IMG_7986Wer sich im Web bewegt, begegnet zwangsläufig auch den Herausforderungen, die Informationen im digitalen Wandel darstellen. Dabei spielen neben der zunehmenden Menge auch die Geschwindigkeit und der Wahrheitsgehalt eine bedeutende Rolle. Die Folgen gezielter Missinformation, mit unterschiedlichen Absichten, werden mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und führen zu einer Suche nach Lösungsansätzen, wie man dieser Entwicklung mündig begegnen kann. Philippe Wampflers neues Buch Schwimmen lernen im digitalen Chaos bietet eine hervorragende Grundlage für eine Debatte und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, wie Kommunikation trotz Nonsens gelingen kann. Mit der gesellschaftlichen Perspektive möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich dieses Buch an alle richtet und es dementsprechend empfehlen. Ich sehe mich an dieser Stelle in einer dreifachen Verantwortung: Als Vater, Teil der Gesellschaft und Lehrer mit Bildungsauftrag. Für alle drei Bereiche finden sich hilfreiche Hinweise und Ratschläge.

In diesem Buch findet sich nicht nur eine Sammlung von praktischen Tipps, wie das Schwimmen im digitalen Chaos gelingen kann, ich versuche auch, Nonsens genau zu erfassen und die wesentlichen psychologischen und auch technischen Zusammenhänge so aufzuzeigen, dass Leserinnen und Leser eigene Schlüsse aus den abgegebenen Ratschlägen ziehen können.

Dieses Versprechen, das Philippe zu Beginn des Buches abgibt, wird in folgenden fünf Kapiteln

  • Das Problem verstehen
  • Wie Nonsens im Netz entsteht
  • Was uns für Nonsens anfällig macht
  • Schwimmen im Nonsens – ein Programm
  • Nonsens und die Zukunft der digitalen Kommunikation – ein Ausblick

erfüllt. Indem er zuerst die Probleme offenlegt und benennt, ihre Dynamik transparent machen, psychologische Aspekte aufführt, mögliche Lösungsstrategien bietet und einen Ausblick wagt, gelingt ihm zu diesem Themenfeld ein Rundumschlag, der ein Grundverständnis bietet und kritische Auseinandersetzung ermöglicht. Die zahlreichen und konkreten Beispiele über Nonsens, Hoaxes oder Fake News machen den komplexen Sachverhalt allgemein zugänglicher bzw. verständlicher, so dass auch Menschen ohne größeres Vorwissen über das Web sich gedanklich zurechtfinden bzw. orientieren können. (Die gedruckten Screenshots und Link-Angaben versprühen ein wenig Blog-Geruch auf dem Papier.) Wer erfahren möchte, weshalb Fake News, die sich gegen Trump richten, nicht geteilt werden sollte und sie nicht gerecht, sondern gesellschaftlich bedenklich sind, wird im Buch Antworten darauf finden. Gewohnt nüchtern und präzise analysiert Philippe neben der Welt, die uns täglich im und außerhalb des Netzes begegnet, nicht nur die Möglichkeiten und gesellschaftliche Verantwortung der Mitgestaltung, sondern auch deren Grenzen. Wie erfolgreiche Kommunikation in der digitalen Transformation gelingen kann wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Philippe hat aus meiner Sicht dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet.

Anmerkungen

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mein persönliches Tool-Highlight ist die Empfehlung des Baukastens für Verschwörungstheorien von Michael Lenzinger. Den werde ich auf jeden Fall in meinem Unterricht einsetzen. Womit ich mich inhaltlich die nächsten Wochen näher beschäftigen werde, ist diese Bullshit-Website. Da ich Philippes Arbeit näher verfolge und im regen Austausch mit ihm stehe, war mir der eine oder andere Hinweis und Gedanke bereits bekannt. Trotzdem haben mir die Zerlegung und erneute Zusammensetzung geholfen, mein bisheriges Wissen (neu) zu ordnen und zu strukturieren. Mein Handeln in sozialen Netzwerken werde ich nach der Lektüre gedanklich kritischer und schärfer reflektieren. Auch wenn ich alle Kapitel inhaltlich gleich bedeutend einschätze, werden ohne ein Verständnis für die Tragweite von Falschinformationen die darauffolgenden und notwendigen Fragen erst gar nicht gestellt. Deshalb werde ich mich zukünftig mehr darum bemühen, die Problembeschreibung aus dem ersten Kapitel zumindest in meinem Umfeld allgemein zugänglicher zu machen.

Die Wahl der Qual

Bildschirmfoto 2018-01-02 um 01.06.49Am späten Abend einen Print- oder Online-Beitrag lesen, gelegentlich Begriffe im Netz nachschlagen, dort auf andere lesenswerte Texte stoßen, sich darüber mit Menschen in sozialen Netzwerken austauschen, ein paar Gedanken notieren, zum anfänglichen Artikel zurückkehren, und wieder von vorn. Ein klassischer Ablauf, wie ich für mich, mit anderen und von anderen lerne. Am meisten genieße ich dabei die scheinbar grenzlose Freiheit. In genau diesen Momenten frage ich mich immer, wo diese Freiheit beim Lernen im Bildungssystem stattfindet bzw. stattfinden kann? Oder ist sie nur ein Privileg des Erwachsenseins, dass man niemandem mehr für das Was und Wie beim Lernen Rechenschaft schuldig ist. Ehrlich und kritisch rückblickend habe ich wohl am meisten abseits von Schule und Hochschule autodidaktisch gelernt, weil es echte, meine, persönlich sinnstiftende, frei gewählte und bestimmte Lernprozesse waren. Ein Großteil des „schulischen Lernens“ erschien mir oft nur als Mittel zum Zweck. Lernen fürs Abi, das Abi fürs Studium, das Studium für den Job und dabei immer fürs Leben. Ich hatte die Wahl der Qual. Denn Sinn erkannte ich in dieser Kette meist nur beim jeweiligen Ziel und nicht den Inhalten. Außer meinen Gedanken kam mir wenig frei vor. Ich bin mir nicht sicher, bei wie vielen das heute so anders ist.

Lernräume für zeitgemäße Bildung

Müsste man nicht auch hinterfragen, inwiefern der Begriff Unterricht einen Beitrag dazu leistet, ein überholtes Lernverständnis aufrechtzuerhalten und die Freiheit beim Lernen zumindest nicht zu fördern, wenn das Framing der Digitalen Bildung, den Blick auf das große Ganze der digitalen Transformation hemmt. Der Unterricht bzw. das Unterrichten steht für das Informieren, Belehren, Vermitteln von Wissen durch Lehrende. Wäre die Bezeichnung Lernräume in diesem Zusammenhang nicht passender, wenn man Lernprozesse ermöglichen möchte, die zeitgemäßer Bildung entsprechen? Lernräume eröffnen aus meiner Sicht nicht nur begrifflich, sondern auch gedanklich eine Freiheit und Flexibilität bezüglich der zeitlichen Ebene, der Begegnungsstätten vor Ort oder im Web. Schulen für Lernende und deren Lernprozesse.* Konsequenterweise müsste man dann natürlich auch Stunden- und Bildungspläne durch Lernpläne ersetzen, die Lernen im eigenen Tempo ernsthaft ermöglichen. Nein, ich möchte hiermit keine erneute Begriffsdebatte beginnen. Eigentlich. Der Beitrag soll eher eine Einladung für ein kurzes Kopfkino sein und dazu anregen, den Rahmen und die Bedingungen von Lernkonzepten auch im bisherigen und noch lange anhaltenden Bildungssystem neu zu denken. Ich hol schon mal das Popcorn.

*aus der Perspektive der Lernenden

Stress bleibt Stress

Mindestens zwei Mal im Jahr wähle ich für zwei bis drei Wochen eine Auszeit. Das bedeutet, dass ich alle Möglichkeiten (bis auf das Telefon und die Haustürklingel), eine Benachrichtigung zu erhalten, deaktiviere und mir ausschließlich Zeit für meine Familie, Freunde und mich nehme. Ich lese, schaue oder höre keine Nachrichten und erledige keine (berufliche) Arbeit. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf die Menschen um mich herum, die ich liebe und schätze. Häufig begegnet mir in diesem Zusammenhang die Bezeichnung Digital Detox. Damit wird suggeriert, man müsse seinen Körper vom digitalen Gift befreien, das über Smartphones, Apps und sozialen Netzwerke unsere Zeit und Aufmerksamkeit transportierenden Venen befällt. Das Framing finde ich fatal. Nicht selten wird dabei ein Gegensatz zwischen digital und analog konstruiert, wie in diesem neulich erschienen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.
Natürlich hat die digitale Transformation mit der zunehmenden Anzahl an E-Mails, Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken meine Kommunikation bzw. mein Verhalten verändert. Die in knalligen Farben aufpoppenden Push-Mitteilungen sind kaum zu übersehen. Nur bleibt das Problem, der alltägliche Stress und der dabei verlorene Blick für das Wesentliche im Leben, aus meiner Sicht unverändert. Wenn ich an meine „analoge Kindheit“ zurückdenke, kann ich mich sehr gut an einige Eltern erinnern, die keinen (freien) Kopf für ihre Kinder oder Partner hatten. Sie dachten an Rechnungen, Versicherungen, die Arbeit oder andere gedankliche Baustellen. Es stimmt, dass ich im Vergleich zu früher (beruflich) viel mehr E-Mails schreiben und erhalten kann. Das kann sehr hilfreich und auch belastend sein. Den Wandel auf Gift zu reduzieren, halte ich aber nicht für zielführend. Es bedarf vielmehr einer Reflexion des eigenen Verhaltens und einen gemeinsam ausgehandelten gesellschaftlichen Konsens.

Smartphones und ihre Nutzung gehören in die Schulen

Bildschirmfoto 2017-12-16 um 20.18.40Natürlich haben sich auch die Möglichkeiten, Menschen an Produkte zu binden, in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt. Ich bin mir auch sicher, dass sich jedes Details eines Smartphones, einer App oder eines sozialen Netzwerks an Ergebnissen der Verhaltensforschung orientiert. Deshalb halte ich es für sinnvoll, den Umgang damit offen, kritisch und transparent auch mit Schulklassen zu diskutieren. Verbote bekämpfen lediglich Symptome und nicht die Ursachen eines Problems. Hier halte ich den Vorstoß, ein Handyverbot an Grund- und Mittelschulen, Frankreichs für einen enormen Rückschritt. Dass ich heute bei Veranstaltungen oder Treffen in der Regel mein Smartphone in der Hosentasche lasse, fast alle Push-Mitteilungen abgestellt habe und mich in regelmäßigen Abständen für eine Auszeit entscheide, war ein langer Entwicklungsprozess, der aus einer ständigen Reflexion meines Nutzungsverhaltes und der Folgen hervorgeht. Die Zeit und Unterstützung hierbei muss man Schüler_innen ebenfalls eingestehen bzw. bieten. Deshalb gehören Smartphones und ihre Nutzung in den Unterricht, wenn man ein mündiges und souveränes Verhalten im digitalen Wandel anstrebt und nicht in die Handy-Garage Colllecta*.

*Falls manche Person wegen meinem letzten Beitrag glauben sollte, die Seite wäre ein Fake, muss ich sie leider enttäuschen.