Ein Missverständnis der Digitalen Transformation ist es, dass soziale Netzwerke als neue, fünfte Gewalt verstanden werden. Sie gehören aber zur vierten Gewalt und werden dort nicht nur addiert, sondern wandeln sie, in Bezug auf die Strukturen, Machtverteilung, Funktion, Wirkung und Anwendung. Soziale Netzwerke werden auch gerne auf die technische Perspektive reduziert und als reine Plattformen oder (a)soziale Medien (mit der überholten Vorstellung, Medien wären nur Transportmittel) verstanden, besonders wenn es darum geht, die Verantwortung oder Schuld negativ empfundener Veränderungen der Kommunikation zu adressieren. Das greift meiner Meinung nach zu kurz und wird der Komplexität des kulturellen Wandels nicht gerecht.

Die vierte Gewalt ist und bleibt die öffentliche Diskussion, die das politische Geschehen beeinflussen kann. Nur verändert die Digitale Transformation die Elemente dieses Diskurses grundlegend. Allein was Öffentlichkeit bedeutet, wie und wer erreicht werden oder sich daran beteiligen kann, wird zunehmend komplexer. Zielgruppen und ihre Kanäle werden heterogener und Content kann nicht 1:1 übertragen werden. Zudem bieten soziale Netzwerke nicht nur neue Möglichkeiten, in die bisherigen Prozesse einzugreifen, sondern machen sie auch transparent(er).

Soziale Netzwerke sind mehr als Plattformen

photo-1511171735792-048024585d63Vielleicht liegt auch ein Teil der Missverständnisse am Begriff soziale Netzwerke, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Somit bringt es soziale Netzwerke eigentlich auf den Punkt: Es geht um (unterschiedlich große) Gruppen von Menschen, die weltweit miteinander vernetzt sind. Hier spielen natürlich die technischen Rahmenbedingungen, wie gepostet werden kann oder ein Algorithmus, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Jede Person entscheidet mit, durch das Was und Wie gepostet, geliket, kommentiert, abonniert, geteilt oder ignoriert wird und trägt dadurch zum öffentlichen Diskurs bei. Aus der Perspektive der Verantwortung wird damit z.B. deutlich, dass sie für die verschiedenen Wirkungen sozialer Netzwerke nie allein bei Plattformbetreibern liegen kann, sondern immer auch eine gesellschaftliche und individuelle ist. Es ist ohnehin erforderlich, die Transformationsprozesse multiperspektivisch, systemisch zu betrachten, um sie annähernd erfassen zu können.

Wirkungen sozialer Netzwerke

Soziale Netzwerke wirken selbst als solche, aber auch in bisherige Systeme hinein. Sie beeinflussen, was in Zeitungen geschrieben oder im Fernsehen ausgestrahlt wird. Eine Greta Thunberg und ihr Anliegen oder viele andere weltweite Bewegungen wären heute nicht da, wo sie sind, ohne soziale Netzwerke. Das Was bezieht sich aber nicht nur auf Inhalte und Personen, sondern auch darauf, wie etwas gesagt oder gedruckt wird. Längst wägen Akteure im Hinterkopf ab, ob eine Aussage twittertauglich ist, als Meme verpackt werden kann oder an sich das Zeug hat, in sozialen Netzwerken viral zu gehen. 

Dadurch, dass Teile der Exekutive, Legislative und Judikative ebenfalls über soziale Netzwerke kommunizieren, stellt sich die Frage, wie soziale Netzwerke in diese drei Gewalten hineinwirken oder auch umgekehrt. Das Besondere an diesen Prozessen ist, dass durch soziale Netzwerke, die erhöhte Transparenz und gewandelte Öffentlichkeit Menschen eine Beteiligung ermöglicht wird, die zuvor ausgeschlossen waren. Es bleibt die Erkenntnis, dass diese Entwicklungen nicht vorherbestimmt, sondern gestaltbar sind. Noch nicht von allen, aber von zunehmend größeren und diversen Gruppen.

Was würde eigentlich geschehen, wenn ein Schriftsteller beim Deutschabitur über sein eigenes Werk mitschreiben würde? Vor kurzem hat Saša Stanišić genau damit für Aufsehen gesorgt, als er via Twitter in einem Thread offenlegte, nach 1997 erneut beim Abitur mitgeschrieben und mit 13 Punkte einen neuen persönlichen Highscore erreicht zu haben. Nur war es dieses Mal nicht Goethe, über den er schreiben musste, sondern sein eigener Roman Vor dem Fest.

Fernab der vielen Fragen, die seine besondere Aktion und das Resultat aufwerfen, fiel mir ein Tweet besonders auf. Er beklagte darin, nachdem er fünf Stunden von Hand schreiben musste, Schmerzen im Arm gehabt zu haben und fragte, weshalb man nicht mit dem Computer schreiben dürfe. Er äußerte auch den Wunsch, dass Schulbehörden mehr Gegenwart zulassen sollten. Wohin so eine Reise führen könnte, möchte ich mit einem kleinen Gedankenexperiment Abitour mit Internet skizzieren und anregen, das weiterzudenken.

Mehr Gegenwart zulassen

Gehen wir davon aus, es wäre beim Deutschabitur die Aufgabe, den Roman Vor dem Fest zu besprechen und wie 2019 in Hamburg, dazu auch ein neues Kapitel zu verfassen. Nur dieses Mal dürften Laptops mit Internetanschluss genutzt werden. Wahrscheinlich würden die Schüler_innen nach bereits verfassten und veröffentlichten Texten über das Buch im Netz suchen. Dabei müssten sie wissen, wo sie wie recherchieren sollten, um möglichst schnell gute Beiträge zu finden. Das Gefundene müssten sie einordnen können, beispielsweise in Bezug auf Seriosität und Qualität. Dann würden sie sich wahrscheinlich untereinander Links über bewährte Quellen schicken oder nur Passagen mit Kommentaren.

Vielleicht würde jemand den Autor Saša Stanišić googeln, den Wikipedia-Beitrag lesen, auf seine Website klicken und feststellen, dass er twittert und bei Instagram ist. Sie würden seine Tweets lesen, Eiblicke in seine Art, seinen Humor erhalten und erfahren, dass er aber auch mit Leuten kommuniziert, die er nicht kennt. Vielleicht würde ihn dann jemand etwas zu seinem Buch fragen und eine Antwort erhalten. Das könnten dann andere Schüler_innen mitlesen und ebenfalls in ihre Gedanken für das neu zu schreibende Kapitel einfließen lassen. Ihre Texte könnten sie veröffentlichen, miteinander teilen, sich Feedback geben, daran weiterarbeiten und sich vernetzen. Vielleicht hätte sogar Saša Stanišić manchen dieser Beiträge gelesen und ebenfalls kommentiert.

Einige Schüler_innen wären wahrscheinlich auf seinen Insta-Account, hätten seine Beiträge durchgescrollt und würden ihn als Person aus einer zusätzlichen Perspektive näher kennenlernen, vielleicht auch Lust bekommen, weitere Texte von ihm zu lesen oder zu einer der nächsten Lesung in ihrer Nähe zu gehen. Sie würden eventuell beobachten, mit welchen anderen Personen er sich im sozialen Netzwerken austauscht und hätten so vielleicht den Weg zu weiteren Künstler_innen oder Themen gefunden.

Nach dem Fest

Was hätte somit mehr Gegenwart geändert? Schüler_innen hätten zusammengearbeitet, ihr Wissen geteilt und gelernt und geübt, sich souverän im Netz zu bewegen. Sie hätten ihr persönliches Lernnetzwerk erweitert und Neues entdeckt, über sich und andere. Natürlich müssten Klassenstufen auf so ein Abitur anders vorbereitet werden, mit einem einem veränderten Unterrichts-, Lehr- und Lernverständnis. Sie müssten zumindest im Vorfeld bereits so gearbeitet haben, bzw. dazu befähigt worden sein: So zu arbeiten, wie es in der Gegenwart üblich ist.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Fridays for Future Freiburg

img_0253Wer ein Gymnasium, die vermeintlich letzte Bastion der Dichter und Denker, besucht, darf davon ausgehen, dass er Immanuel Kants Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, die so in der Berlinischen Monatsschrift 1784 veröffentlicht wurde, im Unterricht behandeln wird. Als Lernstoff, den es zu verstehen und behalten gilt. Wie eine mögliche Umsetzung aussehen kann, zeichnet sich aktuell in Freiburg bei der von Schülerinnen und Schülern geplanten Fridays for Future-Aktion ab, bei der sie gemeinsam mit fast 60 weiteren deutschen Städten junge Menschen dazu aufgerufen haben, sich EINEN Tag mit Greta Thunbergs wöchentlichem Streik zu solidarisieren, um sich für Klimaschutz und ihre Zukunft einzusetzen.

Nachdem der vor Weihnachten über Social Media-Kanäle gestartet Aufruf der Freiburger Jugendlichen in der letzten Woche eine zunehmende mediale Aufmerksamkeit erhielt und der 18. Januar immer näher rückte, stieg auch in den Schulen der Druck bezüglich der Frage, wie man mit dem geplanten Streikaufruf umgehen soll. Gestern berichtete die Badischen Zeitung von einer Absprache der Freiburger Gymnasien mit den Regierungspräsidium, dass die Schulen den Streikaufruf nicht unterstützen und auch keine Unterrichtsbefreiung erteilen würden. Im heutigen Bericht über den Konflikt ist in der Badischen Zeitung mittlerweile von allen Schularten, bzw. Schulen, in Abstimmung mit dem Kultusministerium, die Rede.

Rechtliche Perspektive

Schulen sind natürlich an einen rechtlichen Rahmen gebunden. Dazu gehört auch die Schulpflicht. Daher kann eine Schulleitung keinen Freischein für einen juristischen Verstoß ausstellen oder diesen unterstützen. Es besteht aber beispielsweise die Option, einen außerunterrichtlichen Lerngang mit einer Klasse zu organisieren, der das an mehreren Stellen im Bildungsplan verankerte und im Unterricht vor- und nachbereitete Thema Klimaschutz vertieft. Auch das Strafmaß bei streikenden Schüler_innen bietet übrigens Spielräume für kreative Lösungen. Die rechtliche Perspektive zu kommunizieren, ist eine Möglichkeit. Es gibt auch andere.

Gesellschaftliche Perspektive

Wer Kants Gedanken zur Mündigkeit nicht nur auswendig lernen lässt, sondern ernst nimmt, müsste sich eigentlich darüber freuen, dass bundesweit junge Menschen als aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft agieren und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Erst recht in einer Zeit, in der Nationalismus weltweit erstarkt, die Demokratie ins wanken gerät und der Planet sich in Plastik hüllt. Was würde ein im Heute lebender Immanuel Kant über die Jugendlichen sagen, die ihrer Stimme ein Gewicht geben und zwar für Klimaschutz und die eigene Zukunft? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mit Schulausschluss oder harten Konsequenzen drohen würde. Wahrscheinlich würde er mit ihnen einen Dialog suchen, d.h. mit ihnen und nicht über sie sprechen und sie einbinden, in die Entscheidungen, die getroffen werden müssen. So würden junge Menschen erfahren, dass sie als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden und lernen, was Demokratie leben bedeutet. Es stellt sich somit die Frage: Wie viel Aufklärung verträgt die Schule?

„Blocken ist Freiheit: Nervige, pöbelnde, hasserfüllte Stimmen aus der eigenen Wahrnehmung zu entfernen, gehört zu den wichtigsten Kulturtechniken in sozialen Netzwerken. Nur Ahnungslose halten Blocken für Zensur.“

Bildschirmfoto 2019-01-03 um 17.51.02Mit diesen Worten hat Sascha Lobo seinen aktuellen Kolumnenbeitrag Lob des Blockens eingeleitet, in dem er das Blocken in sozialen Netzwerken feiert, empfiehlt und sogar von einem digitalen Menschenrecht spricht. Eine Kolumne verstehe ich allgemein eher als einen Impuls, der auch gerne polarisieren darf und keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt. Weil ich davon ausgehe, dass dieses Verständnis nicht alle teilen, möchte ich hier meine Auffassung kurz begründen und seinen Beitrag um zwei weitere Perspektiven ergänzen.

Die Aussage, dass die Welt immer komplexer wird, ist eine Standard-Folie bei allen Vortragenden, die über die Digitale Transformation referieren. Die Einigkeit in diesem Punkt liegt u.a. daran, dass jeder die zunehmende Komplexität der Welt zumindest gefühlt bestätigen kann. Das Blocken stellt keine Ausnahme dar, unterliegt ebenfalls dieser Komplexität und kann nur im jeweiligen Kontext beurteilt werden. Zwei Betrachtungen zu Wer und Weshalb sollen das exemplarisch verdeutlichen.

Wer blockt?

Wenn Sascha Lobo über das Blocken in sozialen Netzwerken schreibt, dann als jemand, der heute über 731 000 Follower bei Twitter und über 43 000 Abonnenten bei Facebook hat (Ja, ich weiß, dass eine hohe Follower-/Abonnentenzahl nicht automatisch eine hohe Reichweite bedeutet. Das ist aber ein anderes Thema und würde hier den Rahmen sprengen.) oder jemand, der seit vielen Jahren zu den prominentesten Köpfen zählt, die beim Thema „Digitalisierung“ vor die Kamera oder auf die Bühne gebeten werden. Das heißt, dass er durch seine Bekanntheit a.) weitaus mehr Benachrichtigen erhält als Horst aus Buxtehude oder ein Lehrer wie ich und b.) für Trolle, bzw. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Kommunikation erschweren oder sogar zerstören (möchten), attraktiver ist. Wenn er von Schutz oder Bewahrung der konstruktiven Kommunikation spricht, ist das einen andere Hausnummer und lässt sich nicht kontextfrei auf jeden Account, bzw. jede Person 1:1 übertragen.

Weshalb wird geblockt?

Natürlich hat Sascha Lobo recht, dass Blocken keine Zensur ist und Meinungsfreiheit nicht bedeutet, jede Meinung anhören zu müssen. Was er mit dem Blocken aber u.a. erreichen möchte, beschreibt er so:

„Wenn man die Knalltüten blockt, fällt es leichter, klüger und weniger aggressiv vorgetragene Gegenmeinungen überhaupt wahrzunehmen. Vorher gehen sie oft im Getöse unter.“

In seinem Beitrag fehlt der Aspekt, dass zumindest bei Twitter die gleiche Wirkung mit dem Muten, bzw. Stummschalten erreicht werden kann. (Eigentlich ist das „gemeiner“ als Blocken, weil die stummgeschaltete Person nicht erfährt, dass sie ignoriert wird. Man nimmt so mancher Person auch die Genugtuung, geblockt worden zu sein. Von Person x geblockt zu werden wird bei Twitter nicht selten wie eine Auszeichnung gefeiert.)

Ich kommuniziere seit fünf Jahren über Twitter und genieße ebenfalls die von Sascha Lobo erwähnte Freiheit, das eigene soziale Netzwerk aufzubauen und zu verändern. Dabei habe ich jede Menge Zeit in Debatten rund um das Thema Bildung im digitalen Wandel investiert, sehr viele Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt und leider feststellen dürfen, dass manche von ihnen das Blocken bewusst einsetzen, um einer kontroversen Diskussion bequem auszuweichen. Besonders dann, wenn es um ihre eigenen Beiträge geht, die sie gerne im Netz beherzt, aber nicht hinterfragt wissen möchten. Was unterschiedliche (aus meiner Sicht nicht positive) Auswirkungen zur Folge hat. Auch das, woran Lobo zweifelt: Im eigenen Saft zu kochen. Dass meine Berufsgruppe nicht zwingend zur kritikfähigsten zählt, hat verschiedene Gründe. Trotzdem würde ich diese Auswirkungen des konsequenten Blockens nicht allgemein für alle anderen Themen und Gruppierungen wie er ausschließen wollen. Für mich bleibt das Blocken weiterhin nur eine Möglichkeit des Schutzes vor Trollen und die Bestätigung einer gescheiterten Kommunikation. Nichts, das ich feiern würde.

Bildschirmfoto 2018-11-03 um 14.31.05„Soziale Netzwerke eignen sich nicht für Diskussionen.“ Diese Meinung ist weit verbreitet und resultiert aus den Erfahrungen, die jeder selbst schon mal bei Debatten in Social Media gesammelt hat. Begründet wird das oft mit dem Fehlen von Mimik, Gestik oder dem Ton des Gegenübers und der Reduzierung der Kommunikation auf die Schrift. Oder einer enthemmenden Anonymität und veränderten Öffentlichkeit. Die Bewertung, soziale Netzwerke würden sich für Diskussionen nicht eignen, lädt aber auch ein, sich dem Diskurs zu entziehen oder sich von der Verantwortung (bezüglich einer Beteiligung oder dem Verlauf einer Debatte) freizusprechen und unterliegt meiner Meinung nach einem Denkfehler: Es wird zwar wahrgenommen, dass die Möglichkeiten der Kommunikation sich wandeln, es wird aber (gedanklich) daran festgehalten, dass die Kommunikation selbst dabei unverändert bleiben soll.

Es wird mehr und anders kommuniziert, weshalb der Kommunikation im kulturellen Wandel eine entscheidende Rolle spielt. Wie eine adäquate Anrede oder Grußformel am Ende eines Briefes auszusehen hat, habe ich vor ca. 30 Jahren in der Schule gelernt. Weder eine solche klare und einheitliche Etikette noch das gemeinsame Erlernen existieren heute für die Kommunikation in Social Media, weil es u.a. in Schulen nicht stattfindet oder jedes soziale Netzwerk eigenen Regeln unterliegt. Beispielsweise duzen sich bei Twitter die meisten Nutzerinnen und Nutzern untereinander, unabhängig von Bekanntheit, Amt oder Titel. (Was mir das Netzwerk besonders sympathisch macht.) Das Sie wird (zumindest in meinem Umfeld) eher bei einem Streit mit Unbekannten ausgepackt. Eine sich immer schneller ändernde Technik, Wirkung und Anwendung erschwert, dass ein allgemeiner Konsens gefunden und etabliert wird. Auch der Einfluss der Plattformbetreiber selbst, ist in diesem Kontext nicht zu unterschätzen. Es sind in den letzten Jahren schließlich ausreichend Fälle öffentlich und kontrovers diskutiert worden, die belegt haben, dass nicht alle die Auffassung von Facebook teilen, was als gesellschaftlich akzeptabel oder nicht bewertet werden soll.

Wenn Diskussionen über soziale Netzwerke nicht funktionieren, kann das auch bedeuten, dass bereits vorher bestehende kommunikative Defizite vorhanden waren und nun nur sichtbar werden oder dass schlicht die Vorstellungen, wie eine erfolgreiche Kommunikation zu verlaufen hat, voneinander abweichen. Vielleicht trägt auch die überholte Auffassung, Medien seien nur ein Transportmittel, zum Missverständnis sozialer Netzwerke bei. Wer über Social Media diskutieren möchte, wird mit der reinen Übertragung bisheriger Verhaltensmuster scheitern. Neues Wissen und weitere Kompetenzen sind gefragt. Es handelt sich hierbei auch um keine (rein) schulische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Ein gemeinsamer Prozess mit und über Social Media. Immer wieder die eigene Kommunikation selbst und mit Freunden oder Bekannten zu reflektieren, hilft (allen) dabei. (Mich persönlich interessieren zunehmend psychologische Aspekte wie FramingProjektion oder Reaktanz.) Das wird unbequem und langer dauern, aber ist Teil des der Digitalen Transformation. 

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Bildschirmfoto 2018-10-23 um 17.29.53Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wenn wir über Smartphones in Schulen diskutieren, geht es häufig nur ums Dafür oder Dagegen. Doch wenn wir die bunten Smartphones verstehen möchten, müssen wir das Schwarz-Weiß-Denken ablegen. Hier gibt es zwar einige Hürden zu überwinden, aber auch einen einfachen Lösungsansatz.

Smartphones sind digitale Schweizer Taschenmesser

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 15.10.38Was bei keiner Diskussion fehlen darf, ist der Vorwurf, Menschen würden nur noch auf Smartphones schauen und dadurch andere, bessere Dinge nicht mehr machen. Ein häufiger Denkfehler, indem man nur beschreibt, was man sieht, aber nicht, was wirklich geschieht. Dabei wird unterschlagen, dass ein Smartphone Telefon, Zeitung, Fernseher, Kamera, Buch, Radio, Uhr, Kalender, Wecker, Taschenrechner, Navi, Spielekonsole oder EC-Karte sein kann. Und das ist nur ein Bruchteil an Geräten und Funktionen, die es vereint.

Haltungen sind keine Fakten

Die Angabe „Menschen schauen auf Smartphones“ ist ähnlich aussagekräftig wie „Quelle: Internet“. Das ist nun geklärt, kommen wir zur nächsten potenziellen Stolperfalle: Haltungen und Meinungen mit Fakten gleichzusetzen. Nur wer ergebnisoffen in die Analyse eines Sachverhalts startet, kann am Ende das nötige Verständnis aufbauen, um eine sachliche Einschätzung abzugeben. Ansonsten sucht man nur nach Argumenten, die das bestätigen sollen, was man ohnehin zuvor gedacht hat.

Künstliche Gegensätze und Fronten

Der Klassiker aller Debatten rund um das Thema ist der künstlich geschaffene Gegensatz zwischen analog und digital oder Buch und Smartphone. Wer diese zwei Fronten zeichnet, erzeugt einen nicht vorhandenen Konflikt, gibt eine einfache Lösung für eine komplexe Herausforderung vor und lenkt den Blick von der eigentlichen Fragestellung in Schulen ab: Was kann und möchte ich womit erreichen? Der Fokus sollte auf die Lernenden und Lernprozesse gerichtet sein, wenn man zeitgemäße Bildung wünscht.

Verstehen statt verbieten

Jeder kennt das: Dinge, die einem vertraut sind, findet man gut. Und Sachen, die in kein bekanntes Muster passen, begegnet man erst einmal skeptisch. Offenheit gegenüber Neuem zu bewahren, fällt gerade mit zunehmendem Alter immer schwerer. Wer aber die vielen Veränderungen im digitalen Wandel verstehen möchte, sollte sie aus drei Perspektiven betrachten und folgende Fragen ergebnisoffen und auf sich und die Gesellschaft bezogen untersuchen: Wie funktioniert das? Wie wirkt das? Wie wird das genutzt?

Bildschirmfoto 2018-08-25 um 19.25.32Wenn man sich anschaut, wie viele Funktionen ein Smartphone hat, wird klar, wie umfassend man sich mit dem Gerät befassen müsste, um alle Fragen ausreichend beantworten zu können. Deshalb ist es wichtig, bei Lehrern und Schülern Schritt für Schritt ein Verständnis aufzubauen. Ob man mit WhatsApp oder Instagram beginnt, ist dabei nicht entscheidend, sondern gemeinsam mit Klassen die Funktion, Wirkung und Anwendung zu diskutieren.

Smartphones sind Kulturzugangsgeräte

Smartphones in Schulen zu verbieten, löst keine Probleme. Es verdrängt oder ignoriert sie und lässt Schülerinnen und Schüler allein damit. Smartphones ermöglichen den Zugang zu Informationen, Wissen und persönlichen Lernnetzwerken. Manche nennen sie deshalb auch Kulturzugangsgeräte. Wenn man junge Menschen in Schulen dazu befähigt, diese mündig und souverän zu nutzen, macht man sie nicht nur fit für die Zukunft – man hätte auch die Chance, dadurch etwas mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.