Catch 22 beschreibt ein Dilemma, aus dem Personen aufgrund widersprüchlicher Regeln nicht entkommen können. In einem ähnlichen Dilemma befinde ich mich schon länger (bei Twitter) und habe letzte Nacht (um mich zu schützen) hier notiert, weshalb das so ist:

Die Story

Gestern Morgen sprach ich in einer Threema-Gruppe über die Wirkung von vermeintlichen Expert:innen und Journalismus rund um das Thema Digitales, als Reaktion auf einen journalistischen Beitrag, der in dieser Gruppe geteilt wurde. (Und das nicht zum ersten Mal, wie man hier nachlesen kann.)

Daraufhin kopierte ich meine Aussage aus dem Chat und ergänzte sie zu einem Tweet.

Keine fünf Minuten später griff der Journalist Christian Füller meinen Tweet auf, stellte einen Zusammenhang zu einem ähnlichen Tweet von Philippe Wampfler her, den der zwei Tage zuvor veröffentlicht hatte und verkündete eine konzertierte Aktion.

Im nächsten Tweet erklärte er dann, gegen wen sich diese Aktion richte. Dass ich mich auf Bob Blume beziehen würde, er mein Lieblingsfeind und ich sauer und neidisch auf ihn sei, weil er mehr Follower habe. (Ich erinnere an der Stelle, dass zehn Personen aus der Threema-Gruppe bestätigen können, dass ich mich definitiv nicht auf Bob Blume beziehe.)

Bob Blume griff am Abend dann diese Darstellung auf und präsentierte sie sarkastisch seinen Followern. (Weil er zwei Screenshots verwendete, ist mein Tweet rechts nur vollständig zu lesen, wenn man ihn in seinem Tweet anklickt.)

Wie kam es dazu und weshalb schreibe ich darüber?

Zuerst möchte ich die zweite Frage beantworten, weil sich wahrscheinlich die, die bis hierhin gelesen haben und meine üblichen Blogbeiträge kennen, sich fragen werden, was das alles soll. Bisher habe ich alle Konflikte immer persönlich und direkt geklärt, entweder bei einem Treffen oder Telefonat. Wenn mich Leute im Netz wiederholt und gezielt persönlich angreifen, was in sozialen Netzwerken (mit meiner Reichweite, aber auch offenen, direkten, nicht unproblematischen Art der Kommunikation) nicht unüblich ist, ignoriere ich das in der Regel, weil mir Marina (als Psychologin) mal erklärte, dass solche Personen genau das erreichen möchten: eine Reaktion. Und jegliche Reaktionen nur ihr Handeln bestärken würden und es dann noch schlimmer werden könnte. Marina, meine inoffizielle psychologische Beratungsstelle, hat mir in einem der Gespräche über Netz-Mechanismen aber auch geraten, stets ein klärendes Gespräch zu suchen, wo es möglich ist.

Und genau das habe ich getan. Womit ich auch schon zur Frage, wie es dazu kommen konnte, überleiten möchte. Natürlich hat das alles eine Vorgeschichte. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Leute im Netz überhaupt wissen, dass ich Bob eine Zeit lang sogar als Freund bezeichnete. Wir waren vor einigen Jahren gemeinsam in Berlin, haben manches miteinander unternommen und uns zum Thema Bildung und Digitales oft ausgetauscht, auch kontrovers. Er meldete mir zu dieser Zeit schon in Gesprächen auch immer wieder zurück, dass meine Kritik hart auf ihn wirke. Er wusste aber (und glaubte mir damals noch), dass meine Kritik keine persönliche war, sondern stets an der Sache. Irgendwann nahm der Austausch ab und wir gingen sowohl inhaltlich (zum Thema Bildung) als auch in der Art und Weise, wie wir arbeiten und kommunizieren, getrennte Wege. 

Es ist nicht so, dass wir in den letzten Jahren gar keinen Kontakt mehr gehabt hätten. Dabei habe ich auch (vor ihm) kein Geheimnis daraus gemacht, mich von einigen Dingen, die er sagt oder macht, zu distanzieren. Mitte August kam es dann zu einer Auseinandersetzung, die ich in ihrer Ausführlichkeit nicht wiedergeben möchte, um den Rahmen hier nicht zu sprengen. Kurz: Bob sah bei einer Kritik eine Kampagne gegen sich und verstand u.a. Tweets von mir als persönlichen Angriff, bei dem ich mich auch über ihn lustig gemacht hätte. Das hat er dann auch so in einem Blogbeitrag als Geschichte aufgeschrieben und bei Twitter seinen über 12 000 Followern präsentiert. Bis zu dem Zeitpunkt hatte Bob mich immer angerufen, wenn er sich nicht sicher war, wie ich etwas meinte. Hier zum ersten Mal nicht. 

Als ich von dem Beitrag erfuhr, rief ich ihn direkt an und stellte klar, dass die von ihm geschilderte Geschichte so nicht der Wahrheit entspräche, erklärte ihm meine Kritik an der Sache und wie die Stelle, die ihn verletzte, zu verstehen war. Als er begriff, dass er in meinen Aussagen weder namentlich vorkam noch gemeint war, aber er im Gegenzug mich genannt und fälschlicherweise vor einem großen Publikum beschuldigt hatte, entschuldigte er sich bei mir und fragte mich, was er jetzt machen solle. Weil ich nicht noch mehr Wirbel in der Sache verursachen wollte, als es ohnehin schon gab, sagte ich ihm, dass er nichts machen müsse. Wir hätten das für uns beide geklärt. Das wäre mir wichtig gewesen und wäre somit für mich erledigt.

Jedoch stellte ich die kommenden Stunden nach dem Telefonat fest, dass mich immer mehr Menschen als Mobber beschuldigten, seine Geschichte teilten und mich persönlich angriffen. Das schrieb ich ihm, dass sein Mobbing-Frame ausarte und sich unfair und richtig häßlich entwickle, als Wink mit dem Zaunpfahl, dass er vielleicht doch eine Richtigstellung nachreichen könne, um den Druck von mir zu nehmen. Er meinte daraufhin, dass wir ja besprochen hätten, er müsse nichts mehr nachschieben. Erneut machte ich auf die extreme Dynamik aufmerksam und verwies als Beispiel auf einen Tweet von Christian Füller, der jetzt auch noch das Projekt aula, also meine Arbeit, mit ins Visier nahm.

Weshalb Bob meine Darstellung in seinem Text bis heute nicht richtiggestellt hat, weiß ich nicht. Wir waren aber so verblieben, dass er bitte wieder zuerst mit mir sprechen solle, bevor er erneut eine Aussage von mir aufgreift, falsch versteht und kommuniziert. Weshalb er das gestern ein weiteres Mal nicht gemacht hat, kann ich nicht nachvollziehen. Da das letzte Gespräch scheinbar nichts bewirkt hat und er weiter an seiner Story festhält (und meine Hinweise, dass das so nicht stimmt, ignoriert), sah ich mich gezwungen, diesen Weg zu gehen und zum Konflikt zusätzliche Einblicke zu geben, um eine Art Richtigstellung zu meinen Handlungen aufzuschreiben. 

Ich hoffe, dass es nun verständlicher ist, weshalb ich das nicht mehr ignorieren konnte. Es handelt sich auch nicht um eine sachliche oder inhaltliche Kritik, die es auszudiskutieren gilt. Es ist ein Online-Pranger, dem ich zum zweiten Mal ausgesetzt werde, für etwas, das ich nicht getan habe. Da ich zusätzlich vom Journalisten Christian Füller, der mit seinen Beiträgen in der Süddeutschen Zeitung, im Spiegel oder anderen Zeitschriften, unzählige Menschen erreicht, gezielt und kontinuierlich diffamiert werde und das mittlerweile mein Privat- und Berufsleben zunehmend belastet, möchte ich mit diesem Beitrag eine Stellungnahme formulieren, auf die ich immer wieder verweisen werde, in der Hoffnung, mich dadurch zumindest etwas vor konstruierten Vorwürfen, Falschmeldungen und Diffamierungen schützen zu können.

Non-Mentions

Wer meine Tweets liest, weiß, dass mich Strukturen und Prozesse interessieren und beschäftigen. Deshalb suche ich nach ähnlichen Mustern, Ursachen und Ansätzen, um Probleme zu lösen und Herausforderungen aufzuzeigen, denke diese laut und stelle sie zur Debatte. Oft erscheinen und wirken solche Gedanken dann wie Non-Mentions (Non-Mentions sind Tweets, die sich auf konkrete Personen beziehen, ohne sie zu nennen). Deshalb werde ich auch immer wieder gefragt, wenn ich denn damit meine. Und das ist ein Problem, das ich schaffe und Risiko, das ich eingehe, dass Menschen (die mir nicht wohlgesonnen sind) solche Tweets und Aussagen missverstehen (können), auf sich beziehen (können) und Konflikte konstruiert werden, die eigentlich nicht existieren.

Natürlich ist das alles sehr subjektiv, was ich geschrieben habe und auch nicht annähernd vollständig. Die Geschichte ist weitaus länger und das Gesamtbild viel komplexer. Nur habe ich mich vor Jahren bewusst aus dem sogenannten  #Twitterlehrerzimmer oder #twlz (unter diesen Hashtags tauschen sich Lehrkräfte bei Twitter aus) zurückgezogen, um Konflikte zu meiden und meine Energie ausschließlich in meine Arbeit, Projekte, Vereine oder Initiativen zu investieren, die Menschen im digitalen Wandel helfen. (Ich habe diese Hashtags zum Beispiel noch nie benutzt.) Trotzdem werde ich immer wieder in Konflikte gezogen, ohne dass ich es möchte. Nur, dass die Folgen für mich (und meine Familie) immer gravierender und belastender werden.

Stellt euch also vor, ihr schreibt einen Tweet, weil ihr einen Gedanken hattet, den ihr mit anderen teilen und diskutieren möchtet. Eine Person greift das auf, konstruiert einen Zusammenhang, bei dem ihr als Täter erscheint. Das vermeintliche Opfer greift das auf und stellt dieses Bild des Täters seinem Publikum vor. Was macht ihr? Wenn ihr es ignoriert, wird dem Bild nicht widersprochen und der konstruierte Konflikt und Täter scheinen bzw. bleiben real. Wenn ihr darauf eingeht, beteiligt ihr euch am Konflikt, bestätigt ihn (Catch 22) und werdet ein Teil davon. Egal, wie ihr euch entscheidet, tragt ihr für viele zumindest immer eine Mitschuld, weil zu einem Konflikt stets zwei Seiten gehören.

Ich habe nicht vor, weitere Texte dieser Art hier zu veröffentlichen. Auch diese Sache endet hier für mich, die ich weder begonnen habe noch jemals wollte. Ich bin müde. Dass ich diesen Beitrag letzte Nacht überhaupt schreiben und mich rechtfertigen musste, hat mich schon genug wertvolle Kraft und Zeit gekostet, die ich für meine Familie, Freunde und Arbeit benötige. Ich habe in den letzten Monaten (und Jahren) gelernt, dass es keinen Ausweg gibt, wenn dich jemand in einen Konflikt hineinziehen möchte. Und auch hier wird ein bitterer Nachgeschmack haften bleiben, den ich nie wollte.

Bei Tests, Klassenarbeiten oder Prüfungen wird der Zugang zu Informationen unterbunden, Hilfsmittel verboten und Zusammenarbeit als Betrug bestraft. Was im späteren Leben normal und sogar zunehmend notwendig ist, wird in Schulen verhindert. Begründet wird das meist mit Argumenten, die weder die Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte noch eine Kultur der Digitalität berücksichtigen. Bei genauerer Betrachtung wird zudem klar, dass Noten und die Idee der Vergleichbarkeit von Leistungen die tatsächlichen Hürden darstellen. Diese Barrieren und weshalb und wie Leistungserfassungen geändert werden müssen, möchte ich im Folgenden diskutieren.

Wenn in irgendeiner Form im Unterricht oder am Ende der Schulzeit Leistungen erfasst bzw. geprüft werden, wird oft ein Szenario konstruiert, das außerhalb der Schule nicht (mehr) existiert, aber trotzdem weiterhin als wesentliche Legitimation dafür herhalten muss. Taschenrechner sollten schon zu meiner Schulzeit so wenig wie möglich benutzt werden, weil man schließlich nicht immer einen dabei habe und deshalb alles im Kopf ausrechnen können müsse. Bei den übrigen Kompetenzen und Inhalten der anderen Fächer verhält es sich ähnlich. Es werden Tische auseinander geschoben, Trennwände mit Schultaschen errichtet, Smartphones eingesammelt und Gespräche untersagt. 

Es muss immer noch viel auswendig gelernt, ohne Hilfsmittel und allein gearbeitet werden. Weshalb? Taschenrechner, Übersetzungssoftware oder Informationen stehen mit Smartphones fast allen Schüler:innen, wie auch dem Rest der Welt, ständig zur Verfügung. Austausch und Zusammenarbeit bilden das Fundament für Lösungen in einer immer komplexeren Welt, wie aktuell bei der Pandemie. Das ist kein Plädoyer für eine Abkehr von Grundwissen und -kompetenzen – im Gegenteil. Es gilt jedoch zu prüfen, was davon noch zeitgemäß ist und wie das gelingen kann.

Den Zugang zu Informationen, Hilfsmitteln und die Möglichkeit der Zusammenarbeit zu verhindern, funktioniert am besten durch die Kontrolle in Präsenz. Als im März 2020 die Schulen aufgrund von Covid-19 geschlossen wurden, Fernunterricht stattfinden musste und irgendwann auch die Frage nach Leistungserfassungen im Raum stand, wurde deutlich, sehr Prüfungen von präsentischer Kontrolle abhängig sind. Genau hier besteht die Chance, drängende Fragen, die sich in Distanz stellten, auf die Präsenz zu übertragen.

Was wäre, wenn bei jedem Test, jeder Arbeit oder Prüfung, Bücher und das Netz genutzt werden könnten, alle Hilfsmittel erlaubt und der Austausch mit anderen gewünscht wäre? Wie müssten solche Leistungserfassungen konzipiert sein? Tatsächlich muss hier auch immer eine zweite Frage zuerst neu gedacht werden: Wofür sollen Leistungen erfasst werden? Bezieht man diese Frage auf den gesellschaftlichen Wandel und die aktuellen und zukünftigen globalen Herausforderungen, muss hier die bisherige Vergleichbarkeit der Befähigung weichen.

Kurz und grob ist damit die Befähigung gemeint, selbständig lernen und Probleme lösen zu können, indem Kompetenzen und Wissen erfasst und offene Baustellen aufgezeigt werden. Im Grunde genommen war das ohnehin schon immer der Anspruch der meisten Lehrkräfte, die unterschiedliche Formen von Rückmeldungen nach Leistungserfassungen praktizieren. Noten stehen aber in einem deutlichen Gegensatz dazu, wirken dem entgegen und verankern die Vergleichbarkeit im Bildungssystem und den Köpfen. 

Deshalb richtet sich das Interesse von Schüler:innen bei der Rückgabe von Tests in der Regel nur auf die Noten. Was und wie gelernt wurde, spielt kaum noch eine Rolle, wenn die Zahl auf dem Papier feststeht. Diesen Fokus lernen sie von Erwachsenen von Klein auf. Spätestens ab Klasse 3, wenn die weiterführenden Schulen näher rücken, wird prophezeit, dass Noten im Studium, der Berufswelt und dem Leben Türen öffnen oder verschlossen lassen. Deshalb gibt es auch Notenbüchlein und Zeugnisse, die den Kurs angeben und keine ausführliche Dokumentation und Kommunikation von Wissen und Kompetenzen.

Bisherige Leistungserfassungen sind eher Leistungsmessungen. Deshalb werden zum Zeitpunkt der Messungen z.B. keine Fragen mehr erlaubt, weil sie sonst die Ergebnisse verfälschen würden, die eine Vergleichbarkeit gewährleisten sollen. Auch das Lernen ist währenddessen nicht erlaubt, weil beispielsweise Fehler bestraft und nicht als Möglichkeit, etwas zu lernen, verstanden werden. Wären das aber nicht auch wichtige Kompetenzen, Fragen zu stellen, Fehler zu erkennen, zu korrigieren und daraus lernen zu können? Müssten faire Leistungserfassungen nicht auch die Rahmenbedingungen der Lernenden berücksichtigen, unter denen sie Wissen und Kompetenzen erworben haben und deshalb individuell unterschiedlich sein?

Deshalb orientieren sich Konzepte für zeitgemäße Leistungserfassung (wenn u.a. die Befähigung zum selbständigen Lernen erreicht werden sollte) daran, Lernprozesse sichtbar zu machen und Lernende dabei zu unterstützen, diese zu erkennen, zu verstehen, zu dokumentieren und reflektieren zu können. Natürlich kann das teilweise auch mit bisherigen Tests, Klassenarbeiten und Prüfungen gelingen. Es erfordert aber an vielen Stellen eine Entwicklung offenerer Aufgabenformate, löst sich von der Idee der Wissensvermittlung, strebt Wissenserwerb an und bindet das Netz mit seinen Möglichkeiten ein.

Was das konkret fürs jeweilige Fach übersetzt bedeutet, muss jede Lehrkraft für sich und mit dem Kollegium aushandeln. Eine These aufzustellen, sie zu be- oder widerlegen, geht in vielen Fächern. Argumente zu Fragestellungen zu sammeln, zu sortieren und zu diskutieren auch. Oder Lernprodukte aus der Projektarbeit bieten eine hervorragende Grundlage, um Kompetenzen und Wissen zu erfassen. Müsste denn nicht nach den gesellschaftlichen Erfahrungen mit Covid-19 jeder Test in jedem Fach genutzt werden, um zu zeigen, wie man geeignete Quellen (im Netz) findet, sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt und sie kommuniziert? 

Ehrlicherweise wird aber am Ende immer die Bewertung und Benotung ein Knackpunkt darstellen. Deshalb bedeutet zeitgemäße Leistungserfassung in letzter Konsequenz die Abschaffung von Noten. Ebenfalls ehrlich wäre aber auch das Eingeständnis, dass die bisherigen Bewertungen und Benotungen immer schon weit davon entfernt waren, das zu leisten, was sie sollten. Somit wäre eine Veränderung im Bereich der Leistungserfassung eine günstige Möglichkeit, sich dem zu nähern, was Lernen an sich bedeuten und erreichen soll.

Durch Covid-19 und die dadurch getroffenen Maßnahmen entfielen seit März zahlreiche Veranstaltungen und mit ihnen auch die Vorträge. Einige Monate später haben sich viele Planungsteams darauf eingestellt und Events zu Online-Angeboten umgewandelt bzw. „digitalisiert“. Es hat sich in diesem Zusammenhang herumgesprochen, dass der Entfall des Reisens wegen Vorträgen einige ökologische und (zeit)ökonomische Vorteile mit sich bringt. Es gibt dazu aber weitere, grundlegende Aspekte von Vorträgen in Online-Präsenz, die weniger (öffentlich) diskutiert wurden, aber nicht weniger relevant sind und die ich in diesem Beitrag aufgreifen möchten.

Das HonoRAR

Honorare sind ein sehr komplexes Thema, über das nicht gerne öffentlich gesprochen wird. Das wesentliche Missverständnis möchte ich trotzdem nennen, weil nicht selten bei Veranstaltungsplaner:innen ein Verständnis vorliegt, dass alles, was im Internet stattfindet, weniger wert bis kostenlos sein muss: Der Wert eines Vortrags wird nicht an der Länge, Anreise oder physischen Präsenz gemessen, sondern ist ein Produkt einer lange aufgebauten Expertise. Die gilt es zu honorieren. (Ich möchte hier darauf hinweisen, dass einige Speaker:innen besonders in diesen Zeiten auf solche Beträge angewiesen sind und durch Covid-19 heftige finanzielle Einschnitte kompensieren müssen.)

Nicht digitalisieren

Analoges und Bestehendes zu digitalisieren, es ins Digitale zu übertragen, ist meistens der erste Reflex und Ansatz, wenn es um digitale Lösungen geht. Dabei wird der Fehler begangen, nicht zu berücksichtigen, dass diese Formate und Angebote im und für den physischen Raum konzipiert wurden. Ihre Wirkungen, Anwendungen und Nutzungen hängen damit zusammen. Vortragende bekommen das spätestens dann zu spüren, wenn die Komponente Publik entfällt, sie in eine Webcam blicken, nur ihre Folien auf dem Laptop sehen und die Stimmung nicht eingefangen und darauf eingehen können.

Deshalb stellt sich auch bei Vorträgen in Online-Präsenz die Frage, ob und weshalb sie synchron stattfinden sollen. Das sich viele Leute nur zu einem bestimmten Zeitpunkt und Kanal einen Vortrag anhören und -sehen können, ergibt in einer Kultur der Digitalität keinen Sinn bzw. erzwingt künstlich eine zeitliche und räumliche Bindung, die aus der physischen Konzeption übernommen wurde. Erschwerend kommt hinzu, dass die Technik selten bis gar nicht für alle Beteiligten so funktioniert, wie sie sollte. Gerade wenn es um das Thema Digitalität geht, werden hier ich Erfahrungen gesammelt, die nachhaltig negative Folgen haben können.*

* Digitale Technik muss immer so funktionieren, dass sich nie die Frage stellt, ob sie funktionieren wird. Solange das nicht der Fall ist, werden dadurch die Akzeptanz einer Kultur der Digitalität oder auch ihre Entwicklungen stark gehemmt und teilweise sogar verhindert. Dass ein Stift nicht mehr schreibt oder keine Kreide vorhanden ist, stellt das Maß an Hürde (Häufigkeit & Lösbarkeit) dar, das erreicht werden muss, wenn es um Digitales geht. „Normalerweise funktioniert‘s“ und „Bei mir klappt’s immer“ müssen der Standard und nicht die Ausnahme sein.

Mehr Austausch und Impulse in Online-Präsenz

Der Wert der Online-Präsenz besteht in der Möglichkeit, sich mit den Expert:innen (weltweit) auszutauschen. Deshalb bieten sich zwei Punkte an, um diese Zeit in einem digitalen Raum ergiebiger für alle zu nutzen: 

a.) Das, was Menschen im Netz schon seit Jahrzehnten machen: Vorträge vorab aufzuzeichnen. Die Übertragung kann so für alle an der Veranstaltung Beteiligten reibungslos gewährleistet werden und ist (im Sinne der Kultur der Digitalität) orts- und zeitunabhängig. Im besten Fall werden sie allen im Netz (im Sinne der Kultur des Teilens) zur Verfügung gestellt. (Wenn Vorträge aus verschiedenen Gründen in Online-Präsenz doch stattfinden sollen, empfehlen sich Impulse und die Grenze von 15 Minuten.)

b.) Es werden digitale Möglichkeiten für einen Austausch geschaffen, die möglichst offen, partizipativ, kollaborativ und transparent sind. Das können ganze digitale Arbeitsumfelder (wie hopin oder wonder), diverse Etherpads, aber auch Tools sein, bei denen Fragen von den Beteiligten eingestellt und gewichtet werden können. Oder Breakout-Räume, zu denen die Expert:innen zeitweise hinzukommen, um sich im kleinen Kreise auszutauschen.

Das sind alles nur Ideen und Anregungen, die sicher noch weitaus kreativer und kompetenter gelöst werden können und bereits wurden. Es ist aber auch ein kurzes Fazit meiner Erfahrungen der letzten Monate. Mein Ziel mit diesem Beitrag ist es, einen Impuls zu setzen, Veranstaltungsformate bzw. Vorträge als Elemente davon nicht mehr zu digitalisieren, sondern sie zu transformieren und in einer Kultur der Digitalität neu zu denken und zu konzipieren.