Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

In den letzten Wochen haben viele Lehrerinnen und Lehrer nicht nur den Weg ins Internet gefunden, sondern auch jede Menge Beiträge entdeckt, die ihnen erklären, was technisch möglich, didaktisch sinnvoll oder pädagogisch angebracht wäre. Diese Vielfalt an Angeboten ist das Ergebnis einer Kultur des Teilens, die das Netz auszeichnet. Vielleicht führt die aktuelle Situation dazu, dass diese Kultur auch in den Schulen ankommt.

Was zeichnet die Kultur des Teilens aus?

photo-1569437061233-5befcf96ee45Die Kultur des Teilens ist etwas, das sich im Netz beobachten und erleben lässt, weil das Netz auf der Grundidee basiert, Informationen und Wissen für alle transparent und zugänglich zu machen. Es geht nicht nur darum, Material mit anderen zu teilen oder auf Personen zu verweisen, die über eine Expertise verfügen. Eine Kultur des Teilens bedeutet auch, Ideen, Prozesse und Ansätze, die gut funktionieren oder auch gescheitert sind, zu kommunizieren. So können Lösungen gemeinsam entwickelt und Fehler vermieden werden.

Die Kultur des Teilens setzt auf kollektive Intelligenz und eine kontroverse öffentliche Debatte, um Wissen zu vertiefen und Vorgehensweisen auszuhandeln. Dafür braucht es nicht-hierarchische Strukturen und diverse Möglichkeiten der Beteiligung. Auch Offenheit ist ein wesentliches Element. Das spiegelt sich in Bezeichnungen wie Open Educational Resources (OER), Open Access oder Open Data wider, die hinter der Kultur des Teilens im Bildungsbereich stehen.

Was sind die Voraussetzungen für die Kultur des Teilens?

Die Kultur des Teilens erfordert eine gewisse Haltung. Wer Zeit und Kraft in eine Sache investiert hat und andere im Netz daran teilhaben lassen möchte, versteht Wissen nicht als sein Eigentum, sondern als Nährboden einer Gesellschaft. Dabei wird auch ein Kontrollverlust in Kauf genommen, weil unklar ist, was mit dem Geteilten geschieht. Gleichzeitig wird darauf vertraut, dass das geteilte Wissen einem selbst oder anderen hilft.

Vom Netz in die Schule

Was würde das für Schulen bedeuten, wenn die Kultur des Teilens dort Einzug halten würde? Schulen wären vielleicht ein offenerer Lernort, an dem Wissen nicht für Noten oder Zeugnisse erworben werden würde. Fehler hätten hier einen ähnlich hohen Stellenwert wie Erfolge und würden als Lerngelegenheiten verstanden. Außerdem wäre vielleicht transparenter, woher eine Idee stammt, wohin sie sich entwickelt hat oder wer in welcher Weise daran beteiligt war. Eine Kultur des Teilens in den Schulen bedeutete auch den Abschied von der Einbahnstraßen-Kommunikation.

Ideen und Projekte würden schon von Beginn an geteilt, damit sie von vielen anderen gemeinsam mitgedacht, korrigiert und weiterentwickelt werden können. Lernprodukte würden verstärkt die Klasse verlassen, indem sie den Weg ins Netz finden. Sie würden dadurch eine größere Wertschätzung erfahren und hätten die Chance, mehr Menschen zu erreichen, sie zu inspirieren und nicht nur von einer Lehrkraft bewertet zu werden. Wie viele gute Texte wurden wohl schon geschrieben, Videos erstellt, Bilder gemalt oder Theaterstücke produziert, die einen größeren Raum als die Schule verdienen?

Lehren aus der Schulschließung

Es gibt sicher einige Lehren, die aus den Wochen nach der Schulschließung gezogen werden können. Eine wesentliche ist, dass gemeinsam nicht nur alles besser gelingt, sondern das Miteinander auch notwendig ist. Die Herausforderungen der veränderten Kommunikation, die unterschiedlichen Voraussetzungen zu Hause, aber auch die Gesamtbelastung an sich haben eine komplexe Situation geschaffen. Rückblickend wurden immer dort Erfolge erzielt, wo alle Beteiligten ihr Wissen einbringen konnten und die Zusammenarbeit stark war. In einer Kultur des Teilens stellt die Diversität eine Stärke und kein Problem dar. Diese Erkenntnis könnte Schulen positiv prägen.

IMG_8792Das Coronavirus hat mit der Schließung der Räumlichkeiten den Rahmen des Bildungssystems von heute auf morgen grundlegend verändert. Durch den Entfall des physischen Raumes und den Wandel der bisherigen Kommunikation wurde plötzlich eine völlig neue Ausgangslage geschaffen, in der viele Fragen aufgeworfen wurden und weitere täglich hinzukommen. Sie gewährte aber auch neue, ehrliche Einblicke, weil sie nun stärker über das Netz kommuniziert wurden. Nicht nur Ministerien haben über ihre Website und Social Media-Accounts informiert, auch Lehrer_innen, Schulleitungen, Eltern und Schüler_innen haben vermehrt ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Netz, über Ländergrenzen hinweg öffentlich dokumentiert und diskutiert. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf den Bildungsbereich in Zeiten der COVID-19-Pandemie und widmet sich den Erfahrungen der ersten Wochen und den Lehren, die für heute und morgen daraus gezogen werden könnten oder sollten.

Was hat sich bewährt?

Arbeitskultur

photo-1507925921958-8a62f3d1a50dIn den Gruppierungen, an denen vorher schon flache Hierarchien und Transparenz herrschten, viel miteinander kommuniziert und gemeinsam erarbeitet wurde, gelang es relativ schnell, Lösungen zu entwickeln, die für möglichst viele funktionieren. Diese wurden durch regelmäßige Reflexionsschleifen korrigiert und weiter optimiert. (Ein Ergebnis vorher erlernter, geübter bzw. gelebter Flexibilität und Offenheit kollaborativer Prozesse.) Es war innerhalb der Arbeitsgruppen wichtig, die Möglichkeit zu sehen, sich anderen Menschen anvertrauen zu können, dass man etwas nicht weiß, aber auch das Zutrauen zu erleben, sich in eine persönlich schwierige Thematik einarbeiten zu können. Die Arbeit und Verantwortung abzugeben (auch abgeben zu können), sie auf vielen Schultern zu verteilen und gemeinsam die Herausforderungen anzugehen, war schon immer und nun noch spürbarer von Vorteil. Das alles gilt natürlich für alle Zusammensetzung im Rahmen einer Schulkultur, also auch im Lehrer_in-Klasse-Setting. Weil viele Lehrende mit den zahlreich anfallenden Rückmeldungen (unter erschwerten Kommunikationsbedingungen) zu den erbrachten Schüler_innen-Leistungen zu kämpfen hatten, möchte ich auf die Möglichkeit hinweisen, junge Menschen beim Feedback zu beteiligen. Wer gegenseitiges Feedback mit Schüler_innen im regulären Unterricht eingeführt und etabliert hatte, konnte jetzt davon profitieren. 

Erlebnisräume

photo-1525015582196-5316b8a0afc9Die Stellen, an denen sich Menschen wirksam, gestaltend mit Digitalem oder/und im Netz erlebt haben, haben sie (durch eine gesteigerte Selbstwirksamkeitserwartung) nachhaltig geprägt. Allein an einer Videokonferenz (mit Ton und Bild) teilnehmen zu können, war für viele schon ein großer Erfolg. Der nächste Schritt, selbst eine anbieten zu können, setzte dadurch die Hürde deutlich herab und fand deshalb häufig statt. Das gelang meist am besten durch die Unterstützung von Personen, die sie bereits kannten und denen sie vertrauten. Aber auch niederschwellige und vielfältige Angebote waren und sind dabei ausschlaggebend. (Soziale Netzwerke sind zwar in der Vorstellung von Bildungskreisen nicht selten ein Ort, an dem ausschließlich Fake News und Hate Speech kommuniziert werden. Sie eignen sich aber auch, wie das aktuelle Beispiel der #gettymuseumchallenge, einen einfachen Zugang zu schaffen und auf einen vielfältigen Austausch hinzuweisen, neben den zahlreichen Informations- und Vernetzungsmöglichkeiten.) Ein Fazit lautet hier: möglichst viele Erlebnisräume zu schaffen bzw. Zugänge zu ihnen zu begünstigen. 

Lernräume

photo-1489702932289-406b7782113cEs wurden Aufgaben kopiert, gescannt, hochgeladen, gemailt oder mit der Post verschickt. Gut funktioniert hat es dort, wo selbständiges Lernen und das Aufteilen von größeren Aufgabenpaketen vorher schon erlernt worden waren, Eltern helfen konnten, die notwendige Kulturtechnik und das dazugehörige Wissen (wenn notwendig) vorlagen, eine erfolgreiche Kommunikation (technisch als auch menschlich) aufgebaut werden konnte oder schon vorher vorhanden war und die Lebensumstände Zuhause, wie z.B. räumliche Gegebenheiten, ein konzentriertes Lernen zuließen. Außerdem haben sich aufgrund der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen beim Lernort Zuhause, asynchrone Lernprozesse bewährt, bei denen nicht eine Klasse zur gleichen Zeit, am gleichen Ort (Videokonferenz), die gleiche Aufgabe bewältigen muss, sondern Einzelne und Gruppen zeit- und ortsunabhängig, am besten noch mit unterschiedlichen, für sie günstigen, Möglichkeiten daran arbeiten können. 

Ich habe bei den Lernräumen bewusst von funktionieren gesprochen, weil meistens nach Lösungen gesucht wurde, die das Bisherige erhalten und aus Unterricht in der Schule eine digitale Fernlehre stricken sollten. Hier möchte ich zu dem Teil überleiten, der sich mit weit verbreiteten Annahmen beschäftigt, die es zu hinterfragen lohnt, wenn es darum geht, Lernen, Schule oder gar Bildung nun neu bzw. digital zu denken. Es sind einige dabei, die es auch schon vor der COVID-19-Pandemie gab, aber auch manche, die durch die aktuelle Lage entstanden sind.

Populäre Annahmen-Check

Strukturen und Prozesse mit Lernplattformen oder Lernmanagementsystemen digitalisieren

photo-1501023956373-055b874f2929Immer wenn Menschen, die die Kultur der Digitalität weder kennen noch verstanden haben, planen, sich digital bzw. „neu“ aufzustellen, werden meist nur die bereits bestehenden und vertrauten Strukturen und Prozesse ins Digitale übertragen, sprich digitalisiert. Die Tragweite, Notwendigkeiten und Möglichkeiten des kulturellen Wandels, hin zu einer Kultur der Digitalität, die Axel in diesem sehenswerten Vortrag sehr ausführlich herleitet und erklärt, werden dabei nicht berücksichtigt. Das Potenzial einer global vernetzen Welt besteht nicht darin, die Physische widerzuspiegeln, sondern an den unzähligen Optionen, Wissen zu erwerben, zu teilen, Menschen mit gemeinsam Interessen zu finden, sich zu vernetzen, Neues zu entdecken und kennenzulernen, interdisziplinär und multiperspektivisch an Ideen zu arbeiten, die Welt zu erfassen und zu gestalten. Wer also Lernplattformen oder Lernmanagementsysteme sucht oder entwickelt, sollte genau das im Blick behalten und sich fragen, was davon ermöglicht wird. 

Es muss jetzt alles ganz schnell gehen

photo-1476725994324-6f6833ea0631Viele Lehrer_innen, Schulleitungen, aber auch Politiker_innen haben sich seit dem Lockdown zum ersten Mal intensiver mit Digitalem auseinandergesetzt. Die Vorstellungen und Erwartungen, am besten alle Versäumnisse der letzten Jahrzehnte nun im Schnellverfahren nachzuholen, mag eine populäre Forderung oder Hoffnung sein, sie ist aber weder realistisch noch hilfreich (weil sie unnötig zusätzlichen Druck erzeugt). Das nötige Wissen und die Erfahrung haben sich Menschen im und mit dem Netz über eine jahrelange, vertiefte Auseinandersetzung erarbeitet. Diese Investition kann man niemandem abnehmen, aber muss sie alle gewähren. Das gilt sowohl für einzelne Personen als auch für Schulentwicklungsprozesse und die Bereiche und Ebenen darüber hinaus. 

Stützräder fürs Netz

photo-1565742672058-6c844f5afc2e„Die technischen Hürden sind schon groß genug. Da muss man den Leuten mundgerechte Häppchen servieren, damit sie sich (lieber/länger) mit dem Digitalen auseinandersetzen.“ Jein. Niederschwellige Angebote sind wichtig. Aber auch hier wird oft und gerne Wissensvermittlung mit Wissenserwerb verwechselt. Man lernt über das Entdecken, das selbst Herausfinden, Zerlegen und für sich neu Zusammensetzen. Deshalb funktionieren die vielen Listen mit digitalen Tools und Angeboten, die in der letzten Wochen und Tagen freundlicherweise erstellt und geteilt wurden, nicht immer und auch nur bedingt. Manchmal können sie sogar erschlagend wirken und überfordern, weil sie als endlose To-do-Liste verstanden werden. Diese Zusammenstellungen sind ein Produkt, ein Ergebnis eines Wissenserwerbes. Und da verhält es sich so wie mit Tafelbildern oder den zunehmend beliebten Sketchnotes. Sie funktionieren für einen selbst, aber nicht zwangsläufig für andere. Mit der Flut an Informationen und Angeboten des Internets zurechtzukommen und sich souverän und mündig im Netz zu bewegen, lernt man nur über das eigenständige Handeln. Wenn Lehrende zu Lernenden werden, müssen (und meiner Erfahrung nach wollen) natürlich auch sie ihre eigenen Listen erstellen. Gezielte Impulse und konkrete Unterstützung, wenn sie gefordert werden, helfen ihnen dabei. Hier möchte ich auf die sehr gelungene Video-Reihe von Philippe hinweisen.    

Die vermeintliche digitale Speerspitze

photo-1493612276216-ee3925520721Eine der größten Missverständnisse in der Debatte um Bildung in einer Kultur der Digitalität liegt meiner Meinung nach im Überschätzen der Expertise derer, die (sehr stark überspitzt) schon mal ein Tablet im Unterricht eingesetzt haben und das Unterschätzen der eigenen Expertise von Lehrenden, die bisher kaum bis keine (bewussten) Berührungspunkte mit Digitalem hatten. Das bezieht sich auf den Unterricht, die Schulentwicklung als auch alle anderen Bereiche. Das ist zum einen ein Resultat der zu starken Fokussierung auf die Technik und zum anderen das Ergebnis von pressewirksamen Inszenierungen von Leuchttürmen und Preisen. Es geht am Ende immer noch um Bildung, Schule und Lernen. Was sich durch die Digitale Transformation geändert hat, ist der gesellschaftliche Kontext, in dem das alles neu, transformiert stattfindet und gedacht werden muss. Vorhandenes technisches Wissen führt daher nicht zwangsläufig zum Vorsprung bezüglich zeitgemäßer Bildung, wenn der Kontext, das Gesamtbild dabei nicht betrachtet wurde. (Wenn überhaupt jemand in diesem komplexen gesellschaftlichen Prozess einen Vorteil haben sollte, dann sehe ich ihn bei Vertreter_innen der Reformpädagogik. Dort scheinen die Ansätze zu liegen, die für heute und morgen greifen und notwendig sind.)

Zuerst richtig rechnen und lesen lernen

Es ist eine populäre Vorstellung, dass zuerst das Alte, was und wie bisher gelehrt und gelernt wurde, sitzen müsse, um sich dann den neuen Herausforderungen zu widmen. Die Annahme hinkt insofern, weil sie davon ausgeht, dass wir weiterhin in einer reinen Buchdruckkultur leben und sie die Kultur der Digitalität wie eine Parallelwelt, der man optional beitreten kann oder nicht, behandelt und im schlimmsten Fall sogar ignoriert. Es geht (mir) dabei nicht um einen Vergleich, was zuerst gelernt werden muss, sondern eher um den Hinweis, dass sich auch das Bisherige mit verändert, transformiert, zusätzlich zum Neuen. Wie Menschen lesen, schreiben, kommunizieren verändert sich, und da gehören soziale Netzwerke und andere digitale Kanäle und Möglichkeiten nun mal mit dazu. Das muss in der Bildung (deutlich stärker) berücksichtigt werden bzw. sich abbilden.

photo-1431576901776-e539bd916ba2Durch die Pandemie sind die Herausforderungen einer global vernetzen Welt, die bisher nur in manchen Bereichen konkret spürbar waren, nun bei allen angekommen, weil sie auf einmal alle betreffen. Die Unbeständigkeit von sich permanent aktualisierenden Informationen, die unterschiedlichen Einschätzungen der Lage, die verschiedenen Expertisen und Perspektiven, die man liest, hört oder sieht und die Unsicherheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, für sich und andere, erinnert uns täglich an die zunehmende Komplexität dieser Welt und hat bei den meisten, wahrscheinlich sogar bei allen, zu einem gewissen Grad an Überforderung geführt. Und genau deshalb ist es so notwendig, dass junge Menschen endlich darauf vorbereitet und befähigt werden, in einer immer komplexeren Welt die „richtigen“ Entscheidung zu treffen, die in keinem Lösungsbuch stehen oder auch mit eigenen und fremden Fehlern umzugehen. Diese Komplexität wird nämlich nicht verschwinden – im Gegenteil. 

Bildung basiert heute noch größtenteils auf der Buchdruckkultur, in der Wissen durch (veraltete) Schulbücher, Kopiervorlagen oder Arbeitshefte meist als festgelegt gilt (und wirkt). Mit aktuellen Informationen und Erkenntnissen umzugehen, sie zu prüfen und einzuordnen, mag keine neue Herausforderung der Bildung sein. Nur nimmt sie zum einen in der Regel bisher keinen wesentlichen Teil des Lernens ein und zum anderen haben sich die Parameter durch die Kultur der Digitalität grundlegend gewandelt und wurden teilweise durch neue ergänzt. In den aktuell geführten Debatten hinsichtlich der COVID-19-Pandemie spielt das Verstehen und Prüfen der zahlreichen Studien, die in sozialen Netzwerken geteilt werden, das Einordnen von Online-Beiträgen, wie Texte von Webseiten, YouTube-Videos oder Screenshots, die über Instagram oder WhatsApp verbreitet werden, eine bedeutende Rolle. Oder das Reflektieren des eigenen Verhaltens, unter Berücksichtigung kognitiver Verzerrungen. Kultur findet vermehrt im Netz statt und gehört deshalb auch in Bildungsinstitutionen, und das nicht als Kopiervorlage. Denn während die Zeitung von morgen gedruckt wird, sind schon manche Daten überholt und im Netz korrigiert und zugänglich.

Möglichkeiten und Missverständnisse

Während in den letzen Tagen die Stimmen immer lauter wurden, dass Virologen und ihre Perspektive zu stark die gegenwärtigen politischen Entscheidungen beeinflussen würden und andere Blickwinkel vernachlässigt werden, verwies Angela Merkel in ihrer Ansprache vor Ostern nicht nur auf die kommende Studie der Leopoldina, sondern unterstrich auch deren Zusammensetzung. Dort tauschen sich Vertreter_innen aus nahezu allen Wissenschaftsbereichen aus. Denn nur in einer interdisziplinären Zusammenarbeit können gesellschaftlich getragene Lösungen für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit entwickelt werden. Wo, wie und wie häufig findet das in Schulen und Hochschulen statt? Es wird zumindest klar, dass sich Lernorte und -prozesse öffnen und kollaborativ gestaltet werden müssen. Und das Projektlernen, wie es Lisa in diesem lesenswerten Beitrag beschreibt, im Bildungsbereich als ein Fundament etabliert gehört. 

photo-1581291518857-4e27b48ff24eVor kurzem hatte ich ein Video von Steve Jobs in meiner Social Media-Timeline, bei dem er sinngemäß erklärte, dass er sein Produkt nicht, wie es sonst in der Branche üblich wäre, von der Technik her gedacht hätte, sondern von der Person, die sie nutzt. Damit hatte er nicht nur einen wirtschaftlich außergewöhnlichen Erfolg, sondern trug auch maßgeblich zur digitalen Transformation und grundlegenden Veränderungen in allen Bereiche der Gesellschaft weltweit bei. Seitdem lässt mich der Gedanke nicht los, was wohl wäre, wenn dieser Ansatz beim Lernen ernsthaft verfolgt werden würde, wenn dabei vom Lernenden aus gedacht und die Bildung (von jungen Menschen) endlich als gesellschaftliches Kapital der Zukunft verstanden werden würde und Lernende im Mittelpunkt stünden. (Welche Lernplattformen, Lernmanagementsysteme und sonstige digitale Angebote wohl dann entwickelt werden würden?)

photo-1475137979732-b349acb6b7e3Welche Fragen stellen sich junge Menschen heute? Sie möchten die Welt begreifen, weshalb sich gerade alles so gravierend ändert, weshalb sie die Hände waschen oder Masken tragen sollen, weshalb ihre Eltern weniger oder kein Geld verdienen können, wie die finanziellen Probleme gelöst werden sollen, wann alles vorbei sein wird, ob alles überhaupt wieder so sein wird wie vorher, weshalb sie sich so fühlen, wie sie sich fühlen oder weshalb gewisse Freiheiten eingeschränkt werden und ob das alles notwendig ist. Es sind so viele Fragen, die sie sich stellen. Weshalb nicht genau da ansetzen? Weshalb nicht diese Fragen aufgreifen, sie mit ihnen gemeinsam angehen? Es sind nämlich naturwissenschaftliche, historische, politische, ethische und alle anderen Bereiche betreffende Fragen, anhand derer das, was in Bildungspläne ohnehin steht, erarbeitet werden könnte. Mit dem Unterschied, dass es persönlich sinnstiftende Aufgaben und authentische Probleme wären. Weshalb nicht dahingehend in den nächsten Wochen investieren und die Schüler_innen erfahren, spüren lassen, dass sie Teil der Gesellschaft sind, sie ernst genommen werden und werden müssen, weil auch ihren Handlungen Auswirkungen für andere haben? 

Die Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet nicht nur, ihnen die Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übertragen, sondern ihnen auch Freiheiten zu gewähren, diese zu gestalten. Dazu gehört sie dabei zu unterstützen, herauszufinden, wie ihnen das am besten gelingt. Das gilt übrigens auch für Schulleitungen, Lehrer_innen und andere am Schulleben Beteiligte, die in einem Schulentwicklungsprozess auch Lernende sind und dort ebenfalls mehr Freiheiten bräuchten. In der aktuellen Situation oder mit dem Blick auf die Tage vor der Schließung der Schulen sieht man diese Notwendigkeit vielleicht noch deutlicher. Wenn alle Schulen jede Mal darauf warten müssen bis an der obersten Spitze der Hierarchie des jeweiligen Bundeslandes beschlossen wird, was und wie sie umsetzen und kommunizieren sollen, bleibt am Ende nur noch ein überschaubarer Planungs- und Handlungsspielraum übrig.  

photo-1493946740644-2d8a1f1a6affEs ist die Perspektive der Lernenden, die in Bildungsdebatten so häufig untergeht. Grob überzeichnet bedeutet das: Die Politik blickt auf die Bildung und schielt auf die nächste Wahl, die Lehrenden blicken auf die Bildung und schielen zum nächsten Vorgesetzten und die Eltern blicken auf die Bildung und schielen auf den vermeintlich nächsten Job ihres Kindes. Vereint werden diese Perspektiven oft durch ein gemeinsames Bildungsverständnis bzw. Missverständnis, in dem das, was unter Bildung verstanden wird, über Wissensvermittlung erreicht wird. Es mag für einige nur ein Begriff sein, der mal mehr oder weniger bewusst verwendet wird. Es stecken aber ein klares Verständnis, ein Bild und eine Haltung dahinter: Die Lehrenden verfügen in diesem Setting über das zu vermittelnde Wissen, legen vorher den genauen Verlauf fest und wählen das Ergebnis, in der Annahme, Wissen sei eine Information, die nur auf dem richtigen Weg, in der adäquaten Dosis, am geeigneten Ort und zum passenden Zeitpunkt von ihnen zu Lernenden transportiert werden müsse. Und das jetzt alles in digital. Von Lernenden aus gedacht und umgesetzt, handelt es sich beim Lernen um einen Wissenserwerb, der in einem möglichst offenen, freien und persönlich sinnstiftenden Prozess abläuft. Hierbei helfen Lehrende, in dem sie dafür günstige Gelegenheiten schaffen, in denen möglichst selbständig und individuell Zusammenhänge erschlossen werden können. Das Lernen ist wirksam und nachhaltig, weil sich das erworbene Wissen dabei mit bestehendem verknüpft und das Gesamtverständnis prägt.

(In der aktuellen Lage profitieren die Kinder und Jugendlichen, die zum Wissenserwerb befähigt wurden. Die Vertreter_innen der Wissensvermittlung setz(t)en nun darauf, dass entweder Eltern die Aufgaben des Lehrenden übernehmen oder Schüler_innen schon so trainiert und willig sind, die Abläufe selbständig abzuspulen. )  

Blick in die Glaskugel 

photo-1502476698613-931a9afd2488Dass sich in den letzten Wochen schlagartig Lehrer_innen mit Digitalem auseinandergesetzt haben, lag an genau zwei Aspekten: dass sie es mussten und dass die Zeit dafür da war, sich einzuarbeiten. Dementsprechend ist eine entscheidende Variable bei allen Blicken in die Glaskugel die Dauer der Ausnahmezustandes. Je länger Schulen gezwungen sein werden, das Lehren und Lernen im und mit dem Internet zu denken, umso mehr werden sich die dabei entstandenen Ideen, Ansätze und Erfahrungen im späteren Schulalltag verstetigen und in den zukünftigen Entwicklungen niederschlagen. Der große und von einigen erhoffte Wandel wird unabhängig von der Dauer eher nicht zu erwarten zu sein. Jeder, der sich mit der Thematik schon länger beschäftigt, weiß auch, dass es sich hinsichtlich der Umsetzung zeitgemäßer Bildung u.a. um eine Frage der Strukturen, Ressourcen und Haltungen (besonders in Führungsebenen) handelt, die am Ende die entscheidenden Hebel darstellen, wenn es um grundlegende, nachhaltige Veränderungen geht.

Eine weitere Perspektive in dieser Rechnung ist auch der Verstärker-Effekt der Digitalisierung, den Jöran hier ausführlicher beschrieben hat. Die, die schon vorher einen großen Wert auf Anweisungen und Kontrolle gelegt haben, werden das mit digitalen Medien danach noch stärker können und wahrscheinlich praktizieren. Es werden aber auch die Personen, die sich vorher schon gerne informiert, ausgetauscht und vernetzt haben, das im und mit dem Netz noch stärker können und tun. Diese Gruppe kontinuierlich weiter wachsen zu lassen, Begegnungen und Möglichkeiten in digitalen und physischen Räume zu schaffen, ist und bleibt somit weiterhin die Aufgabe derer, die sich engagieren, Bildung in einer Kultur der Digitalität ankommen zu lassen. Auch nach Corona.

Beiträge, die ich im Auftrag für andere verfasse, veröffentliche ich später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen Leitartikel habe ich im Rahmen des Projekts #RespektBW der Landesregierung für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (unter CC BY-NC-SA 4.0-Lizenz) geschrieben. Es lohnt sich, mehr als nur einen Blick auf das gesamte Lehrmaterial und die Downloads des „Bitte Was?!“-Projekts zu werfen.

Welche Rolle spielt Demokratiebildung in der Schule?

Das Demokratieverständnis eines Menschen ist das Ergebnis seiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Es kann nicht vermittelt werden wie eine auswendig zu lernende Information, sondern bildet sich über gelebte demokratische Grundwerte und einen Rahmen, in dem unterschiedliche Möglichkeiten echter Beteiligung mit klaren Verbindlichkeiten eine tragende Rolle spielen.

Schulen bieten dafür mit der gesetzlich verankerten Schülermitverantwortung nicht nur eine Struktur und einen Raum, sie sind auch der Ort, an dem die ersten, prägenden Erfahrungen gesammelt werden. Deshalb ist es notwendig, Demokratiebildung als gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung zu verstehen, die im Lebensraum Schule nicht auf ein Fach oder auf die Bemühungen weniger Personen reduziert werden darf.

Sketchnote DejanDemokratiebildung findet nur dann statt, wenn Partizipation gelingt. Für eine erfolgreiche Beteiligung genügt es nicht, Angebote zu schaffen. Partizipation ist ein Prozess, in dem Unterstützung benötigt wird und Beteiligung gelernt werden muss, dauerhaft und auf verschiedenen Ebenen. Demokratiebildung gelingt, wenn Schülerinnen und Schüler informiert und gefragt werden, mitsprechen und entscheiden dürfen und zur Mündigkeit befähigt werden – zuerst im relativ überschaubaren Rahmen der Schule, wobei die so erworbenen Kompetenzen dann auf die Gesellschaft übertragen werden können. Hier spielen Schulleitungen und Lehrende eine zentrale Rolle. Sie entscheiden in der Praxis, wie viele Ressourcen bereitgestellt und welche Prioritäten eingeräumt werden. Dabei geht es um das Verständnis von Schule und Bildung. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit, in der Rechtspopulismus demokratische Strukturen weltweit zunehmend gefährdet, zeigt, dass die Errungenschaften von Demokratien gesellschaftlich immer wieder aufs Neue verteidigt werden müssen. Wenn die dafür notwendige Haltung und das Handwerkszeug, um sich an demokratischen Prozessen beteiligen zu können, nicht in der Schule gebildet und gelernt werden, wo dann?

Demokratiebildung im digitalen Wandel

Durch die digitale Transformation finden seit Jahrzehnten grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung statt. Grenzen werden aufgelöst und bisherige Strukturen greifen nicht mehr. Dieser kulturelle Wandel durch eine vernetzte Welt erzeugt nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Notwendigkeiten der Demokratiebildung. Allein durch Smartphones und soziale Netzwerke wandeln sich Kommunikation und Hierarchien wesentlich. Es gilt, jungen Menschen zu ermöglichen, die Funktionen, Wirkungen und Anwendungen dieses Wandels zu verstehen. Eine zentrale Aufgabe und Verantwortung von Demokratiebildung im digitalen Wandel besteht darin, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese neuen Gestaltungsräume zur Demokratisierung zu nutzen und die neue gesellschaftliche Ordnung aktiv mitzugestalten.

Grundsätzliches zum kulturellen Wandel

Der kulturelle Wandel stellt mit der Entwicklung vom Buch zum Netz einen Paradigmenwechsel und eine gesellschaftliche Herausforderung dar, die im öffentlichen Diskurs sehr kontrovers betrachtet und bewertet werden. Eine differenzierte und wertfreie Herangehensweise wäre notwendig, gelingt aber nicht immer. Es scheitert nicht selten daran, dass jeder Mensch durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Eine Debatte, die sich am Muster Pro und Kontra orientiert, wird zu einer Haltungsfrage und kann die Komplexität der digitalen Transformation nicht erfassen und nicht verständlich machen. Genau das ist aber gesellschaftlich dringend notwendig, um Mündigkeit zu erreichen und handlungsfähig zu werden.

Soziale Netzwerke und Demokratiebildung

Wenn soziale Netzwerke im Kontext von Demokratie diskutiert werden, lassen Fake News, Hatespeech oder Social Bots, die demokratische Prozesse negativ beeinflussen bzw. Meinungsbildung erschweren oder manipulieren, nicht lange auf sich warten. Diese Phänomene existieren, erfordern einen Raum im öffentlichen Diskurs und sind auch ernst zu nehmen. Soziale Netzwerke darauf zu reduzieren, entspricht aber nicht der differenzierten Betrachtung, die nötig ist, um ein ausreichendes Verständnis für den sich vollziehenden und komplexen kulturellen Wandel zu bilden.

Hierfür empfiehlt es sich, folgende drei Fragen des Dagstuhl-Dreiecks, das im März 2016 während einer Tagung auf Schloss Dagstuhl von Expertinnen und Experten aus Informatik, Wirtschaft, Medienpädagogik und Schulpraxis entwickelt wurde, in Bezug auf soziale Netzwerke zu untersuchen: Wie funktionieren sie? Wie wirken sie (auf mich und die Gesellschaft)? Wie werden sie genutzt (von mir und der Gesellschaft)?

Ein Missverständnis bei sozialen Netzwerken hat terminologische Gründe, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Bei sozialen Netzwerken geht es somit um unterschiedlich große Gruppen von Menschen, die über eine digitale Plattform weltweit miteinander vernetzt sein und kommunizieren können. Wie gepostet werden kann oder der Algorithmus funktioniert, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, spielt zwar eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Soziale Netzwerke sind Teil der vierten Gewalt und wandeln durch ihre Möglichkeiten das gesellschaftliche Machtgefüge. Als vierte Gewalt wird der öffentliche Diskurs, der das politische Geschehen beeinflussen kann, verstanden. Durch den digitalen Wandel ist er nicht mehr auf Presse und Rundfunk beschränkt, sondern wird über soziale Netzwerke grundlegend verändert. Soziale Netzwerke wirken als solche, aber auch in andere, bisher bestehende Systeme hinein und umgekehrt, da auch Vertreterinnen und Vertreter der Exekutive, Legislative, Judikative, von Zeitungen oder vom Radio und Fernsehen darüber kommunizieren.

Welches partizipative und demokratische Potenzial soziale Netzwerke bergen, zeigte nicht nur die Bewegung March for Our Lives, die nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida im Februar 2018 von Schülerinnen und Schülern ins Leben gerufen wurde. Die Jugendlichen, unter anderem die charismatische Emma González, benutzten YouTube, Twitter und Instagram, um nachhaltig für ihre Anliegen – schärfere Waffengesetze oder Waffenverbote – zu werben. Sie erreichten in kurzer Zeit eine weltweite Aufmerksamkeit und eine Gesetzesänderung in ihrem Bundesstaat und mobilisierten über eine Million junger Menschen aus allen Bundesstaaten zu einer Demonstration in Washington D.C. Ähnlich verhält es sich mit Greta Thunberg, die es auch dank Twitter und Facebook geschafft hat, ihr Anliegen aus Stockholm in die ganze Welt zu tragen und andere junge Menschen zu motivieren, sich ihr bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen anzuschließen.

Wer sich mit Jugendbeteiligung auseinandersetzt, weiß, dass Meinungen junger Menschen normalerweise im öffentlichen Diskurs kaum bis gar keinen Raum erhalten. In beiden Fällen haben es Jugendliche geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Dies zeigt: Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden.

Soziale Netzwerke können zur Demokratisierung beitragen. Dafür müssen aber jungen Menschen Zugänge zur Teilhabe aufgezeigt werden, manchen mehr und manchen weniger. Zur Demokratiebildung gehört auch Meinungsbildung. Hier müssen der Umgang mit Fake News oder Hatespeech gelernt werden und Informationskompetenz trainiert werden. Sich mithilfe des Netzes eine fundierte Meinung zu bilden und sie adäquat und souverän im Netz vertreten zu können, muss Teil des Bildungsprozesses sein. Die Kommunikationskultur bildet die Gesellschaft ab. Wer eine demokratische Gesellschaft anstrebt, sollte Demokratiebildung unterstützen, online und offline.