Nachdem ich mich mit Jan-Martin Klinge und weiteren Kollegen über seinen Artikel Ich entscheide zum Thema Partizipation bei Twitter kontrovers ausgetauscht hatte, schlug er vor, eine Blogparade darüber ins Leben zu rufen, um die 140 Zeichen-Hürde zu umgehen und eine vertiefte und vielleicht nachhaltige Debatte zu ermöglichen. Mit meinem Beitrag eröffne ich deshalb die Blogparade Partizipation und freue mich über weitere Lehrende und Lernende, die daran teilnehmen. Ich möchte noch eine kurze Erläuterung zu meinem Partizipationshintergrund liefern, um den Stellenwert dieses Themas für mich zu verdeutlichen. Als Verbindungslehrer sammle ich seit 13 Jahren Erfahrungen mit der SMV-Arbeit (SMV = Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) an meiner mittlerweile dritten Schule. Seit acht Jahren unterrichte ich direkt in Freiburg und besuche seitdem jede SMV-Fortbildung, die in der Umgebung stattfindet. In der Regel sind das zwei, wenn sie nicht aufgrund zu weniger Anmeldungen abgesagt werden. Seit sechs Jahren fahre ich jeden Frühling zum Verbindungslehrerkongress nach Bad Wildbad, bei dem sich Verbindungslehrer*innen aller Schularten aus ganz Baden-Württemberg fortbilden und austauschen. Letztes Jahr habe ich mit einer Kollegin die SMV BAG-Leitung in Freiburg übernommen und gebe seither Tandem-Fortbildungen für Schülersprecher*innen und Verbindungslehrer*innen und bemühe mich in diesem Bereich die (digitale) Vernetzung voranzutreiben.

Was bedeutet Mitbestimmung?

Partizipation ist eigentlich klar definiert und wird trotzdem häufig missverstanden. Da Jan-Martin Klinge auf meine Nachfrage nach Beispielen auf seine Lerntheke und den offenen und selbstbestimmten Unterricht verwies, möchte ich die Frage doch kurz aufgreifen. (Selbstbestimmter Unterricht bzw. die Unabhängigkeit in der Entscheidung, mit welchem Tempo Lernende welche Aufgabenkärtchen bearbeiten, hat nichts mit Mitbestimmung zu tun.) Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Abstufungen: Von der Informierung, über Mitsprache bis hin zu zahlreichen Formen der Mitentscheidung. (Den Zusatz “echte” füge ich seit ein paar Jahren zu den eher politischen Entscheidungen mit höherer Gewichtung, die alle Mitwirkenden einer Schule betreffen, hinzu, um eine Differenzierung zu den klassischen SMV-Projekten, wie Nikolausverkauf oder Schulparty, zu erhalten.) Wenn man “alle das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen” gedanklich durchspielt, stellt man fest, dass es enrom viele Bereiche betrifft: Von der Wahl der Schulbücher, Möbel oder sonstiger Anschaffungen bis hin zur Schulordnung oder sogar den Unterricht.

Wie viel Partizipation darf es im Unterricht sein?

Eine Antwort darauf, findet man auf Seite 37 der Jugendstudie Baden-Württemberg 2015, die vom Landesschülerbeirat in Kooperation mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport und der Jugendstiftung veröffentlicht wurde und folgende Übersicht zur Beteiligung an Entscheidungen bezüglich des Unterrichts darstellt:CrYV_VxXgAAO4sZ

In Bereichen, die Lehrende wenig betreffen bzw. in ihrer Arbeit einschränken, werden eher Räume für Mitbestimmung ermöglicht. Je stärker aber die Kernaufgaben des Lehrens beeinträchtigt wird, desto weniger findet Partizipation von Schüler*innen statt. Ich schätze, dass der Kontrollverlust bzw. das Rollenverständnis von Lehrenden dabei nicht unbedeutend sind. Spätestens an dieser Stelle bekomme ich häufig gesagt, dass Lehrpersonen den Bildungstanker steuern müssen, weil Lernende überfordert sind, es nicht verstehen bzw. können oder gar nicht wollten. Weshalb sollte man Dinge, die bisher perfekt laufen und nachgewiesenermaßen gut für alle sind, aufs Spiel setzen und Stress produzieren? (Ich wollte hier eigentlich Screenshots der Kollegen, die genau diese Dinge so oder ähnlich geäußert haben, zum besseren Verständnis posten. Weil mir das aber die Debatte zu sehr auf die Personen und nicht den Inhalt lenken würde, habe ich mich dagegen entschieden.) Weil Mitbestimmung ein demokratischer Grundpfeiler und Voraussetzung ist, um die oft im Bildungsbereich geforderte Mündigkeit nach Kant zu erlangen. Weil sich junge Menschen erst als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, wenn sie diese aktiv mitgestalten dürfen und dieser Aspekt bei der aktuell politischen Entwicklung in Deutschland und Europa oder der Integration eine gewaltige Rolle spielt. Weil sie nur lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn man ihnen diese anvertraut. Weil Beteiligung erlernt werden muss, wie auch alle andere Dinge. Weil mündige Bürger*innen eben nicht nur funktionieren, sondern infrage stellen und “Stress produzieren”. Deshalb lautet auch die Antwort auf die Frage meines Titels “ Wie viel Mitbestimmung braucht Schule?“: Mehr als die meisten Lehrenden glauben und Lernenden wünschen.

Nein, ich möchte keine von Schüler*innen regierte Bildungseinrichtung. Aber ich wünsche mir mehr WIR. Und das kann meiner Meinung nach nicht mit zu viel ICH entscheide und zu wenig Mündigkeit gelingen. Ob man nun einen Sitzplan als Lehrer bestimmt (das war das zweite Beispiel der gestrigen Diskussion, das aus Jan-Martin Klinges Artikel Perspektivwechsel stammt) oder die Klasse daran mitwirken lässt, ist dabei nicht entscheidend. Die Frage, an welcher Stelle und welches Maß an Beteiligung meine Schule leisten kann und möchte, ist es. Die Antworten darauf muss letztendlich jedes Kollegium für sich und mit der Schülerschaft immer wieder neu aushandeln. 

Wie kann Mitbestimmung gelingen?

Partizipation ist eine Querschnittsaufgabe, die in Bildungseinrichtungen von der Leitung und allen Lehrenden gewünscht, ermöglicht, gefördert und gefordert werden muss und darf nicht nur Aufgabe und Verantwortung der Verbindungslehrer*innen sein. Es ist übrigens ein beliebter Denkfehler, dass “zufriedene Schüler*innen” ein Indikator für “gelingende Mitbestimmung” sind. Wer echte Mitbestimmung noch nie erfahren hat, wird sie auch nicht vermissen. Wer nach Indikatoren für echte Mitbestimmung sucht, sollte folgende vier Fragen stellen:

  1. Wann und wie oft sprechen Schülervertreter*innen bei Gesamtlehrerkonferenzen?
  2. Wie viele Leute bewerben sich für die Wahl der Verbindungslehrer*innen?
  3. Was war die wichtigste Entscheidung, an der Schüler*innen beteiligt waren?
  4. Was war das Kritischste, das Schüler*innen bezüglich ihrer Schule äußern durften?

(Da sich einige Leute weitere, konkrete Beispiele meiner aktuellen Schule und aus meinem Unterricht wünschten, ergänze ich den Beitrag um zwei weitere Punkte.)

Mitbestimmungsbeispiele an meiner Schule

  • Die SMV wird bei jeder Gesamtlehrerkonferenz als TOP 1 geführt.
  • In einer Sitzung der Schulkonferenz hat sich eine Schülervertreterin gewünscht, dass sie bessere Taschenrechner erhalten und beim Modellwahl miteinscheiden dürfen. Der Vorschlag wurde in allen dafür zuständigen Gremien diskutiert und umgesetzt. Es wurden zwei bezahlbare neue Modelle zur Ansicht bestellt und von Schüler*innen und Lehrkräften getestet. Da beide Seiten sich für das gleiche Taschenrechnertyp entschieden, wurde er nun bestellt.
  • Zum Halbjahr und Schuljahresende findet jeweils eine Stufenversammlungen statt, in der sich immer zwei Klassenstufen (5/6, 7/8 und 9/10) pro Schulstunde mit der Schulleitung versammeln und Probleme, Lob, Kritik und Wünsche austauschen. 
  • Letztes Schuljahr haben sich die Schüler*innen und Lehrer*innen gemeinsam das aula-Projekt angesehen, beraten und gemeinsam entschieden, sich dafür zu bewerben. Wir sind nun im kommenden Schuljahr Pilotschule. Was die aula-Methode alles leisten kann, wird sich zeigen.

Partizipation in meinem Unterricht

Damit wir uns nicht missverstehen. Mitbestimmung muss von allen Beteiligten gelernt werden. Auch von den Lehrenden. Der (flüchtige) Gedanke, der sicher bei allen Lehrer*innen grundsätzlich existiert muss sich zur konsequenten und beständigen Haltung entwickeln. Das ist ein Prozess, der sich über einige Jahre hinziehen kann. Um hierfür ein Beispiel zu nennen: Nachdem die oben genannten neuen Taschenrechner bestellt wurden, fragte mich eine Kollegin einige Tage später, ob man denn nicht auch die Schüler*innen bei der Auswahl der neuen Schulbücher, die im Zuge des neuen Bildungsplans bestellt werden müssen, beteiligen sollte. Und genau das meine ich damit: Der Beteiligungsgedanke hat sich gesetzt und entwickelt sich langsam zu einer Haltung. Wie viele (Gesamt-)Lehrerkonferenzen finden statt, an denen über Dinge gesprochen und entschieden wird, ohne die Schüler*innen vorher gefragt zu haben? Und das geschieht nicht aus Absicht, sondern weil man nicht daran denkt. Wenn nur einer immer wieder alle Tagesordnungspunkte darauf untersucht, ob und wie sie Schüler*innen betreffen und das im Plenum äußert, kann der Gedanke an Mitbestimmung seinen flüchtigen Charakter verlieren. Ich schließe mit ein paar Beispielen aus meinem Unterricht ab:

  • Letztes Schuljahr hat sich meine Klasse beschwert, dass mein Mathematikunterricht zu offen wäre und sie zu viel Verantwortung übernehmen müssten. Sie wünschten sich mehr Kontrolle und kleine Tests. Wir haben dann gemeinsam ein Konzept entwickelt, das immer wieder im Plenum auf seine Wirksamkeit geprüft und nachgebessert wurde: Es gab einen Wochenplan, meine Kontrolle erfolgte auf Wunsch des/der jeweiligen Schülers/Schülerin und am Ende der Woche konnte ein Test geschrieben werden. Natürlich hätte ich auch zustimmen und sagen können, dass es zu früh und zu viel Verantwortung ist, die ich ihnen übertrage. Das wäre zumindest der für mich einfachere Weg gewesen. Meine Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass alle meine Matheklassen, die ich mit offenem und eigenverantwortlichem Unterricht/Lernen zum Abschlussprüfung geführt habe, später mir berichteten, dass genau diese Faktoren z.B. an weiterführenden Schulen, an denen das familiäre Klima der Realschule wegfiel und man komplett allein auf sich gestellt war, für sie entscheidend waren, weiterhin erfolgreich arbeiten/lernen zu können. (Ab Anfang Klasse 8 übergebe ich in Mathematik sukzessiv die Verantwortung bis zum 9. Schuljahr komplett an Schüler*innen ab. Das bedeutet, dass es z.B. keine klassischen Hausaufgaben mehr gibt. Ich schreibe das, weil bei Twitter immer wieder Zahlen bezüglich der Zeit und Alter von mir gewünscht wurden.)
  • Zum Halbjahr und am Schuljahresende kann meine Klasse über anonyme Lehrer-Feedbackbögen meinen Unterricht mitbestimmen. Wobei das Feedback am Ende lediglich dazu dient, die zum Halbjahr gewünschten Verbesserungen zu überprüfen.
  • Sitzordnungen bespreche ich in der Regel gemeinsam mit Klassen, die ich mehr als ein, zwei Stunden die Woche unterrichte. Schüler*innenwünsche werde, wenn möglich, auf Probe umgesetzt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann diese Probephase wiederholt werden.
  • Das Wichtigste und Schwierigste zum Schluss: Ein (Klassen-)Klima zu schaffen, in dem jederzeit ein/e Schüler*in mich kritisieren kann (und wenn es berechtigt ist, sogar soll), ist meine jährlich größte Herausforderungen. Das erfordert ein hohes Maß an Empathie, Selbstkritik, Transparenz und Zeit. Ich arbeite daran.   

Ich erhoffe mir von der Blogparade, dass Partizipation in der (Hoch)Schule die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient und benötigt. Mehr Infos und Material dazu findet ihr auf meinem SMV-Blog.

PS: “Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.” ist eine These von Jan-Martin Klinge, die er aus Experimenten mit seinen Kindern schlussfolgert und auf seinen Unterricht überträgt. Deshalb lautet seine Antwort “Ich erkläre. Aber: Ich entscheide.” Auch der Psychologe Barry Schwartz schätzt hier ein, dass uns die Auswahl nicht freier macht, sondern lähmt; nicht glücklicher, aber unzufrieder. Nur bezieht er das nicht ausschließlich auf junge Menschen. Es ist also ein Paradoxon, das uns alle betrifft. Hier stellt sich (zumindest mir) die Frage: Wann und welche Entscheidungen sollen Schüler*innen wie lernen?

Alle Blogparade-Beiträge

  1. Tom MittelbachWehe, wenn sie losgelassen?
  2. Dr. Sven SommerWas ist Partizipation und wenn ja wie viele?
  3. Thomas RauPartizipation in der Schule
  4. Sebastian SchmidtPartizipation
  5. Maik RieckenBlogparade Partizipation
  6. Philippe WampflerWie Schulen „echte“ Mitbestimmung ermöglichen

Seit der Einführung der GFS (Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) zum Schuljahr 2004/2005 (in Baden-Württemberg) und dem damit verbundenen Anstieg an Referaten suche ich immer wieder nach Alternativen zur klassischen Präsentation. Außerdem finde ich, dass die Auswahl an Möglichkeiten, wie Schüler*innen ihre Qualitäten unter Beweis stellen können, ständig erweitert und aktualisiert gehört. Deshalb bot ich im letzten Schuljahr ein paar Klassen an, ihre Noten durch eine Snapchat-Story zu verbessern. Die Idee dazu entstand als ich Patrick Breitenbachs Snaps zum Pygmalion-Effekt entdeckte. Falls jemand nicht wissen sollte, was Snapchat ist bzw. wie es funktioniert, empfehle ich das und die dazugehörigen Folgebeiträge zum Thema zu lesen.

 

Weshalb Snapchat-Story?

  • Snapchat ist ein kostenloses digitales Tool, das ein Großteil der Schüler*innen auf dem Smartphone installiert hat, täglich nutzt und daher mit dem Handling sehr vertraut ist. Natürlich erhält der Einsatz dieser App im Unterricht dadurch auch einen motivierenden Charakter. Persönliche Anmerkung: Ich bin kein Freund von für Schule produzierten Tools und Plattformen, zu denen ich junge Menschen erst hinlotsen muss; weil es a.) erfahrungsgemäß viel Kraft und Zeit kostet und b.) in der Regel gute Gründe gibt, weshalb diese nicht funktionieren. Bei Snapchat & Co. schwingt dafür aber die Gefahr mit, dass man un-/bewusst oder verstärkt auf den Trend-Zug aufspringt und die Einbindung aktueller, digitaler und hipper Tools in den Unterricht erzwingt, um ein Bild nach außen zu projezieren, das dem eigenen oder Schulportfolio entgegenkommt. (Anselm Sellen hat es hier einen Hauch kritischer formuliert.) Je mehr das zutreffen sollte, desto flüchtiger schätze ich die zusätzlich gewonnene Motivation durch das “Neue”. Ich glaube, dass nur ein (didaktisch) “gut begründeter” Einsatz einen nachhaltigen Anreiz und Gewinn für alle schaffen kann. Dass Lehrende stets der Frage nachgehen, wie man Dinge, die Schüler*innen aktuell beschäftigen, beim Lernen einsetzen kann, ermöglicht innovative, kreative und motivierende Produkte. Trotzdem darf niemals die Kernfrage “Was kann ich wie am besten lehren bzw. lernen?” an Bedeutung überboten werden. Ein sachlicher und ehrlicher Austausch mit anderen Lehrenden über eigene Ideen und Vorhaben hilft zumindest mir dabei, dieses Ziel nie aus dem Blick zu verlieren.
  • Das Format gehört zur Storytelling-Methode (Wer bei Wikipedia Storytelling in der Schule nachliest, wird beim letzten Aspekt eine zarte Abweichung zur Aussage meines Beitrags entdecken.), die wiederum in verschiedenen Varianten umgesetzt werden kann. André Hermes stellte dieses Jahr dazu auf der Veranstaltung Mobiles Lernen mit Tablets und Co. in Oldenburg u.a. die Vorzüge von Pecha Kucha im Unterricht vor. Die Snapchat-Story sehe ich als eine weitere Entwicklung dessen. Was spricht aber für die Methode? Dass man Informationen didaktisch reduzieren muss und dabei die Möglichkeiten hat, diese relativ einfach und kreativ zu verpacken. Außerdem analysieren Schüler*innen bei der Aufnahme von Snaps automatisch ihre Sprache, Gestik und Mimik. Auch rhetorische Fertigkeiten oder Möglichkeiten der Bild- und Videogestaltung können an dieser Stelle vertiefend angeboten werden.
  • Die stillen und introvertierteren Schüler*innen erhalten durch die Snapchat-Story eine Möglichkeit, sich zu einer Präsentation vor Publikum, wenn das überhaupt gewünscht oder nötig sein sollte, heranzutasten. Dabei ist der Zwischenschritt, dass sich erst einmal nur Lehrende die Snaps ansehen.

Bildschirmfoto 2016-09-02 um 02.33.15Schulpraxis konkret

Es bietet sich an, die Methode in einer Doppelstunde einzuführen. Dabei muss geklärt werden, was eine Snapchat-Story ist und Beispiele angesehen und untersucht werden. Das kann je nach Klasse unterschiedlich ausführlich und vertieft stattfinden. Am Ende sollten aber folgende Fragen und Regeln geklärt sein:

  1. Welche Themen kommen für Snapchat-Storys infrage? Autobiografien oder geschichtliche Entwicklungen, die bereits eine chronologische Struktur besitzen, eignen sich für einen einfachen Einstieg oder jüngere Schüler*innen. Komplexe Sachverhalte müssen erst inhaltlich überblickt, in Unterpunkte unterteilt und sortiert, auf das Wesentliche reduziert und in eine Erzählstruktur gegossen werden. Das wäre die anspruchsvollere Variante, die eher bei älteren bzw. stärkeren Schüler*innen Sinn macht.
  2. Wie unterteilt man eine Geschichte in adäquate Abschnitte, die man in 10 Sekunden-Snaps verpacken kann? Die Erarbeitung einer Gliederung ist methodisch nichts Neues. Hier kann man also auch auf die bisher erfolgreich angewandten Methoden zurückgreifen.  Mit Beginn der ersten Snapaufnahmen entwickelt und verfeinert sich relativ schnell das nötige Zeitgefühl für das 10 Sekunden-Limit. Im Vergleich zur Pecha Kucha-Methode, bei der gnadenlos alle 20 Sekunden das nächste Bild erscheint und die Präsentation fortschreitet, kann man hier eine misslungenen Versuch löschen und einfach eine neue Aufzeichnung starten. 
  3. Ein Storyboard erstellen. Sobald eine Gliederung steht, muss die Umsetzung der einzelnen Unterpunkte separat geplant und schriftlich festgehalten werden: Welcher Text geschrieben und gesprochen wird und welche Ton- und Bild-Elemente wie (und wann) eingesetzt werden. Tipp: Jedes Konzept für einen Snap zuerst testen, bevor man das nächste plant.    
  4. Jeder Snap muss alleine stehen können bzw. als eine eigene, abgeschlossene Geschichte funktionieren. Diese Regel habe ich von Patrick Breitenbachs Blogbeitrag übernommen. Mir geht es darum, dass die Botschaften klar und deutlich bleiben und Verschachtelungen vermieden werden.
  5. Welche audio-visuellen Möglichkeiten gibt es, um einen Snap noch anschaulicher, interessanter oder kreativer zu gestalten? Das Pygmalioneffekt-Video bietet ein breites Spektrum an Ideen, die man übernehmen, weiterentwickeln oder von denen man sich inspirieren lassen kann. Man könnte aber auch durch die (aktuell letzte) Snapchat-Linse eine andere Persönlichkeit sprechen lassen. Hier kann man sich dazu ein Beispiel ansehen.
  6. Worauf muss man bei den Aufnahmen sonst noch achten? Bild- und Tonqualität, Sprechtempo, Verständlichkeit und Sprache sollte vorher nochmal diskutiert werden.
  7. Das Thema Urheberrecht, bezüglich der Nutzung von fremdem Bild- und Tonmaterial bei Snaps, muss geklärt werden. Es bietet sich auch an, dieses Thema ausführlicher in einer Anschlussstunde zu erarbeiten, da es auch die alltägliche Nutzung der Schüler*innen betrifft.
  8. Es eignet sich die Methode Snapchat-Story in Zweier- oder Dreiergruppen einzuführen, weil nicht jede/r ein Smartphone oder die App besitzt. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Smartphones im Unterricht auch anderweitig genutzt werden. Freiheiten werden aber erfahrungsgemäß dann nicht missbraucht, wenn sie Basis des Arbeitens und nicht die Ausnahme sind. An dieser Stelle sollten Lehrende eine ordentliche Portion Geduld und viele Gespräche einplanen, um beobachtetes Fehlverhalten immer wieder in Einzelgesprächen und gemeinsam im Plenum zu reflektieren.
  9. Wie kommen Lehrende an die Snaps? Ich habe mir die einzelnen Snaps via AirDrop von den iPhones der Schüler*innen geben lassen. Android- oder Windows-Nutzer*innen schickten ihre Snaps via Messenger an jemanden aus der iPhone-Gruppe.
  10. Notengebung? Ich hatte über 20 Snaps als Maßstab für ein Referat angegeben, das wie eine halbe Klassenarbeit gewertet wird. Um den Aufwand einer GFS (Klassenarbeit) zu erreichen, habe ich über 40 Snaps als Ziel formuliert.

Hier habe ich drei Beispiel-Snaps einer 8.Klasse hochgeladen, die zeigen sollen, wie unterschiedlich die Umsetzungen ausfallen können.

Ich werde diese Methode auch im kommenden Schuljahr Klassen wieder anbieten. Falls dabei neue Perspektiven oder Aspekte auftauchen sollten, werde ich sie in diesem Blogbeitrag ergänzend hinzufügen. Wer an weiteren Ideen interessiert sein sollte, wie und wo man mit Snapchat Lehr- und Lernziele erreichen kann, findet jeweils hier einen Beitrag von Philippe Wampfler, hier von Monika Heusinger und hier von Peter Jochum.

PS: Mittlerweile kann man alle Snaps unter Memorys bei Snapchat abspeichern und hinterher als komplette Snapchat-Story veröffentlichen. So könnten Lehrende und Lernende nach einer Stunde eine Zusammenfassung oder eine Story als Einstieg für den kommenden Unterricht bequemer snappen.

 

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.58.53Im Schuljahr 2016/17 wird es in Deutschland vier aula-Pilotschulen geben. Ich arbeite an einer davon und werde meine Erwartungen, Erfahrungen und Rückschlüsse hier dokumentieren. Aula ist ein Beteiligungskonzept (ausdiskutieren und live abstimmen) von politik-digital e.V. unter der Leitung von Marina Weisband und mit der Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung, das Schüler*innen einfach und direkt ermöglicht, an der Schule mitzubestimmen. Zu Beginn wird dafür in einem Vertrag, der von Vertreter*innen aller Beteiligten einer Schule erarbeitet und unterzeichnet wird, festgelegt, in welchem rechtlichen Rahmen Entscheidungen getroffen werden können. Aula besteht aus zwei Säulen: Der wöchentlichen Unterrichtsstunde, in der aula stattfinden und der Software, die einen Austausch aller am Schulleben Mitwirkenden gewährleistet soll. Normalerweise haben Schüler*innen die Möglichkeit sich über die SMV (Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) einzubringen. Ihre Ideen, Anregungen oder Wünsche müssen dabei einen weiten Weg bestreiten, bis sie letztendlich alle Parteien einer Schule, wenn überhaupt, erreichen. Ich habe diesen Weg im Optimalfall hier grafisch zusammengefasst.Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.44.23

Folgende Aspekte müssen noch zusätzlich bedacht werden, die eine der klassischen und großen Baustellen der alltäglichen SMV-Arbeit an jeder Schule darstellen:

a.) Zeit. Jeder Schritt, von der Äußerung der Idee in einer Klassenratstunde bis hin zur Verkündung in einer Gesamtlehrerkonferenz oder Schulkonferenz, benötigt Zeit. Die Schulkonferenz (besteht in Baden-Württemberg aus der jeweils gleichen Anzahl von Vertreter*innen des Lehrpersonals, der Schülerschaft und der Eltern) trifft sich zum Beispiel nur ein Mal pro Schulhalbjahr.

b.) Durchlässigkeit. Was von der ursprünglich formulierten Idee am Ende bei allen Beteiligten ankommt, hängt jeweils von den rhetorischen Fähigkeiten, der Zuverlässigkeit und dem Willen der Informationsvermittler*innen ab. Außerdem spielt der dafür von Lehrer*innen zur Verfügung gestellte Rahmen ebenfalls eine große Rolle: Schafft man im Klassenraum die nötige Atmosphäre, um die Idee ordentlich vorzustellen und zu diskutieren oder darf man eine Minute vor Unterrichtsende, während alle zusammenpacken, diese in die Klasse werfen. Wobei das eigentlich einen eigenen Unterpunkt darstellt, auf den ich später nochmal kurz eingehen möchte: Bereitschaft. Echte Beteiligung gelingt nur dann, wenn alle sie erreichen und umsetzen wollen.

c.) Transparenz. Weder der Weg, den Ideen beschreiten, noch die Resonanz sind für alle Beteiligten einsehbar. Es können so z.B. den Ideengeber*innen keinen Verständnisfragen direkt gestellt werden. Ob eine Idee aufgegriffen und unterstützt wird, hängt somit von zahlreichen Hindernissen ab, die man zwar mit viel Engagement und Willen minimieren kann, die am Ergebnis aber nichts ändern: Über den Erfolg einer Idee entscheidet zu häufig der Zufall.

Was kann ein Beteiligungskonzept wie aula daran ändern?

Bildschirmfoto 2016-08-11 um 15.45.18Viel, wenn es nach meinen Erwartungen geht. Wie der Informationsfluss mit aula aussehen wird, habe ich hier ebenfalls grafisch zusammengefasst. Es wird nun deutlich, dass alle jederzeit sehen können, wer, wann, was gepostet hat. Die oben genannten Hindernisse könnten so schlagartig um einen wesentlichen Teil reduziert oder sogar gänzlich aufgelöst werden. Um das Wie besser zu verstehen, erkläre ich kurz die oben genannten zwei Säulen dieses Beteiligungskonzepts:

 

A.) Software 

Die aula-Software stellt ein schulinternes soziales Netzwerk dar. Alle Schüler-/Lehrer*innen und Eltern erhalten dafür über einen eigenen Account Zugang; wobei Eltern lediglich eine passive Zuschauerrolle haben, um stets informiert zu sein. Nun kann jede/r Schüler*in ihre/n Idee, Anregung oder Wunsch (in unterschiedlichen Kategorien) posten. Bei Facebook muss man sich vor dem Posting zwischen Öffentlich, Freunde, Nur ich oder Benutzerdefiniert entscheiden. Bei aula beschränkt sich das auf Schule und Klasse. Man muss sich also vorher überlegen, ob das Anliegen nur die Klasse oder die gesamte Schule betrifft und dann den jeweiligen Raum zum Posten wählen.image3-1

Wenn man die Frage der Öffentlichkeit geklärt hat, kann es dann losgehen. So sieht die aktuelle Maske dafür aus, an der sich vermutlich auch nicht mehr viel verändern wird.image4

Wenn eine Idee ausreichend Zustimmung durch Klicks erfährt, kann sie von allen weiterentwickelt und umgesetzt werden. Dabei gibt es drei Hürden, die es zu überwinden gilt. Das erste Hindernis stellt der vorher festgelegte prozentuale Anteil an Zuspruch der jeweiligen Gruppe (Klasse oder ganze Schule) dar. Solange bleibt es nur eine wilde Idee (siehe Bild oben). Zum Beispiel kann man sich darauf einigen, dass erst bei 20% Zustimmung eine Idee aufgenommen und weiterentwickelt werden kann. Durch dieses Quorum kann sich Qualität von Quantität absetzen. Das zweite Hindernis besteht aus der Prüfung der Schulleitung, ob der im aula-Vertrag vereinbarte rechtliche Rahmen eingehalten wird. Das letzte Hindernis ist eine endgültige Abstimmung aller Betroffenen (Klasse oder Schule) über die überarbeitete Fassung der Idee auf dem Tisch (siehe Bild oben). Den genauen Weg, den eine Idee bis zur Umsetzung zurücklegen muss, werde ich im Laufe des Schuljahres an einem konkreten Beispiel ausführlicher beschreiben. Das Prinzip müsste aber hiermit klar: Alle können jederzeit sehen, welche Ideen aktuell bezüglich ihrer Klasse oder der gesamten Schule im Raum stehen, die sie unterstützen oder weiterentwickeln können. Um auf die oben genannten analogen Hürden wieder zurückzukommen: Man erreicht durch die “digitalen Möglichkeiten” von aula maximale Transparenz und Durchlässigkeit in Echtzeit.

B.) aula-Stunde

Einmal pro Woche bekommt jede Klasse eine Schulstunde Zeit, um sich über neue oder bestehende Ideen auszutauschen. Das kann je nach Situation und Thema im PC-Raum, im Klassenzimmer, mit Smartphones oder komplett ohne Technik geschehen. (Meiner Meinung nach sollte diese Stunde aber mit den Klassenlehrer*innen gestaltet werden, um z.B. positive gruppendynamische Prozesse besser zu fördern bzw. negativen entgegenzuwirken.)

Was ich mir noch von aula erhoffe?

Oben habe ich bereits den Aspekt der Bereitschaft erwähnt, der die Grundvoraussetzung echter Beteiligungsprozesse darstellt. Ich erhoffe mir von allen Beteiligten, die bisher weniger aktiv am Schulleben mitgewirkt oder diese Prozesse unterstützt haben, dass sie durch positive und erfolgreiche Beispiele inspiriert werden umzudenken; was erst durch die neu gewonnene Transparenz ermöglicht wird. Dass möglichst alle Beteiligten erleben, wie hilfreich es für alle ist, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht. Es wird definitiv auf allen Ebenen mehr kommuniziert werden. Bestenfalls schaffen wir es dabei eine Kommunikationskultur der Anerkennung und konstruktiven Kritik zu entwickeln, die (uns) alle prägt und vielleicht auch den Weg in die breite Gesellschaft findet. Dabei wird nicht die Software entscheidend sein, sondern die Intention und Haltung derer, die diese einsetzen. Ich wünsche mir/euch/allen, dass meine Hoffnungen erfüllt werden und blicke gespannt dem neuen Schuljahr entgegen.

PS: Am 06. September haben Markus Neuschäfer und ich im Paul-Löbe-Haus auf der Fachtagung der SPD-Bundestagsfraktion Bildung in einer digitalisierten Welt einen Workshop zum Thema Partizipation in der Schule mit digital gestützten Methoden und OER gegeben. Dort habe ich das aula-Projekt vorgestellt und beworben. Markus hat hier darüber gebloggt und seine Slides veröffentlicht. Meine Folien sind hier abrufbar. Sofatutor hat mich nach dem Workshop auf das Projekt aula angesprochen und hier interviewt.