March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Bildschirmfoto 2018-01-05 um 13.06.56Wer einem sozialen Netzwerk beitritt, kennt das Gefühl, sich zuerst orientiert zu müssen. Neben der Klärung technischer und elementarer Fragen, wie der persönlichen Nutzung und Rolle, beginnt gleichzeitig und mehr oder weniger bewusst die Suche nach sozialen Normen und Ordnungen im digitalen Raum*. Am Beispiel Twitter betrifft das u.a. folgende Aspekte: Was und wie man schreibt, liket, retweetet, verlinkt und kommentiert oder wem man folgt, wann man zurückfolgt, entfolgt, blockt und stummschaltet. Soziale Normen können sich nicht nur zwischen den sozialen Netzwerken unterscheiden, sondern stehen auch in Abhängigkeit zur selbst zusammengestellten Timeline. Hierin mag viellicht auch die größte Attraktivität und Abweichung zum analogen Raum liegen. Als soziale Norm kann bei Twitter der timelineübergreifende Konsens bei gewissen Themen bezüglich der Handlungserwartungen verstanden werden. Zum Beispiel das Duzen oder die Ächtung kopierter, fremder Tweets, die als eigene ausgegeben werden. Nachdem die Anzahl der Lehrenden in sozialen Netzwerken immer stärker zunimmt, möchte ich mit ein paar Gedanken und Fragen zur anfänglich erwähnte Orientierung am Beispiel Twitter beitragen.

Reflexion vs Reichweite

Der aktuell beliebte Hashtag #Twitterlehrerzimmer verdeutlicht ganz gut die Ausgangslage und Schwierigkeiten für Social Media-Neulinge und eine Parallele zur Situation im analogen Lehrerzimmer. Wer schon einmal die Schule gewechselt hat, kennt das beim Betreten anfängliche Abtasten nach sozialen Normen und Ordnungen. Nur ist das Twitterlehrerzimmer öffentlich, für alle transparent und Teil eines größeren digitalen Raumes. Die Handlungswartungen sind nicht rein von Lehrenden geprägt, sondern auch von der restlichen Twitter-Community. Ein besonderes Twitter-Phänomen, das wahrscheinlich aus der ehemaligen Begrenzung auf 140 Zeichen und der damit verbundenen Reduktion auf das Wesentliche resultiert, ist das hohe Ansehen vom Spiel mit der Sprache. Jede kreative Wortschöpfung oder treffende Formulierung wird mit Likes und Retweets belohnt. (Es existieren zahlreiche anonymisierte Accounts mit mehreren Tausend Follower, über die ausschließlich witzige, tiefsinnige oder originelle Tweets generiert werden.) Dass man mit wenig Aufwand schnell und viel Aufmerksamkeit erreichen kann, beflügelt zusätzlich; auch, dass Tweets in Zeitungen, Büchern oder im Fernsehen zitiert werden. Manchmal bleibt beim Wetteifern die nötige Distanz und Reflexion auf der Strecke und erinnert an eine Konditionierung, in der Likes, Interesse und Ansehen als Verstärker dienen. Kann man von Lehrenden erwarten, reflektierter als andere zu twittern? Ich würde das bejahen, da sie ihrer Vorbildfunktion im öffentlichen Raum nachkommen und spätestens bei Äußerungen über die eigene oder fremde Schule, Klassen, Schüler_innen, das Kollegium oder sonstige Interna, die man so auch nicht einem Freund über die Sprechanlage einer Straßenbahn verkünden würde, sorgfältig abwägen müssen. Lehrende erheben übrigens nicht selten für sich den Anspruch, medienkompetenter als andere zu sein.

Entwicklung sozialer Normen

Wie geht man in sozialen Netzwerken mit Trollen, Fake News, Hate Speech oder rassistischen Tweets, die Teil einer gezielten politischen Provokation, sind um? Letzteres wird seit Tagen sehr kontrovers diskutiert. Diese Debatte steht für die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung sozialer Normen in der digitalen Transformation. Die bisherige Handlungserwartung, auf die man sich gegenseitig immer wieder durch den Hashtag #StopMakingStupidPeopleFamous aufmerksam gemacht hat, wird nun in Frage gestellt. Sollte man rassistische Äußerungen tatsächlich ignorieren? Trägt man damit nicht dazu bei, dass diese ohne einen Widerspruch salonfähig gemacht werden? Wer und weshalb Tweets verfasst, spielt aus meiner Sicht hierbei eine wesentliche Rolle. (Wenn sich Lehrende entscheiden, den Weg in die sozialen Netzwerke zu beschreiten, sollten sie für sich geklärt haben, ob, wann und wie sie sich zu politischen Geschehnissen äußern. Neben den Herausforderungen im Social Media-Kontext, die sich durch den Beutelsbacher Konsens ergeben, empfiehlt es sich, eine persönliche Strategie zu entwickeln, die mögliche Mechanismen und aktuelle Erkenntnisse berücksichtigt. Zum Thema Fake News sollte man zum Beispiel diesen Beitrag von Michael Kreil gesehen bzw. gehört haben.) Dass man sich immer wieder an passender Stelle öffentlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ausspricht, finde ich wichtig und notwendig. Wenn aber bekannt ist, dass eine Partei gezielt rassistischen Aussagen bzw. Provokation platziert, um so eine größere öffentliche Wahrnehmung zu erreichen und im gesellschaftlichen Diskurs die Themen zu diktieren, wird die Sache komplexer.
Ich kann allen Lehrenden nur empfehlen, sich den Debatten anzuschließen, die sozialen Normen in sozialen Netzwerken mitzugestalten und das alles auch in die Schulen zu tragen.

*Mich stört die begriffliche Unterscheidung zwischen RL (Real Life) bzw. offline und digitaler Welt bzw. online, weil eine scharfe Trennung suggeriert wird, die in vielen Fällen gar nicht existiert. Weil es in meinem konkreten Fall um soziale Normen geht, die ich in Kontext des Beitrags am ehesten in Abhängigkeit zum Raum verstehe, werde ich zwischen einem digitalen und analogen Raum differenzieren.

Stress bleibt Stress

Mindestens zwei Mal im Jahr wähle ich für zwei bis drei Wochen eine Auszeit. Das bedeutet, dass ich alle Möglichkeiten (bis auf das Telefon und die Haustürklingel), eine Benachrichtigung zu erhalten, deaktiviere und mir ausschließlich Zeit für meine Familie, Freunde und mich nehme. Ich lese, schaue oder höre keine Nachrichten und erledige keine (berufliche) Arbeit. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf die Menschen um mich herum, die ich liebe und schätze. Häufig begegnet mir in diesem Zusammenhang die Bezeichnung Digital Detox. Damit wird suggeriert, man müsse seinen Körper vom digitalen Gift befreien, das über Smartphones, Apps und sozialen Netzwerke unsere Zeit und Aufmerksamkeit transportierenden Venen befällt. Das Framing finde ich fatal. Nicht selten wird dabei ein Gegensatz zwischen digital und analog konstruiert, wie in diesem neulich erschienen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.
Natürlich hat die digitale Transformation mit der zunehmenden Anzahl an E-Mails, Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken meine Kommunikation bzw. mein Verhalten verändert. Die in knalligen Farben aufpoppenden Push-Mitteilungen sind kaum zu übersehen. Nur bleibt das Problem, der alltägliche Stress und der dabei verlorene Blick für das Wesentliche im Leben, aus meiner Sicht unverändert. Wenn ich an meine „analoge Kindheit“ zurückdenke, kann ich mich sehr gut an einige Eltern erinnern, die keinen (freien) Kopf für ihre Kinder oder Partner hatten. Sie dachten an Rechnungen, Versicherungen, die Arbeit oder andere gedankliche Baustellen. Es stimmt, dass ich im Vergleich zu früher (beruflich) viel mehr E-Mails schreiben und erhalten kann. Das kann sehr hilfreich und auch belastend sein. Den Wandel auf Gift zu reduzieren, halte ich aber nicht für zielführend. Es bedarf vielmehr einer Reflexion des eigenen Verhaltens und einen gemeinsam ausgehandelten gesellschaftlichen Konsens.

Smartphones und ihre Nutzung gehören in die Schulen

Bildschirmfoto 2017-12-16 um 20.18.40Natürlich haben sich auch die Möglichkeiten, Menschen an Produkte zu binden, in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt. Ich bin mir auch sicher, dass sich jedes Details eines Smartphones, einer App oder eines sozialen Netzwerks an Ergebnissen der Verhaltensforschung orientiert. Deshalb halte ich es für sinnvoll, den Umgang damit offen, kritisch und transparent auch mit Schulklassen zu diskutieren. Verbote bekämpfen lediglich Symptome und nicht die Ursachen eines Problems. Hier halte ich den Vorstoß, ein Handyverbot an Grund- und Mittelschulen, Frankreichs für einen enormen Rückschritt. Dass ich heute bei Veranstaltungen oder Treffen in der Regel mein Smartphone in der Hosentasche lasse, fast alle Push-Mitteilungen abgestellt habe und mich in regelmäßigen Abständen für eine Auszeit entscheide, war ein langer Entwicklungsprozess, der aus einer ständigen Reflexion meines Nutzungsverhaltes und der Folgen hervorgeht. Die Zeit und Unterstützung hierbei muss man Schüler_innen ebenfalls eingestehen bzw. bieten. Deshalb gehören Smartphones und ihre Nutzung in den Unterricht, wenn man ein mündiges und souveränes Verhalten im digitalen Wandel anstrebt und nicht in die Handy-Garage Colllecta*.

*Falls manche Person wegen meinem letzten Beitrag glauben sollte, die Seite wäre ein Fake, muss ich sie leider enttäuschen.