Letztes Schuljahr durfte ich auf einigen Veranstaltungen das aula-Projekt vorstellen und bewerben. Zu dieser Zeit bezog ich mich hauptsächlich auf Konzept und Theorie, weil mir kaum Erfahrungswerte aus der Praxis vorlagen, von denen ich hätte berichten können. Das möchte ich mit ein paar rückblickenden Betrachtungen nachholen, auch weil ich es Leuten versprach, die alles rund um aula über soziale Netzwerke verfolgen.

aula ≠ Social Media

Theoretisch ist aula ein soziales Netzwerk. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass es hier manche Hürden zu überwinden gilt. Man hat zwar eine eigene Profilseite, kann Beiträge posten, liken und kommentieren. Nur dass…
…die Profilseite keine Rolle spielt.
…es dazu (noch) keine App und Push-Benachrichtigungen gibt.
…es kein offenes soziales Netzwerk ist.
…es vorher nicht Bestandteil des Schüleralltags war und von außen eingeführt wurde (Die Entwicklung einer Plattform mit der jeweiligen Schülerschaft hätte sicher zu mehr Akzeptanz geführt, aber auch den zeitlichen und finanziellen Rahmen des Projekts gesprengt.)
Weil aula nicht allen Mechanismen von sozialen Netzwerken unterliegt, muss man an einigen Stellen mehr Energie investieren. Dass Social Media (gedanklich aus Schülersicht) normalerweise nichts mit Schule zu tun hat, mag auch einen Teil zu der einen oder anderen Startschwierigkeit beigetragen haben. Natürlich stellen weder Attraktivität noch Akzeptanz von Instagram & Co kein realistisches Ziel dar. Dass aula aber mehr als ein Mal die Woche im Schulalltag stattfindet, müsste aber möglich sein. Die Entwicklung einer App für iOS und Android konnte bisher aus Kostengründen leider (noch) nicht umgesetzt werden.

Ein Jahr ist kein Jahr

Ein Jahr mit aula war eigentlich gar kein Jahr mit aula. Zu Beginn musste z.B. ein aula-Vertrag ausgearbeitet werden, der erst nach dem Beschluss in der Schulkonferenz (bestehend aus jeweils vier Vertreter_innen der Schülerschaft, des Kollegiums und der Eltern) in Kraft treten konnte. Das war bei uns nicht vor dem 28. November möglich. Somit stand Weihnachten schon vor der Tür und erschwerte einen schwungvollen Einstieg. Aula ist nicht nur ein Projekt, das man nebenher abhandeln kann. Es geht um ein grundlegend verändertes Verständnis von Partizipation. So eine gravierende Veränderung benötigt viel Zeit, Kraft und Kontinuität. Im alltäglichen Schulbetrieb stellt das alle vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen. Deshalb darf aula nicht die Angelegenheit einer Person oder Gruppe sein, sondern sollte von allen Schultern im System Schule getragen werden. Ein ambitioniertes und langfristiges Ziel, würde ich heute sagen. Ob in den monatlichen Schülerratssitzungen, Stufenversammlungen oder in Lehrerkonferenzen sollte aula ein fester Bestandteil sein und immer wieder reflektiert werden. Ein Umdenken kann nur gelingen, wenn die aula-Stunden nicht nur stattfinden, sondern auch gezielt genutzt werden, um Mitbestimmung in all seinen Facetten zu lernen und zu üben. Es genügt nicht, “nur“ partizipative Elemente zur Verfügung zu stellen und darauf zu verweisen.
Die größte Wirksamkeit hat aula meiner Meinung nach damit erreicht, bestehende und fehlende Partizipation transparent zu machen und immer wieder die Frage aufzuwerfen, wo wir unsere Prioritäten setzen wollen. Alle zum Erfolg und Misserfolg von aula beitragenden Faktoren sind mit denen von Partizipation an Schule im Allgemeinen identisch. Es hängt somit in erster Linie nicht vom Konzept ab, sondern von der Priorisierung. Wenn aula-Stunden nicht stattfinden, liegt das nicht daran, dass Lehrende gegen aula oder Mitbestimmung sind, sondern dass Fachunterricht oder andere Aufgaben bei ihnen eine höhere Priorität erhalten. Und genau das gilt es immer wieder zu diskutieren.
Einen weiteren Erfolg von aula sehe ich in der erhöhten Wahrnehmung der SMV (Schülermitverantwortung, in anderen Bundesländern auch SV bzw. Schülervertretung) im Kollegium, durch die Posts und Debatten im und außerhalb des Netzes. Das hat dazu geführt, dass Ideen, an welcher Stelle und wie man die Schülerschaft beteiligen kann, auch immer mehr von allen Lehrer_innen bedacht und formuliert werden.

Neues Jahr, neues Glück

Im zweiten Schuljahr startet aula mit einem neuen Anreiz. Über eine Crowdfunding-Aktion wurden zwischen Februar und April ca. 3400€ gesammelt, die nun für Projektideen eingesetzt werden dürfen. Erste Ideen hat Marina Ende September mit den Stufenversammlungen (Klassen 5/6, Klassen 7/8 und Klassen 9/10) gesammelt. (Hier hat die Badische Zeitung darüber berichtet.) Beim letzten Schul-Barcamp (Hier gibt es einen Beitrag vom ersten Barcamp.) gab es eine Session zum aula-Projekt, bei der folgende Verbesserungsvorschläge und Pläne bezüglich der Umsetzung gemacht wurde:

  • Konkrete Aufgaben für die aula-Stunden sollen ausgetauscht werden (z.B. Pro- und Kontra-Argumente aufbauen, Analyse der bisherigen Kommunikationskultur und Lösungsansätze bei Problemen gemeinsam entwicklen, zielführende Kommentare üben).
  • aula im Fachunterricht (zusätzlich zur aula-Stunde) integrieren. Hierfür sollen das Kollegium nach Schnittpunkten suchen.
  • Smartphones der Schülerschaft zu Beginn des Monats nutzen (Flat noch vorhanden), um sich den Gang zum PC-Raum zu sparen.
  • aula-Plakate in allen Schulräumen aufhängen, die jede Phase einer Idee bis zur Umsetzung visualisieren.
  • aula muss nicht im PC Raum thematisiert werden. Eine Idee herausgreifen und gemeinsam ausbreiten (fehlende Fragen und Antworten usw.) und mit/ohne Beamer allen zeigen, was 
gerade auf dem Tisch liegt.

Bildschirmfoto 2017-11-12 um 15.07.45Ende letzter Woche hat die knapp 30-köpfige Schülervertretung auf der SMV-Hütte geplant, aula noch stärker zu etablieren. Den Anfang haben sie mit drei Ideen, die sie gleich bei aula gepostet und via Snapchat beworben haben, und einer neuen Taktik gesetzt: Meine fünf Stimmen. Der Plan ist es, dass jede_r der 30er-Gruppe mindestens fünf Mitschüler_innen zum Voten motiviert und so die einfache Mehrheit für Ideen erreicht wird. Ob und wie gut das funktioniert, wird sich zeigen. Zumindest bin ich nach dem dreitägigen Aufenthalt mit dem SMV-Team wieder voll motiviert, daran zu arbeiten, dass Partizipation noch besser gelingt.

 

Smartphone-Tag, Pestalozzi-Schule, FreiburgBZ-Beilage "Baden im Wandel"
Foto Daniel Schoenen

An unserer Schule kamen einen Tag lang in jeder Schulstunde und jedem Fach die Smartphones aller Schüler_innen im Unterricht zum Einsatz. Das klingt für Leute, die sich mit dem digitalen Wandel im Bildungsbereich beschäftigen, wahrscheinlich sehr banal und unspektakulär. Und genau das macht diesen Ansatz und die Umsetzung so besonders. Als öffentliche, städtische Realschule stehen wir vor der Herausforderung einer heterogenen Schülerschaft. Wir verfügen über keine Tablet-Klassen, bieten kein WLAN und das Kollegium ist beim Thema Digitales im Schnitt nicht informierter und erfahrener als andere. Ich möchte damit deutlich machen, dass die Umsetzbarkeit dieses Tages meiner Meinung nach an allen Schulen gegeben ist und lade dazu ein, einen Versuch zu wagen.

Von der Schülerschaft für die Schülerschaft und mit dem Kollegium

Die Idee des Smartphone-Tags stammte von einem Schüler, der sie auf der aula-Plattform gepostet und über 50% aller Schüler_innen dafür gewinnen konnte. Wer das aula-Projekt kennt und verfolgt, weiß mittlerweile, dass zur Abstimmung freigeschaltete Ideen mit mehrheitlichem Zuspruch umgesetzt werden müssen. Deshalb wurde mit der Schulleitung ein Termin für die Durchführung und ein Planungstreffen vereinbart, an dem jeweils drei Vertreter_innen der Schülerschaft und des Kollegiums teilnahmen. Es mussten nämlich die konkreten Erwartungen der Klassen geklärt und die Möglichkeiten der Umsetzung besprochen werden. Was so einfach klingt, steht für viel Vorarbeit im Bereich der SMV (Schülermitverantwortung) bzw. SV (Schülervertretung). Dass man zielführend die Umsetzung solcher Ideen in diesem Rahmen diskutieren kann, setzt gegenseitiges Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft aller Beteiligten voraus.

Planung des Smartphone-Tags

Fragen der Planungsgruppe

  1. Welche Erwartungen haben die Klassen an den Tag?
  2. Welche Technik haben wir vor Ort und was sollen und können wir für diesen Tag organisieren?
  3. Wie geht man mit Schüler_innen ohne Smartphone oder Internet-Flat um?
  4. Wie lange muss das Smartphone mindestens im Unterricht eingesetzt werden?
  5. Was soll geschehen, wenn unerlaubt gefilmt und das in sozialen Netzwerken geteilt wird?
  6. Dürfen Smartphones an diesem Tag auch in den Pausen benutzt werden?
  7. Wie kann das Kollegium bei der Vorbereitung auf Wunsch unterstützt werden?

Ergebnisse der Planungsgruppe

  1. Die Grundidee besteht darin, dass an diesem Tag in allen Unterrichtsstunden das Smartphone eingesetzt bzw. genutzt wird. In welcher Art und Weise steht den Lehrenden völlig offen. (Dass man „nur“ über Smartphones, wie sie hergestellt werden, woraus sie zusammengesetzt sind oder welche Gefahren sie bergen, „spricht“, deckt sich nicht mit der Vorstellung der Schülerschaft für diesen Tag.)
  2. Wir verfügen (noch) über kein WLAN in den Klassenzimmern und können theoretisch (wenn das Internet funktioniert) in den meisten Räumen zur Not für zehn bis zwölf Personen mit einem Nano-Router bescheidenes WLAN anbieten. Freundlicherweise haben uns medialepfade einen mobilen Router für diesen Tag geliehen, mit dem wir weitere zehn bis zwölf Personen mit WLAN versorgen konnten.
  3. Das Problem fehlender Smartphones soll über Partner- und Gruppenarbeit gelöst werden. Die Klassenleitungen sollen alle rechtzeitig informieren, ihre Smartphones vollständig aufgeladen mitzubringen und an ihre Ladekabel oder Powerbank zu denken. Außerdem werden die Klassen gebeten, ihre Datenflat bis zum Smartphone-Tag nicht aufzubrauchen.
  4. Um die Einstiegshürde für alle möglichst niedrig zu halten, einigte man sich darauf, keine Zeitvorgabe zu stellen. Wie lange und oft Smartphones im Unterricht zum Einsatz kommen, entscheidet jede Lehrperson selbst.
  5. Die Klassen- und Schulleitung informiert alle vorab, dass das unerlaubte Filmen und Posten in sozialen Netzwerken verboten ist bzw. Smartphones weiterhin nur für schulische Zwecke benutzt werden dürfen. Bei einem Verstoß verfährt man wie bisher und schließt zusätzlich Schüler_innen von den digitalen Unterrichtsangeboten aus.
  6. Nein. Es wurde aber darauf hingewiesen, dass der Wunsch einer Änderung in der Schulordnung über bzw. mit aula erreicht werden kann.
  7. Hierfür bat ich noch aus dem Planungstreffen heraus Lehrende über Twitter, LinkedIn und der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook, Ideen für den Unterricht in ein von mir angelegtes ZUMPad einzutragen. (Vorher erstellte ich eine Tabelle, in der alle Fächer und Klassen, die an diesem Tag unterrichtet werden, eingetragen waren, um in meinem Aufruf gezielt nach Konzepte für diese Stunden zu fragen.) Ich habe diese Liste etwas überarbeitet, nach Fächern sortiert und stelle sie hier allen als PDF und GoogleDoc zur Verfügung. Ich werde diese Auflistung immer wieder aktualisieren. Falls ihr weitere Tipps und Anregungen haben solltet, könnt ihr sie bitte hier eintragen. (Ab und zu werde ich nach Updates schauen und die alten Listen ergänzen. Mir gefiel besonders, dass beim ersten ZUMPad nicht nur Apps reingeknallt, sondern Gedanken zu Lernszenarien geteilt wurden.) Manche aus dem Kollegium nutzen auch praktischerweise den gleichen Wochentag davor, um mit Klassen in den jeweiligen Fächern den Smartphone-Tag vorzusprechen.

Der große Tag

Smartphone-Tag, Pestalozzi-Schule, FreiburgBZ-Beilage "Baden im Wandel"
Foto Daniel Schoenen

Damit die erste aula-Idee auch bestmöglich umgesetzt werden kann, kamen Alexa Schaegner und Daniel Schumacher von politik-digital e.V. (und tragende Säulen von aula) zur Unterstützung nach Freiburg. Außerdem erhielten wir an diesem Tag noch Besuch von der Badischen Zeitung, die dabei war einen Bericht über eine Bestandsaufnahme in Sachen digitalem Unterricht an Freiburger Schulen zu verfassen, und vom SWR, der ebenfalls Interesse bekundet hatte, mehr über das Projekt aula und den Tag zu erfahren. Hier findet man den Text der BZ und hier den SWR-Beitrag. Da ich an diesem Tag für die Koordinierung zuständig war, bei technische Problemen aushelfen musste und mich um unseren Besuch zu kümmern versuchte, erfuhr ich selbst wenig vom Ablauf. Überwiegend positive Rückmeldungen am Ende des Tages sprachen aber für eine erfolgreiche Umsetzungen. Alexas Eindrücke kann man hier nachlesen und Daniels Zusammenfassung in diesem Video bewundern. Weil ich im Web danach gefragt wurde, ob ich auch konkret benennen könnte, was in den einzelnen Fächern gemacht wurde, bat ich meine Kolleg_innen, mir nachträglich dazu ein paar Worte zu mailen. Ich habe alle rückgemeldeten Informationen hier als PDF zusammengestellt.

Rückblick und persönliches Fazit

Dass der Smartphone-Tag tatsächlich stattfand, liegt meiner Einschätzung nach an der Partizipationsmöglichkeit von aula und den dadurch entstandenen Impuls aus der Schülerschaft. Auch wenn ich mein Kollegium als sehr engagiert und offen schätze, glaube ich nicht, dass wir von uns diese Idee auf die endlose To-do-Liste einer jeden Schule gesetzt hätten. Durch die niedrige Einstiegshürde gelang es, wirklich alle mitzunehmen. Man bereitete Online- und Offline-Varianten vor, weil mit den technischen Besonderheiten und Tücken unseres Hauses vertraut waren. Einiges misslang und gelang. Etherpad-Einträge wurden aus Versehen oder absichtlich gelöscht, Chaträume wurden ausgereizt, Speicherplatz scheint auf Schüler-Smartphones nur beim Kauf zu existieren, für manches Vorhaben fehlte aufgrund mangelnder Technik oder Routine am Ende die Zeit und es gab Klassen, in denen sich die Begeisterung für den Smartphone-Einsatz in Grenzen hielt, weil es bei ihren Lehrer_innen bereits zum Unterrichtsalltag dazugehörte. Es gab aber zum ersten Mal einen größeren Austausch und Debatten zwischen und innerhalb aller Parteien darüber, was man mit Smartphones konkret im Unterricht machen kann, soll oder nicht. Eine digitale Bildungsrevolution wurde mit dem Smartphone-Tag zwar nicht in Gang gesetzt, aber Berührungsängste wurden genommen und Türen für einen zielführenden Diskurs in der Schulentwicklung geöffnet. Ich mag diese kleinen und für viele Schulen machbaren Schritten, die uns zeitgemäßer Bildung näher bringen. Das Tempo, in dem wir uns der Komplexität des digitalen Wandels annehmen, muss von den jeweils Beteiligten mitbestimmt werden, wenn es zu grundlegender und nachhaltiger Schulentwicklung führen soll. Ein Smartphone-Tag kann das leisten.

Die Vernetzung und der Austausch stecken im Schulsystem noch in den Kinderschuhen. Das gilt sowohl für den internen als auch externen schulischen Bereich. Eine meiner Aufgaben als SMV BAG-Leiter ist es, genau das im Bereich der Schülermitverantwortung bzw. Schülervertretung im Auftrag des Schulamts zu ändern. Deshalb führten meine Kollegin und ich am 08.02.2017 im Haus der Jugend ein SMV-Barcamp zum Thema Echte Mitbestimmung durch, zu dem Verbindungslehrer*innen und Schülersprecher*innen aus dem Raum Freiburg und außerschulische Vertreter*innen, mit dem Schülerrat Freiburg, dem Jugendbüro und der Landeszentrale für politische Bildung, eingeladen wurden. Meine Dokumentation und Reflexion der Veranstaltung habe ich in die drei Aspekte, was ein Barcamp ist, weshalb ich mich für dieses Format entschieden habe und was ich mir für das SMV Barcamp 2018 wünsche, gepackt.

Was ist ein Barcamp?
Ein Barcamp ist ein offenes, flexibles, weder hierarchisches noch geplantes und größtenteils freies Veranstaltungsformat, dessen Regeln die gängigen Regeln von klassischen Konferenzen oder Fortbildungen aushebeln sollen. Bezeichnend ist dabei, dass nicht die Veranstalter*innen, sondern die Teilnehmer*innen den Inhalt bestimmen. Deshalb spricht man auch häufiger in diesem Zusammenhang von Teilgeber*innen. Ein übergreifendes Thema bildet neben der Moderation zu Beginn bzw. am Ende den Rahmen eines Barcamps. (Beim EduCamp geht es z.B. in der Regel um das Thema Digitale Bildung; wobei auch hier schon Workshops angeboten wurden, die thematisch meilenweit davon entfernt lagen. Das nächste EduCamp findet übrigens vom 28.04.-30.04.2017 in Bad Wildbad statt, zu dem ihr alle herzlich eigeladen seid.) Am Anfang führt man eine Vorstellungsrunde durch, in der man sich der Reihe nach mit jeweils drei Worten bzw. Hashtags (Hashtags werden genutzt, weil viele Barcamps von im Web aktiven Menschen durchgeführt und besucht werden. Meist hört man dann die Parole „Bloggt, postet und twittert darüber“, um dadurch die Vernetzung und Aufmerksamkeit über die Veranstaltung hinaus zu fördern.) vorstellt. Meine waren #Verbindungslehrer, #aula und #digital. Der Sinn besteht darin, dass man in a.) relativ kurzer Zeit alle zu Wort kommen lässt, b.) erste Eindrücke und Gemeinsamkeiten untereinander erfährt und c.) Interesse für nicht bekannte Begriffe weckt, die später zu einem Austausch führen. Im Anschluss erklärt die Moderation den Ablauf und die gängigen Regeln, bevor sie mit der Sessionplanung beginnt.
Ablauf
Eine Session dauert 45 Minuten und kann ein Vortrag, ein Workshop oder eine Diskussion sein. Die Anzahl der verfügbaren Räumlichkeiten bestimmt, wie viel Sessions gleichzeitig innerhalb einer Zeitschiene (Slot) angeboten werden können. In unserem Fall entschieden wir uns von den sieben möglichen Räume nur vier zu nutzen, weil wir mit ca. 30 Personen rechneten und zu kleine Gruppierungen vermeiden wollten. (Es kamen 35.) Nach jeder Session gibt es ein 15-minütige Pause, um sich weiter auszutauschen, vorzubereiten oder mit Essen und Getränken zu stärken.
Regeln
1.) Weniger Vortrag, mehr Plenum
Ein Vortrag sollte maximal 20 Minuten dauern, damit 25 Minuten für den Austausch bleiben. Bei den meisten Sessions, die ich bisher besuchte, wurde gesagt, dass man jederzeit unterbrechen und Fragen stellen darf.
2.) Gesetz der zwei Beine
Wenn man feststellen sollte, dass die Session nicht die Erwartungen erfüllt, darf man den Raum verlassen. Deshalb stehen auch meistens die Türen offen. (Das erste Mal kostet aber Überwindung. Zumindest war das bei mir so.)
3.) Keine Zuschauer
Ein Barcamp lebt vom Mitdenken und Mitreden.
4.) Keine Hierarchie
Auf einem Barcamp begegnet man sich auf Augenhöhe. Manche nutzen auch ein temporäres Du. Bei unserem Barcamp habe ich speziell die Lehrer*innen darum gebeten, nicht in die Rolle des Lehrenden zu verfallen und eine Session an sich zu reißen.
Sessionplan
Damit ein Barcamp „funktionieren“ kann, sollte ein Teil der Anwesenden mit dem Format vertraut sein. In unserem Fall war es ein Drittel, das sich im Vorfeld Gedanken gemacht hatte, was es wie anbieten möchte. Diese Speaker*innen stellen der Reihe nach dem Plenum ihre Themen vor, das per Handzeichen sein Interesse oder auch nicht bekundet. Ein gut gewählter Titel oder eine kurze und knackige Erklärung, worum es beim Vortrag, Workshop oder Diskutieren gehen soll, sind bei der Vorstellungsrunde die halbe Miete. Wenn dabei ausreichend Hände hochgehen, in unserem Fall lag das Minimum bei fünf Meldungen, findet das Angebot statt und wird im Sessionplan festgehalten. fullsizerenderWir benutzen hierfür eine Pinnwand mit Kraftpapier und Session-Kärtchen, die mit speziellem Kleber mehrfach umgeklebt werden konnten. (Bei manchen Barcamps wird der Sessionplan digital (z.B. Google Docs) zur Verfügung gestellt oder auch Änderungen über digitale Dienste (z.B. Telegram-Kanal) mitgeteilt. Dafür war aber unser mageres Freifunk-WLAN nicht stark genug.) Wenn das Interesse bei einem Thema besonders groß ist, bietet es sich an, diese Session in zwei verschiedenen Slots (z.B. am Vormittag und am Nachmittag) zu setzen. Dadurch entzieht man den dazu konkurrierenden Sessions nicht die Teilnehmer*innen.
Protokoll
Session-Protokolle habe ich als Teilnehmer stets als enorme Erleichterung erfahren. Häufig fanden zwei für mich interessante Angebote zeitgleich statt. So konnte ich in den Protokollen zumindest nachlesen, was gesagt wurde oder fand hilfreiche Links zu weiterführenden Artikeln. Für das SMV-Barcamp hatte ich vom Kreismedienzentrum sechs iPads ausgeliehen, die ich in jedem Raum zum Protokollieren bereitstellte. Außerdem richtete ich vorher für jede Session ZUMpads ein, um in Echtzeit den Verlauf mitverfolgen zu können. Leider war das Freifunk-WLAN mit 35 Personen überfordert. Deshalb liefere ich hier nachträglich alle Protokolle der Sessions:

  1. Minecraft – Das Jugendbüro und seine Projekte
  2. kahoot! – Einsatz in der SMV und im Unterricht
  3. Schule als Stadt – Projekt der Wentzinger Realschule
  4. Nutzung neuer Räume der Landeszentrale für politische Bildung
  5. Evaluation
  6. LSBR und Der Schülerrat Freiburg stellen sich vor
  7. Stirb Frontalunterricht
  8. Schulen und Gleitzeit
  9. Faktoren für echte Mitbestimmung
  10. Handynutzung
  11. aula
  12. Charity Party – Wentzinger Party

Weshalb ein Barcamp?
Eine klassische Fortbildung hat ein vorgegebenes Thema, das nicht mitbestimmt werden kann, bietet nicht selten Vortragende, die mit dem Nürnberger Trichter ausgestattet sind und endet am selben Tag. Ein Barcamp bietet viele Themen, Partizipation während der Speaker*innen-Runde und der Session an und endet nicht, weil durch den Austausch in der Regel auch eine Vernetzung stattfindet, die über die Veranstaltung hinaus hält. Ich glaube auch, dass Netzwerken eine der Antworten, auf die immer komplexer werdenden Herausforderungen darstellt. Das gilt auch für die politische Bildung, die entweder nicht selten auf 45 Minuten eines Unterrichtsfach reduziert wird oder kaum bis gar nicht durch die Arbeit der Schülervertretung stattfindet. Seit dem erstarkten Rechtspopulismus, Brexit oder Trumps Wahl zum Präsidenten werden wieder einmal über alle möglichen Kanäle die Forderungen nach mehr Bildung, politischer Bildung, Demokratie Lernen, Demokratie-Programme oder einer Gesellschaft mündiger Bürger*innen mantraartig verkündet. Dabei sollte man sich fragen, wie und ob diese Ziele, fern der fein formulierten Curricula, konkret an der Schule angegangen werden? Ein guter Indikator, ob so etwas bereits stattfindet, scheint mir die Frage nach der Mitbestimmung. Wie viel „echte Mitbestimmung“ ist (nur) erlaubt, wird gewünscht oder wird sogar unterstützt? Unter “echter Mitbestimmung“ verstehe ich die Schulentwicklung, den Unterricht oder die Lehrmittel bzw. -methoden. Diese Fragen müssen gesamtgesellschaftlich offen und transparent diskutiert werden, wenn man sie ernsthaft angehen möchte. Deshalb glaube ich, dass man diesbezüglich Lösungen nicht in einer Lehrerkonferenz erarbeiten kann, sondern nur gemeinsam mit Schüler*innen, Eltern und Kooperationspartnern aus dem non-formalen Bildungsbereich, wie z.B. dem Jugendbüro, der Landeszentrale für politische Bildung, dem Schülerrat Freiburg oder dem Stadttheater. Politische Bildung benötigt ein breites Netzwerk, das zu demokratischer Haltung und Handlung befähigt. Beim Netzwerken kommen Akteure aus unterschiedlichen Wissensbereichen und zahlreichen Perspektiven zusammen, um gemeinsam nach Antworten zu suchen. Wenn wir Kinder und Jugendliche adäquat auf die Zukunft vorbereiten wollen, gilt es das zu lernen.

img_5224Dieses SMV Barcamp soll langfristig eine trojanische Maus des Netzwerkens sein, wie sie in diesem Interview mit Harold Jarche beschrieben wird.

SMV Barcamp 2018
Für das SMV Barcamp 2018 plane ich zum Thema Politische Bildung Expert*innen für den Umgang mit Fake News, Rechtspopulismus und Social Media zu gewinnen. Ich hoffe auf noch mehr Anmeldungen, Kooperationspartner und Netzwerken. Ein Barcamp lebt von der Wiederholung und einem festen Kern, der jährlich wächst. Mir haben einige Neulinge bereits (zu)gesagt, dass sie beim nächsten Mal auf jeden Fall selbst etwas anbieten wollen. Man müsste auch den Weg dafür ebnen, die offizielle Anmeldung für das SMV Barcamp allen Schularten zu ermöglichen. (Bisher können das nur Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren, Grundschulen, Hauptschulen, Werkrealschulen und Realschulen). Zu guter Letzt gilt es die Schulleitungen für dieses Format zu begeistern, weil sie einer der entscheidende Faktoren sind, wenn es darum geht, ob Mitbestimmung an einer Schule gelebt wird oder nicht. Üblich ist es nicht, dass sie zu solchen Fortbildungen eingeladen werden. Nur brauchen wir keine üblichen, sondern neue und bessere Lösungsansätze. bildschirmfoto-2017-02-13-um-07-55-25In der SMV-Verordnung steht, dass die Schülermitverantwortung von allen am Schulleben Beteiligten und den Schulaufsichtsbehörden zu unterstützen ist. Dann müsste ein SMV Barcamp, zu dem sich auch alle Beteiligten (und nicht nur Verbindungslehrer*innen und Schülersprecher*innen) anmelden können, konsequenterweise das Wunschformat des Kultusministeriums sein.

Sonstige Anmerkungen

  • Diskussionsrunden, die von meinen Schüler*innen geleitet werden, überlege ich, mit ihnen zukünftig mit Leitfragen vorzubereiten. Aus Lehrersicht würde ich sagen, dass sie vom eigentlichen Thema abkamen und nicht zielführend diskutierten. Aus Barcamp-Sicht müsste man aber sagen, dass sie sich zu dem, was ihnen in dem Moment am Herzen lag, ausgetauscht hatten und somit das Ziel erreichten. Das werde ich auf jeden Fall mit ihnen nochmal gemeinsam besprechen müssen; wobei ich unabhängig davon grundsätzlich auf der SMV-Hütte, zu Beginn des nächsten Schuljahres, mit Interessierten mögliche Sessions, also auch Vorträge oder Workshops vorbereiten möchte.
  • Man sollte bedenken, dass man für Vorträge auch die nötige Technik bereitstellen muss. Wir hatten zwei Räume mit Beamern ausgestattet, hatten einige Adapter für Fremdgeräte, sechs Tablets, WLAN und zwei Kabeltrommeln. Da wir die Moderation in einem kleineren Raum mit einer fest installierten Bühne machten, verzichteten wir auf Mikros.
  • Normalerweise bietet ein Barcamp auch die Verpflegung. Wir hatten nur Kekse, Saft und Wasser. Die Mittagspause verbrachten die Teilnehmer*innen in den benachbarten Cafés und Döner-Buden. Das wollen wir nächstes Jahr ändern.
  • Ich habe festgestellt, dass beim ersten Barcamp die Veranstalter*inne die Frage quält, ob ausreichend gute Sessions angeboten werden. Deshalb erlebe ich auch immer wieder, dass man Sessions im Vorfeld schon setzt oder sich vorab schicken lässt. Ich bitte euch das zu ertragen und nicht das Format zu ändern, weil die frische, spontane und ehrliche Art genau davon lebt.
  • Vor jedem Slot habe ich in allen vier Räumen darum gebeten, dass eine Person protokolliert. Weil das WLAN nicht zuverlässig genug war, wurden die Protokolle mit den Apps Notizen oder Pages erstellt. In den Pausen habe ich diese dann in die dafür vorbereiteten ZUMpads kopiert, um von meinem Rechner aus darauf zugreifen zu können.
  • Bei den diesjährigen Angeboten waren nur Vorträge und Diskussionen dabei. Deshalb werde ich versuchen, dass 2018 auch Workshops auf dem Sessionplan stehen.
  • Leider konnte ich keine Grundschule überzeugen, am Barcamp teilzunehmen. Für das nächste Jahr habe ich mir die Teilnahme zweier Grundschulen als Minimalziel gesetzt.

Nach den ersten vier Monaten des Schuljahres 2016/2017 blicke ich nun auf die Einführung des aula-Projekts zurück, um interessierten Schulen, Lehrenden oder Schüler*innen Einblicke zu ermöglichen, welche Chancen das aula-Konzept bietet, aber auch welche organisatorischen Herausforderungen es zu meistern gilt, falls man sich dafür entscheiden sollte. Eine Information halte ich dabei für wichtig, wenn man abwägt, aula auch an der eigenen Schule zu testen: Das Konzept ist flexibel bezüglich der Schulart, des Umfangs und der Anwendung. Man kann aula mit einem Oberstufenkurs, einzelnen Stufen oder der gesamten Schule, wie es an der Pestalozzi Realschule in Freiburg der Fall ist, umsetzen. Welche Rechte man der Schülerschaft zugestehen möchte, kann ebenfalls weit bzw. eng gefasst werden. Es gab an meiner Schule eine kurze Diskussion, ob die 5. Klassen nicht zu jung und überfordert mit der Form der Beteiligung seien. Wir einigten uns aber darauf, auch ihnen diese Art der Partizipation anzubieten. Die Überlegung war, dass sie aus einer eher passiven Rolle durch die Unterstützung aller am Schulleben Beteiligten langfristig zur aktiven wechseln. Hier gibt es die offizielle Kurzfassung meines Rückblicks bei politik-digital e.V.. (Man findet aula und alle aktuellen Infos jetzt auch bei Facebook.)

In der zweiten Schulwoche fand von Montag bis Mittwoch die doppelstündige aula-Einführung der einzelnen Klassen statt. Dabei wurden zwei Räume mit jeweils 16 PCs parallel mit zwei Klassen so belegt, dass immer der/die Klassenlehrer*in bzw. der/die Co-Klassenlehrer*in dabei sein konnte. Auf diese Weise gelang es uns, dreizehn Klassen innerhalb von drei Tagen in das Konzept einzuführen. Die Doppelstunde beinhaltete ein spielerische Erklärung und Unterscheidung von direkter und indirekter Wahl, Vorstellung der aula-Plattform bezüglich Funktionen, Nutzung und der Idee des Konzepts, das Anlegen eines Profils und die Besprechung des weiteren Vorgehens. Es mussten nämlich für jede Klasse bzw. Klassenraum Moderator*innen (bestenfalls sind das pro Klasse zwei Schüler*innen und ein/e Lehrer/in; in den 5. Klassen haben wir zumindest in diesem Schuljahr auf eine Schülermoderation verzichtet) gefunden und der aula-Vertrag ausgearbeitet bzw. beschlossen werden. Mittlerweile gibt es Tutorials, wie man sich bei aula anmeldet, Ideen einstellt, das Passwort ändert oder das Profil bearbeitet, die einem die Einführung erleichtern. Weitere sind geplant. In der vierten Schulwoche fand am Nachmittag eine dreistündige Moderator*innen-Ausbildung statt, in der ihre Aufgaben geklärt bzw. geübt, Regeln und Umgang mit Verstößen diskutiert und Verbesserungsvorschläge gesammelt wurden.

Zwei Wochen später wurde der aula-Vertrag mit der Schulleitung, Schülerschaft und Teilen des Lehrerkollegiums ausgehandelt. Hier spielte hauptsächlich die Wahl des Rahmens, in dem Schüler*innen eine Entscheidung treffen können, eine Rolle. Unsere Schulleitung schlug die Fassung mit den größtmöglichen Zugeständnissen für die Schülerschaft bezüglich der Entscheidungsbefugnisse vor. Aber auch die Strafmaßnahmen bei Regelverstoß mussten ausgehandelt werden. Hier orientierte man sich an den Wünschen und Vorstellung der Schülervertreter*innen. Die Umsetzung von Ideen kann bzw. konnte erst mit Zustimmung bzw. dem Beschluss der Schulkonferenz, die den aula-Vertrag offiziell ratifiziert, erfolgen. Deshalb befand sich die aula-Plattform bis zur zwölften Schulwoche in einem Testmodus. Alle Schüler*innen konnten in diesem Zeitraum Idee einstellen, für sie voten oder Verbesserungsvorschläge formulieren, um sich mit der Nutzung der Plattform vertraut zu machen.

aula_starttagIn der ersten Schulkonferenz, bestehend aus jeweils vier gewählte Vertreter*innen der Eltern, Schülerschaft und dem Lehrerkollegium, wurde einstimmig das Inkrafttreten des aula-Vertrags beschlossen. Am Morgen danach versammelten sich zur ersten Stunde alle Klassen mit dem gesamten Kollegium in der May Bellinghausen-Halle, um den Start der aula-Plattform, die dafür wieder auf den Ursprungszustand zurückgesetzt wurde (jeglicher Inhalt aus der Testphase wurde gelöscht), gemeinsam einzuläuten. Dabei erhielten die Moderator*innen von der Schulleitung feierlich eine aula-Eule überreicht, die sie symbolisch für das Projekt, aber auch als Erinnerung an die wöchentliche Stunde in ihr jeweiliges Klassenzimmer hingen. Im Anschluss an den gemeinsamen Auftakt kehrten alle Klassen in ihre Räume zurück und besprachen mit den Lehrer*innen ausführlich die Nutzung, die Möglichkeiten und Grenzen des aula-Vertrags. (Insgesamt wurde hierfür eine Doppelstunde investiert. Außerdem habe ich für das Kollegium die wichtigsten Aspekte des Vertrags auf einer DinA4-Seite zusammengefasst.)

Aktuell stehen 69 gepostete Ideen im Schulraum; wobei es einige Doppelungen gibt. Die Vorschläge reichen von neuen Schulbänken bis hin zur überarbeiteten Smartphone-Nutzung in der Schule bzw. dem Unterricht. Eine Idee hat bisher das nötige Quorum von 30% erreicht und ist nun auf dem Tisch, bevor es zur endgültigen Abstimmung kommt. Zwei von 14 aula-Klassenräume wurden bisher nicht genutzt. In manchen Klassen wurden bereits Ideen, wie z.B. Klassenausflüge oder eine neue Regelung der Sitzordnung umgesetzt.

republica17Um ein Budget zu schaffen, das für die Umsetzung größerer Projekte zur Verfügung stehen soll, wurde ein Video aufgezeichnet, das man sich auf dieser Crowdfunding-Plattform (Link folgt nach Kampagnenstart) ansehen kann. Über eine finanzielle Unterstützung der Projekte unserer Schülerschaft würden wir uns sehr freuen. Außerdem dürfen zwei Schüler*innen meiner Schule, mit Marina Weisband und einem Schülervertreter der aula-Pilotschule aus Nottuln das Konzept und die erste Erfahrungen mit aula auf der diesjährigen re:publica 17 in einem Lightning Talk vorstellen.

Persönliche Anmerkungen

  • Jedes soziale Netzwerk bzw. digitale Tool, das nicht ohnehin ein Bestandteil des Lebens junger Menschen ist, hat es schwer. Das bekommt man auch bei der aula-Plattform zu spüren. Schüler*innen sind es gewohnt, sich (meist) einmalig über ne App anzumelden und über Push-Mitteilungen auf Neuigkeiten hingewiesen zu werden. Eine aula-App und Push-Mitteilungen gibt es (noch) nicht und die wiederholte Anmeldung war/ist insofern ein Problem, dass Passwörter nicht notiert und vergessen wurden/werden; wobei man an dieser Stelle wunderbar das Thema Passwortwahl, -nutzung und -verwaltung mit den Klassen aufgreifen kann.
  • Aula ist eine soziales Netzwerk. Deshalb beobachtet man vergleichbare Verhaltensmuster, Chancen und Herausforderungen, die auch Facebook & Co bieten. Sachverhalte oder (nicht) vorhandene Prozesse werden transparent. Es hat schließlich Gründe, dass manche Klassen oder Schüler*innen das Angebot, Ideen zu posten, Verbesserungsvorschläge zu machen oder nur zu voten, wahrnehmen und andere nicht. Darauf können Lehrende nun eingehen und diskutieren. Die Wiederholung von Kommentaren oder Einfällen kenne ich auch aus dem außerschulischen Social Media-Bereich (Wie viele Leute lesen einen Thread, bevor sie auf einen Post oder Tweet reagieren?). Dass es Sinn macht, sich zuerst einen Überblick über bisher Bestehendes zu verschaffen, kann man in den aula-Stunden erarbeiten. Auch die Netiquette, die gerade mühsam in der gesellschaftlichen Debatte auf sozialen Netzwerken verbreitet wird, kann mit aula trainiert werden. Man darf nicht erwarten, dass gleich jede*r Schüler*in die Chance ergreift, ihre Vorstellungen einer besseren Schule umzusetzen. Ich denke, dass die Ein-Prozent-Regel bzw. der Anteil an Lurkern auch für dieses soziale Netzwerk gilt; wobei ich mir auch vorstellen könnte, dass die 1% der Schülerschaft, die eigene Inhalte beiträgt, in diesem geschlossenen, überschaubaren und vertrauteren Umfeld Schule sich langfristig zu mehr Prozent entwickelt.
  • Die längere Testphase bis zum Beschluss der Schulkonferenz hatte Vor- und Nachteile. Der anfängliche Elan ging z.B. an mancher Stelle aufgrund der fehlenden Verbindlichkeit verloren. Andererseits weiß jede/r aus der Praxis, dass zu Schuljahresbeginn viele schulalltäglichen Dinge Ressourcen verschlingen. Der zeitliche Puffer ermöglichte allen Kolleg*innen, sich in eigenem Tempo mit dem Konzept vertraut zu machen; was ich für den breiten Rückhalt eines so umfangreichen Projekts als sehr wichtig erachte.
  • Ein Angebot allein reicht nicht aus, um Beteiligung zu erreichen. Wenn Lehrer*innen die vereinbarte, eine aula-Stunde pro Woche nicht bieten und Partizipation nicht wünschen, bleibt das beste Konzept nur ein Konzept. Die Freiheit der Mitbestimmung braucht eine von allen Beteiligten gewollte Anleitung. Diese kostet viel Zeit, Kraft und ein demokratisches Verständnis, das unserer offenen Gesellschaft ein freiheitliches und friedliches Zusammenleben garantiert.

Nachdem ich mich mit Jan-Martin Klinge und weiteren Kollegen über seinen Artikel Ich entscheide zum Thema Partizipation bei Twitter kontrovers ausgetauscht hatte, schlug er vor, eine Blogparade darüber ins Leben zu rufen, um die 140 Zeichen-Hürde zu umgehen und eine vertiefte und vielleicht nachhaltige Debatte zu ermöglichen. Mit meinem Beitrag eröffne ich deshalb die Blogparade Partizipation und freue mich über weitere Lehrende und Lernende, die daran teilnehmen. Ich möchte noch eine kurze Erläuterung zu meinem Partizipationshintergrund liefern, um den Stellenwert dieses Themas für mich zu verdeutlichen. Als Verbindungslehrer sammle ich seit 13 Jahren Erfahrungen mit der SMV-Arbeit (SMV = Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) an meiner mittlerweile dritten Schule. Seit acht Jahren unterrichte ich direkt in Freiburg und besuche seitdem jede SMV-Fortbildung, die in der Umgebung stattfindet. In der Regel sind das zwei, wenn sie nicht aufgrund zu weniger Anmeldungen abgesagt werden. Seit sechs Jahren fahre ich jeden Frühling zum Verbindungslehrerkongress nach Bad Wildbad, bei dem sich Verbindungslehrer*innen aller Schularten aus ganz Baden-Württemberg fortbilden und austauschen. Letztes Jahr habe ich mit einer Kollegin die SMV BAG-Leitung in Freiburg übernommen und gebe seither Tandem-Fortbildungen für Schülersprecher*innen und Verbindungslehrer*innen und bemühe mich in diesem Bereich die (digitale) Vernetzung voranzutreiben.

Was bedeutet Mitbestimmung?

Partizipation ist eigentlich klar definiert und wird trotzdem häufig missverstanden. Da Jan-Martin Klinge auf meine Nachfrage nach Beispielen auf seine Lerntheke und den offenen und selbstbestimmten Unterricht verwies, möchte ich die Frage doch kurz aufgreifen. (Selbstbestimmter Unterricht bzw. die Unabhängigkeit in der Entscheidung, mit welchem Tempo Lernende welche Aufgabenkärtchen bearbeiten, hat nichts mit Mitbestimmung zu tun.) Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Abstufungen: Von der Informierung, über Mitsprache bis hin zu zahlreichen Formen der Mitentscheidung. (Den Zusatz “echte” füge ich seit ein paar Jahren zu den eher politischen Entscheidungen mit höherer Gewichtung, die alle Mitwirkenden einer Schule betreffen, hinzu, um eine Differenzierung zu den klassischen SMV-Projekten, wie Nikolausverkauf oder Schulparty, zu erhalten.) Wenn man “alle das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen” gedanklich durchspielt, stellt man fest, dass es enrom viele Bereiche betrifft: Von der Wahl der Schulbücher, Möbel oder sonstiger Anschaffungen bis hin zur Schulordnung oder sogar den Unterricht.

Wie viel Partizipation darf es im Unterricht sein?

Eine Antwort darauf, findet man auf Seite 37 der Jugendstudie Baden-Württemberg 2015, die vom Landesschülerbeirat in Kooperation mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport und der Jugendstiftung veröffentlicht wurde und folgende Übersicht zur Beteiligung an Entscheidungen bezüglich des Unterrichts darstellt:CrYV_VxXgAAO4sZ

In Bereichen, die Lehrende wenig betreffen bzw. in ihrer Arbeit einschränken, werden eher Räume für Mitbestimmung ermöglicht. Je stärker aber die Kernaufgaben des Lehrens beeinträchtigt wird, desto weniger findet Partizipation von Schüler*innen statt. Ich schätze, dass der Kontrollverlust bzw. das Rollenverständnis von Lehrenden dabei nicht unbedeutend sind. Spätestens an dieser Stelle bekomme ich häufig gesagt, dass Lehrpersonen den Bildungstanker steuern müssen, weil Lernende überfordert sind, es nicht verstehen bzw. können oder gar nicht wollten. Weshalb sollte man Dinge, die bisher perfekt laufen und nachgewiesenermaßen gut für alle sind, aufs Spiel setzen und Stress produzieren? (Ich wollte hier eigentlich Screenshots der Kollegen, die genau diese Dinge so oder ähnlich geäußert haben, zum besseren Verständnis posten. Weil mir das aber die Debatte zu sehr auf die Personen und nicht den Inhalt lenken würde, habe ich mich dagegen entschieden.) Weil Mitbestimmung ein demokratischer Grundpfeiler und Voraussetzung ist, um die oft im Bildungsbereich geforderte Mündigkeit nach Kant zu erlangen. Weil sich junge Menschen erst als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, wenn sie diese aktiv mitgestalten dürfen und dieser Aspekt bei der aktuell politischen Entwicklung in Deutschland und Europa oder der Integration eine gewaltige Rolle spielt. Weil sie nur lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn man ihnen diese anvertraut. Weil Beteiligung erlernt werden muss, wie auch alle andere Dinge. Weil mündige Bürger*innen eben nicht nur funktionieren, sondern infrage stellen und “Stress produzieren”. Deshalb lautet auch die Antwort auf die Frage meines Titels “ Wie viel Mitbestimmung braucht Schule?“: Mehr als die meisten Lehrenden glauben und Lernenden wünschen.

Nein, ich möchte keine von Schüler*innen regierte Bildungseinrichtung. Aber ich wünsche mir mehr WIR. Und das kann meiner Meinung nach nicht mit zu viel ICH entscheide und zu wenig Mündigkeit gelingen. Ob man nun einen Sitzplan als Lehrer bestimmt (das war das zweite Beispiel der gestrigen Diskussion, das aus Jan-Martin Klinges Artikel Perspektivwechsel stammt) oder die Klasse daran mitwirken lässt, ist dabei nicht entscheidend. Die Frage, an welcher Stelle und welches Maß an Beteiligung meine Schule leisten kann und möchte, ist es. Die Antworten darauf muss letztendlich jedes Kollegium für sich und mit der Schülerschaft immer wieder neu aushandeln. 

Wie kann Mitbestimmung gelingen?

Partizipation ist eine Querschnittsaufgabe, die in Bildungseinrichtungen von der Leitung und allen Lehrenden gewünscht, ermöglicht, gefördert und gefordert werden muss und darf nicht nur Aufgabe und Verantwortung der Verbindungslehrer*innen sein. Es ist übrigens ein beliebter Denkfehler, dass “zufriedene Schüler*innen” ein Indikator für “gelingende Mitbestimmung” sind. Wer echte Mitbestimmung noch nie erfahren hat, wird sie auch nicht vermissen. Wer nach Indikatoren für echte Mitbestimmung sucht, sollte folgende vier Fragen stellen:

  1. Wann und wie oft sprechen Schülervertreter*innen bei Gesamtlehrerkonferenzen?
  2. Wie viele Leute bewerben sich für die Wahl der Verbindungslehrer*innen?
  3. Was war die wichtigste Entscheidung, an der Schüler*innen beteiligt waren?
  4. Was war das Kritischste, das Schüler*innen bezüglich ihrer Schule äußern durften?

(Da sich einige Leute weitere, konkrete Beispiele meiner aktuellen Schule und aus meinem Unterricht wünschten, ergänze ich den Beitrag um zwei weitere Punkte.)

Mitbestimmungsbeispiele an meiner Schule

  • Die SMV wird bei jeder Gesamtlehrerkonferenz als TOP 1 geführt.
  • In einer Sitzung der Schulkonferenz hat sich eine Schülervertreterin gewünscht, dass sie bessere Taschenrechner erhalten und beim Modellwahl miteinscheiden dürfen. Der Vorschlag wurde in allen dafür zuständigen Gremien diskutiert und umgesetzt. Es wurden zwei bezahlbare neue Modelle zur Ansicht bestellt und von Schüler*innen und Lehrkräften getestet. Da beide Seiten sich für das gleiche Taschenrechnertyp entschieden, wurde er nun bestellt.
  • Zum Halbjahr und Schuljahresende findet jeweils eine Stufenversammlungen statt, in der sich immer zwei Klassenstufen (5/6, 7/8 und 9/10) pro Schulstunde mit der Schulleitung versammeln und Probleme, Lob, Kritik und Wünsche austauschen. 
  • Letztes Schuljahr haben sich die Schüler*innen und Lehrer*innen gemeinsam das aula-Projekt angesehen, beraten und gemeinsam entschieden, sich dafür zu bewerben. Wir sind nun im kommenden Schuljahr Pilotschule. Was die aula-Methode alles leisten kann, wird sich zeigen.

Partizipation in meinem Unterricht

Damit wir uns nicht missverstehen. Mitbestimmung muss von allen Beteiligten gelernt werden. Auch von den Lehrenden. Der (flüchtige) Gedanke, der sicher bei allen Lehrer*innen grundsätzlich existiert muss sich zur konsequenten und beständigen Haltung entwickeln. Das ist ein Prozess, der sich über einige Jahre hinziehen kann. Um hierfür ein Beispiel zu nennen: Nachdem die oben genannten neuen Taschenrechner bestellt wurden, fragte mich eine Kollegin einige Tage später, ob man denn nicht auch die Schüler*innen bei der Auswahl der neuen Schulbücher, die im Zuge des neuen Bildungsplans bestellt werden müssen, beteiligen sollte. Und genau das meine ich damit: Der Beteiligungsgedanke hat sich gesetzt und entwickelt sich langsam zu einer Haltung. Wie viele (Gesamt-)Lehrerkonferenzen finden statt, an denen über Dinge gesprochen und entschieden wird, ohne die Schüler*innen vorher gefragt zu haben? Und das geschieht nicht aus Absicht, sondern weil man nicht daran denkt. Wenn nur einer immer wieder alle Tagesordnungspunkte darauf untersucht, ob und wie sie Schüler*innen betreffen und das im Plenum äußert, kann der Gedanke an Mitbestimmung seinen flüchtigen Charakter verlieren. Ich schließe mit ein paar Beispielen aus meinem Unterricht ab:

  • Letztes Schuljahr hat sich meine Klasse beschwert, dass mein Mathematikunterricht zu offen wäre und sie zu viel Verantwortung übernehmen müssten. Sie wünschten sich mehr Kontrolle und kleine Tests. Wir haben dann gemeinsam ein Konzept entwickelt, das immer wieder im Plenum auf seine Wirksamkeit geprüft und nachgebessert wurde: Es gab einen Wochenplan, meine Kontrolle erfolgte auf Wunsch des/der jeweiligen Schülers/Schülerin und am Ende der Woche konnte ein Test geschrieben werden. Natürlich hätte ich auch zustimmen und sagen können, dass es zu früh und zu viel Verantwortung ist, die ich ihnen übertrage. Das wäre zumindest der für mich einfachere Weg gewesen. Meine Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass alle meine Matheklassen, die ich mit offenem und eigenverantwortlichem Unterricht/Lernen zum Abschlussprüfung geführt habe, später mir berichteten, dass genau diese Faktoren z.B. an weiterführenden Schulen, an denen das familiäre Klima der Realschule wegfiel und man komplett allein auf sich gestellt war, für sie entscheidend waren, weiterhin erfolgreich arbeiten/lernen zu können. (Ab Anfang Klasse 8 übergebe ich in Mathematik sukzessiv die Verantwortung bis zum 9. Schuljahr komplett an Schüler*innen ab. Das bedeutet, dass es z.B. keine klassischen Hausaufgaben mehr gibt. Ich schreibe das, weil bei Twitter immer wieder Zahlen bezüglich der Zeit und Alter von mir gewünscht wurden.)
  • Zum Halbjahr und am Schuljahresende kann meine Klasse über anonyme Lehrer-Feedbackbögen meinen Unterricht mitbestimmen. Wobei das Feedback am Ende lediglich dazu dient, die zum Halbjahr gewünschten Verbesserungen zu überprüfen.
  • Sitzordnungen bespreche ich in der Regel gemeinsam mit Klassen, die ich mehr als ein, zwei Stunden die Woche unterrichte. Schüler*innenwünsche werde, wenn möglich, auf Probe umgesetzt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann diese Probephase wiederholt werden.
  • Das Wichtigste und Schwierigste zum Schluss: Ein (Klassen-)Klima zu schaffen, in dem jederzeit ein/e Schüler*in mich kritisieren kann (und wenn es berechtigt ist, sogar soll), ist meine jährlich größte Herausforderungen. Das erfordert ein hohes Maß an Empathie, Selbstkritik, Transparenz und Zeit. Ich arbeite daran.   

Ich erhoffe mir von der Blogparade, dass Partizipation in der (Hoch)Schule die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient und benötigt. Mehr Infos und Material dazu findet ihr auf meinem SMV-Blog.

PS: “Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.” ist eine These von Jan-Martin Klinge, die er aus Experimenten mit seinen Kindern schlussfolgert und auf seinen Unterricht überträgt. Deshalb lautet seine Antwort “Ich erkläre. Aber: Ich entscheide.” Auch der Psychologe Barry Schwartz schätzt hier ein, dass uns die Auswahl nicht freier macht, sondern lähmt; nicht glücklicher, aber unzufrieder. Nur bezieht er das nicht ausschließlich auf junge Menschen. Es ist also ein Paradoxon, das uns alle betrifft. Hier stellt sich (zumindest mir) die Frage: Wann und welche Entscheidungen sollen Schüler*innen wie lernen?

Alle Blogparade-Beiträge

  1. Tom MittelbachWehe, wenn sie losgelassen?
  2. Dr. Sven SommerWas ist Partizipation und wenn ja wie viele?
  3. Thomas RauPartizipation in der Schule
  4. Sebastian SchmidtPartizipation
  5. Maik RieckenBlogparade Partizipation
  6. Philippe WampflerWie Schulen „echte“ Mitbestimmung ermöglichen

 

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.58.53Im Schuljahr 2016/17 wird es in Deutschland vier aula-Pilotschulen geben. Ich arbeite an einer davon und werde meine Erwartungen, Erfahrungen und Rückschlüsse hier dokumentieren. Aula ist ein Beteiligungskonzept (ausdiskutieren und live abstimmen) von politik-digital e.V. unter der Leitung von Marina Weisband und mit der Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung, das Schüler*innen einfach und direkt ermöglicht, an der Schule mitzubestimmen. Zu Beginn wird dafür in einem Vertrag, der von Vertreter*innen aller Beteiligten einer Schule erarbeitet und unterzeichnet wird, festgelegt, in welchem rechtlichen Rahmen Entscheidungen getroffen werden können. Aula besteht aus zwei Säulen: Der wöchentlichen Unterrichtsstunde, in der aula stattfinden und der Software, die einen Austausch aller am Schulleben Mitwirkenden gewährleistet soll. Normalerweise haben Schüler*innen die Möglichkeit sich über die SMV (Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) einzubringen. Ihre Ideen, Anregungen oder Wünsche müssen dabei einen weiten Weg bestreiten, bis sie letztendlich alle Parteien einer Schule, wenn überhaupt, erreichen. Ich habe diesen Weg im Optimalfall hier grafisch zusammengefasst.Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.44.23

Folgende Aspekte müssen noch zusätzlich bedacht werden, die eine der klassischen und großen Baustellen der alltäglichen SMV-Arbeit an jeder Schule darstellen:

a.) Zeit. Jeder Schritt, von der Äußerung der Idee in einer Klassenratstunde bis hin zur Verkündung in einer Gesamtlehrerkonferenz oder Schulkonferenz, benötigt Zeit. Die Schulkonferenz (besteht in Baden-Württemberg aus der jeweils gleichen Anzahl von Vertreter*innen des Lehrpersonals, der Schülerschaft und der Eltern) trifft sich zum Beispiel nur ein Mal pro Schulhalbjahr.

b.) Durchlässigkeit. Was von der ursprünglich formulierten Idee am Ende bei allen Beteiligten ankommt, hängt jeweils von den rhetorischen Fähigkeiten, der Zuverlässigkeit und dem Willen der Informationsvermittler*innen ab. Außerdem spielt der dafür von Lehrer*innen zur Verfügung gestellte Rahmen ebenfalls eine große Rolle: Schafft man im Klassenraum die nötige Atmosphäre, um die Idee ordentlich vorzustellen und zu diskutieren oder darf man eine Minute vor Unterrichtsende, während alle zusammenpacken, diese in die Klasse werfen. Wobei das eigentlich einen eigenen Unterpunkt darstellt, auf den ich später nochmal kurz eingehen möchte: Bereitschaft. Echte Beteiligung gelingt nur dann, wenn alle sie erreichen und umsetzen wollen.

c.) Transparenz. Weder der Weg, den Ideen beschreiten, noch die Resonanz sind für alle Beteiligten einsehbar. Es können so z.B. den Ideengeber*innen keinen Verständnisfragen direkt gestellt werden. Ob eine Idee aufgegriffen und unterstützt wird, hängt somit von zahlreichen Hindernissen ab, die man zwar mit viel Engagement und Willen minimieren kann, die am Ergebnis aber nichts ändern: Über den Erfolg einer Idee entscheidet zu häufig der Zufall.

Was kann ein Beteiligungskonzept wie aula daran ändern?

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.45.18Viel, wenn es nach meinen Erwartungen geht. Wie der Informationsfluss mit aula aussehen wird, habe ich hier ebenfalls grafisch zusammengefasst. Es wird nun deutlich, dass alle jederzeit sehen können, wer, wann, was gepostet hat. Die oben genannten Hindernisse könnten so schlagartig um einen wesentlichen Teil reduziert oder sogar gänzlich aufgelöst werden. Um das Wie besser zu verstehen, erkläre ich kurz die oben genannten zwei Säulen dieses Beteiligungskonzepts:

 

A.) Software 

Die aula-Software stellt ein schulinternes soziales Netzwerk dar. Alle Schüler-/Lehrer*innen und Eltern erhalten dafür über einen eigenen Account Zugang; wobei Eltern lediglich eine passive Zuschauerrolle haben, um stets informiert zu sein. Nun kann jede/r Schüler*in ihre/n Idee, Anregung oder Wunsch (in unterschiedlichen Kategorien) posten. Bei Facebook muss man sich vor dem Posting zwischen Öffentlich, Freunde, Nur ich oder Benutzerdefiniert entscheiden. Bei aula beschränkt sich das auf Schule und Klasse. Man muss sich also vorher überlegen, ob das Anliegen nur die Klasse oder die gesamte Schule betrifft und dann den jeweiligen Raum zum Posten wählen.image3-1

Wenn man die Frage der Öffentlichkeit geklärt hat, kann es dann losgehen. So sieht die aktuelle Maske dafür aus, an der sich vermutlich auch nicht mehr viel verändern wird.image4

Wenn eine Idee ausreichend Zustimmung durch Klicks erfährt, kann sie von allen weiterentwickelt und umgesetzt werden. Dabei gibt es drei Hürden, die es zu überwinden gilt. Das erste Hindernis stellt der vorher festgelegte prozentuale Anteil an Zuspruch der jeweiligen Gruppe (Klasse oder ganze Schule) dar. Solange bleibt es nur eine wilde Idee (siehe Bild oben). Zum Beispiel kann man sich darauf einigen, dass erst bei 20% Zustimmung eine Idee aufgenommen und weiterentwickelt werden kann. Durch dieses Quorum kann sich Qualität von Quantität absetzen. Das zweite Hindernis besteht aus der Prüfung der Schulleitung, ob der im aula-Vertrag vereinbarte rechtliche Rahmen eingehalten wird. Das letzte Hindernis ist eine endgültige Abstimmung aller Betroffenen (Klasse oder Schule) über die überarbeitete Fassung der Idee auf dem Tisch (siehe Bild oben). Den genauen Weg, den eine Idee bis zur Umsetzung zurücklegen muss, werde ich im Laufe des Schuljahres an einem konkreten Beispiel ausführlicher beschreiben. Das Prinzip müsste aber hiermit klar: Alle können jederzeit sehen, welche Ideen aktuell bezüglich ihrer Klasse oder der gesamten Schule im Raum stehen, die sie unterstützen oder weiterentwickeln können. Um auf die oben genannten analogen Hürden wieder zurückzukommen: Man erreicht durch die “digitalen Möglichkeiten” von aula maximale Transparenz und Durchlässigkeit in Echtzeit.

B.) aula-Stunde

Einmal pro Woche bekommt jede Klasse eine Schulstunde Zeit, um sich über neue oder bestehende Ideen auszutauschen. Das kann je nach Situation und Thema im PC-Raum, im Klassenzimmer, mit Smartphones oder komplett ohne Technik geschehen. (Meiner Meinung nach sollte diese Stunde aber mit den Klassenlehrer*innen gestaltet werden, um z.B. positive gruppendynamische Prozesse besser zu fördern bzw. negativen entgegenzuwirken.)

Was ich mir noch von aula erhoffe?

Oben habe ich bereits den Aspekt der Bereitschaft erwähnt, der die Grundvoraussetzung echter Beteiligungsprozesse darstellt. Ich erhoffe mir von allen Beteiligten, die bisher weniger aktiv am Schulleben mitgewirkt oder diese Prozesse unterstützt haben, dass sie durch positive und erfolgreiche Beispiele inspiriert werden umzudenken; was erst durch die neu gewonnene Transparenz ermöglicht wird. Dass möglichst alle Beteiligten erleben, wie hilfreich es für alle ist, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht. Es wird definitiv auf allen Ebenen mehr kommuniziert werden. Bestenfalls schaffen wir es dabei eine Kommunikationskultur der Anerkennung und konstruktiven Kritik zu entwickeln, die (uns) alle prägt und vielleicht auch den Weg in die breite Gesellschaft findet. Dabei wird nicht die Software entscheidend sein, sondern die Intention und Haltung derer, die diese einsetzen. Ich wünsche mir/euch/allen, dass meine Hoffnungen erfüllt werden und blicke gespannt dem neuen Schuljahr entgegen.

PS: Am 06. September haben Markus Neuschäfer und ich im Paul-Löbe-Haus auf der Fachtagung der SPD-Bundestagsfraktion Bildung in einer digitalisierten Welt einen Workshop zum Thema Partizipation in der Schule mit digital gestützten Methoden und OER gegeben. Dort habe ich das aula-Projekt vorgestellt und beworben. Markus hat hier darüber gebloggt und seine Slides veröffentlicht. Meine Folien sind hier abrufbar. Sofatutor hat mich nach dem Workshop auf das Projekt aula angesprochen und hier interviewt.

Während sich Bildungsexperten die Köpfe zerbrechen, wie sich Lernen durch die neu eröffneten Möglichkeiten der Digitalisierung ändern kann und soll, verbringen Jugendliche weiterhin täglich einen Großteil ihres Tages in den Sozialen Netzwerken. In der aktuellen JIM-Studie 2015 kann man sich einen Überblick über das Wie und Wo verschaffen.

Im Bildungsplan 2016 ist in Baden-Württemberg Medienbildung eine Leitperspektive. Welche Rolle sollen, können oder müssen dabei YouTube, Facebook, WhatsApp, Instagram oder Snapchat im Unterricht spielen? Wie ist der rechtlich unterschiedliche Umgang mit diesen Netzwerken, den Jöran Muuß-Merholz hier exemplarisch am Beispiel Facebook im Bundesvergleich zusammengefasst hat, einzuschätzen? Diesen und den vielen anderen sich aufdrängenden Fragen rund um das Thema Social Media in Schulen wird sich Philippe Wampfler am 23. Februar 2016 in Freiburg, im Rahmen der D64-Veranstaltungsreihe „Lernen in einer digitalisierten Welt“, annehmen. Nach einem Impulsvortrag wird es im Grünhof um 19:30Uhr eine Podiumsdiskussion geben, zu der alle am Schulleben Beteiligten herzlich eingeladen sind. Falls jemand via Twitter Philippe, im Vorfeld oder im Laufe der Veranstaltung, Fragen stellen möchte, bitte ich darum, dafür wieder den Hashtag #LernenDigitalD64 zu nutzen.

Wer ist Philippe Wampfler?

Allen, die sich diesem Thema zum ersten Mal nähern und nichts mit dem Referenten anfangen kön10575138_10204001041082778_4064437450152370568_onen, möchte ich Philippe kurz vorstellen. Philippe unterrichtet Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Wettingen und arbeitet seit diesem Jahr als Dozent der Fachdidaktik Deutsch am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich. Durch seine zahlreichen und viel gelesenen Blogbeiträge auf Schule und Social Media und die Bücher Facebook, Blogs und Wikis in der Schule – Ein Social-Media-Leitfaden und Generation Social Media ist er auf diesem Gebiet nicht nur eine Koryphäe, sondern Vorreiter und Vorbild. Ihr glaubt mir nicht? Dann lest es hier nach. Immer am Puls der Zeit meistert Philippe den Spagat zwischen Haftbefehl und Kant. Allen Lehrern, die einen Social Media-Auftritt aus Angst vor Fehlern scheuen, empfehle ich Philippe auf Twitter und Facebook zu folgen, um zu sehen, wie Souveränität gelingen kann.

Vermerkt euch den 23.02.2016 in euren Kalendern, informiert potentiell Interessierte und nehmt selbst an der Debatte „Schule und Social Medi-Ja oder Nein?“ teil. Tragt sie bitte in die Schulen; denn da gehört sie seit Jahren schon hin.

Nachtrag

Ich durfte für das Webportal Fudder ein paar Worte zur Verantstaltung schreiben. Hier kann man es nachlesen.