Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Seit vielen Jahren gibt es eine kontroverse Debatte darüber, wie sich Unterricht und Lernen verändern müssen, wenn man kulturellen Wandel und digitale Transformationsprozesse berücksichtigen möchte. Der Blick auf die Aus-, Weiter- und Fortbildung kommt dabei oft zu kurz. Aber gerade hier stehen Veränderungen an. Deshalb plädiere ich dafür, sich vom Muster klassischer Fortbildungsveranstaltungen zu lösen und für die Lehrerfortbildung Social Media stärker zu berücksichtigen.

Fortbildungen laufen häufig immer noch nach einem klassischen Muster ab: Eine Person mit Expertise zeigt einigen Lehrkräften, wie etwas funktioniert. Diese kehren an ihre Schule zurück, stellen das Gezeigte dem Kollegium vor und sorgen so dafür, dass Wissen gesichert und multipliziert wird. Dieses Muster widerspricht der gut belegten Einsicht, dass diese Art des Transfers nicht funktioniert, weil sie oft gar nicht stattfindet oder die bestehenden Strukturen und Prozesse an Schulen nicht berücksichtigt werden. Deshalb sind systematische Ansätze notwendig. Auch digitale Fortbildungsformate folgen dem klassischen Muster. Das ist besonders tragisch, weil gerade das Netz ein enormes Potenzial für Lehrkräfte bietet, sich wirksamer und nachhaltiger fort-, weiter und auszubilden.

Wie kann die Lehrerfortbildung über Social Media funktionieren?

Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in den Bereichen rund um Digitalität und Bildung, lässt sich beobachten, dass sich Lehrende zunehmend in Social Media über Aktuelles aus Theorie und Praxis informieren. Sie publizieren hier auch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, tauschen sich aus und vernetzen sich. Auf diese Weise haben zahlreiche Lehrkräfte ein breites und vertieftes Wissen erworben, das keine Fortbildung leisten kann. Ein wesentlicher Unterschied liegt dabei nicht nur im veränderten Ablauf und in den neuen Möglichkeiten, sondern im Rollenwandel: Lehrkräfte verstehen sich in diesem Setting als proaktiv Lernende.

Attraktive Angebote unterstützen Lehrkräfte dabei, den Weg ins Netz zu gehen, es für sich zu entdecken, eine Kultur des Teilens zu erleben und sich in einer neuen Rolle wiederzufinden. So können sie einen Wandel der Haltung und des Berufsverständnisses begünstigen. Es müssen auf diesem Weg auch Ängste abgelegt und Selbstwirksamkeitserfahrungen gesammelt werden können. Und das braucht viel Zeit. Deshalb sollte dieser Prozess auch über einen ersten Termin hinaus begleitet werden. Twitter scheint sich hier in den vergangenen Jahren besonders bewährt zu haben. In diesem Netzwerk lassen sich viele Personen aus Wissenschaft und Praxis finden, die öffentlich kommunizieren und erreichbar sind.

Weil Fortbildungen immer auch Teil einer Schulentwicklung sein sollten, muss man sie von Beginn an systemisch denken. Sie benötigen in den Strukturen verankerte (Frei-)Räume, die Lehrkräften gestatten, die notwendige Zeit immer wieder investieren zu können. Sowohl für eigene als auch gemeinsame Reflexionen von Entwicklungen. Es geht beim Potenzial des Digitalen eben nicht nur darum, den Wissenserwerb und Austausch über die bisherigen Grenzen des eigenen Arbeitsumfeldes hinweg zu ermöglichen und zu suchen, sondern auch schulintern voranzutreiben und zu erhalten.

Im Netz gibt es viel Unterstützung beim Wissenserwerb

Um günstige Voraussetzungen für den beschriebenen notwendigen Rollenwandel bei Fortbildungen zu erreichen, müssen beide Seiten sich gleichermaßen verändern. Die, die sich normalerweise fortbilden lassen, müssen die Rolle der sich Fortbildenden einnehmen. Und die, die in der Regel andere fortbilden, müssen ihre Rolle so verstehen, dass sie nicht mehr Wissen vermitteln, sondern andere befähigen und unterstützen, wirksam, nachhaltig und selbstständig Wissen zu erwerben. Das zu erreichen, ist schwieriger, als es scheint. Die gute Nachricht ist, dass im Netz jede Menge Menschen zu finden sind, die einem bei beiden Herausforderungen helfen können. Nur zu.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, neue soziale Netzwerke auf dem Markt zu etablieren. Meist waren es doch nur leicht gewandelte Kopien von bestehenden Social Media-Plattformen, die kurz in aller Munde waren, um danach wieder in der Versenkung zu verschwinden. Gestern habe ich zum ersten Mal von Clubhouse gelesen, es direkt getestet und denke, dass es ein enormes Potenzial hat, vielen im Netz ein neues Zuhause zu bieten. Die wichtigsten Fakten hat das t3n Magazin hier gut zusammengefasst. Was die App leisten kann (und wird), habe ich gestern mit über 80 Personen in einem Clubhouse-Raum diskutiert und möchte die Ideen, Perspektiven und Fragen in diesem Beitrag teilen.

(Normalerweise würde ich zu den Ideen und Anregungen die Personen nennen, von denen sie stammen. Da Referentialität (und Gemeinschaftlichkeit) ein wesentliches Merkmal der Kultur der Digitalität darstellt. Weil aber eine der Nutzungsbedingungen lautet, dass Informationen, die im Clubhouse erhalten werden, nicht ohne vorherige Genehmigung aufgeschrieben, aufgezeichnet oder anderweitig vervielfältigt und/oder weitergegeben werden dürfen, verzichte ich auf die namentliche Nennungen, beschränke mich auf allgemeine Gedanken und verweise darauf, dass der Beitrag ein Produkt der gestrigen Gruppe und Unterhaltung ist und hoffe, dass das nicht als Verstoß gegen ihre Regeln gewertet wird, was zum Ausschluss führen kann.)

Was zeichnet Clubhouse aus?

Eigentlich wollte ich gestern Abend nur kurz einen Raum öffnen, um mit zwei Freunden die Frage Was kann (und wird) Clubhaus leisten? zu diskutieren. Keine Stunde später tauschte sich aber dort ein bunter Haufen aus knapp 90 Leuten darüber aus, welche Funktionen, Wirkungen und Anwendungen jetzt schon zu beobachten sind. Netzpioniere und bekannte Größen der digitalen Szene und netzaffine Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern trafen aufeinander, um ihre Erfahrungen und Sichtweisen zu teilen. Wie spannend und mitreißend das war, belegt der Punkt, dass ich mich um kurz nach 2 Uhr nachts noch von knapp 70 Personen verabschiedete. 

Der Moment

Dass gestern Nacht noch so viele, so lange dabeigeblieben sind, lag u.a. am besonderen Moment, der sich ergab und die Anwesenden spüren konnten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, fand aus verschiedenen Gründen (überschaubare Anzahl an deutschsprachigen Räumen und User:innen, Uhrzeit, Bekanntschaften usw.) eine diverse Gruppe an Menschen zueinander, die neugierig, offen und netzerprobt war, dass eine spannende und mitreißende Diskussion, wie ich sie bisher sonst nur in Präsenz erlebt habe, stattfinden konnte. Ohne Moderation! Es wurde sich gegenseitig sehr aufmerksam, empathisch zugehört (wer nicht sprach, hat sich gleich gemutet) und aufeinander eingegangen.

Was man von anderen sozialen Netzwerken kennt, die Timeline zu aktualisieren, sich die nächste Story oder nur noch ein TikTok-Video anzusehen, in der Erwartung, als nächstes etwas Neues, Wichtiges, Unterhaltsames oder Spannendes zu erfahren und das nicht verpassen zu wollen, kann bei Clubhouse durch den Moment ausgelöst werden. Der Moment, bekannte Personen zu treffen und reden zu hören, selbst gehört und wahrgenommen zu werden oder einfach eine ungeplante und besondere Gruppen-Konstellation zu erleben, die bereichernd ist. Allen im Raum war gestern klar, dass diese Truppe, in der Zusammensetzung, aber auch die entstandene Atmosphäre, sich nicht wieder rekonstruieren lassen.

Die Stimme

Twitter zeichnete die Reduktion von Texten auf anfangs 140 Zeichen aus, sprach dadurch bestimmte Menschen an und entwickelte sich zu einem speziellen Personenkreis mit einer „eigener“ Kultur. Mit Clubhouse wird erstmalig in einem sozialen Netzwerk die Stimme in den Mittelpunkt gestellt und werden Bilder, die in den letzten Jahren auf allen Social Media-Plattformen und Messenger-Diensten zunehmend in den Vordergrund gerückt sind, bis auf das Profilbild vernachlässigt. So wird eine andere Wahrnehmung der charakteristischen Eigenschaften von Personen ermöglicht. Durch den Einsatz der Stimme lassen sich Nuancen heraushören und Absichten oder Stimmungslagen (teilweise genauer) abbilden. Sie kann einen anderen, persönlicheren Zugang ermöglichen, Nähe und Vertrauen aufbauen und eine besonderes Ambiente schaffen.

Die Nähe 

Neben der persönlichen Nähe wird sicher auch ein Reiz von Clubhouse darin liegen, „Stars“ oder bekannten Personen näher zu kommen, zu wissen, dass man sich mit ihnen zur gleichen Zeit im gleichen Raum befindet. Vielleicht sogar die Gelegenheit erhält, sich am Gespräch zu beteiigen. In den nächsten Tagen und Wochen wird die Anzahl prominenter Personen enorm steigen und sich für viele sicher die eine oder andere Gelegenheit ergeben, jemanden live zu erleben. Das Setting mit den verschieden Rollen, in der man eine Bühne hat und bestimmen kann, wer mitsprechen und wer (nur) zuhören darf, wird aber sicher dieses Angebot der Nähe verankern und einen exklusiven Rahmen bestehen lassen.

Die Exklusivität 

Da einige Expert:innen aus der digitalen Szene den Weg zu Clubhouse beschritten haben und erst mal testen, was möglich ist und sich mitteilen, entstehen exklusive Angebote, die so in anderen sozialen Netzwerken oder auch in Präsenz entweder nicht zu finden sind oder viel Geld kosten würden. Die Experimentierphase, in der sich viele gerade befinden, wird sich sicher wieder legen und die Anzahl der aktuell zufälligen Angebote abnehmen. Die Exklusivität wird aber als Rahmen bleiben. (Diese aktuelle Begrenzung der Mitglieder, die durch die Hürde der Einladung durch andere oder iOS geschaffen wird, erzeugt nicht nur Exklusivität, sondern ist wahrscheinlich die wirksamste und kostenfreie Werbung, die man überhaupt erreichen kann. Was dieser Beitrag selbst auch belegt.) 

„Was im Clubhouse ge- und besprochen wird, bleibt im Clubhouse.“ So in etwa lautet eine stark vereinfachte Regel der Nutzungsbedingungen, auf die ich mich auch zu Beginn bezog. Es nicht gewünscht, dass etwas aufgezeichnet oder bestehend bleibender Content irgendwo angeheftet wird. So lebt der Austausch vom exklusiven Moment. Wobei es scheinbar Räume geben soll, in denen vorab allen kommuniziert wird, dass aufgezeichnet wird. Die Transparenz, ob und wann etwas aufgezeichnet wird, spielt aber auch für Teilnehme eine wesentliche Rolle, wenn es um Vertrauen geht und die Bereitschaft, sich zu öffnen oder die Entscheidung, welche Einblicke man anderen gewähren möchte.

Die Dynamik

Was beispielsweise bei Tweets durch einen Retweet  oder in anderen sozialen Netzwerken durch das Teilen eines Beitrags von einem Account mit großer Reichweite an Aufmerksamkeit erreicht werden kann, kann bei Clubhouse durch das Betreten von Räumen (großer Accounts) erfolgen. So können sich Räume und ihre Nutzung schlagartig in eine völlig andere Richtung entwickeln. (Ich schätze, dass hier die (Möglichkeit der) Benachrichtigungen der Followerschaft, wo sich Person x befindet und was sie gerade macht, noch stärker ausgebaut werden wird.) Dass andere Mitglieder nicht angeschrieben werden können, zwingt zu einem Gespräch in einem Raum. Bin gespannt, wie lange es braucht und ob es gelingt, dass sich viele dieser neuen Logik beugen und statt auf Messenger-Dienste auszuweichen, schnell einen privaten Raum für eine Klärung öffnen.

Welches Potenzial steckt dahinter?

Aus Fehlern lernen

Dieses Gefühl, dass gerade etwas Neues und Wertvolles entstehen könnte, führte auch zu (aus meiner Sicht) einer zentralen Frage der gestrigen Diskussion: Wie könnte man das Wissen und die Erfahrungen von anderen sozialen Netzwerken nutzen, um es dieses Mal von Anfang an richtig oder zumindest besser zu machen? Welche Erkenntnisse hier berücksichtigt werden müssen und wie diese übersetzt und angewandt werden können, scheint aus meiner Sicht eine der spannendsten Aufgaben, aber auch größten Herausforderungen der nächsten Monate zu sein. (Heute lade ich übrigens im 20 Uhr in einem Raum zu einem Austausch zu dieser Frage ein, falls ihr das gerade lest und auch bei Clubhouse seid.)

Neuer Raum für Kulturschaffende 

Eine Idee und Vorstellung, die immer wieder fiel, wie Clubhouse genutzt werden könnte, war als Live-Podcast. Das können dann gesetzte Themen und Termine sein (man kann Räume mit Titel und Beschreibung in einem Kalender ankündigen) oder spontane und offene Sessions, die ein Publikum vor Ort bestimmt und mitgestaltet. Es könnte auch gut sein, dass hier Möglichkeiten der Aufzeichnung geschaffen werden, um die Podcast-Szene zu binden und die Attraktivität von Clubhouse zu sichern. Eine Person berichtete von einer Musical-Performance, die sie bereits erleben durfte, bei der die Profilbilder die Köpfen der Figuren abbildeten und die Accounts je nach Szene ihren Part sangen. (Ein paar Blicke in die amerikanischen Räume, die es schon länger gibt, lassen erahnen, welche kreativen Nutzungsmöglichkeiten sich hier eröffnen.)

Ich erhielt gestern das Angebot, Musik abspielen zu können und habe erfahren, dass damit bei ausgewählten Accounts in der aktuellen Betaphase die Übertragung der Tonqualität verbessert wird. So können diese das dafür nutzen, um beispielsweise eigene Songs einem Publikum vorzustellen. Bin gespannt, wie und wie viele Künstler:innen diese Live-Bühne in Anspruch nehmen werden.  

Politik und Journalismus

Von der kommunalen bis zur europäischen oder sogar globalen Ebene, können Politiker:innen, Aktivist:innen, aber auch Journalist:innen mit einem Klick eine völlig neue Bühne, Aufmerksamkeit und Partizipation erzielen. Clubhouse kann wie ein interaktives Radio genutzt werden und erfordert keine Organisation von Räumen, Technik, Catering, Pressemitteilungen, Einladungen oder sonstiger Arbeit. Dass im Vergleich zu den bisherigen klassischen Formaten, wie bei Facebook-, Insta-Live und anderen Plattformen alles ohne Bildübertragung auskommt, sehr gezielt Einzelne hinzugenommen oder Gruppen gebildet werden können, erscheint sehr attraktiv.  

Gestern war ich z.B. in einem Raum mit einem der ersten deutschen Bundestagsabgeordneten bei Clubhouse (vielleicht sogar der erste). Diese Gelegenheit des direkten Gesprächs haben sich einige nicht entgehen lassen und kam sehr gut an. Mit dem Superwahljahr 2021 hat diese App in Deutschland zumindest einen sehr günstigen Zeitpunkt erwischt. Aber auch unabhängig davon bietet Clubhouse neue Formen des Bürger:innendialogs, die an vielen Stellen gefordert bzw. vermisst werden. Gerade im kommunalen Kontext, wenn Ehrenamtlichen oft Ressourcen fehlen, Menschen zu erreichen und einzubinden, könnte das sehr wertvoll sein.

Das größte Barcamp der Welt

Jede Person kann einen eigenen Raum öffnen und mit einem Thema belegen. Andere können beitreten, sich zu Wort melden, sich einbringen oder einfach wieder den Raum verlassen. Alle bestimmen jederzeit, wo sie sich mit wem und worüber unterhalten. Clubhouse ist (aktuell) ein globales und nie endendes Barcamp. Zumindest kann es das sein, wenn die Person, die einen Raum erstellt, es wie eine Barcamp-Session moderiert, alle sich gleichermaßen beteiligen lässt und die Teilgebenden diese Idee kennen und teilen. (Das hat unsere Runde letzte Nacht wahrscheinlich auch ausgezeichnet. Ich hoffe, dass möglichst viel von diesem Spirit erhalten bleibt und nicht irgendwann exklusive Räume und Podien dominieren.)

Fazit

Clubhouse bietet etwas Neues. Natürlich wurden in der Gruppe auch manche Aspekte kritisch betrachtet und bewertet. Angefangen beim Thema Umgang mit Daten bis hin zum Missbrauch von Vertrauen, wenn konkrete Informationen, die nur für einen Raum gedacht waren, nach außen (verzerrend oder falsch) kommuniziert werden. Da Dystopien sicher nicht lange auf sich warten lassen werden und ich mich in Zeiten von Covid-19 stärker bemühe, das zu teilen, das eventuell anderen helfen könnte, habe ich mich in diesem Beitrag auf die Potenziale konzentriert. Es waren aber auch einfach gefühlt zu viele und ähnliche digitalen Events und Formate in 2020, die zu einer Sättigung geführt haben. Mit Clubhouse ist die Neugier für einen digitalen Raum zurückgekehrt. Es wird wieder gemeinsam experimentiert und entdeckt. Ich habe gestern einige Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte und so viele gute Gedanken mitgenommen, dass ich lange nicht einschlafen konnte. Diese Bereicherung wünsche ich allen und freue mich auf das Gespräch mit euch bei Clubhouse.

Beiträge, die ich im Auftrag für andere verfasse, veröffentliche ich später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen Leitartikel habe ich im Rahmen des Projekts #RespektBW der Landesregierung für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (unter CC BY-NC-SA 4.0-Lizenz) geschrieben. Es lohnt sich, mehr als nur einen Blick auf das gesamte Lehrmaterial und die Downloads des „Bitte Was?!“-Projekts zu werfen.

Welche Rolle spielt Demokratiebildung in der Schule?

Das Demokratieverständnis eines Menschen ist das Ergebnis seiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Es kann nicht vermittelt werden wie eine auswendig zu lernende Information, sondern bildet sich über gelebte demokratische Grundwerte und einen Rahmen, in dem unterschiedliche Möglichkeiten echter Beteiligung mit klaren Verbindlichkeiten eine tragende Rolle spielen.

Schulen bieten dafür mit der gesetzlich verankerten Schülermitverantwortung nicht nur eine Struktur und einen Raum, sie sind auch der Ort, an dem die ersten, prägenden Erfahrungen gesammelt werden. Deshalb ist es notwendig, Demokratiebildung als gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung zu verstehen, die im Lebensraum Schule nicht auf ein Fach oder auf die Bemühungen weniger Personen reduziert werden darf.

Sketchnote DejanDemokratiebildung findet nur dann statt, wenn Partizipation gelingt. Für eine erfolgreiche Beteiligung genügt es nicht, Angebote zu schaffen. Partizipation ist ein Prozess, in dem Unterstützung benötigt wird und Beteiligung gelernt werden muss, dauerhaft und auf verschiedenen Ebenen. Demokratiebildung gelingt, wenn Schülerinnen und Schüler informiert und gefragt werden, mitsprechen und entscheiden dürfen und zur Mündigkeit befähigt werden – zuerst im relativ überschaubaren Rahmen der Schule, wobei die so erworbenen Kompetenzen dann auf die Gesellschaft übertragen werden können. Hier spielen Schulleitungen und Lehrende eine zentrale Rolle. Sie entscheiden in der Praxis, wie viele Ressourcen bereitgestellt und welche Prioritäten eingeräumt werden. Dabei geht es um das Verständnis von Schule und Bildung. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit, in der Rechtspopulismus demokratische Strukturen weltweit zunehmend gefährdet, zeigt, dass die Errungenschaften von Demokratien gesellschaftlich immer wieder aufs Neue verteidigt werden müssen. Wenn die dafür notwendige Haltung und das Handwerkszeug, um sich an demokratischen Prozessen beteiligen zu können, nicht in der Schule gebildet und gelernt werden, wo dann?

Demokratiebildung im digitalen Wandel

Durch die digitale Transformation finden seit Jahrzehnten grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung statt. Grenzen werden aufgelöst und bisherige Strukturen greifen nicht mehr. Dieser kulturelle Wandel durch eine vernetzte Welt erzeugt nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Notwendigkeiten der Demokratiebildung. Allein durch Smartphones und soziale Netzwerke wandeln sich Kommunikation und Hierarchien wesentlich. Es gilt, jungen Menschen zu ermöglichen, die Funktionen, Wirkungen und Anwendungen dieses Wandels zu verstehen. Eine zentrale Aufgabe und Verantwortung von Demokratiebildung im digitalen Wandel besteht darin, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese neuen Gestaltungsräume zur Demokratisierung zu nutzen und die neue gesellschaftliche Ordnung aktiv mitzugestalten.

Grundsätzliches zum kulturellen Wandel

Der kulturelle Wandel stellt mit der Entwicklung vom Buch zum Netz einen Paradigmenwechsel und eine gesellschaftliche Herausforderung dar, die im öffentlichen Diskurs sehr kontrovers betrachtet und bewertet werden. Eine differenzierte und wertfreie Herangehensweise wäre notwendig, gelingt aber nicht immer. Es scheitert nicht selten daran, dass jeder Mensch durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Eine Debatte, die sich am Muster Pro und Kontra orientiert, wird zu einer Haltungsfrage und kann die Komplexität der digitalen Transformation nicht erfassen und nicht verständlich machen. Genau das ist aber gesellschaftlich dringend notwendig, um Mündigkeit zu erreichen und handlungsfähig zu werden.

Soziale Netzwerke und Demokratiebildung

Wenn soziale Netzwerke im Kontext von Demokratie diskutiert werden, lassen Fake News, Hatespeech oder Social Bots, die demokratische Prozesse negativ beeinflussen bzw. Meinungsbildung erschweren oder manipulieren, nicht lange auf sich warten. Diese Phänomene existieren, erfordern einen Raum im öffentlichen Diskurs und sind auch ernst zu nehmen. Soziale Netzwerke darauf zu reduzieren, entspricht aber nicht der differenzierten Betrachtung, die nötig ist, um ein ausreichendes Verständnis für den sich vollziehenden und komplexen kulturellen Wandel zu bilden.

Hierfür empfiehlt es sich, folgende drei Fragen des Dagstuhl-Dreiecks, das im März 2016 während einer Tagung auf Schloss Dagstuhl von Expertinnen und Experten aus Informatik, Wirtschaft, Medienpädagogik und Schulpraxis entwickelt wurde, in Bezug auf soziale Netzwerke zu untersuchen: Wie funktionieren sie? Wie wirken sie (auf mich und die Gesellschaft)? Wie werden sie genutzt (von mir und der Gesellschaft)?

Ein Missverständnis bei sozialen Netzwerken hat terminologische Gründe, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Bei sozialen Netzwerken geht es somit um unterschiedlich große Gruppen von Menschen, die über eine digitale Plattform weltweit miteinander vernetzt sein und kommunizieren können. Wie gepostet werden kann oder der Algorithmus funktioniert, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, spielt zwar eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Soziale Netzwerke sind Teil der vierten Gewalt und wandeln durch ihre Möglichkeiten das gesellschaftliche Machtgefüge. Als vierte Gewalt wird der öffentliche Diskurs, der das politische Geschehen beeinflussen kann, verstanden. Durch den digitalen Wandel ist er nicht mehr auf Presse und Rundfunk beschränkt, sondern wird über soziale Netzwerke grundlegend verändert. Soziale Netzwerke wirken als solche, aber auch in andere, bisher bestehende Systeme hinein und umgekehrt, da auch Vertreterinnen und Vertreter der Exekutive, Legislative, Judikative, von Zeitungen oder vom Radio und Fernsehen darüber kommunizieren.

Welches partizipative und demokratische Potenzial soziale Netzwerke bergen, zeigte nicht nur die Bewegung March for Our Lives, die nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida im Februar 2018 von Schülerinnen und Schülern ins Leben gerufen wurde. Die Jugendlichen, unter anderem die charismatische Emma González, benutzten YouTube, Twitter und Instagram, um nachhaltig für ihre Anliegen – schärfere Waffengesetze oder Waffenverbote – zu werben. Sie erreichten in kurzer Zeit eine weltweite Aufmerksamkeit und eine Gesetzesänderung in ihrem Bundesstaat und mobilisierten über eine Million junger Menschen aus allen Bundesstaaten zu einer Demonstration in Washington D.C. Ähnlich verhält es sich mit Greta Thunberg, die es auch dank Twitter und Facebook geschafft hat, ihr Anliegen aus Stockholm in die ganze Welt zu tragen und andere junge Menschen zu motivieren, sich ihr bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen anzuschließen.

Wer sich mit Jugendbeteiligung auseinandersetzt, weiß, dass Meinungen junger Menschen normalerweise im öffentlichen Diskurs kaum bis gar keinen Raum erhalten. In beiden Fällen haben es Jugendliche geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Dies zeigt: Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden.

Soziale Netzwerke können zur Demokratisierung beitragen. Dafür müssen aber jungen Menschen Zugänge zur Teilhabe aufgezeigt werden, manchen mehr und manchen weniger. Zur Demokratiebildung gehört auch Meinungsbildung. Hier müssen der Umgang mit Fake News oder Hatespeech gelernt werden und Informationskompetenz trainiert werden. Sich mithilfe des Netzes eine fundierte Meinung zu bilden und sie adäquat und souverän im Netz vertreten zu können, muss Teil des Bildungsprozesses sein. Die Kommunikationskultur bildet die Gesellschaft ab. Wer eine demokratische Gesellschaft anstrebt, sollte Demokratiebildung unterstützen, online und offline.