesse gerichtet sein, wenn man zeitgemäße Bildung wünscht.

Verstehen statt verbieten

Jeder kennt das: Dinge, die einem vertraut sind, findet man gut. Und Sachen, die in kein bekanntes Muster passen, begegnet man erst einmal skeptisch. Offenheit gegenüber Neuem zu bewahren, fällt gerade mit zunehmendem Alter immer schwerer. Wer aber die vielen Veränderungen im digitalen Wandel verstehen möchte, sollte sie aus drei Perspektiven betrachten und folgende Fragen ergebnisoffen und auf sich und die Gesellschaft bezogen untersuchen: Wie funktioniert das? Wie wirkt das? Wie wird das genutzt?

Bildschirmfoto 2018-08-25 um 19.25.32Wenn man sich anschaut, wie viele Funktionen ein Smartphone hat, wird klar, wie umfassend man sich mit dem Gerät befassen müsste, um alle Fragen ausreichend beantworten zu können. Deshalb ist es wichtig, bei Lehrern und Schülern Schritt für Schritt ein Verständnis aufzubauen. Ob man mit WhatsApp oder Instagram beginnt, ist dabei nicht entscheidend, sondern gemeinsam mit Klassen die Funktion, Wirkung und Anwendung zu diskutieren.

Smartphones sind Kulturzugangsgeräte

Smartphones in Schulen zu verbieten, löst keine Probleme. Es verdrängt oder ignoriert sie und lässt Schülerinnen und Schüler allein damit. Smartphones ermöglichen den Zugang zu Informationen, Wissen und persönlichen Lernnetzwerken. Manche nennen sie deshalb auch Kulturzugangsgeräte. Wenn man junge Menschen in Schulen dazu befähigt, diese mündig und souverän zu nutzen, macht man sie nicht nur fit für die Zukunft – man hätte auch die Chance, dadurch etwas mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.

„Smartphones stören und lenken ab, weshalb es einen beschränkten und kontrollierten Einsatz im Unterricht braucht. Schülerinnen und Schüler müssen den richtigen Umgang mit Smartphones lernen.“ Aussagen, denen ich immer wieder begegne, die schlüssig scheinen und auf den ersten Blick Smartphones diskutieren. Dieser Beitrag wirft einen zweiten Blick darauf und soll zeigen, dass es sich hier um eine andere Debatte, die noch häufiger geführt werden müsste, handelt.

jenga-2583734_1920Stören und ablenken bedeutet, dass etwas einen laufenden Prozess negativ beeinflusst. In diesem Fall einen Lernprozess. Je nach Perspektive kann aber etwas, das für den Lehrenden als störend oder ablenkend verstanden werden kann, für den Lernenden hilfreich oder bereichernd sein. Je konkreter Fragen, Wege, Antworten und Dokumentationen vorher von Lehrerinnen und Lehrern festgelegt und geplant werden, umso wahrscheinlicher wird das Smartphone von ihnen als störend oder ablenkend wahrgenommen werden. Beschränkungen und Kontrolle sollen dabei ihre geplanten Lernprozesse sichern. Das Gegenbeispiel dazu wären offene Unterrichtsformen, wie die Projektarbeit, in der Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern eigenverantwortlich, selbstbestimmt und selbstgestaltend stattfinden können. Sie brauchen keine Kontrolle und Beschränkungen, sondern die Befähigung zur Reflexion und kritischem Denken. Bei genauerer Betrachtung wird damit deutlich, dass es nicht (nur) um die Wirkung eines mobilen Endgerätes geht, sondern vielmehr um das grundsätzliche Verständnis von Unterricht, der Rolle der Lehrenden und Lernenden und deren Lernprozesse. Es ist aus meiner Sicht auch oft ein Frage der Haltung, ob ich allen Menschen, unabhängig von Alter oder sonstigen Faktoren, zugestehe und zutraue, sich ein eigenes Verständnis zu bilden.

Wenn Erwachsene vom „richtigen“ Umgang mit Smartphones sprechen, meinen sie in der Regel ihren, was oft zu Debatten über Haltung anstatt Umgang führt. Smartphones sind individuell zusammengesetzte Kulturzugangsgeräte, die Teil individueller Kommunikation, Information oder Lernprozesse sind. Die vielfältigen Homescreens belegen das allein schon optisch. Wer vom „richtigen“ Umgang spricht, versteht ihn, wie auch Störungen und Ablenkungen, im Kontext laufender Prozesse, die er für richtig hält. Deshalb ist diese Betrachtung nicht nur undifferenziert, sondern auch kein zielführender Ansatz, wenn es darum geht, (junge) Menschen zu befähigen, eine für sich individuelle Lösung bezüglich des Umgangs mit Smartphones zu erarbeiten. Hier unterscheide ich auch nicht zwischen meinen Schüler_innen und mir. Smartphones sind zwar seit Jahren Teil meines Lebens, aber im Laufe dieser Zeit habe ich mein Nutzungsverhalten immer wieder reflektiert, diskutiert und weiterentwickelt. Da sich Geräte und Umfeld weiterhin verändern werden, habe ich auch keinen für mich „richtigen“ Umgang gefunden, sondern nur einen aktuellen. Dieser nie endende Prozess steht allen anderen Menschen in einem von ihnen gewählten Tempo und Rahmen zu. Als Lehrer verstehe ich es unter zeitgemäßer Bildung als meine Aufgabe, junge Menschen in der Schule dabei zu unterstützen.